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Die Allee

Die Allee

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Die Allee

Länge:
319 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Feb 2, 2015
ISBN:
9781633398467
Format:
Buch

Beschreibung

Ein spärlich bekleidetes Mädchen, das vor einem beleuchteten Fenster tanzt, rüttelt Francis Copeland auf aus seiner Welt der Bücher. Francis, der sich dem mittleren Alter nähert, dessen Leben und Ehe sich in einer Sackgasse befinden, fantasiert über das Mädchen und es fällt ihm schwer zu akzeptieren, als er später entdeckt, dass sie Judy ist, eine Tänzerin in der Kneipe. Die verborgene Welt der Allee eröffnet sich Francis. Wer ist Myrtle, seine Frau? (Geht sie wirklich jeden Dienstagabend zum Bingo?) Er kennt sie nicht. Wer sind die wahren Eltern von Freddy, dem Straßenkind? Wer war der Nachbar, dessen Auto Francis 'Mutter tötete, als Francis zwölf Jahre alt war? Rohe Vorstadtwahrheiten werden aufgedeckt, als Francis, mit der Hilfe der Nachbarkinder, langsam die Geheimnisse der Allee entwirrt.
Herausgeber:
Freigegeben:
Feb 2, 2015
ISBN:
9781633398467
Format:
Buch

Über den Autor

James Lawless’ poetry and prose have won many awards, including the Scintilla Welsh Open Poetry Competition, the WOW award, a Biscuit International Prize for short stories, the Cecil Day Lewis Award and a Hennessey award nomination for emerging fiction. Two of his stories were also shortlisted for the Willesden (2007) and Bridport prizes (2014). He is the author of the ebook short stories, the Hennessey Award nominated The Kiss, A Prostitute's Tale, The House of the Fornicator, the WOW award-winning Lovers Who Wound Blame it on the Storm and the audio-recorded Dream Lover, and six well-received novels Peeling Oranges, For Love of Anna, The Avenue, Finding Penelope, Knowing Women and American Doll, a poetic meditation Noise & Sound Reflections, a book of children’s stories The Adventures of Jo Jo, a poetry collection Rus in Urbe, and a study of modern poetry Clearing the Tangled Wood: Poetry as a Way of Seeing the World for which he received an arts bursary. His books have been translated into several languages and he has broadcast his work on radio and he writes book reviews for the Irish Examiner, Sunday Independent and Books Ireland magazine. Born in Dublin, he divides his time between County Kildare and West Cork. You can read more about the author at www.jameslawless.net Or he would love to hear from you directly at jameslawless23@hotmail.com


Buchvorschau

Die Allee - James Lawless

LVIII

DIE ALLEE

Ebenfalls von James Lawless

Romane

Peeling Oranges

For Love of Anna

Finding Penelope

Knowing Women

Poesie

Rus in Urbe

Jugendlich

The Adventures of Jo Jo

Kritiken

Clearing the Tangled Wood: Poetry as a Way of Seeing the World

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.

Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,

Wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben

Und wird in den Alleen hin und her

Unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

aus: Herbsttag, Rainer Maria Rilke

Vorwort des Autors

Die Entstehung von Die Allee

Meine Family zog von den Liberties of Dublin in die Vororte von Walkinstown, als ich sechs Jahre alt war, daher ist Die Allee eine Art chronologische Fortsetzung von Peeling Oranges, meinem ersten Roman und stellt meine Reaktion auf den Mythos der Vororte als Allheilmittel für die Leiden der Gesellschaft dar. Die Geschichte ist im Wesentlichen ein Bild der Degeneration in den Vororten. Meine Family zog wie viele andere wegen ‘viel Platz und frischer Luft’ in die Vororte (als Kind litt ich an Asthma). Durch den Umzug tauschten wir jedoch ohne es zu wissen eine sichere Welt, in der ein starker Gemeinschaftssinn herrschte, gegen einem zersiedelten Ort ein, an dem es nur ein Minimum an sozialer Interaktion gab. Die offenen Plätze füllten sich schon bald, als der keltische Tiger zuschlug; die Bevölkerung wuchs an, Emigranten kehrten zurück, Autos vervielfältigten sich und die verstopften Straßen, die einst zu der Innenstadt gehörten, aus der die Menschen ursprünglich geflohen waren, war nun ein untrennbares Element eines Lebensstils, zu dem das Pendeln zwischen den Vororten und der Innenstadt gehörte. Man beachtete allerdings kaum die sozialen Veränderungen, die dies zuwege brachte: die permanenten Verkehrsstaus, den Lärm, die ehemaligen Innenstadtgemeinschaften, die zu Gunsten des Baus von Autobahnen der Vorortbewohner auseinander gerissen wurden, die Schlüsselkinder, die neue Landschaft industriellen Schrotts: gebrauchte Kondome, Schnapsflaschen, Bierdosen und natürlich die tödliche Drogenkultur. Das sich auf den Mauern der Vororte stetig ausbreitende Graffiti war gleich einem ständig hörbaren Schrei. Aber die Machthaber weigerten sich, ihn zu hören.

