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Warum sie schweigen

Warum sie schweigen

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Warum sie schweigen

Länge:
233 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Feb 18, 2015
ISBN:
9783735702579
Format:
Buch

Beschreibung

Joëlle, die Protagonistin, erzählt von ihrem Kindesmissbrauch als Mädchen. Nach dem Trauma muss sie über Jahre das kontrollierende, beschämende Mutterauge ertragen. Das kleine Mädchen vermisst die beschützende Mutter und verliert die Geborgenheit. Es ist auch die Geschichte einer Frau, die später, inzwischen selber Mutter geworden, den Missbrauch an ihrem eigenen Sohn erleben muss. Die Mutter-Sohn Beziehung wird dadurch bis an die Grenzen menschlicher Kraft belastet. Nur die Liebe zur Musik und zur Natur retten sie vor der Verzweiflung. Nach einer Ehe mit einem Mann, der weder zu ihr steht noch etwas von Treue hält, erlebt Joëlle nach vielen Jahren der Einsamkeit nochmals einen Frühling ihres Frauseins in der Liebe.

Die Autorin analysiert gesellschaftskritisch die Machtverhältnisse, die den Missbrauch begünstigen – sogar in einem Rechtsstaat. Sie zitiert themenrelevante Texte aus der Fachliteratur, um die sozialpsychologischen Hintergründe zum sexuellen Missbrauch aufzuzeigen.
Herausgeber:
Freigegeben:
Feb 18, 2015
ISBN:
9783735702579
Format:
Buch

Über den Autor

Die Autorin schreibt unter dem Pseudonym Françoise Noailles. Aufgewachsen ist sie in der französischen Schweiz. Sie studierte Psychologie und schloss das Studium an der Universität mit dem Master ab.


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Buchvorschau

Warum sie schweigen - Françoise Noailles

Das Buch

Joëlle, die Protagonistin, erzählt von ihrem Kindesmissbrauch als Mädchen. Nach dem Trauma muss sie über Jahre das kontrollierende, beschämende Mutterauge ertragen. Das kleine Mädchen vermisst die beschützende Mutter und verliert die Geborgenheit. Es ist auch die Geschichte einer Frau, die später, inzwischen selber Mutter geworden, den Missbrauch an ihrem eigenen Sohn erleben muss. Die Mutter-Sohn Beziehung wird dadurch bis an die Grenzen menschlicher Kraft belastet. Nur die Liebe zur Musik und zur Natur retten sie vor der Verzweiflung. Nach einer Ehe mit einem Mann, der weder zu ihr steht noch etwas von Treue hält, erlebt Joëlle nach vielen Jahren der Einsamkeit nochmals einen Frühling ihres Frauseins in der Liebe.

Die Autorin analysiert gesellschaftskritisch die Machtverhältnisse, die den Missbrauch begünstigen – sogar in einem Rechtsstaat. Sie zitiert themenrelevante Texte aus der Fachliteratur, um die sozialpsychologischen Hintergründe zum sexuellen Missbrauch aufzuzeigen.

Die Autorin

Die Autorin schreibt unter dem Pseudonym Françoise Noailles. Aufgewachsen ist sie in der französischen Schweiz. Sie studierte Psychologie und schloss das Studium an der Universität mit dem Master ab.

Für meine Söhne, die mich lehrten,

was menschliches Leben sein kann.

Für Thierry, der mich zu diesem Buch

ermutigte und dabei begleitete.

Dieses Buch ist all jenen gewidmet, die trotz Missbrauchs den

Glauben an die Liebe nicht aufgeben.

Inhalt

Nackt – missbraucht – beschämt

Liebe

Suizidversuche – Flucht

Der polygame Mann und die geheime Geliebte

Familiengeheimnisse

Ausgegrenzt

Pascal

Spuren der Ehe

Angst vor Liebesverlust

Das Ende einer Liebe

Einsamkeit – Suizidgedanken

Olivier

Suchtkrank

Sexueller Missbrauch

Männer

Nachwort

Literatur

Nackt – missbraucht – beschämt

Die Wertschätzung … dazu gehört das Gefühl, respektiert und ernst genommen zu werden. Sexuelle Ausbeutung in der Kindheit verletzt diese Dimension aufs Tiefste. Kinder erleben den Missbrauch oft als einen Beweis dafür, dass sie böse sind, schlechte Menschen, die nichts Besseres verdient haben … und vor allem nicht würdig, geliebt zu werden.

