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Der Parallelzwilling: Zeitsprung zur Wahrheit

Der Parallelzwilling: Zeitsprung zur Wahrheit

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Der Parallelzwilling: Zeitsprung zur Wahrheit

Länge:
449 Seiten
6 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 3, 2011
ISBN:
9781466019324
Format:
Buch

Beschreibung

Daniel Balting ist ein auf dem ersten Blick unscheinbarer Mann, der in einer offensichtlich perfekten Zukunft lebt. Doch eines Tages stößt er zufällig auf ein schreckliches Geheimnis, das den Tod seiner Eltern umgibt. Wurden sie womöglich ermordet? Je intensiver er nachforscht, desto verwirrender scheint das Rätsel. Geschockt und verzweifelt sieht er nur eine Lösung: Er fasst den Entschluss, in seine eigene Vergangenheit zu reisen, um die Wahrheit zu erfahren.

Begleiten Sie Daniel Balting auf seiner spannenden Suche nach der Wahrheit durch Trauer, Wut, Angst, Verzweiflung, Hoffnung und Zuversicht. Erfahren Sie aus erster Hand, welches unfassbare Geheimnis hinter dem Tod seiner Eltern steckt und wie es zum Schlüssel für das Schicksal der ganzen Menschheit wird.

Mit faszinierender Science Fiction und atemberaubender Spannung entführt dieses Buch den Leser in eine sagenhafte Zukunft. Die fiktive Autobiographie bietet ein spannendes Rätsel, wichtige Lehren und einmalige Einblicke in die Gefühls- und Gedankenwelt des Protagonisten und lässt keine Wünsche offen.

Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 3, 2011
ISBN:
9781466019324
Format:
Buch

Über den Autor


Buchvorschau

Der Parallelzwilling - Andreas Dörrich

Der Parallelzwilling -

Zeitsprung zur Wahrheit

Andreas Dörrich

Roman

Andreas Dörrich, »Der Parallelzwilling - Zeitsprung zur Wahrheit«

Smashwords Edition

© 2011 der vorliegenden Ausgabe: Verlag Andreas Dörrich

© 2011 Andreas Dörrich

Alle Rechte vorbehalten

Satz: Andreas Dörrich

Umschlag: Andreas Dörrich

Illustrationen: Andreas Dörrich

Smashwords Edition, License Notes

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Kapitel 1: Der große Tag

Ich habe nicht gewollt, dass es so endet. Ständig denke ich darüber nach. Hätte ich das alles nur vorher gewusst. Andererseits, was hätte das geändert? Welchen Fehler habe ich gemacht und an welcher Stelle habe ich die Kontrolle über das Alles verloren? Einer Sache bin ich mir bewusst: Ich muss die Ereignisse erzählen und meine Erkenntnisse weiter geben. Nur, wenn die Menschen wissen, was passiert ist, können sie verhindern, dass so etwas noch einmal geschieht. Die Lehren meiner Geschichte müssen bestehen bleiben. Aber wem könnte ich es anvertrauen, der mich nicht für verrückt halten würde? Wie könnte ich der Welt begreiflich machen, was ich zu sagen habe, ohne meine Existenz zu gefährden? Ich glaube es ja selber kaum noch. Aber was ich hier aufschreibe ist das, was wirklich geschah. Ich schreibe es nieder in der Hoffnung, dass die Menschheit daraus eines Tages die nötigen Lehren ziehen kann.

Eigentlich begann das Wochenende ganz normal. Es war der Morgen des 27. Mai im Jahre des globalen Friedens 73. (hier in der Gegend sagt man eher ‚a.p. 73‘, als Abkürzung für ‚anno pacis‘, was im Lateinischen ja ‚Im Jahre des Friedens‘ heißt) Im Grunde wie jeder andere Sonntag auch, nur dieser sollte ein ganz besonderer Tag werden. Nach vielen schönen Träumen holte mich der Induktor aus dem Tiefschlafmodus. Aus Angst, vor Nervosität nicht schlafen zu können, stellte ich ihn am Abend zuvor ein. Ich weiss, man soll eigentlich nicht an seinem Gehirn herum manipulieren, aber ich wollte unbedingt fit sein. Noch mit vom Schlaf verklebten Augen murmelte ich „Wie viel Uhr ist es?. Mit einer bemerkenswerten Lautstärke bei dem Satz, „ES IST ACHT UHR UND ZWÖLF MINUTEN, hat der sonst mit einer sympathischen, hellen Frauenstimme sprechende Computer wohl sicher stellen wollen, auch noch den letzten Rest Müdigkeit aus mir heraus zu jagen. Es brauchte ein paar Sekunden bis ich realisierte, welcher Tag eigentlich war. Als es mir wieder in den Sinn kam, räkelte ich mich aus dem Bett. Es hat doch seine Vorteile, wenn man mal alleine in seinem Doppelbett schläft. Verwundert, wie ich wohl im Schlaf in so eine wahnwitzige Stellung kommen konnte (Ich lag mit dem Kopf in der unteren Linken Ecke und hatte auf dem Bauch liegend alle Viere von mir gestreckt), ging ich ins Bad.

