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Videojournalismus: Ein Trainingshandbuch
Videojournalismus: Ein Trainingshandbuch
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eBook389 Seiten4 Stunden

Videojournalismus: Ein Trainingshandbuch

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Über dieses E-Book

Videojournalismus ist nicht (nur) kostengünstig produziertes Fernsehen, sondern hat sich mittlerweile zu einem eigenen Genre entwickelt.

Persönliche Zugänge, Auswahl der Kameraeinstellungen, Spüren des Schnittrhythmus, eine besondere Nähe zu den Protagonisten, die innere Erzählhaltung, Auswahl von Musik – das macht die eigenständige Arbeitsform von VJ und die spezifische Autorenleistung aus.
Wie man die vielfältigen Herausforderungen im Dreieck zwischen Journalismus, Dramaturgie und Technik lustvoll und professionell meistert, zeigt Sabine Streich in diesem praktischen Ratgeber.

Was im Buch Schritt für Schritt und anhand zahlreicher Beispiele erläutert wird, kann über eine eigens eingerichtete Internetplattform als Film angesehen und interaktiv bearbeitet werden. Die durch die Digitalisierung möglich gewordene multimediale Verbreitung in Fernsehen, Hörfunk und Internet wird damit direkt erlebbar und erlernbar.

Das Projekt richtet sich gleichermaßen an ambitionierte Anfänger wie an Profis. Es lebt von Sabine Streichs umfangreicher Erfahrung als Videojournalistin und wird angereichert durch die Erfahrungen und Tipps profilierter Fernsehmacher.
SpracheDeutsch
Erscheinungsdatum10. Dez. 2014
ISBN9783864961281
Videojournalismus: Ein Trainingshandbuch
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Autor

Sabine Streich

Sabine Streich ist Filmemacherin, Kamerafrau und Videojournalistin der ersten Stunde. Sie hat zusammen mit Michael Rosenblum die ersten VJ-Bootcamps geleitet. Trainerin bei vielen nationalen und internationalen Rundfunkanstalten und bei der ARD/ZDF-Medienakademie.

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    Buchvorschau

    Videojournalismus - Sabine Streich

    Index

    [7]

    Einführung

    Können Sie sich noch an die alten Telefone mit den runden Wählscheiben erinnern? Man musste den Finger in ein Loch mit einer Nummer stecken und die Scheibe bis zum Anschlag drehen.

    Ich kann mich an diese Telefone noch gut erinnern. An den Sound der Scheibe beim Wählen, an den großen runden Hörer, der sehr komfortabel in der Hand lag und an das Klingeln. Zu dieser Zeit gab es nur einen Klingelton für alle. Das scheint 100 Jahre her zu sein. Heute kann man diese Telefone nur noch auf dem Flohmarkt kaufen.

    Wann waren diese Telefone auf dem Markt? 1960–1980? Genau weiß ich das nicht, aber aus meiner Kindheit sind mir die grauen Fernsprechapparate noch sehr präsent. Unserer stand auf einem kleinen Tischchen im Flur. Man ist etwa zehn Jahre alt, wenn man als Mädchen beginnt mit seinen Freundinnen stundenlang zu telefonieren. Die Gründe für den ausgeprägten Kommunikationswunsch sind die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Zu meiner Teeniezeit war das der Starschnitt von Nena in der letzten bravo-Ausgabe.

    Hätte mir damals jemand gesagt: »In etwa 25 Jahren wirst Du immer noch stundenlang mit Deinen Freundinnen telefonieren, aber es wird keine Rolle mehr spielen von wo Du das tust. Du musst nicht mehr im Flur sitzen, wo jeder zuhören kann. Es wird dann Telefone zum Mitnehmen geben. Mit diesen kleinen transportablen Telefonen kannst Du auch kleine Briefe versenden, so genannte SMS. Oder Du kannst ein Foto von Deinem neuesten Verehrer aufnehmen. Dieses Foto kannst Du dann direkt von Deinem handgroßen silbernen Telefon zu Deiner Freundin nach England senden, damit sie auch gleich weiß wie der Neue aussieht. Du kannst aber auch einen kleinen Videofilm drehen und den verschicken, das dauert dann ein wenig länger, so drei Minuten etwa. Das geht alles mit einem Gerät, einer kleinen Wundermaschine mit Namen Handy.«

    Ehrlich gesagt, ich weiß nicht wie ich reagiert hätte. Wahrscheinlich hätte ich diese Person für total verrückt gehalten. Mit einem Telefon will man telefonieren und nicht Briefe schreiben, fotografieren oder gar Videos drehen. Außerdem, überlegen Sie einmal wie die ersten Videogeräte ausgesehen haben. Das waren zwei Geräte, eines war die Kamera und ein anderes war das Aufnahmegerät. Die Videokassette allein war so groß wie das Mathebuch aus der Schule.

