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Codewort Cromwell: Der Fall Großbritannien
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eBook911 Seiten10 Stunden

Codewort Cromwell: Der Fall Großbritannien

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Über dieses E-Book

Sommer 1940. Frankreich ist besiegt und damit einer der wichtigsten Gegner Deutschlands in Europa bezwungen. Wird es jetzt die Chance auf einen Frieden geben? Der Generalstab in Berlin blickt ehrfürchtig auf die andere Seite des englischen Kanals. Großbritannien ist entschlossen, den Kampf fortzusetzen. Kann diese Bedrohung unbeachtet bleiben oder sollte ein Unternehmen gestartet werden, das die Situation im Westen Europas ein für allemal klärt? Einige Argumente sprechen dafür, doch weit mehr sprechen dagegen. Wie immer in der Vergangenheit birgt eine zunächst kleine Entscheidung die Macht, den Lauf der Geschichte zu verändern. Was wäre wenn...?
Ein entschlossener General schafft es, gegen Widerstände aus den eigenen Reihen einen Plan auszuarbeiten, der einen Erfolg des waghalsigen Unternehmens in greifbare Nähe rücken lässt. Die Eroberung Großbritanniens scheint machbar.
Den Strategen ist jedoch schnell klar, dass es nur einen kurzen Zeithorizont gibt, der ihre Pläne begünstigt. Daher sind schnelle Entscheidungen notwendig. Unter Aufbietung aller Möglichkeiten werden die Einzelheiten des Plans ausgearbeitet und die ersten Schritte eingeleitet.
Die Engländer sind sich der drohenden Gefahr durchaus bewusst und so wird alles für die Verteidigung vorbereitet. Allen voran versucht die Royal Air Force die Kontrolle über dem eigenen Luftraum zu verteidigen. Unterstützt wird sie dabei von den neusten Entwicklungen auf dem Gebiet der Radartechnik. Der englischen Regierung ist klar, dass es hier nicht nur um ihr eigenes nacktes Überleben geht, sondern ebenfalls um das letzte sichere Bollwerk der Freiheit in Europa.
Auf der anderen Seite des Atlantiks hingegen befinden sich die Vereinigten Staaten im Präsidentschaftswahlkampf. Einer militärischen Intervention steht die Bevölkerung sehr zurückhaltend gegenüber. Das Leid des letzten Weltkrieges ist Vielen noch im Gedächtnis. Die Verantwortlichen sucht nach einer Verhandlungslösung.
So steht England fast völlig allein. Es kann sich nur auf die Fähigkeiten des einstigen Empires verlassen, um im Kampf gegen die Invasion zu bestehen. Sollte es wirklich einer feindlichen Macht gelingen, englischen Boden zu betreten? Es beginnt ein gnadenloser Kampf in der Luft, zu Wasser und auf dem Land. Die Protagonisten auf den verschiedenen Schauplätzen erleben Siege und Niederlagen. Doch wer kann das Schicksal am Ende in seinem Sinne beeinflussen?
SpracheDeutsch
HerausgeberBooks on Demand
Erscheinungsdatum30. Okt. 2014
ISBN9783735714565
Codewort Cromwell: Der Fall Großbritannien
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Autor

Maik Neubacher

Maik Neubacher, Jahrgang 1973, arbeitet als Service-Techniker für ein kleines Unternehmen in Hamburg. Auf einer Dienstreise und im Gespräch mit einem englischen Kollegen entstand die Idee zu diesem Buch. Bei jedem späteren Treffen wurden die Ideen weiterentwickelt und so nahm die Handlung nach und nach Gestalt an. Maik Neubacher lebt in einer kleinen Stadt am Rande Hamburgs. In seiner Freizeit beschäftigt er sich mit Politik und Militärgeschichte. „Codewort Cromwell“ ist sein erster Roman. Auf Grund der Reisetätigkeiten in England und Gesprächen mit Zeitzeugen und Historikern stellte sich Maik Neubacher die Frage: Wäre 1940 eine deutsche Invasion Englands tatsächlich möglich gewesen? Die englische Bewunderung für die eigene Geschichte und das Selbstbewusstsein haben ihn immer sehr fasziniert und er konnte sie vor Ort kennenlernen. Daraus entwickelte sich die Idee einer „Was wäre wenn...?“ -Geschichte. Wie hätte es ablaufen können? Der Roman stellt diese Ereignisse anhand von Personen und Orten nach. Abseits der möglichen politischen Vorstellungen und Einflüsse beschäftigt er sich vornehmlich mit den militärischen Aspekten und Möglichkeiten. Besuche an historischen Orten und Museen bildeten eine Grundlage der Handlung. Verbunden mit fundiertem Wissen über die damalige Waffentechnik ergibt sich eine Geschichte, die die realen Geschehnisse nachvollziehbar darstellt.

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    Buchvorschau

    Codewort Cromwell - Maik Neubacher

    Hause!

    Kapitel 1

    28. Juni 1940

    0900, Madrid

    Frank Butler griff fast automatisch nach seiner Kaffeetasse. Sein Blick war auf die Titelseite des STANDARD gerichtet. Es war zwar nicht die Zeitung, für die er normalerweise arbeitete, aber der Zeitungsjunge stand direkt vor dem Café und Butler brauchte morgens zu seinem Kaffee etwas zum Lesen. Die Zeitung war schon einen Tag alt, aber besser als nichts. Der Artikel beschrieb die Situation der Royal Air Force im Kampf gegen die Deutschen. Angefangen von der Abwehrschlacht bei Dünkirchen bis hin zu den Gefechten über Frankreich und dem englischen Kanal. Am Ende stand der Aufruf an die Leser, sich freiwillig zur Ausbildung als Pilot zu melden. Der Bedarf schien groß zu sein. Geschrieben war der Bericht von Sarah Read. Butler musste anerkennend nicken. Die Story war sehr gut geschrieben. Aber er hatte von Sarah auch nichts anderes erwartet. Er kannte sie schon viele Jahre. Sie hatten beide vor langer Zeit bei der gleichen Zeitung in Sheffield angefangen. Read war bei der Arbeit immer etwas waghalsiger gewesen. Das hatte Butler auch während ihrer kurzen aber heftigen Liebesaffäre feststellen müssen. In ihrem Job startete sie manche Story ohne Rücksprache mit dem Chefredakteur. Entschuldigen war für sie einfacher als um Erlaubnis zu bitten. Meistens war die Veröffentlichung dann ein großer Erfolg und Reads unorthodoxe Arbeitsweise nur noch eine Nebensache. Butler war in dieser Hinsicht immer etwas vorsichtiger und auch ein wenig neidisch, musste er zugeben. Er bevorzugte lieber eine genaue Faktenkette, damit die Zeitung keine Klagen zu befürchten hatte. Irgendwann bekam Sarah dann ein Angebot des STANDARD und ging nach London. So hatten sie sich etwas aus den Augen verloren, zumal Butler kurze Zeit später ebenfalls Sheffield verließ und einen Auslandsposten übernahm. Was blieb waren gelegentliche Treffen, aber das alte Feuer kam nicht wieder. Beide versuchten jedoch immer, die Artikel des anderen zu lesen. Für diesen Artikel über die RAF musste Sarah über gute Kontakte verfügen. Da war sich Butler sicher.

    Er verzog angewidert das Gesicht, der Kaffee schmeckte wirklich furchtbar. Einen richtigen englischen Tee hatte er hier nicht bekommen können. Das Frühstück an sich war schon eine Strafe. Es bestand aus etwas brauner Soße und einem runden Stück Kuchen, das in der Mitte mit etwas Konfitüre gefüllt war. Nicht wirklich ein Genuss. Doch er hatte Hunger und seine Erfahrung als Auslandskorrespondent hatte ihm gezeigt, dass man essen musste, wenn sich einem die Gelegenheit dazu bot. Der Weg nach Madrid war anstrengend und umständlich gewesen. Doch er war aus Paris rausgekommen. Rechtzeitig, wie er jetzt las. Dafür würde er seinem Schöpfer ewig dankbar sein.

    Sein Weg hatte ihn über Marseille und Barcelona geführt. Die Mitfahrgelegenheiten waren nicht sonderlich komfortabel, doch jetzt war er hier. Eine Nacht in einem richtigen Bett hatte Wunder gewirkt. Nun ging es daran, zurück nach England zu kommen. Er wollte wieder nach Hause, nach London, in die zivilisierte Welt.

    Zugegebenermaßen war es schon eine ungewöhnliche Einstellung für einen Auslandsreporter, aber die Zeit in Frankreich hatte ihm gereicht. Gern sehnte er sich nach den Zeiten zurück, als man das flotte Leben in Paris noch genießen konnte, doch der Kriegsbeginn hatte alles verändert. Gut, das erste halbe Jahr waren kaum Veränderungen zu spüren gewesen. Es war ruhig und er konnte seine Artikel schreiben und abends etwas in den Restaurants entspannen. Er hatte sogar eine Bar gefunden, in der man ein englisches Bitter bekommen konnte. Doch jetzt, aus und vorbei. Nun würden die Deutschen sich im Pariser Nachtleben amüsieren. Butler konnte es immer noch nicht fassen. Alles war so schnell gegangen. Vier lausige Wochen und Frankreich war am Ende. Einfach so. Als die Deutschen sich der französischen Hauptstadt näherten, hatte er ein kurzes Telegramm an die Zentrale seine Zeitung gesendet und dann seine Sachen gepackt. Er hatte kein Verlangen in Kampfhandlungen verwickelt zu werden. Sein Sachgebiet war die Politik. Niemand wusste, wie es in Frankreich weiter gehen sollte und er verspürte keine Lust, es am eigenen Leib zu erfahren.

