Genießen Sie diesen Titel jetzt und Millionen mehr, in einer kostenlosen Testversion

Kostenlos für 30 Tage, dann für $9.99/Monat. Jederzeit kündbar.

Blickpunkt Gruppenangebote und Projekte des Pflege- und Erziehungsdienstes in der Kinder- und Jugendpsychiatrie

Blickpunkt Gruppenangebote und Projekte des Pflege- und Erziehungsdienstes in der Kinder- und Jugendpsychiatrie

Vorschau lesen

Blickpunkt Gruppenangebote und Projekte des Pflege- und Erziehungsdienstes in der Kinder- und Jugendpsychiatrie

Länge:
351 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Sep 22, 2014
ISBN:
9783735731265
Format:
Buch

Beschreibung

Dieses Buch ist der fünfte Band der Schriftenreihe der "BundesArbeitsGemeinschaft leitender Mitarbeiter/innen des Pflege- und Erziehungsdienstes kinder- und jugendpsychiatrischer Kliniken und Abteilungen e.V." (BAG).
Es handelt von der Vielzahl pädagogisch-pflegerischer Angebote und Projekte in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Die Autorinnen und Autoren - Pflegekräfte, Erzieher, Heilpädagogen und Sozialpädagogen - sind Praktiker aus dem Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie und aus Fort- und Weiterbildung. Sie arbeiten in unterschiedlich ausgerichteten Kliniken und stellen in ihren Artikeln vielfältige Schwerpunkte sowie Theorien zu Gruppenangeboten und Projekten des Pflege- und Erziehungsdienstes dar. In diesem Fachbuch werden verschiedene Inhalte und Zielrichtungen dieser pädagogisch-pflegerischen Gruppenangebote veranschaulicht. Diese sind lebenspraktischer, psychoedukativer, milieutherapeutischer sowie soziaql-interaktiver und tagesstrukturierender Art. In bewährter Art ist dies wieder ein Fachbuch "aus der Praxis für die Praxis". Die behnadelten Themen werden mittels Fallbeispielen anschaulich gemacht.
Herausgeber:
Freigegeben:
Sep 22, 2014
ISBN:
9783735731265
Format:
Buch

Ähnlich wie Blickpunkt Gruppenangebote und Projekte des Pflege- und Erziehungsdienstes in der Kinder- und Jugendpsychiatrie

Buchvorschau

Blickpunkt Gruppenangebote und Projekte des Pflege- und Erziehungsdienstes in der Kinder- und Jugendpsychiatrie - Books on Demand

BAG

Vorwort

H.-U. Neunhoeffer

Mit großer Freude stelle ich den 4. Band der Schriftenreihe „Blickpunkt der BundesArbeitsGemeinschaft (BAG-PED) vor. Unser neues Fachbuch beschäftigt sich mit dem Thema „Gruppenangebote und Projekte des Pflege- und Erziehungsdienstes in der Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Pflege- und Erziehungsdienst verschiedener Kliniken stellen in diesem Band ihre Angebote und Projekte vor, die vielfach Eingang in die praktische Arbeit gefunden haben und so das Spektrum im Arbeitsalltag bereichern. Mit den Artikeln im Buch soll eine Anregung gegeben werden, auch im eigenen Arbeitsalltag mit Projekten und Gruppenangeboten Neues auszuprobieren.

Im Jahr 2009 fasste der Vorstand der BAG den Beschluss die Schriftenreihe „Blickpunkt" auf den Weg zu bringen und beauftragte den Weiterbildungsausschuss, die zahlreich vorhandenen Fach- und Projektarbeiten aus den verschiedenen bundesweiten Fachweiterbildungen zu sichten, um dann veröffentlichungswürdige Manuskripte dem Fachpublikum zugänglich zu machen.

