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Offensichtliches, Allzuoffensichtliches. Zweier Menschen Zeit, Teil 1: Von der Nachkriegszeit bis zur Gegenwart. Eine deutsche Geschichte

Offensichtliches, Allzuoffensichtliches. Zweier Menschen Zeit, Teil 1: Von der Nachkriegszeit bis zur Gegenwart. Eine deutsche Geschichte

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Offensichtliches, Allzuoffensichtliches. Zweier Menschen Zeit, Teil 1: Von der Nachkriegszeit bis zur Gegenwart. Eine deutsche Geschichte

Bewertungen:
5/5 (1 Bewertung)
Länge:
259 Seiten
2 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Dec 17, 2014
ISBN:
9783738667165
Format:
Buch

Beschreibung

Der Titel des vorliegenden Buches ist aus einer Wortspielerei mit Nietzsches Aphorismen "Menschliches, Allzumenschliches" entstanden.

Auch in "Offensichtliches, Allzuoffensichtliches" soll von einer "Kultur des freien Geistes" die Rede sein. Von einer Kultur des Denkens und Fühlens, die Offensichtliches, allzu Offensichtliches hinterfragt, durchdenkt, bezweifelt. Die das vermeintlich Selbstverständliche als ganz und gar nicht selbstverständlich erfasst, begreift und anschaulich macht.

Dazu bedient sich der Autor unterschiedlicher Disziplinen von den Geistes- über die Human- bis zu den Naturwissenschaften; mit ihrer Hilfe sollen verschiedenste Aspekte menschlichen Denkens, Fühlens und Seins ergründet werden.

Die äußere Form des Buches ist dem Briefwechsel des Autors mit seiner verstorbenen Frau geschuldet – einem Briefwechsel, wie er tatsächlich stattgefunden hat, jedenfalls derart hätte stattfinden können, einem Gedankenaustausch, der zweier Menschen Zeit von der gesellschaftlichen Erstarrung der Nachkriegszeit über die hoffnungsfrohen Erwartungen der Siebziger-Jahre bis zum Überwachungsstaat der Gegenwart widerspiegelt.

Auf diese Weise ist ein Briefroman entstanden, welcher den Dialog zweier Intellektueller reflektiert und, in erster Linie, nicht Erlebtes beschreibt, sondern vorzugsweise Hintergründe beleuchtet und namentlich Zusammenhänge analysiert. Der sich mit Fragen des Seienden, des Seins und des Menschseins beschäftigt. Gemäß den allumfassenden kantschen Fragen: "Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen?"

Und der in der alles entscheidenden Frage gipfelt: "Was ist der Mensch?"

Das vorliegende Buch ist Teil 1 des 2. Bandes einer Romantrilogie; der 1. Band ist unter dem Titel "Dein Tod war nicht umsonst" erschienen. Es ist all den Irrenden und Wirrenden gewidmet, die scheitern, ihrem redlichen Bemühen zum Trotz. Nicht gott- oder schicksalsgewollt, sondern durch anderer Menschen Hand, nicht zwangsläufig, sondern deshalb, weil Menschen Menschen, wissentlich und willentlich, Unsägliches antun.

Auch dieser 2. Band der Trilogie soll helfen zu erkennen: "In den Tiefen des Winters erfuhr ich schließlich, dass in mir ein unbesiegbarer Sommer liegt."
Herausgeber:
Freigegeben:
Dec 17, 2014
ISBN:
9783738667165
Format:
Buch

Über den Autor

Richard A. Huthmacher studierte u.a. Medizin, Psychologie, Soziologie und Philosophie; viele Jahre war er als Arzt tätig und ist nun Chefarzt im Ruhestand.


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Buchvorschau

Offensichtliches, Allzuoffensichtliches. Zweier Menschen Zeit, Teil 1 - Richard A. Huthmacher

liegt.«

Liebe Maria,

wunderbar, dass wir uns regelmäßig schreiben wollen (zumal in einer Zeit, in der Briefe außer Mode gekommen sind und fast nur noch Emails – ohne Rücksicht auf Form und Inhalt – »hingerotzt« werden).

Dass wir uns schreiben wollen, um das, was wir erlebt haben, rückschauend aufzuarbeiten (und ggf. das, was uns im Kommenden möglich erscheint, prospektiv zu erörtern).

Dass wir versuchen wollen, uns das, was Dir und mir widerfahren ist, erneut (oder auch überhaupt und zum ersten Mal) bewusst zu machen, um es dadurch, ggf. erst im Nachhinein, zu verstehen und (neu) zu bewerten.