Der Roman ist aber nicht nur schwermütig. Obwohl man ihn, wie ich bereits sagte, als eine Darstellung der Degeneration der Vororte lesen kann, verläuft parallel, trotz aller Kalamitäten, eine Geschichte menschlicher Regeneration, vor allem der Charaktere von Francis und Michael und sogar – fast im Widerspruch dazu – Francis’ Vater. Ich hatte die Absicht, Die Allee als Fangnetz zu verwenden, um die Anonymität einer Einöde zu durchbohren. Ich empfinde es fast so, als sei Die Allee ein Dorf auf dem Lande, klein und introvertiert, mit seiner verborgenen Vergangenheit und seinen Geheimnissen, wenn man möchte, eine Art Wiege, in der die Charaktere gefangene Leben leben und konsequenterweise (bewusst oder unbewusst) fast inzestuös miteinander verbunden sind. Oder in den Worten von Francis‘ ehemaliger Cottage-Nachbarin, Mrs. Dempsey: ‘Die Allee sorgt für die ihren.’

I

Der Herbst. Eine Zeit des Abschieds. Die Amerikaner nennen ihn ‚the fall‘, aber die meisten Blätter hängen immer noch an den Bäumen, auch wenn sie inzwischen rostbraun und goldglänzend sind. In der Allee ist noch ein Hauch des Sommers hängen geblieben, die Kinder spielen noch spät draußen, die Nachbarn mähen ihren Rasen oder absorbieren auf ihren Veranden die letzten Sonnenstrahlen, bisher gab es noch keinen Frost.

Ich entferne mich vom Schlafzimmerfenster und betrete das Studierzimmer, in dem ich Der Name der Rose von Umberto Eco weiterlese. Adso hatte die schöne und schreckliche Jungfrau getroffen. Aber er wusste über Mädchen Bescheid und verstand den Abgrund. Ich weiß genau, was Adso damit meint. Ich lese viel. Ich habe immer gelesen, seit meine Mutter vor langer Zeit gestorben war. Ich trage in meinem Kopf immer eine Geschichte mit mir herum. Es bietet mir ein Universum, das ich kontrollieren kann, das ich jederzeit durch schlichtes Schließen des Buches terminieren kann. Schon als ich noch ein Baby war und auf ihren Knien saß, zeigte sie mir Bilder aus den Bilderbüchern, fügte Wörter ein, wo es keine Wörter gab und bat mich dann, ihr zu erzählen, was ich in dem Bild erkannte und so eine Geschichte zu erzählen. Ich erdachte Legenden von Ritterlichkeit und Rittern in Rüstung, die Burgfräulein in Nöten verteidigten. Und ich tröstete mich damit zu wissen, dass sie am Ende der Geschichte immer noch da war, egal, wie kompliziert oder furchterregend das Abenteuer auch gewesen sein mochte.

Es gibt aber noch einen anderen Grund dafür, dass ich mich so häufig in mein Studierzimmer zurückziehe. Es hat mit Myrtle zu tun, meiner Frau, die mich stets herumkommandiert (und manchmal mehr als das). Also mache ich mich aus dem Staub, so oft ich kann und verschanze mich hinter den Seiten eines Buches und erlebe – wenn auch indirekt – alle Grillen des Lebens, ohne die zum echten Leben gehörenden Enttäuschungen. Das Buch ist meine einzige Bestätigung in dieser Welt, im Gegensatz zu Myrtle und ihrer Freundin Ida, die sich voneinander nähren und ihre gegenseitigen Bestätigungen wie selbstverständlich hinnehmen, während sie den gemeinsamen Feind mit ihren messerscharfen Zungen zerteilen. Der gemeinsame Feind bin ich, dem ich nichts hinzuzufügen habe oder jedenfalls kaum etwas, denn der Feind ist jeder mit einem Anhängsel zwischen seinen Beinen.

Meine Tagträume sind mehr die eines ziellosen Jugendlichen als die eines erwachsenen Mannes.

