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Der kurze TV-Beitrag

Der kurze TV-Beitrag

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Der kurze TV-Beitrag

Länge:
415 Seiten
4 Stunden
Freigegeben:
10. Dez. 2014
ISBN:
9783864960864
Format:
Buch

Beschreibung

Sieht man von Spielfilmen, Sport, Musik und Talkshows ab, scheint das Fernsehen fast nur noch aus Magazinen zu bestehen. Kurze TV-Beiträge sind zum vorherrschenden Format geworden. Fast jeder Fernsehjournalist hat damit angefangen, für viele sind sie Alltag.

Michael Schomers beschreibt die unterschiedlichen Varianten dieser kurzen Fernsehbeiträge und ihre Produktionsbedingungen – von der kurzen NiF (Nachricht im Film) bis zur 10-Minuten-Reportage. Unterhaltsam und mit vielen Beispielen aus der Praxis erklärt er die Produktionsabläufe von der Idee bis zur Ausstrahlung. Er zeigt, wie man ein Exposee schreibt, wie man mit seinem Protagonisten umgeht und wie ein Interview geführt wird.

Neben den journalistischen Fragen geht es aber auch um Formatierung, Inszenierung von Wirklichkeit und Dramaturgie – und darum, wie viel ein Film kostet. Empfehlungen zur Ethik des Fernsehjournalismus und kritische Gedanken über die Entwicklung des Fernsehens zu Häppchenkultur und Clip-Ästhetik runden das Buch ab.

Studenten, Journalisten, Praktikanten und Volontäre finden in dem Fachbuch einen kompetenten Ratgeber zur Planung und Produktion von kurzen TV-Beiträgen.
Freigegeben:
10. Dez. 2014
ISBN:
9783864960864
Format:
Buch

Über den Autor

Michael Schomers arbeitet seit fast 30 Jahren als Fernsehjournalist, Autor, Regisseur und Produzent. Mit seiner Firma Lighthouse Film hat er zahlreiche Fernsehbeiträge, Dokumentationen und Reportagen produziert.


Ähnlich wie Der kurze TV-Beitrag

Buchvorschau

Der kurze TV-Beitrag - Michael Schomers

hat.

1   Magazine, Magazine, Magazine

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Wenn man sich das Fernsehen heute betrachtet, so scheint es neben Spielfilmen und Unterhaltungsshows nur noch aus Magazinen zu bestehen. Ob Regionales, Wirtschaft, Politik, Kultur, Sport, Ausland, Boulevard – alles kommt im eintönigen Allerlei von kurzen Beiträgen, mal mit, mal ohne Moderation daher. Gegenstand dieses Buches ist der kurze TV-Beitrag, wie man ihn überall in dieser heute vorherrschenden Sendeform findet: dem Magazin. »Das Magazin ist eine Sendeform und die Ursache einer Medienepidemie: der Magazinitis. Tatsächlich hat sie die Hörfunk- und Fernsehprogramme fast vollständig erobert. Grob gesagt: Radio und Fernsehen insgesamt sind Magazin. Ob Verbrauchersendung oder Reiseratgeber, ob Wissenschaftsangebot oder Auslandsberichterstattung: Man sieht und hört fast nur Magazine«, meint der ehemalige WDR-Redakteur Albrecht Reinhardt.² Die Entwicklung von Magazinen im Hörfunk und Fernsehen ist mit dem Auftauchen von Werbung eng verknüpft. Entwickelt wurde das Magazinkonzept, wie so vieles, in den USA, vor allem im schnell entstehenden Tagesprogramm. Bis dahin waren tagsüber Halbstundenblöcke im Programm üblich, die aber stellten sich als zu lang heraus, denn das vorherrschende Hausfrauenpublikum hatte nicht so viel Zeit, um länger am Radio oder Fernseher zu verweilen. Kürzere Blöcke hatten darüber hinaus den Vorteil, dass sich mehr Werbung platzieren ließ. So entstanden immer mehr Magazine, in denen mehrere und unterschiedliche Themen in einer Sendung platziert wurden. Es entwickelten sich unterschiedliche kürzere Formen und Blöcke wie Nachrichten, Reportage, Interview und Hintergrundberichte. Der Vorteil: Es wurden unterschiedliche Interessen und Vorlieben der Zuhörer und Zuschauer angesprochen, diese konnten sich einen kurzen Bericht anschauen und sich dann weiter ihren Tagesgeschäften widmen. Dadurch gab es eine sehr abwechslungsreiche Gestaltung mit unterschiedlichsten Formen und einem sehr abwechslungsreichen Ablauf.

