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Westerwälder Nadelstiche: Deutsche. Türken. Westerwald, über deine Höhen pfeift der Wind so kalt.

Westerwälder Nadelstiche: Deutsche. Türken. Westerwald, über deine Höhen pfeift der Wind so kalt.

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Westerwälder Nadelstiche: Deutsche. Türken. Westerwald, über deine Höhen pfeift der Wind so kalt.

Länge:
253 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Jan 8, 2015
ISBN:
9783738669206
Format:
Buch

Beschreibung

Nicht nur das Ruhrgebiet, auch der Westerwald mit seinem Kannenbäckerland, brauchte in den sechziger, Anfang der siebziger Jahre des Zwanzigsten Jahrhunderts Menschen aus dem Ausland, die halfen, Güter eines immer größer werdenden Angebotes preiswert herzustellen.

Die Geschichte handelt von einem in Deutschland mittlerweile aussterbenden Industriezweig und türkischen Männern und Frauen, die aus ihrem Heimatland 'angefordert' wurden, um in dieser Industrie zu arbeiten. Sie suchten anfangs optimistisch unter teilweise schwierigen Bedingungen ihren Platz in einer industrialisierten aber ländlich strukturierten Gesellschaft. Beeinflusst von familiären Schicksalen, von Religion und Arbeitswelt. Zerrissen von geforderter Authentizität und modernem Anspruch gerade jugendlicher 'Gastarbeiter' der zweiten und dritten Generation.

Kann sich die Liebe zweier Menschen, mit unterschiedlichen Kulturen und Religionen, darüber hinwegsetzen? Begleiten Sie die Auseinandersetzungen der Protagonisten mit den sie betreffenden Kulturen, Religionen und den kontroversen existenziellen Interessen.

'Nadelstiche' bezeichnen in der Keramik Fehler in der gebrannten Oberfläche eines keramischen Produktes, meist gut sichtbar in reinweißen oder schwarzen Glasuren. Ich erinnere mich noch gut an die Diskussionen: Ist es ein Fehler in der Glasur oder in dem keramischen Scherben? Die Nadelstiche, die die Menschen selbst spürten, waren eindeutiger.
Herausgeber:
Freigegeben:
Jan 8, 2015
ISBN:
9783738669206
Format:
Buch

Über den Autor

1954 geboren, hat der Autor nach Volksschule und Handelsschule eine Lehre als Industriekaufmann abgeschlossen. Nach verschiedenen Stationen in der Wirtschaft, vom Spirituosenverkäufer bis zum Geschäftsführer mehrerer Werbeagenturen und eines Internet-dienstleisters, ist er als Berater und Interimsmanager für verschiedenste Unternehmen seit 1992 selbstständig tätig. Inzwischen hat er als 'schreibender Erzähler' sieben Bücher, auch als E-books erhältlich, veröffentlicht.


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Buchvorschau

Westerwälder Nadelstiche - Kurt Merz

Epilog

Kapitel 1

Es war ein kalter Morgen. In der Nacht hatte es kräftig geschneit und die bereits vom Schnee befreite Landschaft wieder in weiße Watte gehüllt; dem aufkeimenden Frühling ein Ende bereitet. An einem ersten April im Westerwald kein außergewöhnliches Phänomen, eher eine ungeliebte Marotte dieser Landschaft.

Der ergraute, ursprünglich einmal weiße, zehn Jahre alte Käfer quälte sich mit durchdrehenden Reifen, hin und her schwänzelnd, auf der glatten, steil ansteigenden Straße in Richtung Köppel, einem der höchsten Berge im unteren Westerwald. Aus dem massiven Bordlautsprecher hinter dem Armaturenbrett erklang 'Bridge over Troubled Water'. Konrad, ein junger Mann, sinnierte, verhalten das Gaspedal mit seinen Füßen streichelnd, Gott sei Dank noch die Winterreifen auf seinem 'Herby' zu haben.

