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Otto Wiener: Der unvergessliche Hans Sachs
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eBook426 Seiten5 Stunden

Otto Wiener: Der unvergessliche Hans Sachs

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Über dieses E-Book

In den Sechziger- und Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts gab es keinen Opernbesucher, namentlich in der Wiener und der Bayerischen Staatsoper, dem Otto Wiener kein Begriff war. Als Bassbariton, vor allem in Rollen Wagners und Strauss‘, sehr gefragter Gast aller großen Opern- und Festspielhäuser der Welt, galt Otto Wiener dennoch, vor allem in Wien, als Stütze des Ensembles. Denn ein solches gab es damals noch. International bekannte Stars wie Eberhard Wächter, Waldemar Kmentt, Christa Ludwig, Sena Jurinac, Walter Berry, Hilde Güden, Wilma Lipp, um nur einige zu nennen, gehörten diesem legendären Ensemble an. Auch Otto Wiener war ein wesentlicher Teil dieser heute bereits unglaublich anmutenden Einrichtung. In seiner humorvollen Art bezeichnete er sich selbst einmal als »eines der letzten wirklichen und auch bedeutenden Ensemblemitglieder der Wiener Staatsoper«. Damit traf Wiener natürlich den Nagel auf den Kopf, denn er sang in diesem Haus die größten und schwersten Partien seines Faches ebenso wie die kleineren, aber nicht minder wichtigen Rollen in den unterschiedlichsten Opern und in verschiedenen Sprachen. Er war überall dort zur Stelle, wo man ihn brauchte.
SpracheDeutsch
HerausgeberBooks on Demand
Erscheinungsdatum26. Feb. 2015
ISBN9783735770066
Otto Wiener: Der unvergessliche Hans Sachs
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Autor

Rudolf Grossmaier

Rudolf Grossmaier, geboren 1948 in Wien, Doktor der Philosophie, hat in Wien Musikwissenschaft studiert. Neben seiner Karriere in einer Bank hat er sich seit früher Jugend intensiv mit Musik, vor allem auf den Gebieten Oper und Konzert, beschäftigt. Er hält musikwissenschaftliche Vorträge in Österreich und Deutschland und verfasst Essays wie etwa Einführungstexte zu Konzertprogrammen.

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    Buchvorschau

    Otto Wiener - Rudolf Grossmaier

    Musikverein

    Vorwort von Kammersänger Waldemar Kmentt


    Kammersänger Otto Wiener war für mich ein sehr lieber Kollege und ein großer Künstler, dabei gleichzeitig ein bescheidener Mensch. Zusammen haben wir in vielen Opern gesungen, was mir immer eine besondere Freude war! Beispielhaft seien hier die Zauberflöte, Fidelio oder Capriccio genannt. Otto Wiener beherrschte sein Fach durch den klugen Einsatz seiner schönen Stimme und gestaltete ganz besonders einen großartigen Hans Sachs in Wagner‘s Meistersinger, seiner Paraderolle, die wie für Ihn gemacht schien. Aber auch als Konzertsänger wurde Otto Wiener sehr geschätzt, ausgestattet mit seiner unglaublichen Musikalität.

    Ich denke oft an ihn und an die alten Zeiten...

    Waldemar Kmentt, Wien Januar 2014

    Wer kennt Otto Wiener?


    »Mein Großonkel war der Kammersänger Otto Wiener«, erzählte mir eines Tages Frau Dr. Johanna Weißböck. Johanna, von Beruf Ärztin, verbringt ebenso wie ich einen erheblichen Teil ihrer Freizeit singend im Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, Österreichs größtem und bedeutendstem Konzertchor. Da sie von meinem Interesse für das Gebiet Oper wusste, berichtete sie mir auch, dass sie den künstlerischen Nachlass von Otto Wiener geerbt hatte und fragte mich, ob ich nicht irgendjemanden wüsste, der diesen verwerten könnte, zu einem Buch etwa. Ich dachte darüber nach und hörte mich in meinem Bekanntenkreis um. Nicht selten kam mir dabei, selbst unter erklärten Opernfreunden, die Frage entgegen: »Wer ist Otto Wiener?« Na klar, den Jüngeren unter den Opernbesuchern von heute ist ein Sänger, dessen Glanzzeit über vierzig Jahre zurückliegt, kein Begriff mehr. Manchen war sein Name zwar geläufig, persönlich erlebt hatten sie ihn allerdings nicht mehr. Und einige wenige andere, die ich schließlich doch noch gefunden hatte, konnten mir zwar berichten, dass sie ihn selbstverständlich auf der Bühne erlebt hätten, in allen seinen großen Rollen, und dass sie natürlich auch noch genau über seine sängerischen und darstellerischen Tugenden Bescheid wüssten. Aber etwas über ihn schreiben? Das sollte doch besser jemand machen, der ihn noch persönlich gut gekannt hatte!