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Der kurze Fernsehbeitrag stellt die Fernsehmacher immer wieder vor neue journalistische Herausforderungen. Denn er ist in der Machart äußerst unterschiedlich. Fast jeder Fernsehjournalist hat einmal mit dem kurzen Fernsehbeitrag von drei bis acht Minuten Länge begonnen. Zum Beispiel mit einem Beitrag für Regionalmagazine wie »Aktuelle Stunde« (WDR), »Buten und binnen« (NDR), Landesschau (SWR), für Boulevardmagazine wie »Brisant«, für diverse Servicemagazine, das ARD- und ZDF-Morgenmagazin, für Kulturmagazine wie »Aspekte«, für Wissenschaftsmagazine, aber auch für Nachrichtensendungen und Sondersendungen wie »Brennpunkt« für Auslands- und Reisemagazine oder Sendungen wie »Abenteuer Leben« (KABEL I). Und auch die kleinen Einspielfilme, wie sie heute in vielen Studioformaten und Talkshows üblich sind, gehören dazu. In der knappen Zeit ein aktuelles Thema, eine Hintergrundgeschichte oder ein Servicethema auf den Punkt zu bringen ist nicht einfach. Oft werden diese Beiträge unter großem Zeitdruck produziert, vor allem für die Nachrichtensendungen. Die Magazinbeiträge müssen sehr um die Aufmerksamkeit des Zuschauers kämpfen. Denn anders als bei längeren Filmen, die sich der Zuschauer bewusst aussucht, meistens jedenfalls, muss der einzelne Beitrag erst die Aufmerksamkeit für sein Thema gewinnen, denn das Format (Service-, Wirtschaftsmagazin etc.) gibt nur den Rahmen vor.

Ein ganzer Kleinbus voll Equipment, Gepäck, Zelte und Lebensmittel für eine zweiwöchige Drehreise in die mongolische Wüste Gobi.

2   Trivialisierung des Fernsehens

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Der kulturelle Niedergang des Fernsehens ist oft beschrieben und beklagt worden. Bei den kommerziellen Sendern, das sollte eigentlich jeder wissen, geht es nicht um die Qualität, sondern nur um Profit.³ Und der soll vor allem mit Unterhaltung gemacht werden. Das Strickmuster ist dabei sonnenklar: Die dramaturgischen Strukturprinzipien beim RTL-Magazin »Explosiv« hat der Kollege Peer Schader einmal beschrieben: »Schritt 1: ein geeignetes Thema finden (das sind bei RTL nach wie vor Schmuddelthemen oder die beliebten Themenkombinationen aus »Oberweite und Prominenz«). 2. Schritt: Die Protagonisten ins Lächerliche ziehen und Schritt 3: Neue Opfer suchen.«

Aber zumindest bei den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten sollte man doch etwas anderes erwarten, meint man. Aber auch dort geht es bei den Verantwortlichen schon seit vielen Jahren kaum noch um Qualität, sondern nur noch um die Quoten. Und dafür ist offenbar jedes Mittel recht. Im Januar 2011 veröffentlichte die Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm (AG DOK) ein internes Papier des SWR. Es geht darin um die »Landesschau«, ein tägliches regionales Magazin. In der Einleitung heißt es dort noch vollmundig: »Menschen stehen im Mittelpunkt, sind betroffen, wir blicken auf ihr Schicksal. Oder sie erleben etwas Schönes, etwas Besonderes, was einem normalerweise nicht so oft begegnet, was schöne oder sogar überwältigende Emotionen in ihnen auslöst.«⁵ Aber im Weiteren wird schnell klar, wie man sich das vorstellt.