Am letzten Wochenende war Ostern. Ihm lag nichts an Ostern, aber er hatte von seinem Vater gelernt, Winterreifen müsse man am 'Boggsefleggerdaach', dem damals noch gesetzlichen Feiertag 'Buß- und Bettag' im November, aufziehen und am Karfreitag, ebenfalls einem gesetzlichen Feiertag vor Ostern, abmontieren. Quasi ein sinnvoller Zeitvertreib. Arbeiten war ja an diesen Tagen verboten. In diesem Jahr hatte er sich Gott sei Dank vor diesem Zeitvertreib gedrückt. Die mit Freunden durchzechte Nacht von Gründonnerstag auf Karfreitag hatte bei ihm merkliche Spuren hinterlassen und ihn an dem Freitag zur Lustlosigkeit verdammt.

Trotz Winterreifen konzentrierte sich Konrad ganz aufs Fahren, um nicht in die tiefen Wassergräben zu rutschen, die sich links und rechts der Straße hinzogen. Außerdem hatte ihm sein Vater mit auf den Weg gegeben, dass die Montabaurer Höhe, ehemaliges Jagdrevier der braunen Eliten des Naziregimes, über große Wildbestände verfüge. Man müsse immer damit rechnen, dass das Wild über die Straßen wechsele. Besonders die Mufflons seien harte und sture Gesellen. Er selbst hatte bereits leidvolle Erfahrungen mit diesen kräftigen Wildschafen gesammelt – aber auch sie mit ihm. In den Wirtsstuben rund um den Köppel erzählten die Jäger hinter vorgehaltener Hand von einem 'führerverliebten' Mufflon, das wohl den Zweiten Weltkrieg überlebt habe. Es liefe, immer noch 'heil-Hitler-winkend' durch den Forst. Konrads Vater wusste, dass es das Mufflon war, das er bei einem Wildunfall unangenehm kennenlernte und dann hinkend in den Wald flüchtete. Es fristete sein Leben auf nur drei funktionierenden Beinen. Das vierte streckte es von sich. So wie Konrad seinen Vater kannte, hatte er Mitleid mit dem Tier.

Konrad war auf dem Weg zu seiner neuen Arbeitsstelle in Ransbach-Baumbach, im traditionsreichen Kannenbäckerland, einer den unteren Westerwald prägenden Kulturlandschaft - in der Hochzeit ihrer wirtschaftlichen Kraft mehr Industrielandschaft - die sich irgendwo nördlich von Montabaur bis hinunter ins Mittelrheintal zog. Die größten Tonvorkommen Europas werden dort seit sechshundert Jahren ausgebeutet und begründeten im Laufe der Zeit den bescheidenen Wohlstand der sonst wirtschaftlich ärmlichen Region.

Konrad hatte vor einigen Monaten seine Lehre in Koblenz abgeschlossen und war danach als Verkäufer für seine Lehrfirma quer durch Deutschland unterwegs gewesen. Wie es üblich war und wahrscheinlich noch immer ist, war die Bezahlung bei den Unternehmen, bei denen man einmal gelernt hatte, am Anfang sehr schlecht. So auch bei Konrad. Daher hatte er, nachdem er mit seinem Personalchef erfolglos über eine faire Gehaltsaufbesserung verhandelt hatte, kurzfristig gekündigt und den neuen, wesentlich besser bezahlten Job – was nicht schwer zu realisieren war – angenommen.

Schneeflocken tanzten in der Luft und nahmen auf der, durch die gnadenlose, nicht regelbare Bordheizung des in die Jahre gekommenen Käfers, aufgeheizten Windschutzscheibe ihr feuchtes Ende. Der Wischermotor mühte sich, die wässrige Masse mit sich auflösenden Eiskristallen zur Seite zu schieben.

Beim Verlassen des Waldes und dem Überqueren einer kleinen schmalen Brücke über die Autobahn, die noch nicht einmal Gegenverkehr zuließ, gaben die Wischerblätter Konrad einen Blick auf einen großen Ort frei, der sich an der Nordseite der Montabaurer Höhe in einer Senke zwischen den Wäldern versteckte. Die wahrgenommenen Gebäude waren braun, schwarz und grau – einfach schmutzig vom Staub und Rauch der Jahrzehnte. Trotzdem hatte es etwas von friedlicher Idylle: Der in der Nacht gefallene Schnee hüllte die Dächer und Höfe in ein unschuldiges Weiß, so als wolle er die Realität verschämt verhüllen.

