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Ganz nach oben: Vom Wagenwäscher zum Multimillionär - die fantastische Erfolgsgeschichte des Ronald Donner

Ganz nach oben: Vom Wagenwäscher zum Multimillionär - die fantastische Erfolgsgeschichte des Ronald Donner

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Ganz nach oben: Vom Wagenwäscher zum Multimillionär - die fantastische Erfolgsgeschichte des Ronald Donner

Länge:
676 Seiten
8 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Nov 19, 2014
ISBN:
9783735713537
Format:
Buch

Beschreibung

Als der Held dieses Romans geboren wird, fallen Bomben auf Deutschland: Der 2. Weltkrieg tobt und Hamburg liegt in Schutt und Asche. Nach Kriegsende aber erlebt der Junge mit großen Augen den faszinierenden Wiederaufbau des deutschen Wirtschaftswunders mit. Schon während der Schulzeit will er dabei sein: Der 17-Jährige startet eine aufregende Karriere vom Wagenwäscher und unfreiwilligen Chauffeur eines Konsuls bis zum Mehrheitsaktionär und Vorstandsvorsitzenden einer scheinbar verschollenen geheimnisvollen Aktiengesellschaft.
Stets auf der Jagd nach Ruhm und Einfluss, Geld und Luxus, Liebe, Erotik und Lifestyle, jettet er zwischen New York und Toronto, Kairo und Bern, Monte Carlo und Caracas, Ostberlin und Zwickau umher. Elegante Segelyachten und wertvolle Oldtimer begeistern ihn ebenso sehr wie begehrenswerte Frauen. Schließlich Multimillionär, will sich das ganz große Lebensglück dennoch nicht einstellen. Zwei Ehen scheitern. Eine Familie zerbricht durch Intrigen, Drogen und Tod. Wirtschaftliche Turbulenzen und geschäftliche Fehler im eigenen Unternehmen fordern seine ganze Kraft. Doch zu guter Letzt gibt es ein - wenn auch unerwartetes - Happy End!
Herausgeber:
Freigegeben:
Nov 19, 2014
ISBN:
9783735713537
Format:
Buch

Über den Autor

Sternzeichen Schütze, Körper schlank, Größe 184 cm, Gewicht um 75 kg, Typ umtriebig, interessiert an allem, beweglich und sportlich, freundlich und kameradschaftlich.


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Buchvorschau

Ganz nach oben - Helge Janßen

Der Autor

Helge Janßen, Hanseat aus Lübeck, schrieb seit früher Jugend nautische Fachartikel und mehrere Bücher und Filmdrehbücher zum Thema Seesegeln. Seit 2006 hat er unter anderem den Roman für sich entdeckt.

Nach seinen ersten drei Tatsachenromanen „Grundberührung, Totenschiff und „…wie eine Stein vom Himmel wendete er sich Janßen mit seinen Erlebnisssen auf zahlreichen Reisen („Wenn einer eine Reise tut, geht manchmal was daneben) und sein Leben als Autonarr („…und wenn sie nicht verrostet sind, dann fahren sie noch heute") an seine Leserschaft.

In dem hier vorgelegten Roman geht es um die Nachkriegsgeschichte Deutschlands. Letztlich wurde sein Buch aber auch zu einem prallen Weltroman, der nahezu jedes Sachgebiet aus Politik, Wirtschaft, Technik und menschlichen Schicksalen beleuchtet.

Inhaltsverzeichnis

PROLOG: Frankfurter Buchmesse. Sonnabend, 12. Oktober 2002, 11 Uhr.

Hamburg, Hallerstraße. Montag, 26. Juli 1943, 23 Uhr 50. Mama. Gislinde.

Hamburg, 17. Juni 1953. 23 Uhr. Im Keller in der Rothenbaumchaussee.

23. September 1960. Hamburg. Bei der Shell-Großtankstelle an der Dammtorstraße. Margot.

Hamburg, 5. November 1960. 17 Uhr 45. Hinter der Bühne der Aula des Gymnasiums. Sylvia.

27. August 1961, 14 Uhr 10. Hamburg - Rathausmarkt. Die Excellenzen aus Botswana.

Montag, 4. September 1961, 23 Uhr. Auf dem Nordatlantik. Kapitän Jaroslav Kosnietzky.

Donnerstag, 28. September 1961. Bridgewater, Nova Scotia/Canada. Nancy.

Montag, 19. März 1962, 17 Uhr. Hamburg. Im Büro von CARIMEX. Nasrad Hassam. Renate.

Mittwoch, 21. März 1962, 15 Uhr 10. Rom, auf dem Corso Vittorio Emmanuele. Die Frau im weißen BH.

Sonnabend, 1. August 1964. 19 Uhr. Hamburg. Im Grillroom des Hotel Atlantic.

Sonntag, 16. August 1964, 10 Uhr 15. Kairo. Sheraton Hotel Gesira. Im Conferenceroom „Gizeh." Der Hagere. Und Shamir.

Donnerstag, 20. August 1964. 11 Uhr 05. Kairo. Im Frühstücksraum des Sheraton Gesira. Irina.

Donnerstag, 20. August 1964. 22 Uhr. Kairo. Im Luxushotel „Menor House Oberoi" bei den Pyramiden. Gamal Abd el Nasser.

Montag, 24. August 1964. 21 Uhr 30. Kairo. Motorschiff „Nile Pharao." Dinner-cruising auf dem Nil.

Freitag, 25. August bis Freitag, 11. September 1964. Im Alexandria Community Church Hospital.

Montag, 21. September 1964. 11 Uhr 45. Hamburg, Ballindamm.

Dienstag, 22. September 1964. 14 Uhr 05. Hamburg Im Alsterpavillion. Renate.

Mittwoch, 23. September 1964, mittags. Hamburg. Im Vernehmungszimmer der Kripo am Berliner Tor. Dr. Mannteuffel.

Montag, 21. September 1964, 16 Uhr. Hamburg, Jungfernstieg. Im Büro der Inhaber der „Hanseatischen Privatbank Gebr. Goldstein & Konsorten." Aaron und Shimon Goldstein.

Hamburg. Sonntag, 13. Dezember 1964. Im Museum für Völkerkunde. Irina. Ich mit mir allein.

Freitag, 1. Januar 1965, 11 Uhr. Hamburg. In den Alsterparks. Ich mit mir allein.

Donnerstag, 1. April 1965 bis Freitag, 27. September 1968. Lehrjahre. Manfred. Jens. Marianne.

Sonntag (Muttertag), 12. Mai 1968, 15 Uhr. Travemünde. Vorderreihe, im Cafe Steinhusen. Karl-Heinz Bernhagen.

Montag, 30. September 1968, 11 Uhr. Hamburg. Im Büro der VW-Geschäftsleitung. Elke Emsig.

Pfingsten 1969. Palma de Mallorca, Club Nautico, 11 Uhr. Steg F, Box 944.

Freitag, 2. Januar 1970. Hamburg. Im Porsche Zentrum. Der neue Geschäftsführer.

Pfingstmontag 1970. An Bord MS „Dora Bernhagen." Beim Feuerschiff Elbe 1. In der Lotsenkammer. Ungefähr Null Uhr. Eva-Maria.

Donnerstag, 2. Juli 1970, 9 Uhr. Lübeck, An der Untertrave. Im Chefbüro der Bernhagen Schifffahrtsgesellschaft. Christiane.

Mittwoch, 15. Juli 1970. Lübeck. An der Untertrave. In meinem Büro auf der Chefetage der Reederei.

Sonnabend, 5. bis Dienstag, 8. September 1970. Mallorca, Las Molinas. Auf der Bernhagenschen Finca.

Dienstag, 8. September 1970, 17 Uhr. Lübeck. In der Bernhagenschen Villa an der Wakenitz.

Dienstag, 8. September 1970, 23 Uhr 30. Im Landeskrankenhaus Neustadt/Holstein, Psychiatrische Klinik, bei Prof. Dr. Hartung.