Jedenfalls hoffe ich, dass in diesem Briefwechsel eine Zeitreise durch ein halbes Jahrhundert erlebter Geschichte entsteht – von der Nachkriegszeit bis zur Gegenwart.

Lass uns versuchen, dabei hinter die Kulissen zu blicken; mittlerweile sind wir alt und erfahren genug, Anspruch und Wirklichkeit, Vermeintliches und Tatsächliches, Sein und Schein zu unterscheiden.

Lass uns eklektisch vorgehen, also bewusst die Ereignisse, Hintergründe und Zusammenhänge auswählen, die nur für uns beide von Bedeutung sind, wie unbedeutend sie anderen auch erscheinen mögen.

Lass uns unser Wissen – von den Geistes- über die Human- bis zu den Naturwissenschaften – nutzen, um verschiedenste Aspekte menschlichen Denkens, Fühlens und Seins zu ergründen.

Lass uns ein Genre schaffen, das irgendwo zwischen (tatsächlichem wie fiktivem) Briefroman und Tagebuch, zwischen analytischen Erörterungen und höchstpersönlichen Gedanken, Gefühlen und Befindlichkeiten mäandert.

Lass uns so – ähnlich Peter Bamm, aber selbstverständlich auf unsere ganz eigene Art – ein kleines Zeitgemälde schaffen – subjektiv sicherlich, insofern willkürlich, aber eben das zweier Menschen Zeit.

Ich weiß, dies ist ein großes Unterfangen. Aber nur so können wir – trotz alledem und alle dem, das uns widerfahren ist – zu Camus´ Erkenntnis gelangen: »In den Tiefen des Winters erfuhr ich schließlich, dass in mir ein unbesiegbarer Sommer liegt.«

Meine Liebe,

bin heute wieder durch München geschlendert; kam mir so unendlich fremd vor zwischen all den unbekümmerten, wohlgelaunten, bisweilen geradezu überschwänglich wirkenden Menschen.

Geht es ihnen wirklich so gut? Oder sind sie nur dermaßen unbedarft, dass sie ihr Elend nicht realisieren? Vielleicht auch deshalb, weil sie ein paar bunte Pillen eingeworfen, ein wenig Ritalin oder Ähnliches geschluckt haben.

Ich weiß, wie diese Substanzen wirken; oft genug habe ich sie selbst ausprobiert. Früher hießen sie AN1 oder Tradon. Zuvor Captagon, liebevoll Capi genannt. Davor Pervitin. Im Krieg erhielt letzteres den Spitznamen Panzerschokolade oder auch Hermann-Göring-Pillen oder Stuka-Tabletten. Zunächst nur im Kampfeinsatz verabreicht, war es später an jeder Trinkbude erhältlich, beispielsweise als sogenannte Hausfrauenschokolade (in Form von Pervitin-Pralinen). Heute wird es in Hinterhöfen als Crystal Meth zusammengebraut. Es nimmt (vorübergehend) die Angst, steigert die Leistungsfähigkeit ins vermeintlich Unermessliche, macht dich zum gefühl- und seelenlosen Zombie, treibt dich vor dir selbst her, bis du zusammenbrichst. Das nennen die Psychiater dann Burnout.

Bereits Reichsgesundheitsführer Conti, u.a. Chef der Reichsärztekammer und Teilnehmer an der »Brandenburger Probevergasung« (so wurden »vergleichenden Tötungen« genannt, die alternativ durch Injektionen oder in Gaskammern erfolgten!), führte im März 1940 in eine Rede vor dem NSD-Ärztebund wie folgt aus:

»Wer Ermüdung mit Pervitin beseitigen will … kann sicher sein, dass der Zusammenbruch … eines Tages kommen muss … das Mittel … darf … nicht angewendet werden bei jedem Ermüdungszustand … Das muss uns als Ärzten … einleuchten.« (Kannst Du ggf. nachlesen bei Steinat, J. A.: Ernst Speer [1889-1964]. Leben – Werk – Wirkung. Dissertation, Medizinische Fakultät der Eberhard-Karls-Universität, Tübingen, 2004. Oder im Internet unter »Ernst Speer [1889-1964], Leben – Werk – Wirkung« sowie bei Vormbaum, T. [Hg.]: »Euthanasie« vor Gericht.

Die Anklageschrift des Generalstaatsanwalts beim OLG Frankfurt/M. gegen Dr. Werner Heyde vom 22. Mai 1962. BWV, Berlin, 2005, Seite 156.)