– Ursula Wirtz, Seelenmord

Eines Tages, als sie in einer Fernseh-Dokumentation sah, wie afrikanische Mütter ihre Kinder in den Arm nahmen, über ihre Köpfe streichelten, dachte Joëlle an ihre Mutter: «Warum hat sie mich nie in ihre Arme geschlossen, nie an sich gedrückt, nie über meine Haare gestrichen, als ich noch ein Kind war? War sie etwa meine Leihmutter, nicht meine leibliche Mutter?»

Die Mutter hatte Joëlle verleugnet. «Wann hört dieser kalte Krieg zwischen uns auf?», fragte sich Joëlle. Wann immer sie die Mutter besuchte, wurde sie, die einzige Tochter, von ihr draussen stehen gelassen, vor dem Haus, vor ihrem Herzen, auch wenn Joëlle durch ihre Haustüre im realen Sinne eintreten konnte.

Ihr Herz hatte die Mutter für Joëlle für immer verschlossen, seitdem die Tochter ein fünfjähriges, dunkelhaariges Mädchen gewesen war. Eine lange Zeit ohne Mutter.

Es geschah, als sie noch ein kleines Mädchen war. Ihre Haut war noch samtigweich wie eine Pfirsichhaut. Ihre Augen waren dunkel, ernst wie die eines scheuen Rehs. Es war auch ein aufgescheuchtes, gejagtes Rehkitz, das kleine Mädchen. Denn während des Tages liess die Mutter das unerfahrene Rehkitz allein. In solch einsamen Stunden schlich es in die Scheune zu den Kühen. Da war noch ein Mann. Der meinte es aber nicht gut mit dem kleinen Mädchen. Doch es ahnte nicht den bösen Mann in ihm. Erst viel später wurde er zum bösen Mann, als die Mutter alles wissen wollte von den Stall-Erlebnissen und dafür ein Geschenk versprach mit den Worten: «Dann bist du ein Liebes, wenn du mir alles erzählst.»

Das Mädchen wollte ein Liebes sein und erzählte alles trotz der Androhungen des Knechts, wenn es alles ausplaudern würde bei den Eltern. Der Schmerz war so gross, dass sie später eine Puppe mit einem Kleiderhaken so malträtierte, bis der Kopf abfiel.

Dann geschah das grosse Unheil. Die Mutter schlug das Mädchen auf den nackten Hintern. Sie schlug und schlug mit voller Wut – und dann verstiess sie das Mädchen. Es gehörte fortan nicht mehr zur Familie. Zwar schlief und ass es noch im Elternhaus, aber nie mehr so wie früher. Das Essen war nur noch ein Gnadenbrot, das die Mutter auch noch entziehen konnte, wie die Liebe.

Joëlle musste als fünfjähriges Mädchen für die Mutter eine lebendige Erinnerung an deren eigenes Trauma, einen sexuellen Missbrauch, gewesen sein. Die Mutter hatte keine Verarbeitungsmöglichkeit durch Psychotherapie gehabt. Deshalb schlug sie ihre seit Jahren unterdrückte Wut auf den nackten Körper des eigenen fünfjährigen Töchterchens und liess es stehen in der emotionalen Wüste; sie koppelte es ab wie einen defekten Waggon auf dem Geleise. Dass sie ihr eigenes Kind stigmatisierte mit der drakonischen Strafe, daran dachte sie wohl nicht. Es ging ihr um ihre Ehre als Mutter.

Die Mutter hatte ihr die Kleider vom Leib gerissen. Ein fünf Jahre altes kleines Mädchen war sie damals, als sie von der Mutter auf den Po geschlagen wurde. Die Mutter wollte den Teufel aus ihr herausschlagen, den Knecht, der ihr Töchterchen sexuell missbraucht hatte.

Damals wusste das kleine Mädchen nichts von Exorzismus, Teufelsaustreibung. Später, als erwachsene Frau liess jeder Film zu diesem Thema den kalten Schauer über ihren Rücken laufen.

Seit jener Bestrafung für ein unbegreifliches Vergehen, schämte sich Joëlle immer für ihren Körper.