    Das Anliegen, irgendjemandem die Verwertung seines Nachlasses anzubieten, erschien mir immer mehr als hoffnungsloses Unterfangen. Aber irgendwie reizte mich das Thema. Biographien über bekannte Künstler gibt es schließlich sehr viele – auch über weniger bedeutende als Otto Wiener einer war. Und wenn ich ihn zwar auch – leider – nicht persönlich gekannt hatte, so sind mir viele seiner zahlreichen Auftritte in der Wiener Staatsoper oder im Wiener Musikverein noch heute sehr lebhaft in Erinnerung. Außerdem schlichen sich dabei noch jede Menge nostalgische Gefühle ein: Otto Wieners Glanzzeit als bedeutender Opernstar war untrennbar mit einem wesentlichen Teil meiner Jugend und den dazu gehörenden Vorlieben und Interessen verbunden: mit meiner Begeisterung für Musik im Allgemeinen und für das faszinierende Gebiet der Oper im Besonderen. Und dabei begann diese Zeit in meiner Erinnerung immer lebendiger zu werden: der Wiener Opernalltag, auf dem (fast täglich besuchten) Stehplatz erlebt, das einzigartige Sängerensemble, das die Wiener Oper damals hatte. Und einer davon, wohl einer der Bedeutendsten, war Otto Wiener, der unvergleichliche Interpret des Hans Sachs in Wagners Die Meistersinger von Nürnberg, Otto Wiener, der hochmusikalische Sänger mit der charakteristischen, markigen Baritonstimme, Otto Wiener, mit seiner vorbildlichen Artikulation, seiner eminenten Wortdeutlichkeit selbst bei den gewaltigsten Gesangspartien. Aber auch Otto Wiener, der äußerst sympathische, liebenswürdige, nicht im Geringsten arrogante Sängerstar beim »Bühnentürl« der Wiener Staatsoper, der nach jedem seiner Auftritte, von einer riesigen Verehrerschar umgeben, unzählige Autogramme gab. Damals war es üblich, dass man einem Künstler, von dem man gerne ein Bild mit Autogramm haben wollte, ein frankiertes und adressiertes Kuvert übergab, und man nach einiger Zeit ein Bild, privat oder in irgendeiner Rolle, erhielt. Otto Wiener war diesbezüglich eine Ausnahme zu allen anderen Sängern, an die ich mich erinnere. Man konnte nämlich in das leere Kuvert hineinschreiben, von welcher Rolle man gerne ein Bild hätte – und dieses bekam man dann auch sehr bald, unter Garantie. Aber selbst wenn man in einem Kuvert mehrere Rollen angab, schickte Kammersänger Wiener dann auch mehrere Bilder. Ich erinnere mich, einmal von ihm in einer Sendung die von mir gewünschten sieben (!) verschiedenen Rollenfotos, mit Autogrammen versehen, erhalten zu haben. So unverschämt konnten die Fans damals sein – und so liebenswürdig und großzügig reagierte darauf Otto Wiener – aber nur er!

    Natürlich schätzten und verehrten ihn seine unzähligen Fans nicht nur, sondern sie liebten ihn auch sehr. Wenn er in seiner Glanzrolle als Hans Sachs in Wagners Meistersingern im letzten Akt feierlich auf der Festwiese erschien, war ihm der (damals an dieser Stelle an sich übliche) Applaus in besonderem Ausmaße sicher. Und ganz besonders frenetisch fiel dieser bei seinem zweihundertsten Sachs am 20. Dezember 1964 in der Wiener Staatsoper aus – er wollte einfach kein Ende nehmen, obwohl freilich eine Unterbrechung der Aufführung an dieser Stelle völlig undenkbar war. Und wenn sich Wiener nach einer Vorstellung in der Staatsoper oder im Musikverein dann seinen Verehrern zuwandte, um die Autogrammwünsche zu erfüllen, so war dem liebenswürdigen und bescheidenen Künstler stets seine attraktive Frau Rudolfine zur Seite. Ich erinnere mich an einen der ersten Auftritte, die ich von Otto Wiener im Musikverein erlebt hatte. Es handelte sich um Bachs Matthäus-Passion, in der er die Bass-Arien gesungen hatte. Ich war, damals noch ein Gymnasiast, gemeinsam mit einem Freund in dem Konzert und selbstverständlich danach im Künstlerzimmer, um Autogramme zu bekommen. Die Sopran-Arien sang in dieser Aufführung Teresa Stich-Randall, von der wir natürlich auch ein Autogramm wollten. Während Otto Wiener unsere Autogrammwünsche erfüllte, erschien neben ihm eine uns damals noch nicht bekannte Dame. Mein Freund glaubte, es handelte sich um Teresa Stich-Randall und rief etwas aufgeregt: »Die Stich!«, was Wiener natürlich hörte und in bestem Wienerisch antwortete: »Des is net die Stich, des is mei Frau!«

