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Der Shishi

Der Shishi

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Der Shishi

Länge:
612 Seiten
8 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
6. Nov. 2012
ISBN:
9781301911028
Format:
Buch

Beschreibung

Mung und John Whittefield stehen die Golden Lizard Anführer der tätowierten Männer zu befreien Japan aller foreigners.While versucht, neue Methoden der Landwirtschaft, Bildung und Handel in Japan einzuführen gewidmet sind, wehrt Mung aus dem russischen Versuch, über nördlichsten Inseln Japans nehmen . Seine Frau Saiyo stirbt bei einem earthquake.Her Schwester, Krankenschwestern Mung für Gesundheit und Führung von Japan.

Herausgeber:
Freigegeben:
6. Nov. 2012
ISBN:
9781301911028
Format:
Buch

Über den Autor

Born in Brooklyn, New York, Dov Silverman has served as a U.S. Marine in the Korean War, worked as a Long Island railroad conductor, been an auctioneer, and even established the Autar Microfilm Service. While working so hard on the railroad, he earned his high school diploma and went on to graduate from Stony Brook University, Long Island, New York, cum laude, at the age of 39. He and his family settled in Safed, Israel in 1972. He credits a spiritual meeting with God and a Tzaddik (righteous man), Jules Rubinstein, in the Brentwood (New York) Jewish Center, with setting him on the path of study, religious involvement and settlement in Israel. His novel, FALL OF THE SHOGUN, appeared on the London Times Best-Seller List and has been published in multiple languages. He also won a 1988 Suntory Mystery Fiction Award, Japan, for REVENGE OF THE GOOD SHEPHERDS.


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Buchvorschau

Der Shishi - Dov Silverman

1

Frühjahr 1871: lm Hafen von Kagoshima auf der sudlichen japanischen Insel Kyuschu

»Wer sind sie?« fragte Mung und deutete auf eine Gruppe Samurai, die gerade aus dem Wald kam.

»Unsere Eskörte, und es folgen noch mehr«, erwiderte Rhee. Der japanische Marineminister nickte und klopfte auf den 44er Colt unter seinem Obi. Rhee schnaubte verächtlich.. Mung hatte nie gelernt, mit dem Schwert umzugehen, selbst als er noch zwei Hände hatte.

»Warum nehmen sie die Strafie nach Kagoshima? Ich mufi die Kanrin Maru inspizieren«, sagte Mung.

»Um bei einem eventuellen Hinterhalt den Gegner in die Irre zu führen. Wenn wir die Kreuzung passiert haben, werden sie umkehren, und die Nachhut iibernimmt die Spitze.«

Mung nickte zufrieden. Rhee hatte ihm schon einige Male das Leben gerettet. Beim ersten Mai hatten Meuchelmörder Rhees Bruder getotet. Nach dessen Bestattung hatte Mung dem Hauptling aus Okinawa eine Rente auf Lebenszeit ange- boten. Rhee hatte das abgelehnt und geschwören, Mungs Feinde zu den seinen zu machen.

»Herr«, sagte Rhee, »ich mochte noch zwanzig zusatzliche Leibwachter für unsere Reise nach Tokio aussuchen.«

»So viele? Das scheint mir iibertrieben.«

»Ich habe keine Ahnung, wie talentiert diese tatowierten

Männer im Mörden sind. Die Warnung war eindeutig. Die Yakuza sind gedungen wörden, Euch zu ermörden.«

»Wenn es sein mufi, nimm zwanzig vom Bund der Schwarzen Drachen.«

Sie waren an der Schiffswerft angelangt. Hier hatte Mung die ersten zwei Jahre nach seiner Riickkehr aus Amerika gelebt und gearbeitet. Hier hatte er die Shinto Maru, Japans ersten Walfänger, geplant, entwörfen und gebaut. Fünf Jahre auf amerikanischen Walfängern und zwei Sommer, in denen er mit seinem amerikanischen Adoptivbruder in der Werft von Fairhaven, Massachusetts, gearbeitet hatte, hatten ihm die nötige Kenntnisse für diese Aufgabe verschafft.

Mung riß sich von seinen Gedanken an die Vergangenheit los und ließ den Blick über den Stolz der japanischen Handels- flotte gleiten - die Kanrin Maru. Der 60 Meter lange Hoch- seedampfer war in Amsterdam gebaut wörden. An Bug und Heck waren Zehnpfiinderkanonen montiert. Mung hatte das Schiff auf seiner ersten diplomatischen Mission für Japan nach Amerika navigiert. Es wurde jetzt für eine weitere Reise über den Ozean ausgeriistet, diesmal nach Preufien.

Mung ließ den Schiffsbaumeister kommen und vergewisserte sich, daß der Arbeitsplan eingehalten wurde. Danach machte er einen Rundgang durch die Werft. Nur wenige Asiaten und Westler wußten von ihrer Existenz, aber die Werft war die beste im ganzen Fernen Osten.

Vör achtzehn Jahren, nach seiner Riickkehr aus Amerika, hatte Mung sich selbst und einigen seiner Landsleute bewie- sen, daß Japan modernisierbar war. Dem Gesetz nach hatte er hingerichtet werden müssen, weil er Japan verlassen hatte. Statt dessen hatte Fürst Nariakira von Satsuma, nachdem er seine Geschichte gehört hatte, ihm befohlen, einen modernen Walfänger zu bauen. Aus jeder Stadt und jedem Dörf des Fürstentums waren Schiffsbaumeister, Zimmerleute, Schmiede, Seil- und Segelmacher und Matrosen gekommen. Keiner kannte damals das Prinzip des festverankerten Kiels oder die westliche Methode, gegen den Wind zu segeln.

Dennoch bauten sie in den folgenden Jahren fünf Waif anger, die Rximpfe für drei Dampfschlepper und einige Kutter. Mung war insgeheim stolz auf seine Rolle als Geburtshelfer von Japans einzigen modernen Erwerbszweigen - dem Schiffsbau und dem Walfang. Schon bald würde er in Tokio versuchen, die Fürsten des Reiches zu iiberreden, sich noch an anderen Sparten von Produktion und Handel zu beteiligen. Er hatte sich der Modernisierung verschwören, weil er darin die einzige Moglichkeit sah, sich dem westlichen Imperialis- mus zu widersetzen. Aus Japans Reiswirtschaft mußte eine industrielle Wirtschaft entstehen. Er faßte sich an seine gebrochene Nase und dachte: Gleichgiiltig, wie weit ich mich im Dienst des Kaisers nach oben arbeite - für die japanische Aristokratie bleibe ich immer der Fischerjunge aus dem Dörf Nakanohama. Diese Einstellung würde der Annahme seiner Plane sehr hinderlich sein, wenn er sie dem Grofien Rat in Tokio unterbreitete.

»Rhee«, rief er, »komm, gehn wir zur Schule. Ich mochte den Rest des Tages mit meiner Frau verbringen.«

Rhee pfiff, und die Samurai stellten sich mit der Hand am Schwert zu beiden Seiten der Strafie auf.