Zur Feier des Tages nahm ich eine richtige Wasserdusche. Heutzutage ist es ja schon verpönt, mit richtigem Wasser zu duschen. Das sei nicht hygienisch und wäre überhaupt viel zu aufwändig. Die Hygienedesinfizierer habe ich eigentlich nie gemocht. Dieses Kribbeln auf der Haut, dieses schrille Geräusch, das ist mir einfach unangenehm. Na gut, es dauert nur 10 Sekunden und man ist sauber, keimfrei und duftet wieder wie ein... na ja wie ein frisch desinfizierter Neuwagen halt. Aber ich bin doch kein Auto! Richtiges Wasser über seinen Körper laufen zu lassen, sich mit Seife einzuschäumen und abzuduschen, danach FÜHLT man sich nicht nur sauber, sondern man riecht auch wirklich nach etwas.

Nachdem ich nach frisch gepflückten Veilchen duftend und vom warmen Luftstrom getrocknet, sowie rasiert und mit gekämmten Haaren das Bad verließ, ging ich zum Kleiderschrank. Da ich selber nicht viel für Mode übrig habe, musste ich mich auf den Geschmack des Computers verlassen.

„Computer, such mir etwas Passendes zum Anziehen"

„Gerne, Daniel. Zu welchem Anlass soll es passen?" wollte dieser wissen.

„Etwas Besonderes soll es sein. Irgendetwas halt, in dem ich gut aussehe!" forderte ich von ihm.

Gerade als mir klar wurde, dass er die Situation schamlos ausnutzen würde, hörte ich schon ein „Lade Ganzkörperverkleidung V14!" von ihm.

„Sehr witzig, entgegnete ich, „Wer kam nur auf die Idee, dass Hauscomputer auch Humor haben müssen?

„Kleiner Scherz! Sie haben es so gewollt, Sie haben schließlich den Realmodus gewählt. Ich lade Ihnen ein Top modisches Dress, passend zu diesem Wetter. Sie wird Augen machen!" versicherte die fröhliche Computerdame in ihrer gewohnt heiteren Art.

Von meinem guten Aussehen nun fest überzeugt, ging ich schließlich ins Esszimmer. Im Grunde sieht das Zimmer wie jedes andere Esszimmer aus. In dem hellen quadratischen Raum fällt der runde Metalltisch sofort ins Auge. Er ist weiß und umringt von vier schwarzen kantigen Stühlen. Durch das großflächige Fenster an der gegenüberliegenden Seite der Tür scheint morgens die Sonne hinein. Das heißt natürlich, sofern das Fenster gerade durchsichtig gestellt ist. Zur Linken ist eine weiße Kommode, die mit zwei Türen und zwei mal drei Schubladen über die ganze Seitenwand verläuft. Auf ihr steht eine altmodische Skulptur. Sie besteht im Grunde nur aus zwei gewundenen Steinsäulen (ich glaube es ist etwas ganz seltenes wie Marmor), die sich mit etwa sieben Zentimetern Durchmesser auf einer Breite von fast einem Meter gegenseitig umschlingen. Dabei bilden sie fast so etwas wie eine liegende Acht (oder auch „Lemniskate"). Auf der rechten Seite des Raumes ist eingerahmt von zwei großen Bildern der Nahrungserzeuger mit seiner schwarz glänzenden Glasscheibe.

Ich setzte mich wie immer auf den Stuhl an der linken Seite, wo ich genau auf die Bilder schauen konnte. Oft saß ich nur so da und sah sie mir an. Es beruhigte mich und gab mir ein Gefühl von Sicherheit. Was es mit diesen Bildern genau auf sich hat und welche besondere Rolle sie in meinem Leben spielen, dazu komme ich später noch. Jedenfalls saß ich da ein wenig im Gedanken, als mir wieder einfiel weswegen ich überhaupt in diesen Raum ging: Frühstück! Am Nahrungserzeuger bestellte ich schließlich mein Lieblingsfrühstück, welches aus Rührei mit Speck und einem Brötchen bestand. Einmal auf einem Ausflug zur Gliese 581 Kolonie aß ich richtigen Speck von einem richtigen... na ja ein Schwein war es sicher nicht, aber es hatte doch verblüffende Ähnlichkeit damit. Es schmeckte bemerkenswerter Weise doch fast genau wie unser nachgemachtes Synthetik- Schwein. Ich empfand bei dem Gedanken eigentlich auch keinerlei Ekel, etwas zu essen, was wirklich einmal gelebt hat. Ich hatte eher das Gefühl, dass so der natürliche Lauf der Dinge sei.

Mit meinem Frühstück inklusive dem Philox- Tee setzte ich mich wieder auf den Stuhl und studierte auf der Holographischen Anzeige die neuesten Meldungen. Es gab nichts Besonderes, die Demokratische Fortschrittspartei (DFP) hat wieder ein paar Unterstützer an die Konservative Friedenspartei (KFP) verloren. Viele mögen es als schamhaftes Desinteresse betrachten, aber ich überfliege im Anschluss auf die Erdpolitik die extraterrestrischen Meldungen nur, wenn sie nichts mit der Erde zu tun haben. Daher war ich mit der morgendlichen Lektüre wieder recht schnell fertig und widmete mich der weiteren Tagesplanung. Ich war wie gesagt ziemlich nervös. Mein Vorsatz, das Frühstück an meinem freien Tag -ach was sage ich, an DEM Tag- richtig zu genießen, war dem entsprechend gleich vergessen. Nach einer neuen Rekordzeit für mein Frühstück stellte ich also das Geschirr zurück in den Nahrungserzeuger und drückte die Recyclingtaste. Schließlich verließ ich das Haus, dachte zum Glück im letzten Moment an meine Schuhe, und rief ein Shuttle. Hier in der Gegend bekommt man meist ein recht neues Standardmodell mit einem G71.32 Navigator und einem 814 Megajoule Antrieb.

