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Flucht mit der Bahn 1944/45: Erlebnisberichte aus Ostpreußen, Westpreußen und Pommern

Flucht mit der Bahn 1944/45: Erlebnisberichte aus Ostpreußen, Westpreußen und Pommern

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Flucht mit der Bahn 1944/45: Erlebnisberichte aus Ostpreußen, Westpreußen und Pommern

Länge:
493 Seiten
5 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
6. Jan. 2015
ISBN:
9783738668803
Format:
Buch

Beschreibung

Zur überstürzten und dramatischen Flucht im Januar 1945 mit der Eisenbahn ist erstmals 2011 eine zusammenfassende Darstellung und Dokumentation von Heinz Timmreck mit seinem Buch „Letzte Flüchtlingszüge aus Ostpreußen“ erschienen (ISBN 978-3-842349-66-7 – Books on Demand, Norderstedt). Mehr als 80 Augenzeugen berichten über ihre traumatischen Erlebnisse. Hierbei haben die damaligen Eisenbahner in den letzten Kriegstagen unter extrem schwierigen Verhältnissen trotz der nahen Front pflichtbewusst ihren Dienst geleistet und damit Tausenden von Flüchtlingen zur Flucht verholfen.
Aufgrund der großen Resonanz zum vorgenannten Buch und wiederum auf Anregung des im April 2013 leider verstorbenen Schriftstellers und Gustloff-Experten Heinz Schön wurde von Heinz Timmreck ein Ergänzungsband mit dem Titel „Flucht mit der Bahn 1944/45“ erarbeitet. In diesem Buch berichten mehr als 50 Augenzeugen über ihre Flucht mit der Bahn aus Ostpreußen, Westpreußen und Pommern. Auch Erlebnisberichte zur Rückführung von Flüchtlingen unmittelbar nach Kriegsende in ihre Heimatorte und Informationen zur damaligen Dampfeisenbahn sind ergänzend angefügt worden.
Herausgeber:
Freigegeben:
6. Jan. 2015
ISBN:
9783738668803
Format:
Buch

Über den Autor

Der Autor Heinz Timmreck wurde am 6. Juli 1937 in Buchwalde im Kreis Osterode in Ostpreußen geboren. Im Alter von siebeneinhalb Jahren erlebte er die Zugkatastrophe bei Grünhagen im Kreis Preußisch Holland und später die Zeit bis zur Zwangsausweisung Ende Oktober 1945. Am 16. November 1945 kam die Familie Timmreck in Rostock an - mit anschließender Unterbringung in Groß Freienholz bei Sanitz. Im Juni 1947 flüchtete sie erneut über die "grüne Grenze" von der sowjetischen in die britische Besatzungszone und kam bis zum 17. November 1947 in das Flüchtlingsdurchgangslager Elverdissen im Kreis Herford. Es folgte endlich der Neuanfang in Elverdissen. Nach der Mittleren Reife und Sparkassenlehre war Heinz Timmreck Sparkassenbetriebswirt, zuletzt als Leiter der Rechtsabteilung der Sparkasse Herford in Ostwestfalen-Lippe. Seit Juli 2000 ist Heinz Timmreck im Ruhestand, er arbeitet aktiv im Arbeitskreis der Familienforscher Stolper Lande e. V. und leitete 13 Jahre bis Ende 2013 ehrenamtlich den MännerTreff der Evangelischen Kirchengemeinde Lockhausen-Ahmsen in Bad Salzuflen. Website: http://www.heinz-timmreck.de


Ähnlich wie Flucht mit der Bahn 1944/45

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Buchvorschau

Flucht mit der Bahn 1944/45 - Heinz Timmreck

1944/45

Einführung

Als ich im Sommer 2000 in den Ruhestand trat, hatte ich mir vorgenommen, nicht nur den großen Garten zu bearbeiten und vor dem Fernseher zu sitzen, sondern ich wollte etwas Sinnvolles tun. Nach eingehenden Überlegungen habe ich mich u. a. entschlossen, Familienforschung zu betreiben und die Familiengeschichte aufzuschreiben. Über unsere Familie wusste ich nicht viel, nur dass die Eltern meines Großvaters mit einigen Kindern vor der Jahrhundertwende 1900 in die USA ausgewandert waren. Leider habe ich in der Familie und bei Verwandten nicht nachgefragt, was ich heute sehr bedauere. Meine eigene Familie und ein verantwortungsvoller Beruf waren mir wichtiger.

Nach unserer missglückten Flucht mit dem Zug im Januar 1945 und der anschließenden russischen Besatzungszeit hat meine Mutter Schlimmes erlebt, über das sie nicht gern gesprochen hat. Mein Vater war ziviler Schuhmacher bei der Wehrmacht in Osterode, wurde dann am 18. August 1939 eingekleidet und musste als Kompanieschuhmacher den am 1. September 1939 beginnenden Zweiten Weltkrieg bis zu seiner amerikanischen Gefangenschaft am 2. Mai 1945 in Oberitalien mitmachen. Sein letzter Dienstgrad war Obergefreiter.