    Nun hieß es, einen Weg nach Gibraltar zu finden, um von dort weiter nach England zu kommen. Sein Chef hatte seiner Rückkehr widerwillig zugestimmt. Er sollte sich in London melden und man würde ihm einen neuen Aufgabenbereich zuweisen. Mit etwas Glück hoffte Butler, einen Posten in Washington zu bekommen.

    Die eine Nacht hier in Madrid hatte geholfen, sich etwas zu erholen. Er blinzelte in die Sonne, als ein Kellner neben ihm erschien.

    „Senor, möchten Sie noch etwas?"

    „No, Gracias. Ich muss mich auf den Weg zum Bahnhof machen", antwortete Butler. Er nahm sich aber vor, vorher noch einmal zu versuchen, seine Redaktion in London zu erreichen.

    Nachdem er den starken Kaffee halb ausgetrunken hatte, ging er zurück in die nahe Pension. An der Rezeption ließ er ein Gespräch nach London anmelden. Er gab dem Angestellten einen Zettel mit der Telefonnummer und schlenderte in die einzige Fernsprechkabine in der Empfangshalle. Nachdem die Verbindung hergestellt war, klingelte der Apparat und er konnte mit seinem Vorgesetzten sprechen.

    „Hi Walter, ich bin’s, Frank. Ich bin hier immer noch in Madrid. Ich wollte nur mal nach dem Stand der Dinge fragen. In Kürze mache ich mich auf den Weg nach Gibraltar und hoffe ein Schiff zu erwischen, das mich in England absetzt", erklärte Butler, während er sich an die Seitenwand lehnte.

    „Ja, natürlich. Kein Problem. Wir werden schon etwas Neues für dich finden. Es tut mir Leid, dass wir dich nicht in Spanien unterbringen konnten. Wir müssen einfach abwarten, wie es sich in Frankreich entwickelt. Vielleicht können wir dich ja in ein paar Wochen wieder zurückschicken."

    Butler verdrehte die Augen. Eigentlich wollte er woanders hin. Aber er ließ sich nichts anmerken und sagte:

    „Okay, mal sehen, was passiert. Möglicherweise gibt es ja doch noch eine stabile Regierung in Frankreich und man kann sich auch als Ausländer frei bewegen."

    „Tja, wer weiß. Es ist aber gut, dass du noch anrufst. Ich habe meine Verbindungen spielen lassen und dir ein Schiff für die Überfahrt besorgt. Es sei denn, du hast schon etwas aufgetrieben?", fragte sein Redakteur.

    „Nein, bis jetzt noch nicht. Ich wollte einfach das erste Schiff nehmen, das ich bekommen könnte. Was hast du denn gefunden?"

    „Nun, da du ja nicht die ganze Zeit auf der faulen Haut liegen sollst, habe ich bei der Navy angefragt. So wie es aussieht, wird die Navy einige Einheiten der Mittelmeerflotte abziehen und der Homefleet zuteilen. Wenn du es schaffst, in vier Tagen dort zu sein, kannst du vermutlich auf einem der Kriegsschiffe mitfahren. Was hältst du davon?"

    „Ich frag besser gar nicht erst, wie du das hinbekommen hast. Aber die Idee gefällt mir. Ich kann mit den Leuten dort sprechen. Wenn ich zurück bin, kann ich dir einen Artikel über die Situation im Mittelmeer und über die Seeleute geben. Ist zwar nicht ganz mein Fachgebiet, aber mal sehen, was ich tun kann", erwiderte Butler. Er begann schon im Kopf einige Überlegungen anzustellen. Er musste so rasch wie möglich Richtung Gibraltar aufbrechen. Butler beendete das Gespräch und verließ die Telefonkabine. Dann begab er sich zur Rezeption, um die Abreiseformalitäten zu erledigen.

    1000, Stanmore

    Der Wagen des Vice Airmarshal Keith Park blieb langsam vor den Toren des Hauptquartiers des Fighter Command stehen. Ein junger Soldat eilte herbei, um die Tür des Wagens zu öffnen. Keith Park erhob sich langsam von seinem Sitz und trotz seines Alters gelang es ihm immer noch, einen gewissen Schneid an den Tag zu legen. Er erwiderte den Gruß des Soldaten und stieg die Stufen hinauf. Es stand ihm wieder eine dieser ermüdenden Sitzungen bevor und auch diesmal machte er sich nicht allzu große Hoffnungen, seine Forderungen durchsetzen zu können. Auf dem Weg zu den Sitzungszimmern ließ er seine Gedanken noch mal zu der wenige Tage zurückliegenden Geburtstagsfeier zurückschweifen. Vor einem Jahr war sie schöner und aufwendiger gewesen, doch jetzt, in Zeiten des Krieges, gab es wichtigere Dinge. So war die Feier eher kurz ausgefallen. Zumindest hatte er seine ganze Familie wieder einmal sehen können. Als er das Vorzimmer des Chefs des RAF Fighter Command, Airmarshal Hugh Dowding, betrat, versuchte er, sich wieder auf die vor ihm liegenden Probleme zu konzentrieren.

    Die Struktur der englischen Jagdflieger war grundsätzlich gut aufgestellt. Das ganze Land war kurz nach Kriegsbeginn in vier Zonen eingeteilt worden. Wobei die Gruppe 11 unter dem Kommando von Park stand und den Südosten Englands einschließlich Londons abdeckte. Seine Squadrons waren über eine Vielzahl von größeren und kleineren Feldflugplätzen verteilt. Das Hauptquartier befand sich in Uxbridge, westlich der englischen Hauptstadt. Der wichtigste Pfeiler der Luftverteidigung war aber das englische Radar. In Verbindung mit dem gut ausgebauten Kommunikationssystem ermöglichte es dem Fighter Command, seine Jäger gezielt einzusetzen. Das bedeutete, die Jagdflugzeuge wurden nicht auf gut Glück hochgeschickt, um den Gegner zu suchen, sondern sie konnten geführt an die angreifenden Luftwaffenverbände heran geleitet werden. Dies ermöglichte einen effizienten Einsatz der Kräfte, die allerdings zum Bedauern von Park noch nicht ausreichend stark waren. Dabei bot das System hervorragende Möglichkeiten. Die Radarstationen waren entlang der gesamten englischen Küste aufgestellt. Sie hatten eine Reichweite von mehr als hundertfünfzig Kilometern. Zum Teil war es möglich, angreifende Verbände schon in der Startphase zu erkennen. Diese Informationen gingen dann an die Operationszentrale des Fighter Commands. Dort wurden sie ausgewertet und notwendige Befehle an die jeweiligen Gruppen weitergeleitet. So konnte jeder Angriff genauestens erkannt werden. Was Park nur fehlte waren die Flugzeuge, damit er die Befehle auch ausführen konnte.

    Der Lieutenant am Schreibtisch des Vorzimmers sprang auf und grüßte zackig.

    „Guten Morgen, Sir. Marshal Dowding erwartet Sie. Sie können gleich reingehen, Sir."

    „Danke", Park erwiderte den Gruß und betrat das Dienstzimmer des Marshals. Trotz der frühen Morgenstunde war der Raum noch abgedunkelt. Die dicken Vorhänge verhinderten jeden Lichteinfall, sowohl von drinnen als von draußen. Dowding saß nicht an seinem Arbeitstisch, sondern stand an einem Wandregal und beschäftigte sich mit dem Radioempfänger. Dieser wollte nicht so ganz nach seinem Willen und der Chef der englischen Luftverteidigung machte einen leicht gereizten Eindruck. Möglicherweise waren aber auch die vergangenen langen Nächte der Grund für die Anspannung, die im Raum lag.

    „Guten Morgen, Hugh. Wollen wir zur heutigen Besprechung Musik hören oder hoffst du, dass der neue Premierminister uns mit einer Radioansprache etwas Mut zuspricht?" Sie begrüßten sich kurz.

    „Mein Lieber, ich wünschte, es wäre so simpel. Aber ich versuche dieses Radio auf die Frequenz der deutschen Nachrichten einzustellen. Mein Verbindungsmann aus Bletshley Park hat es mir heute, oder besser gestern Abend gezeigt. Er hat mich auch darauf hingewiesen, dass es heute noch eine wichtige Nachricht geben soll. Bevor die anderen da sind, wollte ich es noch mal versuchen. Auf meinem Schreibtisch findest du die letzten Informationen und Berichte. Dieser verdammte Kasten...!"

    „Vielleicht solltest du lieber jemanden holen, der sich damit auskennt?" schmunzelte Park.

    Dowding schlug mit der flachen Hand auf den Empfänger und im gleichen Moment ertönte die Fanfare der deutschen Wochenschau. Eine Melodie, die ihnen wohl vertraut war und ebenso unsäglich zuwider.

    „Na, da haben wir’s doch. Dann warten wir mal auf die nächsten Meldungen."