Es war zwar wieder ein herrlicher Tag. Aber davon bekam ich nicht viel mit. Ich sprang in das Shuttle, als mir ein Blick auf die Systemzeit sagte, dass ich nicht mehr viel Zeit hatte. ‚Fast Viertel nach Neun, nur noch drei Stunden!‘ Hastig wies ich den Bordcomputer an: „Ziel: Stadtzentrum!"

Das Zentrum von Ruhrstadt war eigentlich immer schon einen Aufenthalt wert. Diese Stadt hat eine gewaltige Geschichte. Sie hat viele Gesichter und ist nicht nur wegen ihrer Rolle bei den ersten großen Friedensverhandlungen vor über 80 Jahren weltberühmt geworden. Das Ziel wurde dabei bekanntlich auch nicht verfehlt. Diese Stadt hatte den Verhandlungsführern gezeigt, dass so, wie sich schon genau 100 Jahre zuvor Dortmund, Bochum, Essen und alle anderen Städte, die einst das Ruhrgebiet bildeten, zur Ruhrstadt vereinten, es auch für den Rest der Welt keine unüberwindbaren Hindernisse gab. Alle Feindseligkeiten wurden überwunden, kulturelle Unterschiede wurden akzeptiert. Schließlich erkannte die Menschheit, dass wir auch eine geschlossene Kultur sind. Nur mit vielen Facetten, die uns gerade einzigartig machen und unseren Charakter definieren. Der Tag der Unterzeichnung der „Verfassung der Erde" wurde also zu dem ersten Tag im ersten Jahr des globalen Friedens. Man kann die Zuversicht aus diesen Tagen auch heute noch überall spüren, doch ganz besonders wenn man durch das Zentrum von Ruhrstadt geht.

Fast jeder Besuch im Zentrum beginnt an dem großen Denkmal. Aber meine Eile ließ mir keinen Sinn für Kultur, Wetter, die netten Leute und die schönen Geschäfte. Am Terminal angekommen, kannte ich nur ein Ziel. Ich hastete zwischen den Gebäuden zu dem kleinen Geschäft, das ich letzten Winter entdeckte. Schlecht zu finden versteckte es sich hinter der großen Bibliothek. Unscheinbar, ohne ein großes Schild oder Werbetafeln. Es war einer dieser Läden, die man wahrscheinlich nie betreten würde, wenn es die Mundpropaganda nicht gäbe. Ich ging hinein und begrüßte den älteren Herrn hinter dem großen gläsernen Tresen. Er war hoch aufgeschossen, hatte schütteres, im Ansatz leicht ergrautes Haar und einen Vollbart, mit dem er sehr vertrauenserweckend aussah. Anscheinend hatte er mich gleich erkannt:

„Herr Balting, Sie habe ich hier ja noch gar nicht erwartet!" sagte er mit einer leicht kratzigen, hustenden Stimme. Meine Miene versteinerte und als ich mich gerade bereit machte, in Panik zu geraten, fügte er hinzu:

„Ich dachte sie kommen frühestens um Elf! Es ist kaum zwanzig vor Zehn, Sie haben noch fast drei Stunden!" Man konnte den Felsbrocken direkt hören, wie er mir vom Herzen fiel und ich brachte auch keinen Ton mehr raus.

„Keine Angst, ich bin fertig. Er griff unter die Theke und holte ein kleines Schächtelchen hervor, das er mir sogleich mit den Worten „Bewahren Sie es gut auf, es ist etwas ganz besonderes. in die Hand gab.

Ich atmete einmal tief durch und griff herzlich seine Hand. Dann steckte ich die Schachtel in meine Hosentasche und hastete zum nächsten Terminal. In Ruhrstadt sind es die Modernsten. Es ist einfach eine vierspurige Sackgasse. Neben jeder Spur ist jeweils ein Bürgersteig, zu denen eine niedrige Brücke führt. An den Bürgersteigen fahren stets Shuttles verschiedener Größen langsam vorbei, sodass man nur einsteigen braucht und nicht erst warten muss, bis eines aus der nächsten Garage gekommen ist. In Stoßzeiten sind alle Spuren in Benutzung aber da es noch ziemlich leer in der Stadt war, fuhren nur an dem vordersten Shuttles. Ich stieg ein und nannte das Ziel: „Raumhafen London"

Mein Shuttle fuhr aus der Stadt und in den Untergrundtunnel. Die Fahrt kam mir wie eine Ewigkeit vor, obwohl es ja nur wenige Minuten dauerte, bis wir am Ziel angelangten. Ich verließ das Shuttle an dem riesigen Nahverkehrsknotenpunkt direkt am Haupteingang. Den Raumhafen betrat man durch das große gläserne Portal, in das sich dicht Menschen drängten. Drin angekommen sieht man direkt zur Uhr hinauf. Wer schon einmal da war, weiß, wie einschüchternd der 1:2 maßstabsgetreue Nachbau des „Clock Towers mit dem berühmten „Big Ben Uhr in der Eingangshalle wirkt, um dessen untere Hälfte Herum die Holographischen Anzeigen für die Starts und Landungen angebracht sind. Es war nun Viertel nach Zehn. Nach einigen Minuten verzweifelter Suche fand ich den gesuchten Eintrag, er sagte mir, dass das Raumshuttle planmäßig um 12:23 Uhr landen würde. Der Ausgang H 35 war auch nicht weit entfernt, so entschied ich mich, zu laufen. Ich hatte jetzt ja noch genügend Zeit. Die ganze Zeit hatte ich so eine Panik, zu spät kommen zu können, dass ich nun viel zu früh dran war! Aber wem ist das nicht schon selber einmal passiert?