Aus riesigen Industrieschornsteinen, dreißig, vielleicht auch fünfzig Meter hoch, die sich in großer Zahl über die gesamte Ortschaft verteilten, kämpften sich Rauchfahnen, in Farbvarianten von Dunkelgrau über Schwefelgelb bis fast Weiß, hinauf in die Wolken und setzten scharfe Kontraste zu den weißen schneebedeckten Wäldern, die sich ringsum bis an den Ort heran ausdehnten.

Die Straßen und Wege waren kräftig mit Salz bestreut worden. Der schmelzende, jetzt salzgesättigte Schnee vermischte sich mit der 'Ärd', dem reichlich vorhandenen Lehm aus den Tongruben, die von den Lastwagen, die permanent das weiße Gold des Westerwalds in die Betriebe zur Weiterverarbeitung schafften, verloren wurde.

Diese zähe schmutzige Brühe suchte sich langsam ihren Weg zu den Abflussrinnen längs der Bordsteine. Die, die es nicht bis dorthin schaffte, wurde von den Reifen herannahender Autos zerteilt und spritzte bis an die Hauswände, die viel zu nahe an den Straßen standen.

Konrad, der aus einem kleinen landwirtschaftlich geprägten Ort mit breiten Straßen, kleinen putzigen Häusern und aufgeräumten Höfen kam, fiel auf, dass die meisten Häuser dieses Ortes wahrscheinlich nicht zu reinen Wohnzwecken genutzt wurden. Hinter jedem Tor, das pragmatisch, die Optik vernachlässigend, in die Hausfronten gebrochen war, versteckte sich vermutlich ein Ton verarbeitender Handwerks- oder Industriebetrieb. Schuppen lehnten sich, eher zufällig, den sich überschlagenden Bedürfnissen ihrer Bewohner oder Betreiber gerecht werdend, manche irgendwann einmal Ziegen- oder Schweineställe, heute Werkstätten oder Lager, an die grauen, verwitterten Gebäude.

Auffallend waren vereinzelte riesige Industriehallen neuerer Bauart, die sich, rasch die Patina von Staub, Schmutz und Rauch überstülpend, zwischen den Häusern ausdehnten. Sie schienen protzig vom Erfolg ihrer Betreiber berichten zu wollen, die vermutlich immer noch in ihren danebenstehenden, meist vernachlässigten Häusern wohnten.

Für Konrad war klar, dieser Ort war wie eine krebsartige Geschwulst: jedes Gebäude eine Krebszelle, die eine neue Krebszelle produzierte. Und ihn schauderte bei diesem Gedanken. 'Krebs ist unheilbar und führt zum Tod', hatte er schon oft gelesen. Und er fragte sich, auf was er sich wohl eingelassen habe?

Er näherte sich der Straße, an der seine neue Arbeitsstelle sein würde. Hier hatte der Ort ein anderes Gesicht. War es zufällig oder das Ergebnis einer vorausschauenden Stadtplanung? Konrad entschied sich instinktiv für Ersteres. Fünf bis zehn größere Betriebe mit großen Gebäuden hatten sich hier, mitten im Ort angesiedelt. Das Fehlen kleinteiliger Gebäude ließ erahnen, dass es sich hier um Industriebetriebe handeln musste, die sich nach dem Krieg im Zuge des Wirtschaftswunders herausgebildet hatten.

Das nach dem Krieg darniederliegende Deutschland brauchte neues, bezahlbares Geschirr für Küche und Tisch, um dem Heißhunger nach der darben lassenden Kriegszeit einen würdigen Rahmen zu geben. Nicht filigranes teures Porzellan, sondern rustikales, funktionales Geschirr, das massiv in der Hand lag, schaffte seinem Nutzer existenzielles Vertrauen. Der Bedarf war groß und der Rohstoff dafür reichlich vorhanden. Als der Heißhunger der Menschen für den Anfang gestillt war, verlangten sie nach bunten, grellfarbenen Accessoires, wie Vasen, Blumentöpfe und funktionaler Gebrauchskeramik für das Freunde und Bekannte beeindruckende Zelebrieren lukullischer Spezialitäten: Apfelbräter, Römertöpfe, Hirtentöpfe machten zu dieser Zeit ihre Karriere. Die intensiven grellen Glasuren waren inspiriert von einem neuen Lebensgefühl, der Aufmüpfigkeit der sechziger Studentenbewegungen und spiritueller Sinnsuche einer Hippie-Kultur, zur Verschönerung ihrer Wohnstätten – Blei, Zirkon, Kobalt-, Chrom- und Kupferoxid sei Dank.