Mitreden, mitlachen durfte das Mädchen nicht mehr in der Familie. Alle lachten über es, über das, was es mitteilte. Die Stunden am Tisch wurden zur Qual. Es zog sich in sein Fantasiereich zurück und träumte immer davon, von einem fremden Menschen in den Arm genommen zu werden. Zu allen Verwandten, zu denen es eingeladen wurde, ging es, ohne eine Minute Heimweh nach dem Elternhaus zu verspüren

M. Titze schrieb in seinem Buch «Die heilende Kraft des Lachens»:

In einer Entwicklungsphase, in der das Kind noch nicht über ein begriffliches Urteilsvermögen verfügt, bezieht es alle erzieherischen Massregelungen der Eltern auf sein gesamtes Selbst … Ihr böser Gesichtsausdruck, ihr harter und lauter Tonfall, ihre abweisende Körperhaltung, all das fasst das Kleinkind als Hinweis dafür auf, jetzt nicht mehr liebenswert zu sein. Ein so beschämtes Kind beginnt sich selbst gleichsam durch die Brille seines Identifikationsgewissens zu betrachten. Dies kann ein tief gehendes Gefühl des Unwohlseins hervorrufen, das die gesamte körperliche Sphäre mit einbezieht … So sucht sich schon das Kleinstkind vor den Augen der Welt zu verbergen, indem es den Blick abwendet und sich verstecken will. Im Grunde ist die Scham ein persönliches Schutzgefühl, das die Integrität des Selbst behüten soll. Ein beschämtes Kind sucht sein Heil deshalb in der Distanz. Es entfremdet sich zunächst jenen, die es blossgestellt haben: den eigenen Bezugspersonen. Indem es sich aber gleichzeitig mit ihnen identifiziert, entfremdet es sich auch von sich selbst … Damit einher geht ein Gefühl der Leere, Entfremdung und Depersonalisation, die das ganze Leben sinnlos erscheinen lässt. (Titze 1995, S. 69 ff.)

Die nackte Wahrheit – sie fühlte sich nackt vor ihnen, den Jugendlichen. Es war, als wäre sie nackt als Lehrerin. Damals war sie vierundzwanzig Jahre alt. Die Klassen bestanden aus ausschliesslich sechzehnjährigen, zum Teil achtzehnjährigen männlichen Jugendlichen.

Joëlle wurde von der schmutzigen Fantasie ihres Vaters missbraucht, die er auf sie projizierte. Als Kind ekelte sich Joëlle vor Vaters Gute-Nacht-Küsschen. Sie verstand auch sein Verbot mit drohender Stimme in ihrer Kindheit nicht: «Du darfst dich nicht auf die Couch in der Stube legen, wir haben Knechte.»

Als Joëlle vierundzwanzig Jahre alt war, auf der Fahrt nach Zürich, wo sie eine Stelle als Lehrerin antreten wollte, sagte der Vater am Steuer: «Du gehst zu den Prostituierten!» Joëlle schämte sich an seiner Stelle, weil ihre Mutter im Auto dies anhören musste. Joëlle schwieg. Einen Zusammenhang zu Vaters Wünschen und Erfahrungen mit Prostituierten konnte sie damals nicht ahnen. Sie war vernichtet, da sie nie ein leichtes Mädchen gewesen war und zu jenem Zeitpunkt die Sexualität als Frau nur theoretisch aus Büchern kannte. In jener Nacht halfen ihr ein Dutzend Tabletten, Belladonna, in der Verzweiflung – der Magen spuckte sie wieder aus.

Das Schicksal von Mädchen mit Vätern, die an inzestuösem Vaterkomplex leiden, wird in Märchen erzählt. Eines von ihnen sei hier erwähnt: «Allerleirauh» der Brüder Grimm.

Nackt wollte er, der Exmann sie noch einmal sehen; für ihn ein Abschiedsritual, für sie die Hölle. Weinend zog sie sich aus, wie in Trance, für ihren ehemaligen Ehemann, bevor sie es überdenken konnte, einem Befehl gehorchend.

Nackt wurden die Kriegs-Häftlinge in den US-Gefängnissen, nicht nur in Guantanamo, gedemütigt. Mit Gewalt verbundene Nacktheit diente der Scham, der Entwürdigung, der menschlichen Erniedrigung, wie damals in den KZ des Dritten Reiches. In Gefängnissen auf der ganzen Welt ist sie eine Foltermethode.

Friedrich Nietzsche schrieb über Menschen, die bei andern Menschen Scham auslösen: «Wen nennst du schlecht? Den, der immer dich beschämen will.»

Nacktheit dient entgegengesetzten Zielen. Für die Werbung von Produkten; die nackte, farbige, liegende Frau auf dem Plakat ist ein begehrtes Produkt, dem der Werbetext die Bedeutung einflüstert: «Just feel wanted», «fühle dich begehrt». Sie ist ein Köder für männlichen Genuss.

Gewalt und Nacktheit wird im Sex-Business längst verbunden. Unfreiwillige, gefangene Prostituierte, müssen diese Erfahrung machen. Es ist der Frauenhandel, die Frauensklaverei im 21. Jahrhundert. Tausende von Frauen erleben sie allein in Deutschland. Sie werden in sogenannten Wellness Oasen gezwungen, nackt, ohne Kleider, ohne Dessous vor die Freier zu treten. Sie werden mit Kameras überwacht, damit sie allen Forderungen der bezahlenden Freier gehorchen.

