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Der Forstmeister, der Leutnant und der Krieg: Tagebücher aus einer schlimmen Zeit: 1931 bis 1947

Der Forstmeister, der Leutnant und der Krieg: Tagebücher aus einer schlimmen Zeit: 1931 bis 1947

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Der Forstmeister, der Leutnant und der Krieg: Tagebücher aus einer schlimmen Zeit: 1931 bis 1947

Länge:
608 Seiten
8 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 4, 2015
ISBN:
9783738676228
Format:
Buch

Beschreibung

Hans Bossel, bei Kriegsbeginn junger Forstbeamter und Familienvater mit vier kleinen Kindern, erlebt den gesamten Zweiten Weltkrieg als Soldat der Wehrmacht, meist an der Front in Frankreich und Russland. Mehrfach verwundet, kehrt er erst 1947 aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Zwischen 1931 und 1947 hält er seine Erlebnisse in täglichen Tagebucheinträgen fest, die in wesentlichen Teilen in diesem Buch unverändert wiedergegeben sind, stellenweise ergänzt durch Tagebuchnotizen seiner Frau und andere Dokumente aus Kriegs- und Nachkriegszeit.

Die Tagebücher haben die Entwicklungen jener Zeit aus der Sicht eines Augenzeugen festgehalten, der das täglich Erlebte knapp protokolliert, ohne zu wissen, was am nächsten Tag geschehen und wohin alles führen wird: die Verführung durch die NS-Ideologie, Siegestaumel am Kriegsbeginn, Tod und Zerstörung in erbitterten Kämpfen an der Front und im Bombenkrieg, Hunger und Verzweiflung nach dem 'Zusammenbruch'.

Die Tagebücher geben einen authentischen, oft erschütternden Einblick in Leben und Denken jener Zeit aus der Sicht eines unmittelbar Beteiligten. Sie sind aber auch anrührendes Dokument einer Liebe zweier Menschen, die sich trotz Krieg und jahrelanger Trennung ihren Traum von Familie und Frieden bewahrten.
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 4, 2015
ISBN:
9783738676228
Format:
Buch

Über den Autor

Hans Bossel wurde 1907 in Rumänien geboren, wuchs in Tübingen auf und machte dort sein Abitur. Er studierte Forstwirtschaft, promovierte 1933 in Freiburg/Br und heiratete 1934 Gertraude Gmeiner. Nach einigen Jahren als Forsteinrichter wurde er 1939 zu Beginn des Zweiten Weltkriegs eingezogen, bei Kämpfen in Russland und Frankreich mehrfach verwundet, wurde1945 Kriegsgefangener der Amerikaner und kehrte erst 1947 aus französischer Kriegsgefangenschaft zurück zu seiner Frau und den vier Kindern. Er übernahm später bis zu seiner Pensionierung die Verwaltung eines Forstamts in Nordhessen. Er starb 1981 in Bad Wildungen.


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Buchvorschau

Der Forstmeister, der Leutnant und der Krieg - Hans Bossel

Gefangenschaft

Das Schweigen, die Tagebücher, die Vorgeschichte

Eigentlich kein Tag für eine Trauerfeier. Ein schwüler heißer Nachmittag im Juli 1981.

Eigentlich kein Ort für eine Trauerfeier. Vor dem Haus sind die grellbunten Attraktionen des Wildunger Viehmarkts aufgebaut: Karussell und Schiffsschaukel, Schießstände und Geisterbahn, Autoscooter und Imbissbuden. Dutzende von Lautsprechern übertönen sich gegenseitig mit Rockmusik, Jahrmarktsorgeln und den Versprechungen der Losverkäufer. Mädchen und Jungen juchzen, während sie im Kettenkarusell über die Menge fliegen.

Das hätte ihm gefallen, sagt jemand, und wir nicken schweigend.

Wir müssen los, sagt seine Witwe und unsere Mutter – die ‚G.’ seiner Kriegstagebücher, und wir erheben uns schweigend von den Stühlen in seiner Wohnung: seine Kinder, die Enkel, einige Verwandte aus Deutschland, Rumänien und der Schweiz, die seinen Namen tragen. Wir bahnen uns den Weg durch die bunte, fröhliche Menge des Viehmarkts, einer hinter dem anderen, völlig deplaziert auf diesem Platz in unserer dunklen Kleidung, finden die weit vom Rummelplatz abgestellten Autos und fahren zum Friedhof.

In der Friedhofskapelle ist jeder Platz besetzt, hinten stehen viele. Der Sarg ist kaum zu erkennen unter den Sommerblumen und dem frischen Laub aus den Wäldern, um die er sich vier Jahrzehnte lang gesorgt hat.

Der Pfarrer spricht von einem erfüllten Leben. Die Forstkollegen verabschieden ihn mit Dank und Anerkennung für seinen jahrzehntelangen Einsatz für den deutschen Wald. Behördenvertreter sprechen von Engagement, Verantwortung und Pflichtbewusstsein. Der Rotarier-Präsident verabschiedet sich von seinem Vorgänger als einem guten und verlässlichen Freund, Demokraten und Europäer. Auf der Orgelempore spielen vier Musiker den zweiten Satz von Haydns Kaiserquartett: die Melodie des Deutschlandliedes.

Er hatte es sich gewünscht für seine Trauerfeier. G. hatte den Zettel in seinem Schreibtisch gefunden, zusammen mit dem Entwurf seiner Todesanzeige: der Name mit allen Titeln und letztem Wehrmachtsdienstgrad, mit den Kriegsorden des zusammengebrochenen Reiches und den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland und von Rotary International. Warum hat dieser ruhige und bescheidene Mann sich eine solche Todesanzeige gewünscht? Nach kurzem Überlegen entschieden sich Mutter und wir Geschwister für eine einfache Anzeige: Name, Geburtstag, Todestag. Einfach, schnörkellos, bescheiden: so wie ihn die vielen Menschen kannten, die jetzt um ihn trauerten. Das andere hätte niemand mehr verstanden.

Aber kannten wir ihn denn wirklich? Hat er nicht acht Jahre in einer völlig anderen Welt des Krieges und der Gefangenschaft gelebt, einer Welt des Tötens und Sterbens, der Ungewissheit und Unfreiheit, des Hungerns und Leidens? Warum hat er uns aus dieser Welt nicht – außer in Andeutungen – berichten können? Hätten wir es überhaupt verstehen, erfühlen können, was er in dieser Welt erlebt hat? Schwieg er, weil er wusste, dass wir es nicht verstehen würden, oder schwieg er, weil Schmerz und Trauer einfach zu groß waren?

Ich, sein ältester Sohn, habe seine meist in altdeutscher Sütterlin-Schrift geschriebenen Tagebücher aus Krieg und Gefangenschaft erst mehr als zwei Jahrzehnte nach seinem Tod gelesen und abgeschrieben. Für jeden einzelnen Tag der acht Jahre vom Beginn des Zweiten Weltkriegs im August 1939 bis zu seiner Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft im Juni 1947 gibt es einen Eintrag – manchmal hat ‚H.’ (so erscheint er meist in den Tagebüchern von ‚G.’) nur wenig zu berichten, oft aber ist Erschütterndes in wenigen Zeilen Tagebuchdeutsch verpackt, und manchmal hat er ein paar Seiten gebraucht, um das Erlebte zu verarbeiten. Denn dazu dienten die Einträge wohl vor allem: zum Festhalten und Verarbeiten des Erlebten. Keine Versuche, eigene Handlungen zu rechtfertigen oder zu verklären. Ehrliche Aufzeichnungen, denen ich glauben kann, wenn ich auch viele Einschätzungen nicht teilen kann.

