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Die Multipersonelle Gesellschaft: Der Versuch einer Gegenwartsdiagnose und deren Anwendung auf die Rollentheorie

Die Multipersonelle Gesellschaft: Der Versuch einer Gegenwartsdiagnose und deren Anwendung auf die Rollentheorie

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Die Multipersonelle Gesellschaft: Der Versuch einer Gegenwartsdiagnose und deren Anwendung auf die Rollentheorie

Länge:
238 Seiten
2 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Sep 30, 2014
ISBN:
9783735732033
Format:
Buch

Beschreibung

Der Autor betrat mit der Konzeption einer eigenen Gegenwartsdiagnose im Jahr 2009 ein nicht unumstrittenes Feld. Dieses für seine erste wissenschaftliche Publikation zu wählen, zeugt von seinem Hang, sich Herausforderungen zu stellen. Obwohl es ein wissenschaftliches Werk ist, gelten doch für diesen Spezialbereich der Soziologie eigene Regeln. Diese verknüpft der diplomierte Pädagoge jedoch geschickt zu einem gelungenen theoretischen Konstrukt, welches einen aufschlußreichen Beitrag zu einer der wichtigsten Themen der Soziologie und Pädagogik leistet: Der Rollentheorie. Darüber hinaus behandelt der Autor in diesem Werk auch die Frage nach einem zeitgemäßen Verständnis der Identitätskonstruktion und plädiert für ein entsprechendes Verständnis.
Herausgeber:
Freigegeben:
Sep 30, 2014
ISBN:
9783735732033
Format:
Buch

Über den Autor

Andreas Kraniotakes ist diplomierter Pädagoge und Autor für Werke aus verschiedenen Sparten. Nicht nur im Bereich der Kinder- und Jugendbücher fühlt er sich zu Hause. Auch in den Bereichen Wissenschaft, Sport und Ratgeber-Literatur hat er publiziert oder wird in Kürze Bücher veröffentlichen. Genau wie die meisten seiner Bücher passt Andreas Kraniotakes in keine Schublade. Neben seinen Tätigkeiten als Pädagoge und Autor ist er professioneller Kampfsportler und zählt zu den besten deutschen Vertretern des Mixed Martial Arts.


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Die Multipersonelle Gesellschaft - Andreas Kraniotakes

1 Einleitung

„Wahrscheinlich sind alle Menschen, wenn sie erst sozialisiert sind, latente ‚Verräter an sich selbst’. Die psychische Schwierigkeit dieses Verrats wird jedoch größer, wenn entschieden werden muß welches ‚Selbst’ von Fall zu Fall verraten werden soll." (BERGER/LUCKMANN 2004, S. 181)

Mit diesem Zitat von PETER BERGER und THOMAS LUCKMANN als Einführung in dieses Einleitungskapitel bekennt sich diese Arbeit schon früh zu ihrer wissenssoziologischen Perspektive. Ein Verständnis ihrer Inhalte setzt somit auch die Bereitschaft des Lesers voraus, sich auf diese soziologische Denkweise einzulassen. Es soll jedoch ein weiteres Feld soziologischer Forschung sein, auf dem sich alle folgenden Erkenntnisse bewegen werden. Wie der Titel bereits verrät, soll eine Gesellschaftsdiagnose gewagt werden. Daraus folgt die Grundannahme, ohne die ein solches Unterfangen nicht denkbar wäre: Es gab entscheidende und grundlegende gesellschaftliche Veränderungen, die auf Theorieebene nicht vernachlässigt werden dürfen (vgl. SCHULZE 1987, S. 105). Hauptziel dieser Arbeit soll daraus abgeleitet die Darstellung einer gesellschaftstheoretischen Perspektive sein, die in dieser speziellen Ausprägung noch nicht vorzufinden ist. Dabei wird die Frage nach den Besonderheiten, die sich für den einzelnen gesellschaftlichen Akteur ergeben, im Mittelpunkt des Erkenntnisinteresses stehen. Schließlich wird eine besondere Handlungslogik der Gegenwart skizziert werden, die helfen wird, die Handlungen der Individuen, die in der Multipersonellen Gesellschaft leben, zu erklären – vielleicht sogar bis zu einem gewissen Teil voraussagbar zu machen. Die unterstellten Besonderheiten der Gegenwart beschreibt HEINER KEUPP, dessen Überlegungen sich noch als grundlegend für weite Teile dieser Arbeit erweisen werden, in folgendem Zitat:

„Es hat sich ein tiefgreifender Wandel von geschlossenen und verbindlichen zu offenen und zu gestaltenden sozialen Systemen vollzogen. Nur noch in Restbeständen existieren Lebenswelten mit geschlossener weltanschaulich-religiöser Sinngebung, klaren Autoritätsverhältnissen und Pflichtenkatalogen. Die Möglichkeitsräume haben sich in einer pluralistischen Gesellschaft explosiv erweitert. In diesem Prozeß stecken enorme Chancen und Freiheiten, aber auch zunehmend Gefühle des Kontrollverlusts und wachsende Risiken des Mißlingens." (KEUPP 2008, S. 55)

Sicherlich ist es bereits in der Vergangenheit den Autoren einiger Gesellschaftsdiagnosen gelungen, einzelne Aspekte dieser Theorie darzustellen. Ihre Daseinsberechtigung soll sie gerade dadurch erhalten, dass sie die entscheidenden Perspektiven aus ihnen zusammenfasst und durch die ergänzende Darstellung eigener Beobachtungen dafür sorgt, dass sie schlussendlich mehr als die Summe ihrer Teile ausmacht. Nachdem die Besonderheiten des soziologischen Genres der Gegenwartsdiagnosen erläutert worden sind, werden zunächst drei ‚klassische’ Theorien unter unserem Focus vorgestellt. Beginnen werden wir mit der »Risikogesellschaft« BECKS, die alleine schon aufgrund der präzisen Erfassung von Risiken, die bis zu ihrer Erscheinung gesamtgesellschaftlich vernachlässigt wurden, zu den ‚großen’ Gesellschaftsdiagnosen gezählt werden muss. Wir wollen mit ihrer Hilfe den Risikoaspekt mit all seinen Komponenten einführen. Eine herausragende Rolle wird dabei der neu entstandene Aspekt des ‚Risiko-auf-sich-Nehmens’ spielen, den wir später als »Entscheidungsproblem« bezeichnen werden.

Auf dieser Basis wird SCHULZES »Erlebnisgesellschaft« als zweite klassische Theorie erläutert. An dieser Stelle werden wir eine gesteigerte Erlebnisorientierung nachweisen, die sich seit der Veröffentlichung von SCHULZES Arbeit sogar noch intensiviert hat. Sie hat jedoch unserer Konzeption noch weitere ausschlaggebende Aspekte hinzuzufügen. Als besonders relevant werden in diesem Zusammenhang die Milieus angeführt, die eine ‚optimistische’ Perspektive auf die gesellschaftliche Entwicklung der Individualisierung zulassen. Dabei wird gezeigt werden, dass sich jene Vergemeinschaftungsstrukturen in der Multipersonellen Gesellschaft noch weiter in Richtung »Pluralisierung« entwickelt haben und es gleichzeitig zu einer gesteigerten »Fluktuation« der Mitglieder gekommen ist. Auch SCHULZES Ansichten zum »persönlichen Stil«, die er im Anschluss an seine Gegenwartsdiagnose nochmals separat erläutert hat, werden dem angestrebten Verständnis der Auswirkungen aktueller gesellschaftlicher Veränderungen auf den Einzelnen und sein zu erwartendes Handeln zuträglich sein. Insbesondere der dadurch offen gelegte Anspruch jedes Individuums, sich eine »ästhetische Identität« zu schaffen, wird in seinen weit reichenden Konsequenzen beschrieben. Mit der von PETER GROSS entwickelten »Multioptionsgesellschaft« wird anschließend die dritte große gesellschaftsdiagnostische Konzeption in unsere Theorie aufgenommen. Durch sie wird der »Realisierungsdruck«, ein weiterer essentieller Begriff der Multipersonellen Gesellschaft, eingeführt. Verstehen werden wir darunter die Umsetzungsmöglichkeiten, die sich aus der »Steigerungslogik« der Moderne entwickelt haben, aber insbesondere auch den mit ihnen verbundenen Zwang zur Umsetzung dieser »multiplen Optionen«. Dieser Zwang wird gleichsam noch intensiviert durch das von GROSS herausgearbeitete »Orientierungsproblem«. Ihm zufolge ist die Anzahl der Optionen auf ein Maß angestiegen, das die Orientierung in der Gesellschaft, die sich insbesondere durch den Prozess des Auswählens kennzeichnen lässt, kaum mehr möglich macht.

