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Karate – Essays: Studien zur Tradition und Philosophie des Karate – Do

Karate – Essays: Studien zur Tradition und Philosophie des Karate – Do

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Karate – Essays: Studien zur Tradition und Philosophie des Karate – Do

Länge:
356 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Oct 27, 2014
ISBN:
9783735752239
Format:
Buch

Beschreibung

Bei der Untersuchung der Tradition und geistigen Grundlagen des Karate-Do sowie der Kampfkünste im Allgemeinen zeigt sich, dass fast alle großen geistigen Strömungen Chinas darin verwoben sind. Dem interessierten Leser wird dieser Sachverhalt durch die Verknüpfung spezieller Aspekte der Kampfkunst Karate-Do wie Tradition, Rituale, Ethos oder Fachbegriffe mit der ostasiatischen Geisteswelt tiefgehend und anspruchsvoll erläutert.

Inklusive seiner Rolle in der modernen Sportwelt. So ermöglicht die vorliegende Auswahl ein weitgespanntes aber auch tiefes Verständnis für die geistige Welt des Karate-Do und darüber hinaus auch für die ostasiatischen Kampfkünste ganz allgemein. In der Gesamtbetrachtung bietet sie auch einen Überblick über wesentliche Züge der ostasiatischen Kultur- und Geistesgeschichte.
Herausgeber:
Freigegeben:
Oct 27, 2014
ISBN:
9783735752239
Format:
Buch

Über den Autor

Wolfgang Brockers, geboren 1950 in Mönchengladbach, studierte Geschichte, Philosophie und Sport in Neuß und Wuppertal. Von 1980 bis 2014 unterrichtete er an einem Mönchengladbacher Gymnasium. Seit den frühen 1960er Jahren ist er bekennender Beatles-Fan. Neben seiner Begeisterung für die Musik der "Fab Four" verfolgte er auch nach der Auflösung der Beatles interessiert den musikalischen und biografischen Werdegang der Ex-Beatles. Mit zunehmender Vertrautheit mit dem Phänomen der Beatles und wachsender Detailkenntnis wuchs allmählich die Überzeugung, dass es immer noch eine lohnenswerte Aufgabe ist, ihre Songs erneut im Kontext der damaligen Zeit näher zu betrachten. Daraus entstand die Idee zu der vorliegenden Arbeit.


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Buchvorschau

Karate – Essays - Wolfgang Brockers

Bandes.

Vorwort

Wenn man ein Studium beginnt, muss man viele Studien betreiben! Dieser Leitgedanke meines ehemaligen Philosophieprofessors Karl Albert hat sich auch in meinem Bemühen, die geistig-philosophischen Hintergründe meiner Kampfkunst zu ergründen, bewahrheitet. Während meiner nun fast 50-jährigen Karate-Praxis beschäftige ich mich schon mehr als 20 Jahre mit Tradition und Philosophie des Karate-Do, wodurch ich zwangsläufig immer tiefer in die Geisteswelt des fernen Ostens eindringen musste. Dabei ergaben sich für mich immer wieder neue Aspekte bzw. Themen, die interessant erschienen, mein Bild von der Tradition und dem Geist des Karate-Do zu erweitern und zu vertiefen.

Im Laufe der Jahrzehnte sind auf diese Weise nicht nur einige systematische Arbeiten, sondern auch eine Vielzahl von Fachaufsätzen entstanden, die sich jeweils mit einem speziellen Aspekt des Karate-Do befassen. Einige von diesen wurden in Fachzeitschriften oder in den letzten Ausgaben der Buchreihe „Geist, Technik, Körper" veröffentlicht. Nachdem ich in jüngster Zeit wieder einige neue Arbeiten fertig gestellt habe, erscheint es mir sinnvoll, nun eine systematisierte Auswahl dieser Studien in einem neuen Buch herauszugeben. Dafür wurden unterschiedliche Themen ausgewählt und drei übergeordneten Gesichtspunkten zugeordnet.

