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Liron erklärt die Welt: Ein Pferdeleben im naturnahen Herdenverband

Liron erklärt die Welt: Ein Pferdeleben im naturnahen Herdenverband

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Liron erklärt die Welt: Ein Pferdeleben im naturnahen Herdenverband

Länge:
288 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Jan 23, 2015
ISBN:
9783738673241
Format:
Buch

Beschreibung

Pferdebücher gibt es viele: Fach- und Sachbücher, Bildbände und Lehrmaterial. Im Bereich Belletristik sind Pferdethemen bis jetzt weniger präsent, es sei denn, die Darstellung entbehrt jeder Realität. Dabei sind es Erwachsene, die Filme von Rosamunde Pilcher und Inga Lindström sehen wollen, in denen Pferde jedoch nur schmückendes Beiwerk sind. Pferdegeschichten faszinieren.

Dieser Erzählband von Katharina S. Ahrens kommt ohne erhobenen Zeigefinger daher, denn hier erklärt ein kleines Fohlen seine Welt von der Geburt bis zu seinem Ende. Liron schildert sein Leben in der Natur in der Herde, mit Mutter und Freunden, Gästen und seiner Arbeit als Sportpferd in der Königsdisziplin, der Vielseitigkeit, während Liron bei der Arbeit mit Therapiepferden hilfreich ist. Eben ein vielseitiges Pferd!
Herausgeber:
Freigegeben:
Jan 23, 2015
ISBN:
9783738673241
Format:
Buch

Über den Autor

Katharina Sophie Ahrens lebt in Niedersachsen auf einem kleinen Resthof am Fluss Oste, im Krimiland zwischen Elbe und Weser. Nach dem Abitur am revolutionären Gymnasium in Buxtehude volontiert sie zunächst im Weserbergland und arbeitet einige Jahre als Lokalredakteurin, die in der Freizeit Reisereportagen für die Beilage "Im Strom der Zeit" schreibt. Doch die Leidenschaft für Pferde führt eines Tages fort von der Hofreitschule und vom Marstall in Bückeburg zurück in die Heimat, wo sich die Autorin nebenberuflich für die Arbeit mit Pferden durch ein Diplomstudium der Tierpsychologie ausbilden lässt. Abschluss im September 2004 in der Schweiz. Jahr für Jahr erweitert sie nun ihr berufliches Umfeld und schreibt Bücher. Für sich und für andere, für Pferdefreunde und für Menschen, die Pferde lieben, direkt oder aus der Distanz heraus.


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Buchvorschau

Liron erklärt die Welt - Katharina Sophie Ahrens

2014

1. Kleine Kinder - kleine Sorgen

Als Pferdekind auf die Welt zu kommen, das ist schon schwer! Meine Mama ist ja nicht mehr ganz jung. An Nachwuchs hatte sie eigentlich nie gedacht, dabei war sie schon zweimal bei einem Hengst. Als sie zehn Sommer alt war. Es war ein ganz besonderer, der einen Weltrekord im Hochsprung hatte. Von dem hat sie manchmal geträumt, wenn ich schlafen wollte. Nekoma war schwarz und weiß.

So wie meine Welt hier jetzt gerade. Mama hat dann immer sehr leise gekichert, wenn sie von ihm geträumt hat. Dann schüttelt es mich hier drinnen!

Bei mir hier ist es dunkel, aber wenn Mama träumt, dann kann ich mir richtig vorstellen, wie alles aussieht. Alle Geräusche kommen bei mir leiser an, da ist was um mich herum, das dämpft alles. Überhaupt habe ich es hier gut: nur schlafen und essen, ab und zu noch etwas wachsen. Nur manchmal wache ich davon auf, dass um mich herum alles wackelt! Es schüttelt mich hin und her, oft wird mir ganz schlecht davon. Aber dann habe ich von draußen etwas gehört. Das klingt ganz sanft und lieb. Verstanden habe ich davon nichts, aber der Ton hat einen schönen Klang, und weil die Mama sich wohl fühlt, wenn sie das hört, dann fühle ich mich eben auch wohl. Außerdem isst Mama da etwas und das schmeckt mir auch.

