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Wein Zeit Mensch: Weinbau Geschichte & Geschichten

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Wein Zeit Mensch: Weinbau Geschichte & Geschichten

Länge:
353 Seiten
7 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
11. Nov. 2015
ISBN:
9783735748157
Format:
Buch

Beschreibung

Der Mensch hat es weit gebracht, seit er das Jagen und Sammeln an das Horn einer Trophäe hängte und sich einen festen Wohnsitz nahm. Hier beginnt die Geschichte des Weins, denn ohne Sesshaftigkeit gäbe es ihn nicht. Doch ein Wanderer ist der Mensch geblieben, als Entdecker, Eroberer, Flüchtling, Gastarbeiter, Krieger, Landnehmer, Missionar, Pilger oder Vertriebener. Den Wein nahm er mit, von seinem Ursprung im Zweistromland in den Mittelmeerraum, nach Europa und nach Übersee.
Die Rebe hat es weit gebracht. Sie wurde verbreitet, vermehrt, veredelt, gekreuzt und geklont Sie erkrankte lebensgefährlich durch Schädlingsbefall, wurde gehegt und gepflegt. Ihr Anbaugebiet dehnte sich aus und schrumpfte mit den klimatischen Veränderungen.
Mensch und Wein bilden eine Symbiose. Sie gehören zusammen.
Herausgeber:
Freigegeben:
11. Nov. 2015
ISBN:
9783735748157
Format:
Buch

Über den Autor

Der Autor lebte sechzehn Jahre im südlichen Afrika und gewann einen Einblick in den Diamantenbergbau. Er lernte Menschen aller Hautfarben, vieler Ethnien, Glaubensbekenntnisse und Überzeugungen kennen. In diesem Roman erzählt er die Schicksale von vier Generationen der Familie Nkumalo. Der Autor lebt heute am Niederrhein.


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Buchvorschau

Wein Zeit Mensch - Uwe Geilert

Der Mensch hat es weit gebracht, seitdem er das Jagen und Sammeln an das Horn einer Trophäe hängte und sich einen festen Wohnsitz nahm. Hier beginnt die Geschichte des Weins, denn ohne Sesshaftigkeit gäbe es ihn nicht. Doch ein Wanderer ist der Mensch geblieben, als Entdecker, Eroberer, Flüchtling, Gastarbeiter, Krieger, Landnehmer, Missionar, Pilger oder Vertriebener. Den Wein nahm er mit, von seinem Ursprung im Zweistromland in den Mittelmeerraum, nach Europa und nach Übersee.

Die Rebe hat es weit gebracht. Sie wurde verbreitet, vermehrt, veredelt, gekreuzt und geklont. Sie erkrankte lebensgefährlich durch Schädlingsbefall, wurde gehegt und gepflegt. Ihr Anbaugebiet dehnte sich aus und schrumpfte mit den klimatischen Veränderungen.

Mensch und Wein bilden eine Symbiose.

Sie gehören zusammen.

für Ute mit ganz liebem Dank für Unterstützung und Nachsicht, Geduld und fachfraulichen Rat.

Inhalt

Kapitel 1

Höhlenmenschen in der »Vor-Weinzeit«

Klimawandel

Der Zeitstrahl

Die Zeitrechnung

Wanderung

Der ganz besondere Saft

Kapitel 2 Die Antike

Der Ursprung

Zum Wein

Kapitel 3 Verbreitung des Weins

Persien

Die nördliche und die südliche Route

Die Levante

Ägypten

Kreta

Griechenland

Neuordnung im Mittelmeerraum

Die große griechische Kolonisation

Etrurien

Rom und der Ausbruch des Vesuvs

Hispania

Gallien

Ausbreitung des Weinbaus, Karte

Tabelle: Geschichte des Weinbaus

Rebsorten der Antike

Kelterung und Werkzeuge

Hefe und Gärung

Weinkonsum im alten Rom

Mythologische Bedeutung

Schnitt

In Vino Veritas

Kapitel 4 Das Mittelalter

Das Mittelalter, was ist das?