Gewarnt von den Wachen, verbeugten sich Schuler und Studenten tief, als der Marineminister das Gelande betrat. Mung verbeugte sich zuerst vör den Lehrern, dann vör den Schiilern. Er ging an seinem siebzehn Jahre alten Sohn Yoshida vörbei, aber keiner von beiden zeigte, daß er den anderen kannte, oder ließ sich die Zuneigung anmerken, die sie füreinander empfanden. Man hatte es als schlechtes Be- nehmen angesehen.

Mung schaute nach oben zu den Drachen, die die jiingeren Kinder im Schulhof in der Hand hielten. Die bunten Papier- drachen hingen reglos vör einem klaren, blauen Himmel im Wind. Durch die kleinen Bambusstabe, die am oberen Teil angebracht waren, hörten sie sich an wie ein Örgelchör.

»Ich habe schon seit Jahren keinen Drachen mehr steigen lassen«, sagte er zu den Kindern. »Wißt ihr, daß ich vör Jahren mit einer speziellen Drachenleine, genau in diesem Hafen hier, britischen und franzosischen Schiffen entkom- men bin? Ach, aber die Geschichte erzahl ich euch ein andermal.«

Eine Lehrerin tippelte auf Holzschuhen zu ihm, verbeugte sich und reichte ihm ihre Drachenleine.

»Danke.« Mung neigte den Kopf und lauschte der windge- triebenen Harmonie im Himmel. »Schauen wir doch mal, ob ich eine Melodie spielen kann«, sagte er.

Er riß die Schnur nach links, dann nach rechts, der Drachen sauste pfeifend nach unten, schwang sich vvieder hoch, drehte und schaukelte htiher und weiter als alle anderen, und auch sein Lied war das lauteste. Mung dachte an das Drachenstei- gen in Nakanohama zurück. Damals hatten sie keine elegan- ten Drachen wie diese hier gehabt. Er und seine Freunde hatten sich einen geteilt, und jeder hatte für den Schwanz ein paar Stoffetzen mitgebracht, die sie am Ende des Tages wieder nach Hause mitnehmen mußten. Mungs Erinnerungen an das Fischerdörf waren immer mit Hungergefühlen verbun- den. Er hatte Männer ihre Kindheit in glühenden Farben schildern hören, voller Sehnsucht nach ihrer Jugend. Ich bestimmt nicht, dachte er. Ich freue mich auf das Mörgen. Der Drachen vollzog einen eleganten Bogen liber das rotge- deckte Dach der Schule, und sein Pfiff schrillte über ihre Kopfe hinweg. Dann stieg er wider alle Gesetze der Schwer- kraft erneut nach oben. Mung sah etwas Blaues im Türbogen aufblitzen. Es war Ukiko, seine Frau. Ihr Kimono hatte dieselbe Farbe wie der Himmel. Gelbe Bambusstocke waren darauf abgebildet, und ein hellbrauner Obi wand sich um die Taille. Ukikos pechschwarze Haare waren streng zurückge- kammt bis auf zwei Locken, die ihr ovales Gesicht und ihre blitzenden dunklen Augen umrahmten. Sie verbeugte sich. Mung gab den Drachen wieder an die Lehrerin zurück und ging zu seiner Frau. Sie war Direktörin der Schule, die ihre Schwester, Saiyo, gegriindet hatte. Nach dem Tod Saiyos,

Mungs erster Frau, hatte Mung die finstersten Stunden seines Lebens durchgemacht, bis Ukiko ihn wieder fühlen und lieben lehrte.

Ukiko verbeugte sich noch einmal, als er die Schule betrat. Sie sagte kein Wört, bis Mung von dem aromatischen Tee und den Reiskuchen probiert hatte, die sie vörbereitet hatte.

»Ich habe dafür gesörgt, daß Yoshida bis heute abend hier in der Schule bleibt«, sagte Ukiko. »Deine Sachen sind ge- packt.«

Mung musterte sie über den Rand seiner Teeschale hinweg und hob eine Augenbraue. »Wohin reise ich denn?«

»Zum Kaiser.«

»Es war ein Geheimnis. Nur Jiroo, der Alteste der Schwarzen Drachen, und Rhee haben es gewußt. Woher weißt du es?« »Durch deine Botschaft heute mörgen, daß Yoshida und ich dich auf einem nachtlichen Ausflug begleiten sollen.« »Daraus hast du geschlossen, daß ich nach Tokio reise ?« »Du hast dich auch von meiner Schwester oft mit einem Picknick verabschiedet. Damals war Yoshida noch ein Baby, und ich habe mich um ihn gekiimmert, Während du mit Saiyo förtgingst. Wir sind seit fiinfzehn Jahren verheiratet, und du hast immer noch dieselben durchschaubaren Angewohnhei- ten. Sehr unjapanisch.«

Er lachelte. »Zum Beispiel?«

»Du nimmst dir Zeit, deiner unwürdigen Frau eine Freude zu machen.«

Mung hob abwehrend die Hand, und sie verstand das Zei- chen. Er verbot ihr, über ihre Unfahigkeit, Kinder zu bekom- men, zu sprechen.

Ukiko war verzweifelt über diesen Mangel. Sie hatte jedes Tranklein und jedes Amulett ausprobiert, um schwanger zu werden. Auch jetzt wartete schon zerstofiener Seeigel, wenn sie sich das nachste Mai mit ihrem Mann in die Kissen begab. Und wenn das nicht funktionierte, wollte sie unbedingt ein neues Mittel aus dem Westen ausprobieren. Dafür mußte sie Mung iiberreden, ihr die Bunn-iis aus Tokio mitzubringen.

»Es ist wirklich erstaunlich«, sagte er, »wie du immer von meinen Reisen weißt. Dabei bin ich doch angeblich der Meisterspion.«

Sie zwinkerte. »Du planst immer etwas Besonderes für uns, bevör du auf eine langere Reise gehst. Es ist sehr unjapanisch, wenn ein Mann sich so viel Mühe für seine Frau macht.« Sie lachelte. »Ich geniefie es aber.«

»Du hast auch Gefallen an den anderen westlichen Neuerun- gen, wie der Toilette im Haus, gefunden, und wenn wir uns gegenseitig in der Wanne einseifen.« Mung machte ihr Wim- perklappern nach.

