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Länge:
210 Seiten
3 Stunden
Freigegeben:
10. Dez. 2014
ISBN:
9783864960154
Format:
Buch

Beschreibung

Begeben wir uns in die Situation eines Textes: Es schmerzt ihn, wenn ihn der Redakteur kürzt. Es quält ihn, wenn er den Korrekturstift spürt. Doch es macht ihn auch mächtig stolz, wenn er am Tag darauf mit Glanz und Eloquenz in die Zeitung kommt.
Das Buch soll – wir wechseln wieder die Perspektive – allen Textverantwortlichen helfen, diesen Glanz hinzubekommen. Dabei folgt es der Philosophie, dass Redigieren nicht simple Fehler-Tilgung ist, sondern vielmehr eine Kunst, Texte und Autoren nach vorn zu bringen.
Anleitung und Anregung finden der langjährige (Schluss-)Redakteur sowie der journalistische Einsteiger, der Sprachdozent wie der Kommunikationswissenschafts-Student – aber auch Werbetexter, Lektoren und Essayisten. Sie erfahren, durch wie viele Hände ein Artikel mindestens oder im besten Fall gehen sollte. Oder wie stark die beteiligten Korrektoren im gedruckten Artikel sichtbar sein dürfen.
Wie lässt sich das Textniveau heben? Wie geht man methodisch vor? Rot- oder Bleistift? Korrekturzeichen aus dem Duden oder individuelle Marker? Launige oder sachliche Rückmeldungen? Und natürlich die zentrale Frage: Welche Passage bleibt, welche wird geändert, welche gestrichen? Das Wort des Verfassers ist dabei mit Respekt zu behandeln und mit feiner Federführung zu optimieren. Denn sonst, das wissen wir seit der ersten Zeile, schreit der Text.
Freigegeben:
10. Dez. 2014
ISBN:
9783864960154
Format:
Buch

Über den Autor

Stefan Brunner ist Professor für Journalistik an der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation in München. Er hat die Deutsche Journalistenschule in München absolviert und über 20 Jahre als Journalist gearbeitet und geschrieben, u. a. für die »Süddeutsche Zeitung«, »Spiegel Online« und »Marie Claire«.


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Buchvorschau

Redigieren - Stefan Brunner

Index

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Teil I

Eloquenz statt Eitelkeit –

Qualität durch Redigieren

Die Eloquenz guckt noch einmal in den Spiegel, zückt den Kajalstift und fährt mit elegantem Schwung das Lid entlang. Zufriedenheit, Verzückung, auf in den Tag! An nichts soll es ihr heute fehlen, also besucht sie ihre beste Freundin, die Qualität. Was haben die beiden doch immer für einen Spaß, ein Wort gibt das andere, man versteht sich, lobt sich, Prosecco hier, Schulterklopfen dort. Voller Vorfreude macht sich die Eloquenz also auf den Weg, springt pfeifend dem morgendlichen Treffen entgegen, als sich ihr breitbeinig die Zeitnot in den Weg stellt, ihr aufdringlicher Nachbar, der sie ständig auf eine Tasse Kaffee einladen will. Hartnäckig wie seine beiden Schwestern Anspruchslosigkeit und Nachlässigkeit, zwei Nervensägen, die immer so aussehen, als wären sie gerade aus dem Bett gefallen, aber immer mit dieser Spur Grundentspannung im Gesicht, die einen ein wenig neidisch macht. Nicht heute. Die Eloquenz entzieht sich gewohnt geschmeidig den Geschwistern, als ihr zwei fremde Frauen eine Freikarte entgegenstrecken: »Wettbewerb – das schönste Wort gewinnt« steht darauf. Aufmunternd und auffordernd zugleich nicken die beiden, die sich als Ablenkung und Eitelkeit vorstellen.