Die jüngste Schwester meiner Mutter war als DRK-Schwester auf verschiedenen Verbandsplätzen in Russland. Sie hatte ihre Erlebnisse noch nicht verarbeitet und erzählte viel aus der Heimat. Leider habe ich auch hier bei ihren Erzählungen nicht hingehört. Heute, nach fast 70 Jahren, muss ich durch Recherchen – soweit noch möglich – alles mühsam für die in Arbeit befindliche Familienchronik zusammensuchen. Eigentlich wollte ich kein Buch schreiben, sondern nur die Geschichte unserer Familie für meine Enkel schriftlich festhalten, denn sie sollen möglichst alles über die damaligen Geschehnisse und die Lebensbilder ihrer ostpreußischen Vorfahren wissen. Viele Heimatvertriebene im Seniorenalter haben ebenfalls ihre Lebensgeschichten und Erinnerungen aus der Heimat aufgeschrieben. So habe ich einige Berichte mit ihren unterschiedlichen Erlebnissen bekommen und in dieses Buch auszugsweise aufgenommen. Es sind Dokumentationen gegen das Vergessen, die keinen wissenschaftlichen Anspruch haben. Auch ist das vorliegende Werk kein klassisches Eisenbahnbuch, aber die Eisenbahn war für Tausende von flüchtenden Menschen das wichtigste und rettende Verkehrsmittel. Zum besseren Verständnis sind einige Erläuterungen zur damaligen Dampfeisenbahn in dieses Buch aufgenommen worden.

Bei der Auswahl der Berichte habe ich – wie im ersten Band – möglichst auf Wertungen verzichtet und versucht, emotionsfrei die Fakten sprechen zu lassen. Es sind authentische Augenzeugenberichte, Zeugnisse der damaligen Geschehnisse. Wenn nicht aufgeschrieben wird, wie es wirklich war, besteht die Gefahr der Verzerrung oder sogar der Verfälschung. Infolge von Flucht und Vertreibung sind die Lebenswege der Bewohner östlich von Oder und Neiße unvorgesehen anders verlaufen. Angehörige, Verwandte, Freunde und Nachbarn – sofern sie die Flucht überlebt hatten – haben sich erst nach längerem Suchen in verschiedenen Gegenden des geteilten Restdeutschlands wiedergefunden.

Mit den Jahren wird die Erlebnisgeneration immer kleiner. Die heute noch lebenden Augenzeugen waren damals Kinder oder Jugendliche. Viele dieser Kriegskinder haben ihre damaligen Kriegserlebnisse noch nicht restlos verarbeitet. Heutige junge Menschen kennen nur den Frieden. Der Zweite Weltkrieg, die Teilung Restdeutschlands, der Mauerbau und der Beitritt der DDR zur Bundesrepublik ist für sie Geschichte und das Wissen darüber ist sehr unterschiedlich.

Die unmittelbar nach Kriegsende diesseits und jenseits der Oder-Neiße-Linie erfolgten Geschehnisse sind heute weitgehend unbekannt. Daher habe ich diese Vorgänge in dieses Buch (mit) aufgenommen.

Die heutigen Bewohner jenseits von Oder und Neiße und auch die Heimatvertriebenen sind mehrheitlich für einen Ausgleich und für Versöhnung. So wächst vor allem unter den Jüngeren in den ehemaligen deutschen Ostgebieten das Interesse an der deutschen Geschichte ihrer Wohnorte. Ich selbst habe im Rahmen meiner Familienforschung in Słupsk, dem früheren Stolp in Hinterpommern (Ostpommern), immer wieder erfreuliche Erfahrungen gemacht.

Wir erleben gegenwärtig die längste Friedensperiode in Deutschland.

Möge dies auch für alle nachfolgenden Generationen so bleiben.

Resonanz auf den Band „Letzte Flüchtlingszüge aus Ostpreußen"

Es gab viele erfreuliche Reaktionen, vorwiegend Anrufe. Aus den Zuschriften habe ich Auszüge auf meiner Webseite unter „Stimmen zum Buch" eingestellt. In einem Hinweis wurden Angaben zum verantwortlichen Gauleiter und Kriegsverbrecher Erich Koch vermisst, was ich jetzt in diesem Buch durch einen gesonderten Artikel nachhole.

Erstaunlicherweise haben sich auch mehrere Eisenbahner gemeldet, darunter zwei etwas kritische Stimmen. Einmal wird Eisenbahntechnisches gewünscht. Dies wird jetzt durch die Darstellung der Arbeitsweise der damaligen Dampflokeisenbahn und die Entwicklung der Eisenbahn in Preußen als ergänzende Informationen für den interessierten Leser in leicht verständlicher Form nachgeholt. An dieser Stelle gilt mein Dank Rainer Claaßen, Jürgen Druske, Dirk Oelmann und Arne Woest für ihre freundliche Hilfsbereitschaft zum Thema Eisenbahn.