    Sieht man den Nachlass Otto Wieners durch, so ist man beeindruckt von der geradezu peniblen Sorgfalt, mit der der Künstler alle Dokumente, in denen sein Name aufgeschienen ist, gesammelt hat: Bücher, Tonträger, Programme und Presseberichte. Die Anzahl der Kritiken, die fast durchwegs überschwängliches Lob versprühen, ist nahezu unüberschaubar. Dafür sucht man seinen Namen in Klatschspalten oder in der so genannten »Regenbogenpresse« vergeblich. Dass eine große internationale Karriere ohne eine solche Plattform der »Society« und ohne die Verbreitung mehr oder weniger wichtiger Details aus dem Privatleben überhaupt möglich ist, erscheint in der heutigen Zeit geradezu unbegreiflich! Natürlich hätte ich es sehr begrüßt, wenn mir jemand mit irgendwelchen Anekdoten oder »G’schichterln« über Otto Wiener hätte aufwarten können. Aber auch die Tatsache, dass es solche nicht gibt und wahrscheinlich auch zu seinen Lebzeiten kaum gegeben hat, spricht für sich – und für die ganz besondere Persönlichkeit Otto Wieners.

    Ich war daher beim Verfassen meines Buches so gut wie ausschließlich auf Fakten angewiesen, auf die Daten von Aufführungen oder auf eine kurze Schilderung der von Otto Wiener interpretierten Werke sowie der wichtigsten Orte seiner zahlreichen Auftritte. Und natürlich auf die mir in reichem Umfang zur Verfügung stehenden Presse-Kritiken. Sie lassen die Künstlerpersönlichkeit Otto Wieners am anschaulichsten vor unseren Augen erstehen, weshalb ich sie auch immer wieder zitiert habe. Auch das reichhaltige Notenmaterial, das der Künstler hinterlassen hat und in dem man meist im Deckel seinen Namen eingeprägt findet, etwa auf dem Klavierauszug der Meistersinger von Nürnberg, besitzt einige Aussagekraft. Sieht man dieses Notenmaterial nämlich genauer durch, so findet man darin – wie dies bei allen Musikern und Sängern eigentlich ganz normal ist – einige ganz persönliche, mit Bleistift vorgenommene Eintragungen, die einen Rückschluss auf die sehr gewissenhafte Arbeitsweise des Künstlers zulassen. In puncto Unterlagen war ich also bestens versorgt!

    Wesentlich schwieriger war es mit den Zeitzeugen. Von den vielen bedeutenden Künstlern, die mit Otto Wiener gemeinsam die Auftritte auf der Bühne oder auf dem Konzertpodium bestritten haben, sind die meisten heute nicht mehr unter uns. Umso mehr bin ich jenen zu Dank verpflichtet, die mir mit einigen persönlichen Worten geholfen haben, das Bild des Künstlers und Menschen Otto Wiener nachzuzeichnen. Frau Kammersängerin Wilma Lipp war die Eva in zahllosen Aufführungen von Wagners Die Meistersinger von Nürnberg mit Wiener als Hans Sachs an den großen Opernhäusern in aller Welt. Aber sie war auch oft dessen Partnerin in Konzerten, etwa in der Neunten Beethovens. Frau Kammersängerin Christa Ludwig ist mit Wiener an der Wiener Staatsoper und bei den Salzburger Festspielen aufgetreten. In Wien sang sie die Clairon in der legendären Produktion von Strauss' Capriccio, in der Wiener den Theaterdirektor La Roche gestaltete, und in Salzburg war sie die Feldmarschallin im Rosenkavalier unter Karl Böhm, mit Wiener als Faninal. Frau Kammersängerin Sena Jurinac, als Octavian im Rosenkavalier bis heute unerreicht und unvergesslich, sang die Rolle des Ighino in der Wiener Premiere von Palestrina mit Wiener als Borromeo. Herr Kammersänger Waldemar Kmentt hatte gemeinsam mit Wiener in etlichen Konzerten, etwa in den Oratorien Haydns, mitgewirkt. Er war aber auch auf der Opernbühne des Öfteren Wieners Partner, so als Tamino in der Zauberflöte, als Jaquino in Fidelio und als Flamand in Capricco. Alle diese hervorragenden und von mir äußerst geschätzten Künstler konnten mir in Telefongesprächen ihre große Begeisterung für Otto Wiener sowohl als Sänger wie als Kollegen bezeugen.

