Mannschaft Magazin

1 Der Hoffnungsträger aus der Favela

«Es war ein langer Weg hierher.»

Als David Miranda am späten Nachmittag der Pride Parade von São Paulo, der angeblich grössten Pride der Welt, oben auf einem Wagen steht, da wirkt er endlich wieder entspannt. Seine Rede hat er hinter sich gebracht, die Regenbogenfahne auf seiner Wange ist verwischt, der Bart voll Glitzer vom vielen Gedrücktwerden. Miranda tanzt, lacht, hüpft, er winkt den Menschen da unten, die ihm zukreischen, wirft ihnen Kusshände zurück. Er zittert nicht mehr wie am Vorabend im Auto. Drei der vier Leibwächter, die den ganzen Tag an ihm klebten und nervös die Menge scannten, sind gar nicht erst mit auf den Wagen gestiegen, und selbst der Oberleibwächter gibt ihm jetzt ein bisschen Freiraum. Es scheint, als sei es ihm endlich gelungen, für einen Moment die Morddrohungen zu vergessen, die homophoben Beschimpfungen und die Tatsache, dass der Staatspräsident höchstpersönlich Verschwörungstheorien über ihn verbreitet.

Es ist Juni 2019. Der Präsident von Brasilien heisst Jair Bolsonaro und ist zu diesem Zeitpunkt seit einem halben Jahr im Amt. Er ist ein Mann, der die Militärdiktatur verherrlicht und vor der Wahl «diesen roten Kriminellen» drohte, sie würden «entweder ins Ausland gehen oder in den Knast». Der gesagt hat, die Quilombolas – die Nachfahren geflüchteter und freigelassener Sklav*innen – «taugen nicht mal mehr zur Fortpflanzung». Der Homosexualität mit Pädophilie in Verbindung bringt und Eltern riet, ihren Söhnen das Schwulsein mit einer Tracht Prügel auszutreiben. «Mir wäre es lieber, dass einer meiner Söhne bei einem Unfall stirbt, als dass er hier mit einem Schnurrbärtigen auftaucht», hat er einmal gesagt.

Nach seinem Amtsantritt

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