Die Eloquenz ist nah dran, Raum und Zeit zu vergessen, und käme nicht keuchend die Recherche vorbei, wer weiß, ob sich die Eloquenz nicht wortgewandt im verlockenden Wettbewerb verloren hätte. »Die Unwissenheit war hinter mir her«, die Recherche ist außer Atem. »Aber ich habe sie abgeschüttelt.« Die Eloquenz zögert. Da klingelt das Handy, Nummer unbekannt, die Eloquenz geht trotzdem ran. »Disziplin hier, ich bin bei der Qualität. Wir warten schon auf dich.« Jetzt aber nichts wie hin, schnell die Straße entlang, um die Ecke und – Mist, Demo. Die Hungerhonorare streiken, und die Überstunden gleich hinterher. Mühsam quetscht sich die Eloquenz durch die Menschenmenge und würde wohl erdrückt werden, wenn ihr nicht die Recherche (hat sich spontan entschieden, mitzukommen) den Rücken freihielte. Endlich, da ist das Haus. Doch vor dem Haus steht – auch das noch! – die Konkurrenz. »Die macht einem schlechte Laune, will einem immer weismachen, dass man nichts kann«, murmelt die Eloquenz genervt. Durch den Hintereingang gelangt sie schließlich ins Haus, die Recherche dicht auf den Fersen. Qualität erreicht.

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Journalistinnen und Journalisten¹ haben sich gegen viele Widerstände zu behaupten. Besonders mühsam ist der Kampf gegen die Zeit. Und gerade Zeit bräuchte man so dringend, um einen Artikel zu überdenken, zu überarbeiten, noch einmal zu drehen. Ihn mal einen Tag liegen und wirken zu lassen. Ihn inhaltlich und sprachlich zu verfeinern, ihn zu optimieren. Was sich im Magazinjournalismus oftmals beherzigen lässt – die prüfende Kette reicht dort vom Ressortleiter über den Textchef, die Chefredaktion, die Schlussredaktion, vereinzelt auch die Dokumentation –, ist im Tagesgeschäft undenkbar. Deadlines kehren im 24-Stunden-Rhythmus wieder. Redaktionsschluss ist je nach Printprodukt um 17, 18, 19 Uhr. Oder noch später. Oder auch mehrmals am Abend. Wird ein Artikel aus Termingründen erst 15 Minuten vor diesem Redaktionsschluss fertig – etwa weil die Opernpremiere so spät oder das Koalitionsgespräch nicht früher zu Ende ging –, dann bleibt wenig Raum für korrigierendes Eingreifen des Kollegen oder Vorgesetzten. Fehler schleichen sich so unbemerkt in die Ausgaben, vor allem Fehler der Orthographie und Interpunktion: scharfes S oder Doppel-S, Komma oder kein Komma. Jenen Tageszeitungen, die über den Abend verteilt mehrere Andrucke haben, bleibt zumindest die Chance, stündlich von Ausgabe zu Ausgabe nachzubessern. Die deutschlandweite Ausgabe der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG etwa wird um 17 Uhr belichtet. Für die Ausgabe, die im Münchner Stadtgebiet an die Abonnenten geht, bleibt bis 22 Uhr Zeit: zum Wechsel von Artikeln – Aktuelles ersetzt Überholtes –, aber auch zum Tilgen von Fehlern.

Kein leichtes Unterfangen, fehlerfrei zu schreiben. Im Land der Dichter und Denker aber tägliches Ziel. Auf die Spitze getrieben wird dieses Problem in der Sportberichterstattung. Nach dem Schlusspfiff eines Fußball-Champions-League-Spiels, der gegen 22:30 Uhr durchs Stadion schallt, bleiben dem Journalisten nur wenige Minuten, dann muss der Artikel fertig sein (lediglich für eine spätere Ausgabe werden noch Zitate eingepflegt). Gar zu kreativen Kapriolen aufgelegt zu sein, ist nicht drin, nicht in der Phase vor der Abgabe. Die Uhr tickt lauter, als der Schiedsrichter jemals pfeifen kann. Wer soll in solchen Momenten noch redigierend eingreifen? An Champions-League-Abenden »bleiben fürs Drüberlesen manchmal nur zwei Minuten Zeit«, sagt René Hofmann, stellvertretender Sport-Ressortleiter bei der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG. »Der Idealfall ist, dass die Korrektoren alle Texte bis zum Redaktionsschluss um 21:45 Uhr – freitags um 20:45 Uhr – gelesen haben«, erklärt Hans-Joachim Nöh, Textchef beim HAMBURGER ABENDBLATT. »Das gelingt natürlich nicht immer, vor allem dann nicht, wenn Texte erst kurz vor Torschluss fertig sind. Die gehen bisweilen auch unkorrigiert in den Andruck.«