Gerade, als ich mich an das Schaukeln gewöhnt habe, ist damit Schluss. Mama ist jetzt nicht oft im Licht und deshalb ist es bei mir noch dunkler. Hätte ich gar nicht gedacht, dass es noch dunkler werden könnte, aber es ist so. Das Schaukeln vermisse ich sogar, aber dafür schmeckt alles anders, was Mama isst. Sehen kann ich davon nichts, es kommt aus einer Schlange, die ist zwischen meiner Mama und mir. Seit das Essen anders schmeckt als sonst, wachse ich noch schneller. Ich werde größer und kräftiger. Manchmal meckert die Mama, dass ich mich anders hinlegen soll, damit sie besser essen kann. Ich liege ihr auf dem Magen, sagt sie, und dann passt da nicht viel `rein.

Wenn ich nicht gleich auf sie höre oder mich auf die falsche Seite lege, dann boxt Mama mich. Blitzschnell bollert sie gegen meine Wand. Wie rücksichtslos! Am liebsten würde ich mich auch so bewegen oder nur allein richtig strecken. Langsam wird mir das hier zu eng! Warum wünscht sich Mama jetzt bloß, sie wäre wieder so dünn wie früher? Weil alles gar nicht mehr in ihren Bauch passt. Da sitze ich ja jetzt drin, sagt Mama gehässig. Sie hat heute Geburtstag.

Was ist das, Geburtstag? Mama bekommt ein besonderes Essen.

Lecker! Aber sie sieht das wohl anders, es tut ihr nicht gut? Sie wird plötzlich ganz unruhig und läuft im Kreis. Bei mir wackelt alles, die Wände kommen immer auf mich zu und alles ist so eng, noch enger als früher, am Anfang und auch jetzt. Hier will ich nicht mehr bleiben! Ach, nein, das hätte ich lieber nicht denken sollen! Nun hat Mama schlimme Krämpfe und große Angst, weil sie auch nicht genau weiß, was los ist. Mir wird schwindelig! Ich komme in Panik, dass mir etwas passiert, da passiert es! Es wird noch enger und dann ist auch noch alles in Bewegung, alles, vor allem ich! Es rauscht um mich herum und ich werde geschubst, bis ich plötzlich auf dem Trockenen sitze und nach Atem ringe!

Es ärgert mich, dass da zwei Stimmen sind. Die pieksen mich überall! Gerade habe ich so schön gelegen! Es riecht hier, wie meine Mama! Endlich kann ich zappeln, ich habe so lange Teile, die endlich den Platz haben, den sie wollen! Diese Stöcker, so dünn, diese Stelzen sind viel zu lang! Jedenfalls bleibe ich hier nicht. Ich will zurück zu meiner Mama! Wo ist sie? Mammmma!!!

Meine Mami sieht ganz anders aus, als ich gedacht habe. Ich erkenne sie ganz leicht, weil sie so gut riecht. Viel besser, als ich dachte, als ich sie noch nicht sehen konnte. Ihre Stimme klingt hier draußen ganz laut, sie brüllt mich immer an! Mami ist ganz müde und erschöpft, sagt sie. Trotzdem will sie wissen, ob bei mir alles in Ordnung ist. Sie möchte, dass ich versuche, mich auf diese Stelzen zu stellen. Beine, sagt sie, heißt das. Sie will es mir vormachen, aber sie schafft das auch nicht gleich. Wir versuchen das gemeinsam.

Autsch! Da liege ich wieder in diesem pieksigen Zeug. Wenn das ein schönes Leben sein soll, in dem ich mich dauernd so anstrengen muss und mir immer wehtue, bin ich froh, dass ich wenigstens meine Mami habe! Die sagt, sie hat noch eine Überraschung für mich, soll ich doch mal suchen! Aber immer, wenn ich auf diesen dunklen Schatten zulaufe, den ich für meine Mami halte, dann bin ich weiter weg von ihr. Das strengt aber auch so an, weil ich immer wieder umfalle. Davon kriege ich schrecklichen Hunger. Aber die Schlange ist nicht mehr da, von der ich immer Essen hatte!

Mami sagt, die Schlange sieht nur anders aus. Also suche ich wieder nach dem Schatten, denn sehen kann ich nur hell und dunkel. Fast bin ich am Ende mit meiner Kraft, da kleckert mir was auf die Nase.