Eng verbunden mit dem Buchprojekt sind zwei Kollegen, Achim Beutling, verstorben im Januar 2012 und Manfred Rose, verstorben im Mai 2013. Beide haben die Schriftenreihe mit initiiert und mit großem Fachwissen und großer Tatkraft vorangetrieben und weiterentwickelt. So können wir mit Stolz und im Gedenken an die Kollegen auf folgende Bände verweisen:

„Blickpunkt Eltern – pädagogisch-pflegerische Beziehungsgestaltung mit Eltern in der Kinder- und Jugendpsychiatrie und in der Jugendhilfe" – erschienen 2010

„Blickpunkt Pflege- und Erziehungsdienst – pädagogisch-pflegerisches Berufsprofil und Rollenverständnis in der Kinder- und Jugendpsychiatrie" – erschienen 2011

„Blickpunkt Deeskalation und Freiheitsentzug – deeskalierende und freiheitsentziehende Maßnahmen in Kinder- und Jugendpsychiatrie und Jugendhilfe" – erschienen 2012.

Ebenfalls im Verlag Books on Demand wurde die 3. Auflage des Buches „Pädagogisch-pflegerische Praxis in der Kinder- und Jugendpsychiatrie", Herausgeber Andreas Kuchenbecker, im Jahr 2012 neu verlegt.

Ganz herzlich möchte ich mich bedanken bei den Mitgliedern des Arbeitskreises „BAG-Schriftenreihe" des BAG-Weiterbildungsausschusses. Die Kollegen/innen Christine Goligowski (KJPP kbo-Heckscher-Klinikum München), Markus Klinger (KJPP Klinikum Nürnberg) und Anne Rabeneck (KJPP LWL-Klinik Marsberg) haben durch ihr hohes Engagement diesen neuen Band erst möglich gemacht.

Außerdem bedanke ich mich bei Andreas Kuchenbecker (LVR-Akademie Solingen) für die wissenschaftliche Begleitung dieses Buches, bei Enrique Gulin-Conde (KJPP Klinikum Nürnberg) für die professionelle Einbandgestaltung und bei Frau Melanie Villarreal Ramos für das Formatieren der Texte.

Ebenso danke ich dem BAG-Weiterbildungsauschuss für dessen fachliche, strukturelle und kollegiale Unterstützung.

Für den Vorstand der BAG möchte ich dieses Buch in Gedenken unserem geschätzten und unvergessenen Kollegen Manfred Rose widmen, der den Beginn der Arbeiten an diesem Band noch mit gestaltet hat.

Einführung

M. Klinger / C. Goligowski / A. Rabeneck

Wir freuen uns Ihnen ein weiteres Werk der Schriftenreihe der BundesArbeitsGemeinschaft (BAG) vorzustellen: das neue Fachbuch „Blickpunkt Gruppenangebote und Projekte des Pflege-und Erziehungsdienstes in der Kinder- und Jugendpsychiatrie". Dies ist bereits der fünfte Band der Schriftenreihe. Wieder einmal ist es gelungen, interessante Anregungen für die praktische Arbeit mit psychisch kranken Kindern und Jugendlichen zusammen zu tragen

Viele der Autorinnen und Autoren sind Mitglieder in der BAG. Dort, genauer gesagt im Weiterbildungsausschuss, wurde das Konzept des Buches auf den Weg gebracht und im Verlauf der Jahre 2013 und 2014 verwirklicht.

Stationäre und teilstationäre Ansätze von pädagogisch-pflegerischen Gruppenangeboten, die unser Thema behandeln, sind im Fachbuch vertreten.

Die dargestelten Angebote sind unterschiedlicher Art: sie können milieutherapeutisch, sozial-interaktiv, freizeitpädagogisch oder auch medienpädagogisch ausgerichtet sein. Themen, die diesmal beleuchtet werden, sind z.B. ein Präventionsprojekt gegen sexuellen Missbrauch, Interaktionspädagogik, Naturwahrnehmung mit allen Sinnen, Erlebnispädagogisches Klettern, Soziale Kompetenzgruppen, Improvisationstheater oder tagesstrukturierende Angebote im stationären Setting.

Vorangestellt sind im ersten Kapitel des Buches theoretische Grundlagen: Was heißt es Gruppen zu leiten und diese verantwortungsvoll zu begleiten? Die Autorin schildert dies aus systemischer Sicht.

In vielen der vorliegenden Texte dienen Fallbeispiele einer guten Veranschaulichung des theoretisch Dargelegten. Die unterschiedlichen Blickwinkel in den Praxisartikeln – psychoanalytisch, systemisch und verhaltenstherapeutisch – zeigen, wie verschieden die Ausprägung der Arbeit des PED in den einzelnen Kinder- und Jugendpsychiatrien sich gestaltet.