    [8]

    Und heute? Heute versende ich eine SMS, egal wo ich gerade stehe oder gehe. Mit meinem Handy mache ich Fotos von wichtigen Familienereignissen und sende sie an die Handys anderer Familienmitglieder.

    Das Zaubertelefon ist wahr geworden, die Utopie Realität. Ein ordinäres Telefon zu einem Multimedia-Tool geworden, auf dem ich neuerdings auch schon fernsehen kann. Die technische Entwicklung des Telefons hat nicht nur die Art der Kommunikation beschleunigt, sondern hat sie auch räumlich freigesetzt.

    Die technische Entwicklung im Bereich Journalismus, vor allen im visuellen Journalismus der letzten 25 Jahre, ist enorm und betrifft Printmedien gleichermaßen wie das Fernsehen und den Hörfunk. Dagegen wirkt die Entwicklung des Telefons läppisch. Gerade das Fernsehen lebt von diesen Veränderungen und ist in einem ständigen Entwicklungsprozess. Die Bilder für das Fernsehen wurden früher auf Film gedreht, erst auf 35, dann auf 16 Millimeter-Material, so wie der technisch ältere Kinofilm.

    Die Produktion von Fernsehen war immer eine arbeitsteilige Angelegenheit. Ein durchschnittliches Kamerateam bestand früher aus Kameramann, Tonmann, Kameraassistent, Beleuchter und Autor. All diese Spezialisten waren nötig um einen Fernsehbeitrag zu realisieren. Warum waren so viele Personen nötig?

    Der Kameramann hat gedreht, hat also einen realen Film belichtet. Die Kamera und das Filmmaterial mussten sehr gewissenhaft behandelt werden, um zum gewünschten Ergebnis zu kommen. Und dazu brauchte der Kameramann einen Assistenten und einen Beleuchter. Der Tonmann sorgte dafür, dass die Bilder nicht stumm bleiben mussten, indem er den Ton auf ein getrenntes Tonbandgerät aufgenommen hat. Oft hat er dazu unterschiedliche Mikrofone eingesetzt. Der belichtete Film wurde nach den Dreharbeiten in einem Kopierwerk entwickelt und dann von einer Cutterin oder einen Cutter an einem Schneidetisch bearbeitet. Mit dabei, bei den Dreharbeiten und im Schneideraum, immer der Autor, Redakteur, Regisseur, der die journalistische Verantwortung trug.

    Filmemachen war zu dieser Zeit eine kostenintensive Angelegenheit. Die Kamera war teuer, das Filmmaterial, der Kameramann, der Tonmann und vor allem der gute Autor waren keine Selbstverständlichkeit. Als man Fernsehen noch auf Film produziert hat, war viel Know-how nötig, um gute Ergebnisse zu erzielen. Mit Video ist das sehr viel einfacher geworden. Rein technisch gesehen! Mit guter Technik hat man noch lange keinen guten Beitrag. Video ist heute bei einer Entwicklungsstufe angekommen die kinderleicht zu bedienen ist.

    Gerade diese technische Vereinfachung im Bereich des Filmemachens gibt jedem Journalisten, jedem, der etwas zu erzählen hat, neue Möglichkeiten sich kreativ zu entfalten. Nie waren die Chancen so groß. Man kann diesen Fortschritt gut mit der Entwicklung in der Fotografie vergleichen. Die erste Fotografie entstand 1826. 100 Jahre später kam die Leica auf den Markt. Mit dieser Kleinbildkamera entstanden