Bäh, ist das eklig! Oder nicht? Moment mal. Das riecht ja ganz prima! Wo war das noch gleich? Ich suche und suche, bis ich vor Müdigkeit umfalle. Aber der Hunger treibt mich immer wieder hoch. Ein paar Mal bin ich kurz davor, aber dann hat Mami mich angeschubst und mein Ziel ist wieder weit weg.

Als ich schon keine Hoffnung mehr habe, schnuppert Mami an mir, genauer gesagt, an meinem Hinterteil, und bugsiert mich an ihrem Körper entlang hin zu diesem famosen Geruch! Ja, Mami hat schon Ahnung vom Leben! Aber ob sie auch noch weiß, wie schwer das alles ist, wenn einer so klein ist wie ich?

Langsam habe ich den Bogen `raus, wie ich zu meinen Mahlzeiten komme. Ich rieche, wo meine Mama ist, aber ich finde die Richtung noch nicht gleich. Habe ich mein Ziel erst in der Nase, tauche ich einfach an dem warmen Körper lang, immer dem weichen Fell von Mama nach, bis ich dahin komme, wo ich gar nicht vorbei kann.

Unser Mensch, hat Mami mir erklärt, ist die Stimme, die ich gehört habe, als ich noch drinnen in Mamis Bauch war. Die sind aber dumm! Die sagen, der Klapperstorch bringt die Babies! Mama lacht.

Sie sagt, der Storch bringt keine Kinder, er klaut Frösche. Mami sagt, wenn ich größer bin, zeigt sie mir Störche - und Frösche gleich mit.

Menschen. Pferde wie Mami und ich sind das jedenfalls nicht. Sie haben auch vier Stelzen, aber nur zwei zum Laufen. Die anderen beiden benutzen sie, um Mami Essen zu bringen, wie das gelbe Zeug und lecker grünes, das heißt Heu. Die Stimme putzt meine Mami manchmal und klopft sie ab. Aber ich lasse mich nicht gern anfassen. Zuerst. Die riechen so anders, die Menschen. So streng.

Weil die liebe Stimme mich manchmal festhält und mir so ekliges Zeug ins Maul drückt, glaube ich gar nicht, dass unser Mensch lieb ist. Aber hinterher wischt es mir das alles wieder ab. Es gibt andere Menschen, die sind gar nicht so lieb. Einer hat mich mit so einem komischen Ding gejagt und mir dieses gelbe Zeug um die Ohren gestreut, das so komisch piekt. Na, dem habe ich aber mal gezeigt, wie gut ich mich schon halten kann, wenn ich nach hinten `raus pfeffere mit meinen beiden Stelzen! Wie ein Trommelfeuer!

Irgendwann sind welche gekommen und haben mich festgehalten.

Der eine wollte mir mit so einem spitzen, blanken Ding in den Hals stechen! Mami hat von weit weg gerufen, ich soll stillhalten, weil das sein muss, dass die mich pieken. Warum? Verstehe ich nicht. Damit ich nicht krank werde, sagt Mami. Aber ich wollte nicht hören. Da haben die einfach nach meinem Fliegenwedel gegriffen und mich da ganz hinten festgehalten. Unfair! Habe ich es doch geahnt! Wer nur zwei Paar Stelzen hat und eins davon nur zum Laufen braucht, der hat zwei frei für mich! Von jetzt an nenne ich die tiefen Stimmen böser Wolf, wie in der Geschichte, die Mami erzählt, wenn ich einschlafe.

Sobald ich richtig gut sehen kann, sagt Mami, wird das Leben total aufregend für mich. Im Moment finde ich es aber wirklich langweilig.

Das war doch besser in Mamas Bauch. Viel anders ist es ja noch nicht: Schlafen, aufstehen, essen und wachsen. Wie Mami das macht, dass ich essen kann, ohne die Schlange zu benutzen, habe ich aber noch nicht herausgefunden. Mehr Platz habe ich hier in dieser Schachtel, aber manchmal drängelt Mami immer noch, ich soll mich nicht so breit machen! Wenn ich nicht gleich hören will, legt sie bitterböse die Ohren an und manchmal schnappt sie sogar nach mir! Nicht sehr fest, aber es wirkt. Das möchte ich lieber nicht so oft erleben.

