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Der Petersburger Seeteufel: Wilhelm Bauers russisches Tauchboot
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eBook367 Seiten3 Stunden

Der Petersburger Seeteufel: Wilhelm Bauers russisches Tauchboot

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Über dieses E-Book

Der Autor forschte jahrelang über den U-Booterfinder Wilhelm Bauer, wovon seine Schrift "Der Kieler Brandtaucher - Wilhelm Bauers erstes Tauchboot" zeugt.
Im vorliegenden Buch befasst sich der Autor mit der Entstehung und dem Schicksal des von W. Bauer in den Jahren 1855/56 in Sankt Petersburg (Russland) gebauten und in 134 Tauchfahrten erprobten Tauchbootes "Seeteufel".
Dazu wurden Handschriften Bauers transkribiert und Dokumente aus dem russischen Marinearchiv übersetzt. Aus verschiedenen Quellen wurden die technischen Angaben zum Tauchboot zusammen gefasst.
Darüber hinaus wird Bauers zähes Ringen um den Bau seines Bootes und die Anerkennung seines Werkes in Petersburg dargestellt.
SpracheDeutsch
HerausgeberBooks on Demand
Erscheinungsdatum1. Dez. 2014
ISBN9783738684872
Der Petersburger Seeteufel: Wilhelm Bauers russisches Tauchboot
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Autor

Klaus Herold

Jahrgang 1922, fuhr er im 2. WK auf U-Booten, zuletzt als Leitender Ingenieur. Danach arbeitete er bei Post und Industrie, bevor er 1960 in die Bundesmarine eintrat. Bereits seit 1941 beschäftigte sich der Marineoffizier und Ingenieur mit Person und Erfindungen Wilhelm Bauers. H. war Mitverfasser verschiedener Schriften über W. Bauer und publizierte selbst 1993 das Buch "Der Kieler Brandtaucher - Wilhelm Bauers erstes Tauchboot". 1999-2001 wirkte er an der Ausstellung des Kieler Brandtauchers im Kieler Schifffahrtsmuseum mit. Herold verstarb im September 2013. Sein archivalischer Nachlass befindet sich im Stadtarchiv Kiel.

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    Buchvorschau

    Der Petersburger Seeteufel - Klaus Herold

    604-607

    1 Wilhelm Bauer und die Unterwasserfahrt

    Von Harald Pinl

    Ausstieg aus dem sinkenden „Brand-Tauch-Apparat" Wilhelm Bauers am 1. Februar 1851 im Kieler Hafen

    Trotz des missglückten Tauchversuches mit seinem „Brandtaucher" im Februar 1851 im Kieler Hafen verfolgte Wilhelm Bauer weiterhin seinen Plan, einen Tauchapparat zu realisieren, der sich mit einer Besatzung unter Wasser fortbewegen und als Waffe eingesetzt werden könnte. Dazu baute er 1852 in München ein Funktionsmodell, das die Erfahrungen mit dem Brandtaucher berücksichtigte und das er auf seinen Aquisitionsreisen in Wasserbecken oder gar in freier See vorführte. In den Jahren 1851 bis 1855 konnte Bauer in München, Athen, Wien, London und Paris seine Vorstellungen von einer Unterwasserfahrt selbst regierenden Häuptern darlegen, wie dem bayerischen König Maximilian II., dem österreichischen Kaiser Franz-Josef I. sowie der britischen Queen Victoria mit ihrem Prinzgemahl Albert von Sachsen-Coburg-Gotha. In Paris stellte er 1853 sein Projekt einer Kommission der französischen Marine vor und demonstrierte es an seinem dritten Modell im Maßstab 1:12 mit ca. 1,12 m Länge, 0,28 m Breite und 0,31 m Höhe. Dieses Modell ist uns im Deutschen Museum in München erhalten geblieben (vgl. Abb. S. 32).¹⁰ Doch obwohl er in allen Fällen auf anfänglich großes Interesse stieß, ließ dieses nach einiger Zeit nach und es fand sich niemand bereit, sein Projekt zu realisieren. Meist gaben die zu erwartenden hohen Kosten den negativen Ausschlag. Auch persönliche Enttäuschungen Bauers und das Gefühl, ausgenutzt zu werden, ließen Bauer selbst Rückzieher machen, so in Paris und London. Dort hatte er seine Erfindung beim Britischen Patentamt angemeldet, als „Vessel to be used chiefly under water, and Apparatus for Propelling, Balancing and Steering the same, &c.¹¹ Doch aus Geldmangel blieb es beim befristeten Registrierungspatent und Bauer konnte kein Vollpatent mit dem „Great Seal erwerben. Außerdem beschlich ihn beim Patentierungsverfahren das Gefühl, dass seine Idee von anderen ohne ihn umgesetzt werden sollte. In Paris vermutete er, dass man sein Modell nächtens manipuliert und abgegriffen habe, um selbständig ohne ihn weiter arbeiten zu können.¹² Auf der Suche nach Geldgebern wandte sich Bauer von London aus im August 1853 in einem Brief an den Zaren in Sankt Petersburg. Er bot den Bau eines „hyponautischen Apparates an, der „mittelst einer Gaskraft statt des Dampfes, mit der Geschwindigkeit der Dampfschiffe in jeder beliebigen Richtung sowohl unter wie über dem Niveau des Wassers vollkommen selbstständig bewegt werden kann.¹³ Mit dem Apparat sollte es möglich sein, eine Sprengladung an einem feindlichen Schiff anzubringen. Diese „Petarden" waren konische Metallgefäße mit etwa 4 kg Pulverladung, die über eine Zündschnur aus der Ferne gezündet werden konnten.¹⁴ Mit der vorgeschlagenen Gasmaschine für den Antrieb war Bauer allerdings noch im Stadium des Experimentierens, bisher erfolglos.¹⁵