Aufbauend auf den drei klassischen¹ Konzepten werden im letzten Teil des ersten Abschnitts weitere gesellschaftstheoretische Gedanken ergänzt. Spätestens an dieser Stelle sollten schließlich die Grundzüge der Multipersonellen Gesellschaft erkennbar sein. Zunächst wird zu diesem Zweck die »Mediengesellschaft« dargestellt. Während der Darlegung dieser insbesondere auf SEBASTIAN KOMBÜCHENS Gedankengänge zurückführbaren Überlegungen wird deutlich werden, dass es dabei unerlässlich ist, gleichsam auch die »Kommunikationsgesellschaft« mit zu bedenken. Ziel ist es, ein Bild des »Homo Medialis« zu entwerfen, der sich aufgrund der »Kommunikationsexplosion« und der mit ihr verbundenen Weiterentwicklung der Medienlandschaft mit immer neuen Konstruktionen von Wirklichkeit konfrontiert sieht. Ein besonderes Potential, diese Annahmen zu verdeutlichen, wird dabei der Darstellung einiger Entwicklungen des Internets zugesprochen, welches gleichzeitig als höchste Entwicklungsstufe der Massenmedien angesehen werden kann und damit an der Spitze der beschriebenen »Medienevolution« steht. Während wir einerseits versuchen, die ‚Verschmelzung’ der realen Welt mit der virtuellen Welt des Internet zu belegen, werden gleichzeitig bereits bestehende Bewältigungsstrategien bezüglich dieser neuen Wirklichkeits-Optionen aufgezeigt.

Eine sehr markante und damit für die Multipersonelle Gesellschaft überaus relevante Entwicklung kann vor diesem Kontext in der veränderten Funktion gesehen werden, die dem menschlichen Körper innerhalb der Multipersonellen Gesellschaft zugeschrieben wird. Somit schließt an die Darstellung der Mediengesellschaft der Versuch an, jene Funktionen zu bestimmen und die Folgen für die Handlungsmöglichkeiten des Einzelnen abzuschätzen. Dabei kommt es zur Darstellung einer Paradoxie: der »Entkörperlichung«, also der Loslösung vom eigenen Körper einerseits, und der »Körperthematisierung«, also dem gleichzeitigen Zugewinn der Wichtigkeit des eigenen Körpers andererseits. Aufbauend auf diesen Überlegungen werden so weitere Möglichkeiten identifiziert, die dem einzelnen Individuum zur Verfügung stehen, seinen eigenen Stil (SCHULZE)zum Ausdruck zu bringen, was sich gegenwärtig insbesondere in der Ausprägung verschiedener Identitäten äußert. Bevor die theoretische Möglichkeit dieser veränderten Identitätskonstruktion im zweiten Abschnitt dieser Arbeit aufgezeigt wird, soll es zuvor jedoch noch zu einem sinnvollen Abschluss des ersten Teils kommen.

