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Billaud-Varenne Anwalt des Terrors
Billaud-Varenne Anwalt des Terrors
Billaud-Varenne Anwalt des Terrors
eBook594 Seiten7 Stunden

Billaud-Varenne Anwalt des Terrors

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Über dieses E-Book

Paris im Jahr 1793: Nach dem Sturm von Bürgern auf den Nationalkonvent wird der Terror auf die Tagesordnung der französischen Revolution gesetzt.
In dieser Zeit des „Großen Terrors“ tritt der Jakobiner Jacques-Nicolas Billaud-Varenne als Mitglied in den Wohlfahrtsausschuß ein.
Er trifft dort auf Maximilien de Robespierre, Louis-Antoine de Saint-Just und weitere Revolutionäre, die inzwischen die Geschicke in Frankreich leiten.
Die neue Republik wird in dieser Phase von inneren Machtkämpfen, Aufständen und Kriegen mit europäischen Monarchien zerrissen. Billaud und die anderen Mitglieder im „Komitee“ versuchen mit drastischen Mitteln und der Guillotine die französische Revolution gegen innere und äußere Feinde zu verteidigen.
Als die Auseinandersetzungen und Kämpfe härter werden, öffnen sich auch immer tiefere Gräben zwischen den Revolutionären und den Mitgliedern im Wohlfahrtsausschuß.
Danton, Hébert, Robespierre, Cordeliers und ihre Gefolgsleute - sie alle ringen um Macht und Einfluß im neuen Frankreich.
Das Leben der meisten Franzosen verändert sich in dieser Zeit dramatisch und für Billaud bleibt ebenfalls nichts mehr wie es noch vor seiner Mitgliedschaft im Komitee war.
Die Entscheidungen und die Kriegsführung des Komitees haben Auswirkungen auf ganz Europa. Die Helfer und Anhänger des Terrors können bei einem Scheitern der Revolution auf keine Gnade hoffen
In dem Roman mit realen historischen Personen wird das Leben eines Mannes im Zentrum der französischen Revolution und des „Großen Terrors“ geschildert, der
versucht, sein Leben und seine Ideale durch eine gewalttätige Zeit zu retten.
SpracheDeutsch
HerausgeberBooks on Demand
Erscheinungsdatum9. Jan. 2015
ISBN9783738669152
Billaud-Varenne Anwalt des Terrors
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Autor

Tom Malone

Tom Malone lebt in Frankfurt am Main. Er reist gerne, hat viele Jahre im Ausland verbracht und ist ein begeisterter Leser der antiken und neueren Geschichte. "Billaud-Varenne - Anwalt des Terrors" ist sein erster Roman.

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    Buchvorschau

    Billaud-Varenne Anwalt des Terrors - Tom Malone

    Epilog

    Kapitel 1

    Der 7. September 1793 war ein wolkenverhangener Morgen im revolutionären Paris. Doch der Mann der durch die übelriechenden Straßen ging hatte weder Sinn für das Wetter, noch für die Gerüche der Stadt durch die er sich bewegte.

    Ein zielstrebigen Schritt verriet, daß hier kein Spaziergänger durch die Viertel der Hauptstadt ging. Trotz der Eile musterte der schlanke Mann mit den schulterlangen gelockten Haaren noch mit scharfem Blick die zahlreichen Wandplakate, die allerlei politische Parolen trugen. Billaud war auf dem Weg in die Tuilerien, dem alten Stadtschloß der französischen Könige an der Seine.

    Der etwas zu hastige Gang war untypisch für Billaud, denn er zeigte eine Ungeduld, die ihm normalerweise vor großen Ereignissen fremd war. Und heute stand ein großes Ereignis bevor, da war er sich sicher.

    Billaud – mit vollem Namen Jacques-Nicolas Billaud-Varenne – hatte ereignisreiche Tage hinter sich, die selbst nach den außergewöhnlichen Maßstäben der französischen Revolution als ein Orkan im revolutionären Paris bezeichnet werden mußte.

    In einer turbulenten Sitzung des Nationalkonvents, des Parlaments des französischen Volkes, wurde Billaud zum Präsident für die nächsten zwei Wochen gewählt. Ein Prestigeerfolg, zweifellos, dachte Billaud, und als Revolutionär der ersten Stunde seit deren Anbeginn im Jahr 1789 war er mit einem gewissen Stolz erfüllt, nach dieser Wahl.

    Aber Billaud war im Gegensatz zu vielen seiner Zeitgenossen kein Mann, der Eitelkeiten einen großen Platz in seinem Leben einräumte. Als scharfer Analytiker wußte er, daß diese Position zwar Prestige in den Reihen der Revolutionäre brachte, aber in wenigen Wochen vergessen sein würde, von anderen Ereignissen überholt, wie es scheinbar seit nunmehr 4 Jahren in immer schnellerer Folge geschah.

    Die Aufgabe der er sich heute mit eiligen Schritten näherte versprach dagegen weit größeren Einfluß – wenn er die Dinge in seinem Sinn beeinflussen konnte.

    Billaud war seit dem gestrigen Tag Mitglied des Wohlfahrtsausschuß! Nach offizieller Bezeichnung „Ausschuß der öffentlichen Wohlfahrt und der allgemeinen Verteidigung wurde er jedoch im Volk meist nur „das Komitee genannt.

    Der Gedanke löste immer noch eine Mischung aus Triumph und Nervosität in ihm aus, wann immer er sich an den Augenblick der Nominierung durch Barère und die anschließende Zustimmung des Nationalkonvents erinnert.

    Der Nationalkonvent war die Versammlung der gewählten Volksvertreter und er verkörperte seit der Absetzung König Louis des XVI. die Souveränität des französischen Volkes.

    Doch Billaud war nicht umsonst Rechtsanwalt und Revolutionär der ersten Stunde. Er sah genau die Macht und den Einfluß der verwirrend vielen und teilweise miteinander konkurrierenden Institutionen des neuen französischen Staates.

    Stück für Stück hatte sich der Wohlfahrtsausschuß als die zentrale Institution der Revolution etabliert, und wenn es nach ihm geht war dies genau der richtige Weg, insbesondere jetzt, wenn die wahren Männer der Revolution das Ruder übernehmen.

    Für Billaud waren Monarchisten und Girondisten schlicht Totengräber der Nation. „Zum Glück sind diese Verräter nun ausgeschaltet" dachte er.

    Als der Wohlfahrtsausschuß im April 1793 als ausführendes Organ des Nationalkonvents geschaffen wurde, waren noch Anhänger der Gironde vertreten. Die Girondisten waren vornehmlich Vertreter der Interessen der französischen Provinzen und weniger radikal als ihre Kontrahenten, die Jakobiner, die ihre Anhängerschaft vor allem in Paris und einigen weiteren Städten haben.

