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Der Hund im Krieg: 3'000 Jahre im Einsatz

Der Hund im Krieg: 3'000 Jahre im Einsatz

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Der Hund im Krieg: 3'000 Jahre im Einsatz

Länge:
697 Seiten
7 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 10, 2015
ISBN:
9783735706737
Format:
Buch

Beschreibung

Seit Menschengedenken lebt der Hund an der Seite des Menschen. Und seit Menschengedenken kämpft der Hund an der Seite des Menschen. Im Gegensatz zu anderen Tieren dient der Hund heute noch in Konflikten und Kriegen überall auf der Welt. Das Buch zeigt die Entwicklung von prähistorischer Zeit durch alle Epochen hinweg auf. Kamen in den frühen Tagen Hunde noch als aktive Kämpfer oder als Wächter zum Einsatz, so entstand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein modernes Diensthundewesen. Im 1. Weltkrieg suchten Hunde nach Verletzten oder überbrachten Nachrichten durch die Kraterlandschaft der Westfront. Im 2. Weltkrieg begleiteten ausgebildete Hunde Patrouillen, spürten Feinde auf und sprangen erstmals an Fallschirmen ab. Nach dem 2. Weltkrieg erlangten Diensthunde in den nunmehr vorherrschenden Konflikten auf tieferem Intensitätsniveau eine Nützlichkeit wie kaum zuvor. Auf dem Höhepunkt des Algerienkrieges beispielsweise standen fast 2'000 französische Diensthunde im Einsatz. Aber auch in Malaysia, Vietnam, Korea, Nordirland, Irak, Afghanistan und vielen anderen Konflikten der jungen Vergangenheit nahmen Hunde viele Aufgaben war: Bewachung, Aufspüren von Sprengstoffen und Personen nebst vielen anderen. Die faszinierende Geschichte von Hunden im Krieg wird dargestellt vor dem Hintergrund der allgemeinen (Militär-) Geschichte. Daneben säumen viele rührende Episoden von treuen Begleitern auf vier Beinen den rund 3'000 jährigen Gang durch die Vergangenheit.
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 10, 2015
ISBN:
9783735706737
Format:
Buch

Über den Autor

Stefan Burkhart wurde 1968 in Liestal bei Basel geboren. Nach einer kaufmännischen Ausbildung weilte er zunächst in Frankreich und Korea. Ausserdem erwarb er ein Publizistik-Diplom in Zürich. Er hat viele Artikel über Hunde und auch andere Themen publiziert. Derzeit lebt er in Basel in der Schweiz.


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Buchvorschau

Der Hund im Krieg - Stefan Burkhart

»Come then, let us go foreward together with our united strengh.« Winston Churchill in seiner Rede vom 13. Mai 1940 vor dem House of Commons

Zum Autor:

Stefan Burkhart wurde 1968 in Liestal bei Basel geboren. Nach einer kaufmännischen Ausbildung weilte er zunächst in Frankreich und Korea. Außerdem erwarb er ein Publizistik-Diplom in Zürich. Er hat viele Artikel über Hunde und auch andere Themen publiziert. Er ist ein großer Hundenarr – derzeit allerdings ohne eigenen Hund. Punkto Rassehunde hat er eine gewiße Präverenz für den Whippet und den Border Terrier... wohlwissend um den unendlichen Reichtum, den alle Hunde in unser aller Leben zu tragen wissen. Für Geschichte und gesellschaftliche Themen hat er sich schon immer interessiert. Und so kommen in diesem Buch drei Linien zusammen: das Flair fürs Schreiben, das Interesse an der Geschichte und die Liebe für die Hunde.

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Vorgeschichtliche Zeit

Frühe Hochkulturen

Vage Hinweise auf Kriegseinsätze

Indische Hunde

Tibetdogge

Altertum

Griechenland

Perser

Hundelegenden aus den Perserkriegen

Der Retter von Korinth

Alexander der Große

Römer

Die Schande auf dem Kapitol

Die Ursprünge der Molosser

Die Kriegshunde der Barbaren

Mittelalter bis beginnende Neuzeit

Neuzeit bis 1914

Einschneidende Veränderungen

Hunde und die Zerstörung Westindiens

Die Geschichte von Becerillo

Hunde und das Schicksal der Sklaven

Die Legende von Boye

Rente auf Lebzeiten

Napoleon

Die Geschichte von Moustache

Regimentshunde

Hunde und die Entstehung der USA

Die Entstehung des modernen Diensthundewesens

Hunde im Dienste des Imperialismus

1. Weltkrieg

Frankreich

Deutschland

Großbritannien

Andere Länder

Sanitätshunde

Nachrichtenhunde

Postenhunde / Patrouillenhunde

Wachhunde

Schlittenhunde / Zughunde / Packhunde

Rattenfänger

Gashunde

Maskottchen

Der Anfang der Blindenhunde

Die Geschichte von Rags

2. Weltkrieg

Deutschland

Großbritannien

USA

Vergleich Funktionen von Hunden im 1. / 2. Weltkrieg

Patrouillenhunde

Hunde am Fallschirm

Wachhunde

Schlittenhunde / Zughunde

Nachrichtenhunde

Spürhunde

Maskottchen

Beginn der Minensuchhunde

Erste Therapiehunde

Bombenkrieg und Beginn der Trümmersuchhunde

Kampfhunde im wahrsten Sinne des Wortes

Die Minenhunde der Roten Armee

Die Geschichte von Chips

Die Geschichte von Antis

Hunde und Nationalsozialismus

Hunde in Konzentrationslagern

Frankreich: Entwicklungen 1945 bis heute

Krieg in Indochina (1948 - 1954)

Der Veterinärdienst und der Aufbau des Diensthundewesens

Hundekommandos

Wachhunde

Hunde am Fallschirm

Bilanz des Hundeeinsatzes in Indochina

Algerienkrieg (1954 - 1962)

Der Veterinärdienst und seine Aufgaben

Hundezüge (peloton cynophile)

Funktionen der Militärhunde

Die Geschichte von Gamin

Deutschland: Schule für Diensthundewesen der Bundeswehr 1958 bis heute

Großbritannien: Entwicklungen 1945 bis heute

USA: Entwicklungen 1945 bis heute

Vietnamkrieg (1961 - 1973)

Das Trauma der USA

Scout Dog – Charlie ist überall aber nirgends zu sehen

Sentry Dog – Charlie owns the night

Tracker Dog – Charlie auf den Fersen

Mine / Tunnel Dog – im Kampf gegen die Booby Traps

Die Militärhunde der Südvietnamesen

Das Veterinärkorps der US Army in Vietnam

Schlussfolgerungen und Ausblick

Literaturverzeichnis

Einleitung

Seit 15’000 Jahren gibt es Hunde. Mindestens. Womöglich gibt es sie sogar schon seit 100’000 Jahren. Wie auch immer. Eines ist klar. Wo es Menschen gab, gab es Hunde. Der Hund gehört zum Menschen. Das war in allen Epochen so. Hunde teilen mit ihren Herren die Freuden, die Leiden, das Heim, manchmal sogar das Essen und das Bett. Da kann es nicht erstaunen, dass der Hund seit prähistorischer Zeit durch alle Epochen hindurch bis in die Gegenwart auch eine der schrecklichsten und prägendsten Erfahrungen der Gattung Mensch teilte: die Erfahrung des Krieges. Gewiss, viele andere Tiere sind ebenfalls im Krieg eingesetzt worden. Doch alle wurden nach einer gewissen Zeit ausgemustert. Technische Errungenschaften machten ihre Dienste entbehrlich. Elefanten zum Beispiel kamen schon weit vor Christi Geburt zum Einsatz. Doch der kriegerische Gebrauch dieser grauen Giganten endete bereits in der Antike wieder. Das gleiche Schicksal ereilte die Tauben, die in vielen Kriegen hervorragende Dienste leisteten. Man brauchte sie im Zeitalter moderner Kommunikationsmittel nicht mehr. Pferde standen während allen Epochen im Feld. Aber selbst ihr Einsatz endete im 20. Jahrhundert. Alle Tiere wurden früher oder später aus dem Dienst entlassen. Brauchte man sie infolge der technischen Entwicklung nicht mehr, verschwanden sie ziemlich rasch aus den Streitkräften, abgesehen allenfalls von einigen folkloristischen Darbietungen, etwa der Kavallerie oder der Brieftauben, die bis heute vorzufinden sind. Das war bei allen Tieren so. Außer beim Hund.