Dann zweifelt ein anderer (* 1953) die Angaben der Augenzeugen u. a. hinsichtlich der Zahl der vom Zugunglück betroffenen Personen an. Hierzu einige klärende Sätze: Auf den überfüllten Bahnsteigen kämpften die Menschen, die Angst im Nacken, darum, von den letzten oder auch allerletzten Zügen noch mitgenommen zu werden. Das meiste Gepäck blieb dabei auf den Bahnsteigen liegen. In den Gängen, Abteilen, Gepäcknetzen und sogar in den Klos oder zusammengepfercht in den offenen und geschlossenen Güterwagen waren Menschen, die nur einen Gedanken hatten: „Kommen wir noch über die Weichselbrücken?" Wer hatte denn in diesem vollständigen Chaos Zeit, die Anzahl der Flüchtlinge festzuhalten! Es gibt nur Schätzungen, die unterschiedlich sein können und auch von der Art der eingesetzten Wagen abhängen. Bei den letzten Zügen konnten die Eisenbahner hinsichtlich der Loks und Waggons nicht wählerisch sein. Es wurden sogar noch schnell einige Waggons repariert und fahrfähig gemacht, um mehr Flüchtlinge transportieren zu können. Viele Flüchtlinge mussten auf den Bahnhöfen zurückbleiben und dann unter der russischen Besatzung, den später nachrückenden polnischen Soldaten und Siedlern sowie den neu eingerichteten polnischen Behörden Drangsalierungen erdulden und Leid ertragen. Für im Wohlstand aufgewachsene Menschen sind die Schilderungen der Augenzeugen aus heutiger Sicht vielfach nicht vorstellbar.

Klaus Silz (Seite 153¹) teilte mir telefonisch mit, dass auch seine Mutter in dem Haus, in dem ich auf Seite 97 berichte, eingesperrt war und nach Sibirien verschleppt werden sollte. Er war auch unter den Kindern, die vor dem Haus durch Schreien und Weinen die festgehaltenen Frauen freibekamen.

Zum Titelfoto gab es zwei Hinweise zu den mit Pelzmützen bekleideten Personen. Es könnte sich hierbei um russische Soldaten handeln, denn deutsche Männer auf einem Flüchtlingszug sind aus verschiedenen Gründen nicht vorstellbar. Das Titelfoto hatte ich von Heinz Schön bekommen, der mir zur Herkunft des Fotos keine exakten Angaben machen konnte. Er hatte das Foto wohl von einem der vielen Flüchtlinge bekommen, mit denen er in Kontakt war. Es ist sicherlich richtig, dass es sich nicht um deutsche Flüchtlinge handelt. Aber die Aussage des Bildes zeigt doch, wie die Flucht in offenen Güterwagen stattgefunden haben könnte.

Auf Seite 85 ist ein Dokument der Stadt Kühlungsborn vom 26. Juni 1945 über die Anordnung zur Rückkehr von Flüchtlingen abgebildet. Da über dieses Thema vielfach Unkenntnis besteht, habe ich hierüber ein gesondertes Kapitel in den zweiten Band aufgenommen.

Militärische Ausgangslage an der Ostfront

Nach der verlorenen Schlacht von Stalingrad im Januar 1943 hat die deutsche Wehrmacht sich ständig zurückziehen müssen. Am 22. Juni 1944, dem dritten Jahrestag des Beginns des Russlandfeldzuges, erfolgte ein Großangriff auf die Heeresgruppe Mitte, die zum Zusammenbruch dieser Heeresgruppe mit dem Verlust von etwa 25 erfahrenen Divisionen führte. Bis zum Herbst 1944 hatte sich die Front bis zur Reichsgrenze vorgeschoben und Heydekrug und Memel am 9. Oktober abgeschnitten, Goldap² wurde am 22. Oktober von der Roten Armee besetzt. Am 5. November 1944 konnte Goldap zurückerobert werden. Jetzt verlief die Front auf ostpreußischem Boden in einer Breite von ca. 150 Kilometern und einer Tiefe von ca. 40 Kilometern.

Nun kehrte eine gewisse Ruhe ein. Hitler setzte sich am 20. November 1944 endgültig aus der Wolfsschanze³ ab und bezog nach einem Zwischenaufenthalt in Berlin sein neues Hauptquartier Adlerhorst⁴. Aufgrund der zu erwartenden russischen Winteroffensive forderte die Heeresleitung eine Verstärkung der Truppen. Ebenso wurden Evakuierungsvorschläge für die Bevölkerung unterbreitet. Beides lehnte Hitler ab. Er ließ sogar im Dezember 1944 Panzerdivisionen nach Ungarn und nach Westen für die Ardennenoffensive abtransportieren und bei Beginn der russischen Großoffensive im Januar 1945 nochmals zwei Divisionen an die Weichsel verlegen. Die deutsche Front wurde somit ausgedünnt und Ostpreußen ernsthaft bedroht, sodass es trotz aller Warnungen der Heeresleitung zur Katastrophe kommen musste.

Nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 in der Wolfsschanze war dieser gegenüber der Wehrmacht misstrauisch geworden. Er vertraute daraufhin mehr seinen Gauleitern, die er bereits bei Kriegsbeginn zu Reichsverteidigungskommissaren ernannt hatte. Das bedeutete nach einem Erlass Hitlers, dass die Wehrmacht ihre im zivilen Bereich notwendigen Anforderungen an den Reichsverteidigungskommissar richten musste und nur noch für ihre militärischen Aufgaben zuständig war. Lediglich im Kampfgebiet konnte die Wehrmacht zivilen Dienststellen Befehle erteilen. Es kam diesbezüglich zu Kompetenzstreitigkeiten und Reibereien zwischen Koch und den Führungsstellen der Wehrmacht.