    Zar Nikolaus I. (1825-1855)

    Krimkrieg und Ostsee

    Der Zeitpunkt seines Angebotes an den Zaren erschien Bauer günstig, denn Russland hatte zum wiederholten Male geglaubt, gegen das schwächelnde Osmanische Reich zu Felde ziehen zu müssen, um sich unter dem Deckmantel des Schutzes orthodoxer Glaubensbrüder territorial auszuweiten. Aber damit war es 1853 in einen Konflikt mit England und Frankreich geraten, der zum Krieg führte. Bauer bot also von London aus dem Gegner Großbritanniens seine Erfindung für eine Kriegsoperation an, stieß aber trotzdem zunächst noch auf kein größeres Interesse und erhielt so auf diesen Brief auch keine Antwort. Sein Vorhaben wurde von russischer Seite nicht weiter verfolgt, weil es nach Meinung der russischen Marine zu wenig Substanz enthielt und ihm keine Angaben über Vorteile und Nutzen des Projektes zu entnehmen waren.¹⁶ Auch erschien ein derartiges Projekt nicht dringlich, denn obwohl Russland versucht hatte, die „Orientalische Frage im Juni 1853 mit der Besetzung der Donaufürstentümer Moldau und Walachei zu lösen, konnte im August 1853 noch keine Rede von Auswirkungen des „Krimkrieges bis in die Ostsee vor den wichtigsten russischen Kriegshafen Kronstadt und die Quais der Hauptstadt St. Petersburg sein.¹⁷ Als Bauer allerdings im April 1855 London verlassen hatte und über Hamburg nach Berlin gereist war, herrschte in Petersburg eine andere Situation. Im März 1854 waren erste britische Kriegsschiffe unter dem Kommando von Admiral Charles John Napier in die Ostsee eingelaufen und hatten begonnen, die russischen Häfen zu blockieren. Nachdem im August 1854 auch noch die russische Festung Bomarsund auf den Ålandinseln in alliierte Hände gefallen war und nachdem die verbündeten französischen und britischen Truppen im September 1854 auf der Halbinsel Krim gelandet waren und den Hauptstützpunkt Sewastopol der russischen Schwarzmeerflotte einschlossen hatten, fürchtete man auch in Petersburg eine den Süden entlastende alliierte Seeblockade in der Ostsee weit stärker als bisher. Viel war im Winter 1854/55 zur allgemeinen Verteidigung der russischen Küste geschehen. Durch den Druck der verbündeten Flotten, bzw. durch ihr bloßes Vorhandensein waren 170.000 Mann Truppen zur Sicherung von Petersburg und der russischen Küsten in Finnland und im Baltikum zurückgehalten worden, die man so dem Süden auf der Krim entzog. Neben zusätzlichen Beobachtungs- und Signalstellen waren telegraphische Verbindungen eingerichtet und die wichtigsten Seefestungen Kronstadt und Sveaborg (Helsingfors/Helsinki) verstärkt worden.