    Dowding blickte mit einem Augenzwinkern zu Park und deutete auf die beiden Sessel an der gegenüberliegenden Wand.

    „Also, wir haben noch zehn Minuten, bevor die Besprechung mit den anderen Gruppenchefs nebenan losgeht, und ich wollte noch mit dir sprechen. Deine Gruppe 11 trägt zurzeit die Hauptlast des Kampfes. Zuletzt die Evakuierung aus Dünkirchen und jetzt die Verteidigung Süd-Englands. Ich weiß, wir muten dir und deinen Piloten viel zu, aber was soll ich sagen? Wir haben keine Wahl. Heute Abend muss ich wieder zum Premierminister. Für ihn ist immer noch die Navy das Wichtigste. Es ist jedes Mal dasselbe. Die Navy soll auslaufen und wir sollen sie aus der Luft schützen und rennen den Deutschen damit in die Arme. Sie bekommen uns und die Schiffe auf dem Silbertablett, schnaubte Dowding. Dieses Thema brachte ihn immer auf die Palme. „Also, wie sieht’s aus? Wie ist die Lage bei dir?, fragte Dowding.

    „Na ja, wie soll ich es sagen? Es ist nicht mehr so beschissen wie vor zwei Tagen, antwortete Park langsam. Es ist jetzt noch viel schlimmer geworden. Es fehlt immer noch an Piloten und Flugzeugen. Die Piloten können nicht schnell genug ausgebildet werden und wenn sie dann bei meinen Staffeln eintreffen, bemerkt man sofort, wie schnell sie durch die Einweisungen gepeitscht wurden. Die Katze beißt sich einfach in den Schwanz. Auch die Produktion der neuen Flugzeuge muss schneller vorangehen. Ich kann gerade mal die Verluste ausgleichen. Aber wir brauchen mehr. Hugh, ich kann nur meine Worte wiederholen. Wenn es so weiter geht, kann ich die Lufthoheit über unserem eigenen Festland nicht mehr halten. Geschweige denn weiter ausbauen, um der Luftwaffe wirklich gefährlich zu werden. Bei der Besprechung werde ich darum bitten, dass Staffeln aus anderen Gruppen in mein Gebiet verlegt werden und ..."

    Der deutsche Schlager aus dem Rundfunkempfänger wurde unterbrochen und es war die Stimme eines Sprechers zu hören. Beide blicken in die Richtung des Radios.

    „Nachdem Frankreich vor wenigen Tagen vor der deutschen Wehrmacht kapituliert hat, wird der Reichskanzler Adolf Hitler heute im Laufe des Vormittags die französische Hauptstadt Paris besuchen. Er wird die Gelegenheit nutzen, einen Blick in den Louvre zu werfen, bevor er sich mit Vertretern der französischen Übergangsregierung und Militärführern zu weiteren Verhandlungen trifft. Unser Reporter aus Paris wird uns über alles weitere informieren, wir schalten daher weiter zu Hans-Peter Kausch in Paris..."

    Dowding war währenddessen aufgestanden und schaltete den Empfänger aus. Es war Zeit, mit der Besprechung im Konferenzraum zu beginnen. Er warf Park einen Blick zu und deutete auf die Verbindungstür neben den Sesseln.

    „Lass uns versuchen, die Situation etwas zu verbessern. Damit es nicht irgendwann heißen wird „der Gefreite aus Deutschland besucht London, um sich die Museen und den Tower anzuschauen".

    Park erhob sich und folgte ihm Richtung Tür.

    „Ich hätte nichts dagegen, wenn Hitler sich den Tower anschaut. Aber nur von innen selbstverständlich!"

    1200, Brüssel, Hauptquartier der Luftflotte 2

    Das Anwesen im Süden von Brüssel hatte schon bessere Tage gesehen. Nachdem die deutsche Wehrmacht Belgien besetzt hatte, diente das großzügige Herrenhaus aus dem 18. Jahrhundert der Luftflotte 2 als neues Hauptquartier. Von der ursprünglichen Ruhe war nichts mehr übrig geblieben. Jetzt herrschte hier ein reger Fahrzeugverkehr. Soldaten liefen durch das Haus und installierten die Fernmeldeeinrichtungen. Alles war noch im Aufbau begriffen und es war schwierig, den Überblick zu behalten. Verwaltungen waren immer gleich und nahezu unkontrollierbar.

    Nach dem Sieg über Frankreich wurde der gesamte Luftbereich entlang der Atlantikküste bis hinauf nach Norwegen in drei Hoheitsbereiche gegliedert. Das Oberkommando in Berlin bereitete sich auf die bevorstehenden Aufgaben im Westen und den Schutz des deutschen Einflussbereiches vor.

    Hoch im Norden waren die Einsatzbasen der Luftflotte 5 unter Generaloberst Hans-Jürgen Stumpff. Der Süden, bis hin zur spanischen Grenze, war der Bereich der Luftflotte 3 unter Feldmarschall Hugo Sperrle.

    Der Hauptteil der Geschwader befand sich aber im Bereich der Luftflotte 2 und stellte den Kernbereich der westlichen Verteidigung dar.

    Alleine die Anzahl der Flugzeuge, die in den drei Luftflotten verfügbar waren und sich auf mehr als fünfzig Flugplätze verteilten, stellte eine enorme Bedrohung für Großbritannien dar. Damit war die Luftwaffe der RAF zahlenmäßig weit überlegen.

    Dieser Macht war sich Kesselring voll bewusst, als er vor der großen Lagekarte stand. Seine Aufgaben für die nächsten Wochen waren klar umrissen. Er sollte mit seinen Geschwadern die Lufthoheit über dem Kanal erringen und halten. Trotz der Überlegenheit der Luftwaffe wollte er seine Einheiten aber nicht unnötigem Risiko aussetzen. Er wusste, Hochmut kommt vor dem Fall. Die Engländer konnten warten, über ihrem Gebiet kämpfen und die kurzen Anflugwege nutzen. Seine Maschinen hingegen mussten manchmal bis zu zweihundert Kilometer Hin- und Rückweg einplanen. Was die Jäger an die Grenzen ihrer Reichweite führte. Dennoch, er musste die RAF reizen, sie nicht zur Ruhe kommen lassen. Seine Flieger waren gut vorbereitet und trainiert. Das hatten die vergangenen Monate gezeigt. Hinzu kamen nahezu unbegrenzte Reserven an Material. Nun galt es diesen Vorteil zu nutzen.

    Es klopfte an seiner Tür und sein Adjutant betrat den Raum. Kesselring wurde aus seinen Gedanken gerissen und drehte sich um. Er erwartete den Chef der neuen 16. Armee, General Busch, und dessen rechte Hand Hauptmann Harder zur Besprechung der nächsten Angriffsziele. Genau diese Ziele waren es nun, die ihm etwas Kopfzerbrechen bereiteten. Es gab so viele Ziele, aber so wenig Zeit. Es mussten Prioritäten gefunden werden. General Busch würde in dieser Hinsicht wichtig sein. Mit Hilfe seiner sachlichen Art ließe sich feststellen, welche Bereiche der Landungstruppe gefährlich werden könnten. Das schätzte Kesselring an ihm und schien die anstehende Operation in den Bereich des Möglichen zu rücken.

    Er gab seinem Adjutanten ein Zeichen, worauf dieser die beiden Offiziere hineinführte.

    Die 16. Armee war noch im Aufbau und einige Einheiten noch auf Übungsplätzen verteilt. Zur Verfügung standen Busch acht Infanterie Divisionen und zwei Panzer Divisionen. Seine Armee sollte die Hauptlast in der ersten Angriffswelle tragen. Daher war es wichtig, genau hier die richtigen Schwerpunkte zu setzen. Denn dies würde die Speerspitze sein.

    Kesselring kam Busch mit ausgestreckter Hand entgegen.

    „General Busch, es freut mich, Sie zu sehen. Ich muss mich für die Unordnung hier entschuldigen, aber wir sind hier gerade erst angekommen. Die Koffer stehen sozusagen noch im Flur," grüßte Kesselring.

    „Was soll ich sagen, meine bleiben immer gepackt. Bei dem ganzen Hin- und Herreisen die letzten Tage komm ich gar nicht mehr aus der Uniform," erwiderte Busch mit einem Lächeln.

    Beide schüttelten sich freundschaftlich die Hände.

    „Darf ich Ihnen meinen Adjutanten Hauptmann Alexander Harder vorstellen. Er ist mir eine große Hilfe bei der Prüfung der Einsatzbereitschaft der verschiedenen Divisionen. Wie Sie wissen, sind sie alle noch etwas verstreut. Aber die letzten Einheiten sind jetzt auf dem Rückweg in die Bereitstellungsräume und die Sonderübungen konnten abgeschlossen werden."

    Harder grüßte schneidig und die drei Männer gingen zum großen Schreibtisch. Es war ein wuchtiges antikes Original und schien schon so manchen Persönlichkeiten gedient zu haben. Er nahm mit seinen zwei Metern Breite einen Großteil des Raumes ein. An der Wand hinter dem Schreibtisch befand sich eine Reihe von Karten, die Teile von Nordfrankreich und Südost England zeigten.

    „Ich hoffe, die Übungen sind gut verlaufen. Mir wurde berichtet, dass Sie einige neue Ideen für die Wassertauglichkeit der Panzer ausprobiert haben. Bitte nehmen Sie doch Platz." Kesselring wies auf die beiden Stühle, die vor seinem Schreibtisch standen.