Nackt kommen wir zur Welt, ausgeliefert jenem Menschen, der uns nackt gebar. Es gibt nackte Neugeborene, die nie bekleidet werden, sondern gleich in der Mülltonne auf dem Gehsteig landen, auf einer Hintertreppe, auf das Erbarmen eines andern Menschen angewiesen.

Ausgeliefert war Joëlle mit fünf Jahren jenem Menschen, der sie geboren hatte, der Mutter. Diese konnte ihr jenen Schutz der Kleider nach fünf Kinderjahren noch entreissen. Beschützte Kinderjahre waren es wohl kaum, sonst hätte der Kinderschänder nicht immer wieder Zugang zum Mädchen gefunden. Der Knecht wendete keine Gewalt an, sondern lockte das Kind berechnend mit Pseudo-Zärtlichkeit, drohte jedoch mit Sanktionen, damit das Mädchen keinem Menschen darüber etwas zu erzählen getraute. Dass die Mutter ihrer blinden Wut über den sexuellen Missbrauch an ihrem Töchterchen Ausdruck gab, indem sie das Opfer des Missbrauchs, ihr fünfjähriges Mädchen, statt den Täter schlug, ist kaum fassbar.

Jedes Mal, wenn Joëlle einem fünfjährigen Mädchen begegnete, das von ihrer Mutter liebevoll gestreichelt wurde, schaute sie wie gebannt hin, auf ein Wunder der Natur.

Wie konnte die Mutter als naturbedingte Beschützerin, ihrem Kind Gewalt antun, mit der Rechtfertigung, es zu bestrafen dafür, dass es die sexuelle Gewalt eines Mannes erduldet hatte? Das missbrauchte Kind wurde somit doppelt missbraucht.

«Du musstest ja den Knecht nicht gewähren lassen», war Mutters Vorwurf. Es fehlten nur noch die Worte jenes Richters, der sagte: «Du hast wohl die sexuelle Befriedigung auch genossen, was die Strafe des sexuellen Täters mildert.»

Auch der sexuelle Missbrauch ohne körperlichen Schmerz, jedoch mit Drohungen gepaart, ist Gewalt: «Wehe, wenn du es jemandem erzählst!», drohte der Knecht der fünfjährigen Joëlle.

Bäume waren Joëlles einzige vertraute Beschützer. Als Kind erzählte sie ihren tiefsten Kummer dem Nussbaum auf dem Hof, keiner Menschenseele vertraute sie sich an. Er breitete seine Äste schützend über sie aus. Die untergehende Sonne hinter den Baumblättern versprach jeden Abend: «Ich gehe nur kurz hinter den Horizont zu den Menschen auf der südlichen Halbkugel, ich komme wieder. Keine Bange.»

Viele Jahre später äusserte sich die Mutter: «Dann hat dieser arme Knecht namens X umsonst die Jahre im Gefängnis abgesessen, wenn du dich nicht mehr an seinen Namen erinnern kannst.» Diese Worte machten den Graben zwischen Joëlle und ihrer Mutter noch grösser.

Aus dem missbrauchten wurde ein verteufelter Mädchenkörper. Aus der Welt des Kindes wurde sie als fünfjähriges Kind jäh herausgerissen. Ihre Mutter hatte sie mit Sanktionen, schlimmer noch mit dauernder Beschämung bestraft. Joëlle verlor die Liebe ihrer Mutter für immer, weil sie Opfer eines Kinderschänders geworden war.

Die Schläge von der Mutter, als Strafe für den erlittenen sexuellen Missbrauch des fünfjährigen Töchterchens, haben eine Gemeinsamkeit mit dem «Ehrenmord» an muslimischen Frauen. Wenn diese, entgegen der Tradition, ihren sexuellen Partner selber wählen, ist den strafenden Eltern jedes Mittel recht, auch die Ermordung der eigenen Tochter, um die eigenen verletzten Gefühle wieder herzustellen.

Wenn alle schlafen, wenn niemand mehr in mein Leben eingreift, stehe ich nachts auf und befrage mich selbst über das kleine Mädchen, das ich einmal war und das so sehr jenen gleicht, von denen man mir auf der Couch erzählt. Worin gleichen sie sich? Im Schweigen: Sie und ich, wir haben das gleiche Schweigen erfahren, die Verschwörung des Schweigens um unser Geschlecht. (Olivier, S. 84)

Nach dem sexuellen Missbrauch untersuchte der Doktor die fünfjährige Joëlle im Genitalbereich. Er und die Mutter liessen Joëlle im Schweigen stehen − genauso wie der missbrauchende Knecht.