    Neben dem Schutz der Häfen durch Minensperren und andere Sperrvorrichtungen wurden vor allem kleinere, flachgehende Fahrzeuge wie Ruder- und Schrauben-Kanonenboote neu gebaut, da man auf russischer Seite direkte Angriffe auf die Seefestung Kronstadt und die Stadt Petersburg befürchtete. Doch die französischen und britischen Linienschiffe hatten dafür einen zu großen Tiefgang und flachgehende Kanonenboote standen ihnen nicht zur Verfügung.

    Seefestung Kronstadt vor St. Petersburg, um 1850

    Rechts der Kriegshafen, in der Mitte das Fort Kronslott

    Die russische Flotte war in der Ostsee durch die alliierte Blockade zwar lahmgelegt, suchte aber auch von sich aus gar nicht die Seeschlacht und verhielt sich defensiv.¹⁸ Um dieses Konzept der Verteidigung zu komplettieren, griff das russische Admiralitätskollegium ältere Projekte, wie den Bau von Tauchbooten, wieder auf.

    Bisherige russische Unterseeboot-Entwicklungen

    Welche Versuche, ein unterseeisches Fahrzeug für Kriegseinsätze zu konstruieren, hatte es vor und während Wilhelm Bauers Zeit in Russland gegeben?

    Als „Geburtsdatum" der regulären russländischen Seekriegsflotte gilt das Jahr 1696, in dem Zar Peter I. in Voronezh eine Flotte bauen ließ, um erfolgreich gegen die türkische Festung Azov zu ziehen und Azov wurde nach der Eroberung zum ersten russländischen Kriegshafen ausgebaut. Noch wichtiger wurde für Peter I. der Aufbau einer seegängigen Kriegsflotte in der Ostsee, nachdem er Russland im Nordischen Krieg gegen Schweden den dauerhaften Zugang zur Ostseeküste verschafft hatte.¹⁹ Peters des I. virulenter und auf Neuerungen gerichtete Geist ließ ihn auch an Versuche für ein Fahrzeug unter Wasser denken. 1718 hatte der Schiffbaumeister Efim P. Nikonov den Bau eines unter Wasser versteckten Schiffes vorgeschlagen. Der zigarrenförmige Rumpf sollte aus Eichenplanken sein, umhüllt mit ölgetränkten Tierhäuten. Das Fahrzeug sollte mit gewöhnlichen Riemen angetrieben werden, die durch abgedichtete Löcher in der Bordwand führten. Am 31. Januar 1719 stimmte Zar Peter I. dem Bau eines derartigen Unterwasserfahrzeuges zu. Ein Modell wurde im Juni 1720 fertiggestellt und in Anwesenheit des Zaren erfolgreich erprobt. Daraufhin wurde der Auftrag für eine Serie erteilt. Das erste, im August 1724 fertiggestellte Boot „Morel'" kam aber beim Stapellauf zu Schaden. Mit dem Tode Peters I. im Frühjahr 1725 wurde der weitere Bau jedoch eingestellt.²⁰

    Erst über 100 Jahre später wurde in Russland das nächste unterseeische Fahrzeug gebaut. Der russische Ingenieur und General Karl Schilder (Karl Andreevich Shil'der, 1786-1854) baute und erprobte ab 1834 ein 16 t-Tauchboot (6 m x 2 m x 1,5 m) mit einer elektrisch gezündeten Mine an einer Spiere, das erstmals ganz aus Eisen gefertigt war. Eine länglich geformte metallische Hülle aus 5 mm Eisenblech versteifte er quer mit Rundeisen. Der langgezogene Kiel und die Steven waren aus Eisen geschmiedet. Als Ballast wurde Blei mitgeführt. Angetrieben wurde das Tauchboot durch flossenartige Propellerflügel, je zwei an beiden Seiten, die von zwei Mann per Hand gedreht wurden. Im Vor- und Achterschiff befanden sich je ein Turm und die Frischluft wurde durch ein senkrechtes Rohr im Turm zugeführt. Ein optisches Rohr zur Beobachtung der Wasser-Oberfläche kann zu den ersten Sehrohren gezählt werden. 1841 wurden die Erprobungen auf der Newa eingestellt. Ein Modell steht im Zentralen Seekriegsmuseum in St. Petersburg (vgl. Abb. S. 21).²¹