Unternehme ich ab und zu einem Ausflug neben Mami, wenn die isst, wird sie ganz böse, bis ich mich in eine Ecke kusche. Erst, wenn sie mit Essen fertig ist, darf ich hingehen und abschlabbern, was übrig bleibt. Wie soll ich denn mit diesem Rest groß und stark werden? Ob meine Mami eigentlich geizig ist?

Zeit messen wir nicht in Tag und Nacht, sondern in Licht und Dunkel.

In Heiss und Kalt. Menschen sagen dazu Sommer und Winter, sagt Mami. Uns geht es mehr darum, wann wir viel zu essen finden, grünes und frisches, das ist heiss. Wenn wir das trockene Grüne essen müssen, ist es kalt. Nach drei Licht bin ich schon ganz schön gut zu Fuß. Nicht gut genug, um Menschen zu entkommen.

Unser Mensch ist eine Sie, so was wie meine Oma, hat mir Mami erklärt. Diese Oma macht mir was in den Popo, das ist ganz widerlich. Bis jetzt konnte ich noch nicht so gut diese Kugeln machen, wie Mami sie jeden Tag ins Stroh oder auf den Boden fallen lässt. Stroh ist das gelbe, das mich so piekt. Das Zeug von der Oma soll mir helfen, aber ich kann gut darauf verzichten. Mami sagt, das muss aber sein. So wie das Zeug, das ich ins Maul bekomme. Das ist gegen Würmer. Mama sagt viel, aber manchmal weiß ich gar nicht mehr, was.

So viele Wörter auf einmal! Der Unterschied zwischen Oma und Würmer zum Beispiel. Mama sagt, das ist der Mensch, bei dem sie schon lebt, seit sie so klein war wie ich jetzt bin. Meint sie damit nun Oma oder Würmer? Das ist ganz schön schwer und ich muss das alles lernen, damit ich mich in der Welt dieser Menschen zurecht finde...

Heute darf ich das erste Mal mit meiner Mami `raus! Als die Schachtel aufgeht und ich sehe, wie viel Platz dahinter ist, wird mir doch ganz schön mulmig. Die Stelzen werden ganz weich und ich kann gar nicht mehr laufen vor Angst. Die Mami ist klasse, so geduldig. Sie wartet an der nächsten Wand und zeigt mir, dass ich nicht umfallen kann, wenn ich es bis da schaffe. Aber am liebsten würde sie mich hier lassen und im Galopp weglaufen, das merke ich! Galopp? Das ist die schnellste Art von einem Ort zum anderen zu kommen, meint Mami. Hej! Schließlich bin ich nicht mehr so blöd wie am Anfang, im ersten Licht!

Mami will mir alles zeigen! Aber ich kann noch gar nicht so weit laufen und möchte lieber noch einmal an die Milchbar. Habe ich mir ausgedacht, diesen Namen! Milchbar! Klingt echt gut. Ich kann an gar nichts mehr denken, nur an dieses, die Milchbar. Aber da ist jetzt zu und das Ding ist auch schon ganz schön weit außer Reichweite.

Überall auf dem Weg zu Mama und zu der Milchbar sind Fallen.

Hindernisse, die für große Pferde nicht mehr zu sehen sind, aber für uns kleine. Schon allein aus dieser Schachtel heraus und gleich um die Ecke! Meine Stelzen vorne sind schon herum, aber die hinten kriege ich nicht gleichzeitig hinterher. Die sind in der Überzahl! Da, wo für Mami der Hügel ist, das ist für mich ein Berg! Aber das ist leichter, wenn ich einfach einen Hüpfer drüber mache. Irre! Puh.

Geschafft! Wohin jetzt?

Unter mir gibt der Boden plötzlich nach und ich brauche ganz viel Kraft, um die Hufe wieder heraus zu ziehen. Ich stecke echt in Schwierigkeiten. Ich sacke noch mehr ein! Können wir nicht eine Pause machen? Einmal Milchbar, bitte! Ist Mami denn nicht mit diesen langen Beinen geboren worden? Überall unter der Mami ist so Zeug, das knabbert sie, aber mein Hals ist zu kurz oder die Beine sind zu lang? Das übe ich alles später noch.