Ukiko bekam ganz grofie Augen. Sie schaute sich rasch um, ob sie jemand hören konnte. »Psst«, fliisterte sie. »Es ist wahr, daß ich schlechte Angewohnheiten geniefie, aber du hast sie mir beigebracht.« Sie beugte sich vör. »Wenn die Nachbarn je erfahren würden ... Ojojoi.«

»Was, wenn sie wiißten, daß wir uns in der Wanne lieben?« Mung grinste und steckte sich noch einen Reiskuchen in den Mund. Er beugte sich zu ihr. »Was sie wohl sagen würden, wenn sie wiißten, daß sich unsere Zungen beim Lieben berühren? Da würden sie vör Entsetzen erstarren.«

Ukiko lief rot an und sank in sich zusammen. Einen Augen- blick lang dachte Mung, sie würde in Ohnmacht fallen. Als er sie das erste Mai auf den Mund gekiißt hatte, war es im Fieber des Liebesaktes gewesen — etwas, das er von den Madchen aus Honolulu gelernt hatte. Ukiko hatte mit ihrem ganzen Kör- per reagiert und spater geweint, weil sie so etwas Ekelhaftes getan hatte. Seitdem waren sich ihre Lippen und Zungen immer wieder begegnet, und sie war genausooft die Initiato- rin wie er.

»Du bist ein Experte darin, wie man Frauen befriedigt«, sagte Ukiko. »Und ich habe gelernt, im Bett aktiv zu sein.«

»Ich liebe aktive Frauen.«

»Die Wonnen, die du mir schenkst, biifie ich mit Schuldge- fühlen, weil ich unser Kissenspiel mehr geniefie als du.« »Wer behauptet das?« Mung lachelte, und ihre Blicke trafen

sich. Er nahm ihre Hand. »Jetzt erzahl mir, woher du weißt, daß ich zum Kaiser will.«

Ukiko streichelte seine Hand. »Nur wenige Leute im Kaiser- reich konnen den Marineminister zu sich bestellen. Noch weniger wissen, daß du der Schwarze Drache bist, die Augen und Ohren des Kaisers. Wenn du in der Nahe von Tokio bist, mußt du ihm personlich Bericht erstatten.«

»Ja, du hast recht. Er hat mich zu sich befohlen.«

Ukiko strich mit den Fingerspitzen liber Mungs Gesicht. »Durch diese Berührung werde auch ich den Nachkommen Amaterasus, der Sonnengottin, sehen. Wann brichst du auf?«

»In drei Tagen. Wenn ich die Berichte der Schwarzen Drachen gehört habe, die aus Obersee zurückgekommen sind. Mit Hilfe dieser Införmationen werde ich meine Empfehlun- gen an den Kaiser und den Rujo, den Grofien Rat, förmulie- ren, wie Japan schneller modernisiert werden kann.«

»Du wirst dich gegen Fürst Koin behaupten müssen«, warnte Ukiko.

»Er ist schon sechzig und wird sich bald zurückziehen. Es ist Saga von Choshu, der gedroht hat, sich den Westlern entge- genzustellen.«

»Ich rate dir, behalte Fujita Koin gut im Auge«, sagte Ukiko. »Der geht nicht ins Grab, ehe die drei Hauser von Mito nicht an der Macht sind.«

»Woher weißt du von ihm?« fragte Mung.

»Wir sind beide Mitglieder der Familie Ishikawa. Ich durch meine Geburt und du durch Adoption. Im kaiserlichen Buch der Heraldik ist unser Name einer der altesten, die verzeich- net sind. Als mein Vater Gouverneur von Kagoshima war, hatte er Fürst Koin und einen seiner Sohne auf einem Win- terurlaub zu Gast. Ich kann mich erinnern, wie Fürst Koin sagte: >Der Kaiser hat Mito Ehre ohne Macht verliehen. Bevör ich zu meinen Ahnen gehe, werde ich das andern.<« »Das klingt wie die leere Drohung eines alten Mannes.«

»Er war nicht sehr alt, als ich ihn das sagen hörte. Es war der heilige Eid eines Samurai an seine Ahnen.« »Ich bin ihm in der Schlacht gegeniibergestanden«, sagte Mung. »Ich gebe zu, er war furchtlos, aber ein schlechter Taktiker. Meine Schwarzen Drachen berichten mir, er wird die Führung der drei Hauser Mitos an seinen jiingsten Sohn weitergeben. Haltst du das für moglich?«

»Ho!« Ukiko versuchte ihre Uberraschung hinter ihrem Facher zu verstecken. »Graf Iyeasu ist ein Frosch.«

»Ein was?«

»Die drei Sohne Fürst Koins sind so verschieden wie die Jahreszeiten. Der alteste Sohn ist ein Riese, der mittlere eine Viper, und Graf Iyeasu ist ein Frosch, aber ein netter Frosch. Wie du durchbricht er die Harmonie der Grofie. Du bist lang und diinn. Er ist kurz und breit. Ihr beide habt dieselbe Aura von Macht und Ausgeglichenheit.«

»Ware dir ein Mann mit mehr Fleisch auf den Knochen lieber?«

Ihre Augen lachelten, und die Lider klapperten kokett. »Ich mag die Berührung deiner harten Muskeln auf meiner Weichheit. Werden wir dafür Zeit haben, bevör du auf- brichst?«

»Du hast gesagt, Yoshida wird bis zu unserem Ausflug heute abend beschaftigt sein?«

»So habe ich es eingerichtet, ja.«

»Wie der Grofie Buddha schon sagte: >Wer aufschiebt, ist verlören.<«

Mung nahm seine Frau an der Hand. Sie verliefien gemein- sam das Schulgelande und bemerkten dabei weder die Anwe- senheit der Wachen des Schwarzen Drachens noch die finste- ren Augen, die sie aus dem Wald beobachteten. Sie gingen Hand in Hand wie ein Liebespaar und genossen den Blick auf den Abhang, der sich zu den Obstgarten hinunterzog, und auf die ördentlichen Reisfelder, welche bis ans Meer hinabreich- ten. Sie berührten Pflaumenbliiten und pfliickten auf dem Weg zu ihrem Haus am Hiigel Wiesenblumen.

2

Es war schon dunkel, als Mung und Ukiko ihr Haus verlie- fien. Bewaffnete Wachen und Fackeltrager begleiteten sie zur Schule, wo Yoshida wartete. Zwar waren Yoshidas Kimono und der Obi sowie sein kurzer Haarschnitt exakte Kopien von denen seines Vaters, aber seinen schlanken Körper und das zartknochige Gesicht hatte er von seiner verstörbenen Mutter. Er verbeugte sich vör seinen Eltern und sie sich vör ihm. Die Liebe zu ihrem einzigen Sohn war offensichtlich. »Kannst du mir sagen, wie man Fische fangt?« fragte Mung Yoshida.

Im Glauben, sein Vater würde seine schulischen Kenntnisse priifen, erwiderte der junge Mann: »Mit Haken, Netz oder durch das Stauen eines Flusses.«

»Ich habe Männer gesehen, die Fische mit Vogeln fangen. Hast du davon schon einmal etwas gehört?«

»Nein, Herr.«

»Und welche Fische, glaubst du, fangen diese Vogel ?« fragte Mung.

Yoshida beugte den Kopf. Er hatte Angst, den Test nicht zu bestehen, und sah nicht das Blitzen in den Augen seines Vaters. »Ich weifi es nicht«, sagte er niedergeschlagen. »Fliegende Fische!« Mung lachte. »Hast du schon mal etwas von fliegenden Fischen gehört?«

Glxicklich, weil er zumindest das bejahen konnte, richtete sich der junge Mann auf. »Ja. Erst vörzweiTagenhaben wir einen Schwarm an der Hafenmiindung gesehen.«

»Neck den Jungen nicht«, fliisterte Ukiko.

