Finden Sie Ihren nächsten buch Favoriten

Werden Sie noch heute Mitglied und lesen Sie 30 Tage kostenlos
Chen: Klassisches Taijiquan im lebendigen Stil

Chen: Klassisches Taijiquan im lebendigen Stil

Vorschau lesen

Chen: Klassisches Taijiquan im lebendigen Stil

Bewertungen:
5/5 (1 Bewertung)
Länge:
500 Seiten
13 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Sep 28, 2013
ISBN:
9783935367851
Format:
Buch

Beschreibung

Meister Jan Silberstorff tut dies seit über 20 Jahren und gilt als profunder Kenner all der Aspekte des Taijquan, die es berührt und trainiert. Er war einer der ersten Ausländer, der direkt bei der Gründerfamilie des Taijquan, dem Chen-Clan lernen durfte und wurde ihr erster westlicher Meisterschüler. Dies ist die überarbeitete Version des Grundlagenwerkes über Taijquan und wurde vom Autor um einige Aspekte erweitert. Ergänzungen und neue Kapitel lassen dieses Buch nun noch vollständiger werden und wegweisend erklären, was Taiji ist und wie es geübt und zur Meisterschaft geführt wird: Ohne Mythos, ohne Geheimnisse, sondern durch Jahrhunderte lang gepflegte und gelebte Erfahrung einer Traditionslinie, die Wahl des passenden Lehrers und natürlich - eigenem Üben.
Was Sie, liebe Leser, über Taijquan wissen möchten und sollten, hier finden Sie es. Studieren Sie es aufmerksam und üben Sie ausdauernd, dann steht Ihnen die wundervolle Kraft des Taijquan in all ihren Facetten offen.

Jan Silberstorff hat als Linienhalter des Chenstils nicht nur das Wissen und Können, ein solches Buch zu veröffentlichen, er hat auch eine Verpflichtung dazu. Sein Grundlagenwerk über Taijquan darf in keinem Regal eines ernsthaften Kampfkünstlers fehlen. Alle Aspekte des Chenstil-Taijiquan werden vorgestellt.

Herausgeber:
Freigegeben:
Sep 28, 2013
ISBN:
9783935367851
Format:
Buch

Über den Autor

Jhg. 67, begann bereits als Kind sich für die östlichen Kampfkünste zu interessieren. Im Alter von 18 Jahren spürte er hier seine Berufung und begann, sein Leben dem Taijiquan zu widmen. 1989 bestand er die Prüfung des staatlichen Taiji-Trainers der VR China, wo er mehrere Jahre lebte. Er lernte als einer der ersten Ausländer in dem Ursprungsort des Taijiquan, Chenjiagou, und wurde 1993 der westliche Meisterschüler von dem Traditionshalter des klassischen Taijiquan, Großmeister Chen Xiaowang, und somit erster ausländischer Linienhalter in der 20. Generation. Er spricht fließend chinesisch und veröffentlichte zahlreiche Bücher und Artikel, sowie DVDs und Fernsehdokumentationen zum Thema. Nach über 25 weltweiten Turniersiegen in Folge, gründete er zusammen mit GM Chen Xiaowang 1994 die größte Taijiquanvereinigung der Welt, die WCTA, und übernahm die Leitung des deutschen Verbandes (WCTAG), heute der größte seiner Art im Westen. Mehrfach von der chinesischen Regierung ausgezeichnet, wurde er 1998 als erster Nicht-Asiate zu dem offiziellen Masters Event des Staates Singapur eingeladen. Er unterrichtet weltweit in über 15 Ländern und gründete mit seinen Schülern zusammen erfolgreich über 350 Taijiquan-Gruppen und Schulen in über 120 Städten allein in Deutschland. 2006 gründete er die jeweils führenden Taiji-Verbände in Brasilien (WCTA-Br) und 2010 in Chile (WCTA-Chile). 2009 gründete er die Hilfsorganisation WCTAG-hilft e. V., die sich für notleidende Kinder in Sri Lanka und Brasilien einsetzt. Seinen eigenen Schwerpunkt auf die Praxis legend, verbringt er den Hauptteil des Jahres zurückgezogen auf einer Insel in Brasilien.


Ähnlich wie Chen

Ähnliche Bücher

Ähnliche Artikel


Im Buch

Top-Zitate

  • Alles wird eins: Körper, Geist und Atem. Es entsteht ein Gefühl absoluter Ganzheitlichkeit, bei dem der Versuch, die Atmung künstlich zu steuern, nur hinderlich wäre. Selbst die paradoxe Bauchatmung stellt sich durch die Bewegungsstruktur von alleine ein.

  • So lernen die Schüler, einen der wesentlichsten Aspekte einer jeden ernst zu nehmenden Kampfkunst: wirklich Balance zu halten und dies auf einem Niveau, das weit über die Vorstellung eines Gleichgewichtssinn hinausgeht.

  • Wie kommt dieses so genannte bao fa jin, die Kraft explosiv nach außen bringen, nun aber zustande? Yin-Energie aus der Erde und Yang-Energie aus dem Himmel verschmelzen zusammen im Dantian.

  • Emotionen, kurz unser gesamtes mentales Innenleben, zur Einigkeit zu führen. Wir sind einsgerichtet. So können einhundert Prozent Geisteskraft und mentale Stär-ke entstehen.

  • Übungen des Qigong und kämpferische Bewegungen des Wushu in ein- und demselben Moment zuließ. Beide Bereiche verbinden sich darin zu einer Einheit.