Der Spaziergang durch die geschäftige Meute tat mir gut. Er half mir, wieder auf den Boden zu kommen. Ich sagte mir ‚Sei ruhig, Du bist rechtzeitig angekommen. Du hast noch massig Zeit, Du hast alles erledigt und jetzt kann erst einmal nichts mehr schief gehen!‘ Mir war zuvor nie aufgefallen, welche Masse an Menschen doch ständig durch diesen Hafen hetzen. Das müssen Hunderttausende sein, die dort ständig auf und ab laufen. Zugegeben, auf über drei Kilometern Länge kann die Eingangshalle schon einige Menschenmengen beherbergen. Aber mit ihrem wahnsinnig hohen Glasdach verleiht sie dem Besucher eher ein Gefühl von Ruhe und wegen der runden Form überblickt man außerdem nur einen Bruchteil der gesamten Fläche. Die Halle ist wirklich sehr schön eingerichtet. Trotz des geschäftigen Treibens wirkt es dort eher wie ein Park mit Blumen, Bänken und Bäumen. Dieses Ambiente war gerade genau das richtige für mich. Auf Höhe des besagten Ausgangs setzte ich mich auf eine Bank und wartete ab. Es war nun 10:53, noch eineinhalb Stunden.

Die Zeit schien still zu stehen. Es war, wie wenn man als Kind an seinem Geburtstag auf den Besuch der Großeltern wartet und schon überlegt, was sie einem wohl mitbringen würden. Ich dachte viel über alles Mögliche und Unmögliche nach. Es kam zwar kaum ein sinnvoller Gedanke dabei raus aber schließlich bekam ich die restlichen Minuten dann durch Beobachten der anderen Menschen rum. Touristen, Forscher, Familien, Diplomaten, andere adrett gekleidete Menschen und andere intelligente Spezies. Was man nunmal an einem Raumhafen so alles sieht. Ja, ich vergaß sogar fast, warum ich überhaupt dort saß. Gerade war ich in meine Gedanken vertieft, als eine entfernte Frauenstimme meinen Namen rief:

„Daniel!" rief sie. Aus meinem Tagtraum gerissen erkannte ich die Stimme natürlich sofort. Aber auch, als ich von der Bank aufstand, konnte ich nicht sehen, wo sie her kam.

„Daniel, hier!" hörte ich wieder. Schließlich sah ich die Urheberin des Rufens.

Meine Augen fielen durch all die auf einmal völlig uninteressanten Passanten hindurch auf eine wunderschöne junge Frau. Sie war 1,73 Meter groß, hatte langes, rot gelocktes Haar und blickte mich direkt an. Endlich sah ich sie wieder! Nach den drei Monaten, die sie auf der Forschungsreise im Sirius System verbrachte, war sie endlich wieder hier. Zunächst ging ich etwas verschüchtert auf die zu. Als ich ihr dann aber fast zum greifen nah stand, seufzte ich ihr nur „Lydia" zu. In der Sekunde trafen sich unsere Augen und es schien mir, als konnte sie meine Gedanken sehen, in denen ich ihr erzählte, wie sehr ich sie in der Zeit vermisst hatte. Schließlich taute ich aus meiner Verschüchterung auf und umschlang sie. Ich weiss nicht wie lange wir da standen, uns umarmend, ohne uns zu bewegen. Aber meinetwegen hätte der Moment ewig dauern können.

Als wir uns wieder voneinander trennen konnten, nahm ich sie bei beiden Händen lächelte ihr zufrieden ins Gesicht und sagte:

„Wie geht es Dir? Hast Du Hunger?" Etwas verblüfft lachte sie heraus:

„Ja ich freue mich schon riesig auf etwas normales zu Essen. Du weisst ja nicht wie das ist, drei Monate Energiesparende Rationen zu essen!"

„Dann komm mit, ich habe da eine Idee! entgegnete ich fröhlich, wohl weißlich, dass ich alles schon perfekt geplant hatte. Sie wollte natürlich wissen, was ich vor hatte, aber ich bat sie „lass Dich überraschen Die anschließende ablenkende Frage, ob sie noch Gepäck habe, verneinte sie, da alles nach Hause gebracht würde. Wir gingen also zum nächsten Ausgang und setzten uns in ein Shuttle. Ich gab das Ziel der Reise manuell ein, achtete darauf, dass sie nichts erkennen konnte und schon waren wir unterwegs.

Auf der Fahrt erzählte sie mir schließlich ein wenig von der Rückreise. Aus ihren Briefen wusste ich ja schon alles über die Arbeit im Sirius System. Sie als Astrophysikerin hatte sich schon so lange auf diese Forschungsreise gefreut. Einmal einen richtigen weißen Zwerg sehen und ihn genau studieren zu können, das muss für sie großartig gewesen sein. Deswegen machte es mir auch nichts aus, einige Zeit von ihr getrennt zu sein. Sie erzählte in ihren Nachrichten viel über die Forschungsarbeit, die sie dort machte und über das Leben dort, was wohl auch nicht immer einfach gewesen sein muss. Es war ja schließlich nur ein Forschungsschiff. Darauf ausgelegt, möglichst viele Experimente zu ermöglichen. Komfort wurde nicht gerade groß geschrieben. Trotz der Raumstauchungstechnologie, die es uns ermöglicht, innerhalb weniger Stunden dorthin zu gelangen, ist es immer noch ein großer Aufwand, eine ganze Forschungsstation dorthin zu bringen. Die Verhältnisse dort müssen wohl eher an ein U-Boot erinnert haben. Nichts desto trotz war es wohl eine erfolgreiche Reise.

