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Der Spurenleser: Der blinde Detektiv

Der Spurenleser: Der blinde Detektiv

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Der Spurenleser: Der blinde Detektiv

Länge:
90 Seiten
1 Stunde
Herausgeber:
Freigegeben:
Nov 6, 2014
ISBN:
9783734728921
Format:
Buch

Beschreibung

Ein Mord geschieht und ausgerechnet ein blinder Detektiv soll den Fall aufklären.
Herausgeber:
Freigegeben:
Nov 6, 2014
ISBN:
9783734728921
Format:
Buch

Über den Autor

Domingos de Oliveira arbeitet seit 2009 als Consultant für digitale Barrierefreiheit. Er hat Dutzende Webseiten, Apps und Dokumente auf Barrierefreiheit geprüft und zahlreiche Schulungen durchgeführt. Als gelernter Online-Redakteur kennt er die Barrierefreiheit nicht nur aus der Theorie. Er weiß auch, welche Probleme es in der praktischen Umsetzung gibt. Er ist selbst von Geburt an blind. Daher weiß er, auf welche Probleme Menschen mit Behinderung täglich stoßen.


Ähnlich wie Der Spurenleser

Buchvorschau

Der Spurenleser - Domingos de Oliveira

Inhaltsverzeichnis

Zusammenstoß

Begegnungen

Bürogemeinschaft

Der erste Fall

Atemnot

Einsichten

Treffer

Auf Abwegen

Beweise

Impressum

Zusammenstoß

Einen Zug zu führen hat wenig Romantisches, dachte Horst Müller und starrte ins Dämmerlicht des verstreichenden Tages, während er den Regionalexpress von Koblenz nach Bonn steuerte. Er hatte es in den letzten dreißig Jahren häufig gedacht, aber in letzter Zeit kamen ihm diese Gedanken immer häufiger. Früher, ja, da war das noch was. Aber wenn man den Job so lange macht, fühlt man sich nur noch leer. Der Druck hatte enorm zugenommen, für jede Minute Verspätung gab es Ärger. die Taktung war so eng, dass es keinen Freiraum mehr gab. Und jüngere Kollegen warteten nur darauf, dass Horst endlich abtrat, um Platz für sie zu machen. Nun, sie würden bald bekommen, was sie wollten, noch fünf Jahre und Horst wäre Rentner. Und was dann?

Ich habe diesen Job wohl zehn Jahre zu lange gemacht, dachte Horst und griff nach seiner Wasserflasche. Na, scheißdrauf.

Die Schicht am späten Abend hat zumindest einen Vorteil, es war weniger stressig. Um diese Zeit fahren weniger Züge, die Zahl der Fahrgäste ist überschaubar und im Großen und Ganzen ist es okay. Nichts ist vergleichbar mit dem Gefühl, ein tonnenschweres Gefährt zu lenken und es gab immer einmal Stunden, wo Horst sich nicht vorstellen könnte, jemals etwas anderes zu tun.

Plötzlich erwachte er aus seinem leichten Dämmerzustand. War da etwas im Lichtkegel des Scheinwerfers? Ein Vogel oder ein herabhängender Ast? Horst hob den Fuß, um wenn nötig auf die Bremse zu treten. Ein sinnloses Unterfangen, was immer es war, der Zug würde nicht rechtzeitig zum Stoppen kommen, so ein tonnenschweres Gefährt hat einen sehr langen Bremsweg.

Oh Scheiße, brüllte Horst plötzlich und trat mit aller Kraft auf die Bremse. Die Räder kreischten auf, Nein, nein, nein schrie er. Im Lichtkegel sah er einen baumelnden menschlichen Körper auf sich zu rasen. Es schien ihm, als ob alles in Zeitlupe passierte, in Wirklichkeit kam der Körper jede Sekunde näher. Inzwischen stand Horst auf der Bremse, obwohl er wusste, wie sinnlos sein Tun war. Keine Kraft der Welt hätte den Zug noch rechtzeitig stoppen können. Der Schweiß rann ihm in Bächen das weiße Hemd herab, sein Herz schien ihm aus der Brust springen zu wollen. Dann der Aufprall, Horst meinte, den dumpfen Aufschlag zu spüren. Der Körper wurde vom Zug mitgerissen und flog in die Nacht. Blut und Gewebe hatten die Scheibe der Fahrerkabine bespritzt, doch der Zug fuhr noch mehrere Dutzend Meter weiter,

bevor er endlich zum Stehen kam. Wie in Trance griff Horst zum Funkgerät:

Begegnungen

Ich war gerade in meinem Lieblings-Club dem Nightmare mitten in Tannenbusch, dem Compton von Bonn. Am schönsten ist es hier um 3.30 morgens, die Alkoholleichen sind eingeschlafen oder weitergezogen und es wird beinahe familiär.

Von unserer Gruppe waren nur noch drei übrig geblieben, Tina, Sophie und ich. Wir hatten uns abgewechselt und jetzt war ich dran mit den Drinks. Im Nightmare gibt es keine Kellner, man holt sich die Getränke selbst. Ich ging zur Theke und störte Mitch, der mit einem Typen plauderte. Mitch ist ein tätowierter Riese, der es nicht besonders eilig hat, Bestellungen zu erledigen, wahrscheinlich arbeitet er deshalb in der Nachtschwärmer-Schicht, wo die Zeit langsamer zu vergehen scheint. Trotz seiner Langsamkeit war er auf Zack. Einmal hatte ich gesehen, wie er zwei Typen, die im Club rumgepöbelt hatten rauswarf. Er hatte sich die Typen mühelos gekrallt, einen unter jeden Arm geklemmt und im hohen Bogen aus der Tür geworfen. Danach war er seelenruhig hinter die Theke zurückgekehrt, ohne eine Miene zu verziehen oder das Geschehe weiter zu kommentieren.

Während ich Mitch mit der Bestellung von drei Screwdrivern aufscheuchte, sah ich mir seinen Kumpel an. Etwas schien mit ihm nicht zu stimmen, er sah mich nicht an, sondern schien ins Leere zu schauen. Auf einmal blickte er auf: Gefällt dir, was du siehst? fragte er.

Du bist nicht ganz mein Typ, meinte ich. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass etwas nicht mit ihm stimmte. Er schien nicht allzu betrunken zu sein, er sah mich direkt an, aber etwas stimmte mit seinen Augen nicht.

Ich bin blind, sagte er und beantwortete eine Frage, die ich gar nicht laut gestellt hatte.

Echt? Wie ist das so?

Nicht besonders aufregend sagte er.

Wie kann jemand alleine herumlaufen, wenn er blind ist?

Meistens setze ich einen Fuß vor den anderen, manchmal mache ich es aber auch umgekehrt.

Blind und lustig kann eine gefährliche Mischung sein, sagte ich und drohte ihm mit der Faust.

Er lächelte und zog unter seinen Hocker ein unterarmlanges weißes Ding hervor, das aus zusammengebundenen Röhren zu bestehen schien. Das ist ein Blindenstock, sagte Er steckte die Röhren zusammen und tatsächlich, ein langer weißer Stab.

Interessant, sagte ich und da kam schon Mitch mit den Drinks.

Na Ramon, beeindruckst du Mädels mit deinem langen Stab? fragte Mitch in seiner nervtötenden Langsamkeit und grinste.

Ich versuche es, aber sie scheint auf die Blinden-Nummer nicht abzufahren, sagte Ramon und grinste mir zu.

Ich warf einen Zehner auf die Theke, schnappte mir die Drinks und nickte den beiden zu.

Normalerweise habe ich nichts gegen sinnfreies Geplauder, aber heute war meine Stimmung am Tiefpunkt. Um ehrlich zu sein war ich zu dieser Zeit ziemlich abgebrannt. Meine Arbeit als freischaffende Autorin kam nicht in Schwung und würde es vielleicht nie. An der Uni hatte ich zumindest gelernt, mit wenig Geld auszukommen, aber auf Dauer konnte ich

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