Buchvorschau

Chen - Jan Silberstorff

Chen: Klassisches Taijiquan im lebendigen Stil

Jan Silberstorff

Copyright 2010 by LOTUS-PRESS

Smashwords Edition

Smashwords Edition, Lizence Notes

This ebook is licensed for your personal enjoyment only. This ebook may not be re-sold or given away to other people. If you would like to share this book with another person, please purchase an additional copy for each recipient. If you’re reading this book and did not purchase it, or it was not purchased for your use only, then please return to smashwords.com and purchase your own copy. Thank you for respecting the hard work of this author.

Lizenzerklärung

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Die dadurch begründeten Rechte, insbesondere die der Übersetzung, des Nachdrucks, des Vortrags, der Entnahme von Abbildungen und Tabellen, der Funksendung, der Mikroverfilmung oder der Vervielfältigung auf anderen Wegen und der Speicherung in Datenverarbeitungsanlagen, bleiben, auch bei nur auszugsweiser Verwertung, vorbehalten.

Inhalt

Impressum

Danksagung

I Einleitung

1 Vorwort

2 Vorwort zu dieser Ausgabe

3 Anmerkungen zu diesem Buch

4 Was ist Taijiquan?

II Das System des Taijiquan

1 Ein paar Fakten zur Geschichte des Taijiquan

2 Stammbaum

3 Was ist Qi?

4 Taiji – eine Philosophie

5 Taijiquan – eine Kampfkunst

6 Taijiquan – eine Gesundheitslehre

7 Taijiquan – eine geistige Übung

8 Techniken und Prinzipien des Taijiquan

Taijiquan und seine Kampftechnik

Taijiquan und seine dreizehn Bewegungstechniken

Taijiquan und seine fünf Bewegungsrichtungen

Zur Atmung

Zur Lern- und Unterrichtsdidaktik

Die motorische Schulung

Die Zentrierung der Bewegungen

Die innere Bewegung

III Der Chen-Stil des Taijiquan

1 Das System des Chen-Taijiquan

Zhanzhuang – die Stehende Säule

Cansigong – die Seidenübungen

Handformen

Waffen und Waffenformen

Übungsformen mit Geräten

Schiebende Hände

Anwendung

2 Die Formen des Chen Taijiquan

Die 19er-Form

Die 38er-Form

Erste Form, »Alter Rahmen«

Zweite Form, »Alter Rahmen«

Erste Form, »Neuer Rahmen«

Zweite Form, »Neuer Rahmen«

Schwertform

Säbelform

Stock-/Speerform

Hellebardenform

Doppelschwertform

Doppelsäbelform

IV Die drei Phasen der Sitzmeditation

V Taijiquan - mitten im Leben

1 Etwas über Yin und Yang

2 Wei Huacun - Eine Frau als Mitbegründerin des Taijiquan

3 Taijiquan, Turniere und das Problem, Erfolg zu haben

4 Der Fehler der doppelten Gewichtung

5 Taijiquan und Sexualität – Braucht Lebenskunst auch Liebeskunst?

6 Taijiquan auf der Welt – ein Resümee

VI Taijiquan im Spiegel der Medizin

1 Der medizinische Standpunkt der chinesischen Tradition

Taijiquan und Traditionelle Chinesische Medizin

Traditionelle Chinesische Medizin (TCM)

Wu Xing

Vitale Substanzen

Jing Luo

Diagnose und Therapie

Taijiquan (Praxis und Wirkungen)

Taijiquan aus der Sicht der TCM

2 Medizinische Untersuchungen des Taijiquan

Empirische Untersuchungen

Die Gesundheitswirkung des Taijiquan aus der Sicht der Praktizierenden

Begründung und Zielsetzung der Untersuchung

Untersuchungsgruppe

Fragebogen und methodische Vorgehensweise

Durchführung der Untersuchung

Ergebnisse

Diskussion

Herzfrequenzanalyse während der 19er-Form unter Berücksichtigung unterschiedlicher Belastungsintensitäten

Die Herzfrequenz

Begründung und Zielsetzung der Untersuchung

Untersuchungsgruppe

Durchführung der Untersuchung

Ergebnisse

Diskussion

EMG-Untersuchung der »einarmigen Seidenübung«

Begründung und Zielsetzung der Untersuchung

Gegenstand und Durchführung der Untersuchung

Ergebnisse

Diskussion

VII Texte der Patriachen des Chen-Clans

1 Verse und Sprüche

2 Zehn Wichtige Thesen zum Taijiquan von Chen Changxing

3 Die fünf Stufen der Entwicklung im Taijiquan von Großmeister Chen Xiaowang

Der erste Level des Gongfu im Taijiquan

Der zweite Level des Gongfu im Taijiquan

Der dritte Level des Gongfu im Taijiquan

Der vierte Level des Gongfu im Taijiquan

Der fünfte Level des Gongfu im Taijiquan

4 Interview mit Großmeister Chen Xiaowang

5 Technikserien mit Großmeister Chen Xiaowang

Schlusswort

Glossar

Die World Chen Xiaowang Taijiquan Association Germany

Die WCTAG-Familie

Großmeister Chen Xiaowang

Meister Jan Silberstorff

AusbilderInnen

LehrerInnen

KursleiterInnen

Übungsleiterinnen

Lotus-Press

Kalligraphie von Großmeister Chen Xiaowang

gong fu - große Fähigkeiten durch großen Einsatz

Danksagung

Natürlich gilt mein größter Dank meinem Shifu Chen Xiaowang, der mich wie einen Sohn und Freund in seine Familie aufgenommen hat. Ohne seine Unterweisungen gäbe es bis heute vermutlich nichts wahrhaft Sinnvolles, was ich zum Thema Taijiquan beitragen könnte. Auch Meister Shen Xijing sei an dieser Stelle ausdrücklich gedankt.