Die ersten drei Studien befassen sich mit der Geschichte und Tradition der Kampfkunst und des Karate-Do, während sich die mittleren Aufsätze den philosophischen Aspekten aus den großen Lehren des Taoismus, des Konfuzianismus und des Zen-Buddhismus widmen. Die letzten Arbeiten beleuchten dagegen mehr die psycho-sozialen und sozio-kulturellen Aspekte der Karate-Praxis in der heutigen Zeit. Mit diesen drei Bereichen – jenseits aller technischen Aspekte – ist es für den interessierten Leser möglich, eine fundierte und detailreiche Kenntnis zu Tradition und Geist sowie über Fragen des heutigen Karate zu gewinnen.

In gewisser Weise bietet der vorliegende Band ein Extrakt meiner Studien zur Tradition und zum geistigen Hintergrund des Karate-Do. Die hier vorgelegten Aufsätze sind etwa zur Hälfte ganz neue Arbeiten und zur anderen Hälfte ältere, aber überarbeitete und aktualisierte Aufsätze. Der interessierte Karateka kann daran nun partizipieren und sich einen tiefer gehenden Einblick in Tradition, Geist und Philosophie der Kampfkunst Karate verschaffen, ohne sich selbst mühsam durch die einschlägige Literatur durcharbeiten zu müssen.

Ich wünsche den Lesern eine anregende und aufschlussreiche Lektüre. Phasenweise wird sie sicherlich einer Reise in die östliche Kultur- und Geistesgeschichte gleichkommen. Wenn es dabei gelingt, ein tieferes Verständnis für das Karate-Do und für die faszinierende Geisteswelt des fernen Ostens zu entwickeln, kann dieses Buch auch einen Beitrag dazu leisten, das großartige Kulturerbe unserer Kampfkunst in seiner Vielfalt von körperlich-technischen und philosophisch-spirituellen Aspekten zu bewahren.

Mönchengladbach im August 2014

Zwischen Legende und Wirklichkeit

Bodhidharma und die Shaolin-Kampfkunst

Karate-do ist das Produkt einer sehr langen Kampfkunsttradition. Seine Wurzeln reichen weit zurück bis in die chinesische Frühzeit. Im Verlauf der langen Entwicklungsgeschichte wurde die Kampfkunst aber durch unterschiedliche Einflüsse aus dem jeweiligen kulturellen Umfeld verändert und geprägt. Ausgehend vom chinesischen Kung-fu (quan-fa) wurde die Kampfkunst auf Okinawa zunächst zu einer effektiven Kampftechnik mit dem Ziel, Gegner zu besiegen oder gar zu töten, entwickelt, erhielt dann dort aber seit der Mitte des 19. Jahrhunderts zunehmend eine ethische, persönlichkeitsbildende Ausrichtung, die dann durch Funakoshi Gichin in Japan als eine ganzheitliche Kampfkunst mit hohem erzieherischem Wert verbreitet wurde. Trotz aller Unterschiede der genannten Länder besitzen sie doch mit dem Buddhismus und dem Konfuzianismus starke gemeinsame kulturelle Klammern, so dass diese über die ganze Traditionslinie hinweg für die Ausgestaltung der Kampfkunst von Bedeutung waren. Insbesondere der Zen-Buddhismus, der in Japan zu der Kulturkraft schlechthin wurde und der wie keine andere den japanischen Volkscharakter geprägt hat, ist seit den Anfängen des chinesischen Quan-Fa bis zum heutigen Karate-Do eng mit der Kampfkunst verknüpft.

Betrachtet man die Traditionslinie der Kampfkünste und des Karate-Do, stößt man in jedem Fall auf das Shaolin-Kloster, das nach allgemeiner Auffassung als Ursprung und Keimzelle der chinesischen Kampfkünste gilt; und diese bilden die Grundlage für die weitere Entwicklung bis zum heutigen Karate-Do. Der historische Blick zurück zeigt dann auch, dass es um 500 n.Chr. durch die jahrelange Anwesenheit der legendenumwobenen Person des Bodhidharma im Shaolin-Kloster zu einer zukunftsweisenden Verbindung zwischen Kampfkunst und Zen-Buddhismus kam. Bodhidharma wird häufig als der Begründer des Zen-Buddhismus angesehen und soll darüber hinaus die Shaolin-Kampfkunst „Quan-fa" entwickelt bzw. maßgeblich geprägt haben. Verbinden sich mit der Person Bodhidharmas tatsächlich die Ursprünge des Zen-Buddhismus und auch der Shaolin-Kampfkunst? War das Shaolin-Kloster wirklich die Keimzelle der chinesischen Kampfkunst?