Donnerstag, 10. September 1970, 8 Uhr 08. Lübeck, An der Untertrave. Im großen Besprechungsraum der Reederei.

Donnerstag, 10. September bis Montag, 2. November 1970. Lübeck - Neustadt/Holstein - Hamburg - Wolfsburg - Frankfurt/M. - Bremen - New York - Helsinki - Travemünde.

Dienstag, 3. November 1970. Neustadt/Holstein. Im Park des Landeskrankenhauses.

Dienstag, 10. November 1970. Hamburg, Vorsetzen. Bei der Seeberufsgenossenschaft und beim Amtsgericht, Abteilung Schiffsregister.

Mittwoch, 7. April 1971. An Bord der „Atalanta." Auf der Lübecker Bucht beim Leuchtturm Dahmeshöved.

Sommer 1971. Baden Baden - Mallorca - Helgoland. Melanie. Marlene. Die arrogante Kaufhauserbin. Sturm in der Elbemündung.

Spätsommer 1972 bis 1975. Fachhochschule Lübeck, Fachrichtung Volkswirtschaft.

Montag, 2. Oktober 1972. 18 Uhr 30. Neustadt. Im Büro bei Professor Hartung.

Spätsommer 1978. Glücksjagd. Renate. Dr. Mannteuffel. Direktor Hyrlimann.

Ende Oktober 1978 bis Dezember 1989. Bankencrash in Bern. Umzug nach Monte Carlo. Umbau des Imperiums. Silke Sandmann. Isabel dels Cortez. Elena. Charlene.

Januar 1991 bis März 2002. Aufbau Ost. Hilferuf aus dem Dschungel. Endlich die Richtige. Reisen um die Welt. Und dann das...

Sonnabend, 12. Oktober 2002, 17 Uhr. Auf der Terrasse des Yachtclubs. Monte Carlo.

EPILOG: Travemünde, an einem 16. Dezember, 08 Uhr 22.

PROLOG

Frankfurter Buchmesse. Sonnabend, 12. Oktober 2002, 11 Uhr.

Ich saß auf heißen Kohlen.

Silke war angesichts der sich abzeichnenden Verzögerung soeben mit der 11 Uhr-Air France nach Nizza voraus geflogen. Denn ab 15 Uhr musste sie an meiner statt auf der Terrasse des Yacht Clubs von Monte Carlo meine hochkarätigen Gäste, Kollegen, Mitarbeiter und Freunde empfangen, mit denen ich meinen Abschied aus den Chefetagen meiner Unternehmen feiern und die mich in mein neues Leben begleiten wollten. Aber ich konnte mich hier nicht einfach aus dem Staub machen. Alle wollten mich haben. Mein Verleger. Die Kritiker. Die Presse. Und das Publikum.

Woher kam überhaupt das viele Publikum? Wie konnte ein Nobody wie ich als Autor mit seinem Erstlingswerk eine derartige Resonanz erwarten, wie sie mich, nein, wie sie uns hier auf dem Stand der Frankfurter Buchmesse geradezu überflutete? Menschen drängten sich an den Tischen und Regalen. Fast alle hielten eines der von den Verlagsmitarbeitern ausgelegten Exemplare meines Romans in den Händen, blätterten, lasen, machten sich gegenseitig auf Textstellen aufmerksam. Was war geschehen?

Vier Jahre lang hatte ich, immer, wenn ich die Zeit dazu fand, mein Notebook aufgeklappt, um an der Geschichte meines verrückten, interessanten, manchmal gefährlichen aber endlich auch glücklichen Lebens zu schreiben. Hatte mein Manuskript mindestens zehn Verlagen geschickt. War nach wochenlangem Warten fast mutlos geworden. Und nun heute...

Stimmengewirr und Rufen: Da kam der Seniorverleger mit einem Stapel Tageszeitungen unterm Arm. In seinem Schlepptau sah ich zwei, aus dem Fernsehen wohlbekannte, deutsche Literaturkritiker. Und jetzt ahnte ich, was hier eigentlich los war. Aber - galt das wirklich alles mir?

Nun ist es die Aufgabe der Fachpresse, schon im Vorfeld der Messe, vor allem aber vom ersten Messetag an, mit dem Versuch zu beginnen, aus der Flut zigtausender von Neuerscheinungen die Erfolg versprechenden Bücher zu finden. Dabei geschieht es nicht selten, dass einzelne ausgewählte Werke vorab rezensiert und diese Kritiken an prominenter Stelle abgedruckt werden. Andererseits beobachten die Kritiker auch das Publikumsinteresse an den Ständen der Verlage, um Literatur aufzuspüren, die beim Leser offensichtlich ankommt. Und weil „Ganz nach oben" von der ersten Messestunde an unübersehbar vom Publikum gelesen wurde, erbaten am Donnerstag die Boten zweier namhafter Feuilletonredaktionen je ein Rezensionsexemplar. Am Freitagabend klingelte mein Telefon. Mein Verleger war dran.

„Na - etwa die FAZ noch nicht gelesen?"

„Nein. Warum?"

„Mensch - Ihre ersten hundert Bücher sind verkauft. Jetzt wollen die Leute Sie sehen! Seien Sie bitte morgen spätestens gegen zehn auf unserem Stand auf der Frankfurter Buchmesse, Herr Donner!"

Ich war vollkommen perplex!

Natürlich waren die Schlagzeilen und die Rezensionen am Freitagmorgen gelesen worden. Das Frankfurter Messepublikum besteht zu wenigstens 30 Prozent aus wirklichen Bücherfreunden und -kennern, die sich wohl vorbereitet auf ihr jeweiliges Leseziel stürzen. Eben die drängten nun auf den Verlagsstand zu. Ich wich erschrocken hinter die schwache Barriere der Präsentationstische zurück, die sich das Publikum anschickte, über den Haufen zu schieben. Mein Verleger kämpfte sich strahlenden Gesichtes, eine scheinbar aus dem Nichts aufgetauchte Meute von Presseleuten im Kielwasser, durch die Menge. Blitzlichter zuckten. Rufe erschallten.

„Ist der Autor hier? „Wer ist Ronald Donner? „Ja, los - wir wollen Donner sehen!"

Da stieg mein Verleger auf einen Klappstuhl und bat um Ruhe. Er bekam von der Presse genau 30 Sekunden, in denen er mich zu sich heranwinkte und meinen Namen nannte. Ich schloss meine Augen, erwehrte mich des Blitzlichtgewitters, so gut es gehen wollte. Und erhielt eine Lektion in „Standing" vor der Presse.

„Hey, wollen Sie als Blinder ins Feuilleton?"

„Na also - dann machen Sie bitte die Augen auf....".

Gelächter. Beifall. Pfiffe.

Die nächsten 60 Sekunden bekam der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Buchmesse, der einige Worte über deutsche Literatur und über die alljährliche Springflut der Manuskripte sagte. Es sei schon etwas ganz besonderes, wenn ein Neuling wie ich wenigstens die Hürde des Lektorats eines bedeutenden Verlages überwand. Denn Lektoren gehörten zu den meistgeplagten Menschen der Nation, die sich Tag für Tag, Monat für Monat und Jahr für Jahr mit nie erlahmender Aufmerksamkeit hunderter unverlangt eingesandter Manuskripte zu widmen hätten, um das Eine zu finden. Das Eine nämlich, um dessen Willen ihr Verleger sie weiter beschäftigen würde, weil es sich mit Gewinn verkaufen ließ. Eben so ein Werk sei - wie es scheine - mein erster Roman:

„Manche von uns kennen Sie, Ronald Donner, als erfolgreichen Wirtschaftsboss. Aber niemand von uns kannte Sie als Autor. Jetzt meinen wir, eine seltene Münze entdeckt zu haben. Hoffen wir, dass unser Lesepublikum sie aufhebt. Und sie vergoldet...."

