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Blut und Elend des Krieges: Geschwisterwege 1941/45 - Tagebücher aus Pommern

Blut und Elend des Krieges: Geschwisterwege 1941/45 - Tagebücher aus Pommern

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Blut und Elend des Krieges: Geschwisterwege 1941/45 - Tagebücher aus Pommern

Länge:
184 Seiten
2 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Nov 17, 2014
ISBN:
9783848276943
Format:
Buch

Beschreibung

"Mein Bart bleibt bis Moskau!" so umschreibt ein deutscher Panzerleutnant im Oktober 1941 in seinem Tagebuch siegessicher seinen Entschluss, sich das nächste Mal erst wieder nach der Eroberung der russischen Hauptstadt zu rasieren. In der Tat, er hatte es nicht mehr weit.

Dreieinhalb Jahre später, im Januar 1945, nimmt eine junge Frau, es ist die Schwester des unrasierten Leutnants, die stabile, langstielige Suppenkelle der Familie aus massivem 800er Silber und versteckt sie griffbereit zwischen zwei Hafersäcken auf einem Pferdegespann. Es ist ihre Notwehrwaffe für die Zeit der Flucht vor der Roten Armee Richtung Westen. "Damit wollte ich einem Russen ins Gesicht schlagen," berichtet sie in ihrem Tagebuch.

Blonder Stoppelbart und silberne Suppenkelle, Symbole für blinden, jungenhaften Eroberungsrausch einerseits und die Ohnmacht wehrloser Flüchtlinge gegenüber der feindlichen Militärmacht andererseits.

Heinz P., Jahrgang 1919, notiert als 21-jähriger Offizier und Panzerkommandant zwei Feldzüge. Einmal durch Ungarn, Bulgarien und Jugoslawien im ersten Halbjahr 1941. Dann ab Juni 1941 den Russland-Feldzug von Wien aus durch Polen, die Ukraine, Weißrussland, Russland bis kurz vor Moskau. Das war die eine Seite dieses Krieges, der Eroberungskrieg mit zunächst vielen siegreichen Schlachten.

Erika P., die Schwester von Heinz, schildert die andere Seite. Sie beginnt ihr Tagebuch am 21. Januar 1945. Der zunächst so "erfolgreiche" Krieg des Jahres 1941 hatte sich inzwischen in ein Desaster für die deutsche Wehrmacht verwandelt. Die russische Armee steht wenige Kilometer vor dem kleinen Städtchen Schönlanke, heute Trzcianka, in Hinterpommern.

Es ist ein kalter Wintertag,als die Menschen vom kollabierenden NS-Apparat aufgefordert werden, in selbst organisierten Trecks ihre Stadt zu verlassen. Der Marsch nach Westen in eine unbekannte Zukunft beginnt. Eine Odyssee zwischen den Fronten von zweieinhalb Monaten: zu Fuß, mit dem Rad und auf dem Pferdewagen durch einen bitterkalten Winter. Nach 10 Wochen erst sind sie am Ziel.

Dieses Buch ist für Menschen, die hinsehen, hinhören und hinfühlen wollen. Oder einfach neugierig sind. Sie haben die Möglichkeiten, in kleinen persönlichen Ausschnitten zu erleben, wie es wirklich war im letzten großen Krieg (1939-1945), der von deutschem Boden ausging.

Der Herausgeber hat die Texte von Schwester und Bruder miteinander verflochten.
Herausgeber:
Freigegeben:
Nov 17, 2014
ISBN:
9783848276943
Format:
Buch

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Blut und Elend des Krieges - Books on Demand

„Freiheit muss erkämpft werden."

Bundeskanzlerin Angela Merkel

am 9. November 2009, dem 20. Jahrestag des Mauerfalls,

um 20.09 Uhr

vor dem Brandenburger Tor in Berlin

Inhalt

Vorwort

Die Tagebücher: Flucht und Krieg

Übersichtskarte

Der Fluchtweg im Zeitraffer

Anhang

Flugblatt der Roten Armee

Ergänzungen: 35 Jahre danach

Ein Wunsch des Herausgebers

Ihre Meinung gerne per Mail an: eberbach@gmx.de

Vorwort

„Mein Bart bleibt bis Moskau!" so umschreibt ein deutscher Panzerleutnant am 5. Oktober 1941 in seinem Tagebuch siegessicher seinen Entschluss, sich das nächste Mal erst wieder nach der Eroberung der russischen Hauptstadt zu rasieren. Er hat das Ziel nur knapp verfehlt.