Ich habe versucht, in den Tagebüchern – vor allem auch in ebenfalls vorhandenen Aufzeichnungen vor Kriegsbeginn – eine Antwort zu finden auf die Frage, die Menschen in Deutschland seit jener Zeit mehr bewegt als anderswo: „Wie konnte es dazu kommen?" Wie konnte es dazu kommen, dass intelligente und gutherzige Menschen wie H., mein Vater, sich von den abstrusen Vorstellungen der Nationalsozialisten verführen und instrumentalisieren ließen, dass sie klaglos und widerstandslos, ja oft sogar ‚freudig’ Leben und Gesundheit, Familie und Besitz, Freiheit und Menschlichkeit für ein verbrecherisches Regime opferten und anderen unbeschreibliches Leid und Tod brachten?

Ich habe die Antwort nicht finden können. Ich kann aus den Tagebuchnotizen meines Vaters nur herauslesen, wie leicht ein ganzes Volk auf einen solchen Pfad geraten kann. Und so sind diese Tagebücher nicht nur lückenlose Berichterstattung aus der Sicht eines Einzelnen über eine dunkle Periode europäischer Geschichte, sondern auch indirekte, aber eindringliche Warnung.

Mein Vater war in einer eiskalten Winternacht 1907 auf dem Gut seines deutschstämmigen Vaters in Rumänien geboren worden, während ringsumher die Wölfe heulten, wie die Familiensage zu berichten weiß. Nach Scheidung seiner Eltern zog die Mutter mit ihm und seiner Schwester Lisbeth noch vor dem Ersten Weltkrieg zu ihrer Schwester nach Tübingen. Über die Mutter, Enkelin des Basler Chemieprofessors Schönbein, Entdeckers des Ozons und der Schießbaumwolle, Wegbereiters der Brennstoffzelle, waren mein Vater und seine Geschwister Schweizer Staatsbürger. In Tübingen ging H. in ein humanistisches Gymnasium und machte dort sein Abitur. Er leistete 1927 – vor dem Studium der Forstwissenschaft – seinen einjährigen Militärdienst in der Schweiz ab, wurde dort als ‚Schwoab’ gehänselt und wurde 1928 württembergischer und damit deutscher Staatsbürger.

Mann (1933),

Meine Eltern kannten sich seit ihrer Studienzeit in Freiburg. Sie waren sich 1929 in einem studentischen Skikurs begegnet, den mein Vater als Skilehrer leitete. Er war Student der Forstwissenschaften und – zum Entsetzen seiner späteren Schwiegereltern – sieben Jahre jünger als meine Mutter, die 1931 in Freiburg in Volkswirtschaft promovierte. Er selbst promovierte 1933 in Freiburg und arbeitete eine Zeitlang als wissenschaftlicher Assistent an der Forstlichen Hochschule Eberswalde bei Berlin. Damals hatte er sich ein gebrauchtes 500er BMW-Motorrad angeschafft, und es gibt viele Photos meiner Eltern aus ihrer Verlobungszeit von Fahrten durch Deutschland mit der BMW.

Als H. Forstassessor geworden war, konnten die beiden 1934 endlich heiraten. Bald darauf trat H. seine erste Stelle als Forsteinrichter bei der Braunschweigischen Forstverwaltung an. In den nächsten fünf Sommern führte er die Forsteinrichtung (langfristige Waldplanung) für verschiedene Forstämter durch. Das im Sommer in den Wäldern gesammelte Material an Zahlen und Bestandsbeschreibungen wurde dann im Winter in der alten, verträumten Fachwerkstadt Braunschweig zu umfangreichen Forsteinrichtungswerken verarbeitet. Im Sommer wohnten G. und H. mit ihren ersten beiden Kindern – meinem Bruder Ulf und mir – bei Bauersleuten auf dem Dorf, in der Nähe der Wälder, in denen H. die Bestandsaufnahmen machte.

Ende 1938 wurde mein Vater in das Hessische Forsteinrichtungsamt nach Kassel versetzt. Die Familie – jetzt auch mit Uta, dem dritten Kind – zog Anfang 1939 in eine schöne Wohnung am ‚Tannenwäldchen’, an das auf der anderen Seite die Gleise des Hauptbahnhofs grenzen. Zur Wohnung gehörten ein Garten und ein paar Obstbäume. Zeitweise hielt H. mehrwöchige Lehrgänge für Waldarbeiter in Rhoden (Waldeck) ab. Wenn er in Kassel arbeitete, kam er mittags zum Essen und kurzem Mittagsschlaf, bevor er wieder ins Büro ging. Nach Rückkehr von seinem letzten Lehrgang in Rhoden im Juli 1939 sagte er meiner Mutter frohgemut: „Nun kann ich endlich bei Euch bleiben!". Wenige Wochen später wurde er in den Krieg eingezogen und blieb acht Jahre lang fort.

Seit 1931 war mein Vater Mitglied der ‚Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei’ NSDAP; seit 1933 gehörte er zur Reiter-SA. Was ihn zur Mitgliedschaft bewegte, haben wir nie von ihm erfahren können. Er hatte nie ein Parteiamt inne. Ich bezweifle, dass er je Hitlers ‚Mein Kampf’ gelesen hat. Ganz sicher war es bei ihm kein Opportunismus, aber sicher eine Menge Gutgläubigkeit und Patriotismus. Seine deutsche Volkszugehörigkeit, die er sich trotz seiner Abstammung erst hatte erkämpfen müssen, war ihm lieb und teuer. So hielt er wohl auch später den Dienst in der Wehrmacht für eine selbstverständliche Pflicht. Und er unterstützte zeitlebens andere Auslandsdeutsche – seine rumäniendeutschen Verwandten, Südtiroler, Aussiedler – wo er konnte.

In den Tagebüchern meines Vaters aus den acht Jahren Krieg und Gefangenschaft gehen die Gedanken immer wieder zu ‚G.’ oder ‚Gertraude’, und in den Aufzeichnungen meiner Mutter gehen sie immer wieder zu ‚H.’ oder ‚Hans’. Die Partnerschaft, die sie vom Tage des ersten Kennenlernens an zählten, währte mehr als fünf Jahrzehnte.

Gertraude Gmeiner, Hans Bossel (1929)

Die beiden hätten kaum unterschiedlicher sein können. Meine Mutter: rational, sachlich, kritisch, umsichtig, Distanz haltend, phantasievoll, schnell mit Gedanken und Zunge, sparsam mit Lob und Anerkennung, um Gerechtigkeit bemüht, völlig unmusikalisch – jede Art von Musik bereitete ihr körperliche Schmerzen. Mein Vater: bedächtig, schweigsam, gutgläubig, warmherzig, immer hilfsbereit, einfühlsam, interessiert an anderen Menschen, leicht zum Lachen zu bringen, Forstmann mit Leib und Seele, musikalisch und gelegentlicher Klavierspieler. Auch wenn die beiden sich gelegentlich stritten, so hingen sie doch mit unverbrüchlicher Loyalität aneinander.

Meine Mutter hatte sich ihre Ausbildung gegen den Willen ihres Vaters hart erkämpft und in der schwierigen Inflationszeit auch weitgehend selbst erarbeitet. Man hatte sie nach ihrer Schulzeit in einer Dresdner Privatschule für ‚Mädchen höherer Stände’ noch auf eine ‚Frauenschule’ geschickt als Vorbereitung auf Ehe und Familie, aber sie studierte danach an der Dresdner Kunstakademie, erarbeitete sich in einer Dresdner ‚Presse’ das Abitur in Abendkursen, verdiente sich ihren Unterhalt als Stenotypistin und Fremdsprachensekretärin und studierte nebenher Nationalökonomie in Dresden, Hamburg und Freiburg. 1931 promovierte sie bei Walter Eucken, dem Begründer der neoliberalen freien Marktwirtschaft, an der Universität Freiburg über die ‚Konjunkturstabilisierung durch Kartelle’ mit ‚magna cum laude’. Bis zu ihrer Heirat 1934 arbeitete sie im Planungsstab der IG Farben in Berlin.