Höflicher Applaus. Endlich dann ein bisschen Ruhe. Das Gedränge klang ab, Leute wandten sich zum Gehen. Meine kleine Sensation war gelaufen. Aber ich kam dennoch nicht weg aus Frankfurt. Nicht, bevor ich sämtliche der noch auf dem Stand vorrätigen Exemplare signiert hatte. Nicht, bevor ich Kritikern und Presse Rede und Antwort gestanden hatte. Nicht bevor mit Verleger, Geschäfts- und Messeleitung mit einem Glas Sekt angestoßen worden war.

Dann erst ließen sie mich endlich gehen...

Da war es 13 Uhr und ich hatte noch genau zwei Stunden Zeit für den Weg von der Buchmesse bis zum Yacht Club nach Monte Carlo. Zeit genug für meinen zweistrahligen Jet, der für die reine Flugstrecke eine gute Stunde benötigen würde. Aber nicht genug Zeit für die Fahrten zum Rhein-Main-Airport in Frankfurt und von Nizza nach Monte Carlo. Die erste halbe Stunde ging für die Taxifahrt in Frankfurt drauf. Dann hielt uns der Tower fest. Trotz allen Sprechfunk-Charmes meines irischen Piloten Mike O’Connor (..."Hi Frankfurt Control: I wish you a wonderful good afternoon! This is french business aircraft romeo-oscar-delta-oscar, my name is Mike and I kindly request your urgent starting clearance for Nice, pleeeaaase) erntete er ein ebenso gesülztes „hi Mike, Delta Oscar, everbody is urgent this afternoon. You are number six after one Lufthansa, one Alitalia, two Air France and two Hapag Lloyd flights. So, please proceed slowly to runway twoseven east, over!

Da grummelte Mike ins Mikrofon:

„In this case forget my wonderful good afternoon!" und reihte sich in die Schlange der wartenden Flugzeuge ein.

Endlich oben, fehlte uns die erste Stunde. Würden alle meine Gäste weitere eineinhalb Stunden warten, bis ich endlich den Club erreichte? Nein - das würden sie nicht. Viele konnten es nicht, denn sie waren Leute mit wenig Zeit, so wie ich ein Mann mit wenig Zeit gewesen war. Andere würden brüskiert sein wie zum Beispiel die Clubmanager, die mich als Repräsentanten der deutschen Mitglieder im Yachtclub zum Vorstandsbeisitzer ernennen wollten. Selbst aller Liebreiz und die allseits hoch geschätzte Gastfreundschaft meiner bezaubernden Gattin würde sie nicht zurückhalten. Nein - ich musste einfach pünktlich hin!

Ich saß wie immer wenn ich den Jet allein benutzte, neben Mike auf dem Sitz des Copiloten. Er spürte meine Ungeduld.

„Sir, ik konnte mir eine clearance for direkte cours nach Nizza houlen. Aber das bringt us nur ein paar minits, Sir. Maximum, Sir. Nun flog er schon über zehn Jahre für mich und mit mir und konnte dieses blöde „Sir einfach nicht lassen. Wir überquerten die Berner Alpen dicht östlich des St. Gotthard und bekamen ein bisschen Rückenwind. Mike koppelte mit, befragte seinen Navigationsrechner und meinte: Schon fumf minutes in der Tasche – aber zu uenig. Doch als wir an Turin vorbei und eine viertel Stunde nördlich von Nizza waren und feststand, dass wir es nicht rechtzeitig schaffen würden, kam mir plötzlich die Idee. Ich drehte ich mich zu ihm hinüber und grinste mein breitestes Grinsen.

„Mike, dann muss ich eben springen!"

Kaum ein Pilot würde es für möglich halten, einen Fallschirmspringer aus einem Geschäftsreisejet abzusetzen. Diese Maschinen sind zu schnell und die einzige Passagiertür an Backbord vorn liegt direkt vor der gepfeilten Tragfläche. Käme ein Springer überhaupt heil hinaus, dann würde er sich spätestens an ihr das Kreuz brechen. Deshalb meinte auch Mike erschrocken:

Das gäiht nikt, Sir. Unmöglik!

Aber Mike und ich sind aus dem gleichen Holz geschnitzt. Ich habe volles Vertrauen zu seinen fliegerischen Fähigkeiten. Und er kennt meine Möglichkeiten mit der „Matratze", dem steuerbaren Fallschirm. Deshalb grinste ich noch einmal, schlug ihm auf die Schulter und sagte:

„Doch - wenn Sie einen Turn fliegen und ich mich aus der offenen Tür senkrecht nach unten fallen lasse....".

„Ouuh! Aber das muss ich erst uben, Sir!"

„Na los, dann üben wir mal!"

Der Turn ist eine Kunstflugfigur bei der das Flugzeug nahezu senkrecht in den Himmel steigt und dabei mehr und mehr an Geschwindigkeit verliert. Mit einer geringen Restfahrt gibt der Pilot hartes Seitenruder, so dass die Maschine über die Tragflächenspitze abkippt. Dabei steht sie für einen Augenblick nahezu still am Himmel bevor sie die Nase wieder zur Erde richtet.

Mike wartete bis der Jet die ligurischen Alpen überquert und freien Raum über der See hatte. Mutig begann er dann sein Testmanöver. Während er sich auf den künstlichen Horizont konzentrierte, las ich ihm laufend die Anzeigen des Fahrtmessers vor. „100 Knoten... 80... 60... 40... 30... 25...!"

Im Cockpit blökten sämtliche Alarme für „gefährlich niedrige Geschwindigkeit, „überzogener Flugzustand, „Strömungsabriss und dazu quakte die elektronische Stimme „Stall! Stall!, „Nose down!... Nose down!." Aber das Manöver klappte hervorragend. Der Jet kippte elegant über die Backbordfläche und ging in einen flachen Sturzflug über, den Mike sacht abfing. Jetzt grinste auch er:

„Well - das hatte ik nikt gedakt, Sir!"

Ich machte mich klar. Während ich meine schwarzen Straßenslipper für die Landung auf der Clubhausterrasse gegen bequeme Sportschuhe austauschte und den Fallschirm anlegte, holte Mike sich das Okay von Nice Control und änderte unseren Kurs. Er flog jetzt nach Südosten in Richtung Menton, um aus dem Anflugverkehr von Nizza heraus zu kommen und die großen Jets nicht zu behelligen. Dort würde er nach Westen drehen, mich über Monte Carlo absetzen und sich zuletzt zur Landung anmelden, ohne weiteres Aufsehen zu erregen. Sieben Minuten vor dem Beginn meiner Party im Yacht Club kam die Stadtbucht von Monte Carlo voraus im weichen Licht des Nachmittags in Sicht. Mike schaltete den Druckausgleich auf Außendruck um und wir warteten, bis das Knacken in unseren Ohren vorbei war. Dann hielten wir gegenseitig unsere Daumen hoch, bevor ich nach hinten ging.

„Mike, so langsam wie möglich. Okay?"

Er nickte.

„Sso lankssam uie es gäiht - Sir."

Mike nahm behutsam die Drehzahl der beiden Pratt & Whitney Turbinen zurück. Ich klemmte mich zwischen einem Sitz und der Kabinenwand fest, öffnete vorsichtig die Passagiertür und schwenkte sie nach innen an die Kabinenwand in ihre Verriegelung. Brüllender Wind in der Öffnung war die Antwort. Mike zog die Maschine behutsam hoch, bis der Wind nur noch säuselte. Mir stand nun doch der Schweiß auf der Stirn. Dann gab er endlich abrupt Backbord Seitenruder, kippte die Maschine in einer jähen Drehbewegung über die linke Fläche und schrie von vorne durch die offene Cockpittür „nooowww - juuummmp."

Aber da war ich schon längst draußen.

