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Ich-Geschichten und Selbst-Bilder: Von Autobiografien und Autobiografen
Ich-Geschichten und Selbst-Bilder: Von Autobiografien und Autobiografen
Ich-Geschichten und Selbst-Bilder: Von Autobiografien und Autobiografen
eBook1.107 Seiten14 Stunden

Ich-Geschichten und Selbst-Bilder: Von Autobiografien und Autobiografen

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Über dieses E-Book

Warum sind unsere Erinnerungen so mächtig? Auf welche Weise bestimmen sie unser Selbstbild? Was geschieht, wenn wir zweifelnd unser „Ich“ im Spiegel der Erinnerungen suchen? Warum haben Lebensrückblicke eine ewige Konjunktur? Was fasziniert uns an fremden Erinnerungen? Was bewegt uns, Autobiographien zu lesen?
Das Schreiben von Autobiographien begreift Professor Karlheinz Jackstel als eine der ältesten tradierten Kulturtechniken der Selbstvergewisserung und der Selbstdarstellung. Er ist überzeugt davon, dass keine andere literarische Gattung eine derartig facettenreiche Vielfalt an Mustern und Motiven aufweist wie die Autobiographie. Für ihn sind sie ebenso Dokumentationen wie Widerspiegelungen lebenslanger Lern- und Suchprozesse.
Der Autor kann und will seinen erziehungswissenschaftlichen Hintergrund nicht verleugnen, aber sein Buch ist weder eine theoretische Abhandlung noch ein systematisierendes Lehrbuch. Es ist ein Buch, das, nun gegen Ende des eigenen Lebens, persönlichen Vorlieben Raum gibt. Es ist ein Buch der Spurensuche und der Begegnungen. Karlheinz Jackstel arbeitet nicht mit dem analytisch sezierenden Skalpell, sondern versucht, die Deutungshoheit über das eigene Leben zu respektieren und sich der Einzigartigkeit anderen Lebens mit den Antennen der Empathie zu nähern. Er versucht zu verstehen, statt zu werten.
So gleicht dieses Buch einer mäandrierenden Expedition durch fremde und uns doch oft so nahe Seelen- und Schicksalslandschaften, durch unterschiedliche Zeiten und geographische Räume, aber auch durch unser eigenes Bewusstsein. Es möchte so Lust machen auf das eigene Erinnern, auf den eigenen Lebensrückblick. Vielleicht kann es gar auf unterhaltsame und nachdenklich stimmende Weise ein Angebot unterbreiten, sich beim Lesen selbst in fremden Ich-Geschichten zu spiegeln und darin wiederzufinden.
SpracheDeutsch
Erscheinungsdatum4. Feb. 2015
ISBN9783940281609
Ich-Geschichten und Selbst-Bilder: Von Autobiografien und Autobiografen
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Autor

Karlheinz Jackstel

Karlheinz Jackstel, geboren 1934 in einem altmärkischen Dorf, hat an sich selbst erfahren, dass ein langes Leben, ohne eigenes Zutun in drei verschiedenen Gesellschaftsordnungen, das Nachdenken über sich selbst ungemein beflügelt. Man könnte dieses Beschwören, Sortieren und Gewichten der Erinnerungen auch als autobiographische Reflexion bezeichnen: eine Kindheit unter dem Hakenkreuz, in der bereits dem Zehnjährigen am Ende des Tausendjährigen Reiches mehr Verantwortung zugemutet wurde, als man sich heute gemeinhin vorstellen mag; eine Bau-auf–bau-auf-Jugend mit kollektivistischer Sozialisation unter dem Zeichen von Hammer, Zirkel und Ährenkranz, ein Studium und ein beruflicher Werdegang schließlich an der Martin-Luther-Universität in Halle, das Wort Karriere hat der Autor zeitlebens nicht zu buchstabieren gelernt; Erfahrungen schließlich mit den neuen Freiheiten, Erfahrungen mit Abwicklungen und biographischen Brüchen, mit dem „Zauber“, der allen Anfängen innewohnen soll – nun unter dem Zeichen des Bundesadlers. Da kommt einiges zusammen. An Erinnerungen jeglicher Art ist kein Mangel. Der Autor ist sich noch immer nicht sicher, ob er all diese Erfahrungen machte oder ob die Erfahrungen ihn machten: Erfahrungen in Klassenzimmern als Lehrer, später als Hochschullehrer für Hochschulpädagogik und Erwachsenenbildung, in Bibliotheken und Archiven, in Seminarräumen und auf dem Katheder, letzteres in vielen Orten und auch in anderen Ländern, Erfahrungen im Senatsaal, in Leitungsgremien, auf Podien, als Autor mit Redaktionen und Verlagen, die es längst nicht mehr gibt, regelmäßig vor dem Mikrofon im Rundfunkstudio, dann vor einer Evaluierungskommission mit vorgefertigtem Urteil, als Bittsteller auf dem Arbeitsamt, frei schwebend als Dozierender in diversen Fortbildungseinrichtungen, seriösen und nichtseriösen, und immer wieder zu Hause am Schreibtisch bzw. vor dem Laptop. Der Autor hat einiges publiziert u.a. über die Notwendigkeit eines lebenslangen Lernens. Er versucht, es bewusst selbst zu leben. Er hat sich angewöhnt inzwischen, das Unterwegssein zu mögen und jegliches Ankommen zu meiden. Aber er hat sich dabei die Neugier auf das Leben bewahrt, auch auf das der Anderen und damit vor allem den Respekt gegenüber dem je anderen Umgang mit den individuellen Erinnerungen, die jedes gelebte Leben spiegeln. Aus dieser Intention heraus ist nun gegen Ende des eigenen Lebens das vorliegende Buch entstanden – keine Autobiographie, aber durchaus autobiographisch.

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    Buchvorschau

    Ich-Geschichten und Selbst-Bilder - Karlheinz Jackstel

    Die Menschen behalten einen fremden Lebenslauf besser als den eignen: wahrhaftig, wir achten eine Geschichte, die einmal die unsrige war, und welche die Hülse der verflognen Stunden ist, viel zu wenig, und doch werden die Zeittropfen, durch die wir schwimmen, erst in der Ferne der Erinnerung zum Regenbogen des Genusses.

    Jean Paul: Hesperus oder 45 Hundsposttage

    Inhalt

    Ein Wort vorweg

    1. Das Wahre erfinden

    Begegnungen mit Autobiographien

    Auf der Messerschneide der Zwiespältigkeit

    Vom Zauber des Anfangs

    Die Katze Erinnerung

    Ich ist das Unbekannte

    2. Unvergängliches Dreigestirn

    Auf der Suche nach den Urmustern

    Eine große Frage bin ich mir geworden…

    Einzig und allein ich

    Bruchstücke einer großen Konfession

    3. Muster und Motive

    Jeder ist sein eigener Roman

    Der Preis der Selbsterkenntnis

    Dies ist die Geschichte einer Erziehung

    Die paradoxe Erfahrung der Zeit

    Der Mensch kann seine Gefängnisse überall finden

    Dekonstruierte Lebenstexte

    Ich bin die Geschichte, die mir geschieht

    Der Text ist meine Enteignung

    Virtuosen des Erinnerns

    Heimsuchungen des Lebens

    Expeditionen in die Tiefe der Erinnerung

    Erinnerung, sprich!

    Zwischen Selbstanalyse und Selbsttherapie

    Wahn und Wahrheit

    Exkurs: Eine postume Karriere

    Der Mann, der niemals lachte

    Essenz des Lebens

    Erwache meine Seel…

    Wenn das Gedächtnis scherzt

    Ich habe keine Lehre…

    Ich werde dienen

    Aber ich schreibe keinen Lebenslauf

    Eine schöne Wolke

    4. Kindheitswelten

    Wo ist das Kind, das ich gewesen…?

    Ich habe es mit großer Freudigkeit geschrieben

    Entschwundene Paradiese

    O Kindheit, du süße Zeit

    … es war eine selige Unendlichkeit

    Das Kind, das in mir verkrochen war

    Durch Schreiben wurde ich geboren

    Wie sind wir so geworden, wie wir heute sind?

    Die durch die Hölle gingen…

    Erinnerung verbindet uns, Erinnerung trennt uns

    Es war ein dunkles Loch in der Zeit

    Kaleidoskop

    Warum täuscht man Kinder?

    … nichts ist erfunden

    Möglich, dass die Welt bunt ist

    Das Abseits als sicherer Ort

    …die Lektionen des Lebens, die man nie vergisst

    Wassergrün

    5. Varia und Varietäten

    Nur die nackten Knochen

    Memoiren eines inneren Lebens

    Autobiographie einer Kultur

    Zwischen Bekenntnis, Farce und Travestie

    Ich-Botschaften als Selbstporträt

    Wer braucht einen Autonekrolog?

    Autobiographie ohne Ereignisse

    Ich bin ein vorbeistationierender Autofiktionär

    Das eigene Ich als Nabel der Welt

    Nachträgliche Memoiren

    Emphatische Fiktion

    Spiegelkabinett

    Pseudologia phantastica

    Mythobiographie

    Ausblick

    Literaturverzeichnis

    Der Autor

    Für Rosemarie

    Ein Wort vorweg

    Was erwartet Sie als Leserin oder als Leser, die Sie dieses Buch gerade aufgeschlagen haben, um herauszufinden, ob die Lektüre sich für Sie lohnt?

    Ich stelle darin Autobiographien und Autobiographen aus wechselnden Zeiten und in unterschiedlichen geographischen Räumen vor. Es handelt sich dabei um meine subjektiven Versuche einer Näherung an oft fernes, fremdes Leben. Ich vertraue allein dem lebendigen Beispiel. Und so vertraue ich zu allererst dem Leben selbst und damit dem individuell so unterschiedlichen Schreiben, Denken und Fühlen der Autobiographen mit all ihren Zweifeln, ihren Gewissheiten, den echten und den vermeintlichen, mit ihrer Erkenntnissuche, ihren facettenreichen Selbstwahrnehmungen und ihren immer subjektiven Wahrheiten. Oft genug gerät das Bemühen von Autobiographen zum permanenten Anschreiben gegen den unablässig arbeitenden Malstrom des Vergessens. Und lauert nicht auch uneingestanden irgendwo im Hinterkopf eines jeden von uns der Wunsch, mit dem Lebensbericht, mit der Weitergabe der Erinnerungen an die Nachfolgenden ein Zeichen setzen zu wollen gegen das befürchtete schleichende Vergessen-Werden? Indem der Mensch seinen Werdegang zu ergründen sucht, spiegelt er sich in seiner Zeit und seiner Welt. Mich interessieren die daraus ablesbaren so spannungsreichen wie widerspruchsvollen Vorgänge eines lebenslangen Lernens – eingeschlossen den Umgang mit dem ewigen Wechselspiel von Individuum und Gesellschaft, von persönlichen Siegen und Niederlagen, von unbestreitbaren Fakten und allgegenwärtiger Fiktion, von Suchen und Finden, von Versuch und Irrtum, von hochstrebendem Glücksempfinden und tiefster Verzweiflung.