„Ich war trotzdem froh, als die Fähre an das Schiff andockte, um uns zur Erde zurück zu fliegen, ich wusste ja, wer mich dort erwartet.", sagte sie abschließend in einem Tonfall, dass mir das Herz gleich höher schlug.

Gerade in dem Moment kamen wir aus dem Tunnel. Die Fahrt hatte etwa 15 Minuten gedauert. Als unsere Augen sich an das Licht gewöhnt hatten, erschien gleich die beeindruckende altertümliche Kulisse von Rom vor unseren Augen. Als sie es erkannte zuckte sie sofort begeistert zusammen

„Oh das ist toll, ich wollte schon immer mal hierhin." sagte sie.

„Weiss ich doch. Jetzt ist immer der beste Moment für so etwas!" Wir machten zunächst einen kurzen Rundgang um das Colosseum. Da wir aber Hunger hatten, setzten wir uns in ein Restaurant in der Nähe. Wir hatten einen atemberaubenden Blick. Natürlich bestellten wir Pizza. Nach dem Essen machten wir eine Stadtrundfahrt mit dem Shuttle. Wir ließen keine Sehenswürdigkeit aus und kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Einige Stunden wanderten wir so umher und genossen die Stadt, das Wetter und uns gegenseitig. Als es schließlich dunkel wurde, waren wir am Trevi Brunnen angelangt und setzten uns direkt davor. Es war sagenhaft. Die Beleuchtung, das Plätschern des Wassers, es war perfekt. Niemand, der nicht schon einmal Abends dort gewesen ist, kann dieses einmalige Ambiente nachvollziehen. In ihren Augen konnte ich genau sehen, wie glücklich sie in diesem Moment war.

Das war die Gelegenheit, dachte ich mir. Jetzt oder nie. Ich wurde wieder nervös und fasste an meine linke Hosentasche, in der das kleine Schächtelchen versteckt war. Obwohl man ihr den Stress der letzten Tage und Wochen ansehen konnte, sah Lydia an meiner Seite aus wie ein Engel. Der sanfte Schein, der sie vom Brunnen umhüllte ließ ihr Haar leuchten. Man hätte fast den Eindruck bekommen können, sie habe den Brunnen erhellt und nicht umgekehrt. Ich sah mich zu ihr um und verlor mich in ihren Augen, als sie mich ansahen. Meine Nervosität war auf einmal wieder wie weg geblasen. Ihr Anblick hatte mich einfach verzaubert. Was hatte ich nur getan, um eine solche Frau zu verdienen? Sie war nicht nur wunderschön, sondern auch intelligent, hatte ähnliche Interessen wie ich, sie verstand mich voll und ganz. Niemals zuvor war ich mir um meine Sache so sicher wie in diesem Augenblick. Gerade in der Sekunde nahm sie meine rechte Hand und sagte

„Das ist toll. Danke dass Du mich hierher gebracht hast. Ich wüsste nicht, wie ich jetzt glücklicher sein könnte" Das war mein Stichwort. Wie oft hatte ich überlegt, was ich sagen sollte, aber auf einmal flossen die Worte aus meinem Mund.

„Mein Engel, Du siehst so wunderschön aus in diesem Licht." säuselte ich zu ihr.

„Wir kennen uns schon so lange und an jedem einzelnen Tag bin ich dankbar dafür, Dich kennengelernt zu haben. Ihr vorher strahlendes Lächeln war nun zu einem verliebten Träumen geworden. Sprachlos sagte sie nur „Oh Daniel. Wir schauten uns gegenseitig in die Augen. Es war ein wunderbarer Moment. Ich zog meine linke Hand zu meiner Hosentasche und rutschte von der Bank nach vorne. Schließlich Kniete ich vor ihr mit ihrer rechten Hand in meiner. Sie nahm ihre linke Hand vor ihren Mund, als könne sie nicht glauben, was gerade dort gerade geschah. Ihre Augen wurden langsam feucht, als ich die hervorgezogene Schachtel öffnete und zwei goldene Ringe zum Vorschein kamen. Ich hielt die Schatulle an unsere beiden Hände und spürte, wie ihr Herz klopfte und ihre Handflächen feucht wurden. Dann schaute ich ihr wieder in die Augen und fragte sie:

„Willst Du mich heiraten?" Ein leichtes Zucken fuhr durch ihren Körper, als wollte sie diesen Augenblick genießen. Die kurze Pause erschien mir wie eine Ewigkeit. Doch als ich mir gerade sagen wollte, dass ich das besser gelassen hätte, als sich das ganze Schreckensszenario wieder in meinem Kopf aufbaute, nahm sie ihre linke wieder von ihrem Mund. Ihre andere Hand drückte meine fest zusammen, als sie mir fast lechzend sagte:

„Ja natürlich will ich Dich heiraten!"