    „Im Grunde haben wir die Panzer in kleine U-Boote verwandelt. Die Besatzungen waren nicht begeistert. In einem solchen Panzer kommt man sich dann wirklich wie in einem Sarg vor. Von alleine schwimmen kann so ein Stahlmonster ja nicht. Busch schmunzelte und blickte kurz hinüber zu Harder. Dann fuhr er fort. „Aber ja, die Übungen sind gut verlaufen. Alles lief nach Plan. Kleine Fehler wurden beseitigt und in wenigen Tagen sind die Einheiten einsatzbereit.

    Kesselring beugte sich vor und nahm sich ein paar Unterlagen zur Hand.

    „Später erwarte ich noch General Faßbinder und General von Waldau. Dann können wir auch etwas über die Diskussion im OKW hören. Kann ich Ihnen in der Zwischenzeit etwas anbieten?", fragte Kesselring.

    „Nein, besten Dank. Wenn ich noch mehr Kaffee trinke, finde ich überhaupt keine Ruhe mehr."

    Kesselring blickte hinüber zu Harder, aber auch dieser lehnte dankend ab.

    „Gut, dann können wir beginnen. Solange wir auf die anderen warten, würde ich gerne mit Ihnen einige Punkte durchgehen. Zurzeit stellt sich uns eine Vielzahl von möglichen Angriffszielen dar. Da wären die verschiedenen Standorte der englischen Küstenverteidigung oder auch diese Funkmessantennen. Diese... Radarsysteme, wie es die Engländer nennen. Außerdem haben wir noch die küstennahen Flugplätze. Ganz zu schweigen von Verkehrsknotenpunkten und Fabriken weiter im Hinterland. Unsere Kollegen in Berlin sind dabei, entsprechende Prioritätenlisten zu erarbeiten. Von Ihnen erhoffe ich mir aber ein paar Hinweise, welche Dinge aus Sicht der Landungstruppen noch aus dem Weg geräumt werden müssen."

    „Grundsätzlich gehen wir von der Annahme aus, dass wir einen breiten Fluss überqueren. Was den Luftraum betrifft, brauche ich Ihnen ja nichts zu erklären. Wir müssen ihn nur kontrollieren", erklärte Busch

    Kesselring nickte zustimmend und hörte weiter zu.

    „Wichtig für mich wäre, dass gleich in der ersten Welle Panzer und Feldgeschütze angelandet werden. Wir müssen klotzen, nicht kleckern. Das bedeutet auch eine zuverlässige Nachschubversorgung. Dies zu bewerkstelligen ist eben nicht so einfach wie bei einem normalen Fluss. Daran muss die Marine wirklich arbeiten."

    „Da stimme ich Ihnen zu. Admiral Lütjens ist sich dieser Aufgabe bewusst und arbeitet daran", sagte Kesselring ernst.

    „Dann habe ich auf den Aufklärungsfotos noch so manche Küstengeschützstellung gesehen. Die sollten ebenfalls vorher ausgeschaltet werden", stellte Busch fest.

    „Soviel sei gesagt, was die Küstenabwehr angeht, läuft gerade eine verdeckte Operation. Das sollte die geplanten Landungsbereiche frei halten. Wir werden ebenso ein Ablenkungsmanöver starten, das zumindest kurzfristig die Engländer zwingt ihre ohnehin knappen Reserven weiter entlang der Küste zu verteilen."

    In diesem Moment klopfte es und General Faßbinder erschien in der Tür. Seine gute Bekanntschaft mit Kesselring erlaubte es ihm, direkt das Büro zu betreten.

    „Kesselring, Sie haben doch nicht schon ohne uns angefangen, oder?", fragte er ohne viel Umschweife.

    Er nahm seine Mütze ab und klemmte sie sich unter den Arm. Hinter ihm betrat von Waldau das Zimmer. Er schloss die Tür und beide gingen auf den Schreibtisch zu.

    „Keine Sorge, Werner. Wir haben nur ein paar Details besprochen. Aber jetzt sind wir vollzählig. Bitte nehmt euch noch zwei Stühle.... Ich glaube die Herren sind sich bekannt?" Kesselring zeigte in die Runde.

    Die Offiziere grüßten sich und nachdem alle Platz genommen hatten, wurde die Besprechung fortgesetzt.

    „Also, die hohen Tiere im OKW sind wirklich nicht leicht zu überzeugen, begann Faßbinder. „Als wir darstellten, welche Stärke die erste Welle haben sollte, hat uns niemand geglaubt. Die Herren der Marine fingen an aufzulisten, welch große Anzahl von Schiffe sie benötigen würden und dass deren Bereitstellung bis Anfang August dauere. Wir haben dann die neuste Lageeinschätzung gezeigt. Basierend auf den Berichten des Nachrichtendienstes. Zusammen mit unseren Erfahrungen konnten wir darstellen, dass die erste Landungswelle bedeutend kleiner sein kann. Dies kommt wiederum der Marine zugute, denn die benötigte Anzahl von Transportschiffen kann deutlich geringer ausfallen. Wir werden uns das ganze noch einmal vornehmen und berechnen, schloss Faßbinder.

    „Danke Werner, ich hoffe im OKW ist ansonsten alles gut verlaufen?" Kesselring lehnte sich leicht in seinem Stuhl zurück und blickte von Waldau erwartungsvoll an. Sie hatten in den vergangenen Tagen eine Reihe von verschiedenen Maßnahmen und Operationen durchgesprochen. Diese Anforderungen und Pläne brauchten die Zustimmung der obersten Führung.

    Faßbinder blickte hinüber zu General von Waldau und ein Lächeln erschien auf seinem Gesicht: „Ja, die Operation SEELÖWE ist genehmigt worden. Die Vorbereitungen können anlaufen und die Luftwaffe kann beginnen."

    1500, Flugplatz Hawkinge

    Der Vormittag war für Lieutenant Peter Collins trübe verlaufen. Er hatte nach dem erfolgreichen Abschluss seiner Pilotenausbildung noch einen kurzen Besuch bei seiner Familie gemacht. Er war noch keine zwanzig und seine Mutter wollte ihn nicht gehen lassen. Doch er war aufgeregt und entschlossen seinen Betrag in diesem Krieg leisten. Das konnte oder wollte seine Mutter einfach nicht verstehen. Sein Vater, ein Veteran aus dem letzten großen Krieg, zeigte ebenfalls wenig Verständnis für seinen Drang nach Abenteuer.

    Wenn du etwas erleben willst, geh nach Sydney oder Amerika, aber lass die Finger von der Armee, sagte er ihm bei jeder Gelegenheit.

    Doch Collins hatte die Ratschläge, wie jeder Teenager, in den Wind geschlagen und sich freiwillig im letzten Jahr bei der Royal Air Force gemeldet. In den Filmen der Wochenschau im Kino hatten ihn die Flugzeuge schon immer interessiert. Zugegeben sah die Welt da noch etwas friedlicher aus. Jetzt, da der Kampf für England nach dem Fall Frankreichs eine gefährliche Wendung nahm, hatte er sich noch verbissener in der Ausbildung zum Jagdpiloten angestrengt. Er wollte eine Spitfire fliegen. Auf der Pilotenschule hatten alle begeistert davon berichtet. Es war die beste Maschine, die es gab, und er wollte mit ihr auf die Jagd gehen.

    So endete sein Besuch im elterlichen Robertsbridge wie immer. Eine bedrückte Mutter und ein Vater, der kein Wort sagte und ihn nur kräftig umarmte.

    Collins verdrängte seine Gedanken, als der Lastwagen am Tor des Feldflugplatzes hielt. Er sprang von der Ladefläche und griff sich seinen Kleidersack. Dann nickte er dem Fahrer kurz zu und machte sich auf die Suche nach dem wachhabenden Offizier seiner neuen Squadron.

    Während er zu den Baracken ging, warf er einen prüfenden Blick über die Schulter. Ja, da standen sie, die neuen Spitfire Jäger. Der Stolz und zugleich die Hoffnung der Royal Air Force. Es herrschte reger Betrieb auf dem Platz. Mechaniker liefen wild gestikulierend herum und hantierten mit den Feuerlöschern.

    Als Collins einen Blick Richtung Landepiste warf, konnte er einen Jäger erkennen, der eine Rauchfahne hinter sich herzog. Die Maschine näherte sich langsam dem Boden und der Pilot setzte zur Landung an. Er fuhr das Fahrwerk aus und brachte seine Maschine in eine stabile Position. Die Steuerung schien beschädigt zu sein, denn er hielt sich nur mit Mühe gerade. Plötzlich änderte sich das Motorgeräusch und eine große Rauchwolke umgab die anfliegende Maschine. In diesem Moment setzte die Spitfire auch schon auf und der Pilot nahm die Leistung zurück und stoppte den Motor. Aus den Baracken erschienen weitere Piloten und stellten sich laut redend neben Collins. Die rauchende Spitfire rollte noch ein paar Meter weiter und blieb dann stehen. Von der anderen Seite näherte sich schon ein Löschwagen, um größere Brandschäden zu verhindern.

    Dem Piloten schien nichts passiert zu sein. Collins beobachtete, wie er aus der Maschine sprang, einem Mechaniker entgegenlief und dabei auf seine Maschine wies.