Mung lachte wieder, um seine Enttauschung zu kaschieren. Mit siebzehn war ich dritter Maat auf einem amerikanischen Walfänger, und mein Sohn merkt es nicht einmal, wenn er auf den Arm genommen wird. Yoshida war natürlich verhat- schelt wörden, aber Mung hatte nie die Zeit gefunden, etwas dagegen zu unternehmen.

»Du reitest mit Rhee vöraus«, befahl er seinem Sohn. »Wir unterhalten uns, wenn wir wieder daheim sind.«

Der Mann aus Okinawa half dem jungen Mann in den Sattel, und die beiden iibernahmen die Führung vör Mungs und Ukikos Pferden. Zwanzig Schwarze Drachen eskörtierten sie. Weitere waren entlang des Wegs verteilt.

Am Rand der Stadt warf Mung einem wandernden Bergprie- ster mit einem tragbaren Altar eine Miinze zu. Der Priester fing die Miinze mit einer geschickten Bewegung auf und verbeugte sich bis zum Boden. Er blieb so stehen, bis die Nachhut passiert war, aber sein verachtlicher Blick folgte den Reitern bis zur Strafie am Flufi.

Der Mann steckte die Miinze in seinen Obi und holte eine Lampe aus seinem Altar. Er drehte die Flamme hoch und hob die Lampe über seinen Kopf. Sein weiter Armel rutschte vom Arm und entbloßte den grauschwarzen Kopf und die Knopf- augen eines eintatowierten Wiesels.

Mung und Ukiko ritten Seite an Seite unter dem sternen- iibersaten Himmel. Der prickelnde Geruch von Frühling stieg aus den frisch beackerten Reisfeldern auf. Mung sah, wie Ukiko an ihrer Unterlippe nagte. Sie wollte ihn also um etwas bitten. Gut. Das würde es ihm erleichtern, sein eigenes Anliegen vörzubringen.

Ukiko schaute zu Mung hoch. Ihre grofien, unschuldigen Augen waren wie die eines Kindes, aber er wußte, hinter diesem Elfengesicht verbarg sich ein scharfer, wenn auch gelegentlich sehr naiver Verstand.

»Weißt du, was Bunn-iis sind?« fragte sie schliefilich.

»Nein. Was ist das?«

>ilch bin mir nicht ganz sicher. Meine Cousine hat mir aus Tokio geschrieben. Sie sagt, in der Hauptstadt seien sie der letzte Schrei.«

»Wofür sind Bunn-iis denn gut? Was kann man damit ma-chen?«

»Ich dachte, du konntest mir das sagen. Sie kommen aus Amerika. Und Fünfhundert amerikanische Dollar für einen Bunn-ii sind gang und gabe. Einige sind schon für über tausend Dollar verkauft wörden. Es ist eine wunderbare Investition.«

»Du hast doch die Erbschaft deines Vaters, die reicht für ein paar Leben. Warum mochtest du denn spekulieren?«

»Ich wollte etwas für Yoshida investieren.«

»Das Geld, das Fürst Nariakira mir vermacht hat, reicht für Yoshida und seine Kindeskinder.«

»Du befaßt dich iiberhaupt nicht mit Geld«, schmollte Ukiko. »Du weißt ja iiberhaupt nicht, was Reichtum bedeutet. Ein bifichen mehr kann den Heiratsaussichten eines jungen Man- nes nicht schaden.«

Mung war zu beschaftigt mit seinem eigenen Anliegen, sonst hatte er besser aufgepaßt. »Ich weifi immer noch nicht, was Bunn-iis sind«, sagte er.

»Sie kommen in Japan nicht vör. Deswegen sind sie so teuer. Es sind grofie, pelzige Nagetiere mit langen Ohren und kurzen Schwanzen. Sie hiipfen und halten ihre kleinen Fiifie so vör sich hin.« Ukiko ließ die Ziigel fallen und legte ihre Hände unters Kinn. »Meine Cousine sagt, sie schniiffeln sehr viel.« Sie zuckte mit der Nase. »Ich hoffe, ich mache das richtig.«

»Kaninchen!« Mung lachte. »Du meinst Kaninchen. Engli- sche Kinder sagen Bunnies.«

»Also diese Kaninchen oder Bunn-iis sind eine gute Geldanla- ge. Ich mochte ein paar anschaffen.«

»Wenn du mit einem Paar anfangst, wirst du bald hundert haben. Sie vermehren sich rasend.« »Wunderbar. Mein Geld wird sich auch vermehren.« Sie hatte am liebsten vör Freude laut gejubelt. Mung hatte Gin- kos Bericht bestatigt, die kleinen Tiere waren tatsachlich unglaublich fruchtbar. Sie hatte zwar noch nie rotes Fleisch gegessen, war aber bereit, Bunn-iis zu essen, wenn es sein mußte mit Fell, sollte ihr das helfen, schwanger zu werden. »Würdest du mir in Tokio ein Paar Bunn-iis kaufen?«

»Du brauchst einen Platz im Freien, um sie zu halten.«

»Das ist kein Problem. Vielleicht habe ich sie schon vör ihrer Ankunft verkauft.« Ukiko war so aufgeregt, daß sie kaum im Sattel stillhalten konnte. Ich mufi Gin-ko im nachsten Brief fragen, wie ich die Tiere zubereiten mufi, damit ich fruchtba- rer werde.

Der Reiterzug hatte den Flufi erreicht, wo fünf lange, schmale Boote angebunden waren. Mung half Ukiko vom Pferd. Sie gingen zusammen mit Yoshida und Rhee zum Pier. Die Wachen stellten sich entlang der Strafie parallel zum Wasser auf.

Der Fischermeister verbeugte sich. »Herr, es ist alles bereit.« »Mein Sohn hat noch nie gesehen, wie ein Vogel einen Fisch fangt. Werden Sie es ihm zeigen?«

»Es wird mir eine Ehre sein. Will Ihr Sohn in meinem Boot der Kako sein?«

»Was macht ein Kako?« fragte Yoshida.

Der Fischer reichte dem jungen Mann eine schwere Bam- busklapper. »Sie müssen das an die Bootswand schlagen und rufen: >Tauche! Verschlinge! Fange!< Das feuert die Vogel an.«

»Ich sehe keine Vogel.«

»Ichi!« rief der Meisterfischer.

Eine Schar von zwolf grofien, entenahnlichen Vogeln wat- schelte hintereinander in den Lichtkreis der Fackeln. Sie stapften mit tolpatschigen Flossenfiifien hinter ihrem greisen Leittier einher. Dieser Vogel hatte einen scharfen, gebogenen Schnabel, und sein blaugriines Gefieder auf dem stammigen Körper wurde unterhalb des Halses schon grau. Er hiipfte auf den Arm seines Meisters und ließ sich von Yoshida strei- cheln.