Ich löste meine Rechte Hand von ihrer und nahm den kleineren der beiden Ringe heraus. Dann nahm ich ihre ganz leicht zitternde rechte Hand in meine linke und steckte ihr den Ring auf. Sie nahm die Schatulle dann an sich und steckte mir wiederum den Verlobungsring an die Hand. Schließlich umarmten und küssten wir uns in dem romantischen Lichtschein am Trevi Brunnen.

Erst als unser erster Kuss als Verlobtes Paar endete, bemerkten wir die Menschentraube, die sich im sicheren Abstand um uns versammelt hatte. Aus ihr konnte man ein leises Raunen vernehmen und als wir uns ihr zuwendeten, begannen die ersten Menschen in ihr zu applaudieren und uns zu gratulieren. Wir blieben noch eine Weile sitzen und genossen den Moment. Eine halbe Stunde später verließen wir schließlich Rom und nahmen ein Shuttle nach Hause. Als ich später bereits im Bett lag, konnte Lydia es gar nicht erwarten, endlich einmal wieder ausgiebig die luxuriösen Gepflogenheiten eines richtigen Badezimmers auszunutzen. Während ich auf sie wartete, schossen mir dann einige Gedanken durch den Kopf. Das war es dann wohl für immer mit dem diagonalen Schlafen. Andererseits muss ich mich dann wohl auch nie mehr auf den Geschmack des Computers verlassen. Aber nicht alles, an das ich dachte, war so harmlos. Der Gedanke an den nächsten Tag ließ mir keine Ruhe, denn die schwerste Prüfung sollte mir noch bevor stehen.

Kapitel 2: Die Pflicht

Einige Zeit später kam Lydia aus dem Bad. Sie hatte das kurze Nachthemd an, das ich so mag und hatte ihre Haare zusammen gebunden. Den Verlobungsring trug sie immer noch. Sie stellte sich mit einer ernsten Miene ans Bett und sagte:

„Wir müssen es ihm sagen." Ich wusste genau, dass das sein müsste. Aber bis gerade hatte ich es vor mir her geschoben.

„Ich weiss.", sagte ich nur mit leicht gleichgültigem Tonfall. Ihre zunächst verständnisvolle Miene wurde zunehmend ernster und ihr sonst so breites wundervolles lächeln wurde zu dem leicht drängenden Blick, den viele Frauen so gut beherrschen.

„Er ist schließlich dein Vater."

Ich zuckte wie auf Kommando zusammen und wollte gerade erwidern. Aber sie kannte mich schließlich gut und wusste, was ich sagen wollte.

„Ich weiss, ich weiss. Aber er hat Dich schließlich fast Dein ganzes Leben lang aufgezogen. Er hat so viel für Dich getan und er will doch nur..."

„Ja ich weiss er will doch nur mein Bestes!" beendete ich ihren Satz.

„Er will nur etwas Zeit mit Dir verbringen. Er liebt Dich wie seinen eigenen Sohn und Du solltest das wenigstens honorieren." tadelte sie mich.

„Bitte, Engel, überlass das erst einmal mir. Ich mache das schon!"

Tief in meinem Herzen wusste ich aber, dass sie recht hatte. Doch irgendwie konnte ich ihn nicht wie einen Vater akzeptieren, sondern eher wie einen Onkel. Es widerstrebte mir einfach. Ich wollte meine Eltern nicht verraten. Jedes mal wenn ich an unserem Küchentisch sitze, blicken sie mich an. Auf dem Bild rechts neben dem Nahrungserzeuger hatte ich ein Foto meiner Eltern mit mir als Baby anzeigen lassen. Sie sahen so glücklich aus. Meine Mutter war eine wunderschöne Frau. Sie hatte wie Lydia langes, gewelltes Haar und ein breites Lächeln. Oft denke ich, das sei der Grund, warum ich Lydia vom ersten Moment an so anziehend fand. Sie erinnerte mich vielleicht an meine Mutter. Mein Vater war ein recht kleiner untersetzter Mann mit einem verschmitzten Grinsen. Er hatte nicht gerade Idealgewicht, geschweige denn das passende Gesicht dazu. Ich bildete mir immer ein, ich sähe ihm ein bisschen ähnlich, nur dass ich eher schlank bin. Wie ich jedoch wird er wohl kaum jemals als Top Exemplar eines Menschen gegolten haben.

Auf dem Foto saßen meine Eltern auf einer Kniehohen Mauer und hatten mich auf ihrem Schoß. Mit einem Menschenleeren Park im Hintergrund lachten sie in die Kamera. Weiter war nichts auf dem Foto. Aber es war das Einzige, was ich von ihnen hatte. Ich war gerade drei Jahre alt, weswegen ich mich auch nicht mehr an sie erinnere. Alles was mir von ihnen blieb, war dieses Foto. Es wurde kurz vor dem Unfall aufgenommen, bei dem sie beide ums Leben kamen. Genau hatte ich an besagtem Abend nicht gewusst, was passiert ist. Der Unfall war nun fast dreißig Jahre her und seitdem wurde ich von Walter, meinem Adoptivvater, aufgezogen. Er erzählte mir auch alles, was ich damals über den Tod meiner Eltern wusste. Es sei ein Arbeitsunfall gewesen, sagte er mir immer. Ein Wasserstofftank sei explodiert und seine Splitter hätten sie tödlich verletzt. Dass ich diese Zeilen bewusst etwas zynisch im Konjunktiv schreibe, möge man mir verzeihen. Aber heute weiss ich es besser. Wer immer dieses Buch liest, wird bald die Wahrheit darüber erfahren, was damals wirklich geschah. Noch möchte ich allerdings nichts vorweg nehmen.