Bei dieser Gelegenheit soll gezeigt werden, dass es auch in der Multipersonellen Gesellschaft zu Vergemeinschaftungsprozessen kommt, selbst wenn sie sich durch ein extremes Maß an Individualisierung auszeichnet. Wir wollen demgemäß den bereits von SCHULZE für seine Zeit aufgelösten Individualisierungsirrtum unter den Gesichtspunkten der heutigen Gesellschaft diskutieren. Als ein Ergebnis dieser Diskussion wird die Erkenntnis angestrebt, dass sich zwar Individualisierung und solidarische Bezogenheit nicht gegenseitig ausschließen müssen, die zuvor beschriebenen Entwicklungen jedoch zu einer gesteigerten Wechselhaftigkeit von sozialen Beziehungen geführt haben. Hier wird nicht zuletzt das Konzept der Ehe als zeitgemäße Form der sozialen Beziehung in Frage gestellt. Die Erfassung gesellschaftlicher Besonderheiten der Gegenwart soll damit auch einen Abschluss finden. Wenn es auch vielleicht nicht der gängigen Praxis entspricht, so soll erst im zweiten Abschnitt der Arbeit die prinzipielle Möglichkeit der Multipersonalität bewiesen werden, die unserer Konzeption zugrunde liegt. Dazu empfiehlt sich eine sozial-psychologische Sichtweise, die durch die Konzeption ERIK ERIKSONS repräsentiert wird. Dabei wird zunächst versucht werden, den grundlegenden Begriff unserer Gegenwartsanalyse als problematischen »Hybridbegriff« transparent zu machen. Aufgrund mangelnden Platzes werden wir nicht umhinkommen, an einigen Stellen Vereinfachungen vorzunehmen. Nichtsdestoweniger gründet die vorliegende Theorie auf der Annahme, dass sich diese Position in einem größeren Rahmen ausführlich theoretisch rechtfertigen ließe. Einen großen Dienst erweist ihr diesbezüglich HEINER KEUPP, dessen Erkenntnisse nicht nur diesen zweiten Abschnitt der Arbeit maßgeblich beeinflussen. Sie sind vielmehr grundlegend für unser gesamtes Vorhaben. Mit seiner Hilfe – so hoffen wir – wird es im Zuge dieses zweiten Abschnitts gelingen, einen Irrtum in der Konzeption ERIKSONS aufzuzeigen. Dieser wird durch die Annahme vertreten, die Identitätsbildung sei nach der Adoleszenz abgeschlossen. Erst wenn diese Fehleinschätzung beseitigt ist, kann für den Begriff der Multipersonalität auch unter den Gesichtspunkten der Identitätsforschung ein Daseinsanspruch begründet werden. Die diesbezüglich zu beweisende Behauptung ist, dass ERIKSON der in den Sozialwissenschaften allgegenwärtigen Gefahr zum Opfer gefallen ist, besondere Gegebenheiten der eigenen Zeit für grundlegende Eigenschaften seines Untersuchungsgegenstandes zu halten. Gemäß dieser Vorgehensweise wird die Identitätsbildung in drei verschiedenen zeitgeschichtlichen Epochen erläutert werden: der Prämoderne, der Moderne und der Gegenwart. Im Laufe der Argumentation sollte es gelingen, das ungewöhnliche Vorgehen zu rechtfertigen, die Begriffsklärung nicht an den Anfang der Theorie gestellt zu haben. Das zeitgemäße Verständnis vom Vorgang der Identitätskonstruktion durch den gesellschaftlichen Akteur wird dabei insbesondere durch den Umstand beeinflusst, dass eine als ‚gut’ empfundene Identität nicht länger durch »Konsistenz« geprägt ist. Sie darf und muss sich vielmehr durch Wechselhaftigkeit auszeichnen. So wird es letztlich möglich, unsere Grundannahme zu beweisen, dass moderne Individuen nicht nur über eine Identität verfügen, sondern über ein »Set von Identitäten«, die u.a. deren persönlichen Stil widerspiegeln. Die Aufgabe der Gesellschaft wäre es in diesem Zusammenhang, ihren Akteur im Zuge der Sozialisation mit denjenigen Fertigkeiten auszustatten, die es ihm ermöglichen, die notwendigen Identitäten auszuprägen und bei Bedarf der Situation entsprechend einzusetzen, um die »Krisenhaftigkeit des Alltags« bewältigen zu können, die durch die besonderen Gegebenheiten der Gegenwartsgesellschaft entstanden ist.²