Die Überlieferung über Bodhidharma und das Shaolin-Kloster als Kampfkunstschmiede ist im Verlauf der Jahrhunderte immer mehr durch Legenden überwuchert worden, so dass es schwerfällt, die historische Wahrheit unter dem Wildwuchs der Legendenbildung offenzulegen. Die nachfolgende Studie versucht, aus den Traditionslinien des Buddhismus und der Kampfkunst genauer darzulegen, welche Rolle das Shaolin-Kloster für die Entwicklung der Kampfkunst spielte und insbesondere wie groß der Einfluss Bodhidharmas auf diese Entwicklung tatsächlich war. Auch wenn es aufgrund der schwierigen Quellenlage, die oft widersprüchliche Informationen enthält, vielleicht nicht möglich sein wird, eindeutige Klarheit zu gewinnen, so sollte doch am Ende ein präziseres Bild zu diesem Themenkomplex zu zeichnen sein.

1 Zur Bodhidharma-Biografie

Bodhidharma, den die Chinesen Damo und die Japaner Daruma nennen, soll aus Ceylon stammen und der 3. Sohn des Königs Sughanda im Reich Koshi gewesen sein. In seiner Kindheit wurde er Bodaitara genannt (vgl. Yamada in: Mumonkan, 1989, S. 220). Er gehörte somit mindestens der indischen Kshatriya-Kaste (Krieger) an und müsste demnach auch die für seine Kaste typische Ausbildung mit einer Schulung in Vajramushti, einer von Brahmanen im 10. Jahrhundert v.Chr. entwickelten Kunst des Ring- und Faustkampfes, erhalten haben.

Seine Lebensdaten lassen sich nur schwer historisch korrekt einordnen. Das liegt daran, dass es nur wenige Belege zu seinem Wirken gibt; die meisten Überlieferungen beziehen sich auf seine Begegnung mit Kaiser Wu-di und auf seine Anwesenheit im Shaolin-Kloster. Zu diesen beiden Sachverhalten bietet die schriftliche Überlieferung nur dürftige, aber unterschiedliche und widersprüchliche Informationen, so dass sie nicht alle übereinstimmen können. Nach D.T. Suzuki stammt unser Wissen über Bodhidharmas Biografie nur aus zwei Quellen, nämlich aus der Schrift „Biografien hervorragender Mönche, die vom Mönch Tao-hsüan um 645 kompiliert wurde, und aus dem Werk „Aufzeichnungen über die Weitergabe der Leuchte, das von dem Zen-Mönch Tao-yüan 1004 verfasst wurde. Beim Vergleich dieser beiden Schriften lässt sich feststellen, dass die Bedeutung Bodhidharmas als Begründer einer neuen buddhistischen Richtung, als Zen-Patriarch, in der älteren Schrift noch nicht klar hervortritt, während die jüngere Biografie Taoyüans ihn als Begründer des Zen-(Chan)-Buddhismus deutlich hervorhebt, weil sich Zen inzwischen als eigenständige Schule etabliert hatte, während diese Entwicklung um 650 noch nicht erkennbar war (vgl. Suzuki 1993 S. 22). Nach diesen beiden Quellen hinterließ Bodhidharma zahlreiche Schriften, von denen viele, als die beiden Werke verfasst wurden, noch im Umlauf waren. Die einzige heute noch erhaltene authentische Schrift scheint das Werk mit dem Titel „Über die Befriedung der Seele zu sein; und einer weiteren Schrift „Meditation über die vier Handlungen räumt Suzuki eine hohe Wahrscheinlichkeit ein, dass sie von Bodhidharma stammt (vgl. Suzuki, 1993, S. 21 ff.). Beide Schriften sind ausschließlich auf den Zen-Geist bezogen; sie bieten aber keine Hinweise für seine Rolle in der Kampfkunsttradition.