Walters Bild jedenfalls wurde auf der anderen Seite des Nahrungserzeugers eingeblendet. Warum es genau dort hängt, kann ich nicht sagen. Natürlich gehört der Mann, der mich dreißig Jahre lang aufgezogen hat an eine Wand mit meinen Eltern. Aber als das sah ich ihn nie an. Es war vielleicht eher ein Zeichen meines schlechten Gewissens. Ich war ihm zweifellos etwas schuldig. Schließlich war er derjenige, den meine Eltern baten, für mich zu sorgen, falls ihnen etwas zustoßen sollte. Warum sie derartige Vorkehrungen trafen, wusste ich damals noch nicht. Aber ich hielt es einfach für einen natürlichen Beschützerinstinkt, den Eltern nunmal haben. Er war auch derjenige, der das Foto geschossen hat. Von dem Tag erzählte er mir immer, wenn ich als Kind nach meinen Eltern gefragt habe. Es sei ein wunderschöner Tag gewesen, sie seien im Westfalenpark gewesen, hätten gegrillt und in der Sonne gelegen.

Nach dem Tod meiner Eltern zog er in unser Haus ein und zog mich dort auf. Ich hatte eigentlich eine sehr beschützte Kindheit. Obwohl ich in der Schule immer ein wenig der Außenseiter gewesen bin, bemühte er sich stets, alle Nachteile, die ich hatte, auszugleichen. Mich nicht spüren zu lassen, dass mir etwas in meinem Leben fehlte. Wie gesagt war ich in der Schulzeit nicht gerade mit zahlreichen Freunden gesegnet. Dafür war ich immer einer der Besten in der Schule. Jedenfalls wenn es um Mathematik, Technik oder ähnliches ging. Walter wusste ja, dass ich die Veranlagung zu Ingenieurwissenschaften hatte, da ja meine Eltern den selben Beruf ausübten. Er hatte mir sogar eine Werkstatt im Haus eingerichtet, in der ich nach Herzenslust basteln konnte. So lötete ich mich durch meine Kindheit. Da die Lehrer mein Talent auch frühzeitig erkannten, wurde ich auch gut gefördert und kam so auch ziemlich früh auf die Universität. Dadurch zog ich schon mit Achtzehn Jahren aus und in ein Studentenwohnheim direkt an der Technischen Universität Ruhrstadt.

Ein Konflikt, - einen von der Sorte, den dieses Alter wohl zwangsläufig mit sich bringt - hatte dazu geführt, dass ich den Kontakt zu Walter seitdem nicht mehr so intensiv pflegte. Dazu muss ich sagen, dass meine Eltern nicht einfach Ingenieure waren, sondern eher etwas wie Erfinder. Sie hatten eine eigene Firma und entwickelten dort Lehrmittel für Technische Universitäten, wie Demo-Motoren, Prüfstationen und Ähnliches. Jedenfalls dachte ich das zu der Zeit. Walter war als engster Vertrauter meiner Eltern auch der Alleinerbe inklusive der Firma. Bis ich 18 war, arbeitete er jedenfalls dort weiter und entwickelte allerhand dieser Geräte. Doch eines Tages war ich unter der Woche von der Universität nach Hause gekommen, da ich noch etwas für meine Studentenwohnung hatte mitnehmen wollen. Walter war auch zu Hause. Da er eigentlich zu der Zeit immer in der Firma arbeitete, fragte ich, wieso er nicht dort sei. Er bat mich dann zu sich und erzählte, dass er schon länger bei der Arbeit immer Rückenprobleme bekam. Der Arzt hätte ihm schließlich geraten, den Beruf an den Nagel zu hängen. Er hatte mir tatsächlich gebeichtet, dass er die Firma meiner Eltern verkauft hatte. Einfach so, ohne mich zu fragen! Ich wollte sie doch eines Tages selber übernehmen! Und dann war der Verkauf auch nicht mehr rückgängig zu machen. Das konnte ich ihm nicht verzeihen. Nach seinen Gründen hatte ich ihn dann auch nicht mehr gefragt. Geschweige denn, wieso er nicht mit mir darüber geredet hatte, oder jemanden anstellte, der die Firma weiter hätte führen können. Ich war einfach nur wütend und enttäuscht, verließ das Haus und sah in danach nur noch selten. Unser Verhältnis renkte sich nach diesem Tag nie wieder richtig ein.

Dennoch hatte Lydia recht. Mir war klar, dass ich ihm schuldig war, ihm die Verlobung als erstes mitzuteilen. Noch in der Nacht, in der wir zugegeben nicht viel schliefen, entschied ich, mir einen Ruck zu geben, und ihn zu besuchen. Lydia war sofort begeistert von der Idee und bestand natürlich darauf, mitzukommen.

Lydia hatte sich sehr schnell wieder auf festem Boden eingelebt und so machten wir uns schon am Montag Abend auf, um Walter zu besuchen. Wir waren schon an diesem Abend beinahe wie ein Hochzeitspaar gekleidet und standen schließlich gegen 18:30 Uhr vor meinem Elternhaus. Der große Vorgarten mit dem kleinen Spielplatz, den Walter für mich baute, jagte mir einen kalten Schauer über den Rücken. Ich bekam wieder ein wenig Schuldgefühle und meine Knie wurden weich. Lydia nahm meinen Arm und ging vor, als wollte sie mich ziehen. Also trottete ich hinterher und schwebte in Erinnerungen, als ich einen Blick auf die Fassade des Hauses warf. Es hatte eine glatte braune Fassade und, wie alle anderen Häuser dort in der Gegend. Eine schlichte, quadratische Form mit einer bunten Verzierung am flachen Dach. Die noble Wohngegend war immer noch eine der schönsten in Ruhrstadt. Sie wurde etwa zu meiner Geburt mit einem geschlossenen Konzept geplant.