    [9]

    völlig neue Möglichkeiten für eine mobile, schnelle Fotografie. Bis zu diesem Zeitpunkt waren die Kameras nicht wirklich beweglich. Sicherlich kennen Sie die Bilder von den Urgroßeltern, die völlig steif in irgendeinem Atelier herumstehen. Mit der Einführung dieser Kamera hat sich die Fotografie grundlegend verändert. Menschen wie Robert Capa und Henri Cartier-Bresson, die Gründer der berühmtesten Fotoagentur der Welt, Magnum Press, haben mit diesen Kameras den Bildjournalismus geprägt. Gleichzeitig hat die Leica die Fotografie populär gemacht. Da der Preis für diese Kameras irgendwann fiel, konnte sich jeder ein solches Gerät leisten. Damit wurde die Fotografie zu einem Massenmedium. Mit dem Filmemachen sind wir heute an einer ähnlichen Schwelle angekommen. Bisher war das Erstellen eines Films, rein technisch gesehen, sehr kostspielig. Die Kameras waren teuer, und die Geräte für die Weiterbearbeitung des Schnitts waren noch teurer. Mit ein Grund warum die Kameraleute eine fundierte und lange Ausbildung brauchten. Die Geräte waren einfach extrem wertvoll. Um technisch hochwertige Bilder zu produzieren, waren sie aber nötig.

    Neben der Weiterentwicklung der Kameras im professionellen Segment, hat sich die technische Qualität im Bereich der Consumerkameras aber enorm verbessert. Ähnlich der Entwicklung der Kleinbildkameras. Digitale Videocamcorder, die man in jedem gut sortierten Hifi-Markt erwerben kann, machen heute Bilder die technisch gesehen sendefähig sind.

    Der größere Sprung vollzog sich aber im Bereich der Postproduktion. Die Idee mit billigen kleinen Kameras zu filmen, ist fast so alt wie der Film selbst. Aber die Nachbearbeitung, sprich der Schnitt, war bisher immer noch ein Problem. Schneidetische, auf denen Film im wahrsten Sinne des Wortes geschnitten wurden, waren teuer, Schnittcomputer waren noch teuerer. Von den Kosten für die Unterhaltung und Pflege dieser Geräte ganz zu schweigen. Die Geräte im Consumerbereich waren zwar nicht ganz so teuer, dafür brauchte man aber starke Nerven, wenn man es wirklich wagen wollte, an einem heimischen Videorekorder-Schnittplatz einen kurzen Film zusammenzuschneiden. Das ging dann schließlich irgendwie, war aber in jeder Hinsicht unbefriedigend. Da konnte es schon einmal vorkommen, dass aus den bunten farbenfrohen Rohaufnahmen nach dem Zusammenschnitt ein trister Schwarz-Weiß-Film entstand.

    Die Anfänge des Computerschnitts waren auch nur was für Leute mit starken Nerven. Natürlich ist es etwas übertrieben wegen eines abgestürzten Computers zu heulen. Aber wenn alles weg ist, alle kreativen Inputs, alle guten Gedanken, alle Arbeitsschritte, und das kurz vor der Ziellinie, das ist schon schlimm. Beim Schneiden mit diesen Dingern hatte man immer einen hohen Adrenalinspiegel und kurz gekaute Fingernägel. Ich habe mir in dieser Zeit angewöhnt, immer nett mit meinem Schnittcomputer zu reden, ihm also immer gut zuzureden, damit er mich nicht im Stich lässt.

    [10]

    Heute muss man beim Schneiden nicht mehr heulen, und man braucht auch keinen hohen Adrenalinspiegel mehr zu haben. Die Schnittprogramme auf den Computern sind mittlerweile sehr stabil und leicht zu bedienen. Man hat dadurch von Anfang an mehr Raum zum Spielen. Die kreative Entfaltung steht im Vordergrund und nicht das Überwinden von Software- und Hardwareschwächen.

    Die Entwicklung der Software und Hardware ist eine Sache, die Verfügbarkeit von Schnittprogrammen eine andere. Heute findet man auf jedem Rechner – sei es Desktop oder Laptop, sei es PC oder Apple – ein einfaches Schnittprogramm. Auf jedem! Diese hohe Verfügbarkeit einer Software, mit der ich einen sendefähigen Film schneiden kann, beschleunigt die Veränderung um ein Vielfaches. Was bisher Profis mit teuren Maschinen vorbehalten war, kann heute jeder machen, der einen neueren Computer zu Hause auf dem Schreibtisch stehen hat.

    Mit dieser weiten Verbreitung der Produktionsmittel Kamera und Schnittcomputer öffnet sich der Zugang zum individuellen Filmemachen für jedermann. Früher entschieden Produktionsmittel, heute entscheidet die Idee.