Für das Beisteuern ihrer Artikel danke ich Großmeister Chen Xiaowang, Gerhard Milbrat (auch für die Bereitstellung der Langwaffen für die Fotos) und Frank Marquardt; Anya Kurka für die Gestaltung des Stammbaumes, sowie Almut Schmitz und erneut Frank Marquardt für die formelle Bearbeitung des Manuskriptes, sowie Max Fischl für die gemeinsamen Telefonstunden zu Übersetzungsarbeiten. Ebenso Holger Neumeyer für die Fünf-Level-Skizze in letzter Minute.

Claudia Mohr danke ich für ihr unermüdliches Engagement, mir den Rücken so frei zu halten, dass ich die Zeit zur Fertigstellung dieses Buches finden konnte. Meinen Eltern danke ich dafür, dass sie mich so frei erzogen haben, dass ich meinen eigenen Weg im Leben (und dadurch zum Taijiquan) finden konnte, sowie Ulli, an deren Seite ich diesen Weg gehen darf.

Widmen möchte ich dieses Buch allen Menschen, die beschlossen haben, wirklich etwas aus ihrem Leben zu machen. Darüber hinaus denjenigen, die sich trotz aller Anstrengungen und Schwierigkeiten auf den Weg zum inneren Selbst gemacht haben und schließlich denjenigen, die das suchen oder sogar gefunden haben, was wir Gott nennen.

I

EINLEITUNG

1

Vorwort

Zunächst einmal möchte ich all meinen Schülerinnen und Schülern danken, die mich auf jedem Seminar wieder und wieder gebeten und aufgefordert haben, dieses Buch doch endlich fertig zu stellen. Ich glaube, ohne dieses Drängen würde es in zehn Jahren noch kein deutschsprachiges Buch über das Chen- Taijiquan in dieser Form geben. Und das, obwohl sich dieser ursprüngliche Stil des Taijiquan bereits 1994 in Deutschland etabliert hat. Nicht, dass es hier nicht auch vorher schon Unterrichtende für den Chen-Stil gegeben hätte, und natürlich sind wir auch als größter eigenständiger Taijiquan-Verband Deutschlands (und inzwischen auch Europas) nicht die Einzigen, die den Chen-Stil in Deutschland vertreten. Aber ich glaube, jeder wird bestätigen können, dass erst durch die Gründung der World Chen Xiaowang Taijiquan Association Germany, der WCTAG, der Chen-Stil hierzulande wirklich populär wurde. Einige Zeitschriften bezeichnen uns daher sogar scherzhaft als Chen-Stil-Monopolisten. Das ist natürlich Unsinn. Aber die WCTAG bietet erstmalig für ganz Europa ein komplettes, authentisches System des ursprünglichen Taijiquan. Sie hat dieser Kunst ihre Ganzheitlichkeit und ihre eigentliche Essenz zurückgegeben. Selbst in der VR China wird Taijiquan oft nur noch als gymnastisches Gesundheitsprogramm gehandelt. Nur wenige Ausnahmen wie unser Dachverband, die Taiji-Gemeinde in Chenjiagou, wissen noch um die eigentlichen Wurzeln dieser wunderbaren Kunst.

Die WCTAG hat sich einen Namen gemacht, wenn es um die Gesunderhaltung von Körper und Geist geht. Aber darüber hinaus hat sie es geschafft, auch in erfahrenen Kampfkunstkreisen und philosophischen Zirkeln Taijiquan wieder als das zu etablieren, was es eigentlich ist: Eine höchst bemerkenswerte, effektive Kampfkunst mit hohem gesundheitlichen und spirituellen Inhalt. Der Dank hierfür gebührt hauptsächlich meinem Shifu Chen Xiaowang, der diese Materie wie kein anderer auf der Welt nicht nur absolut beherrscht, sondern auch einen Weg gefunden hat, sie systematisch zu vermitteln. Auf der jahrelangen Suche nach einem wirklichen Meister traf ich auf die verschiedensten Menschen, die mir alle etwas mit auf den Weg geben konnten. All meinen Lehrern und Lehrerinnen bin ich dafür mehr als dankbar. Doch immer blieb etwas offen. Immer schien mir ein Teil des Taijiquan zu fehlen. Nämlich der, der dieser Kunst ihre wahre Tiefe gibt. Einige nennen dies das Geheimnis des Taijiquan. Für meinen Shifu gibt es keine Geheimnisse, dafür aber eine unglaubliche Offenheit und ein Verständnis der Dinge, wie ich es nie zuvor erlebt habe. Und er ist bereit, dieses Wissen mit allen zu teilen.

Zuerst durfte ich diese Offenheit und dieses Können durch Meister Shen Xijing erfahren. Als ich ihm das erste Mal begegnete und tief bewegt war von seinem Können, fiel es mir doch schwer, ihm zu glauben, dass er von niemand anderem als Chen Xiaowang gelernt hätte. Erzählte dies doch jeder, der Ausländer beeindrucken wollte. Aber dies kümmerte ihn kaum. Er wollte keinen Eindruck schinden. Im Gegenteil. Ich hatte ihm etwas zu beweisen. Wie in einem nostalgischen Kungfu-Film war ich sechs Wochen lang jeden Tag an seiner Tür vorstellig, wurde aber stets mit unterschiedlichen Erklärungen von seiner Frau abgewiesen. Nach sechs Wochen öffnete er endlich persönlich die Tür. Das Training begann. Etwa ein halbes Jahr später, nach ununterbrochenem Training, nahm er mich mit nach Chenjiagou, dem Ursprungsort des Taijiquan. Hier stellte er mich nicht nur der Familie von Chen Xiaowang vor – ich wurde später offiziell zum Nachfolgeschüler in der 20. Generation des Chen-Taijiquan geweiht. Von da an war der Weg für mich klar: Es hieß nur noch Training, Training, Training. Das war vorher eigentlich schon genauso. Nun aber ging es nicht nur um mich selbst, sondern auch um meine neue Familie. Denn nun hing auch ihr Ruf von meiner Entwicklung ab. Meine Lehrer zu ehren ist daher ein Hauptanliegen dieses Buches. Umgekehrt hätte ich ohne ihre Bewilligung, Befürwortung und Hilfe niemals die Seriosität, dieses Buch zu veröffentlichen.