    Collins trat etwas näher an die Gruppe der anderen Piloten, die wie er die beinahe Bruchlandung verfolgt hatten.

    „Das scheint ja nochmal gut gegangen zu sein, begann Collins, während er weiterhin die rauchende Spitfire im Auge behielt. „Ich bin übrigens Lieutenant Peter Collins. Ich bin der No. 92 Squadron zugeteilt worden und soll mich jetzt beim Chef melden.

    Der Pilot neben ihm schaute ihn mit fragendem Blick an und wies dann in die Richtung der gerade gelandeten Spitfire: „Tja, Greenhorn, da wünsch ich dir viel Spaß. Wie es aussieht, hat der Commander jetzt schlechte Laune. Das ist jetzt schon die zweite Maschine, die er innerhalb von drei Tagen in den Sand setzt. Hoffentlich kann man diese wieder reparieren. Einen Totalverlust können wir uns nicht erlauben."

    Der Pilot klopfte Collins auf die Schulter und ging in Richtung der Baracken davon. Das Feuer an der Spitfire war mittlerweile gelöscht und der Commander kam mit offener Fliegerkombi und ernster Miene auf ihn zu. Collins nahm Haltung an und salutierte. „Lieutenant Collins meldet sich zum Dienst, Sir." Sein neuer Vorgesetzter blieb vor ihm stehen und erwiderte den Gruß.

    „Sie kommen direkt von der Schule, richtig? Ich hoffe, man hat Ihnen alle wichtigen Grundlagen beigebracht. Viel Zeit zum Üben haben wir hier nämlich nicht. Ich bin Squadron Leader Paul Sanders. Hatten Sie bei den Übungsflügen schon mal Feindkontakt?, fragte er misstrauisch. „Vermutlich nicht. Wie auch immer. Kommen Sie mit in den Besprechungsraum, dort wird der Chief Ihnen die Maschine zuweisen. Dann wird es vermutlich nicht lange dauern, bis der nächste Alarm losgeht. Der Anflug eines Lächelns huschte über sein Gesicht.

    Collins folgte seinem neuen Vorgesetzten in die Unterkunft. Als Sanders die Tür zum Besprechungsraum öffnete, kam ihnen die lautstarke Meute der anderen Piloten entgegen. Alle hatten einen Becher mit Champagner in der Hand und prosteten Sanders zu. Dieser griff sich die fast leere Flasche, die ihm einer der Piloten vor die Nase hielt und stieß mit der Mannschaft an. Collins beobachtet fasziniert das Geschehen. Wegen dieses Kameradschaftsgefühls war er hier.

    „Danke, danke, Leute. Aber wir sollten das nicht zu oft machen, sonst geht unser Champagner-Vorrat noch schneller zu Ende als die Munition."

    Ein letztes Prost und es kehrte langsam Ruhe ein. Der Raum bot Platz für die Piloten der Einheit. Er wirkte wie ein Klassenzimmer, nur dass an der Wand statt der Tafel eine große Übersichtskarte des englischen Kanals angebracht war. Flankiert wurde sie von kleineren Karten und Tabellen, die Informationen enthielten, die der Nachrichtendienst über die Einheiten der Luftwaffe auf der anderen Kanalseite zusammengetragen hatte. Der kleine Feldplatz Hawkinge lag in der Nähe von Folkstone und damit keine fünf Meilen von der Küste entfernt. Von hier aus konnten sie in wenigen Minuten über Frankreich sein. Was aber auch bedeutete, dass die Luftwaffe es ebenso schnell zu ihnen schaffen konnte.

    „Also Leute, das ist Lieutenant Peter Collins, etwas Frischfleisch für unsere Einheit", begann Sanders die kleine Vorstellungsrunde. Collins grüßte mit einem kurzen Nicken und nahm dann auf einem der freien Holzstühle Platz.

    In diesem Moment betrat ein Unteroffizier die Baracke und ging lächelnd auf Sanders zu. Er hielt ihm einen Zettel hin, den Sanders kurz durchlas. Dann blickte dieser in die Runde und hob erneut die fast leere Champagnerflasche hoch.

    „Also Leute, es ist bestätigt. Hier ist der Funkspruch. Ihr könnt mir zu meinem zehnten Abschuss gratulieren." Auf Sanders Gesicht erschien ein breites Grinsen.

    Die Mannschaft prostete ihrem Vorgesetzten erneut zu. Mit zehn bestätigten Abschüssen gehörte er fast schon zur Spitzengruppe der englischen Jagdflieger. Es fehlte nicht viel und er konnte sich als Fliegerass bezeichnen. Sanders blickte verständnisvoll und mit einem schiefen Grinsen in die Richtung von Collins.

    „Keine Sorge, mein Junge, Sie kommen auch noch so weit. Die Deutschen laufen uns praktisch in die Arme. Wir müssen nur noch zusehen, dass unsere Maschinen immer einsatzbereit sind, stellte er mit einem Augenzwingern klar. „Aber vergessen wir das, fuhr er fort. „Ich stelle Sie jetzt ihrem direkten Vorgesetzten vor, Flightlieutenant Nicolson. Er wird Sie dann auf die Spitfire einweisen. Kommen Sie mit. Nicolson ist vermutlich bei seiner Maschine. Sie wurde heute Morgen leicht beschädigt und sollte jetzt repariert sein." Sanders stellte die Flasche ab und ging vor die Tür.

    Collins folgte ihm nach draußen und sie gingen um die Baracke herum in Richtung des Reparaturplatzes. Dort trafen sie auf einen Piloten, der sich mit einer blonden jungen Frau in einem dunklen Hosenanzug unterhielt und dabei wilde Gesten mit seinen Armen machte. Collins schätzte die Frau auf Ende zwanzig. Sie sah unverschämt gut aus und wirkte irgendwie fehl am Platze. Er prüfte schnell seine Uniform. Der erste Eindruck zählte immer, denn ein weiterer Grund für seinen Wunsch, Jagdpilot zu werden, war, dass die Mädchen auf solche Draufgänger standen. Als sie näher kamen, wurde der andere Pilot etwas ruhiger und sein Blick wechselte zwischen Sanders und der Frau hin und her.

    „Nicolson, das ist Flightlieutenant Peter Collins, begann Sanders. „Er wird den Platz von Michael Drew übernehmen. Bitte weisen Sie ihn ein und zeigen Sie ihm seine Maschine. Dann drehte sich Sanders um und betrachtete für einen Augenblick die Frau, die gerade den kleinen Schreibblock in der Hand sinken ließ und ihn erwartungsvoll ansah.

    „Verzeihung Miss, wir sind uns noch nicht vorgestellt worden."

    „Sir, darf ich Ihnen Sarah Read vorstellen!, fiel Nicolson dazwischen. „Sie arbeitet für den STANDARD und sucht nach guten Geschichten von Piloten und ihren Abschüssen. Ich habe ihr gerade von Ihrem letzten Flug berichtet und sie würde sich gerne mit Ihnen unterhalten.

    „Read? Doch, ich habe schon von Ihnen gehört. Ich hatte nicht erwartet, dass es sich dabei um eine Frau handelt. Noch dazu um eine so attraktive, fügte er hinzu. „Ihr letzter Artikel über die RAF in Frankreich war gut, auch wenn ich ihn etwas zu aufgebauscht fand. Das Ganze ist schließlich kein Spiel. Sanders ergriff die ihm hingestreckte Hand. Dann ergänzte er: „Sie sollten vermutlich einmal in einem Jäger mitfliegen, dann werden Sie merken, dass es da oben sehr ungemütlich werden kann."

    „Nun, Captain Sanders", antwortete Read in einem dreisten Tonfall, „ich versuche halt junge Leute für die Air Force zu motivieren. Soviel ich weiß, brauchen Sie doch dringend neue Piloten. Da ich als Frau vermutlich keine Chance habe, beschränke ich mich darauf, Werbung für die Truppe zu machen, und schreibe über die schwierigen Luftkämpfe.

    Collins verfolgte mit einem Schmunzeln das Gespräch. Die Frau hielt dem abschätzenden Blick Sanders stand. Collins bemerkte, wie sie leicht das Kinn nach oben nahm. Die Frau wusste, was sie wollte und, gut sah sie wirklich aus. Er erwog, sie bei einer späteren Gelegenheit einmal anzusprechen. Ein kleiner Trainingsflug wäre vermutlich ganz spannend.

    „Also meinetwegen, wenn vorher kein neuer Einsatzbefehl kommt, erklärte Sanders kurz. „Kommen Sie in einer halben Stunde in mein Büro. Dann können wir uns unterhalten. Damit drehte er sich um und marschierte davon. Read schaute ihm nach und wirkte etwas enttäuscht.

    „Er scheint sich aber nicht gerade über seinen letzten Abschuss zu freuen. Dabei rückt er in der Liste der besten Piloten immer weiter vor", stellte sie trocken fest.

    Nicolson machte eine abwehrende Handbewegung.

    „Ich glaube, er ist immer noch sauer, weil er seine Maschine in den Rasen gebohrt hat. In seinen Augen bedeutet der heutige Abschuss nur ein mageres eins zu eins. Er ist da etwas eigenwillig. Aber machen Sie sich keine Gedanken. Er wird mit Ihnen sprechen." Nicolson wandte sich dem neuen Mitglied seines Teams zu, während Read langsam zu den Baracken schlenderte.