Hochzeit (1934)

Krieg und Gefangenschaft trennten meine Eltern acht Jahre lang. Weit mehr als tausend Briefe verbanden sie während dieser Zeit. Wenn sie konnten, schrieben sie sich täglich. Jeder Brief konnte der letzte sein. Der nächste wurde mit Bangen erwartet. Auch während der jahrelangen Trennung blieben so die Schicksale der Eltern miteinander verwoben, auch wenn jeder einen gänzlich anderen Teil des Geschehens erlebte. Die Mutter sorgte für vier Kinder in der immer mehr zerbombten und zerstörten Heimat, der Vater lebte mit Tod und Vernichtung an der Front und später mit dem Hunger in der Gefangenschaft. Die Tagebücher zeugen von einer starken Verbindung, die beiden wohl die Kraft gab, an ihrem jeweiligen Platz durchzuhalten.

Für Nachgeborene sind manche Notizen in den Tagebüchern von ‚H’ nicht mehr ohne weiteres verständlich. Auch erfordert mancher Bericht von der ‚Front’ eine Ergänzung durch eine Schilderung der Bedingungen in der ‚Heimat’. Ich habe daher, wo es mir angebracht erschien, Fußnoten mit Erläuterungen sowie Tagebucheinträge meiner Mutter (‚G’) und eigene Erinnerungen (‚HB’) eingefügt und einige Briefe von Kameraden und andere Dokumente aus dem Nachlass aufgenommen, die die oft kargen Tagebuchnotizen ergänzen. Diese Ergänzungen unterscheiden sich durch das Schriftbild (‚H’: Times Roman, ‚G’: Arial, ‚HB’: Times Roman kursiv).

Der besseren Lesbarkeit halber schreibe ich in den Tagebüchern verwendete umgangssprachlich ungebräuchliche Abkürzungen aus (wie Feldwebel statt Fw., Granatwerfer statt Gr.W.), behalte aber gebräuchliche Abkürzungen (wie SA, SS, MG, Flak, Pkw usw.) bei. Satzformulierungen sind unverändert geblieben. Nebensächliche, manchmal auch nicht entzifferbare Wörter oder Sätze werden durch … angedeutet. Tägliche Eintragungen liegen vor von 1931 bis Mitte 1935, und von Mitte 1939 bis Mitte 1947. Wo einzelne Tage oder Zeitabschnitte im Folgenden ausgelassen sind, bedeutet das lediglich, dass in dieser Zeit nichts Bemerkenswertes berichtet wurde.

September 2006Hartmut Bossel

Vom Wald in den Krieg: Vorkriegsjahre 1931 bis 1939

Für die Vorkriegszeit, in denen die Nationalsozialisten in kurzer Zeit ihre Macht über Deutschland festigten und das Land dann unaufhaltsam in einen Weltkrieg trieben, fanden sich Tagebücher meines Vaters für die Jahre 1931 bis 1935. Da steht vieles über sein Verhältnis zu G., über andere Bekanntschaften, über sein Studium, seine Prüfungen, Vorträge und Bücher, die ihn interessiert haben. Aber mich interessierten vor allem die Notizen, die helfen könnten, seine Hinwendung zu den Nationalsozialisten zu verstehen. Ich gebe im Folgenden vor allem diese Anmerkungen wieder. In ihnen spiegelt sich beispielhaft eine persönliche Entwicklung, wie sie in Millionen erwachsener Deutscher damals abgelaufen sein muss.

Die Aufzeichnungen beginnen mit dem Jahr 1931. H., der in Freiburg und Tübingen Forstwissenschaft studiert hat, schreibt jetzt in Tübingen an seiner Doktorarbeit, mit häufigen Unterbrechungen und Ablenkungen. G., mit der er seit einem Skiurlaub und einer Vogesenwanderung 1929 eng befreundet ist, schließt 1931 ihre Doktorarbeit zur ‚Konjunkturstabilisierung durch Kartelle’ bei Prof. Eucken in Freiburg ab.

H. besorgt sich im Frühjahr 1931 ein Radio, das auch später immer wieder erwähnt wird. Vor allem hört er wohl Musik, zunehmend auch politische Ansprachen. Auch telefonisch ist er erreichbar, und G. ruft ihn gleich an, als sie ihre Doktorprüfung bestanden hat.

Er ist politisch interessiert und erwähnt immer wieder entsprechende Vorträge, Gespräche oder Bücher. Er macht seine Führerscheinprüfung und beginnt dann seine Referendarzeit auf einem gräflichen Landgut in Wirschowitz in Schlesien. Auf der Fahrt dorthin besucht er G., die jetzt nach Abschluß ihrer Doktorarbeit in Berlin arbeitet.

4. April 1931. Radio besorgt …

20. Mai 1931. … Mittags Telefon mit Dr. Gertraude Gmeiner! Fabelhaft…

9. Juni 1931. …10 bis 12 h ‚Ziele der deutschen Außenpolitik’ von Seeckt¹. Gut. …

16. Juni 1931. … ‚Zinsknechtschaft’. (Vortrag?)

18. Juni 1931. …Abends bei Loebichs eingeladen. Sozialismus usw. Recht nett. …

28. Juni 1931. … politische Lesung ‚Afrika spricht’

17. Juli 1931. … Akademikerabend!?? Diese Popen und Schwarzen!!

27. September 1931. … Besuch bei Kellers. Keyserling². Bestätigung eigener Überlegungen.

24. Oktober 1931. Führerscheinprüfung. …

29. Oktober 1931. (am 28. 10. ist er zu G. nach Berlin gefahren) … Stadt 6 h G. ‚Berge in Flammen’³ erschüttert. ‚Vaterland’ (wohl Café) 2h

1. November 1931. … Zukunft mit G. bis 11 h.

2. November 1931. Abschied von G., schwer. 2 h Breslau. Kaffee. Stadt. 8 h in Wirschowitz. Abendbrot mit Gräfin und Sohn. G!! Auspacken.

In Schlesien besucht er jetzt immer häufiger Veranstaltungen des ‚Stahlhelm’, deutschnationaler Verbände und der Nazis. In Breslau erlebt er Ansprachen von Göbbels und Hitler, die ihn beeindrucken, hört Reden von Hindenburg und Brüning im Radio.

Laut Lebenslauf ist H. seit 1. 12. 1931 Mitglied der NSDAP. Im Tagebuch finden sich keine Hinweise auf diesen Schritt, auch keine Besuche von Parteiveranstaltungen oder ähnlichem vor diesem Termin. Praktisch alle Abende sind mit Besuchen, Lesen, Radio, Briefeschreiben usw. ausgefüllt.

22. November 1931. Breslau – Stahlhelmfilm⁴. ….

5. Dezember 1931. … Stahlhelmabend in Militsch.

20. Dezember 1931. … Nazi-Versammlung.

5. Januar 1932. …Nazi-Versammlung.

10. Januar 1932. … Hauptmark-Buch⁵. ‚Hitler’

1. Februar 1932. … Horst-Wessel-Feier in Militsch. Fabelhaft. …

Horst Wessel war Nazi-Märtyrer und -Heiliger. Das Horst-Wessel-Lied wurde später bei allen öffentlichen Feiern immer mit dem Deutschland-Lied zusammen gesungen … „Kameraden, die Rotfront und Reaktion erschossen, die zieh'n im Geist in unsren Reihen mit". Interessant ist, dass H. immer wieder die (verächtliche) Abkürzung ‚Nazi’ benutzt.