Das Schließen der Tür zum Studierzimmer wirkt wie das Aufsetzen eines Kopfhörers, um die stentorhaften Kommandos von Myrtle zu dämpfen, dass ich den Mülleimer hinausbringen oder die Wäsche hereinbringen oder mir den Zustand von diesem oder jenem ansehen muss. Myrtle sammelt ihre Edikte und Kommentare wie Pfeile in einem Köcher, die sie dann in schneller Abfolge abfeuert, bevor sie die Haustüre hinter sich zuknallt, wie sie es schließlich unweigerlich tut und dann zu Ida hinübergeht, mit der sie sich an den meisten Abenden trifft.

Das Fenster des Studierzimmers geht auf den hinteren Garten hinaus. Die Abenddämmerung bricht herein und die Blätter sehen melancholisch aus. Im Garten stehen viele Sträucher und einige Bäume – hauptsächlich Laubbäume – wenn auch winzige. Ein Plastikfußball liegt halb versteckt (ich kann ihn gerade noch sehen) unter dem Liguster beim Gartenschuppen. Ein Windhauch lässt die Blätter ein wenig erzittern bei dem Versuch, sie vom Baum abzuschütteln.

Früher habe ich einmal gegärtnert, aber es interessiert es mich nicht mehr so sehr, seit die Sache mit meinem Knie passiert ist. Ich kann mich nicht mehr hinknien. Papa sagte immer – in seinen klaren Momenten – dass Gärtnern wie Beten sei, weil man es nur auf den Knien anständig tun könne. Oder er sagte, ziemlich mitleidlos, ‘Ein Gärtner, der nicht knien kann, ist wie ein Pferd, das nicht laufen kann. Man erschießt es oder stellt es auf die Weide zum Grasen.’ Das hatte mein Vater gesagt und mich wunderte die Art, in der er das Wort ‚Grasen‘ verwendet hatte, aber er sollte es schließlich wissen, wo er doch fast sein ganzes Leben lang als Berufsgärtner gearbeitet hatte. Ach ja, ich grase jetzt nicht mehr, sozusagen. Ich vermisse es nicht, die Arbeit, meine ich. Ich schaue mir immer noch gerne Pflanzen und Bäume an, aber ich weiß, was ich antworte, wenn Myrtle sich über die zerzausten Randbeete oder das Unkraut beschwert, das die einjährigen Pflanzen überwuchert. Unkraut jäten ist wohl eine der unnützesten aller Aktivitäten: man entfernt etwas von der Erde und es kehrt zurück, wann es dazu Lust hat, um dich zu quälen, sobald es ein wenig Sonnenschein oder Regen gibt und das Unkraut, von dem man dachte, man hätte ihm den Garaus gemacht, schießt einfach so wieder aus dem Boden. ‘Und sieh dir mal meinen Vater an,’ sagte ich zu Myrtle, ‘sein ganzes Leben lang war er Gärtner und was hat es ihm gebracht?’ Und dann fühlte ich mich schuldig, dass ich meinen Vater bloß zur Bekräftigung meines Arguments herangezogen hatte.

In Wahrheit könnte ich es immer noch, wenn ich mich ein wenig anstrengen würde, Gärtnern, meine ich, aber wozu soll man einen Garten kultivieren, wenn man so weit weg von Eden lebt? Also gebrauche ich das Knie als Ausrede. Es hat etwas mit dem Verrat der Rose zu tun. Das sagte ich zu meinem Vater, als er mich fragte, was denn geschehen sei, als er mich in einer Blutlache liegend auf dem Wohnzimmerfußboden fand. Ich habe nur das zu ihm gesagt. Nur ein Unfall, antwortete ich, als er mich bedrängte.