Derartiges Gift wird heute bereits Schulkindern verabreicht; wohlgemerkt, verordnet von Ärzten! Beispielsweise als Ritalin. Gegen das sog. ADS (Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom) oder auch gegen das ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-, auch Zappelphilipp-Syndrom). Anstatt die Kinder zappeln zu lassen. Was eine kindgerechte Reaktion ist, wenn bereits die Kleinsten in ihrem natürlichen Bewegungsdrang eingeschränkt, in Kindergarten und Grundschule zum Funktionieren gezwungen, an einer kindgemäßen Entwicklung gehindert werden.

Ein Gift jedenfalls, das Kindern verabreicht wird, damit sie irgendwelchen Schulschrott in sich hineinfressen, der sie (im Allgemeinen) nicht im Geringsten interessiert.

Das ihnen verabreicht wird, damit sie funktionieren. Von Kindesbeinen an. Denn nur was sich früh krümmt, lässt sich später biegen. Ohne Rücksicht auf Verluste.

Solche »Medikamente« werden zudem verordnet, ohne über irgendwelche Kenntnisse hinsichtlich ihrer Langzeitwirkung – insbesondere auf das äußerst plastische, (im tatsächlichen wie übertragenen Sinn) ausgesprochen formbare kindliche Gehirn – zu verfügen.

Selbst Heinrich Hoffmann würde sich im Grabe herumdrehen, wenn er davon wüsste. Dagegen wirkt der autoritäre Erziehungsstil seines Struwwelpeters fast schon harmlos.

Jetzt plant die Pharmaindustrie ernsthaft, Neuroleptika in großem Stil bei Kindern anzuwenden (vielleicht weißt Du, dass die ersten Neuroleptika als »chemische Lobotomie« beworben wurden; Lobotomie ist jene grauenvolle Gehirnoperation, von der ich Dir kürzlich erzählt habe und die aus Menschen geistige und emotionale Krüppel macht)!

Ich erinnere mich, dass seinerzeit, als ich meine erste Praxis übernahm, schätzungsweise 30 bis 40 Prozent der Patienten von Benzodiazepinen, namentlich von Valium abhängig waren. Und dass ich meine Praxis fast in den Ruin trieb, weil ich meinen Patienten eine kritiklose Verordnung dieser und anderer Suchtmittel verweigerte, weshalb sie zu umliegenden Ärzten abwanderten, die sorgloser (und geschäftstüchtiger) mit der Verschreibung von Suchtstoffen umgingen.

Wieviel soziales und psychisches Elend muss es in unserer Gesellschaft geben, wenn so viele Menschen glauben, nur überleben zu können, indem sie sich »zudröhnen«?

In der Tat: Jede Gesellschaft hat die Drogen, die sie verdient!

Als ich dann weiter durch die Innenstadt schlenderte, sah ich am Max-Joseph-Platz, an der Ecke Perusa-/ Residenzstraße, in den Schaufenstern Luxusuhren, die 100.000

Euro und mehr kosten; um die Ecke herum, 100 Meter weiter in der Residenzstraße, stand ein durchaus nicht abgerissen wirkender Mann mittleren Alters, der die Straßenzeitung BISS (Bürger in sozialen Schwierigkeiten – welcher Euphemismus) verkaufte. Aus Mitleid und mit dem schlechten Gewissen, nicht mehr für ihn tun zu können, kaufte ich ihm eine Zeitung ab – und rieb mir verwundert die Augen, als justament in diesem Augenblick ein Maserati neuester Bauart vorfuhr und der Fahrer, in offensichtlich bestem Einvernehmen mit dem Verkäufer, von diesem die Verkaufserlöse entgegennahm. Wird selbst hier noch ein Geschäft mit der Armut betrieben?

Hallo, mein Schatz,

Du hast vollkommen Recht; selbst oder gerade mit der Armut wird ein Riesengeschäft gemacht. Ich habe diesbezüglich ein wenig recherchiert und werde Dir die Ergebnisse zumailen; vielleicht kannst Du ja das Eine oder Andere für Dein neues Buch verwenden.