Am häufigsten werden die Lebensdaten 470 – 543 n. Chr. genannt. Doch sind Lebensepisoden überliefert, die sein Geburtsjahr um 410 angeben und ihn bis zu 150 Jahre alt werden lassen, was aber angesichts der heutigen biologischen und medizinischen Erkenntnisse, die ca. 120 Lebensjahre als genetisch bedingtes, maximales Lebensalter angeben, ausgeschlossen werden kann. Manche Quellen geben als Jahr der vielzitierten Begegnung mit dem Kaiser Wu-Di 479 bzw. 480 an; andere lassen ihn als Sechzigjährigen die Reise von Indien nach China antreten und als Achtzigjährigen die Shaolin-Kampfkunst Quan-fa initiieren. Hinzu kommt noch, dass es in jener Zeit in China offenkundig etwa 30 indische religiöse Missionare gab, von denen auch mehrere den gleichen Namen ‚Bodhidharma‘ (Buddhaherz) trugen. Womöglich haben Legendenbildung und Überlieferung verschiedene Personen zu einer Biografie zusammengefasst, was die widersprüchlichen Daten erklären könnte.

Der gängigsten Überlieferung gemäß gilt er als 28. direkter Nachfolger (Patriarch) Gautama Buddhas. Er wurde angeblich vom 27. Nachfolger Prajnadhara aufgrund seines tiefen Verständnisses der Buddhalehre als Nachfolger auserkoren. Im hohen Alter von sechzig Jahren sei er per Schiff nach China gereist und dort bei Kanton angekommen. Als ungefähres Datum seiner Ankunft wird häufig 520 n.Chr. angeben. Der Gouverneur von Kanton empfing ihn mit allen Ehren und berichtete dem Kaiser Wu der Ljang-Dynastie in Dschjän-kang (heute Nanking) von ihm, worauf er an den Hof gerufen und vom Kaiser Wu-Di, der sich durch großzügige Förderung des Buddhismus einen Namen gemacht hatte, in Audienz empfangen wurde. Diese Begegnung mit dem Kaiser bildet den vielleicht wichtigsten Teil der Bodhidharma-Überlieferung. Der Kaiser, philosophisch und buddhistisch hoch gebildet, wollte Bodhidharma prüfen.

Nun fragte er den aus Indien kommenden Meister, welche Verdienste er sich für das spätere Leben erworben habe. Bodhidharma antwortete knapp: „Keine Verdienste. Was denn der höchste Sinn der Heiligen Wahrheit, also der Kern der buddhistischen Lehre sei, fragte der Kaiser daraufhin. „Leere Weite – nichts Heiliges, antwortete Bodhidharma. Nun verlangte der Kaiser zu wissen: „ Wer ist das uns gegenüber? – „Ich weiß es nicht entgegnete Bodhidharma, der dem Kaiser damit sehr wohl den Kern seiner Lehre offenbarte, ohne dass dieser ihn jedoch begriff" (Diener/Erhard/Fischer-Schreiber/Friedrichs, 1986, S. 43).

„Das konnte der Kaiser nicht begreifen. Bodhidharma überquerte darauf den Yang-dse und begab sich in das Reich We. Danach fragte der Kaiser den ehrwürdigen Bau-Dschih (seinen Berater), wer denn dieser Bodhidharma sei. „ Weiß Majestät es denn wirklich nicht?, erwiderte Bau-Dschih. „Nein, ich weiß es nicht, sagte der Kaiser. Darauf Bau-Dschih: „Er ist der Bodhisattva Guan-Schih-Yin, gekommen, um das Siegel des Buddhaherzens weiterzugeben.Da fasste den Kaiser Reue und er wollte Leute ausschicken, um Bodhidharma zurückzuholen. Der ehrwürdige Bau-Dschih jedoch sprach: „Ich rate Majestät ab, den Versuch zu machen, ihn zurückzuholen. Denn selbst wenn Ihr das gesamte Volk Eures Reiches nach ihm aussenden würdet, er käme auch dann nicht zurück, (Schwarz, 2000, S. 249).