Wir verzichten wieder bewusst auf die Bearbeitung der vorhandenen Artikel oder eine kritische Kommentierung. Vielmehr wünschen wir uns fachliche Auseinandersetzung und einen lebendigen Diskurs.

Wir möchten auf diesem Weg erneut Impulse für die Arbeit mit psychisch kranken Kindern und Jugendlichen vermitteln und hoffen, dass Sie Impulse für Ihre jeweilige Praxis bekommen. Auch hoffen wir, dass die Kolleginnnen und Kollegen beim Lesen dieses neuen Fachbuches viele Anregungen mitnehmen können und dadurch motiviert werden, die anstehenden Aufgaben im pädagogischpflegerischen Alltag mit geeignetem Handwerkszeug zu schaffen.

Die Schriftenreihe der BAG ist ganz eng mit unserem im Mai 2013 verstorbenen Kollegen Manfred Rose verbunden. Er hat die Schriftenreihe mit großem Engagement und Einsatz unterstützt und auf den Weg gebracht.

Daher widmen wir Manfred im Gedenken dieses Buch.

Weiterbildungsausschuss BAG

Vom Steuern und Treiben lassen – Systemkompetenz in der (An-) Leitung von Gruppen

C. Schellong

Einleitung

Der vorliegende Artikel möchte zentrale systemtheoretische Grundannahmen auf die pflegerisch-pädagogische Gruppenarbeit übertragen und aufzeigen, wie wir Fachkräfte in der Leitung, Anleitung und Begleitung von Gruppen vom systemischen Ansatz profitieren können.

Die systemtheoretischen und neurobiologischen Erkenntnisse werden auf ihre gruppenpädagogische Relevanz überprüft und münden in leitende Impulsfragen, die uns helfen können, uns konzentriert und feinfühlig, zielstrebig und achtsam einer Gruppe zu nähern und auf die einzelnen Teilnehmer wie auch auf die Dynamik der Gruppe Einfluss zu nehmen – mit dem Bestreben, dass wir als Leiter einer Gruppe die eigenen Kompetenzen und Interventionen als sinnhaft und wirksam erleben. Im Bild „vom Steuern und Treiben lassen" können uns die Impulsfragen zur gruppenpädagogischen Praxis eine kleine Navigationshilfe sein.

Der Artikel greift die in einer Gruppe wirkenden systemischen Gesetzmäßigkeiten auf, die sich in den unterschiedlichen Gruppen wiederfinden, mit dem Ziel, Möglichkeiten professioneller Einflussnahme aufzuzeigen. Hierbei ist er so allgemein gehalten, dass die Prinzipien auf die sehr verschiedenen und mannigfaltigen Gruppen im pflegerisch-pädagogischen Behandlungssetting übertragen werden können. Er versucht damit, einen Bogen über die Vielfalt der Gruppenangebote in einer Kinder-und Jugendpsychiatrie zu spannen.

Im dem vorliegenden Text wird zur Vereinfachung der Lesbarkeit die männliche Schreibweise gewählt. Die weiblichen Personen sind durchgängig mitgedacht und mit angesprochen.

Begriffsklärung „System"

Der Begriff „System entwickelte sich sprachhistorisch aus dem Griechischen: „systema = Zusammengesetztes. Eine allgemeine Erklärung findet sich im Langenscheidt Online Fremdwörterbuch:

Gesamtheit, aus mehreren Einzelteilen bestehende funktionale Einheit, die zur Ausführung einer bestimmten Aufgabe oder einer Reihe von Aufgaben dient.

Netzwerk, Geflecht, untereinander zusammenhängendes Ganzes aus einzelnen Teilen." (Langenscheidt Online-Fremdwörterbuch)

In der systemtheoretischen Fachliteratur verdichten folgende Aussagen den Kern des Systembegriffs:

Ein „System ist definiert als eine Menge von Elementen, zwischen denen Wechselwirkungen bestehen. Jedes System ist durch eine Systemgrenze von der „Systemumwelt abgegrenzt (König/Volmer 2005, 14 f.).

Allen systemtheoretischen Überlegungen liegt die Erkenntnis zugrunde, dass ein System in seiner Ganzheit sich qualitativ neu und anders verhält, als die Summe seiner isoliert betrachteten Einzelelemente (Simon/Stierlin 1984, 355).