Durch die ersten Eindrücke von der Ortschaft an diesem Morgen verwirrt, fuhr Konrad neugierig auf den Hof seines neuen Arbeitgebers und parkte am Rande, neben einem verrosteten Maschendrahtzaun, der die Grenze zum Nachbargrundstück markierte.

Er war noch beschäftigt, seine ihm vermeintlich wichtigen Utensilien zum Einrichten seines Arbeitsplatzes zusammenzusuchen, als ein junger bubenhafter Junge, kaum mehr als fünfzehn Jahre, aus dem Gebäudeeingang stürmte, dabei versuchte, dem nassen Schnee mit einem Gefühl von Ekel wenig Kontakt zu seinen Schuhen zu geben, an der Windschutzscheibe klopfte, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Konrad schaute ihn fragend an und drehte die Seitenscheibe herunter. Das Bübchen grinste ihn frech an. „Fangen sie heute hier bei uns neu an? „Ja, das habe ich vor. Messerscharf konterte er mit merklicher Wichtigkeit in seiner Stimme: „Dann müssen sie auf der Rückseite der Fabrik parken. Hier dürfen nur der Chef, die Chefin und vielleicht noch Kunden parken. „Ist gut. Wo muss ich mich danach sinnvollerweise melden? „Unten im Empfang. Er zeigte, wegen der unterwürfigen widerstandslosen Haltung von Konrad ihm gegenüber, grinsend in Richtung des Gebäudeeingangs. „Ich bringe sie dann hoch zum Chef. „Dann bis gleich."

Konrad steuerte sein Fahrzeug auf einem abschüssigen Schotterweg eng am Gebäude vorbei, 'auf die Rückseite der Fabrik'. Andere Autos, die dort standen, zeigten auf dem verschneiten großen Gelände, auf dem meist überständiges Gras den tanzenden Schneeflocken Halt gab, dass dort der Parkplatz sein musste. Konrad reihte sich mit seinem Fahrzeug ein und beeilte sich, der Situation und des Wetters wegen, in die hoffentlich warme Empfangshalle zu kommen.

Die Empfangshalle, durch die Glasbausteine und die Eingangstür zu dieser Tageszeit mäßig beleuchtet, wurde von einer riesengroßen, rund geschwungenen Treppe, die in das obere Geschoss führte, beherrscht. Auf den Steinstufen und dem mit schwarzem Gummi armierten Handlauf des Metallgeländers lag millimeterdick weißer Staub. In der hinteren Ecke, unter der Treppe, war ein Arbeitsplatz vor einem Schiebefenster mit Blick in die beleuchtete 'Fabrik' eingerichtet.

Ein riesiger Fernschreiber und eine Schreibmaschine mit großem Wagen, in den sich vermutlich Folioformate einspannen ließen, eine große Telefonvermittlung, eine Sprechanlage mit überdimensioniertem Mikrofon sowie eine immer mal wieder zischende Rohrpostanlage sorgten für eine beängstigende Enge auf diesem Arbeitsplatz. Alles war mit einem Hauch von weißem Staub überzogen.

Das Bübchen von soeben lugte hinter den Geräten hervor und setzte ein optimistisches Grinsen auf, das Konrad etwas Sicherheit gab. „Ich bring sie hoch. Der Chef wartet schon." Das war Konrad peinlich. Ein Chef, der schon am ersten Tag auf ihn warten würde, gäbe ihm kein gutes Entree. Frustriert stieg er dem Bübchen die überdimensionale Treppe hinterher, bei jedem Schritt ein Staubwölkchen auf den Stufen aufwirbelnd, das aber schnell wieder seinen angestammten Platz einnahm. An einem großen Büro vorbei, mit übergroßen Fenstern, das balkonartig in die Empfangshalle ragte, wurde Konrad in das Chefzimmer geführt.