Der Hund war in allen Zeitabschnitten im Krieg präsent, mal mehr, mal weniger. Aber zugegen war er immer, wo Menschen kämpften. Heute nimmt er mehr und wichtigere Funktionen ein als jemals. Noch nie zuvor konnte er den Menschen im Krieg so effektiv unterstützten wie heute. Hauptgrund für diese Entwicklung ist schlicht und einfach die Tatsache, dass die hündischen Sinnesorgane in Kombination mit einem immer dem Menschen zugewandten Verhalten bis in die Gegenwart unübertroffen sind. Sogar die physische Kraft des Hundes ist bis heute bei Militär und Polizei gefragt. Zwar dienen Hunde nicht mehr als kräftige Zugtiere oder flinke Überbringer von Nachrichten. Aber ihre Kraft und Agilität sind nach wie vor unverzichtbare Eigenschaften bei der Unterstützung von Soldaten, Polizisten, Wachpersonal und Sicherheitsdiensten überall auf der Welt.

Aber es kommt noch etwas anderes hinzu. Der Hund behauptet im militärischen Bereich, wie generell im Leben, eine Sonderstellung, die weit über seine Nutzfunktion hinausgeht. Irgendwo steht er zwischen der Welt der Tiere und der Welt der Menschen. Er ist natürlich kein Mensch. Aber man zögert, ihn als gewöhnliches Tier zu sehen. Der Hund mag zwar körperlich ein Tier sein. Kulturell, zivilisatorisch, in seiner ganzen Genese ist er aber durch und durch dem menschlichen Lebensraum einverleibt. Der Hund hat daher den Menschen im Krieg auch immer als schlichter Freund und Tröster begleitet. Der Mensch hatte schon immer einen Hang dazu, den Hund an allen seinen Erfahrungen teilhaben zu lassen. Gerade heute gibt es viele Leute, die sich mit Verwunderung bewusst werden, dass jenes Wesen, das am längsten an ihrer Seite ausharrt, gar nicht ihr Lebenspartner ist, dem man zwar einst Treue bis zum Tod gelobt hat, den man dann aber doch nach einem Lebensabschnitt ziehen lässt, sondern der Hund, der ein ganzes Hundeleben lang bei seinem Meister bleibt. Kurzum: Hunde waren schon immer Lebensbegleiter von uns Menschen. Da erstaunt es nicht, dass der Mensch den Hund auf jeden Fall stets bei jener Handlung dabei haben wollte, die das Wesen des Menschen mehr ausmacht, als uns oft lieb wäre, der Handlung des Krieges. Der Mensch war natürlich nie auf den Hund angewiesen, um Krieg führen zu können. Aber er wollte ihn trotzdem immer dabei haben, selbst dort, wo seine militärische Nutzfunktion fragwürdig schien... und zwar aus emotionalen Gründen, ganz so, wie man zwar ohne Hund leben kann, nur lohnt es sich nicht, wie der Schauspieler Heinz Rühmann sagte. Ausdruck dieser Neigung, Hunde ganz in die menschliche Sphäre einzubinden, sind die vielen Geschichten von Regimentshunden, Maskottchen oder Streunern, die von Soldaten mit großem Engagement gepflegt wurden.

Kommen wir noch kurz zur Systematik hinter diesem Buch. Zunächst muss man sich eines klar machen: Der Hund ist ein Randgebiet der Militärgeschichte. Als ich die Idee hatte, ein Buch über Hunde im Krieg zu schreiben, so war ich wohl auch etwas diesem Pathos verfallen, mit dem die Leistungen von Hunden im Krieg oft dargestellt werden, manchmal gewiss etwas übertrieben. Ich hatte gar nicht bedacht, dass es sich um eine Geschichte handelt, die eben Mal 3’000 Jahre und mehr umfasst. Die Quellen, die klar und explizit Hunde im Krieg erwähnen, sind relativ rar. Somit steht jeder, der sich mit dem Thema befasst, vor einem offensichtlichen Dilemma: Ein Randgebiet verteilt über eine riesige Zeitspanne. Anders gesagt: Wenig Substanz verteilt über viel Raum. Volkstümlich: Die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Mit einigem Erstaunen stellte ich fest, dass es wenig Literatur zu diesem Thema gibt, zumal im deutschsprachigen Raum. Somit erwies sich meine anfängliche, womöglich etwas naive Absicht, ein Buch zu schreiben über Kriegseinsätze von Hunden über die gesamte Länge der Geschichte, naja, doch als ziemlich ambitiös. Dennoch: Ich bin überzeugt, dass eine solche Gesamtgeschichte des Hundes im Krieg von großem Interesse ist. Angesichts der Herausforderungen entstand eine Art von Buch, das ich an dieser Stelle gleichzeitig als Pionierwerk und Stückwerk darstellen möchte. Stückwerk deshalb, weil Pionierarbeit kaum perfekt sein kann und der Verbesserung und Ergänzung bedarf.

Das Buch sehe ich als Anlauf zu einer großen Idee, nämlich die Geschichte des Hundes im Krieg möglichst komplett und möglichst tiefsinnig zu erfassen. Die Hoffnung ist denn auch, dass im Gefolge der Publikation Feedbacks eingehen durch die Leserschaft, die ohne Zweifel zur Perfektionierung beitragen können. Die Quellen sind ziemlich pedantisch ausgewiesen. Das soll zur Glaubwürdigkeit der Publikation beitragen. Einzig bei der Darstellung des Lebens berühmter, individueller Hunde habe ich auf genaue Quellenangaben verzichtet. Diese Darstellungen beginnen meist mit dem Titel: Die Geschichte von..., z.B. die Geschichte von Rags, dem berühmten amerikanischen Hund aus dem 1. Weltkrieg, oder die Geschichte von Moustache, dem berühmtesten Hund aus der Zeit Napoleons. Solcherlei Hunde waren schon zu Lebzeiten richtige Legenden. Entsprechend ist das Wissen über ihr Leben eher im legendären Bereich anzusiedeln. Daher scheint es legitim, hier ihre Legende etwas weiter zu tragen, ohne pedantisch genau auf Details achten zu müssen. Quellen in Französisch und Englisch habe ich jeweils eigenhändig ins Deutsche übersetzt, ohne dies noch besonders zu markieren.

Wer einen Fehler entdeckt oder ergänzendes Wissen besitzt, der soll doch direkt mit dem Autor in Kontakt treten. Denn eines ist klar: Die Geschichte des Hundes im Krieg ist groß und lang – die dazugehörige Geschichtsschreibung ist aber eher klein und jung. Bestimmt ist sie mit dem vorliegenden Buch noch nicht fertig geschrieben. Idealerweise entsteht ein gewisser Austausch mit vielen an diesem Thema interessierten Menschen, der den Zugang zu weiteren spannenden Fakten eröffnet. Meine Koordinaten stehen im Impressum auf der zweiten Seite dieses Buches.

Nun wünsche ich allen Lesern viele neue Erkenntnisse, viele Emotionen und trotz der Ernsthaftigkeit des Themas auch viel Spaß beim Lesen. Für Feedbacks kritischer und / oder ergänzender Art sei an dieser Stelle schon gedankt. Und natürlich ist an dieser Stelle auch ein herzlicher Dank an all jene ausgesprochen, die mich in irgendeiner Weise unterstützt haben.

Vorgeschichtliche Zeit

Viele Menschen gehen spontan davon aus, Krieg habe es schon immer gegeben. Sicher scheint, dass es Krieg bereits in prähistorischer Zeit gab. Eine der ältesten Fundstätten, die auf eine kriegerische Aktivität schließen lässt, liegt im Sudan. Zeitlich lassen sich die Funde auf zirka 12’000 - 10’000 v.Chr. datieren. Gefunden wurden Knochen und Projektile, die so eng ineinander vermengt waren, dass der Schluss nahe liegt, die Projektile hätten zum Tod der Menschen geführt. Wahrscheinlich gab es aber schon weit früher Kämpfe zwischen Menschen. Allerdings blieb davon einfach nichts übrig, was die Archäologie noch hätte zu Tage fördern können. Es ist deshalb äußerst schwierig zu sagen, wann die ersten Kriege stattgefunden haben. Für unsere Zwecke dient die Feststellung: Krieg in der einen oder anderen Form muss es schon sehr, sehr früh gegeben haben und – vielleicht – sogar seit immer.