    Das Schreiben von Autobiographien gehört zu den ältesten tradierten Kulturtechniken der Selbstvergewisserung und Selbstdarstellung überhaupt. Ich versuche, mich als ein staunender und lernbereiter Beobachter in mir nahen wie fernen Ich-Geschichten, die oft Zeitpanoramen und Seelenlandschaften in einem sind, zu bewegen. Diese Haltung eines Flaneurs, der auf Entdeckungen und Spiegelungen aus ist, sollte freilich nicht verwechselt werden mit der eines Voyeurs, dem allein gelegen ist an „biographischer Topfguckerei", wie Friedrich Nietzsche es einmal verächtlich nannte. Mir ist es also nicht um allzu private Details oder intime Enthüllungen zu tun; mich interessieren vielmehr die Motive der Autobiographen, der Vorgang und die Vielgestaltigkeit der Muster ihres Erinnerns und ihrer Selbstdarstellungen und der Reflexionen über ihr Leben. Mich interessieren ferner das Wesen der flüchtigen Erinnerung und wie unterschiedlich Autobiographinnen und Autobiographen ihnen und damit ihrem Leben darstellerisch eine angemessene Form zu geben versuchen. Keine andere literarische Gattung weist eine derart facettenreiche Vielfalt an Mustern und Formen auf wie die Autobiographie. Und ich hoffe, dass sich Ihnen bei der Lektüre davon etwas mitteilt. Immer geht es um Menschliches, auch um allzu Menschliches, um Verstand und Gefühl, um Schicksale und gebrochene Biographien, um Niederlagen und Neuanfänge, um den Umgang mit Erinnerungen im ständigen Kampf gegen das Vergessen und schließlich um die Sinngebung der eigenen Lebensgeschichte im historischen Kontext. Es sind die Exempel anderen Lebens und seiner Selbstdarstellung wie des Umgangs mit der Erinnerung, die mich bewegen beim Nachdenken über mein eigenes Leben. Insofern handelt es sich hier zwar nicht um eine eigene Autobiographie, wohl aber, indem es durch die Auswahl meine Vorlieben offenbart, um ein durchaus autobiographisches Buch.

    Es versteht sich von seiner Anlage her als Einladung an Sie als Leserin oder Leser. Wenn Sie mögen, so können Sie mir folgen in fremde, ferne Gedankenwelten und in oft verwirrende autobiographische Ich-Labyrinthe, in selbst durchlebte Gründe und Abgründe menschlicher Existenz. Wir werden uns ohnehin unablässig im Geltungsbereich subjektiver Wahrheiten bewegen. Es ist dies die freundliche Einladung zu einer Entdeckungsreise in andere Innenwelten. Vielleicht aber sogar – über einen nur kleinen Umweg – in das eigene Ich. Immerhin bieten sich Gelegenheiten in Fülle, sich selbst, sein eigenes Leben, sein Ich-Gefühl partiell oder vielleicht gar in toto im Erinnern, Denken und Empfinden eines anderen Lebens wiederzufinden.

    Jede dieser Ich-Geschichten ist einmalig und unverwechselbar. Ich vertraue der Faszination des Individuellen und sehe mich deshalb der Aussagekraft des Beispiels verpflichtet. Die Auswahl der Exempel folgt allein meinen persönlichen Vorlieben und keinem wie immer gearteten theoretischen Konzept. Jeder mag für sich selbst daraus seine Schlüsse ziehen. Ich mag, zumindest in diesem Falle, Verallgemeinerungen nicht und setze deshalb durchweg auf das Besondere, auf die Aussagekraft der Exempel von Ich-Geschichten und Selbst-Bildern eben. Und ich bin auch nicht auf einen neuen Theorieansatz zur Gattung Autobiographie aus. Es gibt deren genug. Damit soll gesagt sein, dass dieses Buch keine wissenschaftliche Abhandlung ist, die mit einem theoriebildenden Anspruch auftritt. Und erst recht ist es kein Lehrbuch, das einer bestimmten Systematik in Zeit und Raum verpflichtet wäre. Das ist hier notwendigerweise als Warnung voranzustellen, um etwaige Erwartungen nicht zu enttäuschen. Autobiographien, überhaupt autobiographisch intendierte Texte aller Art, gehören nämlich seit langem zur überaus geschätzten Leibspeise von Literaturwissenschaftlern, Germanisten, Psychologen usw. Sie werden nicht müde, aus den Autobiographien aller Zeiten und Kulturen, von bestimmten Berufsständen oder Glaubensrichtungen bzw. Weltanschauungen oder Konzepten der formalen Gestaltung sehr erfolgreich Dissertationen, Habilitationsschriften, Monographien und Sammelbände in immer neuer systemischer Konfiguration zu destillieren. Ich habe vieles davon mit Gewinn, mitunter auch mit Verwunderung gelesen. Interessenten verweise ich auf das beigegebene Verzeichnis der Sekundärliteratur.

    Der Fundus des Überlieferten ist unüberschaubar. Autobiographien bieten sich zwar geradezu an, gruppiert und systematisiert zu werden, so etwa in: Bekenntnisse oder Lebensbeichten, in Lebensbilanzen, Rechenschaftslegungen, in Rechtfertigungsautobiographien, in Selbstanklagen und Selbstinszenierungen, in Autobiographien des unaufhaltsamen Aufstiegs wie in solche des tragischen Scheiterns, in Autobiographien von (vermeintlichen) Siegern und von Opfern, von Herrschern und Beherrschten. Hinzu kommen Möglichkeiten der Zuordnung in Zeit und historischem Ablauf, im geographischen Raum, der Gruppierung nach Berufsständen, sozialen Gruppen oder auch Konfessionen usw. Für mich sind hier derartige Kategorisierungen allenfalls am Rande von Belang. Mir ist vielmehr daran gelegen, dass sich hier etwas von der anhaltenden Faszination mitteilt, die gerade von der Vielfalt und Vielgestaltigkeit menschlichen Lebens und der autobiographischen Reflexion darüber ausgeht. Im mächtigen Strom der Autobiographien manifestiert sich schließlich die Geschichte der Entwicklung des menschlichen Selbstbewusstseins. Daraus folgt, dass auch nur den Autobiographinnen und Autobiographen selbst die alleinige Deutungshoheit über ihre Lebensgeschichten zusteht. All ihre Sichtweisen und die sich daraus ergebenden Wahrheiten sind ihrer Natur nach subjektiv. Sie sind zu respektieren, auch dann, wenn es nicht die unseren sein mögen.

    Die britische Schriftstellerin Jeanette Winterson hat die Fähigkeit eines Buches, eine Sogwirkung, ein „Kraftfeld der Anziehung zu entfalten, als „Psychometrie der Bücher bezeichnet. Für mich trifft gerade das auf viele Autobiographien zu. Ganz in diesem Sinne ist denn auch meine Auswahl der folgenden Fallstudien primär aus einer solchen „psychometrischen" Perspektive heraus zu sehen. Woraus resultiert mein nun schon über Jahre hinweg anhaltendes Interesse an Autobiographien? Genau weiß ich es nicht zu sagen. Aber es ist gut denkbar, dass eine zurückliegende lange kollektivistische Sozialisation, quasi als Kompensation, ein Bedürfnis danach entstehen ließ, an unterschiedlichen autobiographischen Exempeln die vielfältigen Möglichkeiten der Entfaltung des Individuums zu erkunden. Und was liegt dann näher, als sich unterschiedlichen Selbstbeschreibungen anderen Lebens in anderen Zeiten zuzuwenden? Wenn von der einen oder anderen der hier vorzustellenden Ich-Geschichten oder den literarischen Selbst-Bildern bei der Lektüre ebenfalls eine solche Sogwirkung ausgehen könnte, und zwar in Richtung auf das Nachdenken über das eigene Leben, würde ich mich bestätigt fühlen. Vielleicht lässt sich ja tatsächlich in dem einen oder anderen Text ein fremder Spiegel oder zumindest eine Spiegelscherbe entdecken, in der sich plötzlich und überraschend eigene Befindlichkeiten oder Lebenserfahrungen wiederfinden lassen.

    Ich war einst befasst mit Bildungsprozessen Erwachsener, mit den Vorgängen eines lebenslangen Lernens zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Auch das bestimmt meine Intentionen in und mit diesem Buch. Im Kern sehe ich hier im autobiographischen Schreiben vor allen die Reflexion von je eigenen Sozialisations- bzw. Lernprozessen. Denn erst in der Auseinandersetzung mit sich selbst und dem eigenen Geworden-Sein wird der Vorgang des Sich-erinnerns und des autobiographischen Schreibens wiederum selbst zu einem so spannenden wie widerspruchsvollen Lernvorgang. Und ich mag mich nicht abbringen lassen von dem vielleicht naiv anmutenden Anspruch, dass sich nicht nur aus der eigenen, sondern auch aus fremden, zeitlich oft fernen Lebensgeschichten, die sich mitunter als ganz nah entpuppen, Wesentliches lernen lässt. Ich möchte Ihnen gern zeigen, dass Lebensgeschichten auf anregende Weise immer auch Lerngeschichten sind, nicht selten verdeckte und auch sehr widersprüchliche. Und so gilt mein Interesse in erster Linie jenen inneren anderen Lebenswirklichkeiten, die mit theoretischer Verallgemeinerung allein nicht zu erfassen sind, sondern auf die Selbstdeutung der Lebensgeschichte durch das Individuum verwiesen bleiben. Das einfühlende Verstehen in die Innenwelt des Anderen mit seinen Widersprüchen, seinen Beweggründen und Selbstdeutungen bleibt im Sinne des Versuches einer eher tastenden Näherung eine ständige Herausforderung. Und gerade weil die Deutung der eigenen Lebensgeschichte durch den Autobiographen ein zutiefst individueller, ein nicht kopierbarer Akt ist, teile ich aus Überzeugung mit der amerikanischen Autorin Susan Sontag die „erbitterte Abneigung gegenüber Systematisierern. Jede Lebensgeschichte gibt es schließlich nur ein einziges Mal auf der Welt. Und es ist gerade diese Einzigartigkeit sowohl von Lebensgeschichten wie auch ihrer Darstellung, die die Absurdität von Systemen evident werden lässt. Für meinen Umgang mit Autobiographien in diesem Buch nehme ich gern für mich in Anspruch, was der Rumäne Emil M. Cioran, im französischen Exil lebend, seinerzeit bündig in die Sentenz fasste. „Wo Paradoxie aufscheint, erlischt das System und obsiegt das Leben. Es würde mich freuen, wenn Sie mir darin folgen könnten. Und in Aron R. Rosenheimers so furiosem wie gewichtigem Plädoyer für die Unordnung heißt es: „Unordnung bewahrt den Dingen, den Geschehnissen, den Beziehungen ihre Vielfalt". Das ist mir aus dem Herzen gesprochen. Die Demonstration und die Bewahrung der Vielfalt, genau das ist es, worum mir in und mit diesem Buch gelegen ist.