Der Übergang von der Antike zum Mittelalter

Christianisierung

Karl der Große

Die Klöster

Weltliche Fürsten

Sozialstruktur

Ausweitung von Produktion und Handel

Zinsverbot

Essgewohnheiten

Das Bier

Weinbaugebiete im nördlichen Europa

Zeiten des Mangels

Ritter und Kreuzzüge

Der Heilige Gral

Der Übergang zum Spätmittelalter

Das Spätmittelalter

Kapitel 5 Die Neuzeit

Die kleine Eiszeit

Frankreich

Bordeaux

Dijon und die Bourgogne

Die Champagner Story

Alsace - Elsass

Touraine

Gascogne

Italien

Marsala und Sizilien

Apulien

Toskana

Piemont

Lombardei

Venetien und Friaul

Südtirol

Spanien

Jerez de la Frontera

Málaga

Der Osborne Stier

Cava

Logroño

Toledo

Portugal

Die Korkeiche

Portwein

Die Balkanhalbinsel

Weinbau in Südosteuropa

Österreich

Griechenland

Retsina

Zypern

Malta

Schweiz

Türkei

Deutschland

Nürnberg

Regensburg

Landshut

Der Bauernkrieg

Die Mosel und der Riesling

Die Besenwirtschaft

Kapitel 6 Verbreitung des Weins nach Übersee

1504 - Mexiko

1516 - Argentinien

1532 - Brasilien

1541 - Chile

1547 - Peru

1562 - Vereinigte Staaten von Amerika

Transcontinental Railway

Zinfandel

Prohibition

1650 - Uruguay

1652 - Südafrika

»Schwarzer Wein« für das Weiße Haus

1788 - Australien

1819 - Neuseeland

Kapitel 7 Europa

Weinrecht von der Antike bis zur EU

Die Reblauskatastrophe

Weinflaschen

Flaschenverschlüsse

Kapitel 8 Welt

Stammbaum der Weinrebe

Autochthone Reben

Koscherer Wein

Weinhefen

Edelstahltanks

Weinetiketten

Terroir

Fliegende Önologen

Nachhaltiger Weinbau

CO2 Fußabdruck

Sammeln und Lagern

Synthetischer Wein

Wein in unserem Körper

Die Weinwelt in Zahlen

Ende der Zeitreise

Kapitel 1

Bedeutsame Veränderungen im sozialen Verhalten erfolgen nicht in Zeiten der Fülle, sondern des Mangels.

Höhlenmenschen in der »Vor-Weinzeit«

»Diesen Spanier musst du probieren!«

Meine Frau reicht mir ein Glas Rotwein, den sie just aus einem Karton gezapft hatte, einer »Bag-in-Box«. Ich stecke meine Nase in das Glas und studiere über seinen Rand hinweg die Angaben. Rebenreiner Monastrell aus Murcia mit 14% Alkohol, Bio-Anbau mit europäischem und spanischem Ökologie-Zertifikat, bestätigte Herkunft. Sattes Rubin.

Dann stutze ich. Die Dekoration auf dem Karton kommt mir bekannt vor. Eine Jagdszene im Stil der Höhlenmaler. Links zielen drei Männer mit Pfeil und Bogen auf Antilopen. Ich blättere durch meine Bücher und werde fündig. Das Motiv ist einer Felszeichnung in der Altamira-Höhle verblüffend ähnlich. Eine kreative Idee des Etikettendesigners.

Das Original ist weit über 10 000 Jahre alt. Will uns der Winzer weismachen, die spanische Weintradition reiche bis in die Zeit der Steinzeitmenschen zurück, bevor die Iberer und Kelten auftauchten? Sicher nicht, denn geologische Funde haben solches nicht bestätigt. Zumal Murcia im Süden Spaniens liegt, zwischen Valencia und Andalusien, Altamira jedoch an der kühlen und stürmischen Biskayaküste, mehr als 800 km nördlich, nicht wirklich eine Weingegend.

Die Höhle liegt nicht weit von Santander und war fünftausend Jahre lang von unseren Vorfahren benutzt worden, wahrscheinlich von etwa 16 000 v. Chr. bis 11 000 v. Chr. Dann muss der Eingang eingestürzt sein. So sagt die Wissenschaft. Seitdem war sie vergessen. Ein Jäger entdeckt den verschütteten Höheneingang erst 1868 durch den Zufall, dass sein Hund verschwunden war und er nach ihm suchte.

Heute steht sie auf der Welterbeliste der UNESCO. Leider ist sie Touristen seit 1979 nicht mehr zugänglich, weil die feuchtwarme Atemluft der Besucher und eingeschleppte Mikroorganismen auf den Felsbildern Schimmel und Beschädigung verursachten. Als Ausgleich wurde ein Teil der Höhle neben dem ursprünglichen Eingang in einer Halle für die Besichtigung rekonstruiert.