Nun zur Frage, wie lange es schon Hunde gibt. Die Domestikation des Hundes setzte auf jeden Fall schon weit in prähistorischer Zeit ein. Entsprechende physische Nachweise sind bis zirka 12’000 Jahre alt. Die Domestizierung der ersten Hunde könnte aber noch viel weiter zurück liegen. Neuere Auswertungen von Schädeln deuten darauf hin, dass die Domestizierungsgeschichte womöglich bereits vor 30'000 Jahren begonnen hat. Genuntersuchung zeigen sogar, dass eine erste Typenbildung von Hunden schon vor 125'000 Jahren eingesetzt haben könnte, als sich deren Erbschaftslinien vom Wolf ablösten. Sicher ist, dass die Domestikation des Hundes einzig aus dem Wolf erfolgte. Ziemlich wahrscheinlich ist, dass der Hund das erste domestizierte Wildtier war. Die genauen Motive hingegen, weshalb sich der Mensch auf diese Symbiose eingelassen hat, liegen im Dunkeln. Gerade Hundeliebhaber gehen gerne davon aus, dass der Domestikation des Wolfes ein besonderes Motiv zugrunde gelegen habe. Verschiedene Funktionen werden ins Feld geführt. Vielleicht haben sie als Wärmequelle gedient im Körperkontakt zum Menschen. Vielleicht hat man ihre Neigung, Kot zu fressen, genutzt. So konnten sie den Babies die Exkremente vom Popo wegfressen und einen Beitrag zur Hygiene im Lager leisten. Womöglich dienten sie als Lasttiere. Oft wird auch die Wachsamkeit ins Feld geführt. Überzeugend ist von alledem nichts. Die Domestikation des Wolfes erfolgte mit einiger Sicherheit nicht im Hinblick auf einen besonderen Verwendungszweck, sondern aus emotionalen Gründen. Die Funktionalitäten, die Hunde später einnahmen, haben sich erst lange Zeit nachher herausgebildet. Sie sind keine Ursachen, sondern Folgen der Domestikationsgeschichte.

Genau so war es mit den Kriegsdiensten, die der Hund dem Menschen leisten konnte. Der Mensch beobachtete das Verhalten des Hundes, der mittlerweile zu seinem treusten Begleiter geworden war. Dann fragte er sich ganz pragmatisch: Welche seiner Eigenschaften kann ich mir am besten im Krieg und Kampf zunutze machen? Wann das zum ersten Mal geschah, lässt sich zeitlich nicht eingrenzen. Archäologische Evidenz für den Einsatz von Kriegshunden gibt es (wahrscheinlich) nicht. Es wäre auch praktisch undenkbar, die Beteiligung eines Hundes an einem Krieg zweifelsfrei aus einem archäologischen Fund abzuleiten. Ein Hund, der tot bei Kämpfern auf einem Schlachtfeld liegt, muss nicht zwingend ein Kriegshund gewesen sein. Vielleicht war es nur ein Streuner, der an den Leichen knabberte und danach verendete? Oder vielleicht war es der Hund eines in den Kampf involvierten Mannes, der aber nicht am Kampfgeschehen teilgenommen hat. Oder er war zufällig zwischen die Fronten geraten und dann getroffen worden. Auch bildliche Darstellungen geben nicht viel her. Zum einen sind Darstellungen von Hunden sehr rar. Wenn man einen Hund zum Beispiel auf einer Malerei wahrzunehmen glaubt, so stellt sich sogleich die Frage: Handelt es sich wirklich um einen Hund oder um ein anderes Tier? Trifft man auf eine Szene, so stellt sich die Frage: Handelt es sich um die Szene eines Kampfes oder eher um eine Jagdszene? Bei allem ist man nie sicher: Wollte der Künstler überhaupt die Realität darstellen oder nur Fiktionen seiner Zeit? Kurzum: Das Spekulieren nimmt kein Ende. Wir begnügen uns daher damit, die Beteiligung von Hunden im Kampf und Krieg in den größeren Kontext der evolutionären Entwicklung zu stellen. Das können wir guten Gewissens tun, wenn wir uns einmal folgende Aspekte vor Augen führen:

Bewachen: Konrad Lorenz erzählt in seinem Buch Wie der Mensch auf den Hund kam eine spannende Geschichte: Schakale, so beschreibt er äußerst anschaulich, seien den menschlichen Horden gefolgt. Dabei habe sich eine Art Symbiose entwickelt. Der Nutzen für die Schakale waren abfallende Futterhappen. Der Nutzen für die Menschen war eine Art Frühwarnsystem. Denn die Schakale haben immer geheult, sobald sich wilde Tiere dem Lager näherten. Ohne dieses Alarmsystem wäre an ruhigen Schlaf nicht zu denken gewesen. Raubtiere lauerten immer und überall. So haben sich Mensch und Schakal immer mehr angenähert, bis es eines Tages zur Fütterung eines Schakals durch einen Stammesangehörigen kam. Angesichts des damaligen ständigen Nahrungsmangels war das natürlich eine Ungeheuerlichkeit. Da verfütterte einer wertvolle Fleischhappen an einen Schakal! Aber es war in Tat und Wahrheit eine Weisheit. Denn die Menschen waren Nomaden und zogen ständig umher. Durch das Auslegen von Futter lockte man die Schakale hinter der Sippe her. Die Schakale folgten den Menschen und freundeten sich immer mehr mit ihnen an. Doch was hat das jetzt mit Hunden im Krieg zu tun? Mehr als man im ersten Moment denken mag. Denn in diesem Anzeigen von Gefahren durch die Schakale kann man mit wenig Fantasie eine Art Wachfunktion sehen, worin man eine erste, vielleicht nicht gerade militärische, doch zumindest verteidigende Aufgabe erkennen kann. (vgl. Lorenz 1951, S. 7 - 9)

Die Darstellung von Lorenz suggeriert allerdings, dass die »Alarmfunktion« der Schakale ein Motiv für die Domestizierung dieser Wildtiere war. Heute weiß man zweifelsfrei, dass der Hund nur aus dem Wolf hervorging. Doch dem Charme der These tut dies nicht viel Abbruch. Es hätten ja genauso gut Wölfe sein können, die man durch gezielte Fütterung dazu bewog, den Lagerplätzen des Menschen zu folgen. Frage ist nur: Hätte der Wolf überhaupt einen guten Wächter abgegeben? Sicher ist, dass der Wolf über hervorragende Sinnesleistungen verfügt, die dem Menschen weit überlegen sind, was ihn befähigt, Gefahren viel früher anzuzeigen, als sie dem Menschen zu Ohr oder zu Auge kämen. Tatsächlich gehen gewisse Thesen davon aus, dass auch der Wolf eine Wachsamkeit hat, die sich der Mensch zunutze machte. Namhafte Autoren sehen das aber skeptisch. Der Kynologe Hans Räber schreibt im Buch Vom Wolf zum Rassehund: »Und was konnte der Mensch vom Wolf profitieren? Wölfe bellen nicht beim Nahen einer Gefahr; sie verziehen sich lautlos, eine Schutz- oder Wächterfunktion übten sie wohl kaum aus.« (Räber 1999, S. 21) Auch Erik Ziemen attestiert dem Wolf keine große Nützlichkeit bei der Anzeige von Gefahren. (vgl. Zimen 2010, S. 76 - 80) Auf der anderen Seite lässt sich ohne viel Spekulation folgendes Szenario ausmalen: Wölfe weilten in der Nähe des Menschen und verzogen sich, wenn sie Gefahr ahnten. Die Menschen studierten das Verhalten der Wölfe und leiteten die Regel ab: Wölfe weg = Gefahr kommt. Insofern konnte also durch ein feinfühliges Beobachten und Interpretieren des wölfischen Verhaltens sehr wohl ein Nutzen für die Menschen abgeleitet werden.