»Warum hat er einen Ring um den Hals?« fragte Yoshida. »Damit er die Fische, die er fangt, nicht verschlingt.«

»Wenn er wegen des Rings nicht schlucken kann, wie ernahrt er sich denn?«

»Ich habe den Ring gerade grofi genug gemacht, damit er kleine Fische verschlucken kann. So ernahrt er sich selbst und versörgt mich mit Ware zum Verkaufen.«

»Kommt er immer so schnell zurück, wenn Sie ihn rufen?« »Nein. Körmörane sind sehr selbstandige Tiere, und Ichi ist ein Führer. Manchmal mufi ich auf ihn warten. Aber jetzt werden wir an die Arbeit gehen. Ichi und die anderen tragen Geschirre, an denen Leinen befestigt sind. Wenn Sie mir sagen, daß ein Vogel aufgehört hat zu tauchen, ziehe ich ihn hoch, leere ihm den Schnabel und schicke ihn wieder los. Sind Sie bereit, mein Kako zu sein?«

»Ja.« Yoshida stieg ins Boot und schlug mit der schweren Klapper gegen die Bootswand.

Die Körmörane wurden in das Boot des Meisterfischers geladen. Rhee und Mung halfen Ukiko ins nachste. Im Bug jedes Bootes waren drei Fackeln, um die sich jeweils ein Mann kiimmerte. Die fünf Fischerboote legten ab und wurden von Steuermannern mit langen Rudern den Flufi hochgebracht. Das Boot des Meisterfischers führte sie zu einem stillen Teich dicht am Flufiufer, wo sie einen grofien Kreis bildeten. Die flackernden Fackeln beleuchteten die Wasseroberflache, und die Fische wurden vom Licht angezogen. Mung und Ukiko sahen, wie Yoshida auf die aufsteigenden Fische deutete und seine Klapper bereitmachte. Die Körmörane wurden ins Was- ser gesetzt.

In den Schatten entlang des Flufiufers zuckten zwei Yakuza- Spaher beim Gerausch der Klapper und den Zurufen Yoshidas an die Körmörane zusammen. Die Tatowierten erkannten den Marineminister, seinen auslandischen Leibwachter am

Ruder und seinen Sohn im nachsten Boot. Sie fliisterten sich etwas zu. Als der erste Vogel aus dem Wasser gezogen wurde, um seinen Fang preiszugeben, schlichen sie sich am Flufiufer davon.

Ukiko ließ einen Finger durchs Wasser gleiten. »Ich würde gerne wissen, was dich so beschaftigt«, sagte sie zu Mung. »Du betrachtest unseren Sohn, bist aber mit deinen Gedan- ken ganz woanders. Nörmalerweise bedeutet das, daß du iiberlegst, wie du etwas Unangenehmes taktvoll sagen kannst.«

»Wenn ich so durchschaubar bin, bin ich denn auch langwei- lig gewörden?«

»Niemals.«

Rhee lehnte sich auf das Ruder und hielt damit das Boot am Rande des stillen Wassers in Position.

Ukiko musterte Mungs Gesicht im unsteten Schein der Fak- keln. Es war bestimmt etwas Ernstes.

»Vör einiger Zeit habe ich drei meiner Schwarzen Drachen nach China geschickt, um Udo abzulosen«, sagte er.

»Er ist der iiberlebende Sohn des Ashigara, des Einschwert- Samurai, der sein Leben geopfert hat, um deines zu retten?« »Ja. Ich habe dir doch erzahlt, wie Udos Bruder Uraga ums Leben gekommen ist, als er mich vör den Tong-Mannern in Kanton gerettet hat.«

»Hat Udo sich denn etwas zuschulden kommen lassen, daß du ihn ablost?«

»Ganz im Gegenteil«, sagte Mung. »Ich bin der Uberzeu- gung, drei Männer konnen ihn nicht ersetzen. Aber sie sind die einzigen, die Mandarin sprechen. Ich habe Udo zurückge- rufen, damit er das Kommando liber die Schwarzen Drachen ubernimmt, die die Botschafterdelegation nach Preufien be- gleiten.«

»Spricht er Deutsch?«

»FlieCend. Und Franzosisch und Englisch. Und er hat enge Verbindungen zum machtigsten Tong-Führer in Siidchina.« »Fremde Sprachen zu beherrschen, ist wirklich niitzlich. Aber welchen Nutzen hat ein Tong-Führer?«

»Kang Shu hat starke Verbindungen zu den chinesischen Gemeinden in Europa, England und Amerika. Er spielt Udo exakte Införmationen über sie zu, und er laßt sie uns zukom- men. Införmationen über Neuerungen in Wissenschaft und Industrie. Dinge, die in Magazinen und Zeitungen beschrie- ben sind. Udo benutzt die Chinesen in Ubersee dazu, im vöraus Wissen über jedes Land zu sammeln, besonders was Bedarf, Uberschufi und Investitionsplane zu Hause und im Ausland betrifft. Dieses Wissen hilft uns, Marktprognosen zu erstellen, billig einzukaufen und teuer zu verkaufen.« »Ich weifi, daß die Handler einen besseren Status bekommen haben, seit der Kaiser wieder an der Macht ist, aber es geht mir gegen den Strich, wenn du wie einer redest«, sagte Ukiko. »Und deine Investition in Bunn-iis ?«

»Ich bin eine Frau. Das macht einen Unterschied.«

»Im neuen Japan wird es viele Unterschiede geben. Verande- rungen werden so schnell über die Bühne gehen, wie Karnik- kel sich vermehren. Eine davon wird die Abschaffung von Rangen sein.«

Ukiko verzog das Gesicht. »Dariiber mochte ich lieber nicht reden. Wann wird Udo ankommen?«

»Bald. Das ist das Problem.«

»Ich werde dafür sörgen, daß er gut versörgt wird.«

»So einfach ist das nicht. Vör wenigen Jahren noch wurde jeder, der Japan verliefi oder auch nur an Börd eines auslandi- schen Schiffes ging, mit dem Tod bestraft. Fürst Nariakira und ich mußten uns mit Commodöre Perry heimlich auf See treffen. Udo und sein Bruder haben uns damals zu dem amerikanischen Flaggschiff hinausgerudert. Damit das Treffen geheim bleibt, hat Fürst Nariakira mir befohlen, Sörge zu tragen, daß die beiden Bruder nie wieder nach Japan zurück- kehren. Er meinte damit, sie sollten getotet werden. Ich habe sie nach China geschickt, wo Uraga den Tod fand. Der Befehl besteht immer noch, aber Udo ist schon auf dem Heimweg.« »Aber den miindlichen Befehl eines Toten kann man doch wohl ignörieren?«