Diese Unterredung hat wohl so nicht stattgefunden. Der Charakter der Wechselrede ist nämlich typisch für die Koan-Literatur der Zen-Schule. Die Koans wurden von den Zen-Meistern erst um die Wende zum 10. Jahrhundert entwickelt, als die Gefahr bestand, dass Zen in puren Quietismus abgleiten könnte. Solche Koans – als Rätsel konzipiert – setzen die Zen-Meister bis heute ein, um den geistigen Fortschritt ihrer Schüler zu prüfen. Es muss davon ausgegangen werden, dass der Bericht über die Unterredung erst Jahrhunderte später, als die Zen-Sekte sich etabliert und Bodhidharma als ersten Patriarchen anerkannt hatte, geschrieben wurde.

Auch kann je nach Überlieferung auch bezweifelt werden, ob diese Begegnung zwischen Kaiser und Bodhidharma überhaupt stattgefunden hat. Eine häufig akzeptierte Überlieferung über den indischen Meister besagt nämlich, dass dieser kurz vor 479 n.Chr. als hochbetagter Greis im südlichen China gelandet sei, also zu einer Zeit, in der das Reich Liang des Wu-di noch gar nicht bestand. Kaiser Wu-Di, geboren 464, hatte sein Reich mit der Residenz Nanking erst um 502 errichtet und bis 549 regiert. Wenn die Unterredung um 520 stattgefunden hätte, wie die spätere Überlieferung behauptet, wäre Bodhidharma schon 40 Jahre in China und über hundert Jahre alt gewesen und hätte danach noch zwei Jahre in Luo-Yang, der Hauptstadt des Nordreiches, und darüber hinaus noch mindestens 9 Jahre im Shaolin-Kloster gelebt. Dazu ist verbürgt, dass Bau-Dschih, der Berater des Kaisers, im Jahr 514 gestorben ist (vgl. Gundert in: Bi Yän Lu, 1999, S. 53). Diese Sachverhalte und die Tatsache, dass die Geschichte von Bodhidharmas Besuch bei Wu-Di erstmals Mitte des achten Jahrhunderts auftaucht, sprechen dagegen, dass diese oft zitierte Unterredung, wie sie meistens überliefert wird, stattgefunden hat. Offensichtlich ging es bei der Niederschrift über diese Begegnung auch nicht um die Darstellung einer historischen Begebenheit, sondern darum, den besonderen Geist des Zen darzulegen. So wird darin der Autoritätsanspruch der Zen-Sekte, den Geist Buddhas authentisch weiterzutragen, und die Ablehnung der sich in China damals schon verkrustenden buddhistischen Scholastik (Der Kaiser steht repräsentativ für diese Haltung.) überaus deutlich.

Die Überlieferung dieses Gesprächs macht auch deutlich, dass Bodhidharma mit der Weitergabe seiner Lehre in Südchina zunächst erfolglos war und deshalb weiter in das Nordreich We reiste. Der Legende nach überquerte er den Yang-dse-Fluss nicht mit einem Boot, sondern auf einem Schilfhalm. Dies ist zweifellos eine Erfindung späterer Zeit, um Bodhidharma den Charakter eines schwerelosen, rein geistigen Menschen oder gar eines Heiligen zu geben, so wie es die frühen Evangelisten und Kirchenväter mit Jesus taten, indem sie ihm immer mehr Wundertaten andichteten, um dessen Einmaligkeit und Göttlichkeit hervorzuheben.

Bodhidharma hielt sich von 516 bis 518 (diese Angabe gilt als gesichert) in der Hauptstadt des Nordreiches Luo-yang auf, bevor er sich im Shaolin-Kloster im Song-shan-Bergmassiv, etwa eine Tagesreise südlich der Hauptstadt, für mehrere Jahre niederließ. Für seine Ankunft im Kloster liegt nur die Jahresangabe 523 vor. Das spricht nicht unbedingt gegen die Begegnung mit Kaiser Wu-Di im Jahr 520.