Ein weiterer Beweggrund für dieses Buch ist die Tatsache, dass bereits ein Haufen deutschsprachiger Taiji-Bücher auf dem Markt ist. Ein Großteil davon scheint jedoch nicht einmal vorzuhaben, sich wirklich ernsthaft mit dem Thema zu beschäftigen. Die meisten Bücher beinhalten die bloße Darstellung der Formenabläufe und deren Beschreibungen. Taijiquan ist eine viel zu komplexe Kunst, als dass man auch nur einen Schatten davon mitbekommen könnte, wenn man es hauptsächlich auf diese Art und Weise lernen wollte. Ein wirklich verstehender Lehrer ist unbedingt erforderlich, möchte man auch nur den geringsten Level überschreiten. Lehrbücher dieser Art finden ihren Sinn daher lediglich in der Vorbereitung und der Erinnerung der äußerlich gezeigten Bewegungsabläufe und bieten so nur Anfängern eine wirkliche Bereicherung.

Dieses Buch soll darüber hinausgehen. Abläufe von Bewegungen werden nur insofern erläutert, als dass sie die Beschreibungen der eigentlichen Übungsinhalte unterstützen. Der Schwerpunkt dieses Buches liegt ganz eindeutig in der Erläuterung des Systems an sich. So genannte Geheimnisse sollen fundierten Erklärungen innerer Prinzipienarbeit weichen. Alles liegt einem Prinzip zugrunde. Dem Taiji-Prinzip. Diesem näher zu kommen, es begreifbar und wirklich verständlich zu machen, wie ich dieses allumfassende Wissen innerhalb der feinstofflichen Bewegungsstruktur des Taijiquan umsetzen kann, ist die Hauptaufgabe dieses Buches.

Der vor ein paar Jahren verstorbene Großmeister des Yang-Stils Fu Zhongwen sagte einmal zu mir: »Es gibt drei wichtige Voraussetzungen für das Erlernen von Taijiquan. Erstens: ein guter Lehrer, zweitens ein intelligenter Schüler und drittens Freiraum fürs Training.« Ich hoffe, mich der ersten Voraussetzung durch meine eigene Unterrichtstätigkeit, natürlich die meiner Lehrer und vielleicht auch durch dieses Buch ein wenig annähern zu können. Die Erfüllung der anderen zwei Bedingungen liegt dann an Ihnen, liebe Leserinnen, liebe Leser.

Ich wünsche Ihnen viel Spaß und eine Menge neuer Erkenntnisse beim Lesen dieses Buches. Ich freue mich auf die vielen anregenden Diskussionen zu dieser Thematik, die wir sicherlich in der folgenden Zeit des Lernens und Übens zusammen austragen können.

Jan Silberstorff

Sydney, Februar 1997

2

Vorwort zu dieser Ausgabe

Das vorliegende Buch wurde in den größten Teilen bereits 1997 fertiggestellt. Dass es erst heute erscheint, lehrt mich, dass es sehr viel einfacher ist, voller Euphorie etwas zu entwickeln, als dann aus dem ersten Produkt auch tatsächlich etwas zu machen. Ich finde mich bei diesen Gedanken in meinem eigenen Training wieder. Das Wichtigste ist mir immer gewesen, auf dem Übungsplatz zu stehen und für mich im Stillen die Sache zu entwickeln. So kam es dann auch, dass ich diese Manuskripte nach Fertigstellung über fünf Jahre quasi wieder vergessen hatte. Ich möchte mich damit entschuldigen, dass ich glaube, dass ohne entsprechenden Trainingsenthusiasmus auch kein qualifiziertes Buch möglich ist. Meiner Schülerschaft habe ich es zu verdanken, dass diese Manuskripte nun endlich erscheinen. Ohne ihre ständigen Erinnerungen hätte ich es vermutlich noch einige Jahre liegen lassen.

Um der Verspätung etwas Positives abzugewinnen, möchte ich erwähnen, dass ich dieses Buch noch um einige Artikel ergänzt habe, die in der ursprüglichen Version noch nicht denkbar waren.

Allen Dank meinen Schülern und Freunden, aber auch allen Taiji-Enthusiasten und Kampfkünstlern anderer Systeme, die sich seriös mit dieser Thematik befassen. Denn alle, die ernsthaft ihren Weg gehen und meinen dabei kreuzten, haben mich positiv beeinflusst.

Jan Silberstorff

Hamburg, Februar 2003

3

Anmerkungen zu diesem Buch

Dieses Buch erhebt keinesfalls den Anspruch auf Vollständigkeit. Im Gegenteil. Es beinhaltet lediglich eine Ansammlung von Gedankengängen zu den einzelnen Themen. Ich glaube zwar, dass diese Lektüre ein sehr umfassendes Bild über das System des Chen-Taijiquan vermittelt. Dennoch möchte ich mich schon jetzt dafür entschuldigen, dass sicherlich viele Fragen offen bleiben werden. Dies ist weder beabsichtigt noch ist es Zufall. Taijiquan ist ein fortwährender Prozess ohne Anfang und Ende. Wie falsch wäre es da, etwas über Taijiquan zu schreiben, was diesen Vollständigkeitsanspruch hätte.