    „Weg mit ihnen, auf den Müllhaufen der Geschichte" dachte Billaud und sein Gesicht zog sich unwillkürlich in Wutfalten. Die Jakobiner verstanden es mit einer Mischung aus dem Druck der Pariser Stadtteile – der Sektionen - und den Vertretern der Pariser Stadtverwaltung – der Pariser Kommune – die Girondisten in die Flucht zu treiben. Seitdem hatten die Jakobiner freie Bahn, und Billaud hatte selbst im Konvent und in den Sektionen hart dafür gekämpft.

    Doch er wußte, daß damit nicht alle Probleme gelöst waren. Zum einen war da der Krieg mit den monarchistischen Staaten Europas.

    Oh, er hatte es kommen gesehen, selbst als er im Konvent wie viele andere den Tod des Königs in 24 Stunden forderte. Nach der Hinrichtung Ludwigs des XVI. gab es kein Halten mehr und Frankreich sah sich einer Koalition der Monarchien Europas auf dem Schlachtfeld gegenüber.

    Er hatte auch mehrfach die Verurteilung der ehemaligen französischen Königin Marie-Antoinette gefordert. Billaud kannte in dieser Frage keine Zweifel und kein falsches Mitleid: Diese Maßnahme wäre nur noch der letzte Schritt um die Monarchie in Frankreich zu beenden. Die Königin hatte sich als entschlossenere Gegnerin der Revolution gezeigt, als der König selbst, daher war ihr die Verurteilung sicher.

    „Verdammte Sklavenhalter und Ausbeuter" sagte er unwillkürlich laut, als er an die anderen Regierungen Europas dachte. Frankreich war eine Insel. Eine Insel der Freiheit inmitten Ländern mit Königen und Fürsten, die nur darauf warteten in das Land einzufallen. Das durfte nicht geschehen und wenn er irgend etwas mit der Entwicklung zu tun hatte, dann würde dies auch niemals passieren.

    Doch er sah auch noch weitere Probleme: Nicht alle Mitglieder des Nationalkonvents und nicht einmal alle Jakobiner waren sich über die notwendigen Schritte im Klaren.

    Die Revolution konnten jetzt nicht stehenbleiben! Unmöglich! Das wäre genauso wie mit einem Karren auf einem Weg bergauf auf halbem Wege stehen zu bleiben und sich zu sagen: „Wir sind ja schon ganz schön hoch gekommen, bleiben wir hier und machen Schluß."

    „Stehenbleiben heißt Stillstand und Stillstand bedeutet früher oder später rollt der Karren zurück, in den Abgrund der Monarchie." dachte Billaud düster.

    Nein, jetzt war die Parole ohne Zögern voran zu gehen, selbst wenn einige Jakobiner dies noch nicht erkannten.

    Er war entschlossen den Karren den ganzen Weg bis zum Gipfel zu bringen, gegen jeden Widerstand.

    An den Tuilerien angekommen betrat Billaud den Palast, der zuvor den französischen Königen diente und nun die einflußreichste Institution der französischen Revolution beherbergte.

    Er war im Begriff erstmals seinen Platz im Wohlfahrtsausschuß einzunehmen. Seine Kehle war trocken.

    In den Tuilerien warteten bereits andere Mitglieder des Komitees auf seine Ankunft, alles Abgeordnete des Nationalkonvents, die sich gleichfalls mit Haut und Haaren der Revolution verschrieben hatten, trotz äußerst unterschiedlichem Charakter und Herkunft.

    Der Wohlfahrtsausschuß hatte nach den neuesten Ernennungen nunmehr 12 Mitglieder, aber wie meistens waren nur einige in Paris anwesend, die anderen waren entweder mit der Organisation des Krieges oder der Niederschlagung von Aufständen in den Provinzen beschäftigt.

    So waren im Moment lediglich 5 Mitglieder in den Tuilerien anwesend.

    Da war zunächst Barère, ein begnadeter Redner der aus den Pyrenäen stammte und es mit seinen flammenden Reden immer verstand den Konvent zu begeistern.

    Mütterlicherseits von nobler Abstammung, mit hoher Stirn und kleiner Gestalt wirkte Barère eher unscheinbar.

    Seine Waffe war die Rede, denn er war der geborene Volkstribun, der es vermochte sein Publikum mitzureißen, und die Kohlen aus dem Feuer holen mußte, wenn die leidenschaftlichen Debatten im Konvent auf des Messers Schneide standen und es eng wurde. Ausgestattet mit einem außerordentlichen Gedächtnis, ausgebildet als Rechtsanwalt, war Barère so etwas wie der „Sprecher des Komitees. Dies war erstaunlich, da Barère im Laufe der Revolution mehrfach „die Seiten gewechselt hatte - und kurioserweise immer auf der Seite der Sieger auftauchte.

    Etwas abseits am Fenster stand gedankenverloren Hérault de Séchelles, ein ehemaliger Richter von altem Adel, immens reich und das einzige Mitglied mit praktisch unbegrenztem Vermögen. Verwöhnt und eitel hatte Hérault sich der Revolution eher in einer Mischung aus Neugier und Langeweile angeschlossen, bevor er durch die Teilnahme am Sturm der Bastille zu einem festen Anhänger wurde.

    Durch Erziehung und Reichtum von Kindheit an daran gewöhnt ein besonderer Mensch zu sein war Hérault ein unwahrscheinliches Mitglied eines Komitees, das für Gleichheit und Brüderlichkeit antrat. Die vollen Lippen verrieten einen Mann der den Genüssen die Reichtum kaufen können nicht abgeneigt ist. Feine Gesichtszüge, die stets eine gewisse Skepsis auf der Stirn hatten, offenbarten einen Nachkommen alten französischen Adels. Hérault war – trotz aller revolutionären Bekundungen – den schönen Dingen des Lebens zugeneigt und generell gewillt auch seinen Mitmenschen ein gutes Leben zu gönnen.

    Am großen ovalen Tisch über Landkarten gebeugt war Lazare Carnot, ein Ingenieur und Mathematiker der sich seit frühester Jugend dem Militärdienst gewidmet hatte. Carnot, ein Technokrat mit kurzem gelocktem Haar und gutmütigem Gesichtsausdruck, war kein Vorreiter der Revolution, sondern hatte sich ihr angeschlossen, da er am eigenen Leib gespürt hatte, was die Privilegien des Adels im Alltag Frankreichs vor der Revolution bedeuteten. Obwohl hochbegabt war es ihm verwehrt im Militärdienst aufzusteigen, da er im Gegensatz zu Hérault nicht adliger Herkunft war. Daher war für Carnot beim Ausbruch der Revolution klar – auch in politischen Dingen immer der Mathematiker – daß ein Anschluß für ihn die einzig logische Konsequenz war, um Männern mit Begabung wie ihm den gebührenden Aufstieg zu ermöglichen. Die Revolution war für Carnot die Chance zum Aufstieg und er war entschlossen diese Chance für sich und die anderen Begabten Frankreichs nicht vorbeiziehen zu lassen. Die französische Revolution war für Carnot der Sieg der Logik und der Wissenschaft über den Aberglauben und die Privilegien des Mittelalters.