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Andere Ressorts haben es da leichter. Geradezu paradiesisch nehmen sich mitunter die Zustände im Magazinjournalismus aus. Das Paradebeispiel: der SPIEGEL. Jeden Text sehen Ressortleiter, Dokumentare, die Rechtsabteilung, dann möglichst zwei der vier Chefredaktionsmitglieder, schließlich die Schlussredaktion. Das bindet Personal, verschlingt Zeit, kostet Geld – und das reduziert Fehler. Doch fast allerorts sind die Budgets knapp. Statt (weitere) Schlussredakteure einzustellen, werden Textredakteure vor die Tür gesetzt. Wer kann sich den Luxus schon leisten, wie der SPIEGEL rund 70 Dokumentare zum Fact-Checking ins Rennen zu schicken? Zahlen aus dem Jahr 2008 belegen die Notwendigkeit dieses aufwändigen und bis zur Perfektion betriebenen Korrekturprozesses. Ein Student fand in seiner Diplomarbeit heraus, dass für eine einzelne SPIEGEL-Ausgabe 1.153 Änderungen vonnöten waren. Rechtschreibung und Stilistik außen vor gelassen, blieben 559 faktische Fehler und 400 Ungenauigkeiten, von denen mehr als 85 Prozent für »relevant« bzw. »sehr relevant« befunden wurden (Netzwerk-Recherche-Werkstatt Fact-Checking 2010: 100).

Den meisten Magazinen fehlt indes eine eigene Dokumentationsabteilung, schon ein einziger Dokumentar gilt als exquisite Redaktionsausstattung. Bedauerlicherweise. Denn es geht um viel mehr als Orthographie, Stil und Grammatik. Es geht auch um inneren Zusammenhalt, nachprüfbare Quellen und authentische Zitate, um Faktentreue sowie um die Aufdeckung von Plagiaten und erfundenen Geschichten. Es geht ums Ansehen. Lange hat es gedauert, bis man dahinterkam, dass Tom Kummers Hollywood-Interviews nicht stattgefunden hatten, auch nicht die Gespräche von Ingo Mocek mit diversen Pop-Stars aus aller Welt. Die genannten Beispiele zeigen, dass selbst die Großen und Renommierten wie NEON und das SÜDDEUTSCHE ZEITUNG MAGAZIN nicht sicher vor journalistischer Veruntreuung sind. Womöglich hätte der Akribie-Stab des SPIEGELS die Mauscheleien etwas früher bemerkt. Vielleicht aber auch nicht. Die gut verkaufte Lüge funktionierte schon bei Konrad Kujaus gefälschten Hitler-Tagebüchern, funktionierte aber auch in jüngerer Vergangenheit bei der so genannten Bluewater-Affäre. Etwas zu eilig berichtete die DEUTSCHE PRESSE-AGENTUR (DPA) über einen vermeintlichen Selbstmordanschlag im US-Städtchen Bluewater. Um 9:38 Uhr wurde die Meldung gutgläubig durchs Land geschickt, um 10:06 Uhr ungläubig zurückgenommen. Es dauerte also eine knappe halbe Stunde, bis das zu PR-Zwecken fingierte Terrorszenario aufflog – eine Menge Zeit im blitzschnellen Internetzeitalter. Konsequenzen für die dpa-Redaktion blieben nicht aus. Fortan musste man sich weit strengeren Fakten-Prüfkriterien unterwerfen. Wichtigste Erkenntnis: Sicherheit wiegt schwerer als Schnelligkeit.

Das System Journalismus ist durchlässig, anfällig, nicht ausreichend gesichert. Sicherheit ließe sich aber durch Dokumentationen und Schlussredaktionen aufbauen. Kommunikationswissenschaftlerin Sandra Hermes (2006) wollte wissen, wie es um diese prüfenden Instanzen steht, und hörte bei je einem Redakteur aus 259 deutschen Nachrichtenredaktionen nach. 246 gaben an, noch nie über eine Dokumentationsabteilung

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verfügt zu haben. Sechs Redakteure konnten mit einer solchen Abteilung aufwarten, in zwei Redaktionen wurde sie abgeschafft. Einige Befragte sagten, dass sie selbst die Fakten überprüfen würden. Zu berücksichtigen ist, dass sich die Autorin explizit auf »nachrichtenjournalistische« Redaktionen bezieht. Denn auf die ganze Branche hochgerechnet, ergeben sich in Deutschland doch weitaus mehr als sechs Redaktionen mit Dokumentationsabteilung.