Dreieinhalb Jahre später nimmt eine junge Frau, es ist die Schwester des unrasierten Leutnants, die stabile, langstielige Suppenkelle der Familie aus massivem 800er Silber und versteckt sie griffbereit zwischen zwei Hafersäcken auf einem Pferdegespann. Es ist ihre Notwehrwaffe für die Zeit der Flucht vor der Roten Armee Richtung Westen. „Damit wollte ich einem Russen ins Gesicht schlagen." berichtet sie in ihrem Tagebuch. Blonder Stoppelbart und silberne Suppenkelle, Symbole für blinden, jungenhaften Eroberungsrausch einerseits und die Ohnmacht wehrloser Flüchtlinge gegenüber der feindlichen Militärmacht andererseits.

Dieses Buch ist für Menschen, die hinsehen, hinhören und hinfühlen wollen. Oder einfach neugierig sind. Sie haben die Möglichkeiten, in kleinen persönlichen Ausschnitten zu erleben, wie es wirklich war im letzten großen Krieg, der von deutschem Boden ausging (1939-1945). Ein Geschwisterpaar erzählt. Packend und verstörend zugleich.

Heinz P., Jahrgang 1919, notiert als 21-jähriger Offizier und Panzerkommandant zwei Feldzüge. Einmal durch Ungarn, Bulgarien und Jugoslawien im ersten Halbjahr 1941. Dann, nach einem kurzen Heimaturlaub ab Juni 1941 den Russland-Feldzug von Wien aus durch Polen, die Ukraine, Weißrussland, Russland bis in die Kesselschlacht um Wjasma, heute Vjaz’ma, kurz vor Moskau. Das ist die eine Seite des Krieges, der Eroberungskrieg mit zunächst vielen siegreichen Schlachten.

Erika P., die Schwester von Heinz, schildert die andere Seite – teilweise vertreten durch die sie begleitende Mutter. Sie ist Jahrgang 1916 und beginnt ihr Tagebuch am 21. Januar 1945. Der zunächst so „erfolgreiche" Krieg des Jahres 1941 hatte sich inzwischen in ein Desaster für die deutsche Wehrmacht verwandelt. Die russische Armee steht wenige Kilometer vor dem kleinen Städtchen Schönlanke in Hinterpommern. Der Ort gehörte damals zum Deutschen Reich, heute zu Polen. Er heißt jetzt Trzcianka, liegt etwa 150 km östlich der Oder, 20 km südwestlich von Schneidemühl, heute Pila.

Es ist ein kalter Tag im Januar 1945, als die Bevölkerung des Städtchens vom kollabierenden NS-Apparat aufgefordert wird, in selbst organisierten Trecks ihre Stadt Schönlanke zu verlassen. Der Marsch nach Westen in eine unbekannte Zukunft beginnt. Eine Odyssee zwischen den Fronten von zweieinhalb Monaten: zu Fuß, mit dem Rad und auf dem Pferdewagen durch einen bitterkalten Winter bis ins Weserbergland, wo Schwester und Schwager auf die Flüchtenden warten. Mit dem Auto würden wir heute für diese Strecke voller Umwege von etwa 1000 km maximal 18 Stunden benötigen.

Der Herausgeber hat beide Tagebücher miteinander verflochten. Die Aufzeichnungen von Erika P. von ihrer Flucht 1945 aus der Heimat in den sicheren Westen dient quasi als Rahmenhandlung für regelmäßige Rückblenden in das Kriegserleben ihres Bruders und Panzeroffiziers im Jahr 1941, blickt also in jene Zeit, als die Dinge geschahen, die jetzt im ersten Halbjahr 1945 den Verlust der Heimat zur Folge haben.

Die Eltern von Heinz und Erika sind damals meine zukünftigen Großeltern. Tochter Waltraut, Erikas ältere Schwester, ist im Winter 1944/45 mit mir schwanger. Vater ist Forstmeister im erzwungenen Ruhestand. Er war politisch stets konservativ gewesen und in dieser Haltung ein konsequenter Gegner der Nazis. Von Anfang an hatte er sich geweigert, an „Führers Geburtstag", dem 20. April, vor seinem Forstamt die Hakenkreuzflagge zu hissen. Das ging so lange gut, bis er einen Kutscher einstellte, der Mitglied der NSDAP war. Dieser Mann denunzierte ihn. In der Folge wurde mein Großvater, wie man heute sagen würde, gemobbt, bis hin zur Einweisung in die Psychiatrie. Es gibt Hinweise, dass auch Teile der Familie sich aus Scham und Unverständnis von ihm abwandten.