    Logik war auch für das nächste Mitglied der Ausgangspunkt seiner politischen Bestrebungen, der neben Carnot saß und ebenfalls auf den Karten die derzeitige militärische Lage der französischen Truppen studierte.

    Maximilien Robespierre wirkte trotz bürgerlicher Herkunft mit hoher Stirn, seiner stets gepuderten Perücke und tadellos geordneter Kleidung aristokratischer als der Aristokrat Hérault.

    Immer beherrscht und jeder Art von Völlerei oder Trunksucht abgeneigt, war dieser puritanische Abgeordnete ein glühender Verehrer der Logik. Zu dieser asketischen Lebensart paßte die Erscheinung von Robespierre: Eine eher hagerer Körperbau mit schmalen Schultern, ein Körper der vom etwas zu breit geratenen Kopf dominiert wurde, mit wachen, klaren Augen.

    Die Privilegien des Adels, die einem kleinen und zunehmend dekadenten Teil der Bevölkerung die höchsten Positionen im Staat zusicherte, das war für Robespierre ein Verrat an der Logik und dem von Rousseau entwickelten Naturrecht.

    Als Rechtsanwalt aus armen Verhältnissen hatte er sich mit Ausdauer, Fleiß und Zielstrebigkeit zum Abgeordneten des Konvents emporgearbeitet.

    Doch dies sollte nur eine Etappe seines Aufstiegs sein. Als unermüdlicher Redner im Konvent und im Club der Jakobiner, dem er sich früh anschloß, wurde er rasch berühmt. Sein Talent als Redner und als ein Meister der politischen Analyse machten ihn zu einem der bekanntesten Jakobiner und seine Wahl in das Komitee 2 Monate zuvor war somit fast zwangsläufig.

    Hier traf Robespierre auf Freunde und Verbündete die seine Ansichten weitgehend teilten und ihn unterstützen.

    Dazu zählte Georges Couthon, der gerade in der Provinz unterwegs war.

    Wichtiger war jedoch ein junger Mann von 26 Jahren, der unruhig den Raum durchschritt: Louis-Antoine Léon de Saint-Just konnte nach seinem Aussehen auch für einige Jahre jünger gehalten werden. Mit dunklen schulterlangen Haaren, großen braunen Augen und weichen Gesichtszügen war er prädestiniert einigen Frauen in Paris unruhige Träume zu bescheren.

    Doch der Schein von Personen trügt oftmals – und besonders bei Saint-Just.

    Hier kam kein wohlerzogener Sohn aus der Provinz, der dazu bestimmt war eine gutbürgerliche Pariserin samt Eltern in Verzückung zu versetzen.

    Saint-Just war wie Robespierre Anhänger der Lehren von Rousseau und wurde 1792 als jüngster Abgeordneter in den Nationalkonvent gewählt. Zuvor hatte er bereits eine militärische Karriere als Offizier der Nationalgarde gemacht, obwohl ihm das notwendige Mindestalter fehlte.

    Auch wenn ihm selbst der Ruf eines Aufrührers anhing – es hielt sich nachdrücklich das Gerücht er habe in jungen Jahren versucht seine

    Schule niederzubrennen – sorgte er in seinem militärischen Aufgabenbereich durch eigenes Beispiel und energische Disziplin für Ordnung. Saint-Just hatte wie Billaud ohne Zögern für die Exekution des Königs gestimmt. Er war bereits Republikaner, als Robespierre noch glaubte das Heil Frankreichs sei in der konstitutionellen Monarchie zu finden, mit dem inzwischen guillotinierten Louis dem 16. an der Spitze des Staates.

    Diese ungleichen Mitglieder des Komitees warteten auf die Ankunft Billauds. Sie wußten, daß diese Neubesetzung Veränderungen bringen würde, nicht zuletzt weil neben Billaud auch noch dessen politischer Weggefährte und Freund Collot d’Herbois zum neuen Mitglied im Komitee ernannt worden war, ein Mann der sich bereits in der Pariser Kommune und in den radikalsten Kreisen der Sektionen einen Namen gemacht hatte.

    Besonders Robespierre war unruhig und hob seinen Kopf von der Karte. Er hatte die Ernennung mit Saint-Just und Barère abgesprochen.

    Aber es war keine andere Wahl geblieben. Am Vortag hatten Vertreter der Sektionen und der Stadtbevölkerung von Paris, der Sans-Culotten, den Nationalkonvent gestürmt und ultimative Forderungen zur Beseitigung der Hungersnot und Mangelwirtschaft sowie die Bestrafung aller Verräter verlangt.

    Die Bezeichnung „Sans-Culotten war der Kleidertracht geschuldet, denn „ohne Kniebundhose bezog sich auf die arbeitende Bevölkerung von Paris, die lange Hosen trug und normalerweise nicht im Wohlstand lebte.

    Es waren chaotische Szenen im Nationalkonvent: Gesänge, Schreie, Rufe nach dem Blut der Verräter. Der Volkszorn hatte sich mal wieder Bahn gebrochen, und in dem Rausch des neuerlichen Aufruhrs konnte sich auch kein Abgeordneter sicher sein, daß nicht sein Kopf schließlich auf einer Pike endete, wenn er von den wütenden Aktivisten der Sans-Culotten als „Verräter" ausgemacht wurde. Vertreter der radikalen Pariser Kommune riefen nach Brot für die Patrioten und Tod für die Verräter. Auch Billaud war anwesend, forderte in einer flammenden Rede die Aufstellung einer Revolutionsarmee zur Vernichtung der Feinde der Revolution.

    Ein Hinhalten dieser Sans-Culotten war nicht möglich, die Bevölkerung von Paris hatte in 4 Jahren Revolution gelernt, daß sich jede Macht -– sei es König oder Abgeordnete – einem bewaffneten Aufstand zu fügen hatte, der nur groß genug war.

    Das Komitee und der Konvent hatten die Gefahr erkannt und die einzige Lösung war Vertreter der aufrührerischen Sektionen in den Wohlfahrtsausschuß aufzunehmen: Billaud und Collot. Die Sans-Culotten wollten mitbestimmen im mächtigen Komitee. Billaud und Collot waren „ihre Vertreter", 2 Männer die sich in den aufstandserprobten Bezirken und Sektionen von Paris einen Namen gemacht hatten und denen zugetraut wurde die Interessen der schlecht ernährten Stadtbevölkerung zu vertreten.

    Noch eine weitere Losung wurde im Nationalkonvent verkündet, eine Losung die bereits dabei war in die Geschichte einzugehen. Um die Sans-Culotten und die aufgebrachten Mitglieder der Sektionen nicht völlig außer Kontrolle geraten zu lassen wurde unter tatkräftiger Mithilfe von Danton, Barère und anderen Abgeordneten verkündet:

    „Der Terror wird auf die Tagesordnung gesetzt!"