    Dieses Buch wird Ihnen helfen, Ihre Ideen in die Realität umzusetzen und damit ein unabhängiger Videojournalist (VJ) zu werden. Die Erkenntnisse von erfahrenen Fernsehmachern und VJ aus USA, Belgien und Deutschland fließen mit in dieses Buch ein.

    [11]

    Trainingseinheiten

    [12]

    [13]

    LEVEL 1

    Wir zeichnen eine Obstschale – die 5-Shot-Technik als Grundlage des filmischen Erzählens

    Wir haben in der Einleitung einiges über die Veränderungen im Journalismus gehört, über technische Entwicklungen im Bereich Kamera und Computer, über die Verschiebung von Werten und Normen. Jetzt geht es zur Sache. Ganz praktisch! Über einen kreativen Prozess zu reden ist eine Geschichte, ihn auszuführen eine andere. Ein netter Co-Trainer von mir pflegte zu diesem Thema zu sagen, »Transpiration vor Inspiration.«

    Noch eine kleine Anmerkung zu den einzelnen Levels. Ich bitte Sie, die Level wirklich nacheinander durchzuarbeiten. Sie bauen stark aufeinander auf. Wenn Sie sich an die Abfolge halten, haben Sie größere Chancen zu einem optimalen Ergebnis zu kommen. Wenn Sie sich an diese Vorgabe halten, werden Sie technisch sicherer und gewinnen Freiraum für kreatives Spielen. Die Technik wird ab einem gewissen Zeitpunkt in den Hintergrund rücken. Das ist unser Ziel, bis dahin müssen Sie einige praktische Dinge erlernen.

    Dieses Buch ist nach neusten Lernerkenntnissen geschrieben, es baut an machen Stellen auf Wiederholung, denn nur dadurch festigt sich das Erlernte.

    Man kann den ersten Schritt gut mit dem beim Malen und Zeichnen vergleichen. Wenn Sie zu malen beginnen, fangen Sie erst einmal mit einfachen gegenständlichen Objekten an. Normalerweise beginnt man nicht damit, Eier auf eine Leinwand zu werfen und sich dann als innovativer Künstler zu fühlen. Man beginnt etwas zu zeichnen, das man kennt und beobachten kann. Vielleicht zeichnet man mit einem Bleistift Gegenstände, die einem ins Auge springen, eine Kaffeetasse, ein Spielzeugauto oder die Sonnenblume auf dem Tisch. Ich würde mir was suchen, das sich nicht bewegt, sein Äußeres nicht verändert und nicht weglaufen kann. Gegenstände, die ich arrangieren kann und die nicht böse sind, wenn ich für einen Bleistiftstrich eine kleine Ewigkeit brauche. Also keine Menschen und keine Tiere. Landschaften erscheinen mir auch sehr schwierig, weil sie sehr detailreich sind und sich mit dem Lauf der Sonne auch permanent verändern. Sie wissen natürlich schon längst worauf ich hinaus will: Die berühmte Obstschale. Die kann nicht weglaufen, man kann sie gut arrangieren. Der Apfel wird auch selten ungeduldig

    [14]

    mit einem ungeübten Zeichner, er fault höchstens irgendwann. Dadurch hat man viel Zeit zum Üben.

    Natürlich will man nicht nur nach der Natur zeichnen können, sondern eigene innere Bilder zum Ausdruck bringen. In den seltensten Fällen sind die inneren Bilder Obstschalen. Aber die muss man eben erst einmal zeichnen können, um das Handwerk zu beherrschen. Dann kann ich weitergehen und meine persönliche Sicht, meine Gefühle, meine Haltung, meine Ideen umsetzen. Es gibt Naturtalente, die das Handwerk mit in die Wiege gelegt bekommen haben. Die meisten müssen aber einfach das Handwerk erlernen.

    Gute Filme haben im Allgemeinen wenig mit Zufall zu tun, auch wenn sie manchmal diesen Anschein erwecken. Das Gegenteil ist oft der Fall. Nehmen wir als Beispiel die Fluxus- und Happeningbewegung der 60er-Jahre. Während meines Studiums, habe ich an der Uni eine Dokumentation über Fluxus gesehen. Da waren ein paar Künstler, die nach einem gewissen Rhythmus teure Instrumente zertrümmert haben. Als ich das gesehen habe, dachte ich: »Das ist ja toll, das will ich auch machen! Sachen zertrümmern und dann dafür berühmt werden. Warum schlage ich mich eigentlich mit Statistik rum?« Natürlich war das naiv von mir, weil ich nur die vordergründige Aktion gesehen habe, aber den Hintergrund nicht verstanden habe, der sie zum Zertrümmern der Instrumente veranlasst hat.