Jedenfalls handelt es sich hier tatsächlich um einen Wirtschaftszweig mit einem beeindruckenden Volumen (von beispielsweise – allein in Deutschland – fast 50 Milliarden Euro im Jahr 2010, wobei nur etwa die Hälfte für Hartz-IV-Empfänger selbst ausgegeben wurde) und mit ebenfalls beachtlichen Wachstumsraten. Der Branche geht es wirtschaftlich umso besser, je mehr Menschen auf staatliche Hilfe angewiesen sind. Nicht nur private Fortbildungseinrichtungen und Arbeitsvermittler, sondern auch Rechtsanwälte, selbst regelrechte Wohlfahrtskonzerne sind Nutznießer; Hartz IV ist der Motor, der die Armutsindustrie antreibt und beschleunigt. Nicht nur Kredit-Haie tummeln sich im Hartz-IV-Geschäft; selbst TÜV und DEKRA treten hier, mit skurrilen Übungsfirmen und auf Staatskosten, gegeneinander an.

Auch Anwälte profitieren von dem Umstand, dass Sozialgerichtsverfahren für sozial Bedürftige (im Allgemeinen) kostenfrei sind. (§ 183 SGG: »Das Verfahren vor den Gerichten der Sozialgerichtsbarkeit ist für Versicherte, Leistungsempfänger einschließlich Hinterbliebenenleistungsempfänger, behinderte Menschen … kostenfrei.«) (Angesichts Geschwindigkeit und Qualität der Arbeit, welche die Arbeitsagenturen leisten) entsprechend groß ist dann auch die Prozesslawine vor deutschen Sozialgerichten; gar mancher Anwalt wirbt deshalb im Pommes-Büdchen für seine Tätigkeit.

Im Bereich der privaten Arbeitsvermittlung sind häufig straff organisierte Banden tätig; der Spiegel (1/2011) schreibt hierzu: »Die privaten Arbeitsvermittler sind sozusagen das Rotlichtmilieu im milliardenschweren Hartz-IV-Business, ihr Geschäft ist eine Art Kuppelei.«

Aus den ursprünglichen Armenspeisungen einer »Suppenküchen-Bewegung« haben sich regelrechte Wohlfahrtskonzerne mit bundesweit mehreren Millionen Stammkunden, einem beachtlichen Filialnetz sowie einem durch das Patentamt geschütztem Markennamen (Tafel®) entwickelt.

Aber auch die vermeintlich edlen Spender (Supermärkte ebenso wie Lebensmittelketten oder einzelne Geschäfte vor Ort) wittern das Geschäft: Nicht nur, dass sie unverkäufliche Ware kostenlos entsorgen können; vielmehr erhalten sie auch noch steuerwirksame Spendenquittungen – wohlgemerkt für den ursprünglichen Verkaufspreis, auch wenn es sich nur noch um Wegwerfware handelt.

Selbst die Immobilienindustrie schätzt die »Harzer«, denn diese treten Ihre Ansprüche gegen die Arbeitsagentur an die Vermieter ab, was für letztere eine maximale Einnahmesicherheit darstellt.

Hallo mein Schatz,

habe gestern die Verfilmung der Autobiographie von Janet Frame gesehen (»An Angel at My Table«, deutsch: »Ein Engel an meiner Tafel«). War zutiefst beeindruckt sowohl von dieser Frau, die 2004 im Alter von fast 80 Jahren verstarb und viele Jahre für den Literaturnobelpreis im Gespräch war, als auch von dem unsäglichen Leid, das man ihr angetan hat.

Aufgrund einer – wie sollte es bei der Willkürlichkeit psychiatrischer Diagnosen auch anders sein! – zu Unrecht angenommenen Schizophrenie wurde sie sowohl einer Insulinschock-»Therapie« unterzogen als auch, sieben Jahre lang, von 1947 bis 1954, mit einer Elektroschocktherapie, auch Elektrokrampftherapie (EKT) oder Elektrokonvulsionstherapie genannt, »behandelt«. In dieser Zeit erhielt sie 200 Elektroschocks; die Angst vor jeder einzelnen dieser als Therapie verbrämten Foltermaßnahmen war, ihrer Aussage zufolge, über die Maßen groß und wurde von ihr so empfunden, als stünde sie vor ihrer eigenen Hinrichtung.

Nur aufgrund des glücklichen Umstands, dass ihr just zu dem Zeitpunkt, als bereits eine Lobotomie geplant war, der »Hubert Church Memorial Award«, einer der zu dieser Zeit angesehensten neuseeländischen Literaturpreise, verliehen wurde, entging sie (äußerst knapp) dieser Horror-Operation, die aus Menschen zwangsläufig geistige und seelische Krüppel macht.