Es wird angenommen, dass der Einsturz des Höhleneingangs auf den zurückgehenden Permafrost in der kantabrischen Kordillere zurückzuführen ist, denn diese Epoche fällt zusammen mit dem Ende der großen Eiszeit. Eine bedeutsame Klimaänderung auf unserem blauen Planeten lässt die Temperaturen allgemein steigen. In ganz Europa befindet sich die Gletscherschmelze auf ihrem Höhepunkt.

Von nun an verbessern sich die Lebensumstände für Flora und Fauna. Die Kultur der Jäger und Sammler blüht auf, ihre Anzahl wird allmählich größer, ebenso ihr Nahrungsbedarf. Stetig müssen sie ihre Jagd- und Sammelreviere ausdehnen. Schließlich werden sie so zahlreich, dass der Bedarf an Zeit und Energie für die Beschaffung von Nahrung zu groß wird, um noch genügend Lebensmittel in die Höhlen zu bringen und den wartenden Anhang füttern zu können. Man muss sich etwas einfallen lassen.

Im Vergleich zu reinen Pflanzen- und Fleischfressern hat sich der Primat Mensch in seiner Entwicklung auf Mischkost eingestellt. Das Angebot ist breiter und krisensicherer. Aufgrund seiner größeren Population ist die Krise nun doch eingetreten. Er spürt das eherne Naturgesetz: Nur wer sich anpasst, überlebt. In der neuen, ungewohnten Mangelsituation entwickelt der Steinzeitmensch zwei Strategien.

1. Die Nomaden

In der Halbwüste Kalahari (Südafrika, Botswana, Namibia) traf ich auf Buschmänner, das Völkchen der San. Diese stolzen und freiheitsliebenden Menschen eröffneten mir einen winzigen Blick in unsere Vergangenheit. Die Verwandtschaft der San mit uns ist durch DNA-Analysen gesichert.

Drei Stärken haben ihr Überleben ermöglicht:

ihre Begabung zur Ausdauerjagd,

ihre tiefe Kenntnis der Natur und ihr Respekt vor ihr,

ihre hoch entwickelte Erzählkunst.

Sie folgten dem Wild auf seinen großen Wanderungen zu den besseren Weidegründen, beobachteten es genau und jagten soviel wie sie gerade benötigten. Kam die Zeit zum Weiterziehen, packten sie ihre einfachen Zelthütten aus Tierhäuten zusammen und machten sich auf den Weg. Archäologische Funde beweisen, dass sich ihr Lebensraum vom Kap bis nach Ostafrika erstreckte. Auch hier im südlichen Afrika erzählen die Höhlen, in denen sie Schutz fanden, von ihrem Leben. Sie sind mit Malereien geschmückt, die auf bis zu 26 000 Jahren Alter datiert werden.

In Südafrika können beispielsweise im Oranje-Freistaat und in den Cederbergen zahlreiche Höhlenmalereien besichtigt werden. Sie befinden sich völlig ungeschützt im Hügelland, in Tälern oder auf dem Gelände von Farmen. Dem günstigen Klima sei gedankt, dass die Höhlen so gut erhalten sind, dass man sofort einziehen könnte.

Nach dem Ende der letzten Eiszeit dehnen sich die tropischen Regionen Afrikas allmählich weit nach Norden aus. Die Sahara ist fruchtbare Savanne mit reichhaltiger Flora und Fauna. Jäger und Sammler folgen dem Angebot an Beute. Immer wieder halten sie ihre Erlebnisse in Bildern fest. Felszeichnungen, Ritzungen und Gravuren stellen alle uns bekannten afrikanischen Wildtiere von der Giraffe bis zum Krokodil dar. Dazwischen finden sich Selbstdarstellungen bei der Jagd oder beim Tanz ums Lagerfeuer.

Es muss ihnen gut gegangen sein. Wild, Wasser und Früchte waren ausreichend vorhanden, mehr als nur zu überleben. Sie hatten sogar die Muße, ihre Farben aus Tierblut, Holzkohle, Tierfett und Wasser zuzubereiten und ihre Wohnhöhlen zu dekorieren.

Durch spätere Klimaschwankungen gehen die Niederschläge wieder zurück, die Lebensgrundlage ist weg, und sie verlassen ihre Höhlen. Ein Teil von ihnen zieht sich nach Süden zurück, darunter die San, die sich dank ihrer Zähigkeit anderen Stämmen gegenüber bis zur Kolonisierung des südlichen Afrikas behaupten.