    Es war die eindeutige Ansage, daß sich Frankreich von Monarchisten, Verrätern und allen anderen Feinden nicht in die Knie zwingen läßt. Wer die Nation angreift, wird mit Terror bekämpft.

    Die Rechnung war zunächst aufgegangen, der Aufstand hatte sich wieder gelegt. Nun war das Gebot der Stunde diese neuen Mitglieder in das Komitee zu integrieren, ohne die Arbeit der letzten Monate zunichte zu machen. Diese Arbeit war gewaltig: Aufbau einer effektiven Regierung für das revolutionäre Frankreich.

    Die momentane Situation mit Krieg, Aufständen und Versorgungsknappheit in allen Landesteilen ließen endlose Debatten im Nationalkonvent über jede politische oder militärische Entscheidung einfach nicht mehr zu. Eine effektive Regierung mußte her und das Komitee war auf gutem Weg diese Regierung zu werden, wenn der Nationalkonvent zustimmte und das Komitee gute Arbeit leistete.

    Doch Robespierre wußte, daß die Zusammenarbeit mit Billaud und Collot unumgänglich war. Die Stadtbevölkerung war unruhig und durch die Versorgungslage ständig am Rande des Aufstands. Wenn ihre Vertreter nicht ihren Einfluß gelten machen um dem Komitee die Arbeit zu ermöglichen war alles möglich, sogar Bürgerkrieg. Dies mußte unter allen Umständen verhindert werden, ein Zusammenbruch des revolutionären Frankreich und die Rückkehr der Monarchie würde einen Sturz in den Abgrund bedeuten – und den Tod der Revolutionäre. Die Hinrichtung des Königs war nicht vergessen, blutige Rache würde folgen.

    Daher war Robespierre nervös, er wußte die Lage war prekär. Ein Fehler konnte eine Katastrophe bedeuten und er hatte mehr und mehr das Gefühl, daß die Verantwortung bei ihm lag, bei ihm und seinen Vertrauten, auf die er sich verlassen konnte.

    Ein lautes Klopfen an der Tür unterbrach seinen Gedankengang: Das neue Mitglied des Komitees war eingetroffen.

    Billaud trat ein und sagte „Guten Morgen Bürger", der inzwischen obligatorische Gruß der Republik.

    „Willkommen Bürger, nimm Platz" sagte Robespierre, der wie üblich gleich die Initiative übernahm. Auch die anderen Mitglieder setzten sich an den Tisch.

    Ohne Umschweife kam Robespierre zur Sache: „Wir begrüßen deine Ernennung zum Mitglied des Komitees, Billaud. Du bist ein zuverlässiger Revolutionär und ein würdiger Volksvertreter. Wir wissen, daß du die Arbeit des Komitees tatkräftig unterstützen wirst."

    Die Nervosität Billauds war mit seinem Eintreten verschwunden, auch wenn eine gewisse Anspannung geblieben war. Natürlich kannte er jeden der Anwesenden aus dem Nationalkonvent und dem Jakobinerklub. Dennoch herrschte hier eine andere Atmosphäre als in der großen und stets lauten Versammlungshalle des Konvents, wo bei Ansprachen oft viele Abgeordnete durcheinander schrien.

    Hier sah man seinen Kollegen in die Augen, roch die Ausdünstungen des letzten Mittagessens – oder des letzten Glases Wein. Keiner der anwesenden Mitglieder war ein enger Bekannter mit dem er gelegentlich private Treffen hatte. Er respektierte Robespierre und hatte ihn oftmals in der Vergangenheit unterstützt, insbesondere in den Auseinandersetzungen mit der Gironde. Trotzdem fühlte er eine gewisse Skepsis in sich aufsteigen, ein Gefühl das von dem aristokratischen Äußeren Robespierres noch verstärkt wurde.

    Auch Billaud war kein Mann des einfachen Volkes, aber durch seine Arbeit in den Sektionen zunehmend mit den Leuten von der Straße – den Markthändlern, den Handwerkern und selbst mit Tagelöhnern – in Kontakt gekommen und hatte die direkte und einfache Art der Leute schätzen gelernt.

    Das Volk der Straße von Paris, das war für ihn das wahre Frankreich, nicht der Adel und Pfaffen, oder die Spekulanten und Großhändler, die auf dessen Kosten lebten. Billaud kannte die Nöte der Pariser Bevölkerung und war entschlossen, die Stimme dieser Leute zu sein.

    Billaud wandte sich ohne Gesichtsregung Robespierre zu und sagte:

    „Danke für diesen freundlichen Empfang, Bürger. Ich werde nach Kräften mitarbeiten und zum Wohle des Volkes meinen Platz neben euch einnehmen."

    Er blickte in die Runde seiner neuen Kollegen und musterte die Anwesenden kurz. In dem Gesicht von Saint-Just konnte er ein Stirnrunzeln erkennen. Barère und Hérault verbargen ihre Emotionen hinter einem neutralen Gesichtsausdruck. Lediglich Carnot schien dem neuen Mitglied freundlich gesonnen, aber Carnot war von Natur aus gegenüber seinen Mitmenschen freundlich eingestellt.

    Billaud drehte sich wieder zu Robespierre und fügte hinzu: „Wie ihr wißt gab es in den letzten Tagen gewaltige Unruhe in der Bevölkerung von Paris. Die Versorgungslage ist katastrophal. Ich komme gerade von der Sektion Marat. Viele Bürger haben mir zur Ernennung in das Komitee gratuliert. Es gibt große Hoffnung, daß sich nun bald etwas an der derzeitigen Situation ändert"

    Robespierre verstand den deutlichen Hinweis auf den Druck der Sektionen und die nachfolgende Wahl von Billaud und Collot. Seine Augen zogen sich zusammen als er im scharfen Ton antwortet:

    „Hör gut zu Billaud, wir kennen die Situation in den Straßen von Paris, auch wir haben unsere Kontakte und Leute in den Sektionen und der Kommune. Glaubst du uns gefällt die Versorgungslage in Paris? Wir stehen mit dem Rücken zur Wand, unsere Soldaten halten nur mit Mühe die ausländischen Invasoren an der Grenze zurück. Die Soldaten müssen versorgt werden, oder alles ist verloren."

    Billaud spürte die Wut in sich aufsteigen und, obwohl äußerlich immer noch unbewegt, war er an dem Punkt Robespierre eine scharfe Erwiderung zu geben, bevor er gestoppt wurde.

    Es war wieder mal an Barère, mit seiner Eloquenz die Situation zu retten:

    „Bürger, Bürger, dies ist nicht die Stunde zu streiten. Es ist völlig unbestritten, daß die Situation in Paris ernst ist, ebenso wie an den Grenzen.