Die zwei genannten Aussagen zum Systembegriff erfassen den weiten Bogen von mechanischen Systemen (z. B. Auto, Heizungsanlage), immateriellen Systemen (z. B. Rentensystem, Wirtschaftssystem) und sozialen Systemen (z. B. Schulklasse, Familie und Patientengruppe auf einer kinder-und jugendpsychiatrischen Station).

Im Folgenden konzentriert sich der Artikel auf die „sozialen Systeme: Wenn hier von „System die Rede ist, sind damit soziale System gemeint.

Rabenstein u. a. betonen in ihrem Praxisbuch „einfach systemisch!" die besondere Fähigkeit von sozialen menschlichen Systemen: Systeme verfügen über die Fähigkeit zur Selbstorganisation: Sie erhalten sich selbst am Leben, indem die dazugehörenden Menschen miteinander kommunizieren und Übereinstimmung in ihrem Denken und Handeln suchen (vgl. Rabenstein, Renoldner und Scala 2012, 13).

Die Gruppe als System

Nähern wir uns über die oben genannte Begrifflichkeit von „System" einer pädagogisch angeleiteten Patientengruppe im kinder-und jugendpsychiatrischen Behandlungssetting, finden wir zentrale systemische Prinzipien.

Das System der Patientengruppe besteht aus einer bestimmten Anzahl von „Einzelelementen" (in diesem Fall die Patienten), die miteinander und zueinander in Kontakt treten und die Interaktion gestalten – verbal und nonverbal, bewusst und unbewusst, aktiv und reaktiv. Die Mitglieder können nichtnicht in Kontakt treten, sie können sich nicht nicht aufeinander beziehen (vgl. das 1. Axiom der Kommunikationstheorie von Paul Watzlawick).

Eine pädagogisch angeleitete Gruppe verfolgt mit Blick auf den einzelnen Patienten bestimmte Ziele. In der Teilnahme an der Gruppe sehen das Behandlungsteam (und bestenfalls auch der Patient) einen sinnvollen und hilfreichen methodischen Beitrag, die im Behandlungsplan festgelegten Ziele zu erreichen. Damit erfüllt die Gruppe für alle Gruppenmitglieder einen bestimmten Auftrag, der von Gruppenmitglied zu Gruppenmitglied unterschiedlich sein kann und der sie zugleich zusammenführt und das Zusammenkommen bedingt. Die Motivation zur Teilnahme an einer pädagogischen Gruppe verläuft bei den einzelnen Patienten meist in einem Kontinuum zwischen intrinsisch motiviert („hab‘ ich Bock drauf …) oder fremdmotiviert („muss ich ja hin …).

Die konkrete pädagogisch angeleitete Patientengruppe ist durch eine Systemgrenze von der Systemumwelt abgegrenzt. Die Zugehörigkeit zu der Gruppe wird durch die Systemgrenze markiert. Die Systemgrenze unterscheidet damit zwischen Gruppenmitgliedern und Umwelt (alle anderen). Wird zum Beispiel auf dem Wochenplan eine „Ernährungsgruppe angekündigt, wissen sowohl die für die Gruppe ausgewählten Patienten wie auch die beiden anleitenden PED-Mitarbeiter, dass sie zu dieser Gruppe gehören und werden aus diesem Wissen ein subjektiv motiviertes Handeln ableiten. In Bezug auf die „Ernährungsgruppe sind dann alle anderen Patienten und alle anderen pädagogisch-pflegerischen Fachkräfte die Umwelt.

Zusätzlich zu einer Gruppe als Ganzheit (Patienten und PED-Mitarbeiter) gibt es weitere Systemebenen, die sich jeweils durch die Systemgrenze definieren. Je nachdem, wie wir den Fokus richten, finden wir in einer Gruppe Systeme und Subsysteme. Die Gesamtgruppe einschließlich der Gruppenleitung ist ein System. Die Patientengruppe ist ein Subsystem und das Team der Gruppenleitung ist ein Subsystem. Betrachtet man das Subsystem der Patienten, wird die Gruppenleitung zur „Systemumwelt", die in irgendeiner Weise versucht, Einfluss zu nehmen und Veränderung zu initiieren. Innerhalb der Patientengruppe kann es auch weitere Subsysteme geben: Etwa zwei Patienten, die sich angefreundet haben und stark aufeinander bezogen sind. Oder in einer Eltern-Kind-Gruppe sind die beteiligten Familien verschiedene Subsysteme, die nach ihren ganz eigenen Regeln und Funktionsweisen miteinander in Kontakt treten und Bezogenheit gestalten.