In diesem noch daoistisch ausgerichteten Shaolin-Kloster, das im Jahr 495 (vgl. Shaugnessy, 2007, S. 159) von Kaiser Hsiao-Wen gegründet worden sein soll, wurden schon seit längerer Zeit die indischen Sutren der buddhistischen Lehre übersetzt und Gemeinsamkeiten mit Grundideen der alten daoistischen Philosophie (Meditation als Weg zur Erleuchtung, Idee des Einen, des Tao, in Übereinstimmung mit der allem Seienden innewohnenden „einen Buddha-Natur") herausgearbeitet. Dort praktizierte und lehrte Bodhidharma eine auf dem traditionellen Buddhismus basierende Form der kontemplativen Meditation mit dem Ziel einer Erleuchtungserfahrung. Diese Form der Meditation (dhyana auf Sanskrit, chan auf Chinesisch und zen auf Japanisch) war eine Abwandlung der traditionellen buddhistischen Meditation unter Einfluss dao-istischer Elemente. Darum gilt Bodhidharma als Begründer des Zen-Buddhismus. In einer Höhle beim Shaolin-Kloster soll er neun Jahre lang mit dem Gesicht zur Felswand mit solcher Konzentrationskraft meditiert haben, dass seine innere Kraft ‚Chi‘ sein Abbild auf den Felsen übertrug. Dieses Felsbild wird den interessierten Besuchern des Klosters auch heute noch gezeigt. Der Abt des Klosters berichtete einem ZDF-Fernsehteam 1985, Bodhidharma sei wenige Jahre nach Gründung des Klosters eingetroffen und habe, um sich von der Meditation ein wenig zu entspannen, die Fäuste geballt und nach außen gestreckt, woraus die Kunst des Shaolin-Faustkampfes entwickelt worden sei. Dieser Hinweis wirkt ebenfalls legendenhaft und kann keineswegs den Ruf Bodhidharmas rechtfertigen, auch Begründer der Shaolin-Kampfkunst zu sein. Allerdings bewahrt diese Geschichte das Andenken, dass es doch einen wichtigen Zusammenhang von Bodhidharmas Aufenthalt im Kloster und der Entwicklung der dortigen Kampfkunst gegeben haben muss. Vor dem Hintergrund, dass Bodhidharma in seiner Jugend möglicherweise in der Faustkampfkunst Vajramushti ausgebildet wurde, wirkt es durchaus glaubhaft, dass er Elemente davon zur Abwechslung bzw. Entspannung eingesetzt hat.

Wegen seiner Willens- und Überzeugungskraft sammelten sich Schüler um Bodhidharma. Der Mönch Schen-Guang, angeblich ein in der konfuzianischen, dao-istischen und buddhistischen Philosophie wohlbewanderter Gelehrter, war so tief vom Wunsch erfüllt, Jünger des meditierenden Meisters zu werden, so dass er eine ganze bitterkalte Winternacht vor der Höhle ausharrte, um Bodhidharmas Aufmerksamkeit zu erhalten. Als der Meister ihn immer noch nicht beachtete, hieb er sich den linken Unterarm ab. Bodhidharma erkannte nun die Entschlossenheit seines Schülers, erwählte ihn nach einer Zeit der Unterweisung zum Dharma-Nachfolger, übergab ihm dafür als Symbole seine Schale, seinen Umhang und das Lankavatara-Sutra, einen Text, der die Essenz der buddhistischen Erleuchtungslehre deutlicher aufzeigt als die anderen damals bekannten Sutren. Damit machte er ihn zum 2. Patriarchen des Zen-Buddhismus und gab ihm den neuen Mönchsnamen Hui-ko (d.h. der durch Weisheit Fähige). In der Koan-Sammlung „Mumonkan" wird die Unterredung wie folgt dargestellt:

Bodhidharma saß mit dem Gesicht zur Wand gekehrt. Der zweite Patriarch stand im Schnee, schnitt sich den Arm ab und sagte: „Der Geist deines Schülers hat noch keinen Frieden. Ich bitte Euch, Meister, bringt ihn zur Ruhe! Bodhidharma sagte: „Bring deinen Geist zu mir, und ich will ihn befrieden! Der Patriarch sagte: „Ich habe nach dem Geist gesucht, aber ich konnte ihn nirgends finden. Bodhidharma sagte: „ So habe ich deinen Geist für dich schon zur Ruhe gebracht (Mumonkan, 41. Fall, 1989, S. 219).