    Vielleicht fragen Sie sich aber nun, ob mit meinem bewussten Verzicht auf eine stringente Systematik bereits der Weg in eine lediglich eklektische Reihung der autobiographischen Exempel vorgezeichnet ist. Gar in die allerorten wuchernde Willkür oder Beliebigkeit? Das mag durchaus so gesehen werden. Aber mich würde ein solcher Vorwurf wenig berühren. Verfährt schließlich das Leben mit seinen vielfältigen Brüchen, Zufällen und Zumutungen, mit seiner Unplanbarkeit und seinen Überraschungen und Unwägbarkeiten, mit der auf ewig unaufhebbaren Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit, zwischen Realität und Fiktion, immer wieder aufs Neue, nicht selbst eklektisch mit uns? Und ist nicht noch jede Autobiographin, jeder Autobiograph gezwungen, aus der bunten Vielfalt des eigenen Lebens, aus der überbordenden Fülle der Erinnerungen das allein Wesentlich Erscheinende, das sie oder er auch mitzuteilen bereit sind, nach eigenem Ermessen auszuwählen?

    Wenn ich Ihnen als Leserin oder Leser schon kein System anbieten kann bzw. will, so können Sie aber natürlich mit Fug und Recht von einem Buch eine Struktur verlangen, die Ihnen einen Überblick ermöglicht. So auch von diesem. Es gliedert sich in fünf Kapitel.

    Das erste Kapitel, Das Wahre erfinden, versteht sich als eine an den Aussagen, Erfahrungen und Praktiken von Autobiographen orientierte Ein- bzw. Hinführung zum Thema. Im Fokus stehen dabei Erörterungen zu Anfängen und zum Wesen der Autobiographie, zum Phänomen der menschlichen Erinnerung und zu den Schwierigkeiten des Ich-Sagens und der Suche nach dem eigenen Ich.

    Im zweiten Kapitel geht es mir um die Suche nach überdauernden „Urmustern" allen autobiographischen Schreibens. Vorgestellt und erörtert werden als unvergängliches Dreigestirn (Georg Misch) die vielleicht folgenreichsten, weil maßstabsetzenden und traditionsstiftenden Autobiographien der Weltliteratur. Es sind dies die Bekenntnisse des Kirchenvaters Augustinus und die des französischen Philosophen Jean Jacques Rousseau sowie Johann Wolfgang von Goethes Dichtung und Wahrheit – mitsamt ihren Entstehungsgeschichten und Hintergründen.

    Das dritte Kapitel versucht, im subjektiven Zugriff eine Auswahl zu treffen, um die Vielfalt an Mustern und Motiven autobiographischen Schreibens zu belegen. Ich gehe davon aus, dass Lebensmuster in all ihrer Vielfalt ihre Entsprechung finden in Erinnerungs-, Denkund Schreibmustern von Autobiographen. Dargestellt werden hier sehr unterschiedliche, mitunter schmerzhafte Wege zur Selbsterkenntnis von Gepeinigten, von Opfern in historischen Extremsituationen wie auch Versuche, mit Distanz zu sich selbst den eigenen „Lebenstext" zu dekonstruieren. Und da Erinnern auch eine Kunst ist bzw. sein kann, gebe ich dann drei Exempel, in denen Virtuosen des vielschichtigen Umgangs mit ihrer Erinnerung sowie deren sprachlichen Formgebung vorgestellt werden. Weil aber jedes autobiographische Schreiben immer auch immer eine mehr oder weniger ausgeprägte selbstanalytische und selbsttherapeutische Komponente erkennen lässt ist, schließen sich zwei Exempel an, in denen gerade das in Ausschließlichkeit der Fall ist. Sie können hier nachvollziehen, hoffe ich, dass und wie gerade autobiographisches Schreiben auch im wahrsten Sinne des Wortes zur Selbstbefreiung führen kann. Unter der Überschrift Essenz des Lebens stelle ich schließlich sieben Beispiele von auf ganz unterschiedliche Weise bewusst fragmentarisch gehaltenen Autobiographien vor, die unter Verzicht auf die Chronologie und auf Äußerlichkeiten in ihrer zum Teil extremen „Verdichtung" konsequent auf das im Rückblick allein als wesentlich für das bisherige Leben Angesehene konzentriert sind.

    Im vierten Kapitel, Kindheitswelten, werden vierzehn Exempel, wie sie differenzierter und auch dramatischer nicht sein können, von „reinen" Kindheitsautobiographien aus unterschiedlichen Zeiten und Regionen vorgestellt. Beziehen sich viele Autobiographen unter anderem zu Beginn mehr oder minder ausführlich auf ihre Kindheit, so handelt es sich hier um Erinnerungen, die ausschließlich die Kindheit zum Thema haben. Es handelt sich um Kindheiten, die im buchstäblichen Sinne des Wortes angesiedelt sind im Himmel und in der Hölle und irgendwo dazwischen.

    Das abschließende fünfte Kapitel weist insgesamt die größte Variationsbreite auf. Ich habe es deshalb auch Varia und Varietäten überschrieben. Es bündelt abschließend noch einmal vierzehn Beispiele, mit denen ich auf die Weite des Autobiographie-Verständnisses, auf das Unkonventionelle und die Vielfalt der Formen und der überraschenden Experimente an den Rändern oder schon jenseits des Herkömmlichen aufmerksam machen möchte. Mich interessiert in diesem Grenzbereich vor allem die Vielgestaltigkeit der Möglichkeiten und Formen autobiographisch intendierten Schreibens. Hier haben u. a. auch die Parodie, die Satire, der autobiographische Roman, die fiktive Autobiographie einer realen Person, die einer anderen Person zugeschriebene Autobiographie, eine „Autobiographie ohne Ereignisse, ein „Autonekrolog, die „Autofiktion", die Mythobiographie und andere Experimente ihren Platz.

    Die Auswahl und Zuordnung der autobiographischen Exempel sind allein meinen persönlichen Vorlieben geschuldet. Und wenn in jedem, wirklich jedem Schreiben irgendwo und irgendwie ein autobiographischer Kern steckt, dann kann und soll er auch hier nicht geleugnet werden. Meine Auswahl ist vor allem bestimmt von der Faszination des Überraschenden, des Ungewöhnlichen, auch des Mutes beim Umgang mit der Erinnerung und der je eigenen Biographie. Das mag meine Hinwendung zu Autobiographien erklären, die gleichsam quer stehen zur breit ausgefahrenen Spur traditionellen autobiographischen Schreibens. Mich interessieren Autobiographien wenig, deren Verfasser sich allein am vermeintlich Sicherheit, Ordnung, Wahrheit und Orientierung versprechenden „Chronologie-Geländer von Stammbäumen, Jahreszahlen und Lebensdaten entlang hangeln. Bei aller Redlichkeit der Absicht vermag ich darin oft nicht mehr zu sehen, als jeweils lediglich einen ausgeweiteten schriftlichen Lebenslauf. Selbst gesicherte Fakten allein vermögen die versprochene autobiographische Wahrheit nicht zu garantieren. Mich interessieren deshalb vielmehr die Grenzgänger unter den Autobiographinnen und Autobiographen, die die überlieferten Schreibmuster sprengen, auch Tabus brechen, um sich der Beschreibung des Wesens ihrer Existenz zu nähern. Zum autobiographischen Schreiben gehört mehr, als der Chronistenpflicht gerecht zu werden; es gehört dazu auch der Mut, in Abgründe des eigenen Ich zu schauen, sich mit oft genug tragischen Verstrickungen auseinanderzusetzen, gegen das Perpetuum mobile der unablässig arbeitenden Verdrängung anzuschreiben. Mich interessieren so die autobiographischen Darstellungen des „Scheiterns in Würde der „Geprügelten und Gebeutelten" an den Bruchstellen der Geschichte und im Malstrom der Zeit weitaus mehr als der schmetternde Klang der Siegesfanfaren zu strahlenden Erfolgsoder Aufstiegsgeschichten. So ist meine Auswahl der Exempel bestimmt von der Suche nach Neuerern der Gattung Autobiographie, die den Umgang mit ihren Erinnerungen und ihrem Lebensweg zum Selbstversuch machten und bisweilen damit auch Kunstwerke von literarischem Rang zustande brachten. Mich ziehen Ich-Sucher und Sinn-Sucher an, die bereit sind, sich auch selbst infrage zu stellen. Mir geht es vorrangig um Autobiographien, die Lernprozesse spiegeln und damit dann um Autobiographen, die die eitle Pose der Allwissenheit hinter sich gelassen haben und die sich des unvermeidbaren Verwirrspiels zwischen biographischen Fakten und Fiktionen bewusst sind. Mich interessieren an autobiographischen Darstellungen weniger die Fakten und Daten als vielmehr die Reflexion des steinigen und oft vergeblichen Weges zur Selbsterkenntnis und das Bemühen um die Balance zwischen Nähe und Distanz sich selbst gegenüber. Wenn Sie als Leserin oder Leser freilich Autobiographien von Politikern oder Medienberühmtheiten aller Couleur schätzen, werden Sie hier vergeblich suchen. Es mag als einseitig angesehen werden, dass die Autobiographien, besonders von Schriftstellerinnen und Schriftstellern, bei weitem überwiegen. Aber das erklärt sich schlicht daraus, dass bei ihnen das Wissen um die Form und die Bereitschaft zum Nachdenken über die Möglichkeiten und Grenzen der Gattung Autobiographie und auch der Mut zum Ungewöhnlichen, zum mitunter radikalen Experiment erwartet werden können. Genau darauf kam es mir an.

    Als mein „Werkzeug" beim Nachdenken und Schreiben dieses Buches sehe ich nicht das analytisch und kritisch sezierende Skalpell an, sondern vielmehr die Antennen der Empathie. Nicht eine abschließende und vielleicht vorschnelle Wertung oder Kategorisierung der jeweiligen autobiographischen Fallstudie stehen im Fokus meiner Versuche, sondern das Bemühen um das einfühlende Verstehen der Anderen, des Anderen in all ihren Beweggründen, wie fremd sie auch immer erscheinen mögen. Mir geht es nicht um Wertungen, sondern um behutsame persönliche Annäherungen. Dieses Vorgehen ist dem Respekt vor den Autobiographen und deren Lebensleistung geschuldet. In diesem Sinne ist mir der Wahlspruch des belgischen Schriftstellers George Simenon, den er auch seinen eigenen Intimen Memoiren zugrunde legte, als Handlungsmaxime überaus sympathisch. Er lautet: „Ich urteile nicht. Ich versuche zu verstehen."

    Was ich hier vorstellen kann und will ist ein variantenreiches Angebot von autobiographischen Fallstudien mit einigen Betrachtungen und Verweisen auf Querverbindungen zu wiederkehrenden Mustern und Motiven. Damit geraten im besten Sinne des Wortes Frag-Würdiges, geraten vielfache Widersprüche bis Paradoxien in den Fokus der Betrachtung. Daher rührt auch die Vielzahl der Fragezeichen im folgenden Text, auf die ich Sie schon vorab einstimmen und zur gemeinsamen Antwortsuche anregen möchte. Lauter Leben wäre ein schöner Titel für dieses Buch gewesen. Aber er war leider schon vergeben. Dieses Buch muss nicht von vorn bis hinten gelesen werden. Der „Einstieg" ist an jeder beliebigen Stelle möglich. Bei der Lektüre sollten Sie aber stets bedenken, dass meine noch so emphatische Vorstellung einer Autobiographie oder eines Autobiographen keineswegs deren Apologie bedeuten muss. Einfühlendes Verstehen hat sehr viel mit Akzeptanz zu tun; das muss aber nicht Zustimmung oder gar Identifikation bedeuten.