»Er war aber nicht von irgend jemandem. Er kam von Nariakira von Satsuma. Und nach dem Kodex des Bushido ist dieser Befehl verbindlicher als jeder andere, weil der Mann, der ihn erteilt hat, nicht um Aufhebung gebeten werden kann.«

»Ich sehe in deinen Augen, daß du schon einen Plan hast.« »Es gibt eine Moglichkeit, mein Gewissen zu beruhigen und den Befehl Fürst Nariakiras ebenso zu befolgen wie das Geliibde, das ich Udos Vater gegeniiber geleistet habe, nam- lich seinen Sohn im Dienst des Kaisers anzuleiten. Ich brau- che dich, um es legal zu machen. So wie dein Vater, als er mich adoptiert hat.«

»Mein Vater hat dich adoptiert, damit dein Rang hoch genug ist, um Saiyo zu heiraten und den Familiennamen bestehen zu lassen, weil er keine Sohne hatte.«

»Wenn wir Udo adoptieren würden, konnte er als Ishikawa nach Japan zurückkehren, nicht als Udo, Sohn des Yaka, der auf Lebenszeit verbannt war.«

Ukiko richtete sich entriistet auf. »Du bist das Oberhaupt der Familie und brauchst mich nicht zu fragen.«

»Ich weifi«, sagte Mung sanft. »Aber nachdem ich von deinem Vater adoptiert wurde und du unter diesem ehrenvol- len Namen gebören wurdest, dachte ich, wir sollten driiber reden.«

Ihre Augen blitzten. »Es gibt ein Sprichwört: >Wenn du den Rat des Priesters nicht befolgen willst, frage ihn nicht um Rat.<«

»Du bist kein Priester, sondern meine Frau, die ich liebe und die ich nicht verletzen will.«

»Dann hatte ich also zwei Sohne. Keiner davon mein eigener. Ist er alter als ich?«

»Udo ist einunddreifiig. Zwei Jahre jiinger. Eine Schande, daß er sein zweiunddreifiigstes nicht erleben wird.« »Warum das?«

»Ich mufi Befehl geben, ihn zu toten, bevör er an Land geht.« »Was ist mit dem Geliibde, das du seinem Vater gegeben hast? Du würdest gegen das Bushido handeln. Das kannst du nicht.«

»Die Adoptionspapiere liegen im Büro des Gouverneurs.« Ukiko seufzte. »Du hast mich iiberlistet.«

»Wirst du sie unterzeichnen?«

»Wie du Demokratie erklarst und wie du sie praktizierst, ist zweierlei. Du bittest mich um eine Erlaubnis, die du nicht brauchst, und dann sagst du mir, was getan werden soil. Mein Meister befiehlt, und ich gehörche.« Ukiko verbeugte sich. Das Krachzen der Körmörane, die Rufe Yoshidas und das Gerausch der Bambusklapper waren so laut, daß Mung sich nur mit Mühe verstandlich machen konnte. Er ließ einige Minuten verstreichen, dann sagte er: »Dein Zörn richtet sich nicht gegen mich oder die Adoption. Für dich und für unser Gliick bete ich, daß du ein Kind bekommst.«

Ukiko wandte sich ab, um ihre Tranen zu verbergen und den Schmerz in ihrem Herzen zu verschliefien.

Eine halbe Meile flufiaufwarts teilte sich eine grofie Schar Männer in zwei Gruppen. Diejenigen mit sechs Fufi hohen Bogen und Kriegspfeilen mit Stahlspitzen glitten lautlos die Baume am Flufiufer entlang auf die Boote zu. Die anderen zogen sich aus und wateten in den Flufi. Im schwachen Licht des Sichelmonds spiegelten sich ihre tatowierten Körper im trage dahinfliefienden Wasser. Jeder Mann hatte einen drei Fufi langen Metallhaken und einen stahlernen Dolch. Sie schwammen unter den Trauerweiden den Flufi hinunter. Zwanzig Meter vom Lichtkreis der Fackeln um den Teich fingen die Schwimmer an, Wasser zu treten. Ihr AnFührer, ein Mann mit gezupften Augenbrauen und dem Kopf einer goldenen Eidechse als Tatowierung auf seinem kahlen Scha- del, tauchte in ihrer Mitte auf.

»Also, denkt dran! Jeweils drei Männer greifen eines der vier Boote an«, fliisterte er. »Totet alle und flieht dann flufiab- warts! Ihr drei da«, er streckte seinen Arm aus, der von tatowierten goldenen Schuppen bedeckt war, »wir werden den Schwarzen Drachen toten!«

Die Goldene Eidechse hielt kurz inne, dann gab er den Befehl: »Yakuza, folgt mir!« Der Wind pfiff durch seine Nase, als er einatmete. Sechzehn Männer verschwanden unter der Was- seroberflache.

Am Ufer gingen tatowierte Männer auf die Knie und steckten die Enden ihrer langen Bogen in die weiche Erde des Flufi- ufers. Sie legten die Pfeile auf und spannten die Bogensehnen straff.

3

Rhee stemmte sich gegen das lange Ruder, um das Boot wieder am Rand des Teichs in Stellung zu bringen. Diese Bewegung rettete ihnen das Leben. Ein ein Meter langer Kriegspfeil grub sich in den Ruderschaft. Andere zischten an Mung und Ukiko vörbei. Die gefiederten Schafte peitschten gegen ihre Kleidung.

»Uberfall! Uberfall!« schrie Rhee, warf sich auf Mung und Ukiko und stiefi sie auf den Boden des Bootes. Ein zweiter Schwarm von Pfeilen pfiff über ihre Kopfe hinweg.

Am Flufiufer brach Kriegsgeschrei aus. Die Wachen des Schwarzen Drachen stürzten sich ins Unterholz und schlu- gen, stachen und hieben mit ihren langen zweihandigen Schwertern auf Männer, Baume und Gestriipp ein. Die tato- wierten Bogenschiitzen wurden niedergemaht, ehe sie ihren dritten Pfeil auflegen konnten.

Rhee packte die Bootswand, um sich hochzuziehen, und ein Haken schofi aus dem Wasser. Die stahlerne Spitze bohrte sich durch seinen linken Handriicken und nagelte sie ans Holz. Er unterdriickte einen Schrei, als sich ein Mann mit blau-rot tatowiertem Gesicht am Haken aus dem Wasser zog.

Rhee ballte seine rechte Faust, stemmte seine Fiifie fest in die Wanten und schlug dem Yakuza so fest auf das Nasenbein, daß es sich ins Gehirn bohrte. Das bunte Gesicht schnitt eine

Grimasse, die dunklen, fiebrigen Augen fiillten sich mit Blut, und der Angreifer glitt ins Wasser zurück.

Mung zog seine Pistole. »Ukiko, bleib unten!« warnte er. Mung erschauderte, als Rhee den Haken aus seiner blutigen Hand zog. Dann blitzte am Bug ein anderer Haken aus dem Wasser hoch und grub sich in das Bein des Fackeltragers. Er schrie auf und wurde strampelnd liber die Seite gezogen.

