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BÜCHER | ERZÄHLUNGEN & ROMANE2.2021

ROLF LAPPERT

Leben ist ein unregelmäßiges Verb

Deutsche Originalausgabe

HANSER, 992 Seiten, 32 Euro

Die Bundesrepublik kommt anscheinend allmählich in die Jahre, denn viele Autoren werfen einen Blick in den Rückspiegel und fragen, wie wir bis hierhergekommen sind. Nostalgisch? Nicht unbedingt – zumindest Rolf Lappert hat’s damit nicht so. In seinem neuen Roman nimmt er die Zeit seit den 80er-Jahren und ihre Menschen unter die Lupe. Und dieser Anblick ist nicht immer rosig. Der besondere Kniff dabei ist die Perspektive: Seine vier Helden sind die Kinder einer abgeschotteten Agrar-Kommune, die nach Entdeckung und Auflösung durch die Behörden ohne einen Schimmer vom „echten“ Leben in die moderne Welt geworfen werden. Voneinander getrennt wachsen sie in Pflegefamilien, Internaten oder bei entfernten Verwandten auf und kämpfen sich oft einsam ins Erwachsenwerden in einer sehr fremden Welt. Jedes Kind hat seinen eigenen Weg, erzählt in einer eigenen Sprache und Erzählperspektive. Das erlaubt Lappert einen scharfen Blick auf die letzten Jahrzehnte von innen und von außen. Er bleibt dabei immer dicht und liebevoll an seinen Figuren – und für die kommt es oft knüppeldicke, nicht zuletzt durch eigene Fehler und das generelle „Nichtverstehen“ des „Draußen“. Unbedingt lesenswert. (jd)

Vier moderne Kaspar Hauser – vier Innenansichten auf Menschen und Gesellschaft.

YOKO OGAWA

Insel der verlorenen Erinnerung

Übersetzt von Sabine Mangold

LIEBESKIND, 352 Seiten, 22 Euro

Zeitlosigkeit durchströmt diesen rätselhaften und verstörenden Roman, der im japanischen Original bereits 1994 erschienen ist und 2020 für den International Booker Price und den National Book Award nominiert war. Anfangs waren es kleine Dinge wie Briefmarken, Hüte und Parfüm – die Menschen verlieren das Gefühl zu den Dingen. Wenn etwas verschwindet, spüren sie, dass sich etwas verändert hat. Dann erkennen sie anhand der Leerstelle, was es ist und es beginnt ein kollektives Entsorgen – schon bald ist die Erinnerung verblasst. Eine junge Schriftstellerin weiß durch das Schicksal ihrer Mutter, dass einige Menschen nicht vergessen können – und wollen. Als sie erkennt, dass auch ihr Lektor zu diesen Menschen gehört und immer mehr

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