Die Bevölkerung der von der Roten Armee im Herbst 1944 besetzten Gebiete wurde vorwiegend in die Regierungsbezirke Königsberg und Allenstein evakuiert und erhöhte dort die Einwohnerzahl; dieser Umstand erwies sich später bei der Flucht als zusätzliche Erschwernis. Als dann am 13. und 14. Januar die russische Großoffensive einsetzte, begann auch die Flucht der Zivilbevölkerung, wobei die rechtzeitige Flucht durch verspätete Räumungsbefehle des Gauleiters Erich Koch und seiner NS-Behörden erschwert oder sogar verhindert wurde.

Zur Verteidigung Ostpreußens machte Gauleiter Koch seinem Führer Adolf Hitler den Vorschlag, ungefähr 20 Kilometer vor der Grenze auf einer Gesamtlänge von 1000 Kilometern einen sechs Meter breiten und sechs Meter tiefen Graben auszuheben. In seinem Buch „Pommern auf der Flucht 1945" schreibt Heinz Schön u. a.:

„Nachdem Hitler den Bau genehmigt hatte, holten die Ortsgruppenleiter der NSDAP, dem Befehl Kochs folgend, Zehntausende Männer von ihren Arbeitsplätzen, schulpflichtige Hitlerjungen, Männer des Reichsarbeitsdienstes, alte Männer, Betriebsleiter, Beamte, Angestellte und Arbeiter, ohne Rücksicht darauf, ob sie kriegswichtige Funktionen ausübten und deshalb vom Wehrdienst freigestellt worden waren. Einspruchsmöglichkeiten gab es nicht. Ein Massenaufgebot an Menschen, Pferden und Wagen rückte über die ostpreußische Grenze vor und begann mit dem Bau.

Am 24. August 1944 meldete Koch Hitler, dass der Schutzwall in den befohlenen Grundzügen fertiggestellt sei. Kein Meter deutschen Bodens werde preisgegeben, Ostpreußen sei deutsch und werde immer deutsch bleiben. Wenn nötig, werden Mann, Frau und Kind die Heimat mit nackten Fäusten verteidigen."

Auch der für Pommern zuständige Gauleiter Franz Schwede-Coburg ließ im Herbst 1944 einen Verteidigungswall errichten, den sogenannten „Pommernwall". Hierzu wurden Massen von Männern, Frauen und Hitlerjungen mit der Reichsbahn oder mit Lkws in den Raum Deutsch-Krone gebracht. Beide Schutzwälle waren für die Rote Armee keine Hindernisse, um an allen Fronten auf Ostpreußen, Westpreußen, Danzig und Pommern vorzustoßen und diese Provinzen in nur 115 Tagen zu besetzen, und zwar in der Zeit vom Beginn der Winteroffensive am 13. Januar 1945 bis zur Kapitulation am 8. Mai 1945.

Es gab Anzeichen für eine russische Herbstoffensive 1944, die Ostpreußen bedrohte. Am 25. September 1944 unterzeichnete Hitler den „Erlass zur Bildung des Volkssturms".

Heinz Schön schreibt hierzu in seinem Buch „Königsberger Schicksalsjahre":

„Nach Hitlers Erlass mussten sich alle Männer zwischen 16 und 60 Jahren, die bisher aus Gesundheits-, Alters- oder berufsbedingten Gründen vom Wehrdienst freigestellt waren, zur Verteidigung der Heimat bei den Parteidienststellen melden, die damit eine weitere organisatorische Aufgabe erhielten. Mehr als sechs Millionen Männer in Ostpreußen und im Reich folgten dem Aufruf des Reichskanzlers und meldeten sich in den Parteidienststellen der NSDAP. Als erster Gauleiter und Reichsverteidigungskommissar in Deutschland konnte Erich Koch am 17. Oktober 1944 Hitler melden: ‚Mein Führer: Das erste Volksturmbataillon steht.‘

Kochs Bataillon bestand aus 499 Mann, in vier Kompanien gegliedert. Den Tross, also eine Militärische Versorgungseinheit mit Unterstützungsaufgaben im rückwärtigen Bereich bildeten zwei Wagen mit hauptsächlich polnischen Fahrern. Ausgestattet waren die Männer mit Gewehren, Panzerfäusten und leichten Maschinengewehren. Uniformen wurden nicht ausgegeben. Die Männer trugen Zivil mit der Armbinde „Deutscher Volkssturm, sie erhielten auch keine Erkennungsmarken wie alle deutschen Soldaten der Wehrmacht. Für die Aufstellung, Bewaffnung und Versorgung der Volkssturmeinheiten waren die Dienststellen der Partei – also der NSDAP – zuständig. Es war für Erich Koch selbstverständlich, dass er die Führung des ostpreußischen Volkssturms übernahm.

Die russische Offensive gegen die Ostfront

Die Volkssturmmänner fehlten den Familien. Nun mussten die Frauen ohne die Hilfe ihrer Männer die alleinige Verantwortung tragen und mit den Kindern und oft auch alten Eltern auf die gefahrvolle strapaziöse Flucht bei Schnee und Eis gehen.