Manchmal betrachte ich den Schlaf als Narkose und dann fürchte ich mich. Aus diesem Grunde steht immer ein Glas Wasser neben meinem Bett. Als ob ich mich fürchte, dass mir etwas den Atem stehlen würde. Wegen meines Knies. Ich wollte mir nicht eingestehen, dass Myrtle der Grund war – es ist nicht wirklich männlich zuzugeben, nehme ich an, ich meine, dass eine Frau einen Mann schlägt. Aber das tat sie wirklich. Es begann vor einiger Zeit. Ich erinnere mich, dass ich meine Tasse und meinen Teller zum Spülbecken brachte. Sie hatte schlechte Laune, sie hatte Streit mit Ida gehabt. Sie stand am Bügelbrett und versperrte die ganze Küche und dann stieß sie mich an (mit ihren üppiger werdenden Rundungen), wobei sie die Tasse vom Teller stieß und sie auf dem Fußboden zerschmetterte. ‘Heb es auf,’ sagte sie. ‘Heb es selbst auf,’ sagte ich. Ich wehrte mich nicht zum ersten Mal gegen sie. Ich kam ihr langsam auf die Schliche. Aber diesmal war sie weißglühend. Also ging ich ins Wohnzimmer, damit sie abkühlen konnte, setzte mich auf das Sofa und fing an, ein Buch zu lesen. Sie folgte mir mit dem Bügeleisen. Ich hatte noch nie zuvor eine wütende Frau gesehen. Sie schäumte vor Wut und hieb mit dem Bügeleisen auf mein Knie. Sie schlug, bis die Kniescheibe völlig zerschmettert war.

Ich erwachte zu früh aus der Narkose. Ein fürchterliches Gefühl. Die Übelkeit. Alles, was ich wusste, war, dass ich hier weg musste, Luft schnappen musste. Ich erinnerte mich, dass ich vier oder fünf Jahre alt war, als ich Narkosegas bekam, damit man meine Mandeln entfernen konnte. Damals litt ich an Asthma. Man sagte mir immer, ich solle meinen Mund schließen. Meine Mutter und meine Lehrer erzählten mir, mit einem offenen Mund sähe ich aus wie ein Idiot, aber ich begriff nie den Zusammenhang zwischen dem Mund und dem Verstand. Ich meine, man denke an offene Augen, offene Hände und Ohren; damit war kein Tabu verbunden, nur mit dem Mund. Vielleicht konnte ich darum nicht durch den Mund atmen, als es darauf ankam. Niemand hatte mir gesagt, dass ich durch den Mund atmen musste, als man mir die Maske auf das Gesicht legte. Ich kämpfte gegen den Äther, als würde ich um mein Leben kämpfen. Während ich durch meine Nasenlöcher atmete, verankerte sich der überwältigende Gestank für immer irgendwo in meiner Nase und ich rieche ihn jedes Mal, wenn ich mich auch nur in der Nähe eines Krankenhauses befinde.

Darum also geriet ich nach der Knieoperation in Panik und wollte so rasch wie möglich weg. Ich gab einem jungen Mann Myrtles Flasche Limonade für das Zubinden meiner Schnürsenkel – oh ja, Myrtle hatte mir Limonade und große rote Trauben mitgebracht. Der junge Mann half mir mit einer Krücke und ich humpelte durch die Schwingtüre – niemand hielt mich auf und ich erinnere mich daran, dass die Übelkeit schlimmer war als der Schmerz und ich fühlte die Kälte der Nacht, die ich willkommen hieß. Aber ich endete in einer Sackgasse, in der eine alte Frau mit einem langen Schal mit ihrer Flasche Portwein in einer Regenpfütze saß und ich wusste, ich hatte keine andere Wahl als zurückzugehen.

Ich war nicht ängstlich, denn ich hatte mich auch gegen die Tyrannen in der Schule gewehrt. Nein, aber dies war unerforschtes Gebiet. Meine Mutter war der Grund, aus dem ich Frauen verehrte. Myrtles Handlung konnte ich nicht einordnen. Ich konnte nie meine Hand gegen sie erheben, nicht aus Angst, sondern aus Respekt vor ihrem Geschlecht. Und Myrtle wusste das. Ich wusste schlichtweg nicht, wie ich reagieren sollte.

Also blieb mir nur übrig, sie während ihrer Tiraden ohnmächtig anzustarren, als wäre ich nie weggegangen, als sei alles in Ordnung und sie schwätzte mit der Krankenschwester und auch mit den anderen Patienten und erzählte, ich hätte einen schlimmen Fall von einem Hügel gehabt und sei auf einem scharfen Stein gelandet und dann glättete sie wie eine pflichtbewusste Ehefrau meine Kissen.