Der andere Teil zieht nach Norden und Osten. Viele schaffen es bis an den Nil. Vermutlich wird daraufhin der Bevölkerungsdruck dort so groß, dass Gruppen von ihnen dem Strom flussabwärts folgen und in Richtung Vorderasien trecken.

Einige von ihnen kommen nach dem derzeitigen Stand der Erkenntnisse schließlich ins fruchtbare Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris. Sie müssen die Bedingungen von Land und Klima so einladend gefunden haben, dass sie sesshaft werden. Sie waren »angekommen«. Es könnte sein, dass sich der Begriff »Paradies« von da an ins menschliche Tiefenbewusstsein eingegraben hat.

Von den San sind heute in Afrika nur noch Splittergruppen übrig. Sie werden ab dem 2. Jahrtausend v. Chr. von den Völkern der Bantu, deren Urheimat im heutigen Nigeria liegt, nach Südafrika, Botswana, Namibia, Angola, Sambia und Simbabwe zurückgedrängt.

Heute bilden sie kleine Minderheiten, meist Farmarbeiter. Die wenigen, die bis heute ihre ursprüngliche Lebensform beibehalten, dienen häufig dem Tourismus als Sehenswürdigkeit. Ihre archaischen Lebensräume sind durch Eisenbahnen, Straßen, Siedlungen und eingezäuntes Farmland auf ein Minimum reduziert. Ihren Traditionen wird heute eher musealer Wert zuerkannt. Die jeweiligen Regierungen bemühen sich, sie mehr oder weniger druckvoll in unsere moderne Gesellschaft zu integrieren, was häufig misslingt. Sie scheinen hier keinen Platz mehr zu haben, im doppelten Sinn des Wortes.

Die San und ihre Verwandten in anderen Erdteilen gehören eindeutig in die »Vor-Weinzeit«. Alkoholische Getränke waren nicht auf ihrem Speiseplan - bis der weiße Mann kam und ihr Leben gründlich umkrempelte. Alkohol dient den Ureinwohnern heute oft dazu, die ihnen freundlicherweise aufgedrängten »Segnungen« des weißen Mannes im Rausch zu ertränken. Eines Tages werden wir uns nur noch im Museum oder in der Literatur an sie erinnern können, an die freien Jäger und Sammler.

Sie sind die ältesten, noch lebenden Zeugen für die großen Wanderungsbewegungen in allen Kontinenten. Ihre Verwandten im Norden Afrikas sind es, die zusammen mit anderen den Grundstein zur Sesshaftigkeit und damit zum Weinbau legen.

2. Die Sesshaften

Wie gesagt: Das bisherige Sammeln und Jagen reicht nicht mehr zur Ernährung. Wo die Umstände besonders günstig sind, greift die andere Strategie, die ab ca. 10 000 v. Chr. einen Epochenwechsel einleitet. Die Sesshaften ziehen nicht mehr der Nahrung hinterher, sondern setzen sich mit ihrem Umfeld auseinander. Sie beginnen mit Ackerbau und Viehhaltung und entwickeln es zum Erfolgsmodell. Der australische Archäologe Vere G. Childe prägt dafür 1936 den Begriff der »Neolithischen Revolution«. Ein großes Wort. Es klingt fast wie Umsturz, Aufstand. Warum bei Jupiter vergehen dann aber noch über 5000 Jahre bis zur ersten Herstellung von Wein?

Der Wandel vollzieht sich eher sehr langsam. Schritt für Schritt bessern die ersten Sammler und Jäger ihren Speiseplan durch eigenen Anbau auf. Sie beobachten, lernen und üben. Es gibt Rückschläge. Die richtigen Werkzeuge fehlen ihnen, da muss improvisiert werden, denn Baumärkte mit Abteilung Gartenbau sind noch eine ganze Weile hin.

Das Verhältnis von Viehhaltung und Anbau zu Jagen und Sammeln verschiebt sich nur allmählich, je nach der Ergiebigkeit und dem Klima der Umgebung, maßgeblich in der fruchtbaren Gegend Mesopotamiens. Die ersten Gesellschaften geben bald die Wildbeuterei völlig auf. Sie wählen Siedlungsplätze und erwerben ihren Lebensunterhalt überwiegend durch Ackerbau, Viehzucht und Hirtenwesen. Die Sterblichkeit geht zurück, die Bevölkerung nimmt zu, und der Nahrungsbedarf steigt. Da braucht man regelmäßige Versorgung mit Lebensmitteln. Jetzt dient die Jagd nur noch zur Ergänzung des Speiseangebots.