Zu den Übersetzungen der einzelnen Bezeichnungen der Hand- und Waffenformen ist Folgendes anzumerken: Viele Bezeichnungen geben einfach den technischen Aspekt einer Bewegung wieder. Viele Bezeichnungen haben jedoch einen mythisch-legendären Hintergrund. Bei letzteren ist für den Laien die Bedeutung ohne kulturelles Hintergrundwissen häufig nicht ersichtlich. Oft kommen auch beide Bezeichnungen zu ein- und derselben Technik direkt hintereinandergesetzt vor. Wir wollten Ihnen eine kompakte, kurze Bezeichnung liefern, ohne dabei auf die teilweise wunderschönen und bedeutsamen Bilder hierzu zu verzichten. Daher versucht die hier gegebene Übersetzung beiden Bezeichnungsweisen gerecht zu werden, ohne unübersichtlich zu wirken. Manchmal sind weitere Bezeichnungen in Klammern hintenan gesetzt.

Dieses Buch hat ursprünglich sehr bewusst auf die weibliche und männliche Form geachtet. Begriffe wie »Schüler« hießen stets »SchülerInnen« oder »Schülerinnen und Schüler« und so weiter.

Beim Durchsehen fiel uns jedoch bald auf, dass diese Form zwar richtig ist, durch ihr ungewohntes Erscheinungsbild die Aufmerksamkeit jedoch immer wieder auf diese Ausdrucksform zog. Es ergab sich eine zu große Ablenkung vom eigentlichen Text. Da es sich um ein Sachbuch handelt, habe ich mich nach Besprechung gerade auch mit Vertreterinnen der weiblichen Leserschaft dazu durchgerungen, alles wieder in die (so gesehen) neutrale Form des männlichen Ausdrucks umzuschreiben.

Ich bitte hierfür um Verständnis. Natürlich sind mit den vorliegenden Texten alle Menschen gleichermaßen angesprochen.

4

Was ist Taijiquan?

Taijiquan (Tai Chi Chuan) ist eine alte chinesische Kampf- und Bewegungskunst. Sie dient der Lebenspflege, Gesundheit, der ganzheitlichen Entwicklung von Körper und Geist sowie der Selbstverteidigung. Sie ist meditativ und körperkräftigend, fördert die Entfaltung der inneren Energie (Qi) und ist als solche sowohl therapeutisch als auch kämpferisch einsetzbar.

Die Bewegungen sind sanft und fließend, voller Ausdruck, Schönheit und Energie. Taijiquan geht in seiner Art weit über normale Fitnessprogramme hinaus und kann durch seine essentielle Philosophie als Lebensweg, aber auch als Hobby beschritten werden. Sein gesundheitlicher Wert ist weltweit anerkannt, Krankenkassen übernehmen teilweise die Unterrichtsgebühren.

Als Kampfkunst folgt es den Überlieferungen traditionellen Übungsgutes, welches gerade heute in allen Situationen einsetzbar ist. Es ist der wohl am weitesten verbreitete Gongfu- (Kung Fu-) Stil der Welt.

Dieses vor Jahrhunderten in der Chen-Familie entstandene System macht sich die Philosophie von Yin und Yang, deren Wandlungsphasen sowie der Harmonisierung von Körper, Geist und Seele zu nutze. Es verbindet Selbstverteidigungsbewegungen (Wushu) mit der Führung der inneren Energie (Qigong) und gilt daher als innere Kampfkunst. Da innere Energie anstelle von Muskelkraft gesetzt wird, ist Taijiquan von Jung und Alt, Mann und Frau, Klein und Groß gleichermaßen erfolgreich ausübbar.

Seit Mitte des letzten Jahrhunderts wurde Taijiquan auch an Interessierte außerhalb der Chen-Familie weitergegeben. Hieraus entwickelten sich die verschiedensten Stile, z.B. die der Yang-, Wu-, Wuu- und Sun-Familie.

Der Chenstil ist der Ursprung aller Taiji-Familien-Systeme und hat sich inzwischen auf der ganzen Welt verbreitet. Taiji beschreibt den Menschen als Verbindung (Bindeglied) zwischen Himmel und Erde und gibt ihm seinen Sinn (Dao).

Jan Silberstorff

II

DAS SYSTEM DES TAIJIQUAN

1

Ein paar Fakten zur Geschichte des Taijiquan

»Taijiquan ist eine Jahrtausende alte Kampf- und Bewegungskunst.« Immer wieder taucht dieser Satz auf Werbezetteln in der ganzen Welt, sogar in der VR China, auf. Werbewirksam ist er und gut klingen tut er auch. Aber ich denke, es ist langsam an der Zeit, all die Mythen und Legenden näher zu durchleuchten, um dem Kern der Sache näher zu kommen. Wie viele Menschen setzen die ersten Jahre ihres Taijiquan-Trainings in den Sand, nur weil sie mit falschen Informationen gefüttert und hingehalten werden. Dabei ist vieles doch so einfach: Taijiquan ist ursprünglich eine Kampfkunst. Das bestreitet niemand. Aber kann es sein, dass man zwanzig, dreißig, vielleicht sogar vierzig Jahre Übung braucht, bis die Kampfkunst wirksam wird? Das zumindest wollte man mir immer einreden. Ich stellte mir einen jungen Soldaten vor, der trainiert wird, um seine Heimat verteidigen zu können. Soll der Grundwehrdienst etwa dauern, bis er Großvater ist? Nein. Taijiquan ist eine Kunst der Gesunderhaltung und Selbstverteidigung, die einen von Trainingseinheit zu Trainingseinheit die Fortschritte effektiv spüren lässt. Nur wer nicht weiß, wie er wirklich zu trainieren hat, übt jahrzehntelang ohne nennenswerten Erfolg. Mein Shifu vergleicht dies immer mit einer Fahrt im Auto von Hamburg nach Paris. Wenn ich eine Landkarte habe, kann ich zügig mein Ziel erreichen und innerhalb eines Tages da sein. Fahre ich hingegen ohne Karte und gibt es auch keine Straßenschilder, werde ich vermutlich mein Leben lang umherirren und mein Ziel, wenn überhaupt, per Zufall irgendwann einmal, vermutlich aber nie finden. Ein Großteil aller, die Taijiquan üben, fährt ohne Landkarte. Auch in der VR China.