    Zu Beginn des Krimkrieges hielt sich der Fortifikations-Ingenieur Ottomar Gern in Reval auf und zu seinen Aufgaben gehörte es, die Küste und den Hafen gegen eventuelle Angriffe der britisch-französischen Flotte in der Ostsee zu verteidigen. Konstantin Borisovich Gern, wie er im Russischen genannt wurde,²² verfiel auf die Idee eines unter Wasser fahrenden Branders: Ein halbgetauchtes Boot aus Holz, von dem nur eine Beobachtungskuppel und zwei Luftröhren aus dem Wasser ragten, sollte von vier Mann mit Muskelkraft angetrieben werden und so Sprengladungen an feindlichen Schiffen anbringen können. Das Boot wurde mit einer Archimedischen Schraube am Heck vorangetrieben und sollte mit einem einfachen Heckruderblatt gesteuert werden. Ein Tiefensteuer war nicht nötig, da das Boot keine Tauchbewegungen ausführen sollte. Doch das hölzerne Boot war nicht richtig dicht zu bekommen und bewegte sich nur ungenügend, wie das Amt für Kriegsingenieurwesen feststellte.²³

    Im Verlauf des Krimkrieges wurden von der russischen Marine mehrere Unterwasser-Projekte ins Auge gefasst, darunter die von N. Spiridonov, N. Polevoj und A. Titkov sowie die von Ottomar (Konstantin) B. Gern und Wilhelm Bauer. Die Marine gab den beiden Vorhaben von Gern und Bauer den Vorzug, weil sie bereits Tauchapparate gebaut hatten und weil Bauer seine internationalen Erfahrungen einbringen konnte.²⁴ Wilhelm Bauer trat mit seinem Projekt somit sowohl konstruktionsmäßig als auch zeitlich in direkte Konkurrenz zum einheimischen Tauchboot-Entwickler Ottomar Gern und es bleibt im Auge zu behalten, ob und welche Wechselwirkungen sich daraus ergaben.

    Tauchboot mit „Spieren-Torpedo" (Mine)

    nach Schilder, 1834

    Kronstädter Bucht mit der Seefestung Kronstadt vor der Hauptstadt St. Petersburg, etwa 1885


    ¹⁰ Wilhelm Bauers Tauchapparat, Drittes Modell 1852/53: Deutsches Museum München, Sammlungen Inventar Nr. 1937/744 63

    ¹¹ Improvement-Patent Nr. 1281/53 vom 25.05.1853, London, Brit. Patentamt

    ¹² Bauer: Erinnerungen, S. 52

    ¹³ Bauer, London, an Zar Nikolaus I., Petersburg, vom 15.08.1853: RGA VMF f. 162, op. 1, d. 423, l. 4

    ¹⁴ Vgl. Poten, Bernhard von: Handwörterbuch der gesamten Militärwissenschaften. Bd. 7. Bielefeld 1879, S. 375-376

    ¹⁵ Vgl. Wasser-Rotationsmaschine zum Hyponautischen Apparat. München, 12.11.1852: Deutsches Museum München, Z.-Nr. 2226

    ¹⁶ Vgl. Journal MGK Nr. 304, 16.05.1855: RGA VMF, f. 158, op. 2, d. 1707, l. 17-24

    ¹⁷ Zum Krimkrieg vgl. neben Treue „Der Krimkrieg" auch Baumgart, Winfried: The Crimean War, 1853-1856. London : Arnold, 1999

    ¹⁸ Zum Seekrieg in der Ostsee vgl. Kirchhoff, Hermann: Seemacht in der Ostsee. Bd. 2. Kiel : Cordes, 1908, S. 188-222

    ¹⁹ Vgl.: Pinl, Harald: Der Kriegsschiffbau Russlands zwischen 1725 und 1762. Norderstedt : BoD, 2003, S. 15-20

    ²⁰ Vgl. Pinl, Harald: Vom Holz-Fass zum Titan-Uboot : Annalen zur Schiffbautechnik des Ubootes. Norderstedt : BoD, 2005, S. 29

    ²¹ Ebenda, S. 33

    ²² Andersgläubige, die in Russland den orthodoxen Glauben annahmen, bekamen häufig einen neuen, religiös bezogenen Vornamen. Außerdem wurde der vom ersten Vornamen des Vaters abgeleitete „Vatersname" dazu gesetzt.