Es ist Dienstagabend und Myrtle ruft zu mir hinauf, dass sie zu Ida geht. Die unverheiratete Ida Hourigan mit ihren maskulinen Lippen und ihrer flachen Brust; sie raucht Zigarrenstumpen und geht gerade und aufrecht in engen Jeanshosen, nicht mit dem für die meisten Frauen typischen Hüftschwung. Ihre Mutter stammte aus London. Sie heiratete einen Bauarbeiter aus Dublin und sie kamen hierher, um dem Blitz zu entfliehen. Ich erinnere mich wie mein Vater, der während des Krieges kurz in England war, über sie und ihre Geschichten von den Bombardements sprach. Er erwähnte auch eine Schwester in Liverpool. Ida ist eines der gröbsten Weiber, die in der Allee wohnen. Aber ich darf sie in Myrtles Beisein nie kritisieren. Dienstagabend wird Bingo gespielt und Myrtle und Ida überschlagen dieses Ereignis nie, jedenfalls sagen sie das. Ich meine, ich habe mir darüber nie Gedanken gemacht. Ich nehme einfach nur an, dass sie dorthin gehen. Man sieht die Frauen in ihren Mänteln und Kopftüchern und Handtaschen in Trauben zum Ende der Allee gehen, jeden Dienstagabend um zwanzig vor acht. Saint Anthony‘s Hall – was für ein Name, als ob der Heilige ihnen Geld beschaffen würde. Die Nummern werden ausgerufen und wenn man dann zu dem Heiligen betet, Bingo! Obwohl ich natürlich nie etwas von Myrtles Gewinnen zu sehen bekomme. Sie spricht nicht darüber, aber man weiß immer, wenn sie etwas gewonnen hat, wenn man sie in einem neuen Fummel herumstolzieren sieht. Komisch, was man von Myrtle auch hält, ich kann mir Ida in solch einem Umfeld einfach nicht vorstellen. Zu bürgerlich für sie. Nicht genug Krawall. Sie macht gerne Krawall, diese Ida, sie liebt es, Krawall zu schüren.

Durch das Fenster des Studierzimmers sehe ich den Abend anbrechen. Einige frühe Sterne und ein halber Mond sind am Himmel erschienen. Ich stehe von meinem Schreibtisch auf und möchte gerade die Vorhänge schließen, als ein Licht im oberen Fenster des gegenüberliegenden Hauses aufleuchtet. Ich kenne die Leute von gegenüber nicht. Von einigen Ausnahmen abgesehen kennen die meisten von uns nur wenige Leute außerhalb unserer Allee, oder in meinem Falle, die in unserer eigenen Allee wohnen. Das nehme ich jedenfalls an. Es nicht zu wissen, ist allerdings interessant genug, weil es einem Spielraum für Spekulationen, Fantasien gibt. Wenn man Menschen aus der Entfernung beobachtet, werden sie zu Mythen, die zu Träumen werden. Es ist ein wenig so, als würde man die Lautstärke des Fernsehers ausstellen und sich einen eigenen Dialog für die gestikulierenden Schauspieler auf dem Monitor ausdenken. Ich mache das oft, vor allem bei einigen Hollywood-Seifenopern, deren Dialoge immer irgendwie verrückt und zu laut erscheinen. Myrtle befiehlt mir, den Fernseher auszuschalten, weil sie findet, dass ich ihn beschädige, wenn ich ihn auf diese Weise nutze. Oder sie sagt mir, dass ich die Lautstärke höher setzen muss. Myrtle mag Seifenopern; sie schaut sich die alten Wiederholungen von Dallas an. ‘Ich weiß, dass du das nicht das richtige Leben findest,’ sagte sie, als ich sie einmal nach der Serie fragte. ‘Stell dir mal vor, JR würde in unserer Allee wohnen, das wäre lustig. Ich schaue nur für den Glamour, um die Mode und die Kleider zu sehen.’ Aber sie schaut nicht nur für den Glamour und die Kleider. Ich weiß das. Ich habe gehört, wie sie sich mit Ida ausführlich und fasziniert über JRs außereheliche Affären unterhalten hat.

In dem Zimmer gegenüber brennt das Licht, als würde jemand erwartet. Ich erkenne ein Bett und einen elfenbeinfarbenen Kleiderschrank und, schwebend beim Fenster, etwas, das wie die Rückseite eines Spiegels aussieht.

Ein großes blondes Mädchen in einer schwarzen Lederjacke und Jeanshosen betritt das Zimmer. Sie ist wohl beinahe Zwanzig. Sie zieht ihre Jacke und ein T-Shirt darunter aus und danach die Jeanshose, so dass sie nur noch etwas trägt, das ein rosa Bikini zu sein scheint. Ich schalte das Licht im Studierzimmer aus und beobachte sie aus der Dunkelheit heraus. Ich fühle einen Hauch von Wärme auf meinen Wangen.