    Billaud wurde zum Mitglied des Komitees ernannt und er kennt die Stimmung in den Sektionen und der Kommune genau.

    Vorgänge wie der Aufstand diese Woche dürfen sich nicht wiederholen, sonst ist nicht nur die Versorgung von Paris gefährdet, sondern auch der Krieg verloren.

    Wir reden hier von Bürgerkrieg. Wir alle werden untergehen, wenn die Bourbonen zurückkehren und die Monarchie siegt."

    Billaud und Robespierre gab der Einwurf einen Moment des Nachdenkens. Billaud sah ein, daß diese Auseinandersetzung zu nichts führte. Er konnte nicht in der Stunde seines Eintritts die Politik des Komitees herumreißen. Aber seine Stunde würde kommen, da war er sich sicher. „Warte nur ab Robespierre, es kommt die Zeit da wirst du mir zuhören müssen." dachte er sich.

    Mit kühler Stimme sagte er dagegen zu der Runde: „Es ist nicht meine Absicht an diesem Tag einen Streit vom Zaun zu brechen. Ich will hier nur deutlich machen wie die Stimmung auf den Straßen ist."

    Nun war es an Saint-Just einzugreifen.

    „Billaud wir schätzen deinen revolutionären Eifer und deinen Rückhalt in den Sektionen. Wir garantieren dir, daß wir uns um diese Probleme so schnell wie möglich kümmern werden. Die Sans-Culotten sind das Rückgrat der Revolution, ohne ihre Unterstützung wird die Revolution zusammenbrechen. Aber damit wir das machen können, müssen wir hier zum Wohle Frankreichs zusammenarbeiten. Bist du dazu bereit?"

    „Selbstverständlich" erwiderte Billaud knapp, immer noch mit einer Mischung aus Wut und Nervosität kämpfend, da sein Eintritt in das Komitee sofort stürmisch begonnen hatte.

    „Dann müssen wir uns auf einige Regeln einigen, um das Komitee arbeitsfähig zu halten und zu einer effektiven Waffen der Revolution zu machen" fuhr Saint-Just fort, während Billaud dem Vortrag konzentriert zuhörte. Das jugendliche Gesicht von Saint-Just gepaart mit präziser politischer Rhetorik übte immer eine Faszination auf sein Publikum aus, dem sich nur wenige entziehen konnten.

    „Erstens: Im Komitee gibt es keine Privilegien, die Privilegien sind abgeschafft. Jede Angelegenheit wird diskutiert, jedes Mitglied hat Rederecht und am Schluß wird über die Angelegenheit abgestimmt, wenn keine Einstimmigkeit erzielt werden konnte.

    Zweitens: Wenn eine Entscheidung getroffen worden ist, dann ist es die Entscheidungen des GANZEN Komitees, egal wer überstimmt worden ist. Wir können nicht in Fragen, die das Schicksal der ganzen Nation betreffen den Eindruck erwecken die Entscheidung des Komitee sei nicht eindeutig und kann morgen anders ausfallen. Wir werden die Revolution durch diese stürmischen Zeiten steuern. Dazu müssen die Leute dem Komitee und seinen Entscheidungen vertrauen, die verkündeten Entscheidungen dürfen nicht die Spur eines Zweifels enthalten."

    Saint-Just hielt einen Moment inne, um zu sehen, ob einer der Anwesenden etwas hinzufügen wollte. Als niemand etwas sagte sprach er mit beschwörender Stimme weiter: „Schließlich der wichtigste Punkt, ohne den die Feinde der Nation alle unsere Entscheidungen und Arbeit zunichte machen werden: Absolute Geheimhaltung. Was in diesem Raum besprochen wird, muß in diesem Raum bleiben. Nichts von unseren Diskussionen, Motiven und Streitereien wird diesen Raum verlassen. Jede Uneinigkeit wird nur von unseren Feinden ausgenutzt. Wir können es nicht zulassen, daß Fraktionen oder Einzelpersonen versuchen Druck auf einzelne Mitglieder oder das ganze Komitee auszuüben. Das Komitee muß die Exekutive der Revolution sein, unbeirrbar und unfehlbar."

    Billaud sah Saint-Just fasziniert an. In diesem Alter eine solch entwaffnende Rhetorik dachte er in stiller Bewunderung. Dieser Mann wird noch eine große Zukunft haben. In Gedanken ließ er sich das von Saint-Just vorgestellte Konzept Punkt für Punkt noch einmal durch den Kopf gehen. Er war angetreten um den Forderungen der Sans-Culotten, der armen Stadtbevölkerung von Paris, zum Sieg zu verhelfen. Doch Billaud war überzeugt, daß ein starkes Komitee notwendig war um politische Entscheidungen durchzusetzen, vor allem nachdem sich der Nationalkonvent mehr und mehr als unfähig gezeigt hatte schnell und entschieden zu reagieren.

    „Wenn der Druck der Sektionen und der Sans-Culotten zu stark wird, dann kann auch das Komitee nicht anders entscheiden, als diesem Druck nachzugeben. So war es diese Woche und so wird es in Zukunft sein." dachte Billaud bei sich.

    Besser ein funktionsfähiges Komitee, welches diese Forderungen planmäßig umsetzt, als eines das nicht handlungsfähig ist.

    Billaud sah seine neue Kollegen an und sprach mit fester Stimme:

    „Bürger, ihr könnt mit meiner vollen Kooperation rechnen. Ich werde nach Kräften helfen, dieses Komitee zu einer schlagkräftigen Waffe der Revolution zu machen."

    So begann der erste Tag von Billaud im Wohlfahrtsausschuß. Er ahnte bereits jetzt, daß dies der Beginn eines neuen Lebens war.

    Kapitel 2

    Zur gleichen Zeit herrschte ein geschäftiges Treiben in den Straßen des Viertels Bonne-Nouvelle.

    Einige Handwerker und Tagelöhner gingen ihren Tätigkeiten nach. Was jedoch ins Auge stieß waren Gruppen von Sans-Culotten – einige mit der charakteristischen nach vorne fallenden roten Zipfelmütze auf dem Kopf – die an jeder Ecke die aktuellen politischen Ereignisse diskutierten. Seit dem Beginn der Revolution war es überhaupt die beliebteste Freizeitbeschäftigung der Pariser Bevölkerung die aktuelle politische Lage zu besprechen – oder sich darüber zu streiten.

    Wie immer wenn das Volk auf der Straße war brodelte die Gerüchteküche. Vor einer Kneipe standen 5 Sans-Culotten zusammen und ein Bärtiger mit roter Mütze der nur noch vereinzelt Zähne im Mund hatte sagte mit lauter Stimme: „Heute gab es in der Rue de la Convention schon wieder nur Brot für 2 Stunden. Wenn das so weiter geht werden wir noch alle verhungern, verdammt. Die elenden Großhändler horten alles nur für Ihren Profit. Wir müssen sie endlich vor das Revolutionstribunal bringen, das wird ihnen zeigen wer hier das Sagen hat." Nach dieser Ansprach nahm er einen kräftigen Zug aus seiner Tabakspfeife und stieß zur Bekräftigung seiner Worte eine dunkle Wolke Qualm hervor.