    Wilma Lipp erzählte mir, Otto Wiener sei »ein wunderbarer Kollege und ein ausgezeichneter Künstler« gewesen, dessen Besonderheit es war, dass er »einfach immer gleichmäßig gut war«. Auf gemeinsamen Reisen habe sie »oft privat mit ihm zusammen gesessen«, wobei »seine reizende Frau immer dabei war«. Christa Ludwig berichtete mir, Wiener sei »ein sehr bescheidener großer Künstler« gewesen, der »sich nie in den Vordergrund gespielt hat«. Über seine besonderen Tugenden als Sänger meinte sie, Wiener habe »eine schöne Baritonstimme gehabt, die er ungeheuer klug einsetzt hat. Dank seiner ausgezeichneten Technik hat er es sehr gut verstanden, mit seiner Stimme richtig umzugehen. « Sena Jurinac nannte Wiener einen »ganz lieben Kollegen« und einen »sehr gewissenhaften, ernsthaften Künstler«. Leider ist diese großartige Sängerin kurz darauf, am 22. November 2011, verstorben. Waldemar Kmennt verlieh seiner Bewunderung für den Künstler Otto Wiener vollen Ausdruck, rein privat konnte er mir aber nicht allzu viel über ihn berichten. Doch ich danke Herrn Kammersänger Kmentt, dessen Erinnerungen an seinen Kollegen Wiener immer noch von sehr viel fachlicher wie persönlicher Bewunderung erfüllt sind, ganz herzlich für das Vorwort, das er liebenswürdiger Weise zu diesem Buch verfasst hat!

    Herr Kammersänger Heinz Holecek war privat Wieners Nachbar und in der Wiener Staatsoper dessen »Kantinenfreund«. In einem ganz ungezwungenen persönlichen Gespräch erzählte er mir viel Bemerkenswertes über Otto Wiener. Vor allem Künstlerisches, dass er »ein wunderbarer Sachs« und »sehr musikalisch« war, »ausdrucksvolle Hände« hatte – insgesamt »ein großer Künstler, der sehr auf intelligente Ökonomie bedacht war«. Er sei kein »Stimmprotz« gewesen, sondern als Sänger »sehr ausdrucksstark, elegant und effektvoll«. Von den gemeinsamen Auftritten ist Holecek vor allem jener in Wagners Rheingold in Turin in Erinnerung, worüber noch zu berichten sein wird. Auch persönlich schätzte er seinen Sangeskollegen, mit dem er oft gemeinsam nach Hause fuhr, sehr, denn Wiener sei stets »außerordentlich kameradschaftlich, kollegial und herzlich gewesen und habe Harmonie ausgestrahlt«. Er bewunderte an ihm, dass er »sehr gebildet war, in allen Richtungen«, »sehr diszipliniert«, »in tolles Weltbild hatte« und »als großer Künstler doch mit beiden Beinen in der Welt stand«. Er sei persönlich »sehr schlagfertig« gewesen, »ein normaler, natürlicher Mensch, der das Leben genossen hat«, aber den »geselligen, aufrauschenden Festen«, wie sie unter den Sängerkollegen manchmal üblich waren, doch lieber fern geblieben war. Ein gemeinsamer Heurigenbesuch gehörte eher zu den Raritäten. Vielleicht sind aus diesem Grund auch so gut wie keine »persönlichen Geschichten« über Wiener erhalten. Leider kann ich Heinz Holecek, der auch ein Vorwort zu meinem Buch verfassen wollte, für seine wertvollen Beiträge nur mehr posthum danken. Denn am 14. April 2012, seinem 74. Geburtstag, ist der äußerst beliebte Sänger und Komödiant verstorben.

    Für den Bericht über eine sehr hübsche Begegnung mit Wiener danke ich Frau Eva Gipfl, die als Kind im Kinderchor des Österreichischen Rundfunks unter der Leitung von Prof. Wilhelm Waldherr gesungen hat. Einmal, im Jahre 1953, wurde in einer Kindersendung das Stück Rotkäppchen und der Wolf gestaltet, zu dem Waldherr die Lieder geschrieben hatte. Otto Wiener sang darin den Wolf und für die Rolle des Rotkäppchens fiel die Wahl auf die kleine Eva mit ihrer zarten Stimme. Wiener hatte in dem Stück auch ein Lied über den Mond gesungen und dabei zu den Kindern gescherzt, sie sollten nicht zu viel auf den Mond schauen, wobei er auf seine damals bereits etwas kahle Stirne gezeigt hatte. Frau Gipfl, die im Kinderchor mit vielen bekannten Sängern zusammengearbeitet hat, ist heute noch von der liebenswürdigen und humorvollen Persönlichkeit Wieners beeindruckt. Als sie dem Künstler 1985 eine Glückwunschkarte zum Geburtstag schickte, bekam sie prompt ein Antwortschreiben mit lieben Worten der Erinnerung an das »Rotkäppchen« und unterschieben vom »Wolf Otto Wiener«.