    Später habe ich verstanden, dass all diese Künstler mit ihren Aktionen auf die eingefahrenen Strukturen und Mächte in der Kunst, in der Gesellschaft und in der Politik aufmerksam machen wollten. Es war ein Ausbrechen, ein Aufbegehren gegen die herrschende Klasse, gegen das System. Eine Bewegung, die international war und die die Gesellschaft nachhaltig verändert hat. All diese Künstler hatten eine klassisch-konservative Ausbildung. Sie wollten sich weiterentwickeln und nicht nur konventionelle Erwartungshaltungen erfüllen. Das konnten sie aber nur, weil ihr handwerkliches Können ihnen die Grundlage hierfür gab.

    Ähnlich ist es mit dem Filmemachen. Einiges, wie ein gutes Bild- und Sprachgefühl haben wir vielleicht schon in uns. Um gute Filme zu machen, brauche ich handwerkliche und gestalterische Kenntnisse. Ich muss die Regeln kennen. Erst wenn ich weiß, was ich mit meiner Kamera machen kann, wenn ich weiß wie die Wirkung hintereinander montierter Bilder ist, wenn ich weiß, welche Bedeutung Töne und Geräusche für unser Empfinden haben, erst dann kann ich ein Ziel bewusst umsetzen. Bis dahin ist das was ich produziere, nur Zufall und hat nur bedingt mit meiner Kreativität zu tun.

    Welche Kamera Sie benutzen, um Ihren Videofilm zu drehen, spielt im Endeffekt keine Rolle. Wollen Sie für eine Fernsehstation arbeiten, sollten Sie sich an dem Standard des Fernsehkanals orientieren. Ansonsten sollte Ihr Arbeitsgerät eine Bildqualität haben, die Sie persönlich zufrieden stellt. Sie bearbeiten das gedrehte Material

    [15]

    weiter und wollen Ihre Zuschauer damit fesseln. Sie sollten vermeiden, dass Sie von Anfang an unzufrieden sind mit der Qualität, schließlich sehen Sie Ihr Material ziemlich häufig wieder bei der Nachbearbeitung. Es gibt nichts Quälenderes, als einen Film vorzuführen, mit dem man selbst unzufrieden ist. Ein befreundeter Kameramann sagt immer: »Die Hölle besteht darin, dass ich das von mir gedrehte Material in alle Ewigkeit immer wieder anschauen muss.«

    Freunden wir uns also jetzt mit der Kamera an. Die meisten VJ (Videojournalisten) die ich kenne, arbeiten mit Sony, Panasonic oder Canon. Das liegt hauptsächlich daran, dass sich die Fernsehsender auf den einen oder anderen Kameratyp festgelegt haben. Mittlerweile haben sich fast alle Kamerahersteller auf diesen »Zwischenmarkt« eingestellt. Früher waren die Märkte sehr viel stärker getrennt. Es gab auf der einen Seite den Broadcast Bereich, der Fernsehsender und Produktionsfirmen bedient hat. Auf der anderen Seite stand der Verbrauchermarkt, Consumermarkt genannt, damit sind alle Home- und Hobbyfilmer gemeint. Die Überschneidung dieser beiden Bereiche war noch nie so ausgeprägt wie heute. Journalisten aus Fernsehsendern nutzen durchaus Kameras aus dem semiprofessionellen Segment.

    Die Marke der Kamera ist nicht wichtig. Denn der Story ist es egal, mit welcher Kamera sie gedreht wird und der Zuschauer interessiert sich auch nicht dafür. Mit kleinen DV-Kameras wird heute alles Mögliche gedreht, auch Kinofilme. Eine Kamera für den VJ sollte gut in der Hand liegen und nicht zu schwer sein, denn man ist oft den ganzen Tag damit unterwegs. Es sollte keine Schulterkamera mit Sucher sein, da man als VJ meist allein arbeitet. Der Blick durch den Sucher versperrt das Gesichtsfeld derart, dass man auf der rechten Seite blind wird. Das bedeutet, dass bildwichtige Geschehen und Gefahren auf der rechten Seite nicht erfasst werden können. Unersetzlich ist deshalb für eine VJ-Kamera das ausklappbare Display. Dieses ermöglicht es, den Überblick über das gesamte Geschehen zu behalten, und man bleibt für die Menschen vor der Kamera sichtbar und damit ansprechbar. Entgegen den Empfehlungen der Hersteller sollten Sie versuchen, die Kamera in der rechten Hand zu halten. Das Gewicht der Kamera liegt auf der rechten Handfläche auf. Mit der linken Hand am Display stützen und stabilisieren Sie die Kamera, führen sie mit leichtem Fingerdruck und halten sie in der Waagerechten. Das Hauptgewicht liegt also in der rechten Hand, die linke Hand ist für die Fein arbeit.