Die Clubterrasse war blumengeschmückt und voller eleganter festlich gekleideter und fröhlicher Menschen. Darunter waren meine Freunde Jens, Manfred und Klaus aus meiner Porschezeit in Hamburg, Reinhard und Manuela aus Heringsdorf auf Usedom, meine Segelkameraden aus dem Hamburger Yachtclub Hauke Falke und Gattin, Catherine und Fritz mit der Vorstandscrew der DONNER HOLDING aus Monte Carlo und alle Regionalleiter sowie die Chairmen meiner Gesellschaften, unter anderen Stephen Thorneycroft von DONNER OF NORTH AMERICA, Madame Girardet von DONNER AVIONIQUE FRANCE und meine Tochter von DONNER WOODMACHINES TORONTO mit ihrem Mann Bob.

Mehrere Vorstände befreundeter Gesellschaften warteten ebenso auf mich wie einige europäische Aufsichtsräte und zwei namhafte Wirtschaftspolitiker.

Der Vorstand des Yacht Clubs war vollzählig vertreten.

Aus den Niederlanden hatte der Inhaber der berühmten holländischen Yachtwerft Royal Huisman seine Frau Bientje und seinen ersten Vertriebsmann Robin van de Kerk mitgebracht; beide würden später mit uns die an der Pier liegende und über den Topp geflaggte neue 22 Meter - Segelyacht taufen und uns übergeben. Erkennen konnte ich jetzt auch meine junge Ehefrau.

In ihrem schwarzen und sehr kurzen Cocktailkleid, das ihren vollendeten Beinen auf den hohen Sandaletten zur Geltung verhalf, löste sie sich gerade aus der Schar der Gäste, um dem Geländer der Terrasse entgegen zu schreiten - mir entgegen.

Das tief fliegende kleine Düsenflugzeug mit der offenen Kabinentür war rasch entdeckt worden.

„Hey - was will der denn hier? Wird das etwa `ne Notlandung? „Passt auf - der schmiert ab, ist viel zu langsam!! Und - da, die Tür ist ja offen!!!

„Oh - mein Gott, bitte nicht so was. Und nicht hier über all’ den Yachten....".

Nun rief jemand:

„Leute, die Maschine kenn` ich doch! Ich kann das Kennzeichen unter der Fläche lesen: F Strich R-O-D-O...??"

„Das heißt ja... das heißt ja...."

In diesem Moment wurde das Flugzeug steil hoch gezogen, schien für einen kurzen Augenblick am Himmel über der Bucht von Monaco still zu stehen. Da löste sich unter dem leisen Aufschrei der Gäste ein dunkel gekleideter Mensch mit weißen Schuhen aus der Kabinentür. Stürzte mit ein paar Purzelbäumen hafenwärts dem leise plätschernden Mittelmeer entgegen. Löste mit einem dumpfen „bulb" seinen knallgelb und schwarz gestreiften rechteckigen Fallschirm aus. Und steuerte elegant kurvend auf die Menge zu, während der Jet mit einem steilen Schwenk und aufheulenden Turbinen tief über dem Wasser nach Südwesten davon schoss.

„Donnerwetter - der Donner" schrien die ersten.

„Guckt euch den verrückten Hund an: Das gibt’s doch nicht!"

Es war Punkt 15 Uhr. Ich zog zum Bremsen die Steuerleinen durch und landete. Genau in den Armen meiner Frau.

Zum zweiten Mal an diesem Tag umringten mich Menschen. Aber es waren keine unbekannten Messebesucher. Sondern meine liebsten Freunde und Partner. So hatte ich es mir, nein - so hatten wir alle es uns gewünscht. Mein neuer, gewiss mein letzter, jedenfalls mein schönster Lebensabschnitt - in diesem Augenblick würde er beginnen! Weiß gekleidete Kellner reichten Tabletts mit Champagner. Das Buffet bestand hauptsächlich aus den herrlichsten Meeresfrüchten. Man trank und aß und lachte.

Doch da - was war das?

Zwei Bootsleute des Yachtclubs wuchteten einen schweren Karton zu mir herüber, stellten ihn vor mich hin. Fragen in meinen Augen. Raunen der Gäste. Jemand reichte mir sein Seglermesser. Ich schlitzte den Karton auf - vorsichtig. Man hat ja schon springlebendige Pin-up-Girls aus Geburtstagstorten hüpfen sehen. Statt in zarte Dessous griff ich aber in eine Million Styroporschnipsel und zog den erstbesten Gegenstand ans Tageslicht. Es verschlug mit die Sprache.

Denn es war „Ganz nach oben" - das Buch meines verrückten, schönen, aufregenden, manchmal gefährlichen aber endlich glücklichen Lebens.

Der Kloß in meinem Hals wollte nicht weichen und es dauerte eine endlose Minute, bis ich etwas sagen, etwas erklären konnte. Dann hielt ich das Buch hoch über meinen Kopf.

„Liebe Freunde, hier ist es. Einige von Euch ermunterten mich, es zu schreiben. Einige wenige wussten, dass ich es schreibe. Jetzt ist es da - für Euch. Nehmt es und lest es. Fast jeder von Euch kommt darin vor. Ich hoffe aber, wir bleiben trotzdem gute Freunde....".

Hamburg, Hallerstraße. Montag, 26. Juli 1943, 23 Uhr 50.

Mama. Gislinde.

Meine Geburt fand unter den denkwürdigsten Begleitumständen statt, die Erdenbürger wohl erleben können. Der Chronist Raymond Cartier schreibt in seinem 1142 Seiten umfassenden Standardwerk „Der zweite Weltkrieg" vom grausamen Tod der deutschen Städte auf Seite 654:

„Hamburg war das große Opfer des Sommers. Die Phosphorbomben aus den Schächten der Lancaster-Bomber der Royal Air Force setzten den Asphalt der Straßen in Brand und der fallende Luftdruck über dem Brandgebiet machte die Stadt zum Zentrum eines Orkans...."

48 602 Tote wurden registriert. Siebzig Prozent der 1,4 Millionen Einwohner wurden obdachlos. Der Zug der Flüchtlinge bot einen grausigen Anblick: Blinde, Halbwahnsinnige und Menschen mit schweren Verbrennungen befanden sich unter den Fliehenden."

So prägnant hat meine Mutter es mir später nicht schildern können. Dass es überhaupt ein Später gab, war reiner Zufall. In dem winzigen Luftschutzkeller einer fensterlos leerstehenden Villa soll meine Frau Mama mit dem Rücken an einen dicken Ziegelpfeiler einer Außenmauer gelehnt dagesessen haben, als eine 500 Pfund-Luftmine auf dem Grindelberg hochging und das Mauerwerk der drei Stockwerke samt Dachstuhl und -pfannen in den Keller hinabschickte. Der Pfeiler hielt und Mama kletterte - taub durch den gewaltigen Luftdruck - ins Freie. Gleich darauf setzten die Wehen ein. Und in der grausigen Kakophonie der heulenden Luftschutzsirenen, die unter dem bösartigen Summen der Bomber und dem ohnmächtigen Wummern der Flak die nächste Angriffswelle ankündigten, brachte sie auf den glühendheißen Trümmern der ehemaligen Villa ihren Sohn, mich, zur Welt. Ihre Einsamkeit muss grenzenlos, ihre Todesangst schrecklich gewesen sein. Denn Beistand gab es in dieser Nacht nicht.

Irgendwie kam sie zurecht. Eltern und Schwiegereltern waren im Bombenhagel verschollen. Bekannte in Großhansdorf vor den Toren der zerstörten Stadt nahmen sie auf.

Zwei Jahre später war der Krieg vorbei. Bei Müttern und Bräuten begann das Warten auf die Rückkehr der Söhne und Gatten. Mein Vater kam nicht. Er hatte als Jagdflieger auf der Messerschmidt Me 109 über der Nordsee, an der Kanalküste und dann auf Heinkel-Bombern an der Ostfront einen gefährlichen Job zu machen, dem nur wenige unversehrt entkamen. Als ihn uns der Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes 1949 aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück brachte, war der strahlende Fliegerheld von 1942 ein abgemagerter Krüppel.