Mit der Übertragung des Patriarchats an Hui-ko hatte Bodhidharma seine Aufgabe, den Erleuchtungsgeist Buddhas nach China zu bringen, erfüllt. Neben seiner jahrelangen intensiven Meditation im Kloster, die ihn zum Initiator der Zen-Tradition machte, soll er - der Kampfkunstgeschichte zufolge -dort aber auch ein System gymnastischer und kämpferischer Übungen (shipalo-han-sho – 18 Hände der Buddha-Schüler) eingeführt und eine Schrift als ethischen Leitfaden verfasst haben. Angesichts der sehr zeitintensiven Meditation erscheint es jedoch als unwahrscheinlich, dass er mehr als Anstöße bzw. Anregungen zu einer solchen Entwicklung beitragen konnte, insbesondere wenn man sein hohes Alter zu jener Zeit bedenkt. Es ist nicht sicher, ob Bodhidharma im Kloster starb. Einer chinesischen Legende zufolge bekam er nach neun Jahren im Kloster Heimweh nach Indien und entschloss sich, dahin zurückzukehren. Einer anderen Legende nach wurde er im Alter von 150 Jahren vergiftet und verstarb in den Bergen von Henan.

Die z.T. völlig unglaublichen Altersangaben lassen sich nur dadurch erklären, dass falsche Angaben seiner Biografie aus unterschiedlichen Quellen unkritisch weitergetragen wurden. Damit sind wir aber wieder bei der schwierigen historischen Einordnung seiner Lebenszeit. Zen-Meister Yamada schreibt im Mumonkan, dass Bodhidharma 536 im Alter von 136 Jahren gestorben sei, während im Lexikon der östlichen Weisheitslehren 543 als mögliches Todesjahr angegeben wird (vgl. Diener/Ehrhard, S.43 und Yamada, 1989, S. 220). Beide Todesdaten könnten realistisch sein, wenn das unglaublich hohe Alter nicht wäre. Eine Auflösung dieses Widerspruchs und eine schlüssige Verbindung der meisten Fakten ließe sich erreichen, wenn man die überlieferte Angabe des hohen Alters in Frage stellt.

Für den Verfasser scheint - nach Abwägung und Sichtung der vorliegenden Informationen - die Lebenszeit von 470 bis 536 oder auch bis 543 die wahrscheinlichste Zeitangabe zu sein. Diese Lebenszeit wird auch im Lexikon des Zen genannt (vgl. Diener, 1992, S. 25).

Abbildung 1: Chinas heilige Berge /Lage des Shaolin-Klosters

Dann hätte die Begegnung mit dem Kaiser nach seinem Aufenthalt 516-518 in Lo-Yang um 520 stattfinden können und seine Ankunft im Shaolin-Kloster im Jahr 523 entspräche dann der Überlieferung. Die Todesjahre 536 oder 543 würden dann bedeuten, dass Bodhidharma 66 bzw. 73 Jahre alt geworden wäre. Das erscheint durchaus realistisch, auch hinsichtlich der Begründung seiner Meditationsschule des Buddhismus und einer möglichen Einflussnahme auf die Kampfkunsttradition im Shaolin-Kloster. Dazu passt auch besser der Sachverhalt, dass die wenigen Abbildungen bzw. Portraits, die von Bodhidharma überliefert sind, ihn niemals als sehr alten Mann darstellen, sondern wie einen Mann mittleren Alters. Der häufige Hinweis, Bodhidharma sei bei seiner Ankunft in China schon 60 Jahre alt gewesen, muss wohl als Überlieferungsfehler angesehen werden, zumal diese Angabe womöglich aus einer anderen Überlieferung übertragen wurde, wonach Bodhidharma von seinem Lehrer aufgetragen bekommen habe, erst 60 Jahre nach seinem Tod die Lehre des buddhistischen Erleuchtungsgeistes nach China zu tragen. Auch der weise Zen-Gelehrte Daisetz T. Suzuki, der über ein unglaubliches Wissen zur Geistesgeschichte Indiens, Chinas und Japans verfügte, war überzeugt, dass die Aufzeichnungen über das Leben Bodhidharmas in Indien wenig glaubwürdig seien (vgl. Suzuki, 1993, S. 34). Das für den „Edlen Bau-Dschi", der als Berater des Kaisers in der Überlieferung eine Rolle spielt, genannte Todesjahr 514, muss der hier vertretenen Lösung nicht unbedingt widersprechen, zumal die diesbezügliche Überlieferung erst ca. 200 Jahre nach der Begebenheit aufgeschrieben wurde. Er könnte einfach hinzugedichtet worden sein, um der Person Bodhidharma als direktem Nachfolger Buddhas mehr Gewicht zu geben, da Bau-Dschi ihn dem Kaiser gegenüber so beschreibt. Auch der Hinweis des Abtes vom Shaolin-Kloster, Bodhidharma sei wenige Jahre nach Gründung des Klosters dort angekommen, kann angesichts der langen Klostertradition noch akzeptiert werden, auch wenn 28 Jahre dazwischen lagen.