Hinter einem schweren metallenen Schreibtisch, Front und Seiten mit grauen Metall-Panelen verkleidet, saß ein kleiner schmalbrüstiger Mann, Mitte fünfzig, hellgraue Socken in braunen bequemen Laufschuhen, eine graue, etwas zu kurze Tuchhose und darüber einen grauen Arbeitskittel. Obwohl es in seinem Zimmer gut warm war, trug er einen abgewetzten Hut aus speckigem Nubukleder auf seinem Kopf. Sein schmales Gesicht mit buschigen Augenbrauen und hellblauen listigen Augen zeigte ein gutmütiges Grinsen. „Na, trotz des Wetters gut zu uns gefunden? Herzlich willkommen. … Ich glaube, ihre Garderobe müssen sie uns ein wenig anpassen. Ihre Anzüge lassen sie ab Morgen am besten im Schrank und holen sie nur dann hervor, wenn sie Kundenverkehr haben. So mache ich das auch.

Wir sind hier in der Keramik. Da ist alles etwas staubiger, als sie es bisher gewohnt waren. Am besten ziehen sie Klamotten an, die ihre Mutter gut waschen kann. Jeans oder so. - Dann erzählen sie mir mal, was sie bisher gemacht haben?" Konrad gab ihm einen kurzen Überblick, was er in der Lehre als besonders interessant empfand und über seine ersten Erfahrungen im Verkauf. Sein Gegenüber hörte aufmerksam zu, ab und zu lächelnd, meist ernst und konzentriert. „Ich habe mit ihnen Einiges vor. Gleich kommt ein neuer Mitarbeiter, den ich auch ab heute eingestellt habe. Er kommt aus der Limburger Gegend.

Neben den Verkaufsaufgaben, die auf sie zukommen, sollen sie helfen, mit dem neuen Kollegen eine Arbeitsvorbereitung aufzubauen. Er ist Betriebswirt und hat sich während des Studiums mit dem Thema Produktionsplanung intensiv auseinandergesetzt. Wissen sie, wir haben viel zu tun. Ich bin es aber leid, den Aufträgen immer hinterherzuhängen. Bis jetzt geben meine Frau und ihr Mitarbeiter nach ihrem Gefühl die Vorgaben für die Produktion, ohne irgendwelche technischen Rahmenbedingungen zu berücksichtigen. Wie üblich schauen die schlauen Verkäufer immer nur auf ihre größten Kunden und versuchen, deren Wünsche zu befriedigen.

Ich möchte aber nicht von drei, vier Kunden abhängig sein, sondern möchte versuchen, über eine gesteuerte Produktionsplanung wirtschaftlicher zu produzieren und ein Sortiment vorzuhalten, mit dem auch kleinere Kunden, wünschenswert wären auch neue Kunden, kurzfristig bedient werden können. Hört sich einfach an, ist aber, wie sie sehen werden, sehr kompliziert. Und sie werden große Widerstände erleben: Meine Frau, ihr Mitarbeiter, die Abteilungsleiter in der Produktion und der Versand, werden immer wieder versuchen, die Planungen zu unterwandern. Da brauchen ihr Kollege und sie ein dickes Fell." Er grinste.

Konrad konnte das Gehörte nicht richtig einschätzen. Aus seiner Lehrzeit war er gewohnt, dass Planungen einzuhalten seien. Alleingänge einzelner Personen wurden dort sofort unterbunden. Nach seinem Verständnis war diese Vorgehensweise auch alternativlos. Während einer Planphase konnte alles infrage gestellt werden. Es konnte quer gedacht, hinterfragt und diskutiert werden. Aber wenn Planungen einmal abgeschlossen waren, wurde nur noch darüber gewacht, dass die Umsetzung planungsgemäß verlief. Notwendige Korrekturen oder Anpassungen wurden zunächst mit den Handelnden abteilungsübergreifend diskutiert, das Für und Wider abgewogen und dann in die Planung einbezogen. Das lief nach seiner Beobachtung völlig stressfrei.