Wo wir jetzt sind, das heißt Draußen, sagt meine Mami. Hier kann ich besser laufen. Aber immer, wenn ich das will, ist Mami furchtbar aufgeregt und wiehert ganz wild. Sie springt in die Luft mit allen Stelzen, so wie ich eben! Zuerst zeigt sie mir, wo ich nicht hingehen darf, weil ich noch zu klein bin. Siehst Du den Graben?, fragt sie.

Klar, bin doch nicht blöd! Wir laufen dahin. Die Menschen schreien.

Sie denken wohl, Mami will da `rüber. Sie sagen, sie ist ein altes Buschpferd. Deshalb. Aber so wird das bei uns gemacht. Meine Mami sagt immer, was ich tun soll und was gefährlich ist. Sie geht dann mit mir hin und ich kann mir alles in Ruhe ansehen. Meine Mami hat vor nichts, aber auch vor gar nichts Angst. So will ich auch mal sein.

Die Mami hat viel von der Oma gelernt, aber nicht den Instinkt. Sagt sie. Das wird von Herde zu Herde weitergegeben und lebt in uns, sagt Mami. Auch sie hat viel von ihrer Mama Yorabella gelernt und sogar von ihrer richtigen Oma, die hieß Ahnfrau. Oder sie war eine Ahnfrau? Weiß ich nicht so genau, das kann ich mir doch nicht alles merken. Die haben alle in einem Haus gelebt, erzählt Mama, nur die Väter nicht. Klasse! Die schicken einen doch immer zu früh ins Bett, diese Väter, oder wozu sind die da?

So wie die Sache mit dem Graben: Davor geht es ja ganz schlimm bergab, das würde ich sogar merken, wenn ich gerade beim Spielen bin! Menschen sind da anders, sagt Mami. Die haben ihre Instinkte verloren. Wenn im Stall kein Licht ist, wissen die Menschen gar nicht mehr, an welcher Stelle sie gerade sind. Sie torkeln dann Schritt für Schritt hilflos herum. Als Pferd würden sie mit so einer Leistung glatt durch jede Prüfung fallen! Menschen sind ganz unvollkommen?

Draußen ist es warm und windig. Wenn ich mich ganz stark fühle, dann spiele ich mit dem, den sie Wind nennen. Gerade, wenn ich richtig in Fahrt bin und den Wind hinter mir lassen will, ist Ende. Es ist fast dunkel und ich bin schon ganz müde, da müssen wir wieder zurück in die Schachtel, und ich glaube oft, das Leben ist ungerecht: `rein, `raus, `rein, `raus. Der anstrengende Weg ist immer viel länger, als die kurze Zeit draußen. Bleibt das so? Dauern die guten Sachen nie länger als die schlechten?

2. Krabbelgruppe im Garten

Es gibt noch welche, die aussehen wie meine Mami! Es gibt auch noch welche hier, die sehen so aus wie ich! Das habe ich gemerkt, als ich probiert habe, aus Mamis Tonne zu trinken! Da habe ich zum ersten Mal gesehen, wie ich aussehe. Natürlich habe ich nicht gleich gewusst, dass ich das bin und habe mich erschrocken, als mir was entgegen kam. Die Mami weiß ja viel! Sie hat mir das erklärt, dass ich das bin, und mich auch gewarnt, ich soll nicht so frech sein, wenn wir die anderen treffen. Vor allem vor den Damen soll ich mich benehmen. Was denn für Damen?

An dem Tag, als es passiert ist, wusste ich es: Die anderen sind viel größer und viel älter als ich. Aber ich war als erster draußen! Na, ich habe büschen doll angegeben! Da ist die Mama von dem einen, der so aussieht wie ich, hinter mir hergelaufen und hat ganz böse mit den Zähnen geklappert. Vor lauter Angst habe ich nach Luft geschnappt und konnte gar nicht nach meiner Mami rufen! Mama nennt das Instinkt, was ich gemacht habe. Das mit dem Maul klappern ist ein Zeichen, dass ich aufgeben will. Die alte Dame, Espe, hat aufgehört, mich zu verfolgen. Mami ist sofort bei mir gewesen und hat mich beschützt. Wenn ich die anderen geärgert habe und nicht mehr weglaufen kann, verstecke ich mich hinter Mami. Das klappt immer. Oder die Oma ist da und passt auf. Ich weiß jetzt schon den Unterschied zwischen Würmer und Oma! Würmer sind drinnen und Oma ist draußen!