Das Leben fing ihn nicht wieder auf.

Er vertrank seine Invalidenrente - trotz seines fehlenden linken Auges und seines entstellten Gesichts von seinen Abschüssen prahlend und den Führer preisend - in den Kneipen St. Georgs und starb 1951 im Delirium in den Alsterdorfer Anstalten, als ich in die Schule kam.

Dort war ich als Kriegskind und Halbwaise nicht allein: Die Rasselbanden in den überfüllten Klassenzimmern der Volksschulen stammten aus halbierten Familien ohne Väter, deren Mütter ihre Aufgabe noch gar nicht richtig einzuschätzen vermochten:

Sie sollten der geschlagenen Nation jene jungen Frauen und Männer erziehen, die dem deutschen Phoenix aus der Asche helfen konnten. Das würde nicht einfach. Mama tat ihr Bestes. Sie krempelte die Ärmel hoch und packte es an.

Außer einem Vater vermisste ich nichts. Denn neben ihrer ersten Arbeit in einer benachbarten Bäckerei, die morgens um drei Uhr begann, fand sie die Kraft, um mich während ihrer „Mittagspause" um Halbacht in die Schule zu bringen. Nach der Schule erwartete mich stets ein warmes Essen und eine unermüdlich geduldige und aufopfernde Mutter, die erst dann todmüde umfiel, wenn unerbittlich die Schulaufgaben gemacht, wenn streng meine Hefte nachgesehen, fleißig Socken gestopft und Pullover gewaschen, der dreckige Sohn nach dem Spielen auf der Straße saubergebadet, in den Schlummer gesungen und sie selbst vollkommen erledigt war. Leider bewunderte und liebte ich Mama nicht dafür, denn es war mir selbstverständlich. Doch unsere nachmittägliche Stunde in der kleinen Wohnküche an der Rothenbaumchaussee, während der ich das von ihr abgewaschene Mittagsgeschirr abtrocknete, wurde zur schönsten des Tages. Wie sprudelten meine Gedanken, wie plapperte ich von meinen Erlebnissen in der Schule, wie löcherte ich sie mit meinen tausend Fragen und wie vertraute ich ihr meine kleinen Ängste an!

Am Abend spielten wir Domino, das jedes Mal neue und erregende Spiel mit den schwarzen Steinen, deren weiße Augen, kluge Taktik und Fantasie voraus gesetzt, darüber entscheiden, ob man gewinnt oder verliert. Ich gewann meistens. Darauf war ich sehr stolz. Ich war ein Glückspilz - dessen war ich mir bald bewusst. Leider ahnte ich nicht, dass Mama mich meist gewinnen ließ, weil sie absichtlich verlor. Und das war nicht gut für meine Entwicklung.

Dennoch war sie - wie jede Mutter dem Sohn - die allererste Frau in meinem Leben. Und da sie mir mit ihren dreiunddreißig Lebensjahren überirdisch schön und geheimnisvoll verführerisch erschien, war sie in meinen geheimen Träumen sogar meine erste erotische Geliebte. Ich schwärmte für sie. Und hoffte, nein - wusste, dass auch ich später einmal eine solche Frau haben würde. Für mich allein. Zum Lieben und Verehren.

Eigentlich hätte es gut gehen müssen. Aber Mama hatte die Rechnung ohne die Gene gemacht. Denn ich kam erkennbar nach meinem Vater. Der große, schlanke, blendend aussehende, blonde und blauäugige Draufgänger mit dem losen Mundwerk und der raschen Auffassungsgabe hatte wenig Mühe damit gehabt, die schöne junge Frau zu erobern. Als er - erfolgsverwöhnt und hochdekoriert in seiner schneidigen Fliegeruniform - im Herbst 1942 um ihre Hand anhielt, da war es schnell um sie geschehen. Nun sah sie sein und ihr Ebenbild: Ich wuchs heran zu einem hübschen langen Bengel, der sich der Mädchen kaum erwehren konnte. Ich begriff sowohl die Schule als auch das wirkliche Leben draußen in der großen Stadt als ein einziges Abenteuer, das es zu erleben galt. Und das tat ich auch.

Aus dem Chaos des Untergangs erblühte das neue Land. Ich glaube, mich an das Jahr 1950 erinnern zu können. Hamburg war ein Spiegelbild dessen, was überall in Deutschland gleichzeitig geschah. Nachdem jahrelang die Abrissbagger die wichtigsten Maschinen gewesen waren, wurde nun gebaut. Straßen und Straßenzüge, U-Bahnschächte und Brücken, Hafenbecken und Kaianlagen, Lagerhäuser, Schornsteine, Industriewerke. Und Wohnungen! Für uns Buben geschah jeden Tag ein neues Wunder und wir konnten uns nicht satt sehen an all dem Neuen, Gewaltigen, Unbegreiflichen.

Oft lebten wir gefährlich!

Ich erinnere mich einer fürchterlichen Ohrfeige meiner Mutter, als ich - mit zwei Spielkameraden einen länglich-spitzen Gegenstand beträchtlichen Gewichts in unseren Hausflur schleppend - stolz an der Wohnungstür klingelte. Wir hatten im Unterholz des nahen Alsterparks aus einem noch nicht zugeschütteten Schützengraben eine scharfe 8,8 cm-Flakgranate „erbeutet." Und Mama sollte uns einen Hammer geben, mit dem wir diesen interessanten roten Nippel am stumpfen Ende abschlagen wollten. Statt des Hammers gab’s einen spitzen Schrei, die Ohrfeige und eine wilde Flucht durchs Treppenhaus auf die Straße, wo wir einen Schutzmann sahen. Und während wir Bengels, vor Angst und Ehrfurcht schlotternd, beim Verhör auf der Wache am Dammtorbahnhof saßen, rasten draußen mit rasselnden Glocken und tatütata die Feuerwehr und der Munitionsräumdienst vorbei.

Unsere größte Begeisterung galt allerdings allem, was fuhr, schwamm und flog. Vor allem galt sie den Autos.

Sobald es wieder Straßen gab, erwachte bei den Menschen die Sehnsucht nach individueller Mobilität. Denn Bus- und Bahnverkehre waren bei weitem nicht in der Lage, die zu leisten. Riesige schnaufende Ungetüme von Büssing Langschnauzerbussen mit schweren Personenanhängern hintendran wanden sich vollbesetzt mühsam durch die Straßen. Kreischende Straßenbahnen mit ewig klemmenden Weichen oder abspringenden Stromabnehmern blockierten enge Innenstadtkurven. Lange Schlangen vor den Fahrkartenschaltern der wenigen U- und S-Bahnhöfe erinnerten die Menschen an die Kriegs- und Nachkriegszeiten, in denen alles knapp und teuer war.

Deshalb gab es bald Autos. Und was für welche!

Da die automobile Großindustrie der Vorkriegszeit weitgehend zerstört oder komplett demontiert in die Siegerländer abtransportiert worden war, spross unter ehemals großen Namen eine Vielzahl kleiner und kleinster Handwerks- und Hinterhofbetriebe aus dem Boden, die in Kleinserien die kuriosesten Fahrzeuge hervorbrachte. BMW Isetta (Spitzname wegen der unterschiedlichen Spurweite der Vorder- und Hinterräder „Schlaglochsuchgerät), Heinkels Kabinenroller „Knutschkugel, Messerschmitts dreirädriger „Schneewittchensarg, Zündapp „Janus mit einer Vorder- und einer Hecktür, Kleinschnittgers Plastikroadster „Spatz", die Goggomobile mit den winzigen o-beinigen Flugzeugrädern - wir kannten sie alle mit Namen, PS und Spitzengeschwindigkeiten. Mehr noch - wir konnten sie von weitem am charakteristischen Heulen ihrer meist zweitakternden Motoren erkennen. Und riechen konnte man sie auch: Aus den Zweizentimeterauspuffröhrchen stießen sie himmelblaue Ölwölkchen aus. Aber auch so mancher Vorkriegswagen hatte den Weltbrand überstanden. Von ihren Besitzern listig als nicht betriebsfähig auseinander geschraubte dunkelblaue Opel Kapitän waren ebenso zu neuem Leben erwacht, wie mausgraue VW Käfer mit geteilter Heckscheibe. Ehedem als Kommandeurswagen beliebte Mercedes 170 V Cabriolets dienten nun neureichen Herrenfahrern zur Zierde. Die ersten Direktoren der förmlich explodierenden deutschen Industriebetriebe aber fuhren, nein, ließen sich chauffieren in amerikanischen Straßenkreuzern von Cadillac, Chevrolet oder Ford mit chromblitzenden Haifischmäulern und Torpedostoßstangen hinten und vorn.