    Ein anderer von kleinem Wuchs pflichtete mit fiepsiger Stimme bei: „Du hast Recht André, das sind alles Halsabschneider, die nur darauf warten, daß sich der Preis verdoppelt und sie höheren Profit scheffeln können. Man sollte den Bastarden alles abnehmen – wenn nötig auch den Kopf." Auf diese letzte Bemerkung lachte die ganze Gruppe laut auf und schlug sich gegenseitig auf die Schultern. Die Sans-Culotten hatten also trotz Brotmangel ihren Humor noch nicht verloren!

    Der Mann mit einer knolliger Nase und dicken Augenbrauen in seinem ovalen Gesicht, der an der Gruppe vorbeiging und interessiert lauschte mußte lächeln. Er war von kleinem Wuchs, etwa Mitte 30 und hatte großen Anteil an dem Inhalt der Unterhaltung, auch wenn er sich nicht direkt beteiligte.

    Jacques-René Hébert war Herausgeber und Verfasser einer Zeitschrift. Allerdings nicht irgendeiner Zeitschrift sondern des „Père Duchesne", benannt nach einer beim einfachen Volk beliebten Figur des Volkstheaters, die mit derben Sprüchen die Vorgänge in der Politik und auf der Straße begleitet.

    Hébert war in einem früheren Leben Anwalt gewesen, aber im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen hatte er es vor Gericht nicht zu Wohlstand gebracht, sondern war bei einem Prozeß als Beschuldigter einer Verleumdung zu einer Strafe verurteilt worden, die ihn ruinierte und in die Armut schickte.

    Danach hatte der Sohn aus dem Haus eines Goldschmieds den Hunger und die einfachen Leute der Straße kennengelernt – nicht immer eine angenehme Erfahrung, aber Hébert hatte sich durchgebissen, zunächst in seiner Heimatstadt Alençon, einer Provinzstadt im Norden Frankreichs, später auf den Pariser Straßen.

    „Durchgebissen" war insbesondere in Paris wörtlich zu nehmen.

    Hébert dachte mehrmals er sei dem Hungertod geweiht, so desolat waren seine Verhältnisse, zeitweilig ohne Wohnung, ständig dem Hunger und der Kälte ausgeliefert. Nur die Unterstützung von einigen wenigen Freunden, die seinen derben Humor gepaart mit seinem Interesse an Theater und Gedichten schätzten, halfen ihm über die Runden.

    Dann bekam er eine Anstellung als Kartenkontrolleur in einem Varieté und seine Lage verbesserte sich ein wenig. Später entdeckte er sein Talent zum Schreiben und begann seine ersten Pamphlete herauszubringen.

    Als die Revolution zur Pressefreiheit führte schlug schließlich die Stunde von Hébert: Er konnte als Herausgeber des „Père Duchesne" seine Kenntnisse der Gossensprache gut verwerten und die einfachen Leute der Straße liebten ihn.

    Seine Zeitung wurde bald die populärste in ganz Paris, jedenfalls in den ärmeren Vierteln der Sans-Culotten.

    Die Attacken auf den „Trunkenbold Louis XVI. und die „rumhurende Österreicherin Marie-Antoinette waren berüchtigt und wurden den Zeitungsverkäufern aus den Händen gerissen. Daneben wurde er mehr und mehr aktiv in den politischen Klubs der Hauptstadt. Bereits 1791 war er Mitglied im Klub Cordeliers, im Jahr darauf im Jakobiner Klub. Der Cordelier hatte seinen Sitz im gleichnamigen Distrikt und war berühmt für seine Radikalität. Mitglieder die als führende Köpfe der Revolution zum Sieg verhalfen, waren Danton, Marat und Robespierre, obwohl letzterer dem Volk eher als Jakobiner bekannt war.

    Jean-Paul Marat, der gefürchtete Herausgeber der Zeitung „Volksfreund", war nun tot, erstochen von einer Frau aus der Provinz, die seine Angriffe auf die Vertreter der Gironde rächen wollte.

    Marat hatte zuvor in seiner Zeitung die Vertreter der Gironde im Konvent unablässig attackiert und ihren Ausschluß gefordert.

    Dies war ihm schließlich mit Hilfe anderer Jakobiner gelungen, verwandelte sich jedoch zumindest für Marats persönliches Schicksal in einen sprichwörtlichen Pyrrhussieg.

    Sein Ruf und die Verfolgung der Gironde setzte eine Frau aus der Provinz in Bewegung, die unter einem Vorwand in seine Wohnung gelassen wurde und ihm ein Messer in die Brust stieß, während er gerade in der Badewanne saß.

    Die anschließende Verurteilung der Mörderin war reine Formsache und ihre Enthauptung auf der Guillotine wurde unter großer Publikumsbeteiligung und dessen Begeisterung 4 Tage nach der Tat vollzogen.

    „Wahnsinn dachte Hébert kopfschüttelnd bei der Erinnerung an den Mord. „Eine Frau ermordet einen der besten Köpfe der Revolution. Die Welt ist verrückt.

    Doch er schüttelte den Gedanken rasch ab, der ihm einen Schauer über den Rücken laufen ließ, und dies nicht ohne Grund: Hébert wurde von vielen Leuten auf der Straße als Nachfolger von Jean-Paul Marat gesehen, wenn auch sein Ansehen im Konvent nicht ernsthaft mit dem des verstorbenen Marat konkurrieren konnte. Er hatte die Gironde in seiner Zeitung ebenfalls aggressiv attackiert und war zufrieden über deren Niedergang. In seiner Zeitung bekamen die Girondisten die Bezeichnung „unsere tödlichen Feinde und ein bekannter Minister wurde zur Freude der Leser als „gehörnter Ehemann tituliert.

    Seine Zeitung war populär und Hébert hatte auch in der Politik noch große Pläne. Deshalb war er auf dem Weg zum Kriegsministerium, wo einige seiner Bekannten und Freunde arbeiteten.

    Besonders freute er sich auf ein Treffen mit dem Generalsekretär des Kriegsministeriums, François-Nicolas Vincent. Vincent war ein guter Freund von Hébert, der es ebenfalls aus der Armut kommend zu einem bedeutenden Posten im Ministerium gebracht hatte.

    Dies war vor allem dem Kriegsminister selbst zu verdanken, Jean-Baptiste Bouchotte. Ein Karrieresoldat aus Metz, der wegen seiner Tapferkeit vom Konvent im April 1793 zum Minister ernannt wurde.