Menschen sind gar nicht so schlau wie wir und deshalb können die auch nicht sprechen. Mami sagt, wir sind auf der Welt, um Menschen zu helfen, die Tiere etwas besser zu verstehen. Wir sind schon viel, viel länger da und haben uns angepasst, damit wir nicht aussterben, sagt Mami. Das verstehe ich noch nicht, aber ich weiß, dass Mami alles weiß. Es ist besser auf sie zu hören, deshalb nenne ich Licht von heute an auch so, wie es die Menschen sagen: Licht ist der Tag und am Tag sind wir draußen!

Die beiden anderen sind schon viel länger auf der Welt. DeVito ist geboren worden, als es noch ganz, ganz kalt war. Es heißt Winter.

Das ist aber dumm, weil er da immer nur in der Schachtel oder auf dem harten Boden, herumlaufen durfte. Diesen Boden nennen die Menschen Stallgasse. Wie das klingt! Ganz krumme Beine hat DeVito da gehabt. Der andere ist Dario. Der ist schon später geboren. Aber nicht so wie ich. Als ich auf die Welt kam, hat gerade Frühling angefangen. Das ist genau die richtige Zeit für Fohlen, sagt Mami. Frühling ist zwischen Kalt und Heiss. Einen Tag nach der Geburt durfte ich schon `raus, meine krummen Beine strecken.

Gleich am zweiten Tag, als ich mit darf, sehe ich so viele Dinge, die ich nicht kenne. Meine Mami ist schon ganz nervig von meinen vielen Fragen: Was ist das denn? Und das? Und das?. Aber ich will alles wissen, damit ich nie Furcht haben muss vor irgendwas. Nicht vor Geräuschen, wie sie um uns sind, und nicht vor Sachen, die viel größer sind als ich. So wie Dario und DeVito. Vor denen habe ich nie wirklich Angst gehabt. Nur ein ganz bisschen und nur ganz zuerst.

Bis ich gemerkt habe, dass Größe nicht entscheidend ist.

Als ich mit Mami allein draußen bin, da habe ich vor lauter Freude über meine Beine und die Geschwindigkeit, die ich drauf habe, gar nicht gemerkt, dass ich auf den Zaun zugelaufen bin. Erst, als ich dieses wahnsinnig laute Geräusch gehört habe, war mir klar, da ist was Gefährliches. Mami ist mit mir geradewegs auf dieses Geräusch zugelaufen. Ein bisschen mulmig ist mir schon gewesen! Als wir ganz dicht dran waren und nur noch der Zaun dazwischen war, ist das Ding viel leiser geworden und hat angehalten. Das war ein Trecker. Der lebt nicht richtig. Nur, wenn ihn Menschen bewegen.

Dann kann der ganz schwere und große Sachen hin- und hertragen oder den Boden aufreißen. Früher haben Pferde wie wir das alles gemacht. Aber dann hat der Mensch den erfunden und viele Pferde wurden dadurch ersetzt, weil das Ding nicht soviel Hafer braucht. Sagt die Mami.

Wenn die Menschen sich nicht eine neue Aufgabe für uns ausgedacht hätten, dann wäre auf der Welt vielleicht schon gar kein Platz mehr für uns? Da bin ich aber froh, dass es so ist. Was ist das für eine Aufgabe? Im Stall steht ein Pferd, das ist nicht so groß wie Mami und die, aber nicht so klein wie wir. Es sieht ganz anders aus, hat einen viel kräftigeren Körper und einen dünnen Hals. Erst haben wir getuschelt und gelacht, als wir Bronco beobachtet haben, aber dann hat er uns Geschichten aus dem Westen erzählt, wo die Arbeit mit dem Vieh noch von Pferden wie Bronco erledigt wird. Der hat ja Sachen drauf!

Ob das wohl alles so stimmt? Bronco hat gesagt, Pferde werden auf der anderen Seite vom Teich für das Treiben von Rindern gebraucht.