Differenzieren wir an dieser Stelle die Systemebenen um eine weitere aus, erkennen wir, dass auch jedes Gruppenmitglied als individuelle Persönlichkeit ein eigenes System darstellt, das wiederum aus „Einzelelementen besteht, die in ihrer Wechselwirkung eine bestimmte Dynamik entfalten. Je nach fachspezifischem Hintergrund können die Einzelteile zum Beispiel „Körper, Geist und Seele oder biologisch betrachtet „Nervensysteme, Blutkreislauf, biochemische Systeme oder auch psychoanalytisch hergeleitet „Ich, Es und Über-Ich sein. „Was man im Einzelfall als System betrachtet und wo man dementsprechend die Grenze zur Umwelt zieht, ist eine Frage der Definition." (Simon/Stierlin 1984, 356 f).

Systemtheoretische Grundannahmen und ihre Übertragung auf das System „Gruppe"

Die allgemeine Systemtheorie beschäftigt sich mit den Strukturen, der Dynamik und der Wirkweise von Systemen und wählt sich dabei als Forschungsgegenstand sowohl die Phänomene innerhalb eines Systems als auch die System-Umwelt-Interaktionen (vgl. König/Volmer 2005, 11-17).

Im Folgenden werden zentrale Kernaussagen der Systemtheorie vorgestellt und auf ihre gruppenpädagogische Praxisrelevanz untersucht. Hierbei fällt der Blick besonders auf die zwei Systemebenen „die Gruppe als Ganzheit und „das Gruppenmitglied als personales System (Vgl. Seminarunterlagen Norddeutsches Institut für Kurzzeittherapie NIK e.V.; Weiterbildung systemische Supervision und Organisationsberatung, 2003).

1.     Das Verhalten des Menschen wird in dem Kontext des Systems betrachtet, in dem der Mensch sich aktuell aufhält und verhält.

Grundlegend für den systemischen Ansatz ist die Annahme, dass das Erleben und Verhalten eines Menschen maßgeblich durch seinen Kontext bedingt wird. Daher werden bei der Arbeit nach diesem Ansatz die Eigenschaften und das Verhalten einzelner Menschen nicht isoliert betrachtet, sondern immer im Zusammenhang des aktuellen Kontextes. Der Fokus der Betrachtung weitet sich damit von den individuellen Eigenschaften eines Gruppenmitglieds auf die wechselseitigen Interaktionen und auf die Kommunikation der Gruppenmitglieder, die gemeinsam ein System bilden. Dieser systemtheoretische Grundgedanke erinnert uns daran, dass wir uns von harten, generalisierten Festschreibungen lösen (Marvin ist unruhig und aggressiv) und weichere, offenere Formulierungen wählen (Marvin zeigt im Kontext der Gruppe am Datum XY ein eher unruhiges Verhalten, das auf andere aggressiv wirkt). Damit erlauben wir Marvin auch, dass er sich in einem anderen Kontext ganz anders verhalten kann (ruhig und friedvoll). Wir werden konfrontiert mit der Relativität allen Seins: Egal, was wir als wirklich und wahr wahrnehmen, es kann immer auch ganz anders sein!

Wenn wir eine pädagogische Gruppe planen, durchführen und fortlaufend reflektieren und weiterentwickeln wollen, können folgende Impulsfragen hilfreich sein:

Welchen kommunikativen Beitrag leistet eine bestimmte Verhaltensweise – welche Aspekte greifen andere Gruppenmitglieder auf?

Welche wechselseitige Wirkabfolge ist vorangegangen? Welche Wirkabfolge folgt?

Welche Gruppendynamik und Gruppenkultur laden Jonas und Marie zu den beobachteten Verhaltensweisen ein?

Wie können wir die Gruppenkultur gestalten, dass eine möglichst angstfreie, entspannte und freundliche Begegnung aller Beteiligten möglich ist?