Mit einem kurzen Zögern betätigte ich die Klingel. Meine Nervosität wurde beinahe unerträglich, bis sich schließlich die Tür zur Seite schob und ein etwa 65 Jähriger, kräftiger Mann erschien. Walter war, wie früher schon immer, altmodisch aber elegant gekleidet. Seine ergraute Halbglatze und die Lachfalten erzeugten wohl in Jedem ein spontanes Gefühl der Vertrautheit. Zunächst etwas irritiert, stieß er plötzlich „Daniel! Lydia!" aus, was seine Freude über unser unerwartetes Erscheinen sofort offenbarte. In einer nervösen Hast fügte er hinzu:

„Ich freue mich dass ihr... , also ich hätte nicht gedacht, dass ihr... Also kommt doch bitte erst einmal rein!"

Durch sein Gestammel beschämt zog er sich sein Hemd zurecht und bat uns schließlich hinein.

Lydia ging, mich weiter an der Hand haltend, vor und zog mich mit einer fordernden Kopfbewegung hinter sich her in den Flur. Der große, helle Flur mit dem Natursteinboden hatte weiße Wände und war lang nach hinten gezogen. Etwa Drei Meter hinter der Eingangstür führte eine Treppe nach oben, wo ich früher mein Zimmer hatte. Zur Linken war eine Tür zum Essbereich, die rechte Tür führte zum Wohnzimmer. Walter war schon längst dort angekommen und begann hektisch, Buchpads, Gläser, Flaschen, Wolldecken und Sessel hin und her zu räumen. Seine Überraschung über unseren Besuch war offensichtlich.

Wir traten durch die schwarze Automatiktür in das Wohnzimmer. Ich war erstaunt, dass sich dort so wenig verändert hatte. Dennoch war es noch immer sehr gemütlich. Es war ein Raum von ca. 6x8 Metern Größe. Die Tür war rechts an der längeren Seite. Wenn man Eintrat, stand man vor einem riesigen orangenen Ecksofa mit vielen cremefarbenen Kissen, welches sich fast über zwei ganze Wände ausbreitete. Die linke Seite endete in einem Wintergarten, in dem eine Leseecke eingerichtet war. Ein paar Chili Pflanzen verrieten das heimliche scharfe Hobby von Walter. Er sagte, die Nahrungserzeuger könnten keine richtig scharfen Gewürze zubereiten. Daher stellte er seine Soßen am liebsten selber her. Er hatte ja auch genügend Zeit, sich um das scharfe Gemüse zu kümmern. Auf der langen Seite, direkt neben der Tür, stand eine Kommode, wie wir sie in unserem Esszimmer stehen haben. Darauf eine fast identische Skulptur, die jedoch nicht aus weißem, sondern aus schwarzem Marmor war. In der Mitte des Raumes befand sich an der Decke ein runder Holographie- Emitter, flach und schwarz glänzend, etwa mit einem Meter Durchmesser. Dieser erzeugte gerade ein offenes Feuer. Man konnte sogar die Wärme des Feuers spüren. Daneben war ein gläserner Couchtisch mit schwarzen Füßen. An den Wänden hingen ein paar Bilder. Einige zeigten berühmte Kunstwerke, die meisten aber die unterschiedlichsten Personen. Darunter waren auch unverkennbar ein paar Bilder von mir.

Walter hockte vor der Kommode, suchte und verstaute seinen Krimskrams in den Schubladen.

„Kann ich Euch etwas anbieten, habt Ihr Hunger?" fragte er, seinen Hals nach uns verrenkend.

„Ich habe neulich erst die ersten paar Früchte von den neu gezüchteten Chilishoten geerntet. Die Soße die ich daraus hergestellt habe ist eine Sensation, die Schoten werden mit Zucker über drei Stunden in Essigwasser gekocht, was dazu führt, dass..." in der Sekunde merkte er wohl, dass er nur um seine Nervosität herum redet und sagte schließlich:

„Ich mache uns einfach einen kleinen Imbiss" und verschwand sogleich wieder.

Lydia und ich kuschelten uns in die Ecke des Sofas und beobachteten das Feuer. Es hatte mich irgendwie beruhigt.

„Ist das nicht schön hier? Flüsterte Lydia. Zufrieden bestätigte ich sie sofort: „Ja, es ist... schön hier, war jedoch nach den ersten Worten wieder von der Erinnerung an die alten Zeiten abgelenkt. Just in diesem Augenblick kam Walter mit einer großen Schüssel Mais- Chips mit seinem selbstgezüchteten Chili- Dipp in den Raum und stellte sie stolz auf den Tisch. Er setzte sich an die andere Seite des Sofas, wo er uns gut sehen konnte. Wir schwiegen ein paar Sekunden. Lydia unterbrach die quälende Stille, indem sie mir ihren Ellbogen leicht in die Rippen bohrte, als wolle sie mir sagen: „Sag etwas, Du Feigling!" Er schien das allerdings nicht bemerkt zu haben.

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