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Pierre Bourdieu und die Kulturwissenschaften: Zur Aktualität eines undisziplinierten Denkens

Pierre Bourdieu und die Kulturwissenschaften: Zur Aktualität eines undisziplinierten Denkens

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Pierre Bourdieu und die Kulturwissenschaften: Zur Aktualität eines undisziplinierten Denkens

Länge:
576 Seiten
6 Stunden
Freigegeben:
Mar 5, 2015
ISBN:
9783864968044
Format:
Buch

Beschreibung

Obwohl Pierre Bourdieu in den letzten drei Jahrzehnten international zum meistzitierten Sozialwissenschaftler aufgestiegen ist, zeichnet sich erst in den letzten Jahren auch eine Öffnung zu kulturwissenschaftlichen Themenstellungen in seinem Werk ab. Diesen Impuls aufgreifend, nähert sich der vorliegende Band der Bourdieu‘schen Theorie aus einer genuin kulturwissenschaftlichen Perspektive. Dementsprechend liegen die inhaltlichen Schwerpunkte auf der Kontextualisierung der Bourdieu‘schen Soziologie mit dem Poststrukturalismus und der Tradition der Vernunftkritik sowie der Ausarbeitung einer praxistheoretisch-ethnographischen Methodologie.
Darüber hinaus werden die in der soziologischen Bourdieu-Rezeption bisher wenig diskutierten kulturwissenschaftlichen Themen wie mediale Repräsentation, Populärkultur, Postkolonialismus und Globalisierung mit Pierre Bourdieu und zugleich über ihn hinausgehend theoretisch gefasst und analysiert.
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Mar 5, 2015
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9783864968044
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Buch

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Pierre Bourdieu und die Kulturwissenschaften - UVK Verlagsgesellschaft

Autoren

Vorwort

Den Ausgangspunkt des Sammelbandes bildet ein gemeinsam von der Fachgruppe Soziologie der Universität Konstanz, dem Konstanzer Exzellenzcluster 16 »Kulturelle Grundlagen von Integration« sowie der Kulturwissenschaftlichen Abteilung der Universität St. Gallen getragenes wissenschaftliches Begleitprogramm zur Fotoausstellung »Zeugnisse der Entwurzelung – Pierre Bourdieu in Algerien« (Bourdieu 2009). Ein Teil der Beiträge entstammt einer an der Universität Konstanz durchgeführten Ringvorlesung, in der die Aktualität von Bourdieus undiszipliniertem Denken aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet wurde (konzipiert von Daniel Šuber). Ein weiterer Teil der Beiträge ist im Kontext von drei eintägigen Workshops entstanden, die verschiedene Aspekte von Bourdieus Gebrauch der Fotografie im Rahmen seiner Forschungsarbeit in Algerien adressierten sowie daran anschließende Fragestellungen in unterschiedliche Richtungen erweiterten: »Den Blick erwidern. Visuelle Konstruktionen des Fremden« (konzipiert von Patricia Holder und Sophia Prinz), »Zwischen Dokumentation und Interpretation. Zum Gebrauch der Fotografie in Soziologie und Ethnologie« (konzipiert von Hilmar Schäfer) sowie »Geschlecht und Herrschaft« (konzipiert von Mareike Clauss). Darüber hinaus wurden weitere Autorinnen und Autoren eingeladen, sich an dem vorliegenden Sammelband zu beteiligen. Den Teilnehmerinnen und Teilnehmern an diesen Veranstaltungen möchten wir ebenso unseren Dank aussprechen wie den zahlreichen Mitwirkenden und Interessierten.

Es sei zunächst Thomas Hinz und Franz Schultheis für ihre Initiative gedankt, die Fotoausstellung in Konstanz und St. Gallen zu zeigen sowie die Kooperation zwischen der Kulturwissenschaftlichen Abteilung der Universität St. Gallen und der Universität Konstanz zu ermöglichen. Der Exzellenzcluster »Kulturelle Grundlagen von Integration« hat nicht nur die Veranstaltungsreihe, sondern auch die Publikation finanziell ermöglicht. Hendrik Stary danken wir herzlich für seine sorgfältige Lektüre der Beiträge sowie deren formale Überarbeitung und die Erstellung der Druckvorlage. Schließlich sei Ulf Wuggenig für seine wertvollen Anregungen und Kommentare gedankt.