Denn als Aufmacher für das Magazin schlagen die (unbekannten) Autoren Folgendes vor: »Schicksal, Sex & Crime und Katastrophe. Wenn noch dazu Kinder, Prominente oder Tiere betroffen sind, erhöht das die Anziehungskraft des Aufmachers

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auf den Zuschauer zusätzlich. Ebenso, wenn Geld (Betrug, Bankraub, Raubmord) eine Rolle spielt. Emotionen wecken (…) soll der Aufmacher aus dem Rotlicht-Blaulicht-Milieu.«⁶ Die AG DOK dazu: »Das Papier stammt ›aus der Ideenschmiede des SWR in Mainz und legt den Mitarbeitern u. a. nahe, die Themen ›zwischen Blaulicht und Rotlicht‹ zu suchen. ›Sex sells‹ – auch dort, wo eigentlich seriöse Information mit öffentlich-rechtlichem Gebührengeld angesagt wäre.‹«⁷ Dass das Papier nicht ohne Folgen geblieben ist, war schnell zu merken: Als vorläufigen Höhepunkt der Trivialisierung gab es im Januar 2011 in der Landesschau eine Liveschaltung in einen Swingerclub. Wohlgemerkt: in einem regionalen Magazin, um 18:45 Uhr. Sex sells.

3   Themenfindung

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Am Anfang steht die Idee. Konkreter gesagt: die Idee für ein Thema. Als Journalist – und besonders als freier Journalist – ist man eigentlich immer auf Themensuche. Immer hofft man auf neue Ideen, neue Themen, auf die bisher bestimmt noch niemand gekommen ist und die man als Fernsehbeitrag umsetzen kann. Aber woher kommen diese Ideen? Ideen kommen von überall. Ein Artikel in der Zeitung, im Internet, ein Gespräch im Zug oder Wartezimmer, eine Sendung im Fernsehen oder Radio, im belauschten Gespräch im Café oder dem Telefongespräch mit einem Freund. Überall kann die Kreativität angestoßen und angeregt werden. Und plötzlich kommt der Gedanke, »das wäre doch auch etwas fürs Fernsehen«. Eine der wichtigsten Quellen für Ideen sind regionale Zeitungen, denn die Kollegen in den Lokalredaktionen vor Ort sind viel »näher dran« und bekommen daher vieles viel früher mit. Dort finden sich auf den lokalen Seiten interessante Menschen und spannende Geschichten. Vielfach muss man sie sich »übersetzen«, d. h. aus der lokalen auf eine allgemeinere Ebene holen. So kann durchaus der Bericht über einen Bauern aus der Region und dessen Tagesablauf auf seinem Hof Ausgangspunkt für einen Film über EU-Subventionen in der Landwirtschaft werden und der porträtierte Bauer ein wichtiger Protagonist in diesem Film. Ausgangspunkt war vielleicht nur ein einziger Satz in dem Artikel oder dem Interview. Oder man liest etwas über einen interessanten Menschen und wird so angeregt, nach einem ähnlichen Protagonisten zu recherchieren, der aus dem Sendegebiet stammt.

Aber man darf nicht meinen, man sei der einzige, der – z. B. – in der Wochenendbeilage des KÖLNER STADTANZEIGERS die Reportage über den rollenden Lebensmittelwagen in der Eifel gelesen hat. Gerade in Köln liest natürlich jede Redakteurin die größte Zeitung der Stadt und der Region. Und Tausende von freien Kollegen tun es auch. Und so ist es durchaus möglich, dass eine Woche später die Redaktion mehrere Themenvorschläge für die gleiche Fernsehreportage auf dem Tisch hat. Aber: nicht zu früh aufgeben, es kann durchaus auch mal sein, dass man alleine auf diese Idee gekommen ist (und wenn vielleicht nur, weil andere Kollegen dachten, das habe sowieso keinen Zweck). Bei mir landen viele solcher Artikel mit interessanten Themen in meiner »Themenschublade«, die in Wahrheit ein Sammelordner ist, in den ich solche Artikel einfach unsortiert reinstecke. Eben eine Sammelecke. Ab und zu, meistens ein- bis zweimal im Jahr, blättere ich ein wenig darin herum. Manchmal finde ich dort Anregungen durch Artikel, die viele Jahre alt sind. Ist das