2. Februar 1932. … 5 bis 7 h. Deutschnationale und N.S.D.A.P! …

7. Februar 1932. … Nazi-deutscher Abend, fidel bis 4 h, zurück mit Rad.

17. Februar 1932. … Deutschnationaler Abend.

21. Februar 1932. … Deutscher Abend in Kraschnitz.

24. Februar 1932. … 2 h in Breslau. Besorgungen. Goebbels spricht im Messehof. Fabelhaft.

28. Februar 1932. … ‚Katastrophe 1940’ spannend⁶.

29. Februar 1932. … 5 bis 7 h: Nazi-Mitgliederversammlung. ‚Katastrophe 1940’.

3. März 1932. … 3 h Breslau, 5 bis 12 h Jahrhunderthalle mit Maus, Vendula und Schweinitz. Hitler. Prinz August V. 4 h zu Haus.

6. März 1932. … 2 h nach Breslau. ‚Eiserne Front’. Furchtbar. 11 h zu Haus.

10. März 1932. … Abends Stahlhelm in Kraschnitz. 2 h zu Hause. Hindenburg im Radio. Erschütternd.

11. März 1932. … Brüning-Rede.

12. März 1932. … 3 h Breslau … Brüning in Jahrhunderthalle. Taktiker! Jesuit.

13. März 1932. 2 h zu Hause. Hindenburg siegt.

14. März 1932. … Debatte Außenpolitik. …

17. März 1932. … ‚Luftkrieg’ in Militsch.

Ab Ende März 1932 ist H. wieder in Tübingen, für ein Referendariat im Forstamt Babenhausen. Immer wieder geht er zu politischen Vorträgen und Versammlungen. Die Erfolge der Nazis verfolgt er mit besonderem Interesse und Genugtuung.

24. März 1932. 8 bis 1 h Forstdirektion. 4 h in Tübingen nach fünf Monaten. Besorgungen. Ernst Niekisch ‚Hitler ein deutsches Verhängnis’. ?!?

28. März 1932. … Bismarck gelesen.

29. März 1932. Bismarck fabelhaft. …

31. März 1932. … abends bei Dieter Keller. Politische Debatte…

7. April 1932. … Abends K.P.D. Pfarrer Eckart spricht. Disziplin. Rolland⁷.

9. April 1932. … Politische Debatte. R. Rolland.

10. April 1932. … Wahl Hindenburgs. …

15. April 1932. … Jesuitenpolitik. … Bismarck.

21. April 1932. … Vortrag deutsch-französisches Verständnis, unter katholischer Flagge allein möglich. Zwei Äbte (deutsch und französisch)

24. April 1932. Landtagswahlen. … Sieg der Nazi.

9. Mai 1932. … Nazi-Versammlung: Vorstellung der Abgeordneten. Eindruck sehr gut.

3. Juni 1932. … Freimaurerei Tannenbergbund.

28. Juli 1932. Forsteinrichtungsamt. Sortimentierung. Kater. Gefährliche Stimmung. Baumelburg: ‚Deutschland in Ketten’.

29. Juli 1932. …Baumelburg sehr spannend. Versailles⁸ – bis Haag⁹.

31. Juli 1932. … Reichstagswahl. …

12. August 1932. … bei Assistent Rau. Arbeitslager. Debatte. …

19. Oktober 1932. … Hitler-Versammlung.

6. November 1932. Reichstagswahl. Nazi 196 Sitze. …

15. Dezember 1932. … Rede Schleicher im Rundfunk.

Am 17. Dezember 1932 besteht H. die Prüfungen zum Staatsexamen als Diplom-Forstwirt vor einer Prüfungskommission in Stuttgart. Er befasst sich in der Freizeit mit Bismarck und Horst Wessel. Die Machtübernahme der Nazis am 30. Januar 1933 und der Sieg Hitlers bei den Reichtagswahlen im März 1933 begeistern ihn. Offensichtlich ist er jetzt in einer ‚Zelle’ der NSDAP eingespannt, hat dort einen ‚Wochenbericht’ zu schreiben und zu halten.

5. Januar 1933. … Bismarck’ von Emil Ludwig. Sehr gut. …

22. Januar 1933. Päckchen von G. zum Geburtstag. Bismarcks Erinnerungen! …

29. Januar 1933. Bett, Musik. Lesen (Horst Wessel). Briefe…

30. Januar 1933. Im Bett. Lesen. Fouché!!¹⁰ Kurzer Ausgang. … Adolf Hitler Reichskanzler!!

31. Januar 1933. Bett. Dr. Arbeit. Literatur. Mittags Clubbesuch. Hitler – Frick – Göring – Papen – Hugenberg – Schwerin von Krosigk – Neurath – Gürtner – Seldte – Blomberg¹¹.

1. Februar 1933. Bett. Dr. Arbeit. Politik. Nachricht von Georg¹²: „Natascha seit 13. Dez. tot". Furchtbar!! Hitler! Rundfunk!! Traurig. Tagebuch.

8. Februar 1933. Dr.-Arbeit. Zeitungen. Brief an G. Radio. Wochenbericht für NSDAP.

9. Februar 1933. … 1. Wochenbericht in Zellenabend (Zelle 2).

11. Februar 1933. … Deutschnationale Kundgebung im Radio (Hugenberg, Papen, Seldte)

5. März 1933. Reichstagswahl in Lindau. Mittags Regen. Essen mit Kurs¹³. Wahlergebnisse. Sieg Hitlers. Die Rechte 53%!! 2 h auf (Ulmer) Hütte.

19. März 1933. (wohl seit 15. 3. wieder in Tübingen) …Dr. Arbeit. Mittags Kino. Quatsch. Zeitungen. ‚Hitlers Kampf um die Macht’. Radio.

21. März 1933. Reichstagseröffnung in Potsdam. Sanssouci (Musik) Garnisonskirche (Hindenburg und Hitler). … Reichstag, Regierung in den Meistersingern.

H. sucht nach einem gebrauchten BMW-Motorrad und kauft die Maschine (eine 500er BMW). Mit seinem künftigen Schwiegervater muss er immer noch um G. kämpfen.

29. März 1933. Arbeiten. Motorrad in spe. Vergrößern¹⁴. 1 h im Bett.

18. April 1933. … auf BMW-Suche …

19. April 1933. … Motorrad! …

20. April 1933. …Mittags schnell in Stuttgart wegen Motorrad. Nichts! Hitlers Geburtstag. …

24. April 1933. Dr. Arbeit. Mittags Motorrad-Kauf. Besorgen der Papiere. Brief an Medizinalrat Gmeiner wegen G. und mir ab¹⁵. Schwierig!!.

25. April 1933. Baden. Stadt wegen Motorrad. Mittags Dr. Arbeit. Probefahrt (110 km!!). Arbeit bis 12 h.

26. April 1933. Stadt. Arbeit. Erste Fahrt mit Hindernissen. Polizeiwache. Zweiter Versuch besser. Maschine läuft toll. Dr. Arbeit. Tagebuch.

Motorrad und Motorradprüfungen werden in den nächsten Tagen noch mehrfach erwähnt. H. schließt seine Dr.-Arbeit ab, bereitet sich auf die mündliche Prüfung vor und besteht die Prüfung ‚magna cum laude’. Der zukünftige Schwiegervater stimmt der Ehe seiner Tochter mit dem Forstassessor zu. H. ist jetzt gelegentlich auch bei der SA aktiv.