Im dritten und letzten Abschnitt dieser Arbeit wird das so entstandene Konzept auf eine soziologische Theorie angewendet. Als Anwendungsbeispiel zur Übertragung der herausgestellten Erkenntnisse haben wir die Rollentheorie gewählt. Da diese zu einer der populärsten Theorien der Sozialforschung gezählt werden kann, möchte sich die vorliegende Arbeit nunmehr auch in diese soziologische Tradition einreihen.³ Unsere Perspektive wird damit dahingehend erweitert, dass wir nunmehr die Frage danach im Blick haben, wie sich die Besonderheiten der Gegenwartsgesellschaft auf die Erwartungen auswirken, die sie an ihre Mitglieder transportiert. Anhand der in diesem Abschnitt gemachten Anpassungen wird dementsprechend das theoretische Potential der vorgestellten Gegenwartsdiagnose veranschaulicht. Auch an dieser Stelle wird es nicht möglich sein, alle rollentheoretischen Aspekte grundlegend zu erläutern. Anhand der Darstellung der Grundbegriffe »Position«, »Status« und »soziale Rolle« sowie der Beschreibung der »Rollenzuweisung« und »Rollenwahl« werden jedoch bereits erste Ansätze erkennbar, die das Potential und die Notwendigkeit der Anpassung der Rollentheorie unter den Gesichtspunkten unserer Gegenwartsdiagnose hervorzuheben versuchen. Ausgangs- und ständiger Referenzpunkt wird dabei der von RALF DAHRENDORF ausgebildete rollenspielende Mensch der Soziologie sein: der »Homo Sociologicus«. Während seine Konzeption als grundlegend für die Auseinandersetzung mit der Rollentheorie in Deutschland herausgestellt wird, kommen wir nicht umhin, auch DAHRENDORFS Erkenntnisse anzupassen. Ein besonderer Kritikpunkt ist dabei das von ihm unterstellte Machtverhältnis der Gesellschaft zum Individuum. Natürlich wird nicht versucht werden zu widerlegen, dass Rollen Erwartungen sind, die seitens der Gesellschaft an den Einzelnen herangetragen werden. Vor dem Hintergrund der an dieser Stelle der Arbeit ja bereits vorliegenden Gegenwartsdiagnose wird es jedoch möglich sein zu zeigen, dass nicht nur die Verbindlichkeit jener Erwartungen nachgelassen hat, sondern auch die Endgültigkeit der gesellschaftlichen Zuschreibungsprozesse von »Positionen« heute nicht mehr als unwiderruflich betrachtet werden darf. Obgleich sich diese und weitere Erkenntnisse durch die Anwendung unserer Gegenwartsdiagnose auf die Rollentheorie ergeben, wird nicht darüber hinweggetäuscht, dass es sich dabei immer um Resultate handeln muss, die stark von der eingenommenen Perspektive abhängen. Um diese Transparenz zu erzeugen, werden »Rollenkonflikte« dargestellt und ihre Entwicklung unter Verwendung zweier konträrer Perspektiven interpretiert werden. Da sich aus diesen Überlegungen auch Möglichkeiten ergeben, die Besonderheiten der Multipersonellen Gesellschaft als Zugewinn an Freiheit zu interpretieren, wird es im Resümee auch zur Diskussion dieser Interpretationsmöglichkeit kommen. Am Ende dieser Arbeit wird es demzufolge möglich sein, die Frage danach zu beantworten, was die Theorie der Multipersonellen Gesellschaft auf theoretischer Ebene, aber auch ihrem zugrunde gelegten Erkenntnisinteresse gemäß für das Individuum leisten kann.