Zwangsläufig frage ich mich, ob dieses Mädchen bewusst ihre Jalousien nicht heruntergezogen hat? Hat sie etwas eingenommen? Ist sie eine Exhibitionistin? Spielt sie mit dem Voyeur im Manne, in den Menschen? Mädchen in den Vororten von Dublin ziehen nicht einfach ihre Kleider in erleuchteten Fenstern aus. So wurden sie nicht konditioniert. Man kennt sie in anderen Nationen als unterwürfig. Oder vielleicht ist das eine antiquierte Ansicht und Myrtle und Ida sind ganz gewiss Ausnahmen zu dieser Regel. Aber vielleicht gehört sie einer anderen Nationalität an. Die Vororte werden multikultureller, mit der aus englischer Zucht stammenden Ida, den beiden schwarzen Studenten und den bosnischen Flüchtlingen, die am Ende der Allee wohnen, wird es stets schwieriger, zu generalisieren.

Sie beginnt zu tanzen, wahrscheinlich in Begleitung irgendwelcher Musik, wie man aus der Art ableiten kann, in der sie ihre Arme schwenkt und ihre Hüften schwingt und dreht und ihre lange Mähne schüttelt.

Ich starre durch meinen dunklen, rechteckigen Bildschirm und versuche, für diese schweigende Tänzerin einen Charakter zu konstruieren. Gib ihr einen Namen. Nenne sie Sandra. Ich stelle mir vor, dass Mädchen mit dem Namen Sandra blond sind. Ein junges Mädchen auf der Avenue mit einer blonden Puppe im Puppenwagen hatte mich einmal gebeten, Hallo zu sagen zu Sandra, ihre Hand zu schütteln und dann hatte sie die Puppe zum quietschen gebracht, indem sie den Torso auf ihre Beine presste.

‘Ich bin zuhause,’ ruft Myrtle.

Ich würde gerne jemandem erzählen, was ich beobachtet hatte, aber Myrtle ist nicht die richtige Person. Sie würde mich nur als Perversen beschimpfen. Ich könnte sie auch fragen, ob sie die Leute in dem Haus direkt hinter unserem kennt, aber ich möchte nicht, dass Myrtles Lästereien meine Sandra beschmutzen. Ich bin so aufgeregt wie ein Kind, das ein Geheimnis hat.

Ich liege neben Myrtle im Bett und denke an Sandra, die nur einen Steinwurf weit entfernt in ihrem Zimmer ist. Nebenan höre ich ein Geräusch. Das Geräusch wird zu einem Ruf und der Hund von Browne fängt an zu winseln.

Manchmal, wenn ich ihr etwas zu essen gebracht habe, zum Beispiel ein Stück Schokolade, erlaubt mir Myrtle, ihr Handgelenk festzuhalten – den dünnsten Teil ihres Körpers, was mich an die Zeit erinnert, in der sie nicht so voluminös war – und ich könnte so einschlafen, aber wenn ich mehr als das versuche, sagt sie, ‘Wo willst du so spät in der Nacht noch hin?’

Am nächsten Abend, bevor ich ins Bett gehe und vielleicht ohne mir klar zu machen, dass ich es laut ausspreche, sage ich, ‘Ich muss mal im Studierzimmer nachsehen.’

Myrtle hebt den Blick von ihrem Hello-Magazin. ‘Was meinst du damit, im Studierzimmer nachsehen?’

‘Sagte ich das?’

‘Laut und deutlich.’

‘Ah, da ist es,’ sage ich und nehme ein Buch von der Nachtkonsole. Ich hatte es bereits gelesen, aber ich hatte mich entschieden, mich damit für diese Nacht zu begnügen.

Sandra befindet sich in einer Art Limbo-Region zwischen meinen Träumen und der realen Welt. Sie ist wie Eva, sie bringt mich in Versuchung. Vielleicht hätte ich sie Eva nennen sollen, aber dann hätte ich niemanden, mit der ich sie vergleichen könnte. Außerdem habe ich mir Eva immer als Brünette vorgestellt. Wenn ich an den vergangenen Dienstagabend denke, erkenne ich auf einmal ein Muster. Ich meine, an jedem anderen Abend sind die Jalousien geschlossen. Nur an Dienstagabenden ist die Jalousie offen und Sandra erscheint zu ihrer Vorstellung. Und an den Dienstagabenden geht Myrtle aus. Sie ist eine Eroberin, die in das Heiligen Land Bingo auszieht und dieses Mädchen wurde ausgesandt, um mich zu prüfen. Aber Myrtle hat mir einen Keuschheitsgürtel angezogen, eine männliche Version natürlich, ausgestattet mit einer Klemme, die

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