Auf der anderen Seite ist selbst mit einer guten Landkarte ein Leben sicherlich nicht genug, um alle Tiefen dieser so umfangreichen Kunst wirklich erfahren zu können. Das ist ja das Schöne am Taijiquan: Ich werde immer besser, je länger ich lebe. Und das ist auch ein sinnvoller Grund dafür, dass Taijiquan das Leben verlängern kann: Damit ich noch mehr Zeit habe zu lernen.

Als ich 18 war und meinte, mich wohl langsam damit anfreunden zu müssen, dass der Spaß des Lebens demnächst vorbei sei – warteten doch so viele schreckliche Dinge wie erwachsen sein, arbeiten, Rentenbeiträge bezahlen und so weiter auf mich –, fiel mir plötzlich etwas Erstaunliches auf: Je älter ich werde, um so mehr kann ich lernen. Jeden Tag kann ich neue Dinge erleben und erfahren, kann mich verbessern und neue Einsichten bekommen. Der Weg der Weisheit, das ist es. Und schon hatte ich alle Pubertätskrisen überstanden und die Midlifecrisis gleich vorbeugend mit überwunden. Nun musste nur noch eine Methode her. Eine Kunst, an der ich wachsen konnte. Spirituell musste sie natürlich sein und, da ich auch immer schon Superman sein wollte, musste sie natürlich auch irgendetwas mit Superkräften und Selbstverteidigung zu tun haben. Es musste einfach irgendetwas Abenteuerliches sein. In meinem Alltag sollte sie mich natürlich fit und gesund halten. Und voller weiser Sprüche sollte sie sein, so wie bei den alten Meistern mit den langen Bärten in den Kungfu- Filmen. Mit einem Wort: Taijiquan.

Was ich dann allerdings zu Gesicht bekam, machte nicht den Eindruck, als würde ich dadurch ein toller Kerl werden, fit und standhaft, weise und schön. Mit der Zeit begriff ich zwei Dinge. Erstens: Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Und vor allen Dingen ist längst nicht überall Taijiquan drin, wo Taijiquan draufsteht. Und zweitens: Um ganz groß zu werden, muss man erst einmal ganz klein anfangen. Die erste Weisheit war geboren: In der Bescheidenheit liegt die Vervollkommnung. Viele tägliche Trainingsstunden sollten folgen, um mich Stück für Stück der erträumten Meisterschaft ein bisschen näher rücken zu lassen. Die Chinesen nennen dies chi ku – »bitter essen«. Oder gong fu – »sich mit viel Zeit und Mühe Fähigkeiten erwerben«.

Aber auch der längste Weg beginnt mit dem ersten Schritt. Damit wir aber keine Umwege gehen, wollen wir uns klar darüber werden, was Taijiquan überhaupt ist und wie man es trainieren kann. Dies jedenfalls ist der Sinn und Zweck dieses Buches.

Wie alt ist Taijiquan denn nun wirklich? So wie wir es heute kennen, gibt es Taijiquan seit etwa 350 Jahren. Es war ein General des 17. Jahrhunderts, der nachweislich den Grundstein für das legte, was wir heute als Taijiquan in all seinen verschiedenen Ausrichtungen kennen. Wir wollen jedoch noch weiter zurückgehen. Wir können uns vorstellen, dass die erste Amtshandlung des Menschen, nachdem er vom Baum heruntergeklettert war, ungefähr darin bestand, die Kokosnuss, die er noch in der Hand hielt, seinem Nächsten auf den Kopf zu hauen. Beim zweiten Mal jedoch – sein Nachbar war ja nicht blöd – versucht dieser der Kokosnuss auszuweichen oder aber hat selbst schon eine parat. Dies kann man als Kultur bezeichnen; es finden Lernprozesse statt. Kampfkunst in der simpelsten Form ist so alt wie der Mensch selbst. Auch Methoden zur Gesunderhaltung gibt es schon seit Menschengedenken. Vielleicht so: Der erste Mensch wacht morgens auf und was tut er? Er reckt und streckt sich. Er empfindet dies als angenehm und kultiviert es. Das eine nennt man heute Kampfkunst, das andere wird in der Moderne als Gymnastik oder weiterentwickelt in China als eine Form des Qigong bezeichnet. Früher wurden Streck- und Dehnübungen, die das Ziel hatten, Meridiane freizulegen und Energie zirkulieren zu lassen, Daoyin genannt. Diese Bewegungsformen wurden mit bewusster geistiger Führung getätigt, so dass Aufmerksamkeit, Bewegung und Energie zusammenflossen. Atemtechniken wurden damals als Tuna bezeichnet. Was man seit diesem Jahrhundert als Qigong bezeichnet, ist vielfach eine Zusammenführung beider Techniken. Was war jetzt aber das Besondere am Taijiquan? Jeder Kampfkünstler hat schon immer etwas für seine Gesundheit getan.