Wie auch immer: Waschechte Wachhunde, so wie wir uns das heute vorstellen, entstanden nur sehr langsam über viele Generationen. Bis ein imposanter Hund vor dem Eingang stand, der Eindringlinge durch Bellen anzeigte und diese sogar abwehrte, verging noch sehr, sehr viel Zeit. Dennoch sind die ersten Hunde in einer echten Funktion als Wächter schon weit vor dem Übergang zur landwirtschaftlichen Produktion entstanden. »Der Torfhund war während der Eiszeit zum über ganz Europa verbreiteten Haustier geworden. Bei Ausgrabungen einer steinzeitlichen Siedlung aus der Zeit um 8’000 v.Chr. in Wierde bei Bremen wurden Hundeskelette unter Türschwellen der Häuser gefunden. Der hier begrabene Hund sollte offensichtlich die bösen Geister vom Betreten des Hauses abhalten. Solch magische Vorstellungen reichen weit in die geschichtliche Zeit hinein. Daraus darf geschlossen werden, dass der Hund schon sehr früh als Haus- und Hofwächter diente.« (Räber 1999, S. 37 - 38).

Die Gabe des Hundes zur Bewachung entfaltete auf die menschliche Evolution eine große Wirkung, die man gemeinhin unterschätzt. Einer, der das Wesen des Hundes mit Tiefsinnigkeit erkannte, war der englische Militärhunde-Trainer Edwin Richardson. Entsprechend hat er die überragende Wichtigkeit der hündischen Wachsamkeit beschrieben: »Die Gewohnheit des Bewachens, die (...) den Hunden seit prähistorischer Zeit instinktiv inne wohnt, ist für die Menschheit so wertvoll wie die Kraft der Pferde, Lasten zu ziehen.« (Richardson 1920, S. 190)

Fazit: Die Fähigkeit, Gefahren früh zu erkennen, war eine der ersten Gaben des Hundes, die sich der Mensch in militärischer bzw. kämpferischer Absicht zu Nutze machen konnte.

Beschützen: Jetzt kommt noch etwas hinzu. Der Hund verfügte nicht nur über exzellente Sinnesorgane. Darüber hinaus war er kräftiger und agiler als der Mensch. Außerdem fühlte er sich seinen menschlichen Bezugspersonen zugehörig. So kam irgendwann in ferner Vergangenheit der Tag, an dem ein Hund dazu überging, seinem Meister im Kampf aktiv beizustehen. Wir wollen uns in diesem ohnehin spekulativen Terrain nicht mit großen Theorien herumschlagen. Vielleicht war es ganz profan so: Der Stamm auf dem Berg litt an Hunger. Also überfiel er das Lager des Stammes in der Ebene. Doch die hatten Hunde. Die Keilerei zwischen den beiden Stämmen war in vollem Gange. Da zeichnete sich ein Spektakel ab. Die Hunde der Verteidiger stürzten sich auf die Angreifer, bissen in ihre blanken Waden und ungeschützten Arme, sprangen sogar an ihnen hoch und rissen sie zu Boden. Die verdatterten Angreifer suchten das Weite, dicht bedrängt von den wütenden Hunden, die sie verfolgten. Der Vorgang dürfte weder Angreifern noch Verteidigern entgangen sein. Man hatte erkannt, dass die Hunde nicht nur aufmerksam waren, sondern überdies exzellente Kämpfer abgaben – und erst noch ganz spontan ohne Dressur.

Fazit: Hunde griffen spontan in den Kampf ein, wenn ihr Meister oder ihr Rudel bedroht war. Diese Gabe konnte man auch im Kampf und Krieg ausnutzen.

Gemeinsam jagen: Eine andere wichtige Aufgabe hatte der Hund auf der Jagd inne. Nicht selten liest man, die Jagd sei die erste Funktionalität des Hundes gewesen. Das ist aber fraglich. Die Teilnahme des Hundes an der Jagd setzte eine schon fortgeschrittene Symbiose mit dem Menschen voraus, die sich erst im Laufe eines langen Zusammenlebens ergeben haben dürfte. Unbestritten ist aber: Der Hund wurde bereits in prähistorischer Zeit zum Jagdpartner des Menschen, was eine Ursachenkette von evolutionärer Bedeutung auslöste. Denn seine Hunde verhalfen dem Menschen zu mehr Erfolg beim Jagen. Ergo: Er hatte mehr Nahrung. Ergo: Er vermehrte sich rascher und konnte sich gegen Konkurrenten besser durchsetzen. Wie so etwas in der Praxis aussah, musste der Neandertaler am eigenen Leibe erfahren. Über 10’000 Jahre lebten Homo Sapiens und Neandertaler parallel. Dann starb Letzterer aus, verdrängt durch den Homo Sapiens. Wieso war dieser dazu in der Lage? Was machte den Homo Sapiens so stark? Dazu gibt es eine faszinierende These. Und die lautet so: Der Homo Sapiens hatte Hunde, der Neandertaler dagegen nicht. Der Aufstieg des Homo Sapiens zur dominierenden Spezies könnte also nicht zuletzt mit dem Faktum zusammenhängen, dass er in der Lage war, den Hund zu domestizieren und auf der Jagd einzusetzen.

Wie genau der Einsatz von Jagdhunden in diesen frühen Tagen ausgesehen haben mag, ist schwer zu fassen. Ganz bestimmt hing es von vielen Parametern ab: Welche Tiere standen überhaupt als Beute zur Verfügung (groß, klein, schnell, langsam usw.)? Was war der Entwicklungsstand der Geräte? Gab es nur Äxte oder Keulen, die praktisch den Körperkontakt zur Beute erforderten? Oder gab es den Speer, der bereits eine größere Distanz zum Beutetier erlaubte? Gab es Fallen, Seile, Netze? Große Tiere etwa wurden eingekreist und mit einer Axt oder einem Speer aus naher Distanz unter hoher Gefahr für den Jäger erlegt. Oder sie wurden über einen Felsen gehetzt, so dass sie in den Tod stürzten. Hunde haben dabei vielleicht geholfen, indem sie die Beute einschüchterten, hetzten, bissen. Schnelles aber nicht so wehrhaftes Wild ließ sich mit Pfeil und Bogen jagen. Der Mensch konnte den Pfeil auf große Distanz abschießen und so auch wendige Tiere erreichen. Doch es gab einen Nachteil. Ein Pfeil verletzte nur. Die Beute floh, unerreichbar für den langsamen Menschen. Genau dieser Umstand war womöglich die große Sternstunde des Hundes. Denn nur der Hund konnte die Spur des angeschossenen Tieres aufnehmen und wurde so zum unentbehrlichen Gehilfen des Menschen. (vgl. Zimen 2010, S. 128 - 129)

Der Übergang vom Jagd- zum Kriegshund muss dann fließend gewesen sein. Dies kann man sich gerade bei großen, doggenartigen Hunden gut vorstellen, die schon früh bei der Großwildjagd eingesetzt wurden. Anatolischen Felsmalereien (ca. 7’000 - 6’000 v.Chr.) lassen bereits schwere Hunde beim Jagen erkennen. Später bildeten sich spezialisierte Aufgaben heraus, wie etwa das Packen oder Hetzen von großem Wild. Ein Hund, der sich nützlich erwies bei der Jagd auf wehrhaftes Wild, konnte sich bestimmt auch bewähren im Kampf gegen andere Menschen. Und ein Hund, der sich willig auf gefährliches Großwild hetzen ließ, konnte man bestimmt auch auf gegnerische Kämpfer hetzen. In der Tat verweist Andrea Steinfeldt in ihrer Dissertation über »Kampfhunde« auf diesen offensichtlichen Zusammenhang: »Mit der Heranbildung mächtiger Hunderassen und deren Einsatz in der Großwildjagd zeigte sich auch der Nutzen dieser abschreckenden Tiere als Wach- und Kriegshunde.« (Steinfeldt 2002, S. 26)

Roman Marek hat ebenfalls auf den Zusammenhang zwischen Jagd und Krieg hingewiesen: »Die Forschung ist zwar darüber uneinig, ob sich der Hund tatsächlich freiwillig dem Menschen anschloss; als gesichert gilt jedoch, dass Hunde bereits vor Entstehung der Viehzucht als Wachhunde und Jagdhelfer, aber auch als Nahrungsergänzung genutzt wurden. Die Mensch-Hund-Beziehung beruht auf zwei großen Gemeinsamkeiten: auf einem ähnlichen Jagdverhalten (Laufen und Hetzen, Treiben auf freier Bahn) sowie auf einer ähnlichen Lebensweise (im sozialen Verband, mit hierarchischen Strukturen, Aufgabenteilung und Fürsorge). Aufgrund dieser Analogien besaß der Hund natürliche Instinkte, die eine Integration in die menschliche Gemeinschaft bereits zu einem Zeitpunkt ermöglichten, bei dem man von Domestizierung in Ermangelung eines Hauses eigentlich nicht sprechen kann. Da die Jagd gewissermaßen als Urahn des Krieges angesehen werden muss, erscheint es geradezu konsequent, dass Hunde den Menschen auch in den Krieg begleiteten. So wurden aus Jagdhunden Militärhunde.« (Marek in Pöppinghege 2009, S. 266)

Fazit: Die Fähigkeiten des Hundes, die man auf der Jagd ausnutzte, konnte man auch bei der »Jagd« auf menschliche Feinde ausnutzen.