    Wichtige Informationen über Kammersänger Wiener erhielt ich außerdem von Herrn Prof. Dr. Harald Goertz, dem ehemaligen stellvertretenden Chordirektor der Wiener Staatsoper, Herrn Kammersänger Peter Weber, einem Schüler Wieners im Wiener Opernstudio sowie vom ehemaligen Direktor der Wiener Staatsoper, Herrn Joan Holender. Allen sei an dieser Stelle gedankt. Die vielen bedeutenden Dirigenten, unter deren Leitung Otto Wiener gesungen hat sowie die Intendanten der internationalen Opern- und Festspielhäuser, die ihn engagiert hatten, leben leider nicht mehr. Und von den namhaften Regisseuren, die mit Wiener gearbeitet haben, kann ich nur mehr Otto Schenk für seinen Bericht am Telefon, auf den noch zurückzukommen sein wird, herzlich danken. Ganz besonders zu Dank verpflichtet bin ich auch Herrn Gottfried Cervenka, der mich äußerst fachkundig und tatkräftig bei der Dokumentation der Tonträger von Otto Wiener unterstützt hat.

    Am meisten Privates über den Künstler konnte ich natürlich seitens der Familie Otto Wieners erfahren, insbesondere von Frau Dr. Gertrud Kühnel, der Nichte des Sängers und Mutter von Johanna Weißböck. Sie machte mich vor allem mit der Kindheit und frühen Jugend des Künstlers vertraut, wofür ich ihr ganz herzlich danke. Leider ist auch die Ehefrau Otto Wieners, die ebenfalls schon legendäre Rudolfine, die mich zweifellos mit zahlreichen Informationen hätte versorgen können, schon seit einigen Jahren verstorben, und Kinder sind aus der Ehe nicht hervor gegangen. Einiges an wichtigem Informationsmaterial verdanke ich jedoch Rudolfine Wieners Neffen, Herrn Dipl. Ing. Helmuth Skolaut. Und selbstverständlich danke ich ganz besonders Frau Dr. Johanna Weißböck, die mir nicht nur sämtliche Stücke aus dem Nachlass der Künstlers bereitwillig übergeben, sondern mir auch die für meine Arbeit erforderliche Infrastruktur zur Verfügung gestellt hat, wobei sie von ihrem Mann, Herrn Dipl.-Ing. Maximilian Weißböck, tatkräftig unterstützt wurde. Alle die Genannten haben sehr Wertvolles dazu beigetragen, das Bild eines großartigen Künstlers und Menschen nachzuzeichnen, der zwar der Vergangenheit angehört, in der Erinnerung aber noch sehr lebendig erscheint. Vielleicht kann dieses Buch ein wenig dazu beitragen, die Erinnerungen etwas aufzufrischen und auch jenen, die Otto Wiener nicht mehr selbst erleben durften, einen Eindruck seiner einmaligen Persönlichkeit zu vermitteln.

    Wien, im März 2014

    Rudolf Grossmaier

    Ein Star ohne Allüren


    Abb. 1: Otto Wiener privat

    In den Sechziger- und Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts gab es keinen Opernbesucher, namentlich in der Wiener und der Bayerischen Staatsoper, dem Otto Wiener kein Begriff war. Als Bassbariton, vor allem in Rollen Wagners und Strauss‘, sehr gefragter Gast aller großen Opern- und Festspielhäuser der Welt, galt Otto Wiener dennoch, vor allem in Wien, als Stütze des Ensembles. Denn ein solches gab es damals noch. International bekannte Stars wie Eberhard Wächter, Waldemar Kmentt, Christa Ludwig, Sena Jurinac, Walter Berry, Hilde Güden, Wilma Lipp, um nur einige zu nennen, gehörten diesem legendären Ensemble an. Auch Otto Wiener war ein wesentlicher Teil dieser heute bereits unglaublich anmutenden Einrichtung. In seiner humorvollen Art bezeichnete er sich selbst einmal als »eines der letzten wirklichen und auch bedeutenden Ensemblemitglieder der Wiener Staatsoper«. Damit traf Wiener natürlich den Nagel auf den Kopf, denn er sang in diesem Haus die größten und schwersten Partien seines Faches ebenso wie die kleineren, aber nicht minder wichtigen Rollen in den unterschiedlichsten Opern und in verschiedenen Sprachen. Er war überall dort zur Stelle, wo man ihn brauchte. Daneben war er als ausgezeichneter Konzertsänger äußerst begehrt, wie die Programmarchive der beiden großen Wiener Konzertveranstalter, Musikverein und Konzerthaus, aber auch jene der Salzburger Festspiele und des Grazer Domchors, eindrucksvoll belegen. Sein Repertoire war enorm und seine Musikalität ebenso. Heute wäre ein Sänger seines Formats ohne Frage als Weltstar zu bezeichnen – ein Begriff, der mit dem Namen Otto Wiener bei aller Wertschätzung und Popularität niemals in Verbindung gebracht wurde. Denn obwohl ihn sein Publikum liebte und ihn alle großen Dirigenten ebenso schätzten wie die Direktoren der führenden Opernhäuser, zog er seine Funktion als Mitglied des Ensembles der internationalen Karriere vor. Zudem blieb er trotz seiner großen Erfolge stets ein bescheidener, liebenswürdiger Mensch, ein Star ohne Allüren.