Nehmen wir abwechslungshalber einmal einen japanischen Samurai: jeden Tag bereit, um sein Leben zu kämpfen. Man stelle sich vor, er wacht eines Morgens auf und es geht ihm gar nicht gut. »Oach«, sagt er, »bin ich fertig heute. Ich bin heute überhaupt nicht in Form, ich denke, ich mache heute frei.« Aber gerade an diesem Tag begegnet ihm die große Herausforderung, sein härtester Kampf. Kurzum, auch wenn ein Samurai selbstverständlich sein Leben jederzeit im Kampf mit Freuden hergibt, so möchte er sich doch so teuer wie möglich verkaufen. Er kann es sich als Krieger demnach nicht leisten, einen schlechten Tag zu haben. Also wird er Methoden trainieren, die ihn körperlich und geistig fit halten. Kampfkunst und Zen beispielsweise. Oder Kampfkunst und Qigong.

General Chen Wangting, selbst ein großer, schlachterprobter Kampfkünstler, diente jahrelang der Ming-Dynastie, beschützte Reisende und kämpfte gegen aufrührerische Truppen. Als aber um 1644 die Ming-Dynastie gestürzt wurde und die Qing an die Macht kamen, verfielen all seine erkämpften Ehrungen und sein einmal gewonnener Status war dahin. Er zog sich zurück in seine Gemeinde nach Chenjiagou und dachte über das Geschehene nach.

Chenjiagou entstand im 14. Jahrhundert. Es ist noch heute ein kleines Dorf, an dem der Fortschritt vorübergezogen zu sein scheint. Gegründet wurde es damals von Chen Bo, den man als erste Generation der Chen-Familie zählt. Er kam aus der Provinz Shanxi. Diese Provinz litt angeblich unter Überbevölkerung und viele Familien wurden in die benachbarte Provinz Henan ausgesiedelt. Diese war durch Kriegswirren quasi leergefegt. Als Chen Bo mit seinem Clan dort eintraf, lagen die vorherigen Bewohner des Landstriches Wen buchstäblich tot in der Gegend herum. Also säuberten die Leute um Chen Bo die Umgebung und gründeten vorübergehend die kleine Gemeinde Chen Bo Zhuang (»die Gemeinde des Chen Bo«). Zwei Jahre später siedelten sie um, in das in der Nähe gelegene heutige Chenjiagou, den »Graben der Chen-Familie«. Hier war besserer Ackerbau möglich. Jedoch, wie es damals in den Bürgerkriegswirren wohl üblich war, hielten Banditen die Gegend unter Beschuss. Ich weiß nicht, ob man es sich wie bei den »Sieben Samurai« vorstellen muss, jedoch reinigte Chen Bo die Gegend kurzerhand von ihren Banditen. So wurden er und die damals schon innerhalb der Familie gepflegte Kampfkunst im Landkreis Wen schnell berühmt. Schon damals wurden Nachbarn der Chen-Familie von dieser in Kampftechniken unterwiesen. Chen Bo kam ursprünglich aus den ländlichen Bezirken der Shanxi-Provinz und zog von dort zuerst nach Hongtong. Die Stadt Hongtong war bekannt für ihre Kampfkunst (Hong-)Tongbeiquan. Es wird vermutet, dass Chen Bo diese Kampfkunst mit in die neue Gemeinde, das heutige Chenjiagou, brachte.

Chen Wangting in der neunten Generation erkannte nun durch seinen Fall die Wertlosigkeit weltlichen Ruhmes. Er bemerkte, dass nichts von Dauer ist, sich alles wandelt und es keinen Sinn hat, an etwas festzuhalten. Er studierte Daoyin und Tuna und ließ sich stark von den daoistischen Lehren beeinflussen. Er schrieb einmal: »In Anbetracht der vergangenen Jahre, wie tapfer ich kämpfte gegen die feindlichen Truppen und was ich alles riskierte; all die Ehre, sie nützt mir nun nichts. Jetzt, alt und schwach, lasse ich mich leiten von dem Buch vom Huang Ting. Leben besteht für mich im Kreieren von Boxformen, wenn ich deprimiert bin, der Feldarbeit, wenn die Saison da ist, und dem Unterrichten der Nachkommen in der freien Zeit, so dass aus ihnen wertvolle Mitglieder der Gesellschaft werden.« Er verband erstmals die Idee von Daoyin und Tuna mit der Kampfkunst. Er entwickelte ein System, das gesundheitsfördernde Übungen des Qigong und kämpferische Bewegungen des Wushu in ein- und demselben Moment zuließ. Beide Bereiche verbinden sich darin zu einer Einheit. Er griff Bewegungen der Selbstverteidigung auf und überführte sie in eine von ihm entwickelte spezielle Art des Qigong. Er nannte diese Cansigong, die »Übungen der Seidenraupe«. Was früher zwei verschiedene Bereiche waren, wurden nun eins. Er führte die Meridianlehre in die Kampfkunst ein und ersann die Übungen der »Schiebenden Hände«, Tuishou, die in zuvor bekannten Systemen nicht erwähnt wurden. Als alt gedienter General stand Chen Wangting zu der Kampfkunst, die seine Familie pflegte, ein immenses Hintergrundwissen und Können zur Verfügung. Er gründete sein System hauptsächlich auf das Werk eines Generals aus dem 16. Jahrhundert: Qi Jiguang hatte in seinem Werk »Ji Xiao Xin Shu - das neue Buch der effektiven Techniken (Disziplinen)«, in dem 14. Kapitel über die „32 Formen des Boxens" die Schwerpunkte der damals bekannten Boxsysteme zusammengefasst. Chen Wangting übernahm einen Großteil der Stellungen aus dem Werk und änderte sie entsprechend seiner Theorie ab. Er schuf fünf Formen, die später als Taijiquan bekannt wurden, eine Form »Langboxen « mit 108 Figuren sowie eine Form Paochui (Kanonenschlag). Zu den verschiedenen Waffenformen kreierte er die »Klebenden Speerübungen« und, wie schon erwähnt, die Schiebenden Hände. Dies sind Übungen, bei denen die Übungspartner ohne Verletzungsgefahr auf weiche Weise lernen können, ihre Energien einzusetzen. Doch mehr dazu in den folgenden Kapiteln.