Herden verteidigen: Die Einführung der Landwirtschaft brachte einschneidende Veränderungen. Wahrscheinlich trug der Hund nicht unwesentlich dazu bei, dass es überhaupt so weit kam. Wie wir oben gesehen haben, ergab sich früh eine Jagdgemeinschaft von Hund und Mensch. Diese war so erfolgreich, dass die Beutetiere in einem gewissen Stadium knapp wurden. Dies wiederum zwang den Menschen zu einer ganz anderen Produktionsweise von Lebensmitteln. Er begann, Tiere und Pflanzen zu domestizieren. Das war der Beginn der Landwirtschaft. Die erste Phase dieser wohl folgenschwersten Revolution in der Geschichte der Menschheit erfolgte an den Rändern Mesopotamiens vor rund 11’000 Jahren. Mit der Domestizierung von Nutzpflanzen und Nutztieren konnte die Nahrungsproduktion explosionsartig gesteigert werden. Resultat: steigende Bevölkerungszahlen.

In militärischer Hinsicht war die Einführung der Landwirtschaft ebenfalls einschneidend. Jared Diamond schreibt in seinem Buch Arm und Reich: »Wie wir sehen werden, war die Einführung der Landwirtschaft eine wichtige Etappe auf dem Weg, der zur militärischen und politischen Überlegenheit einiger Völker über andere führte.« (Diamond 1999, S. 91) Die Völker, die bereits auf die landwirtschaftliche Produktion umgestellt hatten, verfügten über mehr Ressourcen. Aber nicht nur das: Mit der Landwirtschaft veränderte sich auch die soziale Organisation der Gesellschaft. Die Hierarchie wurde steiler als in Jäger- und Sammlergesellschaften. Eliten entstanden. Erstmals gab es nun auch »Berufe«, die sich nicht mehr unmittelbar um die Nahrungsbeschaffung zu kümmern hatten. Dazu zählten etwa professionelle Krieger. Wie Diamond folgert: »Diese komplizierteren politischen Gebilde sind viel eher zur Führung längerer Eroberungskriege imstande als egalitäre Scharen von Jägern und Sammlern.« (Diamond 1999, S. 96)

Ein Aspekt ist in Bezug auf unsere Thematik besonders spannend: Indem der Mensch nun in der Lage war, Nutztiere zu halten, geriet er in ein ganz neues Konkurrenzverhältnis zu wilden Raubtieren. Wölfe etwa bedrohten die Schafherden, eine Problematik, die bis heute Brisanz birgt. Folglich mussten die Herden beschützt werden. Diese Aufgabe übernahm mitunter der Hund. Es entstanden kräftige Herdenschutzhunde, die Angriffe von wilden Tieren abwehren konnten. Der Übergang von solchen Herdenschutzhunden zu Militärhunden wiederum war bestimmt fließend.

Fazit: Ein Hund, der fähig war, Wölfe, Bären und anderes kräftiges Wild vom Zugriff auf eine Herde Nutztiere abzuhalten, der konnte auch im Krieg und Kampf gegen menschliche Angreifer eingesetzt werden.

Frühe Hochkulturen

Vage Hinweise auf Kriegseinsätze

Fast alle größeren Kunstwerke aus Ägypten und Mesopotamien zeigen durch alle Epochen hindurch Darstellungen von Tieren. In Mesopotamien fand man Texte auf Tontafeln in Summerisch und Akadisch. Die Texte gleiten oft ins Magische ab, enthalten aber teilweise präzise Angaben zum Alltagsleben. Hunde waren sehr beliebt und fanden Eingang in zahllose Kunstwerke. In Ägypten war die Katze das liebste unter den domestizierten Tieren, ganz im Gegensatz zu Mesopotamien, wo Katzen kaum präsent waren. Zweifelsfrei war das Verhältnis der Menschen zu Hunden sowohl in Ägypten als auch in Mesopotamien durch alle Zeiten hinweg geprägt von hoher Affektivität. Hunde trugen selbstverständlich Namen und teilten nicht selten die Behausungen mit ihren Besitzern. Die damaligen Menschen fanden offenbar großen Gefallen an Tieren. Sie haben deren Erscheinung und Bewegungen mit großer Sorgfalt in die Kunst einfließen lassen. Während Darstellungen von Menschen oft stilisiert wirken, sind Tiere mitunter verblüffend akkurat abgebildet. Kurz gesagt: Hunde waren damals sehr präsent. Doch waren sie auch im Krieg präsent? Man kann sich dazu folgenden Gedanken machen:

Geschichtliches Umfeld insgesamt: Mit der Entstehung der ersten Hochkulturen bildeten sich immer größere Gemeinwesen heraus, aus denen schließlich große Reiche entstanden. Die blühenden Stadtstaaten an den Flüssen standen in Konkurrenz zu den Nomadenvölkern an der Peripherie. Mit der wachsenden wirtschaftlichen Potenz und der zunehmenden kulturellen Entfaltung traten organisierte militärische Verbände auf. Es kam zu den ersten großen Schlachten der Geschichte. Der Hund lebte zu dieser Zeit schon viele Jahrhunderte an der Seite des Menschen. Irgendwann bezog man diesen treusten aller Begleiter in die militärische Struktur ein. Wann das war, lässt sich unmöglich datieren. Bestimmt war es kein einmaliger Vorgang. Vielmehr wuchs der Hund über einen langen Zeitraum an verschieden Orten langsam in seine militärischen Funktionen hinein, nicht anders als er in seine sonstigen Nutzfunktionen hineinwuchs.

Präsenz von kämpferischen Hundetypen: Die Präsenz von großen, kräftigen, Furcht einflößenden Hunden könnte darauf hindeuten, dass es spezielle Rassen oder Typen gab, die im Kampf und Krieg Verwendung fanden. Dazu holen wir ein wenig aus: Eine der ältesten Darstellungen mit einem klar definierbaren Hundetyp findet sich auf einem Krug. Er stammt aus dem 4. Jahrtausend v.Chr. und wurde in Ägypten gefunden. Der Hund ist selbst für das heutige Auge noch ziemlich klar als Windhund zu erkennen. Es handelt sich um den Tesem, einem der ersten, speziell gezüchteten Hundetypen. Abbildungen solcher Hunde wurden zudem auf Höhlengemälden in der Sahara gefunden. Der Tesem war verbreitet in den Trockengebieten Nordafrikas und Asiens sowie in Mesopotamien. (vgl. Zimen 2010, S. 150 - 151) Allerdings setzte eine Rassenbildung mit großer Wahrscheinlichkeit wesentlich früher und an verschiedenen Orten ein. Nur gibt es dazu keine archäologischen Funde.