    Seine Stimme, ein kräftiger, eher hell und sehr charakteristisch gefärbter Bariton mit bemerkenswertem Stimmumfang, galt als Bassbariton und bot sich daher für die Interpretation der Heldenbaritonrollen in den Opern Richard Wagners an. Und obgleich ihm die für die großen Vertreter dieses Stimmfaches typische Düsternis des Timbres fehlte, zählte Otto Wiener dennoch zu den führenden Interpreten gerade dieser gewaltigen Partien. Doch so sehr seine Darbietungen als Wotan im Ring des Nibelungen oder als Titelheld im Fliegenden Holländer geschätzt und bewundert wurden – in einer Rolle war Otto Wiener zu seiner Zeit unübertroffen: als Hans Sachs in den Meistersingern von Nürnberg. Wagners Schusterpoet war ihm förmlich auf den Leib und in die Kehle geschrieben, er verkörperte ihn nahezu 300 Mal auf allen großen Opernbühnen der Welt. Neben den Opern Wagners galten viele der bedeutenden Charakterrollen in den Werken Richard Strauss' als Wieners Domäne, so der Faninal im Rosenkavalier, der Musiklehrer in Ariadne auf Naxos, der Jochanaan in Salome, der Orest in Elektra und ganz besonders der La Roche in Capriccio. Den Barak in der Frau ohne Schatten sang er leider nur ein einziges Mal, dafür aber unter Herbert von Karajan an der Wiener Staatsoper. Die vier Bösewichter in Offenbachs Hoffmanns Erzählungen charakterisierte er stimmlich und darstellerisch souverän, ebenso den Borromeo in Pfitzners Palestrina, und als Don Pizarro in Beethovens Fidelio bestach er freilich mehr durch Ausdruck und Stimmkultur als durch Dämonie. Und immer wieder beeindruckte er in ausgesprochenen Charakterrollen, etwa als Blaubart in Bartóks Herzog Blaubarts Burg oder in der Titelrolle von Hindemiths Cardillac.

    Betrachtet man Otto Wieners gesamtes Rollenverzeichnis, so ist man mehr als verblüfft, denn er hat im Laufe seiner langen Sängerkarriere so ziemlich alles gesungen, was höhen- und tiefenmäßig zu seinem gewaltigen Stimmumfang passte, auch Rollen, die man heute gar nicht als typisch für ihn ansehen würde, etwa den tragischen Titelhelden in Mozarts Don Giovanni, den Torero Escamillo in Bizets Carmen, Verdis Rigoletto und Simon Boccanegra oder aber eine ausgesprochene Basspartie wie den Großinquisitor in Verdis Don Carlos. Dank seiner hervorragenden Musikalität und seiner sängerischen und darstellerischen Intelligenz waren ihm so gut wie keine Grenzen gesetzt. Immer wieder sang er – und auch das ist charakteristisch für ihn – den Sprecher in Mozarts Die Zauberflöte, eine zwar kleine, aber im Spielplan eines Opernhauses eminent wichtige Rolle. Mit dieser verabschiedete er sich auch am 13. Februar 1986, nach einer langen Karriere, von der Opernbühne.