    „Hey, ich bin Thomas Nicolson. Nenn mich einfach Tom. Du kommst gerade von der Ausbildung, richtig? Bist du schon die Spitfire geflogen? Sie ist wirklich ein Traum. Also komm mit, wir gehen zu deiner neuen Maschine." Bevor Collins etwas erwidern konnte, hatte sich Nicolson schon auf den Weg gemacht.

    1600, Feldflugplatz südlich Calais

    Die Sonne brannte auf den kleinen Feldflugplatz und die Mechaniker flitzten um die Messerschmidt Me109 herum, damit alles für den Start vorbereitet war. Oberleutnant Hans Stauffer schirmte die Augen ab, als er in seiner Fliegerkombi die Besprechungsbaracke verließ. Er warf einen abschätzenden Blick in den Himmel und in Richtung Fahnenmast. Die Wetterbedingungen schienen tatsächlich günstig zu sein. Ganz so wie es die Wetterfrösche vorhergesagt hatten. Vorgesehen war ein einfacher Aufklärungsflug entlang der englischen Küste. Stauffer schaute zurück in die Baracke und zu den anderen Kameraden seiner Staffel. Als Staffelkapitän der 2. Gruppe des Jagdgeschwaders 3 hatte er das Kommando über zwölf Jagdflugzeuge. Er hatte diese Aufgabe erst vor wenigen Wochen übernommen. Seine Sporen hatte er sich im Feldzug gegen Polen erworben. Obwohl er jetzt feststellen musste, dass dies geradezu ein Kinderspiel im Vergleich zum Kampf gegen die RAF gewesen war. Hervorgetan hatte er sich bei den Luftangriffen auf Dünkirchen, bei denen er zwei weitere Abschüsse erzielen konnte. Mit den Erfolgen über Polen konnte er jetzt insgesamt neun bestätigte Abschüsse verbuchen. Er war auf dem Weg zum Fliegerass. Er wusste aber auch, das Hochmut häufig Nachlässigkeit mit sich brachte, was wiederum bedeutete, dass es einen irgendwann selbst erwischte. Daher predigte er seinen Männern immer eine gewisse Zurückhaltung. Jetzt als Staffelkapitän konnte er seine Erfahrungen weitergeben. Die Mitglieder seiner Einheit hatten sich in den letzten Tagen sehr gut geschlagen. Sie waren bei verschiedenen Gelegenheiten in kleine Gefechte mit der RAF verwickelt worden. Häufig waren sie als Begleitschutz unterwegs. Dabei flogen sie in größerer Höhe als die Bomber und schirmten sie ab. Für Stauffer war dies aber eine undankbare Aufgabe. Freie Jagd war es, was er wollte. Die RAF aufscheuchen und sie in wilde Kurvenkämpfe verwickeln. Dafür war seine Me109 gebaut.

    Vielleicht gab es heute Nachmittag Gelegenheit dazu. Er zurrte sich seine Schwimmweste zurecht und machte sich auf den Weg zu seiner Maschine. Die Weste hatte sich schon mehrfach bewährt. Der Kanal war doch relativ breit und die Rettungsflugzeuge konnten nicht immer sofort da sein.

    Für einen Jagdflieger war er recht groß und schlank. Aber die Enge im Cockpit machte ihm nichts aus. Er schnallte sich gerade seine alte und abgewetzte Fliegerhaube über als sein Flügelmann Lars Hahn hinter ihm her sprintete.

    „Mensch Hans, da scheinen deine Worte ja mal gefruchtet zu haben, begann Hahn. „Ich hätte nicht gedacht, dass sich der Alte davon überzeugen lässt, uns öfter auf die Jagd gehen zu lassen. Hahn klopfte ihm auf die Schulter. Dann schüttelte er lachend den Kopf.

    „Wann lässt du dir aus der Kleiderkammer endlich eine der neuen Fliegerhauben geben? Du siehst doch lächerlich aus mit dem alten Ding!"

    Hahn versuchte, Stauffer die Haube vom Kopf zu ziehen. Doch Stauffer hob abwehrend seine Arme.

    „Mann, lass das! Du weißt, dass ich das Teil nicht aus der Hand gebe. Die hat mein Vater im August 1917 bekommen und er hat bis zum Ende des Krieges durchgehalten. Glaub es oder lass es, aber mir bringt sie Glück!. Er schob Hahn wieder auf Abstand. „Lass uns jetzt besser starten!

    „Jawohl, Herr Oberleutnant!", erwiderte Hahn mit gespieltem Ernst.

    Die beiden flogen jetzt schon seit einem halben Jahr zusammen. In dieser Zeit hatten sie sich gut aufeinander eingespielt. Das war eine der wichtigen Voraussetzungen innerhalb der Rotte, der kleinsten Einheit der Luftwaffe. Der Zusammenhalt diente ebenso als Vorbild für die anderen Piloten. Die normale Kampfformation der Luftwaffe, die als Ergebnis der Erfahrungen im spanischen Bürgerkrieg entwickelt worden war, gründete sich auf einen lockeren Schwarm. Dieser bestand aus zwei Rotten mit jeweils zwei Flugzeugen. Der Rottenführer wurde jeweils von seinem Rottenflieger gedeckt. Der Abstand zwischen ihnen war so groß, dass jeder Pilot ohne große Schwierigkeiten seine Position halten und sich gleichzeitig auf seine Umgebung konzentrieren konnte. Die Rotten schützten sich gegenseitig auf dieselbe Weise. Diese Taktik wurde im Feldzug gegen Frankreich weiter verbessert und bescherte der Luftwaffe die schnelle Luftüberlegenheit im jeweiligen Kampfraum. Im Kampf gegen die RAF zeigte sich hier ein deutlicher Vorteil, denn im Gegensatz dazu flog die RAF in einer vorschriftsmäßigen V-Formation, bestehend aus jeweils drei Maschinen. Das sah sehr ordentlich aus, war im Gefecht aber bedeutend weniger flexibel. Die Piloten flogen so eng, dass nur der führende Pilot Zeit hatte, sich umzusehen. Seine Flügelmänner mussten sich fast ausschließlich auf das Halten der eigenen Position konzentrieren.

    Stauffer hatte in den letzten Wochen ebendiese Beobachtung gemacht und sie dem Geschwaderführer vorgetragen. Mit der Möglichkeit zur freien Jagd könnte man die Beweglichkeit der eigenen Jäger besser nutzen und die RAF zurückdrängen.

    „Ich glaube eher, dass unsere Berichte endlich gelesen werden", erwiderte Stauffer und grinste Hahn verschmitzt an.

    Die Piloten der Staffel erklommen ihre Maschinen und machten sich startklar. Beim Einsteigen fiel Stauffers Blick auf die neun Abschussmarkierungen am Rumpf seiner Me109. Ehrlicherweise musste es heißen neun zu eins, denn dieses war schon sein zweites Flugzeug. Einmal war er schon abgeschossen worden. Aber das konnte jedem passieren und aus Fehlern lernte man schließlich. Damals konnte er mit dem Fallschirm über Land aussteigen und hatte sich am Boden nur den Knöchel verstaucht. Nun, wo sie die meiste Zeit über dem Kanal verbrachten, war die Wahrscheinlichkeit hoch, baden zu gehen. Darauf wollte er es aber nicht ankommen lassen und das bedeutete, besser zu sein als die Gegner. Auch bei der Ausbildung der neuen Piloten war es ihm wichtig, dass sie langsam und vorsichtig anfingen. Man sollte vorher wissen, wie man sich in hitzigen Kurvenkämpfen verhalten muss. Für langes Überlegen war dann keine Zeit. Seine Vorbereitungen hatten sich aber bewährt. Er hatte in seiner Staffel noch keinen Piloten verloren.

    Stauffer ließ sich in den Sitz fallen und schnallte sich an. Vor seiner Maschine machten sich die Mechaniker daran, den Schwungkraftanlasser zu starten. Zuerst langsam, dann immer schneller, bis die Höchstdrehzahl erreicht war. Dann ging ein Ruck durch seine Maschine und die mehr als eintausend PS des DB601A Motors erwachten zum Leben. Stauffer warf noch einen Blick auf die Maschinen seiner Staffelkameraden und rollte dann langsam zum Startpunkt der Graspiste. Als er den Haltepunkt erreicht hatte, bremste er die Maschine kurz ab und drückt den Leistungshebel an den Anschlag. Das Triebwerk erzeugte den typischen Laut eines Reihenmotors und das schlanke Flugzeug beschleunigte und hob schließlich ab. Hinter ihm folgte sein Rottenflieger und nach wenigen Minuten waren alle Jäger seiner Gruppe in der Luft.

    Sie schwenkten Richtung Westen und begannen an Höhe zu gewinnen. Zeit für ein paar Anweisungen über Sprechfunk.

    „Hier Staffelführer, alles wie besprochen. Formation einnehmen und auf sechstausend steigen. Kurs zwei-sieben-null. Haltet Ausschau und meldet jeden Kontakt! Ende."