¹ Die betreffenden Gegenwartsdiagnosen zeichnen sich auf die verschiedensten Arten aus. Sei es durch die Einführung einer längst überfälligen Perspektive (BECK), dass sie sehr häufig rezipiert wurden und andere Theorien auf ihnen aufbauen (SCHULZE), oder durch ihre extreme Relevanz für unsere Konzeption (GROSS). Somit erscheint ihre Bezeichnung als »klassische Gegenwartsdiagnosen« gerechtfertigt.

² Die betreffenden Gegenwartsdiagnosen zeichnen sich auf die verschiedensten Arten aus. Sei es durch die Einführung einer längst „Selbstbestimmung, die Abnabelung von Autoritäten, war schon immer ein Privileg der Jugend. Doch heute werden junge überfälligen Perspektive (BECK), dass sie sehr häufig rezipiert wurden und andere Theorien auf ihnen aufbauen (SCHULZE), oder durch ihre extreme Relevanz für unsere Konzeption (GROSS). Somit erscheint ihre Bezeichnung als »klassische Gegenwartsdiagnosen« gerechtfertigt.

² „Selbstbestimmung, die Abnabelung von Autoritäten, war schon immer ein Privileg der Jugend. Doch heute werden junge Menschen in eine Freiheit entlassen, in der es Millionen von Lebenswegen gibt – aber keine tauglichen Wegweiser." (ENGLISCH 2001, S. 150)

³ Natürlich ist die Bedeutung der Theorie für die Soziologie nicht unumstritten. DAHRENDORF behauptet „daß der Begriff der sozialen Rolle sich als Elementarkategorie quasi »aufdränge« und daher für die Soziologie von zentraler Bedeutung sei. Da sich Rollen aus sozialen Erwartungen bzw. Normen ableiten lassen, dürfte man mit dem Rollenbegriff nur eine Teilklasse bestimmter Erwartungen ansprechen, so daß andere Kategorien, eben die genannten Normen und Erwartungen, von zentraler Bedeutung sind. Am Gegenpol behaupten COULSON (1972) oder OPP (1972), daß es sich beim Rollenbegriff um einen überflüssigen oder gar irreführenden Terminus handle, da man gewöhnlich nicht genau bestimmen könne, welche Erwartungsmengen jeweils als zusammengehörig empfunden und als Rollen konstituierend angesehen werden." (WISWEDE 1977, S. 15)

2 Erster Teil: Gegenwartsdiagnosen – Der Weg zur Multipersonellen Gesellschaft

„Eine Gesellschaft bleibt nicht auf einer Entwicklungsstufe stehen, sondern sie macht einen ständigen Wandel durch, der sich mal schneller und mal langsamer vollzieht," (KOMBÜCHEN 1999, S, 33)

Wie bereits angedeutet, gleicht der Weg zur Multipersonellen Gesellschaft nicht immer einer gut ausgeschilderten, mehrspurigen Autobahn. Ein Verständnis davon zu erlangen, was sie ausmacht, verlangt, dass wir uns diverser Vehikel bedienen, denn es gilt verschiedenste Untergründe zu überwinden. Einige der Pfade, auf die es uns verschlagen wird, sind ausgetreten, und schnell offenbart sich, wohin sie uns führen. Andere Pfade gilt es sich durch unzugängliches Dickicht zu bahnen. Die Gesellschaftsdiagnosen⁴ stellen das erste Areal dar, in das wir uns nun vorwagen möchten. Eine besonders nützliche Orientierungshilfe

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