    Otto Wiener hatte sich 1986 zwar von der Opernbühne zurückgezogen, nicht aber von der Oper selbst. Denn Direktor Egon Seefehlner hatte ihm bereits 1976 die Leitung des Nachwuchsstudios der Wiener Staatsoper, die Betreuung junger, angehender Opernsänger, anvertraut. Es erscheint fast überflüssig zu erwähnen, dass sich Wiener dieser Aufgabe mit derselben Hingabe widmete wie der Gestaltung seiner zahlreichen Partien auf der Bühne. Die Weitergabe seiner ungeheuren Kenntnisse und Erfahrungen an junge Sängerinnen und Sänger gehört damit ebenso zu seinem künstlerischen Vermächtnis wie seine zahlreichen Tonaufnahmen, die Zeugnis von Wieners unverwechselbarer musikalischer und interpretatorischer Gestaltungskraft ablegen.

    Ein Wiener namens Wiener


    Abb. 2: Otto Wieners Eltern

    Immer wieder hatte es Journalisten und Kulturberichterstatter aus aller Welt amüsiert, dass der bekannte und beliebte Kammersänger Otto Wiener tatsächlich aus Wien stammte. Zudem entsprach das Erscheinungsbild Otto Wieners ja genau dem, was man sich allerorts unter einem typischen Wiener vorstellt: Eine liebenswürdige, lebenslustige, humorvolle, charmante, weltgewandte und dennoch bescheidene Persönlichkeit. Dem Namen »Wiener« begegnet man in Wien ja auf Schritt und Tritt, man blicke nur ins Telefonbuch: Die Wiener Staatsoper, die Wiener Philharmoniker und die Wiener Sängerknaben seien als prominente Vertreter für die zahllosen Einrichtungen und Personengemeinschaften genannt, deren Namen mit »Wiener« beginnt. Dazu kommen auch immer wieder bedeutende Einzelpersonen dieses Namens in Wien, etwa der bekannte Kabarettist, Komponist und Textdichter Hugo Wiener. Was aber heute kaum jemand mehr weiß, ist die Tatsache, dass der berühmte Opern- und Konzertsänger ursprünglich gar nicht Wiener geheißen hatte, sondern als Otto Wieninger zur Welt gekommen war. Seine väterlichen Vorfahren stammten aus einem kleinen Ort namens Wiening an der Iller in Oberbayern und siedelten sich später als Weinhauerfamilie im Weinviertel in Österreich an. Der Name Wieninger ist ja wohl allen Liebhabern edler Weine ein Begriff, denn so heißt heute einer der prominentesten Winzer Wiens. Von einer echten Wiener Familie stammte Otto allerdings mütterlicherseits ab, denn die Familie Soucek war hier bereits seit dem 16. Jahrhundert ansässig.

    Ottos Vater, Julius Wieninger, wurde 1873 in Roseldorf, einem kleinen Ort in Niederösterreich, geboren und kam schon als Zehnjähriger nach Wien, um dort die Schule zu besuchen und danach im Lebensmittelgeschäft seiner älteren Schwester in die Lehre zu gehen. Später arbeitete er in einer großen Selcherei, wo er auch seine erste Frau, Berta Soucek, kennen lernte. Bald nach der Heirat eröffneten die beiden ihr eigenes Selcher- und Fleischhauergeschäft in Neubau, dem siebenten Wiener Gemeindebezirk, wo sie auch eine Wohnung in der Westbahnstraße 30 bezogen. Ihr Geschäft in der gleichen Straße auf Nummer 22 nannten sie »Die Würstelburg«. Die von ihnen produzierten Würste erfreuten sich großer Beliebtheit und wurden sogar bis nach Bad Ischl geliefert. Berta Soucek stammte aus einer sehr musikalischen Wiener Familie, deren einzelne Mitglieder sich immer wieder in ihrer Freizeit eifrig als Sänger oder Musiker betätigt hatten. Berta schenkte ihrem Mann zwei Söhne, Julius und Rudolf, doch sie verstarb sehr früh. Julius heiratete später ihre jüngere Schwester Helene, geboren 1882 in Wien. Sie war bei der Hochzeit erst 21 Jahre alt, eine sehr schöne Frau und von Beruf Lehrerin. Außerdem verfügte sie, die auch die Musikalität ihrer Familie im Blut hatte, über eine wunderbar reine Sopranstimme. Sie sang die Soli bei Messen in der Pfarre Schottenfeld in Wien-Neubau und leitete auch den Knabenchor der Pfarre St. Ulrich im gleichen Bezirk. Der Ehe entstammten zwei Kinder, Helene und Otto, der später als Sänger weltberühmt werden sollte.