    Sie, liebe Leserin, lieber Leser, mögen sich nun bedienen und ihre eigenen Einsichten aus fremden oder fernen, aber möglicherweise doch ganz vertrauten und nahen Selbstdarstellungen anderer selbst gewinnen. Und bisweilen vielleicht auch Ihr Vergnügen oder den Anreiz, eine der vorgestellten Selbstdarstellungen einmal ganz zu lesen oder sich gar zu ihrer eigenen Autobiographie anregen zu lassen. Ganz in diesem Sinne bleibt mir nur noch, mich dem Aus- und Aufruf anzuschließen, mit dem Francois-René de Chateaubriand kurz vor seinem Tode (1848) seine Memoires d’ontre-tombe (deutsch: Erinnerungen von jenseits des Grabes) abschloss: „Die kommenden Ereignisse gehen mich nichts mehr an. Sie sind dran, [meine Damen], meine Herren."

    1. Das Wahre erfinden

    „Jedes Leben ist eine Enzyklopädie, eine Bibliothek, ein Inventar von Gegenständen, eine Musterkollektion von Stilen, in der alles immerfort auf jede nur erdenkliche Weise neu gemischt und neu geordnet werden kann."

    (Italo Calvino: Sechs Vorschläge für das nächste Jahrtausend).

    „…und das Leben ist wissend und unwissend, hilflos und alleinherrschend wie ein Kind, unendlich groß und ein Pünktchen…"

    (Robert Walser: Der Räuber).

    „Schreiben heißt, das Wahre erfinden".

    (Charles Juliet: Exit, Herbst 1977).

    Begegnungen mit Autobiographien

    Was interessiert uns an Autobiographien? Oder fasziniert uns gar? Warum lesen wir sie (noch)? Was vermag die Begegnung mit einer Autobiographie in uns zu bewirken? Gibt es, über eine flüchtige Lektüre hinaus, einen länger wirkenden, gar prägenden Nachhall? Suchen wir allein Unterhaltung? Anregung vielleicht für die eigene Lebensgestaltung? Oder gar Belehrung? Suchen wir darin nach Leitbildern? Interessieren uns eher der jeweilige zeitgeschichtliche Hintergrund oder die mit dem Autor darin noch agierenden anderen Personen? Suchen wir in der Selbstdarstellung des oder der Anderen gar einen Spiegel für die Turbulenzen des eigenen Lebensweges oder das Bilanzieren des selbst Erreichten, der eigenen Erfolge und Niederlagen? Kann uns die Selbstdarstellung fremden Lebens zur Projektionsfläche unserer eigenen Bedrängnisse, Wunschträume und verpassten Möglichkeiten werden? Lesen wir eine Autobiographie schlicht als spannenden „Roman eines Lebens"? Sind wir aus auf Muster, die uns eine Identifikation ermöglichen? Erhoffen wir, dass uns der Blick in ein anderes, fremdes Leben Trost bietet in unseren eigenen Nöten? Erwarten wir wohltuende Bestätigung als willkommene Lebenshilfe? Wird ein Vergleich gesucht mit der Rohfassung der eigenen Lebensgeschichte, die jeder in sich trägt und ständig zu aktualisieren trachtet? Oder ist es die bloße Neugierde, die uns zur Lektüre bewegt? Nicht eingestandener Voyeurismus gar?

    Wird mit diesem Cluster von Fragen nicht von vornherein leichtfertig ein Interesse an Autobiographien unterstellt, das sich so in Wirklichkeit vielleicht gar nicht nachweisen lässt? Wir müssen nicht unbedingt Auflagen, Verkaufszahlen oder Bestsellerlisten bemühen. Ein Blick auf die überquellenden Tische in den Buchhandlungen mag genügen. Aber er kann täuschen. Trotz dieser quantitativ überbordenden Fülle sind die Wertschätzung der Autobiographie beim Publikum und der Glaube an die Wahrhaftigkeit des Autobiographischen längst nicht mehr ungebrochen. Das ist hier freilich nur kontrastierend punktuell zu belegen. Hatte beispielsweise noch Gottfried Keller in seinem Novellenzyklus Das Sinngedicht, geschrieben 1853-1855, seinen Protagonisten, den jungen Naturforscher Reinhart, der Lucia, seiner Angebeteten, im Pfarrhaus einen ersten Besuch abstattete, bewundernd die Buchrücken in deren Regal betrachten lassen: „Diese Bände enthielten durchweg die eigenen Lebensbeschreibungen oder Briefsammlungen vielerfahrener und ausgezeichneter Leute. Obgleich die Bücherreihe nur ging so weit das Gestelle nach der Länge des Tisches reichte, umfasste sie doch viele Jahrhunderte, überall kein anderes als das eigene Wort der zur Ruhe gegangenen Lebensmeister oder Leidensschüler enthaltend. Von den Blättern des heiligen Augustinus bis zu Rousseau und Goethe fehlte keine der wesentlichen Bekenntnisfibeln…"¹ Darin widerspiegelt sich, dass es einmal eine Zeit gab, in der bedeutende Autobiographien bedeutender Autoren zum unverzichtbaren Kanon eines auf Wertetradition und Orientierung bedachten Bildungsbürgertums gehörten. Sie waren so sinnfälliger Ausdruck einer ideellen „Leitkultur". Leider mutet dieses literarische Gottfried-Keller-Zitat heute schon anachronistisch an. Die uns umgebende Wirklichkeit hat sich verändert. Und wir uns mit ihr. Längst hat sich tiefe Skepsis breit gemacht. Weit mehr als ein Jahrhundert nach Gottfried Keller lässt der österreichische Schriftsteller Robert Menasse in seiner Erzählung Die blauen Bände einen Buchhändler vor seinen gefüllten Regalen resignativ meditieren: „Eigentümlicherweise war mein erster Gedanke, alle Autobiographien in meiner Buchhandlung zu entfernen. Ich musste meinen Laden säubern. Alles Lügen! Ich konnte mich nicht einmal an einen dramatischen Vorfall erinnern, der nur kurze Zeit zurücklag, wie sollte es da möglich sein, sich an sein ganzes Leben zu erinnern? Lügen! Vielleicht ist das die Definition von Autobiographie: Dialektische Lebenslüge. Die Lüge, die zur Gewissheit wird. Die Genauigkeit, die am Ende zur Unwahrheit wird."²

    In dieser Skepsis widerspiegelt sich augenfällig, dass der Zeitgeist sich gewandelt hat. Aber es kommt immer noch schlimmer. Längst hat sich der wachsende kulturpessimistische Überdruss gegenüber dem aufgenötigten „Terror der Intimität mit seiner marktgerecht präsentierten Oberflächlichkeit der zumeist nach sich gleichenden Mustern „gestrickten Selbstinszenierungs- bis Entblößungsrituale mit medial geschürter Gier nach immer neuen Enthüllungen, „Beichten aller Art, Skandalen und Sensationen wundersam gemischt. Dem entsprechen eine geradezu hektisch überdrehte „Produktion von Autobiographien und ein kaum mehr überschaubaren Angebot. In seiner galligen kulturkritischen Diagnose dieses widersprüchlichen Sachverhaltes äußerte Gerhard Zwerenz unverblümt sein Unbehagen: „Die heute auf dem Markt angebotenen Autobiographien teilen sich in zwei Kategorien: in der ersten haben wir vor allem Politiker. Kaum haben sie etwas hinter sich gebracht, fertigen sie ein Buch daraus. Zu meiner großen Enttäuschung stelle ich fest, dass das, was sie schreiben, meistens noch oberflächlicher, noch sinnloser und nutzloser ist als das, was sie vorher geleistet haben. In der zweiten Kategorie treffen wir auf andere öffentliche Figuren. Unser Leben wird immer mehr vom Boulevard bestimmt, der sich Kultur nennt. Da sehen wir schemenhaft Leute, die als Schauspieler, Sprecher, Moderatoren oder sonst was auftreten. Sie leben aus zweiter Hand und schreiben dann aus dritter Hand auf, was sie vorher bloß aufgeführt haben. Man schaut in ein Panoptikum, auf vergangene Gestalten, die nicht mehr lebendig sind und so, wie sie präsentiert werden, auch nie lebendig waren. Es sind Parodien, die heute die Buchläden und Bücherregale bedrücken. Zumeist sind diese nicht einmal von den als Autoren auftretenden Personen geschrieben worden."³

    Diese hier nur punktuell, aber durchaus exemplarisch zu belegenden Befunde legen die Frage nahe, ob und unter welchen Umständen heute überhaupt noch fruchtbare Begegnungen mit Autobiographien möglich sind. Muss uns diese Skepsis beeindrucken? Ich gehe davon aus, dass die Faszination bleiben wird, die Autobiographien bewirken können – manche zumindest. Das Leben selbst wird ja permanent ins Unreine geschrieben, und es besteht nicht die Möglichkeit, es nachträglich zu korrigieren und ins Reine zu schreiben. Aber jede Autobiographie steht schließlich für einen mehr oder minder geglückten Versuch, dem bisherigen Leben mit seinem Mit-, Nach- und Gegeneinander unterschiedlicher Zeiten, Erfahrungen, Begegnungen, Stimmen und Stimmungen und mit seiner Gleichzeitigkeit disparater Lebensmomente eine angemessene literarische Form zu geben. Wenn es denn im Interesse der Autobiographen liegt, der möglichst kohärenten Darstellung ihrer individuellen Vergangenheit durch Rückerinnerung und Selbstbeobachtung einen Lebenssinn abzugewinnen, dann eröffnet sich für den Leser die reizvolle Möglichkeit, sich darin zu spiegeln. Angeregt durch den Autobiographie-Forscher Philippe Lejeune⁴ hat Peter von Matt darauf verwiesen, dass jeder (autobiographische) Text im Vorgang der Lektüre stets einen moralischen Pakt mit dem Leser schließen würde. Immer würde der Leser auf ein Wertesystem, hier das des Autobiographen, treffen, mit dem er sich identifizieren oder zu ihm auf Distanz gehen könne. Alle Lust und alles Vergnügen, die der Text anbieten, seien von der Leserin oder vom Leser nur zu gewinnen, wenn zu diesem „Normenzusammenhang ja gesagt wird. Der moralische Pakt ist also ein wichtiges Ingredienz der Texterfahrung, und ‚Pakt‘ wird er genannt, weil er zu gleichen Teilen aus einer Aktivität des Textes und aus einer des Lesers besteht.⁵ Der natürliche Vorgang des Lesens einer Autobiographie soll hier keineswegs mit literaturwissenschaftlicher Theorie befrachtet werden. Damit ist lediglich gesagt, dass sich der oder dem Interessierten immer unterschiedliche Lesarten anbieten: Wir können eine Autobiographie lesen, indem wir uns mit ihrem Verfasser identifizieren. Wir können genauso gut den angebotenen moralischen Pakt verweigern und die Autobiographie in Opposition zu diesem Text wie zu seinem Verfasser lesen. Neben diesen beiden „Grundmöglichkeiten für die Lektüre hat Peter von Matt noch eine dritte denkbare „Lesart ausgemacht: das „ironische Lesen: „Dieses saugt den Honig aus einem fragwürdigen Text und glaubt sich dabei moralisch nichts zu vergeben. Es schließt den moralischen Pakt, aber unter Vorbehalt, mit heimlich gekreuzten Fingern, wie es Kinder beim Lügen tun."⁶

    Ich breche diesen Exkurs hier ab, um zur Einstimmung einige persönliche Erinnerungen an Begegnungen mit Autobiographien zu schildern, die mich, vor langer Zeit schon, beeindruckt haben und die das Gedächtnis bewahrt hat.