Fast jeder Junge verfügte damals über eine mehr oder weniger umfangreiche Sammlung von „Wiking"-Modellautos, mit denen wir auf ausrollbaren Straßenplänen im Wohnzimmer den Autoverkehr spielend lernten – mit Verkehrszeichen, Ampeln und Zebrastreifen.

Angetan hatten es uns auch die schönen weißen Schwäne, die Alsterdampfer. Einmal machte Mama sogar eine Fahrt mit mir und meinen Freunden. An Bord gab es für 20 Pfennige eine köstlich schmeckende Brausepulverbrause und wir glitten - gruselig - unter der Lombardsbrücke hindurch. Auf der anderen Seite der Brücke erblickten wir die Außenalster, auf der die ersten Segelboote an uns vorbei rauschten. Davon war ich so begeistert, dass ich auf der Stelle in eine der schmucken weißen Jollen umsteigen wollte. Mama teilte sogar meine Begeisterung, strich mir über den verwehten Blondschopf und murmelte „vielleicht später einmal...."

Unvergesslich bleiben mir die Rundfahrten mit einer Barkasse durch den Hamburger Hafen, wenn wir an den himmelhohen Bordwänden der Überseeriesen vorbei durch die Fleete der ausgebrannten Speicherstadt zu den drohend aus den braunen Fluten aufragenden Betontrümmern des U-Boothafens schaukelten.

Und erst die Flugzeuge!

Auf meinem Weg zur Schule kam ich täglich an einem der ersten Reisebüros vorbei, an dessen Schaufensterdecke das Modell einer Dakota hing. Auf bunten Plakaten sah man glückliche schöne Menschen eine Treppe hinaufsteigen und in dem silbrigen Vogel verschwinden. Das wollte ich sehen. Mama fuhr am Sonntag mit mir nach Fuhlsbüttel hinaus, was eine kleine Weltreise bedeutete. Auf der Aussichtsplattform über dem Vorfeld warteten wir im eisigen Wind stundenlang, bis meine Nase rot- und Mamas Beine in den ersten Nylons blaugefroren waren. Aber es kam keine Dakota. Ich habe erst eine gesehen, als ich Jahrzehnte später in gefährlicher Mission nach Caracas musste. Da flog der „Rosinenbomber" der Berlinblockade von 1948 nämlich immer noch, ebenso wie noch heute die legendäre Junkers Ju 52.

Mit elf wechselte ich von der Volksschule in ein modernes neusprachlich-naturwissenschaftliches Gymnasium. Das hatten meine Lehrer Mama empfohlen, denn ich war bis dahin ein lieber, vortrefflicher und erfolgversprechender Schüler gewesen. Nun wurde ich ein Sextaner, trug stolz wie ein Brahmane meine erste Schülermütze und grüßte die Nachbarschaft huldvoll. Bald versuchte ich stolz, Mama und alle, die mir zuhören wollten, mit englischen, französischen und später auch spanischen Brocken zu beeindrucken. In der Quinta schrieb ich Zweien in Mathe und Physik. Ab Untertertia las das Lehrerkollegium meine Deutschaufsätze.

Und dann brach der Dritte Weltkrieg aus!

Hamburg, 17. Juni 1953. 23 Uhr. Im Keller in der Rothenbaumchaussee.

An diese Nacht werde ich mich Zeit meines Lebens erinnern. Ich hatte schon tief und fest geschlafen, als mich jemand an der Schulter rüttelte und ein über das andere Mal weinend rief:

„Ronald, Ronald, wach doch auf! Wir müssen in den Keller! Ronald, oh Ronald, der Krieg kommt! Der furchtbare Krieg ist wieder da!!!" Es war Mama, die vollkommen in Tränen aufgelöst und ohne Fassung kopflos hin- und her lief. Ich stand schlaftrunken auf und versuchte sie zu beruhigen, aber es gelang mir nicht. Mit geradezu hysterischem Geschrei zwang sie mich, in Windeseile meinen Bademantel anzuziehen, riss panisch irgendwelche Kleider, ein Portemonnaie, ein paar Briefe an sich und schleppte mich in den Lattenverschlag unseres Vorratskellers hinab. Dort endlich - wir waren die einzigen Hausbewohner im Keller - beruhigte sie sich ein wenig. Ich konnte sie fragen, was eigentlich los sei. Sie sah mich - jetzt ruhig, aber sehr verstört - an.

„Ich weiß es nicht. Doch, ich weiß es. Es gibt Krieg. Ronald, der Krieg kommt wieder. Ich habe es doch gerade im Radio gehört. Oh Gott, Ronald! Dein Vater! Die Bomben! Der Krieg kommt..."

Mit der Zeit gelang es mir, ihr zu beweisen, dass wir nicht in dem Keller bleiben mussten. Denn die Nacht war totenstill und es fiel keine einzige Bombe. So saßen wir schließlich um Mitternacht, ziemlich erschöpft, vor dem Rundfunkgerät im abgedunkelten Wohnzimmer und lauschten den Spätnachrichten und den Reportagen aus Berlin. Im anderen Teil Deutschlands war es zu einem Volksaufstand gegen das verhasste Zwangsregime der Kommunistischen Partei der sogenannten Deutschen Demokratischen Republik gekommen. Studenten und Schüler, Werktätige aus vielen Betrieben und ein Teil der Intelligenz waren in der Hauptstadt der DDR, Berlin, und in allen Großstädten auf die Straße gegangen und hatten gegen die willkürliche Erhöhung der Arbeitsnormen, gegen Unterdrückung der Meinungsfreiheit, gegen Reisebeschränkungen und gegen ihren schlechten Lebensstandard demonstriert. Infolge der Berichterstattung westlicher Rundfunksender aus Westberlin, die das alles hautnah miterlebten und deren Berichte von den Bürgern der DDR - in verbotener Weise - gehört wurden, gab es eine Welle der Sympathie im ganzen Land. Die ersten Demonstranten bewaffneten sich mit Knüppeln und Eisenstangen. Schon zogen Menschenmassen zum Regierungssitz des Diktators Walter Ulbricht, dem Palast der Republik. Da zog das Regime die Notbremse: Soldaten der Volksarmee der DDR und T 34 Panzer der Sowjetarmee, die als ehemalige Besetzer des Landes nach dem Zweiten Weltkrieg nun die Schutzmacht der DDR darstellte, knüppelten den Aufstand blutig nieder. Was Mama am späten Abend beim eher zufälligen Einschalten des Radios gehört und was sie in Panik versetzt hatte, war die Wiederholung einer Nachmittagssendung des RIAS (Rundfunk im amerikanischen Sektor) und die hektisch ins Mikrofon geschrieenen Worte eines Rundfunkreporters:

„Jetzt, meine Hörer, ja, jetzt ist es soweit. Es ist tatsächlich so weit gekommen. Das Unrechtsregime und seine Schutzmacht schlagen zurück, versuchen es mit Gewalt. Zwischen den Pfeilern des historischen Brandenburger Tores tauchen sie auf. Es sind zwei, nein es sind drei! Drei Panzer. T 34 Panzer mit dem roten fünfzackigen Sowjetstern der UdSSR, der Union der sozialistischen Sowjetrepubliken. Sie fahren mit rasselnden Ketten. Sie schwenken auf die Fahrbahnen der Straße Unter den Linden ein. Jetzt zeigen die Geschützrohre auf die Menschenmenge. Jugendliche haben die Fahrbahnen mit Hämmern und Äxten aufgerissen, haben Pflastersteine in den Händen. Lieber Gott, wohin soll das führen! Jetzt, meine Hörer, in diesem Moment, fliegen die ersten Steine gegen die Panzer. Sie treffen! Die Geschützrohre schwenken. Und da, da fällt der erste Schuss... Das bedeutet Krieg! Wo sind die Politiker? Wer hält dieses Morden auf, um Gottes Willen...."