Gauleiter Erich Koch

Eigentlich sollte hier ein von Heinz Schön für dieses Buch verfasster Artikel stehen. Hierzu ist es nicht mehr gekommen, denn am 7. April 2013 ist er im Alter von 86 Jahren verstorben. Bei meinen Besuchen hatte er mich mehrmals angesprochen, doch einen Ergänzungsband zu meinem Buch über die letzten Flüchtlingszüge zu schreiben. Er selbst wollte mit einem Artikel über den Gauleiter und Reichsverteidigungskommissar von Ostpreußen Erich Koch hierzu beitragen, zumal er zusammen mit dem Journalisten Armin Fuhrer ein Buch⁷ über Erich Koch geschrieben hatte. In diesem Buch wird Gauleiter Erich Koch wie folgt charakterisiert:

„Der brutale und gnadenlose Machtmensch, dem sogar Stalin wegen seiner Unmenschlichkeit gegen die Ukrainer gerne einen Orden verliehen hätte, wird für den Tod von weit mehr als einer Million Menschen verantwortlich gemacht, nicht eingerechnet Zehntausender von Ostpreußen, die er zum Kriegsende an der rechtzeitigen Flucht vor der heranrückenden Roten Armee hinderte. Gleichzeitig war Koch ein rücksichtsloser Aufsteiger, der insbesondere auch in finanzieller Hinsicht immer auf seinen eigenen Vorteil bedacht war und unter dem Deckmantel einer Stiftung ein riesiges Industriekonglomerat zusammenraubte."

Erich Koch war Gauleiter, Reichsverteidigungskommissar und Oberpräsident von Ostpreußen sowie Präsident und Vorsitzender mehrerer Institutionen, somit lag alle Macht in Ostpreußen in seinen Händen. Koch wollte den Ernst der Lage nicht erkennen und drohte mit Strafen bei Fluchtversuchen ohne seine Genehmigung. Anfang Januar 1945 hat er sogar seine Drohungen verschärft, indem jetzt auch die Vorbereitungen für eine Flucht unter Strafe gestellt wurden. Er verweigerte hartnäckig die vorsorgliche Evakuierung der Zivilbevölkerung, obwohl die russischen Armeen ständig im Vormarsch waren. Fluchtbefehle mussten von ihm persönlich genehmigt werden. Hierdurch ergaben sich Verzögerungen. Oft trafen die Anordnungen der Gauleitung in Königsberg und seiner NS-Behörden erst ein, wenn die Menschen sich schon ohne Befehl hastig auf die Flucht hatten begeben müssen, weil diese von zurückweichenden deutschen Soldaten zur Flucht aufgefordert worden waren und die sowjetischen Truppen schon in unmittelbarer Nähe weiter vorrückten. Es gab keine geregelte Räumung, was zu Chaos und Verwirrung führte. Vielfach wurden die Flüchtenden von den russischen Panzerspitzen überrollt und die Treckwagen zur Seite geschoben.

Erich Koch hatte seine eigene Flucht seit Wochen gut vorbereitet. Mit einem Fieseler Storch lässt er sich zur Halbinsel Hela fliegen und begibt sich dort auf den nur für ihn reservierten Eisbrecher „Ostpreußen". An Bord sind auch Mitarbeiter der Gauleitung und Parteifunktionäre. Flüchtlinge, die mitgenommen werden möchten, dürfen nicht an Bord. Auf See werden die Parteiuniformen in Wehrmachts- oder Zivilkleidung getauscht. In Flensburg verlässt Koch am 7. Mai 1945 als Major Berger das Schiff und lebt unerkannt in Hasenmoor bei Hamburg bis zu seiner Verhaftung im Mai 1949.

Erich Koch hat durch sein unmenschliches Verhalten viel Schuld auf sich geladen, feige und heimlich Ostpreußen verlassen. Er wurde von den britischen Besatzungsbehörden 1950 an Polen ausgeliefert, wo er 1986 im Alter von 90 Jahren im polnischen Staatsgefängnis Barczewo, dem früheren Wartenburg in Ostpreußen, verstarb. Koch wurde wegen in Polen begangener Kriegsverbrechen zum Tode verurteilt, dieses Urteil wurde später in lebenslange Haft umgewandelt. Seine in der Ukraine begangenen Kriegsverbrechen waren nicht Gegenstand der Verurteilung, d. h., hierüber wurde nicht verhandelt.


¹Alle angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf den ersten Band.

²Kreisgemeinschaft Goldap: Aufgrund des Räumungsbefehls vom 20. Oktober 1944 verlassen am 21. Oktober 1944 die letzten Deutschen die Stadt.

³Führerhauptquartier in einem Wald bei Rastenburg.

⁴Führerhauptquartier im Schloss Ziegenberg bei Bad Nauheim.

⁵Schön, Heinz: Pommern auf der Flucht 1945, Berlin 2013.

⁶Schön, Heinz: Königsberger Schicksalsjahre. Der Untergang der Hauptstadt Ostpreußens 1944–1948, Kiel 2012.

⁷Schön, Heinz; Fuhrer, Armin: Erich Koch – Hitlers brauner Zar. Gauleiter von Ostpreußen und Reichskommissar der Ukraine, München 2010.

Erlebnisberichte aus Ostpreußen, Westpreußen und Pommern

Nadelöhr Weichselbrücken

Infolge des schnellen Vorrückens der Roten Armee verblieben zur Flucht über Land im Norden nur noch die Weichselbrücken bei Marienburg und Dirschau. Vor den Straßenbrücken verursachten Pferdegespanne, Fahrzeuge aller Art und Wehrmachtsfahrzeuge chaotische Zustände.