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Klauen? Das Thema eines Kollegen nehmen und daraus einen eigenen Themenvorschlag machen? Ja und Nein. Ja, weil ja in der Tat die Arbeitsergebnisse, die Recherche eines Kollegen Grundlage meiner Arbeit ist. Nein, weil er ja seine Arbeit abgeschlossen und veröffentlicht hat. Und wo hat der Kollege sein Thema her? Oft auch aus journalistischen Quellen. Wir alle greifen Themen auf, an denen bereits andere gearbeitet haben und die wir dann nutzen. Ein Unterschied ist es für mich nur, wenn ich den Kollegen direkt anspreche, seine Recherchen und Kontakte nutzen will, Hintergründe und mehr wissen möchte, als er veröffentlicht hat. Dann sollte man so fair sein und darüber sprechen, wie die Arbeit des Kollegen vergütet wird. Ich vereinbare in solchen Fällen ein Beratungshonorar, für den Fall einer beruflichen Nutzung, d. h. falls ich den Film realisiere.

Manchmal setze ich mich auch in den Café und lese die dort ausliegenden Zeitungen, bzw. blättere sie zumindest durch. Man kann ja nie wissen, ob man nicht etwas Interessantes dabei findet. Aber bei der Themenfindung geht es um mehr als nur die Idee. Sie ist der Ausgangspunkt, aber bevor sie »Realität« wird und die Form eines konkreten, gestalteten Exposés annimmt, muss sie noch mehrere Prüfungsinstanzen durchlaufen. Das erste ist die Frage, ob sie auch »trägt«, wie wir sagen. Damit ist gemeint: Eignet sie sich auch als Filmgeschichte? Habe ich eine Idee, wie sich das filmisch realisieren lässt? Jetzt gehen die Überlegungen in zwei Richtungen: als Erstes muss die Grundidee sehr konkret werden. Welche konkrete Geschichte will ich erzählen? Wo finde ich Protagonisten, Interviewpartner, Bilder? Auf die Bildideen gehe ich in diesem Buch noch ein.

Zweitens sollte ich ziemlich am Anfang recherchieren, welche Filme/Beiträge es bereits zu dem Thema gegeben hat. Denn je schneller ich feststelle, dass das Thema bereits in zwei Magazinen in den vergangenen drei Monaten behandelt wurde, desto eher kann ich mich einem neuen Thema zuwenden, das dann hoffentlich auch realisierbar ist. »Du denkst immer nur an Verwertung«, hat mir einmal ein Freund scherzhaft gesagt. Aber da ist ja etwas dran: Ich verdiene seit dreißig Jahren meine Brötchen als Fernsehjournalist und dazu gehört auch, auf die Effektivität der eigenen Arbeit zu achten. Ich versuche also sehr schnell zunächst festzustellen, ob und welche Filme es zu dem Thema bereits gegeben hat. Dazu kann man im Internet recherchieren – mittlerweile haben fast alle Sender auf ihren Internetseiten auch Archive, die aber leider heutzutage oft nicht sehr weit zurückreichen.

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Bei den ersten Recherchen sollte man seine Gesprächspartner auch danach fragen. Meistens landen recherchierende Journalisten bei den gleichen Ansprechpartnern, bei Betroffenen, Verbänden, Organisationen, Instituten, Experten etc. Und alle diese Fachleute wissen meistens genau, wer und wo über das Thema bereits berichtet hat, oft sogar, wer gerade aktuell an einem Beitrag arbeitet. Wenn ich dann feststelle, dass meine Idee bereits mehrfach realisiert wurde, sehe ich das mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Weinend, weil das Thema weg ist, lachend, weil ich sehe, dass ich wohl richtiggelegen habe und es wirklich ein Thema war. Nur schade, dass ich es nicht realisieren konnte.