Wie können wir den Kontakt zu jedem Gruppenmitglied gestalten, dass Jeder und Jede den Gruppenkontext als unterstützend erlebt? In dem Sinne: Hier kann ich mich einlassen und an meinen Zielen arbeiten (vorbewusst, unbewusst oder bewusst).

2.     In einem System beeinflusst eine Veränderung von einzelnen Elementen andere Elemente.

Diese systemtheoretische Grundannahme vergegenwärtigt uns, dass Einfluss und Veränderung jederzeit stattfindet und möglich ist. In der Fachliteratur findet sich hierzu immer wieder die Metapher des Mobiles: Alle Einzelteile sind über Verstrebungen und Fäden miteinander verbunden, die Bewegung eines Teils beeinflusst (minimal zeitlich verzögert) die anderen Teile, das Mobile ist empfänglich für die Impulse aus der Umwelt (Wind, Anstoß). Jedes Verhalten einer Person A kann einer anderen Person B einen Impuls geben: Person B nimmt das Verhalten von Person A wahr und nimmt hieraus eine Information auf, interpretiert diese und leitet eine Veränderung ein. Martina beobachtet vielleicht, dass Marco in der Abschlussrunde von der Gruppenleitung immer wieder aufgefordert wird, von sich selbst zu sprechen. Martina interpretiert das so, dass der PED-Mitarbeiter sich wirklich dafür interessiert, wie Marco die Gruppe erlebt hat und wie es ihm erging. Martina spürt vielleicht Erleichterung und Freude und nimmt sich vor, gleich auch etwas Persönliches von sich selbst zu erzählen.

Diese systemtheoretische Annahme konfrontiert uns mit der Tatsache, dass unser Verhalten als Gruppenleitung ständig Anstöße in die unterschiedlichsten Richtungen geben kann. Hier sind wir gefordert, die eigenen Verhaltensweisen und das gruppenpädagogische Vorgehen fortlaufend zu reflektieren und im Team eine Rückmeldekultur zu entwickeln, die von Offenheit, Wertschätzung und Fehlerfreundlichkeit geprägt ist.

Die Grundannahme wirft auch den Blick auf die Vernetzung von Einzeltherapie und Gruppenpädagogik. Wenn der einzelne Patient für sich Ziele formuliert, diese aktiv verfolgt, dann Fortschritte im Sinne der Zielführung gemacht hat und ein verändertes Verhalten zeigt, dann hat das auch Auswirkungen auf das Gruppengeschehen.

Impulsfragen für die gruppenpädagogische Praxis:

Welche Impulse werden von den Gruppenmitgliedern besonders aufgenommen?

Welche gruppendynamischen Themen wiederholen sich?

Welche Werte und Verhaltensweisen möchten wir als Gruppenleitung vorleben?

Welche Verhaltensweisen bestätigen wir mit Aufmerksamkeit und Wertschätzung?

Welche Räume haben wir, unser eigenes Verhalten zu reflektieren und bewusst auszurichten?

3.     In einem System wird das Verhalten miteinander und zueinander zirkulär (kreisförmig) verstanden. Das Zusammensein in einem System organisiert sich durch Strukturen, Regeln, Normen etc., die in der Wechselwirkung bestätigt bzw. verändert werden.

In der Interaktion zweier oder mehrerer Menschen werden Verhaltensweisen fortlaufend bestätigt oder in Frage gestellt. Überlassen wir zum Beispiel eine Gruppe von jugendlichen Patienten sich selbst, bilden die Jugendlichen innerhalb kürzester Zeit bestimmte Dynamiken aus: Bestimmte Jugendliche nehmen sich viel Raum, andere sind eher still und zurückhaltend. Vielleicht ist es erlaubt und sogar cool, Witze auf Kosten anderer zu machen. Schweigen und Zurückhaltung kann in diesem Kontext als Zustimmung und Bestätigung interpretiert werden. Meist führt die Dynamik innerhalb kurzer Zeit zu bestimmten Rollen, die durch die fortgeführte Interaktion bestätigt und aufrechterhalten werden.