    ²³ Vgl. Bykhovskij, J.A.: Podvodnye lodki konstrukcii O.B. Gerna [Uboote der Kontruktion O.B. Gern]. In: Sudostroenie 7 (1983), S. 57-60

    ²⁴ Vgl. Gribovskij, V.Ju.: Podvodnye lodki Rossijskogo Flota [Die U-Boote der Russländischen Flotte]. In: Sudostroenie 12 (1989), S. 50-54

    2 Auf dem Weg nach Sankt Petersburg

    Von Klaus Herold

    ²⁵

    Am 24. April 1855 kam Bauer von London über Hamburg in Berlin an. In seinen „Erinnerungen" beschrieb er die abenteuerlichen Umstände dieser Reise:

    „Ich kam mit dem Dampfer wohlbehalten bis Hamburg. Dort war ein Gentleman an der Dampfschiffpier und trat sofort zu mir auf das Deck mit der Äußerung: ‘Ich habe die Ehre Herrn Ingenieur Bauer zu sprechen?’. Ich bejahte es und sofort bot er mir eine schöne Stellung in London an, wenn ich zurückkehre. Doch ich war über das in der letzten Zeit in England Erlebte zu sehr erbost. Obgleich ich noch nicht wußte, ob ich in Rußland bauen kann und werde und auch keine andere Aussicht hatte, mein Fortkommen zu sichern, so erklärte ich ihm doch: ‘Ich habe nichts mehr mit England zu tun.’ Er erstaunte allerdings und zog schweigend ab.

    Sofort begab ich mich in Hamburg nach dem Berliner Bahnhof und fuhr mit dem nächsten Zuge ab. In Berlin angekommen war bereits ein Telegramm vorausgeeilt, denn kaum hatte ich den Perron betreten, so war wieder ein Engländer da und forderte mich auf nach London zurückzukehren. Doch gab ich demselben gar keine weitere Beachtung, sondern fragte nach Herrn von Berg. Nachdem ich mich demselben vorgestellt und ihm meinen Brief gegeben hatte, beorderte er mich sofort zu Graf von Benkendorf und zum russischen Gesandten. Von dort wurde nach Petersburg telegraphiert und bald kam die Antwort, daß ich sofort nach Warschau gebracht werden soll. Dort werde eine Kommission sein, welche untersucht, ob ich Zeichnungen und Modelle besitze. So dürfte es somit in Petersburg bekannt gewesen sein, daß mir in London Zeichnungen und Modelle abgenommen werden sollten."²⁶

    Vorausgegangen war dem ein privater, nicht offizieller Empfehlungsbrief des preußischen Sekretärs M. Alberts mit dem Briefkopf der „Königlich-Preußischen Gesandtschaft", in dem er am 20. April 1855 in London an den Wirklichen Russischen Staatsrat Herrn von Berg in Berlin schrieb, der früher in London in russischen diplomatischen Diensten tätig gewesen war und zu den Mitarbeitern des russischen Militärattachés in Berlin, Graf von Benckendorff, zählte:

    „Ew. Hochwohlgeboren, erlaube ich mir den Überbringer dieses, H. Bauer, ganz ergebenst zu empfehlen. Derselbe hat eine Erfindung, welche hier die größte Aufmerksamkeit und die Protection Sr. Königl. Hoheit des Prinzen Albert erregt hat; nämlich einen Apparat unter Wasser zu fahren und sich nach Belieben zu bewegen. Die Englische Admiralität hatte früher die Erlaubnis eines solchen Apparates als eine unehrliche Waffe von der Hand gewiesen und wurde der Erfinder in der hiesigen Maschinenbau-Anstalt von Scott Russell beschäftigt, da der Besitzer dieser Anstalt, der die Wichtigkeit der Erfindung erkannt hatte, beabsichtigte einen solchen Apparat für seine Rechnung zu bauen. Er lies deshalb bereits von dem Bauer die nöthigen Zeichnungen anfertigen, doch nach Verlauf von einigen Monaten entließ er ihn, unter dem Vorwand, die hiesige Regierung wolle die Erlaubniß eines solchen Apparates, der ja auch zum Schmuggeln gebraucht werden könnte, nicht gestatten.