3.1  Sind Ideen geschützt?

Ja und nein, muss man darauf antworten. Zunächst einmal: Ideen und Themen liegen sozusagen auf der Straße. Und so können natürlich mehrere Autoren auf einmal auf den Gedanken kommen, ein und dasselbe Thema vorzuschlagen – vielleicht, weil sie alle den gleichen Artikel in der Lokalzeitung gelesen haben. Je allgemeiner die Idee ist, desto weniger ist sie geschützt. Und umgekehrt: je mehr ich sie ausgearbeitet und ihr damit quasi meinen eigenen künstlerischen Stempel aufgedrückt habe, also ein neues, originäres »Kunstwerk« daraus geschaffen habe, desto mehr gilt das Urheberrecht. Das ist im Bereich des dokumentarischen Fernsehens sehr schwer und beim kurzen TV-Beitrag fast unmöglich. Nehmen wir an, ich habe also meine Grundidee, ein Beitrag über »Neue Entdeckungen zur Kultur der südamerikanischen Indianer«, mit der Umsetzungsidee ergänzt, dass wir den erfolgreichen Archäologen X, der gerade eine sensationelle Entdeckung gemacht hat, bei seiner Expedition in den brasilianischen Dschungel begleiten. Ich habe bereits ein Vorgespräch mit dem Protagonisten geführt, der grundsätzlich damit einverstanden ist, wenn ihn ein Fernsehteam begleitet. Aber auch das schützt die Idee leider nicht umfassend. Zwar wird die Wahrscheinlichkeit sicherlich geringer, dass mir die Idee geklaut wird, aber absolut geschützt bin ich nicht. Denn über X und seine Entdeckungen wurde bereits viel publiziert und so liegt das Thema quasi »auf der Straße«. Die einzige Möglichkeit: man hat das Thema wirklich »exklusiv«. Das bedeutet, der Archäologe X hat mir versichert, dass er kein anderes Fernsehteam mit in den Dschungel nimmt. Wenn er sich daran hält. Denn unser Protagonist hat natürlich ein Interesse, dass etwas über seine Arbeit und seine Person berichtet wird, im Zweifelsfall ist es ihm egal, von wem. Besonders, wenn ich das Thema noch nicht verkauft habe, gleichzeitig aber ein Kollege mit einem attraktiven Sendeplatz winkt. Kann man es dem Protagonisten verdenken? Am besten ist es, das vertraglich

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abzusichern. Das wird durch eine Option gemacht (»X verpflichtet sich, bis Ende 2013 an keinem anderen Film oder Fernsehprojekt zum Thema teilzunehmen« oder »an keiner anderen journalistischen Auswertung seiner Forschungstätigkeiten« oder »kein Interview zum Thema … zu geben« o. ä.). Aber so etwas kostet dann im Regelfall Geld.

Themenklau passiert immer wieder, nachweisen kann man ihn aber nur selten. Wer weiß, ob es stimmt, wenn die Redaktion auf einen Themenvorschlag antwortet: »Das Thema machen wir schon«, oder »das hat schon jemand anderes vorgeschlagen«. Denn es passiert immer wieder einmal, dass das einfach gelogen ist. In sehr dreister Art und Weise habe ich solch einen Themenklau persönlich zweimal erlebt: Es ist schon einige Jahre her. Ein Kollege, Redakteur bei einer Zeitschrift, hatte ein Buch zum Thema »Silicon Valley« geschrieben, es ging um die Umweltzerstörungen und Belastungen durch die Computerindustrie. Das Buch verkaufte sich sehr gut, der Kollege schrieb zahlreiche Artikel zu diesem Thema und wurde sozusagen der Fachmann zu diesem Thema. Gemeinsam schrieben wir ein Exposé, um das Thema auch als Film zu realisieren. Da der Kollege damals noch hauptberuflich Redakteur einer Fachzeitschrift war, wollte er sich zunächst im Hintergrund halten. So schickte ich das Exposé nur unter meinem Namen an den WDR. Der zuständige Redakteur lehnte ab. Das Thema, so schrieb er mir, sei für ihn nicht interessant. Zwei Monate später wurde mein Koautor (dessen Mitautorenschaft dem Redakteur ja unbekannt war) von einem freien Autor angerufen, der ihn »als Fachmann« um Kontakte im Silicon Valley bat. Es stellte sich heraus, dass die Redaktion im WDR den Kollegen beauftragt hatte, einen Film über das Thema zu machen. Auftraggeber war genau der Redakteur, der ein paar Wochen vorher meinen Themenvorschlag abgelehnt hatte.