„Dass die nur vage erfassbare Gestalt des Bodhidharma von den Zen-Buddhisten als Ahnherr anerkannt und geehrt wird, beruht auf der Traditionsbedürftigkeit dieser Schule. (…..) Bodhidharma war dafür die ideale Figur. Als Inder, als indischer Patriarch, verbürgte er die direkte Nachfolge zum Gründer der buddhistischen Lehre, zu Gautama Buddha. Damit erwarb die Zen-Schule Legitimität, was umso wichtiger war, als sehr viel ihres Gedankenguts sich aus chinesischen Quellen, vor allem aus der dauistischen Philosophie, herleitete" (Schwarz, 2000, S. 251).

2 Bodhidharmas Einfluss auf die Shaolin-Kampfkunst

Die Überlieferungen, die sich unmittelbar auf Bodhidharmas Biografie beziehen, entstammen ausschließlich aus der Zen-Tradition. Es ist bemerkenswert, dass ihn betreffende Texte aus der Kampfkunsttradition ihn auch immer wieder als ersten Zen-Patriarchen in China bezeichnen. Umgekehrt findet sich in der Zen-Literatur keine Bemerkung zu einer evtl. Kompetenz als Kampfkunstexperte. Seine Rolle in der Kampfkunstgeschichte ist nicht durch eindeutige Quellen gesichert. Zwar gibt es viele Überlieferungen und Hinweise, welche die Klostergeschichte betreffen, und Schriften, die er dort angeblich verfasst haben soll, doch muss man sie wohl mehrheitlich als Produkte späterer Zeit einstufen, die man nachträglich diesem Zen-Patriarchen zugeschrieben hat. Dennoch spricht aber auch einiges dafür, dass er Schriften verfasst hat und dass es Sammlungen seiner Aussprüche gab.

Da es dazu noch keine nennenswerte kritische Bewertung gibt, ist man bisher ausschließlich auf die Klosterüberlieferungen und auf die davon inspirierte Budoliteratur angewiesen.

Bezüglich des Wahrheitsgehalt der chinesischen Schriftüberlieferungen ist aber eine gesunde Skepsis angebracht, zumal die chinesische Literatur jener Zeit die Schwäche besaß, den literarischen Effekt über die Fakten zu stellen, und dass Wissenschaftlichkeit und Exaktheit nicht ihre Stärke war (vgl. Suzuki 1989, S. 96). Darum kann diese Studie nur die wichtigsten Überlieferungen zu Boddhidharmas Bedeutung für die Shaolin-Kampfkunst aufzeigen und sie lediglich einer groben allgemein-kritischen Bewertung unterziehen. Dabei stützen sich die folgenden Ausführungen in erster Linie auf die Informationen aus den diesbezüglichen Veröffentlichungen von Werner Lind, worin die ausführlichsten Informationen dazu zu finden sind, und aus den zugänglichen chinesischen Informationen über das Shaolin-Kloster.

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