Auf den Bahnhöfen von Marienburg und Dirschau und vor den Eisenbahnbrücken stauten sich die Züge. Auch bei Güldenboden vor Elbing kam es zum Stau von Flüchtlingszügen aus Königsberg und dem Hinterland. Alle Flüchtlinge hatten hauptsächlich nur einen Gedanken und den Wunsch, über die Weichsel zu gelangen. Hinzu kamen Gerüchte und die damit verbundene Angst, die Brücken könnten gesprengt werden. Dies wird im nachstehenden Bericht recht eindrucksvoll geschildert.

Brücken bei Dirschau im Jahre 2011

Die fünf Brüder der Familie Koepke, 1938, v. l. n. r.: Otto (* 1928), Walter (* 1926), Erwin (* 1922), Helmut (* 1926) und Heinz (* 1925). Alle schauen fröhlich in die Zukunft. Ein Jahr später begann der Krieg.

Otto Koepke aus Freudenthal (* 1928) aus dem Kreis Rosenberg/Westpreußen

In friedlicher Ruhe gehen wir unserer Arbeit nach. Der russische Großangriff am 16. Januar 1945 auf Warschau ist für meine Begriffe weit weg. Doch die Ereignisse überstürzen sich plötzlich. Am 18. Januar um 22 Uhr kam die RAD-Leiterin Gertrud Tietz zu uns und brachte die Nachricht zum sofortigen Aufbruch.

18. Januar: Viele Bauern mussten nach Deutsch Eylau, die Wehrmacht brauchte Pferde. So mussten einige Bauern noch Pferde abgeben. Mein Vater in seiner Eigenschaft als Bauernführer musste unangenehme Entscheidungen treffen. Pferde mussten ausgetauscht werden und Frauen und Kinder ohne eigene Fahrgelegenheit auf die einzelnen Wagen verteilt werden. Während mein Vater nachts durch das Dorf radelte, um die Bevölkerung zum Aufbruch zu wecken, half mir ein Pole, den Wagen zu beladen.

Familie Koepke, 1944, v. l. n. r.: Vater Erich Koepke (* 1894), Otto (* 1928), Mutter Martha (* 1896), Walter (* 1926) und Erwin (* 1922). Die beiden Brüder Helmut (* 1926) und Heinz (* 1925) sind an der Front. Die Schwester Gerda (1942–1944) wurde nachträglich in das Foto hineinkopiert.

19. Januar: Morgens um 9 Uhr versammelten sich alle Wagen. 25 Wagen fuhren in Richtung Saalfeld und wir mit fünf Wagen in Richtung Deutsch Eylau.

20. Januar: Wir erreichen Riesenburg. Es ist etwa 14 Uhr, als gerade das Lazarett aufgelöst wird. Ein langer Zug von verwundeten Soldaten zieht über die Straße. Von Rote-Kreuz-Schwestern gestützt und auf Handschlitten werden die Soldaten zum Bahnhof gebracht. Die weißen Binden an Kopf, Beinen und Armen leuchten weit und zeigen ein Bild der Verzweiflung und Hilflosigkeit. Zum ersten Mal erfasst mich eine Untergangsstimmung. Dazwischen die Pferdewagen mit den vielen Menschen. Es ist ein Chaos, nicht laut, eher leise. Keiner spricht ein Wort, nur das Rollen der Räder und das Getrabe der Pferde erklingt im Rhythmus: weiter, nur weiter.

In meinen Gedanken die Weichselbrücke irgendwo hinter Stuhm oder Marienburg. Ich habe mit meinen 16 Jahren noch nie eine große Brücke gesehen und bilde mir ein, hinter dem großen Fluss sind wir in Sicherheit.

21. Januar: Heute kommen wir kaum weiter, die Straßen sind überfüllt. Bei Nikolaiken vor Stuhm geht nichts mehr. Eine Kreuzung wird zum Nadelöhr. Wagen aus den südlichen und nördlichen Kreisen wollen auf die Straße, die nach Stuhm führt. Natürlich wollen die Trecks zusammenbleiben. Es gibt keine Polizei, die für Ordnung sorgt. Das Faustrecht greift in die Zügel der Pferde. Den Erwachsenen liegen die Nerven blank. Die Angst vor den Russen setzt alle Regeln der Vernunft außer Kraft. Mir ist hundelend bei diesem Anblick.

22. Januar: Über Stuhm kommen wir nach Weißenburg; der Weichseldamm, gefährlich hoch und schmal, führt in Richtung Groß Montau. Stundenlang steht der Treck auf der Stelle, keiner kann ausweichen. Wir übernachten im Freien.

23. Januar: Am Morgen geht es langsam weiter. Nur nicht aus der Spur kommen – abgestürzte Fahrzeuge warnen vor leichtsinniger Fahrweise. Die langersehnte Weichselbrücke taucht groß und mächtig vor uns auf. Bewacht von der Feldgendarmerie. Hier kommt keiner vorbei. Der geringste Verdacht auf Fahnenflucht wird überprüft. Nach Passieren der Brücke kommt Freude auf, wir sind in Sicherheit.

