Mannschaft Magazin

6 «Jeden Sonntag musste ich mich zurückverwandeln»

Mit fünfzehn trug ich schulterlanges Haar. Eines Tages – ich sass mit meinem besten Kumpel auf dem Heimweg im Bus – fragte mich ein Kind angesichts meiner fülligen Haar- und fehlenden Bartpracht: «Bist du ein Mädchen oder ein Junge?» Es war Rushhour. Der Bus folglich dicht gefüllt mit Ohren, die bereit zum Lauschangriff waren. Als schwuler, ungeouteter Junge vom Balkan störten mich schon damals stereo›pe Urteile über Menschen. Entsprechend flapsig fiel meine Antwort aus: «Beides.» Das sorgte zwar für lautes Gelächter im Bus, verwirrte aber das fragende Kind, weil es nur das binäre Geschlechtersystem kannte.

Mit dieser persönlichen Geschichte zur Geschlechtsidentität mache ich mich auf nach Balzers in Liechtenstein. Dort bin ich mit Angela Matthes verabredet, CEO der Baloise Life AG. Zum Einstieg ins Gespräch erzähle ich ihr von meinem Erlebnis und möchte wissen, wie sie in einer solchen Situation reagiert hätte: «Ein solches Erlebnis habe ich zwar nicht gehabt, wohl aber mit meiner Haarlänge experimentiert. Denn mit vier Jahren merkte ich, dass ich transident bin. Deswegen schob ich als Kind und Jugendliche den Coiffure-Termin so weit hinaus wie möglich. Bis meine Mutter sagte, ich sähe aus wie ein Mädchen.»

Im Inneren war sie es auch und wollte lieber Dinge tun, die Mädchen tun. «Zum Beispiel mit Mädchen spielen oder auch mal ein Röckchen tragen.» Doch die Standards damals waren klar: Es

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