In der DDR starben an diesem 17. Juni 1953 viele Menschen unter den Kugeln der kommunistischen Systeme. Aber es gab keinen Krieg. Denn die Westmächte duldeten die blutige Niederschlagung des Volksaufstandes. Sie schritten nicht ein.

Zähe Verhandlungen zwischen den Staatschefs Eisenhower, Auriol, Churchill und Malenkow befreiten zwar wenigstens Westberlin aus der Blockade. Das Leben der Bevölkerung der DDR wurde indes noch unerträglicher.

Die Bundesrepublik aber erhielt einen neuen Feiertag...

Mama und ich führten inzwischen ein besseres Leben.

Sie war von der Hilfskraft in der kleinen Backstube in das Büro der aufstrebenden Großbäckerei aufgestiegen. Obwohl sie - als höhere Tochter in einem gebildeten Akademikerhaushalt - keinen Beruf erlernt hatte (du heiratest hoffentlich in beste Kreise ein...), organisierte sie bald den Einsatz der Brotautos, die den ganzen Tag lang die Hamburger Innenstadtgeschäfte belieferten und verdiente gut. Das war ein Fulltime-Job und Mama kam manchmal erst am Abend - groggy - nach Hause. Deswegen bekam ich bald 10 Mark Taschengeld im Monat und wurde ein „Schlüsselkind. Schlüsselkinder wurden von vielen ihrer Mitschüler und Freunde beneidet, denn sie konnten nach der Schule in weiten Grenzen tun und lassen, was sie wollten. Das tat ich denn auch. Ich unterließ zuerst das umständliche Aufwärmen des von Mama vorgekochten Mittagessens, das allein sowieso fade schmeckte. Stattdessen kaufte ich mir für 2o Pfennige Studentenfutter oder Lakritzschnecken und spülte das Mittagessen in die Toilette. Dann stellte ich auch die Anfertigung meiner Schularbeiten - allmählich, damit es nicht auffallen sollte - ein und bummelte lieber durch die Stadt, an die Alster, zum Hafen oder zum Bahnhof. Für fünf Pfennige bekam ich dort aus einem hochinteressanten Automaten - „dummmdaaa - eine Bahnsteigkarte auf brauner Pappe gedruckt und durfte mir stundenlang riesige zischende und prustende Dampfloks angucken. Die Schularbeiten schrieb ich am nächsten Morgen während der ersten Stunde von meinem Nachbarn ab und ich schwänzte die Schule, wenn eine Klassenarbeit bevorstand, deren Ausgang aufgrund meiner nachlassenden Leistungen ungewiss war. Den dazu erforderlichen Entschuldigungszettel schrieb ich mir selbst, in dem ich ein von Mama leichtfertig offen liegengelassenes Exemplar so lange abschrieb, bis mir meine Kinderschrift erwachsen genug aussah.

Als ich auf diese Weise auch meine erste Fünf in Geschichte frech mit der Handschrift meiner Mutter unterzeichnete, fiel ich einem kleinlichen und humorlosen Pauker auf. Mama bekam einen „blauen Brief und wurde zu meinem Klassenlehrer zitiert. Anschließend musste ich zum Direktor, der mir, dem „Unterschriften- und Urkundenfälscher Ronald Donner, eine gehörige Standpauke erteilte und mich nötigte, im Lehrerzimmer eine schriftliche Entschuldigung auf eine große Wandtafel zu schreiben.

Die schlimmste Strafe aber erwartete mich an diesem Abend zu Hause. Ach - hätte Mama mir doch eine `runtergehauen oder mir das Taschengeld gekürzt!

Sie aber setzte sich ernst an den Küchentisch, bedeutete mir wortlos, auf dem Stuhl ihr gegenüber Platz zu nehmen, sah mir mit umflorten Blick tief in die Augen, stützte ihren Kopf in beide Hände und begann lautlos zu weinen. Zwischen uns fiel kein Wort. Weder Vorwurf noch Reue lösten die wie eine dicke Glasscheibe zwischen uns stehende Barriere. Zuletzt konnte ich ihren Blick, den nicht versiegenden Tränenstrom, das leise Beben ihrer Brust nicht mehr ertagen. Ich wollte ihre Hand berühren und schaffte es nicht. Ich öffnete den Mund und brachten keine Silbe heraus. So stahl ich mich wortlos in mein Zimmer und saß wie versteinert auf der Kante meines Bettes. In mir spürte ich Trauer und Wut, Beschämung und Reue, aber auch Unverständnis und Trotz. Warum hatte sie mir nicht einfach eine ` runtergehauen...

Einige Tage später folgte dann - endlich- die fällige Aussprache. Sie verlief etwas einseitig, denn ich erhielt keine Gelegenheit, mein Verhalten zu rechtfertigen. Stattdessen erklärte mir Mama fest und bestimmt, dass sie beabsichtige, mein Freizeitverhalten in geregelte Bahnen zu lenken. Ich schaute wohl etwas ungläubig aus der Wäsche, als sie mir eröffnete, was sie bereits in die Wege geleitet hatte. Dann aber tat mein Herz einen Riesenhüpfer und ich jubelte „juhuuu - knorke - schnafte" (so jubelte man damals):

Mama hatte mich in der Jugendabteilung eines ziemlich teuren honorigen Hamburgischen Yachtclubs angemeldet. Dort an der Außenalster wurde ich nun jeden Montag und Donnerstag nachmittags von vier bis sechs zum Bootewaschen, Knotenlernen, Bootshallefegen, Jollenschleifen und - seltener - zum Segeln erwartet. Vorher hatte ich zu Hause meine Schularbeiten zu machen, die abends von Mama - und war sie noch so müde - nachgesehen wurden. War sie nicht zufrieden, so rief sie am nächsten Segeltag den Jugendwart des Clubs an und meldete mich für denselben Nachmittag ab.

Ich frohlockte, denn an Dienstagen, Freitagen und Sonnabenden war ich nach wie vor frei? Denkste!

Hier hatte Mama für mich Kultur geplant, in dem ich dienstags bei Fräulein Ketelhut im gleichen Hause über uns Klavierunterricht erhielt. Mittwochs musste ich die Wohnung saubermachen. Und freitags musste ich nach den Schularbeiten meine Frau Mama in der Firma abholen, um ihr beim Tragen der schweren Einkaufstaschen zu helfen. Der Sonnabend war - zur Hälfte - frei: In Deutschland wurde an diesem Wochentag bald nur noch bis mittags gearbeitet, so dass Mama und ich etwa gleichzeitig zu Hause ankamen und sie mich „unter Wind" hatte. Aber Sonnabend um 17 Uhr war Tanzstunde. Also ging ich brav Walzer rechts und links herum lernen, einen Diener machen, mich gesittet benehmen und die armen schutzlosen Mädchen galant nach Hause geleiten. Furchtbar, wie weit die manchmal weg wohnten - oft kam ich erst um zehn nach Hause.