Eine davon hat seit 1960 der STERN, wo heute im Impressum 14 Mitarbeiter gelistet sind. Ein Team mit beträchtlicher Kompetenz. Denn sobald ein Artikel die Dokumentation passiert hat, ist nicht mehr nur der Autor oder der Ressortchef für den Text verantwortlich, sondern ebenso der Dokumentationsredakteur – dessen Job so bedeutsam ist, dass ihm die Branche einen Spitznamen, Dokker, gegeben hat.

Fehlt die personell üppig ausgestattete Dokumentationsabteilung, darf das aber nicht zu oberflächlichem Journalismus führen. Entscheidend ist die Ernsthaftigkeit, mit der das Fehlerminimieren durch Redigieren betrachtet wird. Zeilen und Absätze sollten für sich genommen und als Ganzes von findigen Korrektoren geprüft werden. Folgt der Aufbau einer sinnvollen Dramaturgie? Wird Überflüssiges erzählt, Wesentliches weggelassen? Wurden neue und für den Leser relevante Inhalte verarbeitet? Wird auf Neues und Relevantes auch in Überschriften, Unterzeilen, Zwischentiteln und Bildunterschriften hingewiesen? Denn letztlich geht es darum, Interesse beim Leser zu wecken, ihn von Anfang an zu überzeugen. Das misslingt mit Überschriften, wie sie am 12. Februar 2011 im Regionalteil einer kleinen bayerischen Tageszeitung standen: »Mission Titelverteidigung« (über den Jungendfeuerwehrtag) oder »Biotopflächen im Mittelpunkt« (über den Bund Naturschutz und seine Nachwuchsförderung). Das glückt aber mit den Schlagzeilen, die vom Verein Deutsche Sprache 2010 ausgezeichnet wurden, etwa »Krieger, denk mal!« (in der zeit, über die Notwendigkeit eines Sicherheitsrats in Deutschland) oder »Deutschland krückt zusammen« (im BERLINER KURIER, über den humpelnden Michael Ballack, der die Deutsche Nationalelf in Südafrika nicht unterstützen konnte). Schlagzeilen locken oder vergrämen, sie spannend zu formulieren, ist eine Kunst. Hier leisten die Boulevardredakteure Beachtliches, wenngleich nicht immer journalistisch Vertretbares.

Doch das Gros der Leser differenziert nicht nach seriös und boulevardesk, sondern nach Klingt spannend! und Ach, wie langweilig! Um den richtigen Ton zu treffen und die passenden Inhalte auszuwählen, sollte man seine Leserschaft also gut kennen. Welcher Bildungsschicht entstammt sie? Wie alt sind die Leser? Welchen Anspruch stellen sie an die journalistische Lektüre? All das reflektiert den Leseprozess, der »in mehr oder minder starkem Ausmaß vom Vorwissen der Leser/innen, ihren Erwartungen und Zielsetzungen gesteuert« wird, so formulieren Prof. Dr. Ursula Christmann und Prof. Dr. Norbert Groeben ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse (2006: 148). Gepaart mit dieser Zielgruppenbestimmung sollte der eigene Anspruch respektive die Ausrichtung des Printprodukts definiert sein: Steht

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die Information im Vordergrund, die Unterhaltung, die Aufklärung, die Bildung? Und, noch einen Schritt weitergehend, welche Effekte werden etwa von einem informativen Text erwartet? Ein so genannter Behaltenserfolg, das heißt, dem Leser bliebe das angelesene Wissen erhalten? Oder eine Einstellungsänderung, das heißt, der Text wäre so anregend, dass ein Überdenken bisheriger Haltungen angestoßen wird? Von Interesse ist auch das Leseverhalten, das per ReaderScan untersucht werden kann. Welche Artikel wählt der Leser aus? Wann bleibt ein Leser am Text, wann steigt er aus?

Redigieren ist also nicht bloßes Korrigieren orthographischer und syntaktischer Unzulänglichkeiten. Das auch. Darüber hinaus ist es die Maßnahme, die den Text noch einmal in all seine Einzelteile aufbricht und prüft, ob zusammenpasst, was zusammengefügt wurde. Und ob sich das Zusammengefügte gut mit dem Umfeld mischt, mit dem Ressort, dem Medium, der gewählten Darstellungsform. Denn das Texten und Redigieren von Artikeln hängt von vielen Variablen

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