Der zweite Fall war noch dreister, er wurde gar nicht erst geleugnet. Der Redakteur hatte mir mündlich sein großes Interesse am Thema signalisiert. Aber, so vertröstete er mich, ich sollte noch etwas warten, die Planung für das nächste halbe Jahr sei noch nicht beendet. Ungefähr sechs Wochen später entdeckte ich in der Programmankündigung »mein Thema«. Realisiert von einem anderen Autor, einem der festangestellten Redakteure selbst. Auf meine Vorhaltungen bekam ich vom Redaktionsleiter nur zu hören, das Exposé sei ihm wohl während seines Urlaubs »vom Schreibtisch geklaut« worden, und nach dem Urlaub habe der Kollege bereits gedreht. Ein eindeutiger Themenklau, aber wie will man das im Zweifelsfall nachweisen bzw. was kann man machen? Da hilft auch die Reaktion »Sie haben einen gut bei mir«, wie ich sie zu hören bekam, nichts. Ich habe nie einen Film für ihn gemacht.

Leider passiert das, wie gesagt, immer wieder. Und oftmals sind die Fälle nicht so eindeutig. Die Grundregel heißt – vor allem, wenn man die Redaktion noch

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nicht kennt – vorsichtig sein. Das bedeutet, Namen von Protagonisten nicht nennen, exklusive Zugänge zum Thema zunächst für sich behalten und die Idee nur allgemein ausführen. Auf der anderen Seite kann alles oft auch ganz anders gewesen sein. Es kann durchaus sein, dass jemand anders das Thema ebenfalls vorgeschlagen hat. Dazu kommt: Die Zeiten ändern sich und damit manchmal auch das Interesse an Themen. Ein Thema, das heute abgelehnt wird, kann die Redaktion in einem Jahr plötzlich doch interessieren, wenn es jemand anders vorschlägt. Aber merkwürdig sind solche »Zufälle« oft doch. Zumal solche Fälle von Themenklau in einigen Sendern und Redaktionen gehäuft auftauchen. Zum Glück spricht sich Derartiges meist schnell in Kollegenkreisen herum, manche Sender und Redaktionen sind bestens bekannt dafür. Man muss sich als Autor davor schützen. Die einzige wirkliche Lösung wäre, eben dieser Redaktion überhaupt keine Themen mehr anzubieten. Aber damit vergibt man sich natürlich auch die Chance, einen Film zu verkaufen.

3.2  Grundrecherche

»Ja, die Idee ist prima!« Auch nach dem ersten Nachdenken und nachdem ich eine Nacht darüber geschlafen habe, bleibt das Gefühl: das Thema ist gut. Nun beginne ich mit der ersten Recherche.

»Recherchieren kann doch jeder!« – Ein weit verbreiteter Irrtum. Der Selbstbetrug, jeder könne intuitiv alles Wichtige aus dem Netz ziehen, stützt sich auf die Leichtigkeit, im Web irgendetwas zu finden. Wie viel man nicht findet, bleibt naturgemäß unbemerkt.«

Heutzutage steht wohl am Anfang jeder Recherche das Internet, und das heißt meistens »Google«. Nun ist ja gegen »Googeln« gar nichts zu sagen, wenn es nicht die alleinige Quelle bleibt. Schnell findet man Tausende von Interneteinträgen zu einem Stichwort. Eine große Erleichterung. Wenn ich daran denke, wie wir

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vor zwanzig Jahren recherchiert haben: Zunächst der Gang ins WDR-Archiv. Dort saß man manchmal stundenlang, wühlte in Karteikästen oder unzähligen Aktenordnern, überflog die Presseartikel und kopierte die wichtigeren, bis man schließlich mit einem Stapel Kopien ins Büro zurückkam und anfangen konnte zu lesen. Da manche Aspekte des Themas sich aber erst beim Lesen der Artikel erschlossen, hieß es oft, am nächsten oder übernächsten Tag wieder zurück ins Archiv. Das kostete alles viel Zeit. Heute habe ich in einer Stunde einen Grundbestand von Hunderten von Veröffentlichungen, Dossiers, Zusammenfassungen, aktuelle Artikel etc. Aber ich weiß nicht, ob wir heute wirklich mehr Zeit haben, denn wir müssen auch sehr viel mehr lesen, um aus der Fülle der Informationen die für uns wichtigen zu filtern. Aber, auch wenn es schon tausendfach gesagt wurde, ich muss es einfach wiederholen: »Googeln« ist erst der Anfang.