    *

    Es war fünf oder sechs Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Crux allen Erinnerns: das Gedächtnis verweigert bereits hier die wünschbare kalendarische Genauigkeit. Deutlich sehe ich mich als Sechzehnjährigen im Klassenzimmer des altehrwürdigen Backsteingebäudes einer altmärkischen Oberschule sitzen. Vorn, hinter dem Pult, unser Deutschlehrer, Markus T. Wir mochten ihn. Und wir hatten den Eindruck, dass auch er uns mochte. Das förderte die Lernhaltung. Seine Begeisterung für die Literatur teilte sich uns mit. Nachhaltig, wie ich heute weiß. Wir wussten sonst wenig von ihm. Nur dass er als Soldat im Krieg war und, wie unsere Väter auch, noch nicht lange aus der Gefangenschaft entlassen worden war. Wir rätselten darüber, warum er stets nicht mit einer, sondern mit zwei alten, abgeschabten Aktentaschen die Klasse betrat. Warum nur hat die Erinnerung dieses nebensächliche Detail bewahrt?

    Ich suche mir die damalige Situation zu vergegenwärtigen und wechsele deshalb ins Präsens. Markus T. sitzt also hinter seinem Pult und verkündet leise, wir hätten gut gearbeitet miteinander, für heute unser Pensum geschafft und uns wieder eine Belohnung verdient. Und er greift in eine seiner beiden Taschen und holt ein altertümlich aussehendes Buch heraus. Das Belohnungsritual kann beginnen. Dieses Buch, wir haben es schon oft zu sehen bekommen, ist die Autobiographie des Porträt- und Historienmalers Wilhelm von Kügelgen (1802-1867): Jugenderinnerungen eines alten Mannes. Meine bewusste Erstbegegnung mit einer Autobiographie. Markus T. liest uns also daraus vor. Er liest leise, aber deutlich und mit sehr angenehmer Stimme. Ich habe sie noch im Ohr, während ich dies jetzt schreibe. Aber uns als Schüler vermag diese mit Behagen detailreich ausgemalte und ausgeschmückte Biedermeieridylle nicht zu fesseln. Zu weit liegt die darin aufscheinende Zeit zurück. Zu weit ist die darin beschriebene Jugend von der unseren entfernt. Zu groß sind die drängenden Probleme unserer Nachkriegsgegenwart. Wir stören den Vortrag aber nicht. Wir halten uns an einen unausgesprochenen „moralischen Pakt." Einige lesen. Andere schauen aus dem Fenster. Mein Banknachbar hat ein Taschenschachspiel bei sich. Wir beginnen eine Partie. Und hören doch mit halbem Ohr zu. Markus T. schaut nicht hoch. Er liest. Uns dämmert: er liest gar nicht für uns, er liest für sich selbst. Er scheint entrückt, wie in einer anderen Welt. Bis das Klingelzeichen die Idylle beendet und er das Buch zuklappt. Merkwürdigerweise hat mein Gedächtnis über mehr als sechs Jahrzehnte danach von diesem Vorlesen neben dem Klang der Stimme hartnäckig ein Textdetail bewahrt. Der damalige Knabe Wilhelm von Kügelgen hatte einen Besuch des Dichterfürsten Goethe in seinem Dresdener Elternhaus erlebt. Er habe den großen Dichter ehrfürchtig angestaunt wie einer der zum ersten Mal in seinem Leben einen Walfisch oder einen Elefanten sehen würde. Nur diese Goethe-Episode und die eigene Wahrnehmung des Autobiographen dabei. Merkwürdige Kombination, die das Gedächtnis zusammengefügt und gespeichert hat: den staunenden Knaben Wilhelm von Kügelgen, Goethe, Walfisch, Elefant – sonst nichts weiter aus diesem umfangreichen Buch.

    Nach welchen Grundsätzen arbeitet Erinnerung? Ist ihr wirklich zu trauen? Als ich vor einigen Jahren begann, Material für dieses Buch zu sammeln und zu sichten, wollte ich die Probe aufs Exempel machen. Ich bestellte mir in der Universitätsbibliothek eine möglichst frühe Ausgabe von Wilhelm von Kügelgens Jugenderinnerungen eines alten Mannes. Wegen seines hohen Alters wurde das Buch nicht außer Haus verliehen. Es war im Lesesaal für mich reserviert. Ich wusste inzwischen, dass diese Autobiographie, wieder und wieder aufgelegt, lange ein Hausbuch im Kanon bildungsbürgerlichen Besitzstandes war. Und ein beliebtes „Muster für spätere Autobiographen auch. Da hockte ich nun, über den „neunten Abdruck gebeugt, erschienen 1880 bei W. Herz in Berlin, und fühlte mich mit Notizblock und Schreibgerät wie ein Fossil zwischen den Studierenden vor ihren leise klackernden Notebooks. Das Buch sah auch so aus wie einst das von Markus T. Und mir wurde unter der Hand der ehrwürdige Lesesaal der Bibliothek zum Klassenzimmer von damals. Ich las nach und nach die fast fünfhundert Seiten dieser für einen heutigen Geschmack allzu breit-betulichen, hoffnungslos nostalgischen Kindheits- und Jugenderinnerungen. Und ich begann über die Jahrzehnte hinweg zu verstehen, besser: zu ahnen, was Markus T. zu seiner Zeitreise in das Lebensgefühl der dieser Beschreibung zufolge noch heilen Welt der schon damals weit zurückliegenden Frühromantik bewegt hatte. Der Wunsch vielleicht, wenigstens für einige Minuten einer tristen Nachkriegsrealität zu entfliehen? Die Sehnsucht nach verlässlichem Halt, nach Lebenssinn und Geborgenheit? Das Haschen nach einer sich verflüchtigenden Erinnerung? Trotz aller Versuche einer empathischen Näherung bleibe ich aber auf die Fragezeichen verwiesen.

    Ich las und las. Und ich fand endlich im achten, dem letzten Kapitel des zweiten Teils, Goethe überschrieben, was ich gesucht hatte. Tatsächlich hatte der berühmte Dichter und Staatsmann Goethe unangemeldet das Elternhaus Wilhelm von Kügelgen besucht. Der Vater, Gerhard von Kügelgen, hatte schließlich den Dichter 1808/09 in Weimar porträtiert. Man kannte sich also und war sich gewogen. Und ich las, dass dieser Besuch am 24. Januar 1814 erfolgte, dem Tag, als der russische Zar Alexander und Friedrich III. mit ihrem Gefolge in Dresden Einzug hielten. Und ich las, das muss wörtlich wiedergegeben werden, dass der Knabe Wilhelm von Kügelgen „erstarrte, wie einer, der zum ersten Mal in seinem Leben einen Walfisch oder einen Elefanten sieht." Meine Erinnerung hatte mich also nicht genarrt. Aber warum hat das Gedächtnis über so lange Zeit gerade dieses Detail bewahrt? Und ist dieses abseitig erscheinende Detail von Bedeutung? Ich glaube heute, dass dieser Vorgang paradigmatisch ist für das unstete Wesen des Erinnerns überhaupt und damit für die Vergegenwärtigung des Vergangenen. Das heißt, dass mir diese nur halb gehörte, längst verweht Goethe-Episode aus Wilhelm von Kügelgens weitschweifigen Jugenderinnerungen eines alten Mannes inzwischen zu einer Art „Köder" geworden war, mit dessen Hilfe meine Erinnerungen an die Schulzeit, an Freundschaften, an Entbehrungen und kleine Freuden, an die Mühsal und Unbeschwertheit des Lernens, an prägende Begegnungen, an eine Jugend schlechthin in der Nachkriegszeit, aus den Untiefen des Gedächtnisses ans Tageslicht befördert bzw. über die Schwelle des Bewusstseins gehoben werden konnten.

    *

    Fast gleichzeitig, vermutlich etwas später, stieß ich zufällig, ich erinnere mich nicht mehr an die näheren Umstände, auf eine Autobiographie, die mich förmlich elektrisierte und die mich noch lange beeindruckte und beschäftigte. Sie sah unscheinbar aus, eher wie die Beilage einer Zeitung. Es war das erstmals 1948 im Rotationsdruck erschienene Buch Memorial von Günter Weisenborn (1902- 1969). Ich besitze dieses zerlesene Exemplar aus holzhaltigem Papier leider nicht mehr. Ich würde gern meine Striche, Ausrufezeichen und Randnotizen von damals noch einmal sehen. Hier bleibt mir nichts anderes, als eine zehn Jahre jüngere, in Leinen gebundene Ausgabe zu benutzen. Ich versuche heute zu rekonstruieren, was die Faszination dieses autobiographischen Textes auf den vielleicht Siebzehnjährigen ausübte, der ich damals war. Mehreres kommt da zusammen. Am Tag der Befreiung, dem 8. Mai 1945 war ich noch nicht ganz elf Jahre alt. Das Erlebnis einer Flucht, Trecks, überfüllte Züge, die ewig auf freier Strecke hielten, die Angst vor dem Beschuss durch Tiefflieger, die Mühsal, Nahrung zu beschaffen, das spätere Warten auf die Rückkehr des Vaters aus der Kriegsgefangenschaft, das Gefühl des Hungers, die Mühsal des Umlernens und „Verlernens gehörten bereits zu meinen Kindheitserfahrungen. Auf die seither unablässig bohrenden Fragen, die nun mit Macht ins Bewusstsein des Heranwachsenden drängten, wie es zu diesem schrecklichen Krieg, der das alles bewirkt hatte, wie es zu den unfassbaren Verbrechen eines Terrorregimes überhaupt kommen konnte, gab es Zuhause keine Antworten, in der Schule nur spärliche, nicht befriedigende. Auch das Fragen war neu zu erlernen. Auf mich, den damaligen Teenager in der unmittelbaren Nachkriegszeit, traf exakt das zu, was Eliot Weinberger später in nur einem Satz präzise zusammenfasste: „Die Vergangenheit ist eine abwesende Gegenwart, ein Objekt der Begierde.