Zur Insulinschocktherapie (bezeichnenderweise im Englischen als Insulin Coma Therapy, ICT, und als Deep Insulin Coma Therapy, DICT, bezeichnet) ist anzumerken, dass diese seit (etwa) 1933 in der Psychiatrie angewendet wurde (als sogenannte Kombinations-Schock-Therapie auch in Verbindung mit der Elektrokrampf-Therapie). Und zwar zur »Behandlung« von so unterschiedlichen »Krankheits«-Bildern wie Psychosen, Depressionen oder Drogensucht.

In Wikipedia ist zur Insulinschocktherapiewie wie folgt nachzulesen: »Durch die Verabreichung von Insulin wurde eine Hypoglykämie (Unterzuckerung) künstlich herbeigeführt und der Patient über mehrere Minuten in einem Koma gehalten. Bei fehlenden … Wirkungen kam es bei wiederholter Anwendung zu irreversiblen geistigen Schädigungen – oder auch »nur« zum Verlust sämtlicher Erinnerungen …

und im Vergleich zur Elektrokrampftherapie häufiger zum Tod des Patienten.«

Die Elektrokrampftherapie (EKT) wurde 1937 von zwei italienischen Ärzten – Ärzten? – in die Psychiatrie eingeführt (deren unselige Namen, Ugo Cerletti und Lucio Bini, man sich merken möge, damit sie nicht dem Vergessen anheimfallen). Notabene: »Die ersten Versuche der beiden italienischen Ärzte erfolgten an einem von der Polizei zur Verfügung gestellten psychisch gesunden Menschen gegen dessen Willen« (DocCheck Medizinlexikon). Der Indikationsbereich der EKT ist weit gefasst; so wurde sie beispielsweise auch zur »Behandlung« homosexueller »Störungen« eingesetzt.

Jedenfalls besteht die Elektroschock-»Behandlung« darin, dass man durch (heute unilateral, früher beidseits) angebrachte Elektroden mehrere Sekunden lang (einen 600 mA starken) Strom durch den Kopf des bedauernswerten Opfers jagt, was zu Krampfanfällen führt. In der Regel erfolgen solche Applikationen (euphemistische Umschreibung von Torturen) mehrmals wöchentlich. Damit durch die ausgelösten Krämpfe nicht die Knochen des Opfers brechen und damit dieses sich nicht die Zunge abbeißt, erhält es vor dem Eingriff heutzutage eine Kurznarkose und ein Muskelrelaxans (muskelentspannendes Medikament) – wie elegant doch die Foltermethoden geworden sind.

Nichtsdestotrotz sind – heute wie früher – Verwirrtheitszustände, Gedächtnisstörungen und allgemeine Hirnschädigungen die Folge solcher Eingriffe – auch wenn die Psychiater uns anderes weismachen wollen.

Du weißt, dass ich seinerzeit der einzige Assistenzarzt in der Landesnervenklinik (Landeck, Klingenmünster) war, der sich derartigen Verbrechen verweigerte. Was letztlich dazu führte, dass ich »gegangen wurde«.

Der Wirkmechanismus der EKT ist bis dato unbekannt. Kaum verwunderlich. Insofern die bedauernswerten Patienten (also die im wahrsten Sinne des Wortes Leidenden) durch eine solche Folterbehandlung tatsächlich kurzfristig, aus einer tief depressiv katatonen Erstarrung gerissen werden, scheint mir dies, sarkastisch formuliert, einer Behandlung vergleichbar, bei der man dem Patienten mit dem Hammer auf den Kopf schlägt, worauf dieser, sofern er die Attacke überlebt, kurzzeitig aus seiner Stockstarre erwacht, was man dann als therapeutischen Erfolg betrachtet.

In den Siebziger- und Achtziger-Jahren verschwand die EKT fast vollständig aus den Psychiatrischen Anstalten, wesentlich bedingt durch eine Antipsychiatriebewegung, die von so großartige Menschen und Wissenschaftlern wie Basaglia, Ronald D. Laing, Jan Foudraine oder Michel Foucault repräsentiert wurde.

Im Neuen Jahrtausend (der Unvernunft, möchte man hinzufügen) feiert die Elektrokrampftherapie indes fröhliche Urstände!