Das muss übrigens nicht unbedingt »Google« sein, es gibt noch viele weitere Suchmaschinen. Im Internet findet man Listen über alle Arten und auch spezialisierte Suchmaschinen für Wissenschaft, Meta-Suchmaschinen (z. B. www.metager.de) etc.

Hier einige Suchmaschinen:

•   http://www.leipzig-sachsen.de/suchmaschinen/suchmaschinen-international.htm

•   http://www.wzw.tum.de/~schlind/suchmaschinen.html

•   http://www.kachold.de/suchmsch.html

•   Es gibt sogar eine, deren Einnahmen dem Schutz des Regenwalds zugutekommen: http://ecosia.org/10

Die Internetsuche ist zwar nur ein Anfang, aber ein sehr, sehr wichtiger. Vor allem finde ich hier schnell Zusammenfassungen zum Thema, die mir ein gewisses Grundwissen geben. Sehr wichtig ist es, immer wieder auch einen prüfenden Blick auf den Betreiber der Internetseite zu werfen: Warum gibt es dort diese Information, was will der Betreiber? Das ist bei Zeitungen relativ einfach, aber Informationen gibt es im Internet überall und so landet man auch schnell bei Seiten, die von ganz klaren Interessen gesteuert sind. Das ist auch überhaupt nicht schlimm, ich muss es nur wissen. So bekomme ich von der ITF, das ist die Internationale Transportarbeiter-Föderation, also die Seeleutegewerkschaft, viele hervorragende Informationen über die Arbeitsbedingungen der Seeleute. Wenn ich mir anschaue,

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was der VDR, der Verband Deutscher Reeder, dazu sagt, werden aus den ausgebeuteten Lohnsklaven im Zweitregister plötzlich Seeleute, die hochqualifiziert, bestens bezahlt und unter fast paradiesischen Zuständen arbeiten. Es kommt eben oft darauf an, aus welchem Blickwinkel – und mit welcher Interessenlage – Themen behandelt werden. Und nur, wenn der Journalist das weiß und berücksichtigt, kann er die Informationen einschätzen. Die NEW YORK POST oder ein renommiertes wissenschaftliches Institut als Quelle nennen zu können, ist eben etwas anderes als eine private Internetseite. Dort heißt es, besonders vorsichtig zu sein und jede – wirklich jede – Quelle selbst zu überprüfen.

Für mich ist das »Kleingedruckte« in einem Text meistens sehr wichtig. Damit sind vor allem Fußnoten, Anmerkungen, Quellen- und Literaturverzeichnisse gemeint. Denn dort finde ich vor allem die Quellen, auf die sich der Autor des Artikels bezieht. Ich kann dort also die Informationen, Zitate etc. nachprüfen, »gegenchecken«. Außerdem findet man dort weitere Hinweise auf mögliche Gesprächspartner, interessante Menschen und Orte, Geschichten. Und immer wieder neue Quellen, Quellen, Quellen. Es ist oft sehr interessant, mal die Namen der auftauchenden und zitierten Personen zu recherchieren. Auf jeden Fall jedes Zitat nachprüfen! Was machen die Personen sonst noch? Was haben sie gesagt, zu welchen anderen Themen äußern sie sich? Interessant ist auch, ob es Zusammenhänge zwischen den zitierten Personen und den auftauchenden Unternehmen gibt. Da kann man manche Überraschung erleben. Dann stellt man vielleicht fest, dass der Arzt, der als regelmäßiger Referent und Berater bei einer Selbsthilfegruppe auftritt, viele Vorträge bei einem bestimmten Pharmaunternehmen hält oder in deren »Advisery Boards« sitzt. Sicherlich ein gutes Indiz, sich mal um die Unabhängigkeit der medizinischen Beratung bei diesem Arzt zu interessieren. Obwohl Ärzte und Pharmaindustrie nicht dumm sind und solche Zusammenhänge meistens mehr oder weniger geschickt versuchen zu verschleiern. Aber wenn man lange genug recherchiert, wird man bei solchen Kreuzrecherchen auch fündig.