    Beide Hände sollten immer an der Kamera sein. Falls die Situation es erfordert, mit der rechten Hand in der Schlaufe zu drehen oder die rechte Hand durch die Schlaufe zu stecken, sollten Sie die Kamera mit der linken Hand stabilisieren.

    [16]

    Kamerahaltung: So behalten Sie die Kontrolle.

    Wenn Sie die Kamera nur mit der Schlaufe hielten, wäre sie instabil und würde Sie beim schnellen Wechsel der Perspektive behindern. Die Schlaufenhaltung kann auch zu einer Überbeanspruchung der Sehnen führen, weil man die Kamera dann nur mit dem Druck des Handrückens gegen die Schlaufe hält. Wenn Sie ein Ziehen im rechten Unterarm spüren, kann das auch daran liegen, dass die

    [17]

    Schlaufe nicht eng genug eingestellt ist. Versuchen Sie, auf die Dauer eine eigene bequeme Handhaltung aus dieser Grundhaltung zu entwickeln. Etwaige Probleme können Sie vermeiden, wenn Sie vorher zu Hause »Trockenübungen« machen.

    Beide Hände an der Kamera – das erhöht die Stabilität.

    Der Vorteil einer kleinen Kamera gegenüber einer großen Schulterkamera liegt in der Möglichkeit des sehr physischen Drehens, insbesondere, wenn Sie die vorher empfohlene Handhaltung beherzigen. Was bedeutet physisches Drehen? Es bedeutet, dass Sie sich, gemeinsam mit Ihrer Kamera auf das Objekt oder den Menschen, den Sie filmen wollen, zu und wieder weg bewegen.

    Probieren Sie Folgendes aus: Nehmen Sie ihre Kamera, wählen Sie den weitesten Aufnahmewinkel, den Ihre Kamera hergibt und zoomen Sie sich ein Objekt heran. Schauen Sie sich Ihr Bild genau an, was fällt Ihnen auf?

    Weitwinkel

    Großaufnahme im Tele

    Jetzt stellen Sie Ihre Kamera wieder auf Weitwinkel, nehmen die Finger von der Zoomwippe – im Fachjargon auch »Rentnerwippe« – genannt und bewegen sich auf Ihr Objekt zu. Welche Unterschiede stellen Sie fest?

    Bei der Zoomfahrt findet nur eine Herausvergrößerung des Objektes statt, beim physischen Rangehen an das Objekt verschiebt sich dieses zum Hintergrund. Die Konturen des Objektes verschieben sich gegen die Linien des Hintergrundes, dadurch entsteht ein Raumgefühl. Ein weiterer wichtiger Vorteil der weitwinkligen Objektiv-Einstellung ist, dass Kamerabewegungen dabei weniger auffallen.

    Die Zoomwippe wird deshalb Rentnerwippe genannt, weil sich der Kameramann beim Anfertigen der Bilder weniger bewegen muss, wenn er sich einfach alles heranzoomt. Sie sind bestimmt ein bewegungsfreudiger Mensch, auch wenn Sie Rentner sind, oder?