    Die Flugzeuge bildeten jetzt eine lange Reihe und konnten so einen weiten Luftraum kontrollieren. Stauffer hoffte auf Feindkontakt. Er wollte seine Abschusszahlen erhöhen. Doch zunächst lautete ihr Auftrag nur Patrouille. Die Luftabwehr berichtete von englischen Bombern, die vereinzelt über den Häfen von Frankreich auftauchten.

    2000, englischer Kanal

    Oberleutnant Peter Mauser hatte ein flaues Gefühl in der Magengegend. Trotz des ruhigen Fluges in dreitausend Meter Höhe. Der Grund dafür war, dass er bei dem heutigen Flug auf zwei Mitglieder seiner Besatzung verzichten musste. Die beiden Ersatzmänner machten auf ihn nicht den Eindruck von Angehörigen der Luftwaffe. Mauser hatte eher den Eindruck, als handele es sich dabei um Leute vom Sicherheitsdienst. Was machten die vorhin an meinem Flugzeug und was ist in dem Behälter, der unter die Tragfläche montiert worden ist?

    Er drehte sich zu seinem Navigator um und betätigte das Mikrofon.

    „Hans, wie lange noch auf dieser Höhe?"

    Feldwebel Hans Limberg schaute auf seinen Flugplan und die Instrumente. „Also noch fünf Minuten auf diesem Kurs, dann auf zwei-drei-null drehen und sinken auf tausend Meter. Weitere zehn Minuten den Kurs halten und dann die Geschwindigkeit auf die Hälfte reduzieren."

    Und somit den einzigen Vorteil gegenüber den Jägern verlieren, dachte sich Mauser.

    Er schwor auf seine Junkers Ju88. Sie war in allen Bereichen perfekt. Schnell, agil und belastbar. Bei der Legion Condor hatte er die Heinkel He111 geflogen. Jetzt war er froh von der Heinkel zur neuen Junkers wechseln zu können. Die 111 war ein Arbeitstier, aber die Junkers ließ sich fast wie ein Jäger fliegen und gab einem damit ein gewisses Gefühl von Sicherheit.

    Mauser blickte auf seine Instrumententafel. Alles so weit in Ordnung. Dennoch war ihm bei diesem Auftrag nicht ganz wohl. Sein Staffelkommandeur vom Kampfgeschwader 30 hatte ihn am Mittag in den Besprechungsraum beordert und ihm einen Mann in dunklem Anzug und Mantel vorgestellt. Man habe ihn auf Grund seiner Leistungen für einen nächtlichen Sondereinsatz ausgewählt. Dann hatte ihm sein Vorgesetzter den Flugplan und die Unterlagen in die Hand gedrückt und ihm zu verstehen gegeben, möglichst nicht zu viele Fragen zu stellen. Sie waren hinaus zu seiner Maschine gegangen. Dort stellte ihm der Mann im Anzug, sein Name war Suhr, die beiden neuen Besatzungsmitglieder vor. An die Namen, wenn sie denn überhaupt stimmten, konnte er sich schon nicht mehr erinnern. Mit Hilfe der Mechaniker wurde ein drei Meter langer und einen Meter breiter zylindrischer Behälter unter der Tragfläche montiert. Dann wurden noch einige Verbindungsleitungen zur unteren Gondel verlegt. Mauser war zurück zu den Unterkünften gegangen, um mit seinem Navigator und der restlichen Besatzung den Auftrag durchzusprechen.

    Als es an die Startvorbereitungen ging, hatte Mauser noch einmal versucht, einen genaueren Blick auf die Transportgondel zu werfen, doch der größere der beiden neuen Besatzungsmitglieder hatte ihm nur erklärt, dass das Material in der Kiste zu einem bestimmten Zeitpunkt über einem bestimmten Ort abgeworfen werden müsste. Mehr bräuchte er nicht zu wissen.

    Er hatte sich den Flugplan angesehen und in der Tat erschien er nicht sehr risikoreich zu werden. Die Erfahrungen der letzten Tage hatten gezeigt, dass einzelne Flugzeuge zwar vom englischen Radar erfasst werden, dass aber nicht gleich eine Armada Abfangjäger auf sie warten würde. Daher hatte er sich entschieden, seinen Navigator mitzunehmen und den Bombenschützen und Mechaniker zurückzulassen.

    „Es ist soweit, gehe runter auf tausend Meter." Limberg holte ihn wieder in die Wirklichkeit zurück. Mauser konzentrierte sich auf die Instrumente und drücke das Steuerhorn sanft nach vorn. Auf der vorgesehenen Höhe fing er die Maschine ab und ging wieder in den Horizontalflug. Soweit er sich an die Karten erinnern konnte, gab es keine Flugabwehrgeschütze in dieser Gegend.

    „Ich hoffe, du hast uns an die richtige Stelle geführt, ich fühle mich hier wie auf dem Präsentierteller. Sag den Jungs unten Bescheid, dass wir gleich das Zielgebiet erreichen", befahl Mauser.

    „Alles klar." Limberg rutschte von seinem Sitz und beugte sich in die Bodengondel. Mauser registrierte, wie die beiden Männer vom Sicherheitsdienst, sie mussten aus dieser Abteilung kommen, sich an ihrer Ausrüstung und Verkabelung zu schaffen machten.

    „Ich reduziere jetzt die Geschwindigkeit", sprach er durchs Mikrofon, während er gleichzeitig den Leistungshebel der beiden Triebwerke zurücknahm. Die Junkers wurde merklich langsamer. Der größere Mann vom SD betätigte einen Schalter und mit einem lauten Geräusch löste sich der hintere Deckel der Transportkiste. Wenige Augenblicke später erschien zuerst der Teil eines Fallschirms, der den Körper eines Mannes ruckartig aus der Röhre zog und mit sich riss. Der zweite SD Mann lag gegen die Flugrichtung am Boden der Gondel und beobachtete mit einem Fernglas den gerade entlassenen Fallschirmspringer. Grundsätzlich erweckte es den Anschein eines normalen Absprungs, doch bei genauerer Betrachtung war erkennbar, dass sich der Fallschirm nicht vollständig geöffnet hatte und sich die Seile um den Körper des Mannes geschlungen hatten. Damit war sein Schicksal besiegelt, denn dieser Absprung würde unweigerlich tödlich enden.

    Der Beobachter in der Gondel reckte den Daumen hoch und gab seinem Kollegen damit die Bestätigung des scheinbar erfolglosen Absprungs. Dieser gab wenig später Limberg das Signal für die Rückkehr zum Stützpunkt. Die Mission war trotz des tragischen Ausgangs ein Erfolg und jetzt hieß es, schnell aus der Gefahrenzone zu verschwinden.

    Mauser drückte den Leistungshebel bis an den Anschlag und zog die Maschine in eine steile Linkskurve. Die Junkers beschleunigte und richtete ihre Nase wieder gen Osten.

    2300, Nähe Dover

    Der Himmel wurde langsam dunkler und die Männer hatten die aufkommende Nacht im Rücken. Sie gingen rasch und lautlos vor. Ihr Ziel lag nicht weit entfernt, und nachdem sie sich der Tauchanzüge entledigt hatten, konnten sie sich frei bewegen. Das U-Boot hatte die drei Männer vor wenigen Minuten abgesetzt. Die letzten Meter waren sie geschwommen. Jeder hatte einen wasserdichten Seesack bei sich. Darin befanden sich der Kampfanzug und die persönlichen Waffen. In diesem Fall eine Maschinenpistole, eine Automatik und ein Kampfmesser. Zusätzlich hatte jeder noch zwei Sprengladungen dabei. Als letztes gab es noch das kleine mobile Funkgerät. Es hatte keine große Reichweite, aber die rund fünfzig Kilometer waren mehr als ausreichend. Das Absetzen und Umziehen verlief ohne Probleme. Was sie nicht mitnehmen konnten, wurde am Strand vergraben.

    Die Männer waren hinter einer niedrigen Steinmauer in Deckung gegangen und gingen noch einmal den Plan durch. Eine Karte der näheren Umgebung und ein aktuelles Luftbild dienten ihnen als Orientierung. Dies war nur eine Vorsichtsmaßnahme, denn sie hatten sich während der Vorbesprechungen bereits alles eingeprägt.

    Das Ziel dieses Einsatzes war klar umrissen. Die drei Männer sollten sich südwestlich Richtung Dover bewegen und dann von einer Anhöhe den Hafen der Stadt beobachten. Neben Aufklärung und Melden der Schiffsbewegungen dienten sie auch als vorgeschobene Beobachter für die deutsche Feldartillerie auf der anderen Seite des Kanals.

    Bei den Einheiten der Artillerietruppe galt der vorgeschobene Beobachter als Auge der Artillerie. Er war dafür zuständig, nach Erreichung der Feuerbereitschaft die Geschützbatterie zu lenken und das Feuer auf die ausgewählten Ziele zu richten. Dazu diente eine Beobachterposition, die häufig weit vor der eigentlichen Geschützstellung entfernt lag. Wichtig war zudem eine beherrschende Sicht über das Gefechtsfeld. Anhand einer mit einem Koordinaten-Gitter angefertigten Schießkarte konnten dann die Zielpunkte an die Batterie weitergeben werden. Um das eigene Überleben zu sichern, war es außerdem erforderlich, eine gut getarnte Stellung einzurichten und Ausweichpunkte zu finden. Mit den gelieferten Informationen der Beobachter war die Geschützstellung dann in der Lage, ihre typischen Gefechtsaufträge durchzuführen. So konnten Gefechtsfeldabschnitte abgeriegelt werden oder Nachschublinien durch Feuerüberfälle gestört werden. Ein weiterer Auftrag war die Zerstörung von Punktzielen. In besonderen Situationen konnten die vorgeschobenen Beobachter auch hinter die feindlichen Linien vordringen. In solchen Fällen waren sie auf sich allein gestellt.