Nachtrag: Dem energischen Schuhmachermeister Heyda, der den Treck mit 25 Wagen anführte, ist es zu verdanken, dass die überwiegende Mehrheit der Freudenthaler Dorfbewohner den Westen erreichte. Die andere Gruppe mit fünf Wagen hatte in Lienfelde einige Todesfälle, die zu großen Zeitverzögerungen führten. Am 27. Februar in Zanow vor Köslin ist die Flucht für Otto Koepke zu Ende, denn er muss mit großen Schmerzen von seinem Vater nach Rügenwalde ins Krankenhaus gebracht werden und wird dort am Blinddarm operiert. Am 5. März wird Otto Koepke frühzeitig aus dem Lazarett entlassen, es ist jedoch zu spät. Köslin ist von den Russen eingeschlossen, die anderen vier Wagen mit den Familien Brunch, Bartel, Nabe und Schwerm fahren weiter und kommen noch durch Köslin und erreichen Westdeutschland. Otto Koepke gelingt es trotz vieler Schwierigkeiten, am 26. August 1945 über Stettin in die westdeutsche Besatzungszone zu gelangen.

Evakuierung aus Treuburg⁹ und Flucht aus Pommern

¹⁰

Hans Walter Manfred Jera (* 1931) aus Treuburg

Der letzte Tag in Treuburg im Juli 1944

Wir waren eine große Familie mit vier Kindern, und zwar meine Mutter Erna Jera, mein Stiefvater Otto Jera, ein selbstständiger Tischlermeister, und meine Brüder Otto (zehn Jahre), Klaus (acht Jahre) und Dieter (sieben Monate). Mein Vater war schon auf der Arbeit in seiner Werkstatt, als uns am Kaffeetisch die Nachricht erreichte, dass wir Pimpfe vom Jungvolk uns sofort in Uniform auf dem Marktplatz¹¹ vor der evangelischen Kirche einzufinden hätten. Schnell rannte ich zu meinem Vater und überbrachte ihm diese Nachricht, um mich zugleich von ihm zu verabschieden. Mein Stiefvater hatte Wehrmachtsaufträge auszuführen, aus diesem Grund war er zu Hause.

Die Schreinerei/Tischlerei in der Bahnhofstraße 11, Treuburg, 1979

In Uniform antreten war für uns Pflicht und Dienst, sogar die Schule musste hinten anstehen. Meine Mutter half mir beim Ankleiden, gab mir noch gute Ratschläge und ein paar belegte Brote, und schon war die Zeit zum Abschiednehmen da. Viele Eltern haben ihre Kinder begleitet. Es war ein buntes Durcheinander. Es ertönte ein Pfiff, der uns sagte: „Alles antreten! So standen wir da in Reih und Glied. Alle Eltern, die ihre Kinder begleitet hatten, standen in einem großen Abstand uns gegenüber. Der Fähnleinführer begrüßte uns mit seiner lauten Stimme und gab den Tagesbefehl bekannt: „Abmarsch zum Ernteeinsatz auf dem Land!

Ernteeinsatz auf dem Land

Ein Lied wurde angestimmt, und mit Gesang marschierten wir Jugendlichen im Alter zwischen zwölf und 13 Jahre aus Treuburg hinaus. Nach ungefähr drei Stunden erreichten wir ein großes Gut, es war so ungefähr um die Mittagszeit. Die Köchin war gerade mit der Zubereitung des Mittagessens fertig, wir nahmen an einem großen Tisch Platz und stillten erst einmal unsern Hunger. Unsere Gruppe wurde aufgeteilt. Allmählich beschlich mich eine Angst, als kleiner Junge alleine ohne Kameraden auf dem Land zu sein. Hier auf dem Gutshof war ich ein Fremder, der noch nicht einmal den Namen dieses Gutes kannte.

Ein Knecht kam dann zu mir und erklärte mir meine Arbeit: An den aufgestellten Garben das untere Ende der zweiten Garbe greifen und die erste Garbe damit zusammenbinden. Für mich als Städter und zwölfjähriger Bub eine fremde und nicht leichte Aufgabe. Die Arme waren allmählich aufgekratzt und die Uniform war auch nicht mehr sauber, meine Gedanken kreisten dauernd hin und her. Aber urplötzlich stand die Zeitwende vor mir, ein Pferd mit einem stolzen Reiter in einer schicken SS-Uniform. Das war so ein großes Denkmal, ich kam mir vor wie eine kleine Feldmaus. Es war der Gutsherr, der seine Abendinspektion machte. Mit fester und befehlender Stimme vom hohen Ross herunter verkündete er mir: „Beende deine Arbeit, gehe zurück aufs Gut, dort ist schon alles geregelt."