    In dieser Situation nun die Begegnung mit Weisenborns Memorial. Der Autor hatte die Niederschrift dieses Textes mit 31 Jahren begonnen. Nicht gerade der übliche Zeitpunkt, um eine Autobiographie zu beginnen. Dramatisch waren auch der Anlass und die Umstände. Günter Weisenborn, Schauspieler, Dramaturg, Dramatiker und Schriftsteller, wurde 1942 verhaftet, weil er die antifaschistische Widerstandsorganisation Rote Kapelle unterstützt hatte. Wegen Hochverrats zum Tode verurteilt, wurde dieses Urteil später, weil ihn ein Mitgefangener in seinem Verhör entlastet hatte, in zehn Jahre Festungshaft umgewandelt. Nachdem Weisenborn zwei Jahre lang in Berlin, im berüchtigten Gestapohauptquartier in der damaligen Prinz-Albrecht-Straße, inhaftiert war, wurde er 1943 in das Zuchthaus Luckau verlegt, wo er im April 1945 von der Roten Armee befreit wurde. Dort, im Luckauer Zuchthaus, schrieb er sein Memorial. Außer der Zwangsarbeit an einer Bahnstrecke musste er als Gefangener u. a. Tüten kleben. Memorial wurde hinter Gittern mit einer Bleistiftmine auf das für die Tüten bestimmte Papier geschrieben. Es grenzt an ein Wunder, dass das mühsam versteckte Konvolut dieses Manuskriptes auf Tütenpapier nach der Befreiung wieder gefunden werden konnte. Allein diese auch mitgeteilten äußeren Umstände mussten auf den Jugendlichen, der ich damals war, eine Faszination ausüben.

    Günter Weisenborns autobiographisches Buch besteht insgesamt aus 204 kurzen Texten. Diese Miniaturen enthalten Erinnerungen in Gestalt von Momentaufnahmen, rekonstruierte Gespräche, so von Verhören, ins Zuchthaus geschmuggelte Kassiber von seiner Frau, durch das Heizungssystem gemorste Botschaften von Mitgefangenen, Porträts von Freunden, Liebesgeschichten, Impressionen, etwa von Reisen, Exotisches über seine Zeit als Postreiter in Argentinien, Beobachtungen aller Art, Reflexionen über seine literarischen Erfahrungen und Erfolge und so fort. Die Struktur des Buches ergibt sich aus dem Anlass und den Umständen seiner Entstehung. Das Besondere darin ist, dass auf eine Erinnerung aus der glücklichen Zeit des Lebens in Freiheit jeweils eine Botschaft aus dem Haftalltag, aus der Unfreiheit folgt. Durch diese alternierende Abfolge der kurzen Texte werden Vergangenheit und Gegenwart miteinander gleichsam verzahnt. Ich empfand damals die Lektüre, ich erinnere mich noch genau daran, als ein aufregendes Wechselbad der Gefühle: Augenblicke des Glücks und der Todesangst, der Solidarität und des Verrats, der Liebe und der Untreue, der Genugtuung, des Stolzes über erste schriftstellerische Erfolge und der Drangsalierung in demütigenden Verhören, der Wehmut und des Zornes, des Staunens und der Resignation, der Hoffnung und der Verzweiflung, des tiefen Erfülltseins und der bodenlosen Einsamkeit. Erst dieses kontrastierende autobiographische Nebeneinander statt dem sonst üblichen chronologischen Nacheinander in der autobiographischen Erzählung gibt den in Memorial mitgeteilten Erinnerungen und Wahrnehmungen ihre Tiefenschärfe.

    Weisenborn bekundete bereits in der Überschrift und im ersten Satz seiner Vorrede, dass er sich an die Nachgeborenen wenden würde. Ich weiß noch, dass ich mich davon sofort ganz unmittelbar angesprochen fühlte; ich empfand mich als Nachgeborener. Weisenborn war es darum zu tun, noch im kleinsten konkreten und sinnlich anschaulichen Lebensdetail, das übergreifend Wesentliche sichtbar werden zu lassen. Wir können hier vom Prinzip des Exemplarischen ausgehen: die Darstellung des Besonderen, der Erscheinungen sollte für die Nachgeborenen Brücken bauen zum Verständnis des Allgemeinen und damit der Ursachen des schrecklichen Geschehens. Weisenborn selbst stellte das Konzept seines autobiographischen Schreibens unter den Bedingungen der Unfreiheit in seiner Haft so vor: „Dass nun die hier skizzierte Biographie nur aus Momenten besteht, hängt mit ihrer Entstehungsgeschichte zusammen und weiter mit der Verehrung des Autors für den Moment, jenen elektrischen, blendenden Augenblick, in dem die Ewigkeit ihr Lid aufschlägt und dich anstarrt.

    Jeder Mensch findet rückschauend in seinem Leben bestimmte Augenblicke, in denen ihm Türen aufgingen, wichtige Momente der inneren Biographie, die er nicht vergisst."

    Mir gingen bei der (mehrfachen) Lektüre tatsächlich Türen auf. Immer wieder neue. Günter Weisenborns Gestaltungsprinzip, in seinen Erinnerungen allein die „fruchtbaren Momente aufzuspüren und darzustellen, teilte sich mir unmittelbar mit. Gefühl und Verstand fühlten sich gleichermaßen angesprochen. Mehr ist von einer Autobiographie nicht zu verlangen. Ich lebte es in Gedanken mit und fühlte es mit, das „Leben eines jungen Intellektuellen, der aus der rheinischen Provinz in die Hauptstadt kam, um hier Schriftsteller zu werden⁹ und der wegen seines Willens zur Freiheit und seines aktiven Einstehens gegen die Unfreiheit in die Hände der Gestapo und hinter Kerkermauern geriet. Es gibt Passagen in Memorial, mitunter nicht frei von Pathos, die den fragenden und suchenden Jugendlichen von damals ganz unmittelbar ansprachen und die sich, die erste Lektüre überdauernd, dem Gedächtnis eingeprägt haben. Dazu gehört, um nur ein Beispiel zu geben, Weisenborns Notiz, als Vignette zwischen zwei Miniaturen eingefügt:

    „DIE MENSCHHEIT VERGOSS MEERE VON BLUT UND VERGRÖSSERTE IHR WISSEN, IHRE ERFAHRUNG DURCH UNZÄHLIGE OPFER DER EINZELNEN.

    BLUT UND QUAL KLEBEN AN UNSEREN SCHMERZLICHEN ERKENNTNISSEN; UND EIN KIND LERNT DAS ALLES NACHMITTAGS FLINK AUS DER Fibel."

    An diese lange zurückliegende Begegnung mit Günter Weisenborns früher Autobiographie Memorial erinnere ich mich noch jetzt, nach mehr als sechs Jahrzehnten. Es war das richtige Buch zur richtigen Zeit. Mir musste niemand, weder damals noch später, eine antifaschistische Gesinnung „verordnen".

    *

    Ich habe an mir auch erfahren, dass es Begegnungen mit Autobiographien gibt, deren Wiederholung aus bestimmtem Anlass bewusst gesucht wird oder werden sollte. Im Kontext veränderter Lebensumstände und daraus resultierenden neuen Bedürfnissen und Befindlichkeiten verändern sich auch die Fragen an einen Text. Auf diese Weise vermag die wiederholte Lektüre zu immer anderen „Lesarten und damit Erkenntnissen zu führen. Das setzt freilich einen vielschichtigen und in hohem Maße reflexiven autobiographischen Text voraus. So ist es mir beispielsweise mit Christa Wolfs autobiographischem Roman Kindheitsmuster ergangen, den ich mit erheblichen zeitlichen Abständen mehrmals gelesen habe. Im vierten Kapitel, Kindheitswelten, werde ich unter der Überschrift Wie sind wir so geworden, wie wir heute sind? (einem Zitat aus Kindheitsmuster) versuchen, die dabei durch immer wieder andere, aktuelle Fragen an diesen authentischen autobiographischen Textes gewonnenen „Lesarten und damit auch Antworten ausführlicher darzustellen.

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    Kann es geschehen, dass man sich selbst beim Lesen einer Autobiographie, zumindest temporär oder partiell, plötzlich in einem anderen Leben wiederfindet? Kann man sich in der Begegnung mit einem anderen Leben auf überraschende Weise selbst begegnen? Kann aus dem bis dahin Fremden und Fernen tatsächlich Vertrautes und Nahes, ja Identisches erwachsen? Unter der Prämisse, dass jedes Leben einmalig ist, scheint das nicht gut möglich. Oder vielleicht doch? Tatsächlich vermag die Begegnung mit einem autobiographischen Text in ein überraschendes Déja-vu-Erlebnis zu münden. Ich will auch dafür ein persönliches Beispiel anführen.

    Der Schriftsteller Uwe Johnson (1934-1984) ist gewiss nur schwerlich als Autobiograph zu vereinnahmen. Der mit noch nicht einmal fünfzig Jahren unter tragischen Umständen einsam im englischen Sheerness-on-Sea verstorbene Johnson hatte es schließlich oft genug abgelehnt, Persönliches von sich mitzuteilen. Er kann sogar wie kaum ein anderer Autor als ein Muster an Verschlossenheit und Diskretion gelten. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass er, dessen von Bernd Neumann geschriebene, erst nach seinem Tode erschienene Biographie fast 900 Seiten umfasst, jemals daran gedacht hätte, seine Autobiographie zu schreiben. In einer für ihn extremen psychischen Ausnahmesituation, er fühlte sich getäuscht, verraten, verletzt und isoliert, gab der Mittvierziger im Frühjahr 1979 überraschend und sogar ausführlich Auskunft über die näheren Begleitumstände¹⁰ seiner „Erfahrungen im Berufe des Schriftstellers" und damit über seine Biographie und sein literarisches Schaffen. Er, der zu dieser Zeit unter einer Schreibblockade litt, tat dies mündlich, in Gestalt seiner fünf Frankfurter Vorlesungen. Seine Hörer mussten freilich aufmerksam zuhören. Dieser so genau beschreibende, wenngleich stark verdichtete und literarisch kunstvoll stilisierte autobiographische Text steckt voller Widerhaken. In den biographischen Auskünften, die die Begleitumstände vermitteln, spiegelt sich, schon mit der Schilderung der Kindheit beginnend, durchgängig die tiefe Verletzlichkeit Johnsons. Äußerste Genauigkeit bei aller obwaltenden Diskretion, Wahrhaftigkeit noch im Nicht-zu-Sagenden, die sorgfältig ausgewogene Balance zwischen dem Besonderen seiner Biographie und dem Allgemeinen des historischen Kontextes sowie die ständige selbstdistanzierte ironische Brechung sind Markenzeichen dieses erst einmal vorgetragenen, später publizierten autobiographischen Textes. In der ersten dieser Vorlesungen, Zwei Bilder überschrieben, wählte Uwe Johnson als zentralen Bezugspunkt seiner autobiographischen Betrachtung die beiden für ihn überlebensgroßen Bilder der zwei Diktatoren, Hitler und Stalin, deren unheilvolles Wirken auf existenziell bedrohliche Weise und lange nachwirkend seine Kindheit und Jugend überschattet hatte. Mit zurückgenommenem, aber aufs Äußerste präzisem Lakonismus und fernab von Larmoyanz und erst recht von jeder Art der Selbstbespiegelung passte hier der Autobiograph Johnson die Begebenheiten seiner Kindheit und Jugend und seinen deutenden Kommentar dazu in den zeitgeschichtlichen Hintergrund ein.