    [18]

    Großaufnahme im Weitwinkel

    Die 5-Shot-Technik (shot = Einstellung) soll dabei helfen, ein Geschehen in Bildern zu erzählen. Die leiten sich aus der menschlichen Wahrnehmung ab. Bei diesem Verfahren handelt es sich um die klassische Auflösungstechnik. Das bedeutet, Sie drehen bestimmte einzelne Einstellungen (das ist die kleinste filmische Einheit und beschreibt die Aufnahme mit der Kamera vom Einschalten bis zum Ausschalten) in einem bestimmten Ablauf, um später bei der Nachbearbeitung im Schnitt mehrere Möglichkeiten zu haben, eine Sequenz (zusammengesetzte und geschnittene Einstellungen) daraus zu bilden. Die Einstellungen beantworten die journalistischen W-Fragen. Wir beschränken uns erst einmal auf Was, Wer, Wo. Die 5-Shot-Technik wurde im Bereich des Videojournalismus vom US-Amerikaner Michael Rosenblum in Deutschland populär gemacht; sie beruht aber auf traditionellem Filmhandwerk. Auf der Internetseite www.vjakademie.de finden Sie einen kurzen Beispielfilm zum Thema 5 Shots. Die 5 Shots sind so etwas wie die Tonleiter beim Musizieren. Sie bilden eine gute Grundlage, auf der Sie aufbauen können. Als Beispiel soll uns eine Situation aus einem Film über den Wiesbadener Fährmann Adrian dienen.

    Adrian Aiboiv kommt aus Rumänien und ist stolzer Kapitän eines Fährbootes. Die Fähre verbindet den Wiesbadener Stadtteil Biebrich mit der Rheininsel Rettbergsaue und dem Schiersteiner Hafen. Von März bis September schippert Adrian mit seiner Tamara, so heißt sein Schiff, Ausflügler auf dem Rhein hin und her. Eine Rundfahrt dauert etwa eine Stunde. Anlässlich des Saisonendes habe ich einen kleinen Film über ihn gemacht.

    Nach der 5-Shot-Regel habe ich die Situation folgendermaßen aufgelöst: Adrian steht in der Kajüte und steuert das Schiff. Bitte stellen Sie sich die Situation für einen Moment vor. Sie betreten die Kajüte! Wo wandert Ihr Blick zuerst hin? Zu den Händen am Steuerrad? Wenn das so ist, dann ist mit Ihrer persönlichen Wahrnehmung alles in bester Ordnung. Unser Instinkt lenkt unsere Aufmerksamkeit

    [19]

    auf die Bewegung und unser Auge folgt dieser. Dieses Verhalten liegt in der Natur des Menschen und ist ein uralter Überlebensreflex aus den Jäger- und Sammlerzeiten der Menschheit. Bewegung bedeutet Gefahr und deshalb reagieren wir darauf.

    Das, was das Auge wahrnimmt, ist eine Naheinstellung der Handbewegung. In unserem Fall die Hände auf dem Steuerrad. Wir sehen eine Naheinstellung (ein Close-Up) vom Steuern. Welche Information trägt diese Einstellung?

    Die Einstellung erzählt uns, WAS passiert. Jemand steuert.

    Der erste von 5 Shots: eine Großaufnahme der Hände

    Der zweite von 5 Shots: eine Großaufnahme des Gesichts

    Und danach, wo wandert unser Blick dann hin? Zu Adrian, zu seinem Gesicht. Die Einstellung erzählt uns, WER das Schiff steuert. Auch die zweite Einstellung ist eine »Nahe« (Naheinstellung).

    Was wollen wir jetzt wissen?

    Die nächste Einstellung erzählt uns, WO das alles stattfindet. Deshalb ist die dritte Einstellung eine Totalansicht der Situation. Man nennt diese Einstellung deshalb Totale.

    Der dritte von 5 Shots: Orientierung geben

    [20]

    Mit diesen drei Einstellungen kann man schon eine Sequenz bilden, deshalb sind sie so etwas wie das Pflichtprogramm beim Eiskunstlaufen.

    Wir sollten jetzt die Verbindung zwischen Aktion und Person noch deutlicher werden lassen – durch eine Einstellungsvariante, der Over-Shoulder-Einstellung.

    Der vierte von 5 Shots: setzt mit einer anderen Perspektive Mensch und Handlung miteinander in Bezug.

    Die Einstellung zeigt die Aktion (Steuern) und die Anbindung an die Person Adrian.

    Die vierte Einstellung unterstreicht noch einmal den Zusammenhang zwischen Was und Wer und ist ein Beleg dafür, dass Aktion und Person tatsächlich zusammen gehören. Einen anderen Zusammenhang könnte auch Wer und Wo bilden. Das kann man auch gut mit einer Over-Shoulder-Einstellung erreichen, wenn der Drehort dies zulässt.

    Was sollte die fünfte Einstellung sein? Wir sprechen ja von der 5-Shot-Technik.

    Im Idealfall könnte das die

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