    Bouchotte war ein fähiger Soldat, und er hatte starke Sympathien für die Sache der Jakobiner und der Volksbewegung.

    Nach seiner Ernennung hatte er sich zunehmend mit Leuten aus dem einfachen Volk umgeben. Ein Affront für viele Militärs und auch viele Konventsmitglieder, die im Stillen immer noch Adlige für die besseren Offizieren hielten – Revolution hin oder her. Vorurteile und alte Gewohnheiten sterben langsam.

    Bouchotte hatte für solche Ansichten nur Verachtung übrig, er hatte in der Vergangenheit selbst oft genug erlebt welche Tölpel der Adel hervorbrachte und wie dieselben Tölpel mit größter Selbstverständlichkeit auf die höchsten Posten im Militär gesetzt wurden. Nicht mit ihm!

    Er war entschlossen, den Leuten des einfachen Volks diese Positionen zu überlassen und Vincent war ihm mit Begeisterung gefolgt. François-Nicolas Vincent hatte mit seinen gerade einmal 26 Jahren bereits Geheimratsecken und eine Habichtsnase. Auch ansonsten wurde man an einen Raubvogel erinnert der jederzeit zubeißen kann, wenn man Vincent gegenüber saß.

    Der Eindruck wurde noch verstärkt durch den Kontrast zu seinem Vorgesetzen. Kriegsminister Bouchotte hatte ein breites Gesicht und verbarg seine Entschlossenheit stets hinter einem Gesichtsausdruck von Teilnahmslosigkeit und Distanz.

    Trotz ihrer unterschiedlichen Erscheinung arbeiteten Vincent und Bouchotte gut zusammen.

    Bouchotte schätzte das energische Handeln seines Generalsekretärs, der im Kriegsministerium rigoros offene und heimliche Monarchisten entfernt hatte, die den Krieg hintertreiben konnten.

    Als Hébert eintrat begrüßte man sich freundlich. Hier waren Gleichgesinnte unter sich. Vincent war nach seinem Geschmack, seine Sprache konnte locker mit den Sprüchen von Père Duchesne mithalten, die regelmäßig unter die Gürtellinie gingen.

    Vincent lächelte, was immer den Eindruck erweckte er würde sich gleich auf ein Beutetier stürzen, und sagte: „Ich nehme an du bist guter Dinge, Hébert. Nach den Verlautbarungen von „Père Duchesne haben nun die Sans-Culotten endgültig im Konvent der Freiheit zum Sieg verholfen und die letzten Verräter in die Flucht geschlagen.

    Hébert lächelte zurückhaltend auf diese Worte. Im Gegensatz zu seiner Reputation durch seine Zeitschrift war er keineswegs der vulgäre Volkstribun. „Nur langsam Vincent." sagte er.

    „Dieser Sturm auf den Konvent vor 2 Tagen war besser als ich gedacht hätte, aber noch ist nichts Endgültiges gewonnen. Schöne Absichtserklärungen haben wir schon öfters gehört. Es bleibt abzuwarten, ob die Komitees jetzt wirklich ernst machen."

    Nun mischte sich Bouchotte ein: „Ich kenne Billaud und Collot, das sind Männer auf der Seite des Volkes. Die werden dafür sorgen, daß sich im Komitee einiges bewegt und nicht weiter Spekulanten und Verräter ihre Geschäfte auf dem Rücken des Volkes machen werden."

    „Du vergißt, daß im Komitee auch noch andere sitzen. Robespierre und seine Freunde werden sich ihre Beschlüsse nicht so einfach vorschreiben lassen." entgegnete Hébert.

    Vincent war überrascht, hatte er Robespierre bisher nur als energischen Jakobiner gesehen „Aber Robespierre und seine Freunde sind Jakobiner. Was sollten sie gegen die Forderungen der Sektionen haben?"

    „Wir werden sehen. sagte Hébert. „Jedenfalls ist bis jetzt zuwenig gegen die Nahrungsknappheit in Paris passiert, obwohl das Komitee seit Monaten in der Hand der Jakobiner ist. Ich werde daher im „Père Duchesne eine fahrende Guillotine für die Revolutionsarmee fordern, um den Spekulanten und Hordern von Lebensmittel einzuheizen. Das ist mit einigen Sektionen abgesprochen und die Gelegenheit ist günstig, der Konvent ist nach der Erstürmung diese Woche eingeschüchtert und wird sich nicht quer stellen."

    Vincent war einen Moment irritiert: „Was soll denn eine „fahrende Guillotine sein? fragte er.

    Hébert lächelte und seine Augen blitzten, wie sie es öfters taten, wenn ihm beim Schreiben ein Gedanke kam, der ihm besonders gut gefiel:

    „Wie der Name sagt: Eine Guillotine, die Räder wie bei einem Ochsenkarren hat und mit den Truppen der Armee von Ort zu Ort reisen kann, um Verräter zu köpfen. Spart Zeit und man muß nicht erst in jedem Kaff mühevoll eine neue Guillotine bauen."

    Bouchotte und Vincent mußten beide aus vollem Hals lachen.

    „Du bist ein Original Hébert, das muß ich dir lassen. Eine fahrende Guillotine wäre nicht einmal mir eingefallen." sagte Vincent.

    „Ihr habt es doch diese Woche wieder gesehen, nur der Druck der Straße und der Sektionen bringt in Frankreich Veränderung entgegnete Hébert ernst. „Wenn wir auf den Konvent und die Komitees warten, dann geht hier alles den Bach runter.

    Bei der erwähnten Erstürmung des Konvents Tage zuvor, am 5. September, hatten die Vertreter der Sektionen und Sans-Culotten ultimativ die Aufstellung einer Revolutionsarmee gefordert, um „gehortete Nahrungsmittel zu beschlagnahmen und „widerwillige Profiteure die dem Volk sein Brot vorenthielten auf der Stelle zu guillotinieren.

    Die Resolution wurde am gleichen Tag unter großem Tumult angenommen um schlimmere Aufstände zu verhindern und das Kriegsministerium von Bouchotte sollte nun eine Liste von Offizieren für diese hauptsächlich aus Sans-Culotten der Hauptstadt bestehende Armee ausarbeiten.

    Der Terror stand auf der Tagesordnung – und er nahm Fahrt auf.

    Bouchotte studierte Hébert einen Moment nachdenklich und sagte dann zu seinem Generalsekretär:

    „Vincent, wenn eine Revolutionsarmee aufgestellt wird, dann sollten wir schauen wie sie noch zusätzlich durch das Kriegsministerium unterstützt werden kann. Schau mal nach was wir an Ausrüstung und Reserven noch verfügbar haben."

    Nachdem Vincent den Raum verlassen hatte wandte er sich an Hébert: „Aus deiner Mitteilung habe ich entnommen, daß du mich auch persönlich sprechen willst. Obwohl ich Vincent vertraue, nehme ich an, daß du mir etwas Vertrauliches mitteilen willst."