1. Mai 1933. Tag der Arbeit! Gottesdienst (G!). Festzug vom Marktplatz. Fabelhaft.

10. Mai 1933. Vorläufiger Abschluß der Dr.-Arbeit. Abschicken Arbeit bis 12 h. G!!

17. Mai 1933. Dr.-Arbeit. Mischbestände verarbeiten. Abends Vortrag über ‚Reformation in der evangelischen Kirche’ (Rückert)

20. Mai 1933. … Brief von Papa. Gibt klein bei.

17. Juni 1933. ½ Jahr Forstassessor. …

2. Juli 1933. … Hitler-Jugendtag. …

10. Juli 1933. Vorbereitung aufs Mündliche …

11. Juli 1933. Dr.-Arbeit angenommen. Gesuch um Zulassung zur Prüfung. …

20. Juli 1933. … Vorbereitung. Zellenabend. Dünn! …

23. Juli 1933. Ausschlafen. Kirchenwahl. SA-Sportfest. Fein. Etwas Arbeit. Briefe.

26. Juli 1933. (wohl Prüfungstermin) … Dr. magna cum laude …

3. August 1933. … Zellenabend …

Mit seiner BMW besucht er zunächst G. in Berlin, dann seine ehemalige Referendarstelle in Schlesien und danach die Forsttagung in Breslau. Ende August 1933 tritt er seine Assistentenstelle an der Forstwissenschaftlichen Hochschule in Eberswalde an. Dort wirkt er von Anfang an sehr intensiv bei der Reiter-SA bei militärischem Drill mit. Er nimmt an einem mehrwöchigen Lehrgang in der SA-Schule Volzig teil und wird am Ende des Lehrgangs zum ‚Sturmmann’ befördert. Weihnachten 1933 verlobt er sich mit G. im Hause ihrer Eltern in Dresden.

7. August 1933. … gegen 12 h Abfahrt! (mit BMW über Nürnberg – Hof – Plauen – Dresden – nach Berlin, dort am 11. 8. bei GG. Von dort nach Cottbus – Militsch/Wischkowitz 14. 8. zu Forsttagung in Breslau)

16. August 1933. Vollversammlung. ‚Schlesien’. Ostdeutsche Kiefernwirtschaft. Aussprache. …

20. 8. über Görlitz nach Berlin, 21. 8. nach Eberswalde zur Arbeit als Assistent im Forstwissenschaftlichen Institut von Prof. Hilf.

29. August 1933. … 7.30 h Dienst SA-Reiter¹⁶.

1. September 1933. … SA-Reiter. Fußdienst!! bis 11 h.

4. September 1933. Gesuch an Forstdirektion wegen ‚Forstassessor’. Interessanter Vortrag für Arbeitsdienstkursus. …

7. September 1933. Müde. Institut. Alarm und Nachtübung bis ½11 h. G!! Müde. Deprimiert.

12. September 1933. … SA-Pferdedienst bis ½10 h. Literatur.

17. September 1933. 6.30 h Reiten. Schlechtes Pferd. …

19. September 1933. … SA-Dienst …

23. September 1933. Aussprache mit Chef. Anstellung ab 1. Oktober als Assistent!! Mit Motorrad Chorin – Biesenthal – Schiffshebewerk. Literatur.

24. September 1933. ½6 h Pferde putzen. 7 h Reiten bis 10 h. 12 h nach Berlin. G. erkältet …

25. September 1933. Brief von Hohenlohe. Baldige Vorstellung !! Aufastung. Gute Laune. Literatur.

3. Oktober 1933. Arbeit im Institut? Notgemeinschaft bewilligt¹⁷ 150.- …

4. Oktober 1933. Arbeitslager Aufsicht bei schriftlicher Arbeit. …

9. Oktober 1933. Spannung auf Besprechung … wächst. Aussicht?? – Letzte Vorbereitung. Unruhiger Schlaf. Verständlich!

10. Oktober 1933. 9 h in Berlin. 11.30 bis 13.15 h Besprechung. Daneben! Leicht mitgenommen! G. abgeholt. Stadt essen, dann bei ihr. 1 h in Eberswalde. (Was war das für eine kritische Besprechung?)

14. Oktober 1933. … Hitler-Rede (Austritt aus Völkerbund!!) auf Marktplatz bei uns!!

24. Oktober 1933. … Hitlerrede im Sportpalast (Völkerbund und Abrüstung).

30. Oktober 1933. Beginn der Aufastung im Revier mit drei Notstandsarbeitern¹⁸. Auswahl der Bestände. Arbeitsplan. Doktorarbeit¹⁹ druckfertig machen.

November 1933. … 10 bis 2 h Polizeistreife. Naß. Müde.

6. November 1933. … Dienst. Marschieren – Singen. …

7. November 1933. … Dienst. Hitler spricht. …

10. November 1933. Besorgungen. Standesamt(!). Bad. Hindenburg spricht. Dr.-Arbeit bis 12 h.

11. November 1933. Volksabstimmung (Regierungspolitik). 93% stimmen ab. 95% dafür!! Berlin, Brauweilers. Tanzen. Stadt. Bei G. Wilhelmstr. Hitler gesehen. 1 h in Eberswalde.

16. November 1933. … Dr.-Arbeit druckfertig. …

19. November 1933. … 10 h Abfahrt, Volzig²⁰ 95 km. 12 h dort. Einteilung, viele Menschen. G!!

20. November 1933. Einkleiden. Erster Dienst.

21. November 1933. Volzig. S.A. Sportschule.

6. Dezember 1933. Volzig. 1. Nachtübung.

9. Dezember 1933. Gepäckmarsch 25 km mit 25 Pfund Gepäck. Abends in Sterkow.

11. Dezember 1933. Nachtübung.

14. Dezember 1933. Besichtigung. Kalt! Kameradschaftsabend.

15. Dezember 1933. Abgeben der Ausrüstung. 15 h Abfahrt. 17 h in Eberswalde SA-Dienst. Biere bis ½2 h !!!

22. Dezember 1933. Abschluß. Diktat in Maschine. Besorgungen. Motorradfahrt nach Freienwalde mit Sturmführer. Beförderung zum Sturmmann.

24. Dezember 1933. (Fahrt mit G. von Berlin nach Dresden) 10.10 h zusammen nach Dresden. 13 h dort. Gleich „Du" mit den Eltern. Kirchgang. Verlobungsfeier. Telegramm aus Rumänien. Sehr glücklich mit G.

Die Arbeit an der Forstlichen Hochschule in Eberswalde geht weiter. Ab Jahresbeginn 1934 erwähnt H. fast an jedem zweiten Tag SA-Dienst oder Reitdienst (die späteren Eintragungen hierzu werden hier nur teilweise wiedergegeben).

2. Januar 1934. 10 h im Iffa²¹. Besprechung des Arbeitsplans. Bei Kaffee mit den Junggesellen, Aßmannshäuser!! SA-Dienst. Kommissarischer Berittführer. Tagebuch.

5. Januar 1934. … SA-Dienst. Kartenlesen.

7. Januar 1934. 8 bis 12 h SA Dienstleiter Fußdienst. …

9. Januar 1934. Im Revier. Geräteprüfung. Reiten. Zwei Stürze. Schlecht. SA-Dienst. Fußdienst.

11. Januar 1934. … Reiten 2 bis 5 h weit besser.

12. Januar 1934. Hochschule. Revier. Auswahl. Fotos. SA-Dienst. Bei Chef Besprechung (Astung).

16. Januar 1934. Revier. Aufarbeiten. Reiten. SA-Dienst. Streife als Gefreiter vom Dienst.

17. Januar 1934. Übungen. Besprechung ‚Überlegungen zur Umtriebszeit der Kiefer’ ‚Hochschultafelrunde’ mit SA-Kameraden. …

19. Januar 1934. … SA-Dienst – Hochschule …

26. Januar 1934. Reiten. SA-Dienst Nachtübung …

28. Januar 1934. Ausschlafen. Mit G. Reitturnier fabelhaft!! Abendbrot mit G. 11 h Abfahrt nach Breslau.

30. Januar 1934. ‚Jahrestag der Revolution’ …

2. März 1934. …SADienst. Vortrag über Geschichte der SA.

18. März 1934. SA-Dienst. Gepäckmarsch nach Chorin. …

Ende März 1934 stellt sich H. bei der Braunschweigischen Forstverwaltung vor und wird dort als Forsteinrichter eingestellt. Die Arbeit tritt er nach seiner Hochzeit mit G. in Dresden Anfang Juni 1934 an. Die Hochzeit in Dresden erhält eine besondere Note durch die gleichzeitige Anwesenheit des Führers in Dresden, dem die Jungvermählten eine Karte schreiben. Die Hochzeitsreise verbringen die beiden in der Sächsischen Schweiz.