Während der Tesem bestimmt kein Typ war, der mit Kampf konnotiert wurde, so entstand etwas später ein schwerer, bulliger Hundetyp, der zuerst in Ägypten und Mesopotamien zu sehen war. Dieser Typ wurde ebenfalls in künstlerischen Darstellungen abgebildet. Vom babylonischen König Nebukadnezzar ist überliefert, er solle unter dem Tempel von Gula zwei Hunde aus Gold, zwei aus Silber und zwei aus Bronze begraben haben, die über sehr starke Glieder und massige Körper verfügten. (vgl. Aynard in Brodrick 1972, S. 56) Im Prinzip ist das die perfekte Beschreibung eines Mastiffs. Die vielleicht schönste Darstellung eines Hundes aus Mesopotamien zeigt ebenfalls zweifelsfrei einen Mastiff. Es handelt sich um den Hund des Königs Sumu-Ilum aus Larsa. Das Kunstwerk entstand Ende des 3. Jahrtausends v.Chr. Erstaunlich ist, dass man sogar die Gestik des Hundes lesen kann. Er liegt, ist dabei sehr aufmerksam und angespannt. Es scheint, das kräftige Tier sei jederzeit bereit, sich zu erheben. (vgl. Aynard in Brodrick 1972, S. 56 - 57)

Ob künstlerische Darstellungen solcher starken Hunde jetzt ein Hinweis dafür sind, dass in jener Zeit Hunde im Kampf oder sogar Krieg eingesetzt wurden, lässt sich nicht beweisen – allerdings auch nicht widerlegen. Solche schweren Mastiffs konnte man jedenfalls gut zur Jagd auf wehrhaftes Großwild gebrauchen. Daneben gaben sie gute Wachhunde ab. Man kann sich leicht vorstellen, dass ein solcher Hundetyp auch als Kämpfer taugte, was den Menschen damals wohl kaum entgangen sein dürfte. Solche starken Hunde waren einfach für den Kampf prädestiniert. Wieso sonst hätte man sie so stark gezüchtet? Bringt man jetzt den Gedanken zu Ende, so kann man sagen: Es spricht wenig dagegen, dass solche starken Hunde dann und wann in den Kampf und in den Krieg getrieben wurden.

Es wäre allerdings vermessen zu meinen, dass zur Zeit der frühen Hochkulturen die Zucht, geschweige denn die Dressur von Hunden sehr systematisch erfolgte. Man muss sich das alles eher intuitiv vorstellen. Die Leute verpaarten einfach jene Hunde, die sie in ihrer Umgebung vorfanden und die jene Eigenschaften aufwiesen, die sie fördern wollten. Es entstanden große und kleine, schlanke und kräftige Typen. Die Kleinen gaben gute Kumpanen ab. Die Schnellen waren gut auf der Jagd. Die Kräftigen konnten das Haus bewachen. Und so entstand auch ein Hundetyp, bestimmt groß, agil, kräftig und imposant, der sich gut im Kampf einsetzen ließ. Die Funktionalitäten waren nicht klar voneinander abgegrenzt. Vielleicht merkte ein Herr eines Tages, dass sein Jagdhund nicht nur heiß auf Wildschweine war, sondern ganz prinzipiell alles jagte, was ihm der Meister zu jagen befahl – also auch Menschen. So mutierte der Jagdhund zum Kriegshund. Oder ein guter Wachhund wurde eines Tages mitgenommen, als sein Meister in die Schlacht zog. Denn man wusste, dass er sich wie wild auf jeden stürzte, der seinem geliebten Herrn nur ein Härchen zu krümmen gedachte. So mutierte auch der Wachhund zum Kriegshund.

Explizite Hinweise auf Teilnahme von Hunden an Kämpfen und Kriegen: Man kann natürlich auch direkter fragen: Gibt es Hinweise, die unmissverständlich auf den Einsatz von Hunden hindeuten? Doch das ist noch schwieriger. Archäologische Funde physischer Nachweise, die den Einsatz von Kriegshunden zweifelsfrei belegen könnten, gibt es wahrscheinlich keine. Dagegen gibt es Darstellungen in der Kunst oder sogar Inschriften, die aber mit Zurückhaltung zu interpretieren sind. Denn man kann nicht genau wissen, was der Künstler wirklich darstellen wollte. Vielleicht galt sein Kunstwerk gar nicht der Realität, sondern einer mehr oder weniger wilden Interpretation der Realität oder sogar der puren Fantasie. In der Literatur zirkulieren viele kaum überprüfbare Schilderungen von Kampfhunden aus diesen frühen Tagen, die aber in den wenigsten Fällen der historischen Realität entsprechen dürften, erstaunlicherweise jedoch bis heute meist unkritisch weitererzählt werden. Realistischerweise muss man solche literarischen und künstlerischen Quellen wohl bestenfalls im Bereich der Legende, vielleicht sogar der Fiktion ansiedeln.

Wirklich sichere Hinweise auf den Einsatz von Kriegshunden aus der Zeit der frühen Hochkulturen gibt es also nur sehr wenige. Wie Richard Carrington in seinem Beitrag im Buch Animals in Archaeology erwähnt, waren Hunde sehr beliebt als Eskorten, um ihren Meister zu beschützen. (vgl. Brodrick 1972, S. 78) Quellen aus der Zeit des Mittleren Reiches (2030 - 1640 v.Chr.) implizieren, dass Hunde womöglich in der lybischen Wüste Kriegsdienst leisteten. (vgl. Karunanithy 2008, S. 69)

Etwas jünger, dafür eindeutiger ist eine Grabplatte mit der Abbildung des berühmten Tut Enchamun. Das Kunstwerk entstand um zirka 1’300 v.Chr. Gezeigt wird eine Kampfszene, wobei Tut Enchamun von kräftigen Hunden begleitet wird, die offensichtlich am Kampf beteiligt sind. Tut Enchamun selbst steht in einem Kampfwagen. Die Szene spielte sich in den Feldzügen gegen Nubien ab. Die Bewohner dieser Region (im heutigen südlichen Ägypten gelegen) waren dunkelhäutig, was auf dem Bild ebenfalls zum Ausdruck gebracht wird.

Sehr interessant ist der Brief eines ägyptischen Offiziers, der zur Zeit der 18. Dynastie (1540 - 1307 v.Chr.) in Palästina diente. Im Brief steht: »Es gibt 200 große Hunde dort und 300 Wolfshunde, zusammen 500, die jeden Tag an der Tür des Hauses bereit stehen, wann immer ich heraus gehe... Was wäre auch, hätte ich nicht den kleinen Wolfshund von Nahréh, einem königlichen Spross, hier im Hause? Und er schützt mich vor ihnen. Zu jeder Stunde, wo immer ich hingehe, ist er mit mir als mein Führer auf der Strasse...« (aus Brodrick 1972, S. 78) Geht man davon aus, dass der Brief zumindest einen authentischen Kern hat, so kann man dreierlei daraus ableiten: 1) Es gab damals ziemlich viele und ziemlich lästige Streuner, von denen die Soldaten bedrängt wurden. 2) Die Soldaten führten eigene Hunde mit, um sich vor den Streunern zu schützen. 3) Die Soldaten ließen sich von Hunden begleiten, wenn sie auf Wache waren und zu einem Patrouillengang aufbrachen. Kurzum: Offensichtlich gab es damals schon eine Art Schutz- und Begleithund für Soldaten – nicht viel anders als heute noch.

Erwähnt wird sodann der assyrische König Assurbanipal. Er habe immer große, kräftige, Furcht erregende Doggen um sich gehabt, die er sowohl für den Kampf als auch für die Löwenjagd eingesetzt haben soll. Berühmt ist das Relief von Ninive. Es zeigt Assurbanipal mit einem eindrücklichen Mastiff. Er hält in der rechten Hand einen langen Spieß und in der linken Hand die Leine des Hundes. Diese ist gespannt, da der Hund an der Leine zieht. Der Körper des Tieres ist angespannt. Der Kopf ist charakteristisch zu einer Droh- oder Abwehrgebärde nach vorne gestreckt, die Schnauze geöffnet, die Lefzen gehoben, Falten auf der Nase. (vgl. Brackert / van Kleffens 1989, S. 18)