    Jetzt indes sind von der hiesigen Regierung 10,000 £ St. bewilligt und der Bau eines solchen Apparates (mit Veränderung der äußeren Form, doch nach denselben Grundsätzen) von Scott Russell, Sir Charles Fox und Mr. Brunel (der drei ersten Ingenieure Englands) in Angriff genommen worden und zwar nachdem man nochmals den Apparat des H. Bauer genau untersucht hat.

    Der H. Bauer, der über das gegen ihn beobachtete Verfahren auf’s äußerste indignirt ist, kommt jetzt mit seinem Apparat und den Zeichnungen nach Berlin und wird sich bei Ew. Hochwohlgeboren melden. Er kann die näheren Umstände, so wie die Details des hier zu erbauenden Apparates und seiner beabsichtigten Verwendung angeben, und glaube ich wohl, daß diese Angelegenheit für die K.K. Regierung von dem höchsten Interesse sein wird."²⁷

    Nach Bauers Ankunft in Berlin schrieb Graf Benckendorff²⁸ noch am selben Tag, den 12./24. April 1855, in französischer Sprache einen Brief an Baron Krusenstern²⁹, den Bauer nach seiner Ankunft in Warschau übergab:

    „Der vorliegende Brief wird von Eurer Exzellenz, dem Herrn Wilhelm Bauer, Hyponaut, ausgehändigt, der im direkten Weg aus England eingetroffen ist. Nach unserer Meinung enthüllen sich verschiedene interessante Anzeichen über die Schiffskonstruktionen und besonders Unterseeboote, die man dort momentan ausführt, in der Absicht, sie diesen Sommer gegen uns zu verwenden, sei es im Schwarzen Meer, sei es vor Kronstadt.

    Marschall Ivan Paskevich, 1834

    Fürst von Warschau und Statthalter Polens

    Da auch ich nicht im Stande bin, die Wichtigkeit seiner Enthüllungen zu beurteilen, habe ich veranlaßt, daß Herr Bauer sich nach Warschau begibt und sie dort seiner Hoheit Prinz Maréchal ³⁰ präsentiert, der sicherlich geruhen wird, sie zu würdigen. Für meinen Teil habe ich, was Herrn Bauer angeht, keine Versprechungen gemacht; ich habe auf eigenes Risiko nur die Summe von zehn Talern vorgestreckt, die er braucht, um seine Reisekosten von hier nach Warschau zu decken." ³¹

    Nach Bauers „Erinnerungen":

    „Als ich in Warschau ankam, war eine größere Anzahl von Offizieren bereits meiner harrend, sie besahen nur flüchtig meine Zeichnungen und der Chef des diplomatischen Corps und General Paskewitsch frugen nach dem Modell. Baron von Krusenstern beorderte sofort einen Gendarmerie-Officier, welcher sich mit mir nach Petersburg verfüge. Wir setzten uns daher am nächsten Morgen auf einen Wagen (Dreigespann) und während fünf Tage und fünf Nächte ging es in einem Galopp nach Petersburg." ³²

    Die Ankunft Wilhelm Bauers in Warschau war sofort telegraphisch nach Sankt Petersburg gemeldet worden, wie überhaupt die gesamte Angelegenheit mit großer Eile und Dringlichkeit auf hoher politischer Ebene behandelt wurde. Denn am 20. April 1855 (A.S.)³³ sandte der Kriegsminister Fürst Vasilij Andreevich Dolgorukij ein geheimes Schreiben an „Seine Kaiserliche Hoheit Generaladmiral Großfürst Konstantin" ³⁴ mit folgendem Wortlaut:

    „Generalfeldmarschall Fürst von Warschau teilte mir am 18. April dieses Jahres telegraphisch mit, daß in Warschau mit einem Schreiben vom Generaladjutanten Grafen Benckendorff ein gewisser Bauer eingetroffen ist, der uns ein von ihm entwickeltes Unterwassergerät anbietet, das zur Zeit in England zum Einsatz gegen uns hergestellt wird, daß Bauer seine Erfindung der englischen Regierung eröffnete und diese davon Besitz ergriff, ohne den Erfinder zu belohnen. Deshalb entschloß er sich aus Rache, die Erfindung uns zu eröffnen. Aus diesem Grund bittet Seine Erlaucht um Hoheitliche Erlaubnis, Bauer nach Sankt Petersburg zu befördern. Infolgedessen bat ich Seine Erlaucht gemäß Hoheitlichem Befehl um Vergewisserung, worin eigentlich die Erfindung Bauers bestünde und ob diese Aufmerksamkeit verdiene. In diesem Fall sowie wenn die Person Bauers selbst keinen Verdacht hervorruft, soll er mit einem zuverlässigen Offizier nach Sankt Petersburg befördert werden. Gleichzeitig soll dessen geheime Überwachung angeordnet werden.

    Daraufhin bekam ich am gleichen Tag vom Generalfeldmarschall telegraphisch folgende Antwort: ‚Das von Bauer erfundene Unterseeboot habe ich bereits 1853 geprüft. Der verstorbene General Schilder entwickelte ein ähnliches Boot, das jedoch wegen geringer Drehfähigkeit keinen Erfolg hatte. Bauers Erfindung ist frei von diesem Nachteil, wie es aus der Theorie ersichtlich ist, und verdient es, erprobt zu werden. Bauer selbst scheint ein ungefährlicher Mensch zu sein. Deshalb beabsichtige ich, ihn morgen nach Petersburg in Begleitung eines Offiziers zu schicken, dem eine ausführliche Beschreibung des Geräts mitgegeben wird‘." ³⁵

    Der Fürst von Warschau, Feldmarschall Paskevich, schrieb dazu am 29. April 1855 aus Warschau als Geheimsache an den Kriegsminister Fürst Dolgorukij einen längeren Brief in dem er nochmals und etwas ausführlicher über die gesamte Angelegenheit berichtete und eine Beschreibung des Bauerschen Unterseebootes nach seinen Kenntnissen hinzufügte:

    „daß gemäß meinem Befehl von einem erfahrenen Techniker eine eingehende Erörterung des obengenannten Gerätes durchgeführt wurde, auf der Grundlage der von Bauer vorgeschlagenen Pläne, nämlich:

    Dieses Gerät ist für die Seefahrt unter Wasser bestimmt, in welches es mittels Pumpen untertaucht, die das Wasser in die Mitte des Gerätes in gesonderte Zylinder hineinziehen, so daß die atmosphärische Luft getrennt davon für die Leute bleibt, die sich im Gerät befinden. Das Gerät ist aus Eisenplatten von ½ Zoll Dicke gefertigt; es wird durch die Kraft der Leute und mittels einer Schraube in Bewegung gesetzt.

    Das Gerät hat eine Länge von 40 Fuß, 11 Fuß Breite und 12 Fuß Höhe³⁶; es ist von ovalem Aussehen; es kann in sein Inneres atmosphärische Luft für die Atmung von 5 Leuten aufnehmen, für die Dauer von 8 Stunden. Die Luft läßt sich im Verlaufe von 15 Minuten erneuern, wofür es nicht notwendig ist, daß das Gerät bis an die Oberfläche des Wassers auftaucht.

    Falls das Gerät zum Schutz von Küsten eingesetzt werden soll, dann reichen 6 Menschen aus, um das unterseeische Schiff in Fahrt zu halten, so daß es pro Stunde 1 2/3 Meilen vorwärts kommen kann.

    Das Gerät kann bis zu 24 Tsd. Pfund tragen, und wie oben erklärt, kann es mehr oder weniger tief ins Wasser auf 150 Fuß tauchen und mittels der Pumpen eine beliebige Richtung einnehmen und nach rechts und links drehen. Das Gerät verfügt sogar über verschiedene Schutzvorrichtungen vor einer Beschädigung beim Zusammenstoß mit Steinen unter Wasser.

    Bauer erklärt, daß er, sowie das Gerät in Fahrt ist, Kriegsschiffe verfolgen kann, die er auch mittels eines Apparates, den er an den Schiffskiel

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