27. März 1934. 9 h Vorstellung in Braunschweig. Vier Oberforstmeister und ein Finanzminister. ‚Branchenanwärter’, unter 30. …

21. April 1934. (Dresden) Standesamt!! Baumblüte bei Cossebaude.

1. Mai 1934. (Eberswalde) Tag der Arbeit. Viel stehen und marschieren. Herrlicher Tag. …

4. Mai 1934. Jagdausstellung und ‚Deutsches Volk – Deutsche Arbeit’ Berlin. SA-Dienst. …

6. Mai 1934. Schießen mit der SA. …

18. Mai 1934. Iffa. … SA-Dienst letztes Mal hier. Ehrung durch 1. Beritt. …

20. Mai 1934. Pfingsten. 1 h früh in Rathen. Wiedersehen. Bummel. Baden. Doktorfeier!!!!! Bummel mit G. und Mutti bei Weißig.

25. Mai 1934. Eberswalde. Abschiedskaffee des Instituts. Nett. Bild.

26. Mai 1934. Fahrt nach Dresden. G. holt mich ab. Mit G. und Mutti im Großen Garten.

27. Mai 1934. Lisbeth²² aus Tübingen. Mit Papa, Mutter und Lisbeth in der geschmückten Stadt. 2 h kleines Essen. 6 h Fest und Begrüßung. … Essen. … Papa nett.

28. Mai 1934. Großer Tag für G. und mich. ½6 h Fahrt zum Standesamt, feierlich. 1 h Kirche. G. an der Hand. Feierlich. Sekt. Nette Tafel. Lustig. Kaffee an rundem Tisch, mit Auto zum Hotel Bellevue (am Elbterrassenufer). Führer dort. Schönes Zimmer.

29. Mai 1934. 10 h auf. Feines Frühstück. Opernplatz abgesperrt. Uniform macht Eindruck. Hitler fuhr vorbei. Aufnahme. Mit Auto in die Wohnung, umziehen. Pirna. Schiff bis Schandau. Schön. Karte an Führer. 8 h Ostrau. Balkonzimmer. Mond.

30. Mai 1934. Ins Kirnitztal. Straßenbahn bis Lichtenfels. Kuhstall, kleiner und großer Winterberg. Schmilka. Schiff bis Schandau. Baden 14 h. Aufzug nach Ostrau. Balkonzimmer.

31. Mai 1934. Mit Schiff Königstein, Festung. Heiß. Ebenheit, Rathen (Einsiedler), Baden, mit Schiff zurück. Gleich schlafen.

1. Juni 1934. … Krippen heiß … Jagdhäuschen, Bad, Nölligmühle. Täubchen zum Abendbrot.

2. Juni 1934. 7 h Schiff ab Schandau bis Dresden. Stadt. Mutter und Lisbeth reisen ab. 3 h bei Päßler fotografieren.

3. Juni 1934. 7 h auf. ½1 h Fahrt nach Braunschweig. Speisewagen. 5 h in Braunschweig. Abholung durch Kurt Koßwig²³. Wolfenbüttel, nette Aufnahme. Schloß. Stadt. Bis 11 h zusammen.

Die Arbeit beim Braunschweigischen Forsteinrichtungsamt beginnt. H. führt ab jetzt Forsteinrichtungsarbeiten in den Forstämtern des Landes Braunschweig durch. Erwähnt werden in den Tagebüchern u.a. Gandersheim, Hann. Münden, Harz, Andreasberg, Solling, Gahrenberg, Garlebsen, Einbeck, Kreiensen, Ippensen, Erzhausen, Bruchhof, Dassel/Solling, Neuhaus, Holzminden, Warbsen.

Im Sommer 1934 häufen sich die politischen Ereignisse. Bei der sog. ‚Röhm-Revolte’ wird der oberste SA-Führer Röhm erschossen. Der österreichische Bundeskanzler Dollfuß wird bei einem nationalsozialistischen Putschversuch erschossen. Hindenburg stirbt und wird in einem Staatsakt am Schlachtendenkmal Tannenberg beerdigt. Reichswehr (ab 1935: Wehrmacht) und SA werden auf Hitler (persönlich) vereidigt.

4. Juni 1934. Meldung bei Forstabteilung. Bei F.E.A.²⁴ eingesetzt. G. bringt mich nachmittags ins Amt und holt mich abends ab.

5. Juni 1934. G. hat Geburtstag. Neue Lage (welche?) beschäftigt mich. Mokkastube Eis. Bis 11 h gemütlich zusammen.

6. Juni 1934. Im F.E.A. beamtenfreier Nachmittag. Zusammen in Braunschweig.

7. Juni 1934. Mit Auto der Fewa nach Gandersheim. Vorbereitung.

30. Juni 1934. … Röhm-Revolte!²⁵ Beeindruckt.

1. Juli 1934. Bummel. Arbeit. 4 bis 10 h Dassel – Solling – Neuhaus – Holzminden – Warbsen – … Fabelhafte Landschaft. Aber G!!! Röhm erschossen.

10. Juli 1934. … G. kommt zurück. Frohes Wiedersehen. … Glücklich.

26. Juli 1934. … Putsch in Österreich. Dollfuß²⁶ erschossen.

2. August 1934. Kreiensen. Hindenburg tot. Gefallenengedenkfeier am Denkmal. Mit (Kollegen) Abendschoppen.

4. August 1934. Essen bei Rose, erst Forstamt Gandersheim – Beulshausen – Pastorenbank. Glockengeläut für Hindenburg.

5. August 1934. Früh nach Gandersheim. Trauergottesdienst. Grüner Jäger. Bad im Hitlerbad. Bummel in den Heinrichsgrund.

6. August 1934. Beulshausen. Hitlerparade für Hindenburg vor dem Reichstag. Bad im Kreienser Bad. Frisch.

7. August 1934. Beulshausen. Radio: Hindenburgs Beisetzung in Tannenberg. Kreiensen. Bad.

19. August 1934. Arbeit. Rose. Taubergkanzel. Hitler mit 90% „Führer des deutschen Reichs".

28. August 1934. ¼ Jahr verheiratet! Vereidigung auf Adolf Hitler²⁷. …

Ab Mitte September 1934 haben H. und G. endlich eine Wohnung in Braunschweig und ziehen dort mit Möbeln aus Dresden ein. Das Saargebiet kommt nach 15 Jahren wieder an das Deutsche Reich zurück.

2. September 1934. Geländefahrt der ADAC-SA und Reichswehr. Fein. …

13. September 1934. G. sucht vergebens Wohnung (in Braunschweig). …

15. September 1934. … Wohnung am Leonhardplatz gemietet. Froh. …

30. September 1934. Bückebergtag: mit Kraftwagen Hildesheim (Führer) – Alfeld – Hils … Feine Fahrt. …

2. November 1934. Wohnung. Möbel aus Dresden kommen. …

11. Dezember 1934. Fewa²⁸. G. begleitet mich bis Kohlmarkt. Besprechung wegen Militärdienst. …

12. Dezember 1934. Fewa. Schmidt besichtigt Gewehre. Stadtbummel. Müde.

15. Dezember 1934. Fewa. Nachmittags mit G. bei Übergabe des Wildes an das Winterhilfswerk am Vollmarkt.

16. Dezember 1934. Ausschlafen. Mit G. in Morgenfeier zum Advent: Marienlegende und ‚Lanzelot und Sanderein’. Schön. Eintopfsonntag (Gewandhaus).