Der Weinbau ist eine Zugabe der Natur, quasi die Nachspeise, doch vorerst nur im vorderen Orient. Denn die Ur-Rebe, die Ahnin der vitis vinifera ist nur im Gebiet des südlichen Kaukasus belegt. Von hier aus nimmt ihre erstaunliche Verbreitung ihren Anfang.

Fast gleichzeitig findet der Wandel zur Sesshaftigkeit auch in Südchina und Mittelamerika statt, während Süd- und Mitteleuropa erst ab 7 000 v. Chr. folgen. In einigen Gebieten Mittelamerikas setzt diese Entwicklung sogar erst ab etwa 5 000 v. Chr. ein.

Allerdings fällt die Neolithische Revolution nicht überall auf unserem Planeten auf »fruchtbaren Boden«. In arktischen Regionen, in Nordrussland und im Tropenwald-Gürtel treffen wir noch heute auf Jäger und Sammler.

Klimawandel

Wetter ist nicht Klima! Während der Meteorologe mit seiner Lupe Blick in die nächste Woche blinzelt, guckt der Klimaforscher mit dem Fernglas tausende von Jahren zurück, um eine intelligente Prognose für die nächsten hundert Jahre zu erstellen. Mit Hilfe der Radiokarbonmethode, der Analyse von Eisbohrkernen und Fossilien, Blütenpollen und Muschelschalen werden Temperaturmodelle entworfen. Je nach Gesichtspunkt weichen die stark von einander ab. Sie sind nicht für den gesamten Planeten einheitlich gültig, sondern variieren von Kontinent zu Kontinent und nach jeweiliger geografischer Breite.

Filtert man die örtliche Grundtemperatur heraus, ergibt sich eine Rekonstruktion der Temperaturschwankungen, der Veränderung rauf oder runter, zum Angenehmen oder zum Unangenehmen für den jeweils betroffenen Lebensraum.

Es ist ein Unterschied, ob sich ein bestimmtes Lebensumfeld anhaltend von zum Beispiel zwölf auf zehn Grad abkühlt oder von zwanzig auf zweiundzwanzig Grad erwärmt. Für den Menschen, der von seiner unmittelbaren Umgebung abhängig ist, können anhaltend fallende Temperaturen sogar Anlass sein, seinen Wohnort zu verlassen. Die Wanderung in Warmgebiete wird zur Überlebensstrategie. Die große Keltenwanderung ab dem 5. Jh. v. Chr. und die europäische Völkerwanderung ab ungefähr dem 4. Jh. n. Chr. lassen sich damit teilweise erklären. Die Welt ist noch dünn besiedelt. Reisepässe, Landesgrenzen mit Passkontrollen gibt es nicht. Man zieht einfach los. Und heute? Stellen wir uns vor, unser heimisches Klima würde sich um zwei Grad abkühlen ... Wohin dann?

Fort zu ziehen ist immer eine große Entscheidung. Beginnende Not, wachsender Hunger und zunehmende Kälte über längere Zeit sind Antrieb genug. Auf ihrem Weg treffen die Migranten in ihren Durchzugsgebieten auf den Widerstand derer, die geblieben sind. Es kommt zu Verdrängung, Kampf und Raub, siehe die Plünderung Roms 410 durch die Goten, die - einst im Ostseeraum zuhause - mit Kind und Kegel, Rind und Schaf und ihrer gesamten Habe nach Süden zogen,.

Die Liste der wandernden Völker ist lang: Hunnen, Sueben, Langobarden, Vandalen, Franken, Alemannen, Sachsen, Boier, Angeln, Alanen, Markomannen und andere mehr. Manche Völker wandern geschlossen. Oft sind es kleine Gruppen, die sich anderen anschließen. Verbände bilden sich und lösen sich wieder auf. Einige entscheiden sich, zu bleiben, andere ziehen weiter, wieder andere gehen in ihren Gastgesellschaften auf und ihre Spur verliert sich völlig.

Das angenehme Gegenteil ist die Erwärmung des Klimas. Der Mensch genießt den Überfluss der Natur. Die elementare Ernährung erfordert weniger Zeit. Er beginnt, die Natur zu beobachten, seine Gebrauchsgegenstände zu verzieren, seine Höhle zu schmücken und er schafft sich Annehmlichkeiten. Es ist die Geburtsstunde der Kunst und der Ansammlung von Erfahrung und Wissen.