Der systemische Ansatz betont die Zirkularität jedes Verhaltens: In meinem Verhalten beziehe ich mich auf Vorangegangenes bzw. auf das Verhalten einer anderen Person. Zugleich kann mein Verhalten auch Auslöser sein für das Verhalten einer anderen Person, indem diese Person sich auf mein Verhalten als das Vorangegangene bezieht. Diese zentrale systemtheoretische Grundannahme wirft uns auf die Selbstverantwortung zurück: In jedem Moment müssen (und können) wir entscheiden, inwieweit wir unser Verhalten aus uns selbst motivieren. Wenn Niklas zu uns sagt: „Ich habe Jonas ja nur geschubst, weil der mich eben unterm Tisch getreten hat! und Jonas wiederum sagt: „Ich habe Niklas ja nur unterm Tisch getreten, weil er mich heute Mittag geschubst hat!, können wir derart intervenieren, dass wir beide (und damit auch alle anderen Gruppenmitglieder) an die Gestaltungsfreiheit und Selbstverantwortung erinnern, in diesem Falle an die Freiheit und Selbstverantwortung, in konstruktiver Weise auf die als Provokation interpretierten Einladungen zur körperlichen Begegnung zu reagieren.

Der zweite Satz dieser Grundannahme verweist uns auf die Erkenntnis, dass Strukturen, Regeln und Normen allen Beteiligten Sicherheit und Orientierung geben, indem sie den Entscheidungsspielraum eingrenzen und das Verhalten auf einen Wertekanon ausrichten. Zum Beispiel kann ich mich als Gruppenleitung entscheiden, eine Befindlichkeitsrunde am Anfang und eine Abschlussrunde am Ende einer Gruppensitzung einzuführen. Dann kann ich mich weitergehend entscheiden, ob sich jeder Teilnehmer beliebig viel Raum nehmen kann oder ob ich mit einer Sanduhr einen dreiminütigen Zeitkorridor vorgebe – damit positioniere ich den für mich wichtigen Wert, dass hier jeder gleich viel Raum und Aufmerksamkeit bekommt.

Wenn wir ein neues Gruppenangebot etablieren, geht es darum, bewusst zu entscheiden, welche Strukturen, Regeln und Normen wir als pädagogische Fachkraft vorgeben wollen und in welchen Aspekten wir der Gruppe die Freiheit zur Selbstgestaltung und Selbstorganisation geben wollen.

Impulsfragen für die gruppenpädagogische Praxis:

Welche Strukturen, Regeln und Normen wollen wir als pädagogische Fachkräfte vorgeben?

Welche Räume wollen wir den Gruppenmitgliedern zur Selbstgestaltung und Selbstorganisation überlassen?

Welche Verhaltensweisen wollen wir nicht zulassen? Wie wollen wir gegebenenfalls darauf reagieren?

Welche Werte wollen wir als pädagogische Leitung der Gruppe im Sinne des Modelllernens vorleben?

Welche Regelkreise (sich wiederholende Interaktionsschleifen) wollen wir unterbrechen, da wir diese für die Beteiligten als nicht hilfreich bzw. unterstützend erleben?

4.     Systeme sind über die Systemgrenzen von der Umwelt abgegrenzt. Es gibt unterschiedliche Qualitäten von Grenzen: Rigide, undurchlässige Grenzen – flexible, klare Grenzen – diffuse, verwischte Grenzen.

Um Systeme herum befinden sich Systemgrenzen, die abhängig vom Beobachter wie auch abhängig vom Kontext sehr unterschiedlich erlebt werden können. Grenzen sind in sozialen Systemen das, was für die Zelle ihre Membrane ist. Sie ermöglichen Abgrenzung gegen die Umwelt und damit Identitätsbildung und regulieren die kommunikative Abschottung oder Anschlussbereitschaft des Systems (Schlippe von/Schweitzer 1997. 59).

In der Fachliteratur werden drei

Sie haben das Ende dieser Vorschau erreicht. Registrieren Sie sich, um mehr zu lesen!
Seite 1 von 1

Rezensionen

Was die anderen über Blickpunkt Gruppenangebote und Projekte des Pflege- und Erziehungsdienstes in der Kinder- und Jugendpsychiatrie denken

0
0 Bewertungen / 0 Rezensionen
Wie hat es Ihnen gefallen?
Bewertung: 0 von 5 Sternen

Leser-Rezensionen