31. Dezember 1934. Silvester. Abends 5 h auf Entenjagd. 7 h dürftige Dompredigt. Sehr nett Silvester gefeiert. Glühwein. Pfannkuchen. Glücklich.

15. Januar 1935. Saargebiet kommt zurück²⁹. Herrliches Wetter. Ippensen, Garlebsen Glockenläuten, Beulshausen. ½11 h wieder zurück.

23. Februar 1935. Fewa. … 16 h nach Hannover. Mit Forstabteilung Cafe – Abendbrot. Beamtenkundgebung. Sehr gut. … 3 h zu Hause. Todmüde.

2. März 1935. Fewa. Wehen. Spaziergang mit G. Schlagsahne und Ananas. ½11 h Marienstift bis 11½ h dort. Anfangs unruhiger, dann tiefer Schlaf.

Das erste Kind (Hartmut) wird im März 1935 geboren. Der Knabe gefällt dem Vater (zunächst) nicht und nervt ihn mit seinem Geschrei. Hitler-Reden im Rundfunk sind wichtige Ereignisse, die man sich bei Bekannten anhört, wenn man selbst kein eigenes Radio hat.

3. März 1935. Hartmut kommt ½5 h an. Anruf erst ½8 h, da langer Schlaf. Glückliches Wiedersehen. Vor sieben Jahren lernten wir uns kennen. Hartmut gefällt mir nicht.

11. März 1935. Fewa. Besuch bei G. Fewa-Herrenabend bei mir … Zu wenig Bier, aber nett.

12. März 1935. Leichter Kater. G. wird entlassen. Autofahrt. Viel Anrufe. Bub schreit viel. Ich flüchte.

13. März 1935. Urlaub. Große Unruhe. Bub schreit viel. Ich komme nicht zum Arbeiten. G. hat viel Arbeit.

10. April 1935. Fewa. Beamtenvorstellung ‚Triumph des Willens’³⁰. Großartig. …

1. Mai 1935. Maifeier. SA-Feld. Kalt. … Viel Schnaps und Bier in einem Zelt mit Staatsministern zusammen vergnügt …

20. Mai 1935. Fewa. Hauungsabrechnung. Kreditaufnahme. Gesuche um Beihilfe. Kassenstand übel.

21. Mai 1935. Fewa. Abends bei Krechs Hitlers große Rede zur Außenpolitik gehört. Sehr gut.

H. erfährt vom Tod seines Vaters in Rumänien. Wenig später kommt auch die Nachricht, dass sein in Rumänien als Chemiker in der Erdölindustrie arbeitender Bruder (und Schweizer Staatsbürger) Georg dort (wohl grundlos) zu langer Zwangsarbeit verurteilt worden ist. H. versucht, ihm über die Schweizer Gesandtschaft in Berlin zu helfen. Georg kommt später wieder frei und kann in die Schweiz zurückkehren.

30. Juni 1935. Nachricht von Vaters³¹ Tod!! …

6. Juli 1935. Außendienst. Abends beim SA-Konzert in Grieps. Regnerisch und kalt.

22. Juli 1935. … G. kommt mit Nachricht, daß Georg³² zu fünf Jahren Zwangsarbeit verurteilt ist. Erschüttert. Gesuche und Berichte an Schweizer Behörden und Verwandte.

29. Juli 1935. Früh nach Berlin zur Schweizer Gesandtschaft wegen Georg. Bericht. Dann bei Binder. 8 h wieder in Wegenstedt. G. kommt mir entgegen. Glücklich. (Hans B. ist in diesen Monaten im Außendienst zur Forsteinrichtung und wohnt mit G. und Hartmut in Calvörde.)

15. September 1935. … Hitlerrede gehört aus Nürnberg. Memelland!! … Sowjetpakt³³.

12. Oktober 1935. 4 h vom Ratskeller zurück, dann mit Fischer zum Born. Erledigt. Nach Rückkehr Kotzen. Bub steht im Bett und lacht. … viel Schlaf …

28. Oktober 1935. Zurück nach Calvörde. G. fährt mit Bub nach Dresden. Tolle Fahrt, weil Bub sehr lebhaft.

Für 1935 gibt es keine Einträge mehr nach dem 28. Oktober. Für die Jahre 1936 bis einschließlich 1938 finden sich im Nachlass von H. keine Tagebücher. Am 24. April 1936 wird Sohn Ulf, am 14. August 1938 Tochter Uta geboren. Vom 4. 1. bis 29. 2. 1936 leistet H. eine Dienstzeit bei der 3. (M.G.) Kompanie des Ergänzungsbataillons E.B. 56 in Braunschweig ab.

Erst für 1939 liegt wieder ein Tagebuch vor. H. wird Ende 1938 an das (damals Preußische) Forsteinrichtungsamt in Kassel versetzt. Die Familie zieht im Februar 1939 von Braunschweig nach Kassel um. Am 1. März 1939 wird H. zum Forstmeister ernannt. In den nächsten Monaten ist H. bis auf die Wochenenden in Kassel ständig zur Waldarbeiterschulung in Rhoden und Umgebung. Meist ist er mit seinem BMW-Motorrad unterwegs. Höhepunkte des Sommers 1939 sind der Führerbesuch beim Reichskriegertag in Kassel sowie die Teilnahme an der ‚Tagung des deutschen Forstmanns’ mit Jagdfrühstück bei ‚Reichsjägermeister’ Göring.

Für die Zeit in Braunschweig und Kassel finden sich nur wenige Hinweise auf SA- oder NSDAP-Tätigkeiten. H. war jetzt anscheinend viel zu stark beruflich eingespannt und außerdem im Außendienst auf Dörfern tätig (Calvörde, Rhoden u.a.).

Im August verschärft sich die durch Hitler hervorgerufene gespannte Lage in Europa. Man erwartet nun die militärische Mobilmachung und Krieg.

1. Januar 1939. Silvesterfeier in der Braunschweiger Wohnung mit G., Mutter³⁴ und Frl. v. Reibnitz. Eisenbahnspiel mit Hartmut und Ulf. Lesen. Georg hat feste Stellung in Brugg.

2. Januar 1939. Besorgungen Stadt Braunschweig. 9.46 h nach Kassel mit Gertraude und Uta zwecks Wohnungssuche. … F.E.A.

3. Januar 1939. Dienst in F.E.A. Kassel. G. auf Wohnungssuche. Schlecht!

14. Januar 1939. … Wohnung in der Kölnischen Straße für 1. 2. ist fest. …

30. Januar 1939. … Führerrede im Reichstag. Großartig.

3. Februar 1939. Übernahme der Wohnung in der Kölnischen Straße 163, die neu hergerichtet wird. Tapeten aussuchen. Bummel.

14. Februar 1939. 7 bis ½8 h Verladen des Restes. 8 bis ½10 h im Bahnhof Frühstück. ½10 bis ½1 h Fahrt nach Kassel. 2 bis 4.30 h Ausladen. Hat alles gut geklappt.

1. März 1939. Ernennung zum Forstmeister. 11 h nach Rhoden zur Vorbereitung von Einrichtungslehrgängen. 2 bis 7 h im Wald. Über Nacht in Dehausen.

5. März 1939. Sammeln für Winterhilfswerk in Wilhelmshöhe zwischen 9 und 13 h. …

23. März 1939. Höhenmessen und Beschreibung im Eichholz. Der Führer in Memel. Nachmittags im Stock. Lesen. Radio.

20. April 1939. Führers Geburtstag. Waldgang mit einigen Referendaren im Eichholz. Rückfahrt nach Kassel. Referat für Berlin (Forsteinrichtung und Marktordnung).