Den beiden Töchtern des aufmüpfigen Vaters wurde nach den Regeln der Sippenhaft das Gymnasium verweigert. Erika und Waltraut gelang es, über ihre sportliche Begabung einen Platz in der Gesellschaft zu finden. Sie wurden Sportlehrerinnen, Waltraut schaffte es 1936 bis in die olympische Reservemannschaft. Die Söhne der Familie, Heinz und Ernst, wurden allerdings nicht daran gehindert, die Offizierslaufbahn wählen.

Am Ende des Krieges wird meine Großmutter schmerzliche Verluste erlitten haben. Der Preis des Krieges. Die Wunden dieses Krieges haben sich bei ihr im wahrsten Sinne des Wortes nie wieder ganz geschlossen. Ihre auf der Flucht vom eisigen Frost geschädigten Beine weigerten sich, zu verheilen und verlangten 30 Jahre lang bis zu ihrem Tod tägliche Pflege und Verbandswechsel.

Im Mittelpunkt der Tagebücher stehen häufig die Probleme des alltäglichen Lebens und Überlebens: Essen, Schlafen, das Vorwärtskommen. Die Gefahr für Leib und Leben ist permanent. Für Gefühle wie Wut, Trauer und Schmerz ist selten Platz. Der Krieg mag keine Tränen. Es muss vor allem irgendwie weiter gehen. Jeden Tag.

Die Leser sollten sich bewusst sein, dass im Zuge des „erfolgreichen" Vorrückens der deutschen Wehrmacht nach Polen, in die Ukraine, Weißrussland und die Sowjetunion unverzüglich mit der systematischen Vernichtung der Juden begonnen wurde, wie etwa in dem Städtchen Berditschef¹. Im Tagebuch von Heinz P., der am 8.Juli 1941 erstmals aus Berditschef zu berichtet, finden sich hierzu jedoch fast keine Aussagen. Dies mag damit zusammenhängen, das mit den umfassenden Erschießungen in Berditschef Sonderkommandos beauftragt waren und die Wehrmacht möglicherweise nicht direkt involviert war. Diese und andere Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes können in diesem Buch nur in dem Maße Platz finden, wie sie in den persönlichen Tagebuchdokumentationen der Geschwister auftauchen. Eine solche dokumentarisch bedingte Verengung der Sichtweise darf unter keinen Umständen missverstanden werden als Verdrängung oder Verharmlosung der nationalsozialistischen Verbrechen.

Von den Hindernissen

Im Jahre 2008 ist es ein weiter Weg von einem handschriftlichen Tagebuch aus der Zeit vor 1945 bis zu einem gut lesbaren Text. Die Tagebücher wurden in der „deutschen", der Sütterlinschrift, die kaum noch jemand entziffern kann, geschrieben.

Zudem gab es für diese Niederschriften keine bequeme Bürosituation oder den heimischen Schreibtisch. Man schrieb, wo man gerade war, im Panzer, auf dem Pferdewagen, in einem fremden Haus in einem fremden Land, unter einem Baum auf der Erde sitzend, im Lazarett, bei Kerzenschein. Jederzeit musste mit einem Alarm gerechnet werden, mit einem feindlichen Angriff. Die Handschriften gerieten also nicht immer optimal leserlich. Die Richtigkeit der Schreibweise vieler Ortsnamen kann nicht garantiert werden.

Besonderer Dank gilt meinem Bruder Dr. Thomas Eberbach, der viel dazu betrug, dass die Tagebücher von Heinz P. in die heute gebräuchliche „lateinische" Schrift transkribiert werden konnten. Das Tagebuch von Erika P. musste nicht übertragen werden. Sie selber hat es noch zu Lebzeiten in ihre alte Schreibmaschine getippt und der Familie zur Verfügung gestellt.

Es wurde darauf verzichtet, eine größere Anzahl, meist militärischer Abkürzungen in ihrer Bedeutung näher zu erforschen und zu dechiffrieren. Ich denke, das mindert nicht den Stellenwert dieser Dokumente.

Änderungen.

An einigen wenigen Stellen habe ich zum besseren Verständnis Wörter oder kurze Sätze eingefügt, dies aber durch kursiven Druck erkennbar gehalten. Gelegentlich habe ich zur Erleichterung des Lesens die Syntax umgestellt. Einige Namen wurden zum Schutz der Personen anonymisiert. Sonst blieben die Texte unverändert und ungekürzt.


¹ Unter www.proza.ru/2010/04/26/720 findet sich ein erschütternder Augenzeugenbericht.