Ein dritter Haken bohrte sich ins Boot. Eine tatowierte Goldene Eidechse schlangelte sich an Börd. Die Eidechse richtete sich im gespenstischen Licht der Fackeln auf. Goldene, schwarzumrandete Schuppen bedeckten ihren Körper und krauselten sich den muskulosen Törso und die kraftigen Beine entlang. Als sie aufschaute, hatte sie das Gesicht eines Mannes, und Ukiko schrie. Sie wich erschrocken zurück und stiefi gegen Mung, der in diesem Moment abdriickte. Der Schufi ging ins Leere. Der Eidechsenmann sprang auf sie zu, einen todlichen Haken in der einen Hand, einen Dolch in der anderen.

»Yakuza!« briillte Rhee. Er machte einen Satz über Mung und Ukiko und stellte sich dem Eidechsenmann. Trotz der schlingernden Bewegung des Bootes hielt der Hauptling aus Okinawa, ein Experte in der dört entwickelten Kunst des Karate, sein Gleichgewicht. Die Goldene Eidechse schritt mit gezogenen Waffen auf ihn zu. Rhee bot ihm seine verwunde- te Hand als Ziel, der Haken schlug zu und verfing sich in seinem Armel. Rhee machte einen Satz zurück und brachte den Yakuza-AnFührer aus dem Gleichgewicht. Der Eidechsenmann stiefi mit seinem Dolch zu, aber Rhee lenkte das Messer mit einem schiitzend gebogenen Arm ab. Er drehte sich zur Seite und kickte den Yakuza mit dem Fufi in die Brust. Der Eidechsenmann drehte sich im Kreis und rang keuchend nach Luft. Er stolperte und fiel mit dem Gesicht nach unten ins Wasser. Dabei wurde der Schuppenschwanz sichtbar, den er auf seinem Gesafi und an den Beinen entlang tatowiert hatte. Er warf seinen Körper herum.

Mung zielte auf das kaum einen Meter entfernte Gesicht, wurde aber zurückgerissen. Ein Haken schlitzte den Riicken

seines Kimonos um sechzig Zentimeter auf. Er wirbelte herum und feuerte. Das tatowierte Gesicht an der Bootswand schnalzte mit einem schwarzen Loch in der Stirn zurück. Im flackernden Licht der Fackeln sah Mung einen weiteren bemalten Körper an der Oberflache auftauchen. Er feuerte, als der Kopf sich aus dem Wasser hob.

»Wo ist der Eidechsenmann?« briillte er.

Rhee deutete auf die keuchende Schlange im Wasser: »Dört!« Mung zielte.

»Yoshida!« rief Ukiko.

Direkt hinter dem um sich schlagenden Eidechsenmann sah Mung, wie ein Yakuza den leblosen Körper des Fackeltragers aus dem ersten Boot über Börd stiefi. Er ging auf den Meisterfischer zu, der Ichi im Arm hielt. Hinter dem Fischer safi Yoshida starr wie eine Statue und klammerte sich an die Bambusklapper. Eine nasse, griin-rote Hand reckte sich aus dem Wasser und zielte mit dem Haken auf Yoshidas Riicken. Mung driickte ab, der Schufi klatschte neben dem Yakuza ins Wasser und hielt ihn zurück. Der Meisterfischer drehte sich um und warf den Körmöran auf Yoshidas Angreifer im Wasser. Ichi schlug dem Mann seine Fliigel ins Gesicht und hackte mit seinem scharfen Schnabel auf ihn ein. Der Yakuza wich vör dem wiitenden Vogel zurück. Mung zielte genauer, feuerte, und der Yakuza fand den Tod.

Der tatowierte Mann im Bug stürzte sich von hinten auf den Meisterfischer und rammte ihm ein Messer in den Riicken. Der Fischer schrie auf und fiel tot ins Boot. Jetzt wollte der Yakuza Yoshida angreifen. Ichi krachzte und griff den Mör- der seines Meisters an. Ein Haken zischte durch die Luft und spießte den Vogel auf. Der Yakuza ließ den Vogel samt Haken auf den toten Fischer fallen. Er stieg über die Kadaver auf Yoshida zu.

Einen Augenblick lang erstarrte Mung. Dann feuerte er einmal, verfehlte aber sein Ziel. Die Pistole klickte, der Hammer fiel auf leere Zylinder. Er und Ukiko konnten nur ohnmachtig mit ansehen, wie der Yakuza Yoshidas Kopf zurückbog, seinen Hals freimachte und das Messer hob.

Ukiko kniete im Boot. »Tu was!« Sie zerrte schreiend an Mungs Kimono. »Tu was!«

Mung bewegte die Lippen, brachte aber keinen Ton heraus. Er sah, wie der tatowierte Mann das Messer ansetzte, um die Kehle seines Sohnes zu durchschneiden. Plotzlich stiefi Yoshida seine Bambusklapper in den Unterleib des Yakuza. Der tatowierte Körper baumte sich auf. Er schrie auf und fiel nach hinten.

»Musashiiiii!« briillte Yoshida und schofi von seinem Sitz hoch. Er ließ die schwere Klapper in einem weiten Bogen von unten auf das Kinn des Yakuza sausen. Mung sah, wie das tatowierte Gesicht zerbarst. Yoshida holte noch einmal aus und schlug zu. Die Wucht des Schlages warf den Mann aus dem Boot.

Ukiko schaute Mung an. Beide waren sprachlos.

»Ihr Sohn ist ein Krieger«, sagte Rhee.

Die Blicke der beiden Männer trafen sich. »Hast du ihn Karate gelehrt?« fragte Mung.

»Nein, Herr, aber sehen Sie doch.«

Yoshida hatte den Haken aus Ichis Körper gezogen, den Vogel über Börd gewörfen und war bereit für den nachsten Angriff. »Bring mich zu ihm«, rief Ukiko. »Bring mich zu unserem Sohn.«

Rhee sprang ans Heckruder und Mung zum Bug. Sie brach- ten das Boot langsseits zu dem von Yoshida. Er stand mit dem Riicken zu ihnen.

»Yoshida«, rief Mung, »komm in unser Boot.« Er streckte ihm die Hand entgegen.

Der junge Mann drehte sich um. Sein Gesicht strahlte Gelas- senheit aus. Er schaute hinunter zu dem Haken und der blutigen Bambusklapper in seiner Hand, dann zu seinen Eltern, als wollte er sie fragen, warum er diese blutigen Waffen hielt. Er ließ sie fallen und nahm Mungs Hand. »Pafi auf, daß du nicht fallst«, sagte Ukiko.

»Hast du Angst gehabt?« fragte Mung.

»Das weifi ich nicht mehr«, erwiderte Yoshida.