28. April 1939. … 12 bis 14.30 h Führers Antwort an Roosevelt. Bis ½6 h Waldbegang. Schlußfeier bis 2 h !!!

1. Juni 1939. F.E.A. Nachmittags nach Dehausen. Begrüßung zwei sudetendeutscher Einrichter und Einweisung. Gute Unterhaltung.

3. Juni 1939. Herrlicher Tag am Edersee (mit G. auf BMW). Sperrmauer. Waldeck. Scheid (Essen). Strandbad!! Wildungen. Fritzlar! … 19 h Kassel. Reichskriegertag.

4. Juni 1939. Vergebliches Warten auf den Führer am Bahnhof und in Wilhelmshöhe³⁵. …

28. Juni 1939. (am 25. 6. nach Berlin zur ‚Tagung des deutschen Forstmanns’) … Jagdfrühstück bei Hermann Göring³⁶ am Werbellinsee. Prima. Abends Sommerfest bei Kroll. Viele Bekannte.

9. Juli 1939. Wanderung mit G. von Fürstenwald – Fliegerlager – Dörnberg – Ahnatal – Harleshausen. Erfrischendes Bad. ½8 bis ½3 h.

23. Juli 1939. Wiederholungsübung für SA-Sportabzeichen zu Hause. Abends mit G. im Kino.

3. August 1939. Außenarbeiten in Gruppen (Lehrgang in Rhoden). Vortrag über den Osten (Polen, Siebenbürgen, Ungarn usw.). Sehr gut.

23. August 1939. F.E.A. Referat. Briefe. Pakt Berlin – Moskau!³⁷ Neue Lage.

25. August 1939. Schlußbereisung Riefensbeek. Schönes Revier. Abends Hirschpürsch. 10 bis 11 h Schlußbesprechung. Gespannte Lage. Mobilmachung?

26. August 1939. … gespannte Lage.

Erinnerung H:

Als H. und G. mit ihren jetzt drei Kindern (Hartmut, geb. 1935, Ulf, geb. 1936, Uta, geb. 1938) nach Kassel zogen, war ich also drei Jahre alt. An Braunschweig habe ich kaum Erinnerungen, aber zwei haben sich mir besonders eingeprägt, und beide haben mit dem zu tun, was nun die Menschen immer mehr beschäftigte: die ständig und überall anzutreffenden Aktivitäten der Nationalsozialisten und der bevorstehende Krieg.

Die eine Erinnerung: senfbraune Uniformen, eckige Schildmützen, Reithosen über braunen Schaftstiefeln, Hakenkreuzarmbinden, Militärmusik – militärische Übungen der SA auf dem Braunschweiger SA-Feld. Vielleicht hatte uns H. zu einer seiner Übungen mitgenommen.

Die andere Erinnerung: Ein grelles, fauchendes Licht. Zwei Männer in Arbeitsanzügen machen sich an dem hohen Eisengitterzaun vor dem Haus zu schaffen, in dem wir (noch in Braunschweig) eine Wohnung im Erdgeschoss haben. Das Licht zertrennt die Stahlpfosten knapp über dem fußhohen Mauersockel; Funken fliegen über Rasen und Bürgersteig. Das Eisengitter wird Stück für Stück abgenommen. Jemand erklärt mir, dass Deutschland Kanonen brauche, um Krieg zu führen gegen böse Feinde, die ihm Land weggenommen hätten, und dass man daher jetzt überflüssige Eisengitter in nützliche Kanonen verwandeln müsse.

Und dann eine andere Erinnerung, jetzt aus Kassel, aus dem Sommer vor Kriegsbeginn. Wir hatten – wie alle Nachbarn auch – eine Hakenkreuzfahne. Sie musste an manchen Feiertagen in eine Fassung an einem Fenster zur Straße gesteckt werden. Alle Wohnungen in allen Häusern trugen dann Fahnenschmuck. Einmal war die Stadt ein Meer aus Hakenkreuzfahnen; die Straßen waren voll mit Uniformierten; es war wohl der Reichskriegertag in Kassel im Juni 1939. In meiner Erinnerung verbindet sich das mit dem langsamen Überflug eines riesigen Zeppelins, der damals Kassel seinen Besuch abstattete.


¹ Hans von Seeckt (1866-1936), Generaloberst (Reichswehr) und Politiker in der Weimarer Republik

² Eduard Graf v. Keyserling, Schriftsteller 1855-1918

³ Film über den Gebirgskrieg zwischen Italien und Österreich im 1. Weltkrieg

⁴ ‚Stahlhelm’ war nationalistisch-militärische Vereinigung, vor allem ehemaliger Soldaten aus 1. Weltkrieg

⁵ Hauptmark, Trier: Ort wüster SA-Schlägereien seit 1931 (unklar, ob dies gemeint ist)

⁶ Hinweis auf ‚Katastrophe 1940’ auch in den folgenden Tagen. Zukunftsroman von Karl Kossak- Raytenau

⁷ Romain Rolland, französischer pazifistischer Schriftsteller, 1888-1944

⁸ Der als ungerecht empfundene Versailler Vertrag von 1919, der Deutschland Gebietsabtretungen und Kriegsreparationen auferlegte.

⁹ Internationaler Gerichtshof des Völkerbunds in den Haag

¹⁰ Joseph Fouché (1759-1820), französischer Politiker während der französischen Revolution und Polizeiminister in der Kaiserzeit und Restauration

¹¹ das Ministerkabinett des Reichskanzlers Hitler

¹² Georg Bossel, Bruder von Hans B, lebte damals in Rumänien und war verheiratet mit Natascha, einer Russin.

¹³ H. war mit Skikurs am Arlberg

¹⁴ H. fotografierte viel mit seiner Plattenkamera mit Mattscheibe und entwickelte die Bilder auf den Glasplatten selbst.

¹⁵ Der Vater von G. (Dr. Kurt Gmeiner) – später „Papa" genannt – hatte wegen Altersunterschied von der Heirat abgeraten – G. war sieben Jahre älter als H.

¹⁶ Laut Lebenslauf Eintritt in Reiter-SA am 1. 8. 1933.

¹⁷ wohl Assistentengehalt für H.

¹⁸ Arbeitsbeschaffungsprogramm wegen der hohen Arbeitslosigkeit

¹⁹ Hans Bossel: Aufteilung und Ausformung – Untersuchungen zur Frage der natürlichen Bestandesausscheidung der Holzarten. Tübingen: E. Göbel 1934.

²⁰ wohl: Wolzig, etwa 50 km südöstlich von Berlin-Mitte. H. ist bis 15. Dezember 1933 in der SA-Sportschule. Das jüdische Erziehungsheim Wolzig wurde 1933 von der SA überfallen und in eine SA-Schule umgewandelt.

²¹ Institut für forstliche Arbeitslehre, Prof. Hilf

²² Schwester von Hans B.

²³ Curt Kosswig (1903-1982), Professor (Zoologe) in Braunschweig, 1937 emigriert (wohl weil Nazis die Promotion seiner jüdischen Studenten nicht zuließen) nach Istanbul, dort Professor. Hat sich dort zusammen mit seiner Frau Eleonore (Schulfreundin von G.) um die Erforschung von Flora und Fauna der Türkei verdient gemacht. War Patenonkel von Hartmut Bossel.

²⁴ F.E.A. = Forsteinrichtungsamt

²⁵ Röhm war Chef der S.A. Wurde nach einem angeblichen Putsch von Hitler liquidiert, insgesamt 77 (Nazi-Zählung) bzw. 401 Opfer (französische Quelle), die ermordet oder hingerichtet wurden.

²⁶ österreichischer Bundeskanzler, bei nationalsozialistischem Putschversuch erschossen.

²⁷ Vereidigung der Reichswehr auf Hitler persönlich ab 2.

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