Wenn es mit den Frauen soweit gekommen ist und die Eifersucht die gleichgeschlechtliche Solidarität verdrängt hat, dann auf jeden Fall deshalb, weil es die Mutter als die Frau, die ihr zuerst begegnet, nicht gewagt hat, am Körper ihrer Tochter anzuerkennen oder zu benennen, was diese mit ihr gemeinsam hat. Hat sie sich geschämt? Hat sie Angst gehabt? Keine Frau spricht je von der Klitoris zu ihrem kleinen Mädchen… (Olivier 1991, S. 63)

Christiane Olivier schreibt dies als Psychotherapeutin im Jahr 1980!

Das fünfjährige Mädchen Joëlle wurde von der leiblichen Mutter mit dem Teppichklopfer auf den nackten Hintern geschlagen. «Zieh die Hose runter und leg dich auf diesen Eimerständer!», befahl sie dem ahnungslosen Kind in der kalten Waschküche. Der volle Wasserstrahl mitten in sein Gesicht sollte dem Mädchen das Vergehen bewusst machen.

Joëlles Freundin Catherine, auch vom gleichen Knecht missbraucht, hatte ein zusätzliches Unglück für Joëlle heraufbeschworen, ohne es zu ahnen. Die Freundin erzählte nämlich eines Tages Joëlles Mutter von ihrem Missbrauch. Damit diese alle Details erfuhr, lockte sie mit Schokolade das «Geständnis» von Catherine hervor.

Nach jener Stunde des Verhörs bekam Joëlle ihre beste Freundin nie mehr zu sehen. Catherine war von jenem Tag an wie vom Erdboden verschluckt. Jede Frage nach der Freundin erstickte in Mutters Drohung: «Wenn du noch einmal von Catherine redest, musst du auch verschwinden, wohin wirst du dann schon sehen.» Joëlle traf ihre Freundin Catherine, ein Adoptivkind in der Nachbarfamilie, erst wieder als volljährige Frau. Erstmals erfuhr sie vom Erziehungsheim, in dem Catherine ihre Jugend verbracht hatte.

Von jenem Tag an lehnte die Mutter den Kinderkörper von Joëlle systematisch ab. Die Mutter verteufelte ihn. Sie isolierte das Mädchen sozial und strafte es während der ganzen Kindheit mit Liebesentzug und Beschämung. Joëlle wurde im Kinderspiel isoliert von ihren Brüdern, für die sie angeblich eine Gefahr bedeutete. Sie verstiess Joëlle jedes Mal mit einem strafenden Blick auf ihren Körper, den die Mutter hasste. Joëlle lernte ihren eigenen Körper zu verleugnen, abzulehnen.

Nur einmal in der Kindheit erteilte die Mutter der achtjährigen Tochter mit: «Jetzt sind deine Seele und dein Körper wieder rein vor Gott.» Es war der Tag von Joëlles erster Kommunion in der katholischen Kirche. Das weisse Kleid, Symbol der seelischen Reinheit, musste mit Angstschweiss vor dem Beichtstuhl verdient werden. «Du musst alles beichten, was du mit dem Knecht angestellt hast!», war der bedrohliche Befehl der Mutter.

«Sechstes Gebot: Ich habe Unkeusches getan!», flüsterte die Achtjährige im dunkeln Beichtstuhl, hinter dessen Gitter ein unsichtbarer Beichtvater sass, zuhörte und fragte: «Mit wem?» Joëlle wusste vom Beichtunterricht und vor allem von der Mutter, dass das sechste Gebot Todsünden beinhaltete, die Verdammnis in der Hölle wäre die Bestrafung Gottes, würde sie diese Sünde nicht beichten.

«Te absolvo…», die letzten gemurmelten Worte des Pfarrers in lateinischer Sprache verstand das Mädchen nicht, aber deren Übersetzung kannte sie aus dem Beichtunterricht: «Deine Sünden sind dir vergeben, gehe hin in Frieden.»

Um die achtjährige Tochter Joëlle dazu anzuhalten, sich eher töten zu lassen, als sich wieder jemals einem Kinderschänder zu ergeben, las ihr die Mutter die Geschichte von Maria Goretti vor. Es war der Tatsachenbericht einer zwölfjährigen Märtyrerin, die von der Kirche heiliggesprochen wurde, weil sie sich gewehrt hatte, bei einer Vergewaltigung und vom Sexualtäter getötet wurde.

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