Wo es zu Kriegseinsätzen von Hunden kam, stellt sich noch die Frage, wie man sich diese konkret vorzustellen hat. Andrea Steinfeldt hat in ihrer Dissertation viele Quellen konsultiert, die mitunter ein farbiges Bild zeichnen. Wenngleich den Einzelheiten bestimmt nicht immer ein historisch gesichertes Wissen zugrunde liegt, so kann man sich doch bildlich vorstellen, wie es womöglich ausgesehen haben mag, als solche Kampfhunde in den Krieg zogen: »Als gegen 2’000 bis 1’000 v. Chr. Babylonier, Assyrer und andere Völker feindliche Dörfer und Städte überfielen und die Vorherrschaft in Vorderasien erlangten, führten sie kräftige Hunde, so genannte ‘Löwenpacker’ mit sich, mit deren Hilfe sie die Völker aus den Stromtälern des Euphrats, Tigris und des Nils unterwarfen. Die Hunde trugen dabei nicht nur breite Lederhalsbänder, sondern auch regelrechte ‘Kampfanzüge’ aus starkem Leder, die Rücken und Bauch vor Speer- und Pfeilspitzen schützten. Oftmals trugen diese Hunde auch Halsbänder mit großen Messern oder Pechfackeln. Man leitete sie in die Kavallerie des Feindes, damit sie die Pferde durch Schnittverletzungen oder Verbrennungen in die Flucht schlugen. Vor Aufkommen der Feuerwaffen waren Kriegshunde eine bedeutende Waffengattung. Fußsoldaten hatten eine Todesangst vor ihnen, und beim Einsatz gegen Reiter waren sie oft sehr effektiv.« (Steinfeldt 2002, S. 26)

Indische Hunde

Sie beflügelten die Fantasie der antiken Autoren und vieler Hundeliebhaber bis heute: Die starken, kämpferischen Hunde aus Indien, die in den Lebensraum Mesopotamiens gelangten und von hier weiter bis tief in den Westen Verbreitung fanden. Allerdings schien bereits mit Aristoteles (384 - 322 v.Chr.) die Fantasie etwas durchgebrannt zu sein. In seiner Tierkunde liest man: »Es gibt auch außerdem noch Tiere, welche aus der Paarung von Tieren verschiedener Art entstehen: So vermischen sich in Kyrene die Wölfe mit Hündinnen und erzeugen Nachkommenschaft. Und aus der Paarung des Fuchses und Hundes entstehen die lakonischen Hunde. Ebenso sollen aus dem Tiger und Hunde die indischen Hunde entstehen, jedoch nicht bei der ersten, sondern erst bei der dritten Paarung. Denn das bei der ersten Kreuzung geborene soll noch ein Tier von wilder Natur sein. Man führt Hündinnen gefesselt in die Wüsten und viele werden aufgefressen, wenn das wilde Tier nicht gerade in der Brunst ist.« (Aristoteles, Buch VIII.28.167). Plinius schwadronierte in seiner Naturkunde rund 400 Jahre später ganz ähnlich: »Die Inder trachten, sie – die Hunde – von den Tigern begatten zu lassen, und binden deshalb die Weibchen zur Laufzeit in den Wäldern an. Die Jungen des ersten und zweiten Wurfs halten sie für zu wild, erst die vom dritten ziehen sie auf.« (Plinius, Buch VIII.148)

Grundannahme all dieser Legenden ist immer die gleiche: Hunde weit aus dem Osten hätten den Grundstock der schweren Mastiffs im Westen begründet oder zu deren Genpool wesentlich beigetragen. Solche Geschichten haben ohne Zweifel ihren herben Charme. Aber mit der Realität hat all das wenig zu tun. In Wirklichkeit sind doggenartige Hunde an verschiedenen Orten dieser Welt unabhängig voneinander entstanden. Es mag bestimmt Kreuzungen von Schlägen aus unterschiedlichen Regionen gegeben haben. Dass der eine oder andere Hund tatsächlich weit aus dem Osten den Weg nach Mesopotamien oder Griechenland gefunden hat, ist nicht unplausibel. Es gab Handelskontakte. Die Phönizier gelangten von Indien bis nach Spanien und Britannien. Austausch erfolgte sodann über militärische Expeditionen. Bekanntlich ist Alexander der Große bis nach Indien vorgedrungen. Außerdem gab es Völkerwanderungen. So siedelten sich die Sumerer, ein iranisches Volk, um 2’500 v.Chr. im südlichen Mesopotamien an. In ihrem Gefolge kamen bestimmt Hunde in den neuen Siedlungsraum.

Doch selbst wenn man unterstellt, dass tatsächlich Hunde weit aus dem Osten in den Westen gelangten, so ist nicht klar, wie prägend solche Importe auf den Genpool der indigenen Populationen waren. Schließlich handelte es sich nur um wenige Exemplare, die eine so große Distanz überwinden konnten. Wenn dennoch von »indischen Hunden« die Rede ist, so müssen wir »Indien« als Metapher für Osten verstehen oder noch genereller als Metapher für fremd oder fern. Anders gesagt: Die Erwähnung von Hunden indischen Ursprungs in antiken Texten besagt einfach, dass kampfstarke Hunde aus fernen und fremden Ländern im weitesten Sinne in den Westen gelangten.

Tibetdogge

Ähnlich gelagert wie die Legenden um die indischen Hunde sind die Legenden um die Tibetdogge, die ebenfalls weit zurückreichen und sich unverwüstlich bis heute halten. Riesige Hunde aus Tibet sollen demnach bis nach Mesopotamien gelangt sein und sich von dort im ganzen Westen verbreitet haben.

Im 13. Jahrhundert erwähnte Marco Polo in seinen Reiseberichten aus Asien tatsächlich Sensationelles. In Tibet traf er auf riesige Hunde. 1926 übersetzte Henry Yule den Bericht von Marco Polo. Dort liest man: »Sie haben Mastiffs so groß wie Esel, die unschlagbar im Packen von wilden Biestern sind.« (Yule 1926, 2. Buch, Kapitel XLVI) Man darf mit gutem Recht darüber rätseln, ob Marco Polo einer Halluzination erlegen war. Denn Hunde von der Größe eines Esels gab es nie und nirgends, auch nicht in Tibet. Wahrscheinlicher ist, dass ortskundige Tibeter dem Fremdling Marco Polo von solchen Hunden erzählten, wobei er die Berichte naiverweise für bare Münze nahm.

Marco Polo stand in der Gunst des Mongolenherrschers Kubilai Kaan. So berichtete er über dessen Jagdhunde, ohne Zweifel mit etlicher Übertreibung. Riesige Mengen an großen Mastiffs hat der Kaan demnach besessen. Zwei Wärter am Hof waren speziell für die Hundemeuten zuständig. Wenn der Kaan zur Jagd aufbrach, so begleiteten ihn 10’000 Männer mit 5’000 Hunden zur rechten und ebenso viele zur linken Seite. In den großen Ebenen lieferten sich die Hunde einen spektakulären Kampf mit dem Wild. Eine Meute riss einen Bären nieder, eine andere Gruppe warf sich auf einen Hirsch oder andere Biester. (vgl. Yule 1926, 2. Buch, Kapitel XIX)

Aber es geht noch einen Tick spektakulärer. Marco Polo erwähnte eine sagenhafte Provinz im Süden Chinas. An einem Fluss (vielleicht meinte er den Mekong) griffen immer wieder Löwen Reisende an. So sprangen sie von einer Flussbank in die Boote, rissen ein Opfer heraus und verschlangen es. Doch in dieser Provinz gab es eine Hunderasse, die so groß war, dass zwei von ihnen es mit einem Löwen aufnehmen konnten. Deshalb führte jeder, der auf Reisen ging, eine Koppel mit zwei dieser Hunde bei sich. Griff ein Löwe an, so konnten die Hunde mit großer Geschicklichkeit den Prankenschlägen ausweichen. Die Hunde setzten dem Löwen sogar nach, wobei sie nur auf eine Gelegenheit warteten, ihn ihrerseits durch einen Biss zu verletzen. Oft zog sich der Löwe in den Wald zurück. Doch die Hunde folgten ihm. Wenn der Löwe so weit eingeengt war, dass er sich vor einen großen Baum stellte, um seinen Rücken zu decken, so holten die Reisenden ihre Pfeilbogen heraus und schossen ihn ab. (vgl. Yule 1926, 2. Buch, Kapitel LIX)