Auch wenn in den letzten Jahrzehnten Legenden über einen mystischen Ursprung des Taijiquan verbreitet wurden, gilt es doch als historisch erwiesene Tatsache, dass die heute bekannten Systeme des Chen-, Yang-, Wu-, Wú-, Sun- und Zhaobao-Stils auf Chen Wangting zurückzuführen sind. Anerkannte Quellenforscher wie Gu Liuxin und Tang Hao haben dies offiziell nachweisen können. Hier kurz einige ihrer Ergebnisse: Das Buch von Qi Jiguang erwähnt alle großen Boxstile, nicht aber so etwas wie Taijiquan. Von Chen Wangting sind authentische Nachweise über das Taijiquan erhalten, die sich wiederum klar auf das Werk von Qi Jiguang beziehen. Weiter lässt sich von allen großen Taiji-Meistern der oben genannten Stilrichtungen eine Beziehung zu Chen Wangting zurückverfolgen, das wird auch im unten dargestellten Stammbaum ersichtlich.

Chen Wangting jedoch lässt sich auf niemanden zurückführen. Somit muss Chen Wangting als Urbegründer des Taijiquan aller gängigen Stilrichtungen gelten. Zudem gibt es keine Aufzeichnungen über Übungen der Schiebenden Hände aus der Zeit vor Chen Wangting. Wer mehr über diese Dinge erfahren möchte, sei auf das Buch »The best of the Journal of Chen Style Research Association of Hawaii« (erhältlich im WCTAG-Versand) verwiesen. Hierin ist eine Vielfalt von Quellentexten, Originaldokumenten, Auszügen aus staatlichen Geschichtsbüchern sowie den Familienannalen des Chen-Clans enthalten.

Bereits Chen Wangting hatte Schüler, die nicht der Chen-Familie entstammten. Insofern ist die Geschichte von Yang Luchan, der als erstes Nichtfamilienmitglied bei der Chen-Familie lernen durfte, so ähnlich wie die von Christoph Kolumbus, der Amerika entdeckt hat. Kolumbus war nicht wirklich der erste, aber er war der erste, der es publik gemacht hat. So war auch Yang Luchan nicht der erste, der bei der Chen-Familie als Außenstehender lernen durfte. Aber er war der erste, der Taijiquan öffentlich unterrichtete und damit seinen Lebensunterhalt bestritt. Und damit begann Taijiquan in weiteren Kreisen bekannt zu werden.

Diese Entwicklung im Taijiquan erfolgte fünf Generationen nach Chen Wangting, nachdem Chen Changxing (14. Generation) die sieben Formen des Chen Wangting zu zweien zusammengefasst hatte. Er kreierte die beiden Formen, die wir heute als erste und zweite Form des traditionellen Chen-Stils (Yilu und Erlu Laojia) kennen. Die erste Form Laojia Yilu diente maßgeblich als Basis für alle später entstandenen Taiji-Systeme, wie sie oben aufgezählt wurden.

Jener Chen Changxing nahm später den Hausdiener eines Verwandten als Schüler bei sich auf. Die Chen-Familie unterhielt damals eine Apotheke in der Ortschaft Yongnian im Landkreis Handan der Provinz Hebei, welche heute noch Wohnsitz der Yang- und der Wu-Familie ist. Der Name des Hausdieners war Yang Luchan (Geburtsname Yang Fukui). Er war aus einer kleinen Apotheke in seinem Heimatdorf in das winzige Dorf Chenjiagou gekommen. Da Yang Luchan der Chen-Familie diente, war er oft anwesend, wenn Chen Changxing mit seinen Schülern trainierte. Seine Begeisterung wuchs derart, dass Chen Changxing ihn bald als Schüler annahm.

Man muss dabei bedenken, dass der Schritt, jemanden als persönlichen Schüler aufzunehmen, ernsthafter Überlegung bedurfte und auch heute noch bedarf. Heute ist es üblich, eine Gebühr zu erheben, die es dem Lehrer ermöglicht, die für den Unterricht geopferte Zeit woanders wieder freizumachen. Die direkte Lehrer-Schüler-Beziehung hatte und hat aber nichts mit kommerziellen Aspekten zu tun. Wird man als direkter Schüler erst einmal akzeptiert, wird man quasi in die Familie aufgenommen. In guten wie in schlechten Zeiten. Es ist dann etwa so, als unterrichte der Lehrer sein eigenes Kind. Nachvollziehbar, dass er von diesem kein Geld verlangt.

Sie haben das Ende dieser Vorschau erreicht. Registrieren Sie sich, um mehr zu lesen!
Seite 1 von 1

Rezensionen

Was die anderen über Chen denken

5.0
1 Bewertungen / 0 Rezensionen
Wie hat es Ihnen gefallen?
Bewertung: 0 von 5 Sternen

Leser-Rezensionen