    „Richtig, ich habe mir einen Plan zurecht gelegt, der besser nicht zu viele Mitwisser haben sollte, da man nie wissen kann, wer plötzlich eingreift, wenn die Sache zu früh bekannt wird." Hébert rieb sich aus Nervosität an der Knollennase, eine alte Angewohnheit, die sich bei ihm in früher Jugend eingebürgert hatte.

    „Du machst mich neugierig, Hébert" sagte Bouchotte und nahm einen Schluck Wein aus einem bereit stehenden Becher.

    „Ich habe nachgedacht. Mehr und mehr Männer aus Paris und den Sektionen müssen wegen des Kriegs in die Armee eintreten, das ist unumgänglich. Nun wird wohl auch noch die Revolutionsarmee dazukommen. Das bedeutete, daß diese Leute in den Sektionen und auf der Straße fehlen werden. Wir waren bisher in der Lage, den Konvent und die Komitees zu notwendigen Maßnahmen zu zwingen, wenn es an der Entschlossenheit fehlte. Können wir das auch in Zukunft tun, wenn die Sektionen immer schwächer werden, aber die Armee immer stärker?"

    Bouchotte sah Hébert lächelnd an und erwiderte: „Eine interessante Überlegung. Ich nehme an, du hast dir auch schon eine Lösung für dieses Problem überlegt?"

    Nun war es an Hébert ein triumphales Grinsen zu zeigen.

    „In der Tat, das habe ich! Wir müssen sicher stellen, daß die Soldaten auch an der Front und im Feld über die tatsächliche Lage in Paris und der Nation informiert werden. Du weißt selbst, daß es trotz deiner Position und den verläßlichen Leuten hier im Ministerium noch Verräter und Agitatoren in der Armee gibt, vor allem bei den Offizieren. Ich schlage vor, wir verteilen den „Père Duchesne umsonst in der Armee, damit die Sans-Culotten und Patrioten immer informiert sind und keine Agitatoren die Soldaten auf falsche Gedanken bringen können.

    Bouchotte zog die Augenbrauen empor, so unvermittelt kam dieser Vorschlag. In seinem Kopf arbeitete es. Natürlich wußte er, daß Hébert diesen Vorschlag nicht nur aus Sorge um die patriotischen Gefühle der Soldaten machte. Andererseits stimmte das Argument: In der Armee waren immer noch viele offene oder verdeckte Monarchisten aktiv. Wenn es zu einem Aufstand gegen den Konvent oder die Armeeführung kam, dann würde er dafür zweifellos mitverantwortlich gemacht, auch wenn die Komitees inzwischen einen großen Teil der Entscheidungen trafen.

    Die Agitation von Hébert konnte ihm also nur dienlich sein.

    Das Gesicht von Bouchotte gab nun seine übliche Distanziertheit auf und nahm den Ausdruck einer Katze an, die eine Maus in Sprungweite vor sich sah. Bouchotte erwiderte mit dünnem Lächeln: „Zweifellos ein guter Ansatzpunkt, lieber Hébert. Doch ich vermute du erwartest trotzdem eine gewisse – wie soll ich es sagen? – Kompensation, für deine patriotische Initiative bei der Armee."

    „Natürlich nur die Deckung meiner Unkosten damit „Père Duchesne auch in Zukunft seine Kommentare ins Land schicken kann. Gegenüber dem normalen Verkaufspreis würde ich lediglich ca. 60 % benötigen, wenn die Armee 100.000 Exemplare übernehmen kann.

    Bei soviel Unverfrorenheit mußte auch Bouchotte laut auflachen:

    „Kompliment Hébert, gut ausgedacht. Ich kann wohl nach einem derart großzügigen Auftrag davon ausgehen, daß das Kriegsministerium und sein Personal die volle Anerkennung und positive Stellungnahmen von „Père Duchesne bekommen?

    Auch Militärs und Befehlshaber konnten seit den Zeiten von Julius Cäsar gute Eigenwerbung gebrauchen, auf welche Weise und von wem auch immer.

    „Das hat mir „Père Duchesne bereits persönlich verbürgt. Es ist ihm bekannt, daß im Kriegsministerium nur die besten Patrioten tätig sind erwiderte Hébert mit schelmischen Gesichtsausdruck.

    „Abgemacht Hébert. Ich habe einige Etatreserven, die vom Komitee nicht überblickt werden können. Wir werden natürlich über diese Absprache striktes Stillschweigen wahren. Offiziell wird es eine patriotische Aktion sein, die ohne Zahlung des Staates durchgeführt wird. Ich werde dafür sorgen, daß dir das Geld jeweils nach Lieferung durch einen verläßlichen Boten übergeben wird."

    „Danke dir Bouchotte, du wirst es nicht bereuen. Ich gebe dir Nachricht sobald die erste Lieferung fertig ist." sagte Hébert, schüttelte ihm enthusiastisch die Hand und nahm seinen Abschied.

    Vor dem Ministerium konnte er sich ein Gefühl des Triumphs nicht verkneifen. „Geschafft! dachte er. „Nun wird es wirklich aufwärts gehen. Die Verräter werden zittern wenn „Père Duchesne selbst in der Armee den Ton angibt, und die wahren Patrioten bekommen einen ihnen zustehenden Anteil am Volksvermögen. Ein guter Tag für die Revolution."

    Natürlich verdiente er an der „Unkostenerstattung trotzdem einen ordentlichen Profit, aber dies war seiner Meinung nach nicht mehr als recht und billig. Er hatte zulange in Armut gelebt, um diese Erfahrung zu vergessen. „Hunger und Armut nicht mehr für mich, dachte sich Hébert. Und wenn man beim Geld verdienen noch ein patriotisches Werk tun kann, um so besser.

    Pfeifend und gut gelaunt machte sich Hébert an den Heimweg.

    Billaud kam an diesem Tag spät nach Hause. Er war nun im Komitee zuständig für die Korrespondenz mit den Departements und hatte sich sofort Hals über Kopf in die Arbeit gestürzt.

    Jetzt war er zu Hause in seiner kleinen Wohnung in der Rue Saint-André-des-Arts, und seine Frau machte ihm trotz der späten Stunde etwas zu essen.

    Er blickte Angélique versonnen an, mit der er nun seit 7 Jahren verheiratet war. Billaud liebte sie wie am ersten Tag, vielleicht jetzt noch mehr nach den vergangenen Jahren, in denen sie gemeinsam durch viele Widerstände gegangen waren.

    Er hatte sie in Paris kennengelernt, Angélique wohnte mit ihrer Familie im gleichen Mietshaus. Als er sie das erste Mal traf mußte sich der sonst so beherrschte Billaud zusammen nehmen, so war er von ihrem Anblick gefangen genommen. Sie blickte ihn im Treppenhaus mit fröhlich lächelndem Gesicht an und grüßte ihn:

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