    Leutnant Markus Schröder blickte seine beiden Kameraden an. Er konnte sich auf ihre Fähigkeiten verlassen. Feldwebel Glanz und Seibel hatten sich ihre Streifen beim Einsatz in Holland verdient. Sie waren erfahrene Kundschafter und Frontsoldaten. Heute dienten sie allerdings auch als Kindermädchen. Schröder vermutete, dass ihnen das nicht unbedingt gefallen würde. Doch bei dieser Mission waren sie für seinen Schutz verantwortlich. Er selbst gehörte zum schweren Artillerieregiment 84. Schröder galt dort als der beste Feuerleitoffizier und würde heute die Rolle des vorgeschobenen Beobachters ausfüllen. Ihm war immer noch nicht ganz wohl, denn so weit vor den eigenen Linien hatte er noch nie operiert. Zwischen ihm und seiner Einheit lag der weite englische Kanal. Andererseits konnte der Grund für sein Unwohlsein auch an der Überfahrt mit dem U-Boot liegen. Seine Liebe galt der frischen Luft und dem Himmel. In der Stahlröhre hatte er es kaum ausgehalten. Die siebenstündige Fahrt hatte ihn ganz schön geschlaucht. Doch sie waren gut angekommen und seine beiden Leibwächter hatten sich um alles gekümmert. Sie schienen sich mit solchen Aufträgen hinter feindlichen Linien auszukennen.

    Jetzt waren sie an Land und mussten den vorgesehen Beobachtungspunkt erreichen. Im Vorgespräch mit seinem Vorgesetzten hatte Schröder mehrere geeignete Stellen entlang der Anhöhe südwestlich von Dover festgelegt. Sie würden jetzt zur besten davon aufbrechen. Doch sie mussten aufpassen. Da er natürlich keine feste Verbindung zu seiner Batteriestellung herstellen konnte, sollte die Kommunikation über das mitgebrachte Funkgerät laufen. Dies bedeutete aber auch eine zusätzlich Gefahr. Mit dem Absetzen von kurzen Funkmeldungen machten sie sich angreifbar. Das Risiko bestand, dass zu langes Verweilen an einem Standort eine Ortung durch die englische Spionageabwehr ermöglichte. Aber die Männer waren gut vorbereitet und konnten sich in der Landessprache verständigen und notfalls untertauchen. Mit ihrem Akzent könnte man sie leicht für Holländer halten. Im Süden Englands gab es eine ganze Reihe von versprengten Nationalitäten, die sich nicht zuletzt nach der Flucht aus Dünkirchen hier eingefunden hatten.

    „Also los, wenn alles verstaut ist lasst uns aufbrechen. Zunächst einen halben Kilometer Richtung Norden, bis wir auf die Bahnlinie Dover-Folkstone treffen. Dann östlich Richtung Dover. Alles klar?" Seibel schulterte seinen Rucksack.

    Schröder nickte stumm. Trotz seines höheren Rangs würde er sich zurückhalten und auf die Erfahrung seiner Kameraden verlassen müssen.

    „Ich gehe voraus und du sicherst nach hinten ab. Herr Leutnant, Sie folgen mir", sagte Seibel.

    Sie verließen die Deckung und bewegten sich in geduckter Haltung vorwärts. Nach wenigen Minuten erreichten sie die Bahnlinie und wendeten sich nach rechts. Nur vereinzelt fuhren hier Züge. Aufgrund der Bombenangriffe beschränkte man sich auf wenige Fahrten am Tag. Daher konnten sich die drei Männer ganz auf ihre Umgebung konzentrieren.

    Ihr Ziel war die über einhundert Meter hohe Ebene südwestlich der Stadt. Sie sollten zunächst eine Position oberhalb der Zitadelle von Dover einnehmen. Die dortige Besatzung stellte zwar eine Gefahr dar, doch bot diese Erhebung eine perfekte Aussicht auf den Hafen und die Küste. Die anderen Hügel im Westen von Dover waren zwar ungefährlicher, doch die Ergebnisse wären nicht so ergiebig gewesen.

    Nach kurzer Zeit erschien vor ihnen der Tunnel, der die Gleise weiter Richtung Dover führte. An diesem Punkt begannen sie den Aufstieg. Die Küstenlinie war an dieser Stelle relativ steil, doch sie waren trainiert. Schweigend erreichten sie nach einer halben Stunde einen kleinen Verschlag knapp unterhalb des Plateaus.

    „Mann, worauf habe ich mich da eingelassen?", Schröder ließ sich auf seinen Hintern fallen und versuchte seine Fußgelenke zu lockern.

    „Zuerst das U-Boot und jetzt auch noch Bergsteigen", stellte er trocken fest.

    Die beiden Feldwebel grinsten sich an. Die Typen von der Artillerie waren immer schon etwas seltsam.

    „Keine Sorge, Herr Leutnant. Wir sind gleich da, flüsterte Glanz und blickte zu Seibel hinüber. „Kannst du vorgehen und den Zielpunkt überprüfen? Ich werde hier alles für die Nacht vorbereiten. Wir sollten zwei Stunden Wachen einteilen. Ich werde die erst Schicht übernehmen und dann wechseln wir uns ab. Glanz setzte seinen Rucksack ab, während Seibel den schmalen Pfad zum Plateau hinauf schlich.

    Schröder öffnete seine Tasche und begann seine Ausrüstung zu überprüfen. Sein Schießbesteck, Scherenfernrohr und der Entfernungsmesser waren in Ordnung. Alles war an seinem Platz. Dann warf er noch einen Blick auf das kleine Funkgerät. Alles funktionsfähig. Er begann sich zu entspannen. Die nächsten Tage würden aufregend werden.

    „In Ordnung Glanz. Ich übernehme die zweite Wache. Wecken Sie mich, wenn es soweit ist. Wie sieht es mit der Verpflegung aus?", fragte Schröder.

    Glanz öffnete seine Lederjacke und holte einen Umschlag mit englischen Pfundnoten hervor.

    „Während Sie morgen die Zielortung vorbereiten, werde ich nach einem Pub Ausschau halten und uns etwas zu essen besorgen. Mit dem Geld sollten wir die nächsten Tage hinkommen. Und nicht vergessen, wir sind Flüchtlinge aus Holland."

    Schröder stimmte ihm zu und lehnte sich gegen seinen Rucksack. Kurz darauf schlief er auch schon.

    In diesem Moment kehrte auch Seibel zurück.

    „Alles bestens. Wir können uns dort oben hinter einem Felsen verstecken. Wenn wir alles etwas tarnen, sind wir gut geschützt. Ich werde mir morgen noch unauffällig ein paar Fluchtwege aussuchen. Nur für den Fall, dass wir entdeckt werden." Damit setzte sich Seibel und bereitete sich auf die Nacht vor.

    Kapitel 2

    29. Juni 1940

    0400, Folkstone

    Der Mann auf dem Tisch der Krankenstation des Stadtgefängnisses machte keinen gesunden Eindruck. Sein Kopf war blau angelaufen und um seinen Hals hatten sich die Reste eines Fallschirms gewickelt. So viel stand fest, der Mann war tot und wie es schien einem missglückten Fallschirmsprung zum Opfer gefallen. Die beiden Wächter waren sich nicht sicher, was sie als nächstes machen sollten, daher hatten sie den Gefängnisarzt verständigt. Dieser war nun mit seiner ersten Untersuchung fertig und trat einen Schritt vom Tisch zurück. Neben der Leiche lagen einige private Dinge, die man in den Taschen der Kleidung gefunden hatte. Geld, Fotos von kleinen Kindern und zwei alte Theaterkarten aus Berlin. Dazu noch dieser merkwürdige Koffer.

    „Also Henry, nochmal langsam. Ihr habt den Mann oder besser diese Leiche auf dem Feld von Thomas Morgan gefunden?", fragte der Doktor gelangweilt.

    Henry Watson arbeitete schon lange als Wärter im Stadtgefängnis und er hatte schon eine ganze Reihe von merkwürdigen Dingen gesehen. Meistens waren es Sachen, die am Stand angespült wurden. Gerade jetzt in Zeiten des Krieges gab es da allerlei Seltsames zu sehen. Doch dieser Fall war anders. Die Wiesen des Landwirts Thomas Morgan lagen in der Nähe des Gefängnisses. Er und Watson kannten sich seit ihrer Jugend. Daher hatte Morgan ihm von seinem nächtlichen Fund erzählt.

    „Doktor, Morgan hat den Mann selbst gefunden. Er geht nachts häufig mit seinem Hund spazieren und diese Nacht ist der Köter direkt aufs Feld gelaufen und hat wie verrückt gebellt. Nachdem er gesehen hat, was es war, brachte er den Mann auf seinem Karren hierher, weil Sie der nächstgelegene Arzt sind. Dann war da noch diese Aktentasche, die er bei sich hatte. Sie war an seinem Gürtel befestigt. Mit einer Kette!

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