Kaum war ich in der großen Küche des Gutshauses angekommen, nahm mich sofort die Küchenchefin in Empfang und versorgte mich erst mal mit einem Nachtessen. Alle waren so hektisch und aufgeregt, aber sie machten ihre Arbeit. Trotzdem – etwas stimmte nicht. Nachdem ich gegessen hatte, bekam ich von der Küchenchefin einen kleinen Geldbetrag, um nach Hause zu fahren. Ein Knecht zeigte mir die Straße und die Richtung zum Bahnhof. Es war sehr dunkel, nur die Sterne beleuchteten mir die Straße. Meine Angst wurde immer größer und die Sorge, den Bahnhof nicht zu erreichen, machte mich bange. Die Beine wollten auch nicht mehr mithalten, aber ich musste weiter. Meine Sinne spielten mir auch schon Bilder vor, die ich gar nicht glauben wollte. Ein Stern wurde immer größer und größer, ich blieb stehen und rieb mir meine Augen. Ich konnte es erst gar nicht glauben: Es war ein Licht. Es wurde immer größer und größer und entpuppte sich als die Leuchte am Eingang eines Bahnhofs. Langsam kam ich dem Gebäude näher, die Umrisse erschienen mir, soweit ich alles im Dunkeln erkennen konnte, bekannt. In dieser verdammten schwarzen Dunkelheit, ich musste so aufpassen, dass ich nicht stolperte, ahnte ich, den Bahnhof von Griesen, dem Ort, in dem meine Tante Guste wohnte, zu erkennen.

Nachts im Bahnhof Griesen

Langsam näherte ich mich der Lampe über der Eingangstür zum Bahnhof. Behutsam drückte ich die Tür auf und trat in die Bahnhofshalle ein, die schummrig beleuchtet war. Auf der einen Seite war ein Schalter eingerichtet und tatsächlich war der mit einem Beamten besetzt. Meine Angst wich ein wenig und ich ging auf den Schalter zu, hinter dem der Beamte saß. Freundlich begrüßte er mich und fragte nach meinem Begehren. Erstaunt fragte er, wo ich mitten in der Nacht, noch dazu in Uniform, herkäme. Nachdem ich dem Beamten alles erklärt hatte, erzählte er mir, der Zug fahre in einer Stunde und es bestünde Fliegeralarm. Dass überhaupt noch ein Zug nach Treuburg fahre, wäre mein Glück.

Der Beamte war aus dem Dorf Griesen und es wäre für mich ein Leichtes gewesen, mit ihm zu gehen und bei meiner Tante zu übernachten. Aber mein Gefühl sagte mir: „Fahr nach Hause." Die Unterhaltung mit dem Beamten nahm mir ein wenig das Angstgefühl. Auf einer Bank nahm ich Platz. Das Angstgefühl kam wieder zurück, vom Magen hinauf hoch zum Hals. Hinter dem Fahrkartenschalter gab es Bewegung, der Beamte stand auf, nahm eine Laterne und verließ seinen Platz. Einen Moment später betrat er die Wartehalle, kam auf mich zu und sagte mir, dass der Zug jeden Augenblick einlaufen werde. Wir gingen zusammen auf den Bahnsteig, er mit seiner Laterne und ich mit meiner Angst. Diese unheimliche Dunkelheit machte mir zu schaffen. Den Zug oder besser die Lokomotive bekam ich erst zu sehen, als sie an mir langsam vorbei fuhr. Mit einem lauten Quietschton kam das Gefährt zum Stehen. So tastete ich mich an einen Wagen heran, machte die Türe auf und stieg ein. Der Zug war leer: Das zu wissen, machte mir noch mehr Angst. Es dauerte nur ein paar Minuten, bis der Zug mit etwas Rucken anfuhr und langsam ins Rollen kam. Die Holzbänke waren hart und allmählich wurde es mir kalt. Der Zug nahm überhaupt keine Geschwindigkeit auf und ich wollte doch so schnell wie möglich nach Hause. Auf freier Strecke blieb der Zug dann stehen, und in dieser Dunkelheit konnte man nichts erkennen. Wieder fuhr der Zug ein Stückchen weiter, so ging das ein paar Mal, bis der Zug in den Bahnhof meiner Heimatstadt Treuburg einfuhr. Es muss schon Mitternacht gewesen sein, eine Uhr besaß ich damals noch nicht. Vom Bahnhof bis zur Bahnhofstraße 22 brauchte man zehn Minuten, und trotzdem nahm der Weg kein Ende. Meine Mutter empfing mich mit Tränen in den Augen, meine Geschwister drumherum nahmen mich in den Arm und hielten mich ganz fest. Ein Weilchen später, nachdem wir uns alle beruhigt hatten, erzählte mir meine Mutter, dass wir und alle Familien mit mehr als zwei Kindern morgen in aller Frühe abgeholt würden.

Die Bahnhofstraße in Richtung Marktplatz, Treuburg, 1979

Die Evakuierung

Meine Mutter musste schon den ganzen Tag lang gepackt haben. Viele Gepäckstücke standen bereit. Ein etwas größerer geflochtener Wäschekorb wurde gerade gefüllt. Mit einer großen Decke wurde alles zugedeckt und mit einer Wäscheleine verschnürt. So half ich noch bei den letzten Handhabungen und wir legten uns zum Schlafen ins Bett. Es waren die letzten Stunden in unserer schönen großen Wohnung. Viel Ruhe zum Schlafen bekamen wir nicht. Die Gedanken in meinem Kopf schwirrten dermaßen durcheinander und ich hörte, dass meine Mutter weinte. Die Ungewissheit, irgendwo hingebracht zu werden, nicht zu wissen, was der nächste Tag für uns bereithält, war groß und meine Mutter machte sich viele Sorgen. Der Morgen graute und wir mussten alle aufstehen. Meine Mutter hatte für jedes von uns Kindern einen Rucksack gepackt und ein

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Was die anderen über Flucht mit der Bahn 1944/45 denken

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