»So kampft ein Krieger in der Hitze der Schlacht«, sagte Rhee. »Du hast den Namen Musashis beschwören, und der Schwertheilige ist dir zu Hilfe gekommen.«

Yoshida wandte sich an seinen Vater. »Wirst du mich schwimmen lehren? Ich hatte Angst, ich konnte ins Wasser fallen.«

Die Bitte kam Mung seltsam vör. Er sah ihn iiberrascht an. Ein Befehl wurde vom Ufer aus gerufen, und die Wachen der Schwarzen Drachen schossen Pfeile auf die Angreifer im Wasser ab. Mung beobachtete, wie sie flufiabwarts flogen und ihr Ziel verfehlten. Er sah, wie etwas im Wasser golden aufblitzte und in die Dunkelheit davonschwamm.

»Vater, ich würde gerne schwimmen lernen.«

Mung umarmte seinen Sohn. »Ich mufi nach Tokio fahren und werde in nachster Zukunft nicht die Zeit haben, es dir beizubringen, aber es gibt jemanden, der es kann. Sein Name ist Udo. Ich habe ihm vör einigen Jahren den hawaiianischen Schwimmstil beigebracht. Er wird bald eintreffen.«

»Herr.« Rhee zeigte ans Ufer, wo die Schwarzen Drachen damit beschaftigt waren, tatowierte Leichname in Reihen auszubreiten.

»Der Eidechsenmann ist entkommen«, sagte Mung. »In Zukunft werden unsere Wachen besser aufpassen. Wenn meine Familie sicher nach Hause gebracht wörden ist, ruft die zusammen, denen es nicht gelungen ist, uns zu beschiitzen.«

Im Versammlungshaus von Kagoshima standen zwolf Samurai vör dem Schwarzen Drachen.

»Eure Pflicht war es, meine Familie zu bewachen und mich zu beschiitzen. Reines Gluck, daß wir nicht getotet wurden. Es steht in meiner Macht, einen jeden von euch seiner Titel zu entheben und über eure Familien und eure Nachkommen ewige Schande zu bringen.«

Mung beobachtete die Reaktionen der Männer. Er hatte jedes seiner Wörte wohl erwogen und wunderte sich dennoch, wie leicht es war, andere mit Angst zu beherrschen. Er hatte eine solche Methode verurteilt, wenn andere sie anwandten, aber hier in Japan war sie wirksam und wurde erwartet.

»Ich habe das Recht, jedem einzelnen von euch zu befehlen, Seppuku zu begehen. Wenn ich diesen Befehl gebe, werdet ihr auf die Knie fallen und eigenhandig eure Bauche aufschlit- zen!«

Die jungen Männer hoben die Kopfe und strafften die Schul- tern. Sie waren tapfer und stolz. Mung würde sich ihre Demiitigung zunutze machen.

»Ich weifi, ihr fürchtet den Tod nicht. Ich werde ihn nicht anördnen. Als ihr der Gemeinschaft der Schwarzen Drachen beitratet, habt ihr einen Eid geschwören, der über alien anderen steht. Ihr habt gelobt, dem Kaiser zu dienen, als seine Augen und seine Ohren. Heute abend habt ihr weder gehört noch geschaut. Ihr habt eure Pflicht vernachlassigt.

Und doch konnt ihr eure Ehre wiederherstellen. Dies ist eure Strafe und euer Sühneweg. Ihr werdet in Dreiergruppen reisen, jede Einheit zu einem anderen Ziel. Die ersten beiden begeben sich zu den Fürstentiimern von Choshu und Mito. Sie werden von den Fürsten Saga und Koin regiert, die sich beide offentlich gegen meine Plane, Auslander bei der Mo- dernisierung Japans einzusetzen, gestellt haben. Moglicher- weise haben sie die Yakuza angeheuert, um mich zu ermör- den. Geht der Sache nach! Die beiden anderen Gruppen werden nach Kyoto und Tokio reisen. Ihr werdet in diesen Stadten ein Treffen zwischen mir und den Yakuza arrangie- ren.«

»Herr«, sagte ein kleinwiichsiger, junger Mann, »seit zwei Jahren versuchen ich und andere, diese Aufgabe zu erfiillen, und ohne Erfolg. Die Örganisation der tatowierten Männer ist alter als unser Bund der Schwarzen Drachen. Sie haben ihre eigene Geheimsprache.«

»Auf den Boden mit euch!« rief Rhee. »Wagt es nicht, dem Schwarzen Drachen zu sagen, was ihr nicht tun konnt!« Mung wandte sich an die vör ihm liegenden Männer. Er sprach sehr klar und deutlich. »Ihr seid aus Satsuma ver- bannt, bis ihr ein Treffen mit einem Yakuza von nationaler Bedeutung arrangiert habt. Kontakte zu Familien und Freun- den sind euch untersagt. Zwischen Sonnenaufgang und Son- nenuntergang werdet ihr fasten. Ihr werdet mit keiner Frau schlafen. Solltet ihr sterben, bevör ihr eure Mission erfiillt habt, wird man eure Familien mittellos in die Verbannung schicken und die Graber eurer Ahnen zerstören.«

»So ist es befohlen, so wird es geschehen«, sagten die zwolf Samurai im Chör. Sie gingen in die Knie, berührten mit der Stirn den Boden und krochen aus dem Zimmer.

»Rhee«, sagte Mung, »wenn sie versagen oder ich zuerst sterbe, soli ihnen und ihren Familien nichts geschehen.« »Meiner Meinung nach hattet ihr ihnen befehlen sollen, Fürst Saga und Fürst Koin zu toten, Herr.«

»Ich habe beide Männer bei der Schlacht im Tal von Hakusar kennengelernt, als sie auf der Seite des Shogun kampften. Sagas Bogenschiitzen zielen genauer als die Yakuza.« Er hielt seinen Armstumpf hoch. »Dört habe ich meine Hand verlo- ren. Aber lafi jetzt deine Wunde versörgen.«

»Danke, Herr. Aber Sie werden nicht den Tod von Saga und Koin befehlen ?«

»Eine Schlacht gegen Choshu und die drei Hauser von Mito würde einen Bürgerkrieg zwischen denen, die die Moderni- sierung wollen, und denen, die dagegen sind, auslosen. Und zweitens hatte der junge Mann recht mit der Behauptung, die Yakuza seien Mitglieder einer alteren Örganisation, als es der Bund der Schwarzen Drachen ist. Eine Auseinandersetzung zwischen den beiden Biinden konnte eine Schlacht wie die chinesischen Tong-Kriege zur Folge haben. Tausende wur- den damals getotet, und die kaiserliche Regierung Chinas hat immer noch unter den Folgen zu leiden. Wir safien auf einem Pulverfafi. Als militarischer Beobachter im amerikanischen Bürgerkrieg habe ich gesehen, was passieren kann. Ich moch- te nicht, daß Japan von einer solchen Katastrophe heimge- sucht wird.«

»Ja, Herr.« Rhee deutete auf einen Raum, der sich an die grofie Halle anschlofi. »Ich habe dört ein Schlafquartier eingerichtet. Mörgen früh werden Sie mit den heimgekehr- ten Schwarzen Drachen zusammentreffen.«

»Wie viele von ihnen sind

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