Der Kalender

Wandern wir noch einmal in die Altamira-Höhle zurück. Ihr Speiseplan enthält, was den jagenden Männern vor Pfeil und Bogen kommt und was die sammelnden Frauen an Beeren und Früchten von den wilden Stauden und Büschen pflücken. Wein ganz sicher nicht. Im Winter essen sie Getrocknetes und zehren die in der üppigen Jahreszeit angefutterten Reserven ihres Körpers auf. Sie haben bereits Macht über das Feuer und können sich in ihrer Höhle wärmen. Im flackernden Halbdunkel beginnen sie, Bilder an die Felswände zu malen, die uns von der Jagd und Beutetieren berichten. Allerdings, von Hunger, Kälte, Krankheit und dem vorzeitigen Tod ihrer Kinder erzählen die Bilder nichts.

Sie waren unsere Urahnen, unsere sehr fernen Verwandten. Was wir heute tun, baut auf ihre Erfahrungen, ihre Fehlern und ihre Erfolge. Sie leben auf demselben Zeitstrahl wie wir heute, der mit dem Urknall beginnt und sich im Unendlichen verliert. Gibt es die »Unendlichkeit«? Gegebenenfalls für die kleinen, dummen Atome. Alles ist endlich, selbst unser Universum. Doch das Ende können wir nicht einmal erahnen. Astronomen erwarten, dass große Teile unseres Universums dereinst in ein Schwarzes Loch gesaugt werden und sich auf die Größe eines Tennisballs verdichten. Dann ist alles vorbei. Bis der Tennisball wieder explodiert. Dann beginnt alles von vorn.

Wir Menschen versuchen, uns durch Religionen Antworten auf die Frage nach dem Ende der Welt zu geben. Da ist der Begriff des Jüngsten Gerichts, des Tages der großen Abrechnung. Einige erwartet dann angeblich das ewige Leben, anderen droht das ewige Fegefeuer. Doch astrophysisch gesehen müsste die Veranstaltung mit Präsident, Beisitzern, Angeklagten, Klägern und Verteidigern dereinst im Schwarzen Loch verschwinden. Jetzt wird es philosophisch.

Wenden wir uns einmal dem Anfang zu. Entsprechend dem Standardmodell der Kosmologen beginnt alles mit dem Urknall vor 14 Milliarden Jahren, dem Big Bang. Unser Tennisball aus Materie explodiert, und in der sich schnell ausdehnenden Gaswolke bildet sich wieder Materie. Es formen sich Moleküle, Mineralbrocken, die Metalle, Sterne, Galaxien, Sonnen und Planeten ganz unterschiedlicher Größe, die in Gravitationsfeldern umeinander wirbeln.

In diesem Zusammenspiel ist unsere Erde etwas ganz besonderes. Langsam kühlt sich der Mantel ihres schmelzflüssigen Kerns ab. Beharrlich kreist sie um ihren Heizkörper Sonne, ohne ihm zu nahe zu kommen und sichert sich dadurch eine mittlere Temperatur von 15° Celsius, bei der sich biologisches Leben bilden kann. Im ansonsten lebensfeindlichen Universum ist das eine Rarität!

Das allerbeste jedoch ist unser Trabant. Die Erde und der Mond ziehen einander an. Da sie aber umeinander kreisen, hält sie die Fliehkraft auf Distanz, und der Mond stürzt nicht auf die Erde. Wie ein Tanzpaar auf dem Eis, das sich an den Händen hält, drehen sie ihre ewige Pirouette um die Sonne. Ihre gemeinsame Drehachse ist dabei leicht geneigt und taumelt nicht unkontrolliert im Raum. Dabei wendet die Erde der Sonne stets den Äquator zu, genau gesagt, den Streifen zwischen den beiden Wendekreisen. Durch dieses Phänomen entstehen die stabilen Klimazonen von den vereisten Polkappen bis zu den warmen Zonen am Äquator. Weil der Massenschwerpunkt des Mondes nicht im Zentrum der Mondkugel liegt, zieht die Erde die schwerere Seite an, und er zeigt uns immer sein »Gesicht«. Das bedeutet, der Mond rotiert einmal pro Erdumdrehung um seine eigene Achse, eine weitere Stabilisierung des Brummkreisels.

Die Rotation der Erde um ihre eigene Achse lässt Tag und Nacht aufeinander folgen, und die Schrägstellung der

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