    Mir begegnete bei der Lektüre dieses Textes das eigene Lebensgefühl meiner Kindheit und Jugend in der Nachkriegszeit – und das auf geradezu beklemmende Weise. Über weite Passagen könnte ich jedes Wort, jeden Buchstaben Johnsons in meine eigene Kindheitsautobiographie übernehmen – würde ich sie denn schreiben wollen. Das zeigt, wie in der Darstellung des Einzelschicksals, wenn es denn in den historischen Kontext verankert wird, das Paradigma einer ganzen Epoche aufscheinen kann. Das bestätigt meines Erachtens die einleuchtende, schon frühe begründete, aber immer noch kontrovers diskutierte These des französischen Wissenschaftlers Maurice Halbwachs, den die Nazis später im Konzentrationslager ermordeten. M. Halbwachs ging davon aus, dass das menschliche Gedächtnis seiner Natur nach zwar eindeutig individuell geprägt sei, sich aber unter bestimmten historischen Konstellationen in einem „kollektiven Gedächtnis „aufgehoben finden könne. Das würde zum Beispiel zutreffen für eine gemeinsam verlebte Kindheit und Jugend an bestimmten Orten in einer bestimmten Zeit, für eine prägende Phase des Leben, freiwillig oder gezwungen, in Gemeinschaften aller Art, für Jahrgangskohorten unter bestimmten Umständen, wie etwa den Jahrgang 1921, überhaupt für kollektive Erlebnisse in Ausnahme- und Notsituationen wie in Lagern und Gefängnissen, auf der Flucht, in Luftschutzbunkern, unter den Bedingungen der Verfolgung oder Ausgrenzung, im Exil, in der Verbannung und so fort.

    Zur besseren Veranschaulichung ist es hier unabdingbar, eine etwas längere Passage aus Uwe Johnsons Begleitumständen zu zitieren, in der er seine Kindheit darstellt – so, dass es auch die Beschreibung der meinen sein könnte.

    „Wer es sich leisten kann, einen Pastor einzuladen zum eigenen Weihnachtsessen, dessen Kinder sind näher bei Gott. Hier trennen, bitte. Wer imstande ist für Lernhilfe zu zahlen mit frischen Hühnereiern, gehört einem gehobenen Stande an; auch zukünftig wird er es weiter bringen als andere. Hier trennen. Das Schuljahr ist kaum zu Ende, da ist die alte Ordnung von neuem eingerichtet; ein jedes Kind weiß nun seinen Platz.

    Manche Plätze können in ihrem Wert verändert, meistens beschädigt werden. So ist es ersprießlich für ein Kind, wenn es allezeit zu sagen weiß, wo der Vater sich aufhält, tot oder lebendig; werden oder bleiben dessen Bewandtnisse ungewiss, so hat der Sohn sich zurückgesetzt zu fühlen für die Zukunft. […] Sobald sie ausgewiesen ist über die neue polnische Westgrenze, hat auch der Rest der Familie dies Stück Erde verloren. So erfährt einer erst als Dreizehnjähriger, welchen Beitrag er zu den Verlusten des Krieges geleistet hat für die eigene Person. Es ist nunmehr bloß vernünftig, wenn er einstimmt in das einhellige Urteil, er sei auch für sein Alter kräftig genug, zu arbeiten für sein Bett und sein Brot. In der Zukunft wird er brauchen können, will er diese Arbeiten beschreiben: das Verziehen von Rüben. Das Binden von Korn. Das Aufnehmen von Kartoffeln, auf den Knien wie hinter der Wrackmaschine. Das Ausmisten von Kuhställen, Schweinekoben, Hühnerstiegen. Die Entwicklung einer Kaninchenzucht. Das Mähen, das Wenden, das Aufstaken von Heu. Das Füttern eines Dreschautomaten. […] Leider wird diese Lehrzeit abgebrochen durch den Wunsch des Vaters, der durch seinen Tod in ein Vermächtnis verwandelt ist: ‚Der Junge soll es einmal besser haben‘. Darunter hat man zu jener Zeit unberatener Weise verstanden: den Übergang auf eine weiterbildende Schule, das Abitur und, womöglich, ein Studium."¹¹

    Die Darstellungskunst Uwe Johnsons weiß das Besondere und das Allgemeine der Existenz, das individuelle Lebensschicksal und das kollektive, mit emphatisch-penibler Genauigkeit in der Balance zu halten. Und so wird es auf überraschende Weise möglich, dass ich hier weiter nichts zu tun hätte, als lediglich Uwe Johnsons Vater durch meine Mutter zu ersetzen; dann könnte ich diesen Text Wort für Wort als die einfühlsam genaue Beschreibung meiner eigenen Nachkriegskindheit und Jugend und meiner damaligen Empfindungen übernehmen. Noch jetzt, während ich diese Passage zum wiederholten Male lese, „produziert die „Erinnerungsmaschine in meinem Kopf unaufgefordert, gefüttert vom durch die Lektüre plötzlich stimulierten Gedächtnis, lange zurückliegende Begebenheiten und Begegnungen, Situationen, Stimmungen und Stimmen, Namen, vergessen geglaubte Gestalten und Gesichter, glückhafte Momente und rabenschwarze auch. Die spätere Biographie Uwe Johnsons ist freilich eine gänzlich andere als die meine. Aber immerhin: Wir gehören einem Jahrgang an. Aber die „kollektive Erinnerung" ist und bleibt auf einen Lebensabschnitt, in dem allein die biographischen Gemeinsamkeiten stecken, begrenzt. Doch die Intensität des Erlebens in eben dieser zumeist problematischen Zeit verleiht den Erinnerungen, und das lebenslang, eine besondere Plastizität.

    Gegen mein anfängliches Zögern habe ich mich hier bewusst selbst zum Medium gemacht, allein um so anschaulich wie möglich zu zeigen, welche Möglichkeiten, Denkanstöße und auch Überraschungen die Begegnung mit Autobiographien bereithalten kann.


    1 Keller, Gottfried (1998), S. 38 f.

    2 Menasse, Robert (2009), S. 54.

    3 „Weder Kain noch Abel". Gespräche mit dem Schriftsteller Gerhard Zwerenz, In: Neues Deutschland vom 1./2. März 2008, S. 22.

    4 Vgl. Lejeune. Philippe (1994).

    5 Matt, Peter von (1995), S. 36.

    6 Ebd., S. 38.

    7 Weinberger, Eliot (2003), S. 16.

    8 Weisenborn, Günter (1958), S. 7.

    9 Ebd.

    10 Vgl. Johnson, Uwe (1986).

    11 Ebd., S. 32 f.

    Auf der Messerschneide der Zwiespältigkeit

    „Viele sind in diese Falle gegangen, viele sind der Versuchung erlegen, aus ihrem Leben ein Kunstwerk zu machen, und viele haben darunter gelitten, dass es ihnen nicht gelungen ist

    (Roberto Cotroneo: Wenn ein Kind an einem Sommermorgen).

    „Ich tue die Verrichtungen meines Alters: ich erzähle die Erfahrungen meiner Lebensbahn, behutsam jedes Wort abwägend, denn alle sind zweischneidig".

    (Tibor Dery: Kein Urteil: Memoiren).

    Im Oktober 1989 stand auf der Frankfurter Buchmesse eine gerade erschienene Autobiographie im Zentrum der Aufmerksamkeit: Die hellen und die finsteren Jahre. Erinnerungen 1911-1946. Die Autorin war bei der Präsentation zugegen. Es war Hilde Spiel (19111990), als Jüdin vor der rassistischen Verfolgung durch die Nazis von Wien nach London geflohen, nun österreichische und britische Staatsbürgerin, erfolgreiche, mit Preisen überhäufte Schriftstellerin, Journalistin, Essayistin, Theaterkritikerin, eine weitgereiste Weltenbummlerin und Kosmopolitin. In ihrer Autobiographie hatte sie, die „‚zwischen den Stühlen zu stehen‘ – nicht zu sitzen"¹² als einzig mögliche Lebensmaxime für sich selbst reklamierte, hiermit die Bilanz der ersten Hälfte ihres wechselvollen, ereignis- und begegnungsreichen Lebens gezogen. Ihr Laudator in Frankfurt kannte sie selbst und ihre Werke gut. So titelte er seine Rede zur Präsentation mit der maßgenauen Frage: „Kann uns zum Vaterland die Fremde werden? Die Autorin erzähle „mit Grazie und Eleganz, mit Geist und Temperament. Genau das träfe auch auf ihre Autobiographie zu, die er wortmächtig lobte und zur Lektüre empfahl. Mit dem Blick dann auf die generelle Zwiespältigkeit der Autobiographie als literarische Gattung fügte er aber noch hinzu:

    „Wir haben es mit einer Autobiographie zu tun, also mit einem unvollkommenen, einem fragwürdigen Buch. Denn im Grunde ist die Autobiographie eine literarische Form, die dem Wesen des Menschen widerspricht. Man kann von dem Menschen nicht erwarten, dass er die volle Wahrheit über seine Person sagt, jeder stilisiert, ob nun bewusst oder unbewusst, sein Bild und seinen Weg. In der Regel strebt der Autor nicht gerade ein Denkmal an, nur möchte er keine Karikatur zeichnen. Gewiss, er hätte schon gern die Wahrheit gesagt, aber er muss allerlei weglassen, verschweigen, retuschieren. So ist es seine selbstverständliche Pflicht, auf seine Freunde Rücksicht zu nehmen. Und wer wollte es ihm verdenken, dass er auf sich selber Rücksicht nimmt."¹³

    Und er ergänzte noch, dass man alles von einer Autobiographie erwarten dürfe, nur nicht Gerechtigkeit. Das alles ist gewiss trefflich gesagt. Denn vor diesem Dilemma stehen noch alle Autobiographen. Freilich hielt diese löbliche Einsicht den Laudator selbst keineswegs davon ab, genau zehn Jahre später unter dem schlichten Titel Mein Leben seine eigene Autobiographie vorzulegen, die überaus erfolgreich war und bald darauf nicht minder erfolgreich verfilmt wurde. Der Name des Laudators und Autobiographen: Marcel Reich-Ranicki.

    Es bleibt noch nachzutragen, dass Hilde Spiel kurz vor ihrem Tode den zweiten Teil ihrer Autobiographie abschloss, der dann postum erschien.¹⁴

    Fernab fester Gewissheit schreiben Autobiographinnen und Autobiographen noch immer wieder und wieder gegen ihr Unbehagen und gegen ihre Skepsis an. Die Gründe für diese Zweifel sind vielfältig. Immer erweisen sich Autobiographien als subjektive Sinnentwürfe des eigenen Lebens, die mit aktuellen Bedürfnissen zu synchronisieren gesucht werden. Schließlich bedeutet autobiographisches Schreiben die unablässige Reflexion der eigenen Identität. Autobiographien sind deshalb Rekonstruktion wie Neukonstruktion des vergangenen Lebens in einem. Bereits in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hatte der Soziologe U. Beck eine „Enttraditionalisierung der industriegesellschaftlichen Lebensformen" konstatiert und auf die sich daraus ergebenden Folgen verwiesen.¹⁵ Damit verstärke sich das Phänomen der „Nichterfahrung aus zweiter Hand, wie er es nannte. Und das wirke sich maßgeblich auch auf die „Biographiemuster und ihre literarische Beschreibung aus. Mit der damit zunehmend einhergehenden Individualisierung wie auch Isolierung würden die Menschen zwangsläufig „immer tiefer in das Labyrinth der Selbstverunsicherung, Selbstbefragung und Selbstvergewisserung hineingeraten.¹⁶ Dieser Prozess hat auf nachhaltige Weise auch den Trend zur „Produktion von Autobiographien befördert. Schließlich verraten Autobiographien – oft genug gerade zwischen den Zeilen – viel über die Selbstwahrnehmung und Darstellung des Ich zwischen Wunsch und Realität. Allzu leicht kann es geschehen, dass die gewollte Selbstinszenierung oder artistische Selbststilisierung, auch gegen den Willen des Autobiographen, zur Selbstentlarvung mutieren. Doch ist jeder Art der Selbstbespiegelung wieder die Tendenz zur Zwiespältigkeit immanent, gilt doch das Wort Speculum, lateinisch für Spiegel, gleichzeitig auch als Metapher für Weisheit.