„Na gut, ich zeige ihnen jetzt ihren Arbeitsplatz. Richten sie sich schon einmal ein. Wenn ihr Kollege dann noch nicht da ist, gehen sie ruhig in die Fabrik. Schauen sie sich dort um und fangen sie an, sich mit der Produktion vertraut zu machen. Nachher wird meine Frau auch noch mit ihnen reden wollen. Er grinste wissend. „Sie wird ihnen erklären, dass alles, was ich vorhabe, Unsinn ist und versuchen, sie für sich zu vereinnahmen. Seine Stirn zeigte nachdenkliche Sorgenfalten. „Lassen sie sich nicht davon beeindrucken." Konrad fühlte sich verunsichert. Nur nicht Spielball für intrigante Spielchen werden und schon gar nicht in innerfamiliären Strukturen.

Trotz seines jungen Alters konnte er sich den daraus entstehenden Ärger schon ausmalen. Zuhause war er gewohnt, Meinungsverschiedenheiten seiner Eltern, die nicht allzu oft vorkamen, durch physisches Nichtvorhandensein zu begegnen, bis sich die Wogen glätteten. Er mochte es nicht, für den einen oder anderen Partei zu ergreifen.

„Ich gehe mal durch die Fabrik. Ich soll sie mir anschauen", rief Konrad dem Jungen im Empfang zu, huschte aus dem Eingang und sofort wieder in die daneben liegende Fabriktür. Unerwartet warm war es, empfand Konrad. Er nahm einen intensiven, mehligen, nicht unangenehmen Geruch wahr. Er wusste noch nicht, dass jede Keramikfabrik ihren eigenen Geruch hatte. Später einmal würde er die Fabriken im Kannenbäckerland an ihrem Geruch erkennen können.

Überall standen Wägelchen herum, manche mit Vollgummireifen, manche mit luftbefüllten Gummireifen ausgestattet. Auf darauf montierten Regalgestellen waren Bretter mit schwachfarbenen Gegenständen eingeschoben. Alle gleich aussehend, auf jedem Brett die gleiche Anzahl. Es machte einen akkuraten Eindruck. Hinter den Wägelchen öffnete sich ein hellerer Bereich, in dem vor großen Eisenfenstern mit schmutzigen Scheiben, die in die Kassettengitter eingekittet waren, große Kabinen standen.

Davor standen ausnahmslos Frauen, die mit 'Luftpistolen' auf die Gegenstände spritzten, die ihm schon auf den Wagen aufgefallen waren. Nur dass die Gegenstände, bevor sie mittig auf kleine drehbare Tischchen in die Kabine gestellt wurden, einen matten grauen Ton hatten. Die Frauen setzten die Tischchen mit ihrer linken Hand in eine rotierende Bewegung und fingen an, mit ihren Pistolen in der rechten Hand den nun gleichmäßig rotierenden Gegenstand von oben nach unten und unten nach oben zu besprühen. Der Sprühnebel setzte sich auf dem Gegenstand ab und nahm dabei Farbtöne an, die er schon auf den Wägelchen gesehen hatte. Danach wurde der Gegenstand wieder auf sein Brett zurückgestellt. Waren alle Gegenstände auf dem Brett eingefärbt, wurde das Brett von den Frauen wieder in das Wägelchen geschoben und ein Brett mit ungefärbten Gegenständen herausgenommen und neben der Kabine platziert. Die Handgriffe saßen. Es war ein faszinierendes Schauspiel.

„Moin. Sind sie einer von den Neuen? Ein Mann mittleren Alters, unrasiert, mit langen fettigen Haaren, in einem grauen Arbeitskittel, steuerte auf Konrad zu. „Ja, ich bin heute den ersten Tag hier. „Sind sie der Verkäufer oder der Produktionsplaner? „Ich weiß nicht. Ursprünglich sollte ich im Verkauf arbeiten. Heute habe ich aber erfahren, dass ich auch in der Produktionsplanung mithelfen soll. - Ich bin Konrad Limberg. „Ich heiße Peter Kottisch. Ich bin der Chef von der Dekoration, also hier von der Glasiererei, der Andreherei und der Abdreherei oben", mit dem Finger nach oben zeigend. Eine Metalltreppe, die nach oben führte, ließ Konrad vermuten, dass oben weitere Arbeitsräume waren.

