Bücher Magazin

DIGITALE LEBENLÄUFE

Das Internet wird kein Massenmedium – weil es in seiner Seele keines ist“, konstatierte Zukunftsforscher Matthias Horx 2001 in einem Essay in der Welt. Heute nutzen 94 Prozent der Deutschen das Netz zumindest gelegentlich, 54 Prozent täglich und 9,7 Prozent „fast die ganze Zeit“. Innerhalb von nur zwei Jahrzehnten wurde ein vermeintlich randständiges Medium zu einem unverzichtbaren Teil unseres Lebens. In der Literatur vollzog sich diese Entwicklung zeitverzögert. Es wird noch eine Weile dauern, bis Romanfiguren ähnlich selbstverständlich online kommunizieren wie ihre Leser:innen.

MONSTER UND AUSSENSEITER: DAS NETZ ALS BRUTSTÄTTE UND ZUFLUCHTSORT

In vielen aktuellen Romanen ist das Internet ein Zufluchtsort für Menschen, die die Welt auf die eine oder andere Weise verstoßen hat. In Berit Glanz’ Roman „Automaton“ ist das Tiff, die unter einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet und nur selten das Haus verlassen kann, ohne eine Panikattacke zu bekommen. In „Tick Tack“ von Julia von Lucadou zeigt die 15-jährige Almette, die sich an ihrer teuren Privatschule in Bonn-Bad Godesberg und in ihrer Familie wie ein Fremdkörper vorkommt, ihre Perspektive auf ihre perfekt farblich abgestimmte Hochglanz-Umgebung auf Instagram und TikTok. Jo, der schon als Kind keinen Grund hatte, der Welt oder seinen Bezugspersonen zu vertrauen, teilt seinen Hass auf Imageboards und seinem Discord-Server mit Zehn-, vielleicht Hunderttausenden

Sie lesen eine Vorschau. Registrieren Sie sich, um mehr zu lesen.