    Hinzu kommt noch, dass inzwischen längst auch die Perspektive im Wandel begriffen ist. In der „Sinnkonstruktion des eigenen Lebens durch den Versuch, die Erfahrung des Ich adäquat zu inszenieren, offenbart sich autobiographisches Schreiben zunehmend als „kommunikatives Handeln. Das bedeutet, dass dieses der Selbstthematisierung dienende Schreiben inzwischen zu einer spezifischen Form der Selbstverständigung, der Selbstoffenbarung, des Dialogangebotes in die Öffentlichkeit hinein und damit der sozialen Praxis geworden ist.¹⁷

    Aus dieser Annahme folgt, dass dem Schreiben von Autobiographien wie dem Leben selbst immer auch die Option des Scheiterns immanent ist. Franz Kafka mutmaßte in seinem Tagebuch, eine Selbstbiographie zu schreiben müsse spielend leicht sein, „leicht wie die Niederschrift eines Traums."¹⁸ Aber Kafka hat seine Autobiographie nie geschrieben. Autobiographien haben oder suchen ihren Platz im dichten Gewebe historischer und sozialer Kontexte. Erinnerungen sind, wie Träume, ein flüchtiges Medium. Und Existenzielles ist, oft mühsam genug, in eine angemessene Sprache zu fassen. Dass Erinnerungen auch trügerisch sein können, ist oft genug betont und beklagt worden. Aber es gibt dazu keine Alternative. Es bedarf der Erinnerungen, um die Sicht auf das bisherige Leben, auf das unwiederbringlich „Gewesene", den drängenden gegenwärtigen Bedürfnissen anzupassen, es also immer wieder zu aktualisieren.

    In seinem autobiographischen Roman Die Papiere des Immunen bezeichnete der Schweizer Schriftsteller Hugo Loetscher Autobiographen als „Friedhofsgärtner ihrer Jugendträume. Wobei aber, so fügte er hinzu, „nicht jede Frau, jeder Mann den gleichen glücklichen grünen Daumen besitzen würden. Autobiographen agieren zudem auf dünnem Eis. Sie haben nämlich auch die Möglichkeit, die bei weitem nicht alle von ihnen nutzen, zumindest zu versuchen, bislang Unberührtes, lange, zu lange, Verdrängtes, Tabuisiertes, Unterbewusstes ins Bewusstsein zu holen und abzubilden. Das aber ist Schwerstarbeit; und für den Erfolg gibt es keine Garantie. Vergeblichkeit, auch der Absturz, erscheinen vorprogrammiert. Es können aber auch im Prozess des Sich-Erinnerns und autobiographischen Schreibens, mit Wehmut sicher, früher im Leben versäumte Begegnungen nachgeholt oder einst gestörte oder gar zerbrochene Beziehungen, dem Seelenfrieden dienlich, revidiert werden. Der ungarische Schriftsteller Tibor Dery drückte das so aus: „Auf dem Totenacker meiner Erinnerungen ist eine Parzelle jenen vorbehalten, die ich im Grunde genommen erst nach ihrem Tode wenn auch nicht liebgewinnen, so doch kennenlernen und nach einem postumen Händedruck doch noch ins Herz zu schließen vermeinte."¹⁹ Das zumindest ist eine tröstliche Botschaft.

    Die Liste der Probleme, die für jede Autobiographin, jeden Autobiographen zur Herausforderung werden (können) ist lang. Jeder Versuch einer eilfertigen Systematisierung muss fragwürdig bleiben. Zu groß sind die individuellen Unterschiede und Ausgangslagen. An theoriebildenden Ansätzen dazu ist wahrlich kein Mangel. Ich möchte hier aber lieber einige Autobiographen als Experten in eigener Sache selbst zu Wort kommen lassen und Unterschiedliches bis Widersprüchliches in ihren Ansichten respektieren. Daraus könnten sich mancherlei Denkimpulse und in diesem Sinne ein beträchtliche Lernpotenzial für künftige Autobiographen ergeben. Im Interesse einer Problemsensibilisierung geht es mir deshalb im Folgenden darum, gleichsam als Mosaiksteine einige Beispiele für die Bedenken und für die Zwiespältigkeit zu geben, die autobiographischem Schreiben naturgegeben anhaftet. Die Subjektivität der individuellen Wahrnehmungen und Erfahrungen lässt jeden Versuch der Verallgemeinerung allzu schnell zu einer anmaßenden Zumutung werden. Deshalb möchte ich gern, zumindest punktuell, Einblicke in die „Erinnerungs- und Schreibwerkstätten" von ausgewählten Autobiographen ermöglichen und ihnen somit gleichsam über die Schulter schauen. Meine Position in diesem Buch ist nicht die eines sezierenden Analytikers oder pedantischen Archivars, sondern die eines Flaneurs in fernen, manchmal bestürzend nahen Seelenlandschaften, der lernwillig auf Entdeckungen aus ist. Ich bitte deshalb mein vagabundierend anmutendes Vorgehen in Auswahl und Anordnung zu akzeptieren und die mangelnde Ordnung zu tolerieren; es widerspiegelt schließlich das Leben selbst. Damit nun zu einem weiteren Problem allen autobiographischen Schreibens:

    Der deutsch-jüdische Philosoph und Publizist Theodor Lessing (1877-1933) hat seine Autobiographie zwischen 1912 und 1932 dreimal geschrieben bzw. umgeschrieben. Wir können ihn als permanenten Autobiographen bezeichnen. Nie war er mit dem Ergebnis seines Erinnerungsbemühens und mit der sprachlichen Gestaltung des „Unsagbaren" zufrieden. Theodor Lessing wurde bereits 1933 von den Nazis ermordet. Seine Autobiographie erschien postum. Mit dem ungewöhnlichen Titel Einmal und nie wieder wollte Lessing programmatisch die jeweilige „Einmaligkeit menschlicher Existenz hervorheben. Im Vorwort der ersten deutschen Ausgabe verwies der Herausgeber, Hans Mayer, dann auf ein unaufhebbares Dilemma allen autobiographischen Schreibens. So habe „der unzeitgemäße Lessing seine Lebensgeschichte „so aufrichtig und selbstkritisch geschildert, wie irgend möglich war, immer im Bewusstsein, dass Leben und Sinngebung des Lebens unrettbar auseinanderfallen."²⁰ Theodor Lessing hat es sich wahrlich nicht leicht gemacht mit seiner Autobiographie. Darauf verweist bereits der mäandrierende erste Satz seiner Vorrede auf eindringliche Weise:

    „Wer je den Versuch gemacht hat, die wichtigsten Ereignisse seiner Tage zu Papier zu bringen, der muss mit Verwunderung entdecken, wie ungewiss, ja wie zweifelhaft alle Historie und Biographie ist, die nicht nur das Vergangene nach Lagen und Zuständen aus den Grüften hervorruft, sondern auch verwehte Worte neu tönen macht, ja sogar zu wissen scheint, ob zu jenen Worten von einst der Mond leuchtete oder die Sonne, ob die Amsel sang und welcher Wind die Rosenhecken durchwühlte; indes doch schon die einfache Selbstbeobachtung klar zeigt, dass und wo immer wir erleiden und erleben, wir überhaupt nicht von Umwelt und Begleitumständen wissen, dass aber, indem wir beobachten und Wahrnehmungen feststellen, schon aus dem Element des Erlebens herausgetreten sind, weil ein Ergriffener nicht begreift, und weil niemand zugleich sein kann die Harfe, darauf die Natur spielt und der Künstler, der die Harfe meistert."²¹

    Theodor Lessings Vorüberlegungen führen damit geradewegs zum Problem der „Unaussprechlichkeit. Das bedeutet, dass es nicht oder nur sehr schwer möglich ist, allen Erinnerungen, Wahrnehmungen, Erfahrungen und Empfindungen usw. einen angemessenen sprachlichen Ausdruck zu verleihen. Hinzu kommt, dass es fahrlässig wäre, davon auszugehen, dass das, was dem Menschen in Erinnerung geblieben ist, identisch sei mit dem, was sich tatsächlich in seinem bisherigen Leben ereignet hat. Und so manche Erinnerung stammt ohnehin aus zweiter Hand und wurde längst und für alle Zeiten unbewusst in die aus erster Hand lediglich implantiert. Dennoch oder gerade deswegen bleibt die Sprache, auf die jeder Autobiograph verwiesen ist, „eine eindrucksvolle Wahrnehmungskonserve, das „größte Museum der Wahrnehmung."²²

    Nicht selten betonen oder beklagen Autobiographen auch die Grenzen ihrer Selbsterkenntnis. So sah sich Julien Green (1900-1998), glänzender Chronist seiner Kindheit und Jugend, am Ende seines langen Lebens selbst nur mehr als „die Figur eines Romans, die nichts von ihrer Geschichte versteht. Aber wenn ich sie verstünde, gäbe es keinen Roman."²³ Seine Empfindungen bei dem unablässigen und oft vergeblichen Bemühen, sich zu erinnern, beschrieb er mit einer anschaulichen Metapher: „…und schon sind wir auf dem offenen Meer der Vergangenheit, angebunden wie Odysseus an den Mast der Stunden, die nicht wiederkehren."²⁴

    Greens polnischer Kollege Witold Gombrowicz (1904-1969), von dem noch zu sprechen sein wird, klagte fern der Heimat in seinem argentinischen Exil, als er den Rückblick versuchte, dass das vergangene Leben „wie hinter Glas sei, „so weit entfernt – es scheint uns alles nicht mehr zu betreffen, so als sähen wir aus einem fahrenden Zug.²⁵ Und er stellte am Ende resignierend fest: „Ich habe der Rekonstruktion meiner Vergangenheit viel Zeit gewidmet, habe fleißig die Chronologie festgemacht, habe mein Gedächtnis bis zum Äußersten angestrengt, um mich selbst, wie Proust (in: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit – K. J.) wiederzufinden, aber es geht nicht, die Vergangenheit ist bodenlos und Proust lügt – nichts, absolut nichts zu machen…²⁶ Die Vergangenheit sei nicht mehr als „ein Panoptikum aus Bruchstücken. Das mündet am Ende in eine hintersinnige und nur auf den ersten Blick paradox anmutende Sentenz, die das Bestreben nach menschlicher Selbsterkenntnis in die Schranken weist: „Der Mensch ist, was er nicht ist, und er ist nicht, was er ist."²⁷

    Sein Landsmann Czeslaw Milosz (1911-2004)

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