Unsere Mütter glauben das auch nicht. Die wissen aber auch, was Rinder sind. Seit heute wissen wir das selbst! Espe und Mami und Dario und ich waren ohne DeVito und seine Mutter draußen. Die sind zur Auktion mit dem Chef. Das ist unser Futtermeister, der bringt uns den Hafer, das Heu und Stroh. Seine Frau macht immer so witzige Sachen, wenn er weg ist. Heute hat sie zwei Kühe mit Kälbern zu uns auf die Wiese gestellt. Espe und Mami haben gleich Jagd auf die Rinder gemacht. Kuh ist ein anderer Name für Rinder. Unsere Mütter sind richtig hinter denen her und haben sie durch die ganze Weide getrieben!

Einmal hat sich das Bullenkalb an Mamas Seite verirrt, weil es dachte, die Mami wäre seine Mutter. Da habe ich den ganz mutig im Galopp geschubst. Aber der Kleine ist dadurch genau vor Espes Füße gestolpert und die hat nach ihm geschlagen. Der hat vielleicht ein Salto gemacht! Als er nicht aufgestanden ist, haben wir aber Angst gekriegt! Das haben wir ehrlich nicht gewollt. Es war doch nur ein Spiel! Die Menschen kamen sofort angerannt und haben bei dem kleinen Bullen Rettungsdienst gemacht. Irgendwann ist der dann wieder auf die Beine gekommen und hat sich ordentlich geschüttelt.

Als der Chef auf einmal da stand, hat er ganz laut und böse mit seiner Frau geschimpft. So böse war er mit uns zum Glück noch nie! Dem Bulli geht es am nächsten Tag schon viel besser. Der torkelt noch, aber zu uns darf er nicht wieder zum Spielen.

Mit den anderen kann ich prima spielen. Dario und DeVito sind beide größer als ich und vielleicht auch stärker. Aber ich bin klüger.

Manchmal schlendere ich an sie ´ran und tue so, als ob ich dieses grüne Zeug esse. Gras. Gräser. Dabei ist mein Hals noch viel zu kurz dafür! Leider. Dann mache ich zwei Sätze und springe auf DeVito zu. Ich bin der Schattenmann! Ich habe das nur zwei- oder dreimal gemacht, da hatte Dario gleich Angst vor mir! Dario schnappe ich immer am Fliegenwedel. Wenn er hauen will, stelle ich mich ganz dicht hinter ihn, dann trifft er mich nie. Oder ich packe ihn am Mähnenkamm. Oder es klappt, ihn in die Brust oder ins Vorderbein zu schnappen, bis er einen Knicks machen muss. Der ist ein bisschen doof. Träge, meint Mami. Doof sagt man nicht. Stört mich gar nicht, dass DeVito schon viel größer ist, wenn ich auf ihn drauf springe oder ihn an der Mähne packe, kann er nichts mehr gegen mich machen. Wenn er nach mir schlagen will, stelle ich mich einfach ganz dicht hinter ihn, dann trifft der mich auch nicht.

Mein Lieblingsspiel ist aber Beinkneifen bis zum Knicks! Oft stelle ich mich vor die Badewanne mit dem Wasser, das unsere Mamis immer trinken. Dann lasse ich Dario und DeVito nicht dahin. Die ärgern sich dann, weil sie sich nicht im Wasser begucken können. Wenn Mami das sieht, schimpft sie mit uns: Sich im Wasser bewundern ist Eitelkeit. Das ist, wenn sich einer so schön findet. Was schön ist, bestimmen bei uns aber die Menschen. Ob die das wohl wissen?

Die kleinen Menschenkinder im Stall bewundern immer DeVito, weil er schon so groß ist. Und schwarz. Rappen sind das. So heißen schwarze Pferde. Alle kleinen Mädchen finden Rappen schön. Aber es ist doch viel wichtiger, was drin steckt! Das sagt Mami jedenfalls.

Schön sein reicht nicht. Zum Glück ist die Oma ganz anders. Für die ist immer ihr eigenes Pferd das Beste. Sie hat der Mami schon ganz früh als Fohlen gesagt, dass Mami für sie das schönste Pferd der Welt ist. Wenn Mami das erzählt, hat sie immer ein ganz glückliches Gesicht: Unser Mensch sagt, erinnert mich Mami immer wieder, "ich bin wohl nicht das schnellste Pferd der Welt, aber schnell. Nicht das schönste, aber schön. Ich springe nicht höher als alle anderen Pferde, aber hoch und elegant. Ich bin nicht das beste Dressurpferd der Welt, aber für Deine Oma, Lirón, bin ich das schon. Wir können so froh sein,

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