    Otto Wieninger kam am 13. Februar 1911 in Wien zur Welt. Dass sein Geburtstag ausgerechnet auf den Todestag Richard Wagners, seines späteren Lieblingskomponisten, fiel, könnte wohl, wenn auch damals wahrscheinlich von niemandem beachtet, als Omen angesehen werden! Otto war vom Sternzeichen Wassermann, zu dessen Eigenschaften ein hohes Maß an Individualität, ein ausgeprägter Freiheitsdrang, aber auch sehr viel Toleranz und Hilfsbereitschaft zählen. In seiner Familie maß man aber nicht nur dem Datum der Geburt als Merkmal markanter persönlicher Eigenschaften viel Bedeutung bei, sondern auch dem Wochentag. Dieser war ein Montag, und noch Jahrzehnte später erzählte Ottos Schwester Helene vom Sprüchlein ihrer Mutter über die Eigenschaften eines Montagskindes: »Montagskind hat leichten Sinn, tändelt froh durch’s Leben hin.« Sie war überzeugt davon, dass dies genau auf Otto zugetroffen hatte, denn er war sein Leben lang sehr fröhlich, von einem umwerfenden Charme, hatte sehr viel Humor und erwies sich in allen Situationen als ein wahrer Lebenskünstler.

    Niemandem in seiner Familie war es aber wahrscheinlich damals bewusst, um welch künstlerisch bedeutendes Jahr es sich bei 1911 gehandelt hatte: Am 26. Januar erlebte im Dresdener Königlichen Opernhaus die Komödie für Musik von Richard Strauss Der Rosenkavalier nach dem Textbuch von Hugo von Hofmannsthal ihre triumphale Uraufführung. Und auch die Uraufführung von Hofmannsthals Jedermann fand noch in diesem Jahr, nämlich am 1. Dezember, im Berliner »Zirkus Schumann« unter Max Reinhardt statt. Am 18. Mai erlag der große Komponist, Dirigent und ehemalige Direktor der Wiener Hofoper, Gustav Mahler, fünfzigjährig einem Herzleiden. Seine Komposition Das Lied von der Erde erklang am 11. November in München zum ersten Mal. Und am 22. Juli gelangte die Neueinstudierung von Richard Wagners Die Meistersinger von Nürnberg durch Siegfried und Cosima Wagner zur Sensation der Bayreuther Festspiele. Wurde da dem kleinen Otto, der ja zu Richard Wagner schon seit seiner Geburt zumindest zahlenmäßig eine Verbindung hatte, bereits einiges Wesentliche in die Wiege gesungen? Gerade Rosenkavalier und Meistersinger sollten sich für ihn in seinem späteren Leben als äußerst bedeutungsvoll erweisen!

    Politisch hingegen begann sich die Situation in Österreich – damals noch die Österreichisch-Ungarische Monarchie unter Kaiser Franz Joseph I. – immer mehr zu verdüstern: Die nationalen Spannungen im großen Vielvölkerstaat wurden immer dramatischer. Am 18. Juli 1911 verlieh der Kaiser bei der Eröffnung des Reichsrates seinem Wunsch Ausdruck, das Verhältnis zwischen den Deutschen und den Tschechen in Böhmen möge sich entspannen. Bereits Ende März war das Abgeordnetenhaus der cisleithanischen Reichshälfte durch Ministerpräsident Richard Graf Bienerth-Schmerling aufgelöst worden. Bei den darauf folgenden Neuwahlen vom 13. bis 20. Juni gewannen die Deutschnationalen, -radikalen und -fortschrittlichen 25 Mandate hinzu. Die Christlichsozialen und Altklerikalen büßten ebenso wie die Sozialdemokraten Mandate ein. Paul Gautsch Freiherr von Frankenthurm bildete als Ministerpräsident seine dritte Regierung, blieb aber nur fünf Monate im Amt. Im November bildete Karl Graf Stürgkh eine neue Regierung, fand aber ebenfalls keine Lösung für die nationalen Gegensätze im Reich. Aber dafür gab es in diesem Jahr ein besonderes sportliches Ereignis: Nach mehr als drei Jahren fand in Dresden wieder ein Fußball-Länderspiel statt, bei dem die österreichische Auswahlmannschaft Deutschland mit 2:1 besiegte. Sollte man das auch als Omen interpretieren? Immerhin blieb Otto zeitlebens ein begeisterter Fußball-Fan, den bei der Fernseh-Übertragung eines wichtigen Matches niemand stören durfte.

    Als Otto drei Jahre alt war, brach der erste Weltkrieg aus, nachdem der österreichische Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gattin am 28. Juni 1914 in Sarajevo bei einem Attentat tödlich verwundet worden waren und Österreich in der Folge Serbien den Krieg erklärt hatte. Der Mechanismus des europäischen Bündnissystems verhinderte eine Begrenzung des österreichisch-serbischen Konflikts, und in der Folge traten auch Russland als Verbündeter Serbiens und das Deutsche Reich als Bündnispartner Österreich-Ungarns in den Krieg ein. Die ersten Jahre dieses

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