Die Tagebücher

Die Flucht: Etappe 1

Sonntag, 21.Januar 1945

Schönlanke/Trzcianka,² halb 8 Uhr, kurzes Klingeln, 2 Mal. Statt Ernst, meinem zweiten Soldatenbruder, auf dessen Rückkehr von der Ostfront ich nun schon so lange warte, steht Frau Sachs, unsere Hauswirtin vor der Tür:

„Sie packen noch nicht, wissen Sie noch nichts? Um halb 2 Uhr in der Nacht ist Packbefehl gekommen."³

Ich setze Waltraut, meine große Schwester, die im Juli ihr erstes Kind erwartet, um halb 10 Uhr ohne Gepäck und ohne Frühstück mit Familie Fahrenholz in den Zug nach Berlin. Gespräche mit Dollo, ihrem Mann, meinem Schwager. Er kann uns nicht holen. Abends zu Gerth, dem Bahnhofsvorsteher, er will Montag früh Gepäck annehmen.

Mutti und ich packen die Nacht durch und sind erst um 13 Uhr auf der Bahn fertig. Abends zu Pforts, Vaters Kollegen, beides Forstmeister, um uns zu verabschieden.

Wir wollten mit der Bahn raus, entschließen uns aber, uns bei Pforts Treck mit Schlitten und Rad anzuschließen, da kaum Züge fahren und niemand Bescheid weiß. Wir packen die 2. Nacht durch, um halb 6 Uhr erscheint Waltraut wieder, um Sachen zu holen. Ich gehe vormittags zu Gebhardts und Egerländers. Frau Gebhardt will uns mit wenig Gepäck mitnehmen.

Waltraut und Vater gehen abends auf die Bahn, Mutti und ich bringen Koffer zu Gebhard. Es geht aber kein Zug, wir schlafen alle wieder zu Hause. Vater und Waltraut gehen um 6 Uhr wieder zur Bahn, sie fahren um halb 4 Uhr ab. Waltraut kann noch den roten und den grauen Sack, sowie die „Honigkiste" vom Güterbahnhof mitnehmen. Kurz danach verlässt Tilli Lehmann, eine Freundin der Familie, deren Mann gefallen ist, mit einem Lazarettzug die Stadt, leider sah ich sie vorher nicht noch mal.

Mittwoch Abschied von Philippis, Vaters Nachfolger im Forstamt Behle, die mir noch ein Wildschweinsblatt geben, das sofort in die Pfanne wandert. Post von meinem Bruder Ernst, dass er am 26.1.45 wieder an die Ost-Front muss.

26. Januar 1945

Morgens in die Stadt zu Egerländers, alles ist ruhig. Bei Heidchen Jahn bekomme ich 400 Gramm Butter geborgt, hole von Kersten das gutgeschriebene Fleisch und ein Brot von Frau Rieck, unserer Bäckermeisterin. Wir wollen richtig Mittag essen. Die Erbsen stehen im Glas auf dem Tisch, es klingelt. Heinz von Gebhardts, ein evakuierter Junge aus Bochum, bestellt, dass wir in einer halben Stunde mit allem Gepäck bei Gebhardts sein sollen.

Mutti versucht unter Tränen noch 2 Tischtücher als Bettlaken zusammenzunähen, ich ziehe mit Schlitten schon ab und komme bei Gebhardts in einen Familienrat, ob oder ob nicht gefahren werden soll. Als ich zurückgehe, Fliegeralarm.

In anderthalb Stunden soll es nun losgehen. Ich hole Mutti. Mit Sachs’ Handwagen ziehen wir zu Gebhardts, die schon auf uns warten. Unterwegs wird bereits geschossen. Tiefflieger greifen den Bahnhof an, der sofort brennt. 6 Panzer sind in der Stadt, 2 werden abgeschossen.

Die Pferde kommen wieder in den Stall, wir in den Keller. Die 2 Litauer kommen nicht mit, also übernimmt Ilse, Gebhardts Hausmädchen, das Gespann, als wir um 18 Uhr nach dem Angriff die Stadt verlassen. Hansl Egerländer ist bereits vorher mit Frau und seinen 4 Kindern losgefahren. Im Schritt geht’s durch die Stadt, am Forstamt Behle/Biala vorbei, wo scheinbar alles leer ist. Ich bin sehr traurig, weil ich zum letzten Mal das Haus sehe, wo ich groß geworden bin.

Die Straße ist sehr glatt, die Pferde rutschen, hinter uns liegt Schönlanke in rotem Feuerschein. Ich sitze über Ilse, es ist unheimlich kalt,

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