Das alles war für mich, der ich gerade eben 16 war und in der körperlich wie seelisch unerfreulichen pubertären Phase steckte, ein hartes Leben. Zum Glück war es wenigstens interessant. Denn in der Jugendabteilung des Yachtclubs gab es auch ein paar Mädchen. Schon bald hatten wir heraus, dass der Jugendwart nie vor 16 Uhr auftauchte, sehr pünktlich Schluss machte und es nicht als seine Aufgabe ansah, uns zu beaufsichtigen oder gar zu erziehen. So strebte ich an den „Segel-Tagen nach flüchtigen Schularbeiten früh zum Alsterufer, wo die Mädchen schon warteten. In der halbdunklen Bootshalle spielten wir so lange Versteck mit Abschlagen und Fangen mit Festhalten, bis jeder von uns „mit einer ging. Meine erste große Liebe hieß Gislinde. Sie war sechzehn, hatte zwei irre lange blonde Zöpfe und schminkte sich. Sie brachte mir hinter dem Wrack eines alten Jollenkreuzers in der Bootshalle das Küssen bei. Bald wollte sie mehr. An einem warmen Spätsommernachmittag entführten wir gemeinsam eine der Clubjollen, ließen vor dem Schilfgürtel an der Schönen Aussicht die Segel fallen, den Piraten zwischen den mannshohen Halmen verschwinden und fielen neben dem Schwertkasten auf den harten Bodenbrettern in eine schmerzhaft-süße erotische Umarmung. An diesem Nachmittag machte Gislinde, die schon längst eine Frau war, aus mir einen Mann. Ich versank in grenzenloser Verehrung für dieses Geschöpf, das mich solch aufwühlende Gefühle erleben lassen konnte. Ich machte ihr sogleich einen Heiratsantrag. Sie aber lachte leichthin, strich mir den blonden Schopf zur Seite und nannte mich 184 Zentimeter-Jüngling „Ach mein Kleiner."

Die übrigen Mädchen im Club und in den Mädchenklassen meiner Schule hatten ihre Worte zum Glück nicht gehört. Sie schienen mich im Gegenteil von heute auf morgen höchst interessant zu finden. Und an weiblicher Zuwendung hat es mir seither niemals mehr gefehlt.

Meine Klavierlehrerin Fräulein Ketelhut war auch eine ganz Liebe: Ich wickelte sie mit den abenteuerlichsten Stories um den Finger, wenn Gislinde mich gegenüber im Alsterpark erwartete und ich schaffte es sogar, sie zu meiner Verbündeten zu machen. Sie verpetzte mich niemals bei Mama.

Dennoch kam alles heraus und die nächste Katastrophe nahte.

Hielt Fräulein Ketelhut pottdicht, so genoss es die alte, vertrocknete und heimtückische Hausbesitzerin im Erdgeschoss – sie hieß Agathe Hundertmark - , alles und jeden zu bespitzeln. Schon bald wähnte sie Unregelmäßigkeiten meines musischen Pianofleißes, führte einige Wochen lang Buch über die allzu reinen Töne aus dem zweiten Stock und schwärzte mich bei Mama an.

Wieder schaute Mama mich an und begann wortlos zu weinen. Doch dieses Mal war mein Zorn auf die Alte stärker als etwaige Reue vor Mama.

Da sich alle Bengels unserer Clique kurz vor dem Jahreswechsel irgendetwas zum Knallen besorgt hatten, warf ich der alten Ziege am 28. Dezember 1959 um 17 Uhr 12 einen Knallfrosch durch den Briefschlitz ihrer Wohnungstür, um mich zu rächen und ihr einen gehörigen Schrecken einzujagen. Das gelang besser, als ich erwartet hatte: Der Knallfrosch setzte ihren an der Flurgarderobe hängenden silbernen Persianer in Brand. Zum zweiten Mal seit meiner unrühmlichen Panzergranatenuntat raste die Feuerwehr herbei. Frau Hauswirtin verschwand mit einer Herzattacke und Blaulicht im Krankenhaus. Zwei Wachtmeister brachten mich mit ihrem „Peterwagen", einem dunkelblauen Polizeikäfer mit silbernem Stern auf den Türen zur Wache zum Verhör. Und zuletzt flogen Mama und ich achtkantig aus unserer Wohnung.

Das war zuviel für unser Mutter-Kind Verhältnis. Mama weinte nur noch Tag und Nacht. Ich wurde von den Rabauken in meiner Klasse gefeiert, von den vornehmen Jungen und Mädchen im Yachtclub aber geschnitten. Gislinde würdigte mich keines Blickes mehr. Das Gymnasium erwog meinen Verweis von der Anstalt. Und wenn Mama im Lehrerzimmer nicht so eine herzzerreißende Vorstellung gegeben hätte, dann wäre mein Schicksal als angehender Abiturient wohl mit der Untertertia besiegelt gewesen.

Ich lernte indes: Die Zeit heilt manche Wunde.

Zu Ostern 1960 wurde ich nicht nur nicht der Schule verwiesen, sondern - wenn auch mit einem hässlichen Zeugnisvermerk „probeweise" - in die Obertertia versetzt.

Im Frühjahr legten alle Jugendlichen unserer Altersgruppe die Prüfung zum Segelschein A ab. Zum alljährlichen Ansegeln luden die Eigner der großen seegehenden Yachten uns Jugendliche zum ersten Mal zum Segeln auf der Elbe ein. Das waren alles erfolgreiche und wohlhabende Leute, darunter viele Unternehmer. Sie besaßen meist schöne Villen an der Alster oder Elbe, fuhren in tollen Autos vor und hatten Macht und Einfluss: Nicht selten sah ich ihre Fotos in unserer Tageszeitung.

Mama war wenigstens ein kleines bisschen stolz auf mich und schöpfte Hoffnung: Würde ich doch noch in ihre, nämlich in die Fußstapfen eines ehrlichen, fleißigen, ordentlichen, strebsamen, gebildeten und deshalb erfolgreichen Menschen treten, anstatt nach meinem unglücklichen, leichtlebigen Vater zu kommen?

Wenn ich geahnt hätte, wie gut es den ehrlichen, fleißigen, strebsamen, gebildeten und deshalb erfolgreichen Menschen im Leben wirklich ergeht, dann wäre möglicherweise doch alles anders gekommen...

Mein siebzehnter Lebenssommer war ein einziger abenteuerlicher, mit prallem Leben und Erleben gefüllter Jungentraum.

Im Juli die 2000 Meilen-Seereise mit der 13 Meter-Segelyacht „Nordstern" eines reichen Hamburger Versicherungskaufmanns und seiner Familie über Helgoland, London, Aberdeen und Skagen nach Kiel, bei der ich mir drei Tage lang die Seele aus dem Leib kotzte, dann aber auch lernte, was Kameradschaft, Zupacken, Verantwortung und Mannschaftsgeist bedeuten. An Bord dieser Yacht wuchsen mir meine ersten Seebeine.

Nach den Ferien im September dann die Klassenfahrt zum Wandern in die Oberösterreichischen Berge. Der Almbauer, auf dessen Hof wir wohnten, verfügte über einen kleinen grasgrünen Trecker Marke „Allgeier" mit 15 PS, den ich fahren durfte. Ich gurkte so lange über Wiesen und Felder, rangierte um Bäume und Hecken, lernte schalten und kuppeln, bis der Tank leer war. Und da waren die Wanderferien fast vorbei.

Dann mein erster Schülerjob als Wagenwäscher bei der großen Shell-Station an der Dammtorstraße.

Und im Spätherbst die Proben zur Schüleraufführung mit der Theatergruppe, die zu Weihnachten in der festlich geschmückten Aula meines Gymnasiums, mit mir als drittem „König aus dem Morgenland", stattfinden sollte.

Diejenigen unter uns Beinahe-Oberstuflern, die es sich bei guten Leistungen in der Schule erlauben konnten, aber auch die anderen ohne allzu einschränkende elterliche Aufsicht; wir alle arbeiteten spätestens mit 17 neben der Penne als Hilfskraft. Die Wirtschaft in ganz Deutschland, besonders aber in den Großstädten, brummte.

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