„Ich bin ja mal gespannt. Der Alte meint, mit Produktionsplänen seine Probleme lösen zu können. Der würde besser in bessere Produktionsmittel und Leute investieren. Nein, immer mehr Türken aus dem hintersten Anatolien holt er sich. Können nix, sind aber preiswert zu kriegen. Und wehe, die funktionieren nicht innerhalb weniger Tage, dann krieg ich einen Vortrag gehalten, ich könnte keine Mitarbeiter führen." Sein Gesicht formte sich zu einer wütenden Grimasse.

„… Woher sollen die das auch können?, fuchtelte er mit den Armen an seinen eingezogenen Schultern. „Die haben, da wo sie herkommen, ein bisschen Landwirtschaft, vielleicht 'ne Kuh und ein paar Schafe und Esel. - Vielleicht einen Morgen karger Boden. - Manche verdingen sich auf die Teefelder an der Schwarzmeerküste zum Teepflücken. Von Keramik hören die zum ersten Mal, wenn sie hier sind. Konrad schaute sich um: Tatsächlich, das waren keine Westerwälder Gesichter. Fremdartige, meist neugierige Frauengesichter, so weit er das unter den großvolumigen Kopftüchern ausmachen konnte.

Er konnte das Gehörte überhaupt nicht einschätzen. Für ihn waren Türken genauso gut oder schlecht wie Deutsche, Italiener oder Spanier. In seiner Lehrfirma hatte er einen älteren, sehr netten türkischen Kollegen, der in der Marketingabteilung arbeitete. Absolut korrekt und zuverlässig, und wie Konrad es einschätzte, ein feinsinniger, intellektueller Denker. Letzteres konnte die Umsetzung von Aufgabenstellungen schon einmal komplizierter machen und seine Kollegen gewaltig nerven. Aber er war bei allen, so wie er war, akzeptiert.

„Was sagt denn der Chef zu ihren Bedenken? „Den interessiert das alles überhaupt nicht. Der steht auf dem Standpunkt, er hat genügend Leute und wir müssten sie nur richtig einsetzen. - Das ist ein eiskalter Hund. Sie werden ihn noch richtig kennenlernen: Wenig bezahlen, sehr viel verlangen und wenn möglich noch abzocken. Konrad verstand nicht.

„Herr Limberg, bitte ins Büro kommen! Konrad erschrak. Die Rufanlage war sehr laut eingestellt. Die Durchsage war so sehr eindringlich. Er konnte sehen, wie sich das Bübchen im Empfang hinter dem Durchreichfenster köstlich amüsierte, ihn so aufgeschreckt zu haben. „Vielleicht können wir unser Gespräch noch einmal fortsetzen, Herr Kottisch. Ich muss hoch. Herr Kottisch grinste. „Ich wünsche ihnen einen guten Start. … Man sieht sich."

Im Büro von Konrad stand ein junger Mann, vielleicht sieben Jahre älter als er, über das ganze Gesicht strahlend. „Hallo Herr Limberg, ich heiße Oswald Seiffert. Ich glaube, wir beide werden jetzt Leidensgenossen. Er lachte laut auf. „Guten Tag Herr Limberg. Konrad hatte beschlossen, eine abwartende Haltung einzunehmen. „Ich habe eben mit Herrn Kallwei gesprochen. Der Chef will, dass sie eng mit mir zusammenarbeiten. Der Verkauf könne warten. Herr Seiffert lachte wieder laut. „Die Produktion mache derzeit größere Probleme. Sie sollen mir helfen, die Ist-Situation zu erfassen, damit wir bald planerisch in den Produktionsprozess eingreifen können. Ich werde gleich mit der Chefin sprechen. Es wird ihr nicht recht sein, dass sie zu mir abgestellt sind. … Das gibt sowieso noch einen Affentanz. Herr Seiffert strahlte trotz seiner Einschätzungen einen ungebrochenen Optimismus aus. Irgendwie

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