600 Jahre nach Marco Polo unternahm der österreichischungarische Graf Bela Széchenyi eine große Expedition in den Fernen Osten (1877 - 1800). Auch er traf auf riesige Hunde in Tibet. Der Geograph der Expedition, Gustav Kreitner, schrieb: »Schon in China hörten wir so vieles über die schönen tibetanischen Hunde erzählen, dass ich mich wirklich darauf freute, die Tiere kennen zu lernen. Und in der Tat, sie verdienen das Lob. Die tibetanischen Hunde besitzen viel Ähnlichkeit mit den schönsten Neufundländern, ihr Kopf aber ist bedeutend größer und gewinnt durch das mähnenartig emporgewachsene Nackenhaar an imponierender Wildheit. (...) Sie sind im Allgemeinen bissige Bestien, die im Hause an der Kette gehalten, mit ihrem tiefen Gebelle die Luft erzittern machen. Während einer Attacke wedeln sie ohne Unterlass mit dem Schweife. Als Schäferhunde oder bei den Yak-Karawanen verwendet, halten sie Ruhe und Ordnung aufrecht und sorgen zugleich durch ihre Wachsamkeit für die gewünschte Sicherheit.« (Kreitner 1881, S. 878)

So sehr war Graf Széchenyi von den Hunden angetan, dass er drei Exemplare kaufte und nach Europa brachte, wo sich eine Episode ergab, die Kreitner in seinem Reisebericht so beschrieb: »Graf Széchenyi brachte drei prachtvolle tibetanische Hunde, zwei Männchen namens Dschandu und Dsamu und ein Weibchen mit Namen Dsama, käuflich an sich. Dschandu und Dsama zeigten sich nicht nur – obwohl mit Aufwand aller zur Verfügung stehenden Mittel – dressurfähig, sondern ertrugen auch ohne Gefährdung ihres Wohlbefindens die See- und Landreise nach Europa. Derzeit zählen sie zu den verlässlichsten Wächtern auf dem Schloss des Grafen Széchenyi in Zinzendorf am Neusiedler-See. Anders betrug sich Dsamu. Als entschiedener Feind aller Europäer duldete er keinen von uns in seiner Nähe, ja er biss wiederholt den Grafen, der ihn durch die Verabreichung des Futters zu zähmen versuchte, und zerfleischte ihm einmal bei einer solchen Gelegenheit in sehr bedrohlicher Weise die rechte Hand. Fast in jedem Nachtquartier sorgte der Hund für unsere Verproviantierung, indem er regelmäßig allen Hühnern und Schweinen, die sich in seine Nähe verirrten, erbarmungslos die Wirbelsäule durchbiss. Als Dsamu aber in Bamo ein armes, altes Weib, das ihn mit einem Prügel bedrohte, derartig zurichtete, dass es kurze Zeit darauf starb, da war sein Schicksal entschieden. Graf Széchenyi erschoss ihn auf der Stelle.« (Kreitner 1881, S. 878)

Die Geschichte zeigt eines schön: Im 19. Jahrhundert intensivierte sich der Austausch zwischen Europa und dem Reich der Mitte. Die europäischen Mächte sicherten ihren Einfluss in China mit militärischen Expeditionen ab. Kolonien entstanden, Einflussgebiete wurden abgesteckt. Der Handel nahm Schwung auf. Im Zuge dieses Austauschs gelangten auch Tibetdoggen direkt nach Europa. Das englische Königshaus importierte solche Hunde, die als gute Wächter geachtet waren. 1847 sandte Lord Hardinge, der Vizekönig von Indien, eine Tibettdogge an Queen Victoria. Edward VII, Prinz von Wales, brachte ebenfalls zwei Tibetdoggen mit nach England. Basierend auf solchen Importen wurde langsam eine Zucht von Tibetdoggen im Westen begründet, aus der schließlich eine durch den Welthundeverband FCI anerkannte Rasse hervorging, die offiziell Do Khiy genannt wird. Bis heute lassen sich Züchter und Liebhaber immer wieder dazu verleiten, ihre Zuchtprodukte im Westen als direkte Abkömmlinge jener tibetischen Hunde zu bezeichnen, von denen in der Antike die Rede war. Doch das hat nichts mit der Realität zu tun. Erik Zimen schreibt etwa zur Herkunft der Tibetdogge: »Ihre angebliche Abstammung von tibetanischen Hunden (...) ist ebenso haltlos wie die vielen Vorstellungen über heutige Rassen, die von ihnen direkt abstammen sollten.« (Zimen 2010, S. 156)

Altertum

Griechenland

»Tiere hatten am griechischen Leben, der Kunst, Religion und Literatur einen sehr wichtigen Anteil. Unsere Kenntnis ihrer Rolle in der klassischen Welt leitet sich nicht nur aus archäologischen Funden ab, sondern auch aus der Literatur, wobei es ziemlich gewagt ist, den griechischen Lebensstil und die Manieren sowie die Sitten der Menschenmassen aus den Darstellungen in Büchern abzuleiten, die im Athen des 5. Jahrhundert geschrieben wurden. Die archäologischen Zeugnisse sind tatsächlich in einiger Hinsicht ziemlich ernüchternd für eine Zivilisation, die so wichtig und prägend war wie jene des klassischen Griechenland. Zunächst, mit der Ausnahme der bemalten Vasen, haben wir wenige Beispiele griechischer Malkunst. (...) Auch ist die griechische Skulptur womöglich nicht so aussagekräftig im Hinblick auf Tiere, wie man hoffen oder erwarten würde.« (Brodrick 1972, S. 103) Wir entnehmen diesen wenigen Zeilen, dass es – wieder einmal – schwierig ist, sich ein akkurates Bild vom Leben der Tiere und damit auch des Hundes in einer so fernen Zeit wie der Antike zu machen. Man kann alles in allem trotzdem eines annehmen: Im alten Griechenland waren Hunde im Alltagsleben gut präsent. Sie waren beliebt und in verschiedenen Nutzfunktionen tätig. Aber wie sah es mit Kriegshunden aus?

Realistischerweise muss man davon ausgehen, dass Hunde auf den Schlachtfeldern der Antike eine seltene Erscheinung waren und keinesfalls die Regel, egal wie spektakulär einzelne Berichte sein mögen. Die Soldaten jener Zeit waren bereits mit weit reichenden Waffen ausgestattet und verfügten über erhebliche Körperpanzerungen. Bereits seit dem 7. Jahrhundert v.Chr. waren die griechischen Hopliten mit Schwert, Lanze, Körperpanzer, Helm, Rundschild und Beinschienen ausgerüstet und kämpften wohl geordnet in der Phalanx. Gegen einen solcherlei aufgestellten Feind konnte ein Hund praktisch nichts ausrichten. Wenn Hunde im Krieg zum Einsatz kamen, so mit Bestimmtheit kaum im direkten Kampf gegen feindliche Soldaten, sondern vorwiegend in Hilfsfunktionen als Bewacher, Beschützer, Träger von Nachrichten, Spürhunde. Schauen wir uns dazu einige Hinweise an.

David Karunanithy erwähnt, dass es eine Reihe von Zeichnungen und Reliefs aus der Zeit um 550 - 470 v.Chr. gibt, die Hunde in Kampfszenen zeigen. Auf einer Stele aus der kleinasiatischen Stadt Dorylaion wird ein Hund dargestellt zusammen mit seinem Meister, einem voll ausgerüsteten Hopliten. Der Hund hat sogar einen Namen, Lethargos. Dies suggeriert einen nahen Bezug zum realen Leben und gibt der Darstellung große Authentizität. Ein Hinweis auf Kriegseinsätze ist womöglich auch darin zu sehen, dass Hunde gerne als Zierde auf die Schilde der Soldaten gemalt wurden. Am berühmtesten ist in dieser Hinsicht der bullige Hund auf dem Schild von Achilles. (vgl. Karunanithy 2008, S. 74)

Gewisse Darstellungen (oft auf Vasen) zeigen Herakles mit dem Hund aus dem Hades, dem berühmten vielköpfigen Zerberus. Die Tiere erscheinen als kräftig. Anders gesagt: Es handelt sich wiederum um einen starken Typ von Hund, wie er uns schon in Mesopotamien und Ägypten begegnet ist. Anscheinend gab es solche kräftigen Hunde, die für die Bewachung und den Kampf wie gemacht waren, auch in Kreta und darüber hinaus in Griechenland. »Doch auch als Haus- und Hofbeschützer sowie als Leibwächter von Königen und reichen Privatpersonen waren die Molosser geschätzt und schon die Könige der Mythenzeit ließen ihre Schlösser durch sie bewachen.« (vgl. Brackert / van Kleffens 1989, S. 23) Bewachen und Beschützen: Beides waren Aufgaben, die man in einem zivilen Umfeld

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