Die Lobotomie ist gottseidank Psychiatrie-Geschichte. Der Eingriff machte ausnahmslos alle, die sich ihm unterzogen resp. unterziehen mussten (oft wurde die Einwilligung der Betroffenen nicht eingeholt bzw. durch das Einverständnis ihres jeweiligen Vormunds ersetzt), zu geistigen und seelischen Krüppeln; bei der Lobotomie werden bestimmte Nervenbahnen des Gehirns und Teile der grauen Hirnsubstanz durchtrennt. In Anerkennung seiner diesbezüglichen »wissenschaftlichen« Leistung wurde einem der Pioniere der Lobotomie, António Egas Moniz, 1949 der Nobelpreis für Medizin verliehen!

Ein anderer Pionier dieser an Frankensteins Gruselkabinett erinnernden Methode, der berühmt-berüchtigte Walter Freeman, bekannte offen: »Die Psychochirurgie erlangt ihre Erfolge dadurch, dass sie die Phantasie zerschmettert, Gefühle abstumpft, abstraktes Denken vernichtet und ein roboterähnliches, kontrollierbares Individuum schafft.« (Kannst Du nachlesen bei Breggin, P.R.: Elektroschock ist keine Therapie. Urban und Schwarzenberg, 1989, 175.)

Derartige Aussagen sind mehr als entlarvend, pars pro toto zu sehen und sozusagen pathognomonisch für Inhalte und Ziele der Psychiatrie.

Müssen Psychiater (jedenfalls die, welche sich solcher und ähnlicher, teilweise noch schlimmerer Methoden bedienen) mithin nicht selbst zutiefst unglücklich und lebensfeindlich sein, müssen sie nicht andere Menschen geradezu verachten, damit sie ihnen, unter dem Deckmantel vermeintlicher therapeutischer Hilfe, Derartiges anzutun imstande sind?

Und wie seelisch krank muss eine Gesellschaft sein, die psychisch Kranke wie solche Psychiater zu Hütern einer (krude definierten) seelischen Gesundheit macht, d.h. zu Hütern dessen, was unter dem Primat bedingungsloser Unterordnung und absoluter Leistungsbereitschaft als gesund – will meinen als dem Wohl der jeweils herrschenden Schicht opportun – definiert wird?

Jedenfalls sehen die Vertreter der Anti-Psychiatrie in ihrem anti-positivistischen, d.h. nicht kritiklos bejahenden, vielmehr radikal hinterfragenden Ansatz selbst in der Geistes-Krankheit noch einen Wahn-Sinn, nämlich den Sinn des Wahns, durch eine besondere Art des Denkens (und Fühlens) die Lebensprobleme zu meistern, die durch »normale«, d.h. durch übliche Denk- und Gefühlsmuster nicht (mehr) zu bewältigen wären.

So betrachtet ist Wahn-Sinn nichts anderes als eine besondere, symptomatische, auf die Bewältigung einer außergewöhnlichen Lebenssituation gerichtete Ausdrucksform menschlichen Seins. Und Wahn-Sinn und Geistes-Krankheit sind so gesehen lediglich als Extremformen eines Kontinuums von Geist und Sinn, von Geist und Seele einzuordnen.

Deshalb lassen sich Wahn-Sinn und Geistes-Krankheit nur philosophisch-metaphysisch deuten und verstehen; nicht von ungefähr laufen die Ansätze der (schulmedizinischen) Psychiatrie, die geistiges Kranksein als ein rein hirn-organisches und neuro-biologisches Phänomen betrachtet, ins Leere.

Lieber Reinhard,

ich habe Deine interessanten Gedanken aufgegriffen und ein wenig nachgedacht und nachgelesen.

Bezüglich Ronald Laing ist mir bekannt, dass er viele Konzepte, namentlich phänomenologische und existentialistische, aus der Philosophie übernommen hat und tiefgreifend von Sartre, aber auch von dem Religionsphilosophen Martin Buber beeinflusst wurde; im Grunde genommen steht hier die moderne Philosophie gegen den naturwissenschaftlichen Dogmatismus einer positivistischen Psychiatrie (in der Tradition von Kraepelin und Bleuler, die beispielsweise in der Schizophrenie eine rein organische Erkrankung sahen, weshalb sie diese auch als dementia praecox bezeichneten).

Schon früh veröffentlichte Laing seine beiden Hauptwerke »Das geteilte Selbst« und »Das Selbst und die Anderen«, die eine Einheit bilden, seine Schizophrenie-Theorie reflektieren und namentlich das In-der-Welt-Sein jedes Einzelnen analysieren.

In »Phänomenologie der Erfahrung« vertritt er (in Anlehnung an Buber) eine auf die je einzelne Person bezogene, sozusagen personalisierte Psychiatrie, die Menschen wie Menschen und Individuen, indes nicht

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