Noch ein Beispiel: In meinem Buch »Todsichere Geschäfte« ging es darum, dass ein großes Bestattungsunternehmen, Tochterunternehmen einer großen Versicherung, Kooperationsverträge mit vielen Pflegeheimen abgeschlossen hatte. Insider behaupteten, dass der Versicherungskonzern die Daten der Heimbewohner auswertete, um ihnen z. B. Sterbegeldversicherungen zu verkaufen. Natürlich dementierte das Unternehmen. Aber ich fand bei meinen Recherchen zufällig ein Stellenangebot. Der Konzern suchte »Senioren-Berater« und versprach der »Persönlichkeit mit guten Umgangsformen und sicherem Auftreten« für den Vertrieb einen »Adressbestand«. Zwar ist auch das noch kein Beweis, dass es sich um den Datenbestand aus den Pflegeheimen handelte, aber ein weiteres Indiz

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für den Verdacht. Mit solchen Recherchen hangelt man sich von einer Information zur anderen, bis man sicher ist, alle relevanten Aspekte seines Themas zu kennen. Das ist manchmal etwas mühsam, aber der einzige Weg. Denn ohne eine solche Recherche bleibt das Thema meistens oberflächlich – und damit absehbar langweilig.

Zwei meiner Studenten legten mir einen Themenvorschlag vor: »die Buslinie 37«. Der Hintergrund: Die Buslinie zur Universität wurde nur selten angefahren und wenn, waren die Busse so überfüllt, dass Fahrgäste nicht mitgenommen wurden und bis zu einer Stunde auf den nächsten Bus warten mussten. Darüber wollten sie berichten. So weit, so gut. Sicherlich ein interessantes und aktuelles Thema für ein regionales TV-Magazin. Das war auch die Aufgabe im Seminar. Da die beiden sich die Arbeit aber nicht besonders schwer machen wollten, sah der von ihnen vorgesehene Beitrag ungefähr so aus: Bilder vom überfüllten Bus (mit versteckter Kamera) und dann sollten ein paar Studenten interviewt werden, die im Film wohl im O-Ton bestätigen sollten, dass der Bus immer voll ist. »Ja, und«, habe ich sie gefragt, »was wollt Ihr noch machen?« Keine Antwort, denn darüber hatten sie noch nicht nachgedacht. Vor allem hatten sie überhaupt nicht weiter recherchiert. Ich schlug ihnen vor, im Rahmen ihrer weiteren Recherche einmal mit dem Pressesprecher der Stadt, dem Vertreter der städtischen Verkehrs- AG und der Gewerkschaft zu sprechen. Dann sollten sie sich mit dem privaten Busunternehmen, das die Buslinie im Auftrag der Stadt fährt, in Verbindung setzen und mit dem Unternehmer oder seinem Pressesprecher darüber reden. Nach diesen Gesprächen (meinetwegen zunächst nur telefonisch) wären sie sicherlich besser über das ganze Problem informiert und könnten überlegen, ob es einen Beitrag wert und was denn überhaupt das Thema sei. Fragen zum Thema gab es auch ohne weitere Recherchen bereits auf Anhieb genug: Wo gibt es Probleme, wer ist verantwortlich, gibt es mangelhafte oder nicht eingehaltene Auflagen, was regeln die Verträge mit der Stadt, was kann man machen, wer hat welche Forderungen? Alle diese Fragen hätten sie nach der Grundrecherche beantworten können. Aber es sollte nicht dazu kommen. Offenbar war ihnen das zu viel Arbeit und sie suchten sich ein anderes – weniger mühsames – Thema. Schade. Und evtl. haben sie eine Chance für ein spannendes Thema verpasst. Um die Qualität der journalistischen Recherche in Deutschland hat sich vor allem der Verein Netzwerk Recherche e. V. verdient gemacht. Er veranstaltet u. a. Seminare und Tagungen, außerdem sind dort online hervorragende Materialien zu bekommen.¹¹

3.3  Archiv und Onlinerecherche

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»Plötzlich und unerwartet ging sie von uns: die Publizierung«, hieß es vor ein paar Monaten in einer Todesanzeige in einer Tageszeitung. »In stiller Trauer: die Surfenden bei ARD & ZDF«.¹² Damit waren die drastischen Veränderungen gemeint, die die Ministerpräsidenten bereits 2008 im Rundfunkänderungsstaatsvertrag vereinbart hatten. Danach sind die sogenannten »Telemedienangebote« der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten nur zulässig, wenn sie »eng programmbegleitend« sind und nur sieben Tage im

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