Sophia Prinz

Hilmar Schäfer

Daniel Šuber

Frankfurt (Oder) und Luzern, Februar 2011

Sophia Prinz/Hilmar Schäfer/Daniel Šuber

Einleitung. Kulturwissenschaftliche Impulse und kritische Re-Lektüren von Pierre Bourdieus Soziologie

Obwohl Pierre Bourdieu in den letzten drei Jahrzehnten international zu einem der meistzitierten Sozialwissenschaftler aufgestiegen ist und somit unbestritten als ein neuer Klassiker der Soziologie gelten kann, ist das empirische und theoretische Potential seiner umfangreichen und vielfältigen Arbeiten längst nicht ausgeschöpft. So hat sich die soziologische Rezeption anfänglich vor allem für diejenigen Konzepte und Forschungsfelder interessiert, die Bourdieu in seinem wohl einflussreichsten Werk Die feinen Unterschiede (1982) herausgearbeitet hatte, und viele kleinere und größere Nebenlinien seiner Forschung sowie disziplinübergreifende Impulse und Interessen weitgehend unbeachtet gelassen.

Im deutschsprachigen Raum konzentrierte sich die Beschäftigung mit Bourdieu zunächst vor allem auf die Ungleichheits- (Vester u.a. 1993; Herz 1996; Engler/Krais 2004) und Lebensstilforschung (Mörth/Fröhlich 1994; Müller 1997; Georg 1998) sowie die Bildungs- und Elitensoziologie (Krais 2001; Hartmann 2002).¹ Durch die initialen Beiträge von Interpreten wie Axel Honneth (1984), Hans-Peter Müller (1986) und Klaus Eder (1989) wurde das genuin kultursoziologische Profil der Bourdieu’schen Theorie gegenüber der deutschen an Weber orientierten Kultursoziologie, die seit Ende der 1970er Jahre revitalisiert wurde (Gilcher-Holtey 1996: 125ff.), ins Spiel gebracht.² Neu in die deutschsprachige Diskussion kam damit die »Frage nach der Erklärung von Verhaltensregelmäßigkeiten sozialer Gruppen und ihrer dauerhaften Prägung durch Wahrnehmungs- und Verhaltensdispositionen sowie Lebensstildifferenzierungen« (Gilcher-Holtey 1996: 129). Darüber hinaus haben einige Vertreter der Kultursoziologie Bourdieus spätere Feldanalysen aufgegriffen, um die internen Logiken und Strukturmerkmale einzelner Felder der kulturellen Produktion zu untersuchen (Jurt 1995; Behnke/ Wuggenig 1994; Bogusz 2005). In Analogie zu Bourdieus eigenem analytischen Interesse an den symbolischen Kämpfen in der Sphäre der Hochkultur, haben sich diese feldtheoretischen Studien vor allem auf die Analyse der Kunst und Literatur konzentriert und die strukturhomologen Mechanismen und Strategien in populärkulturellen Feldern weitgehend außer Acht gelassen.

Gegenüber diesen klassischen Positionen, die sich relativ eng an Bourdieus soziologischen und kulturtheoretischen Kernkonzepten und Analysegegenständen orientieren, zeichnen sich seit einiger Zeit zwei miteinander verschränkte Tendenzen ab, die bisherige Grenzziehungen hinter sich lassen und die Bourdieu-Rezeption in eine stärker kulturwissenschaftlich orientierte Lesart überführen. So wird erstens Bourdieus Ansatz zunehmend auch in kulturwissenschaftlichen Disziplinen – wie etwa der Literatur-, der Medien-und der Geschichtswissenschaft – aufgegriffen und mit den jeweiligen disziplinspezifischen Diskursen und Theorievokabularen verknüpft.³ Hier konstituiert sich somit ein Interesse am analytischen Potential von Bourdieus Theorie außerhalb der Soziologie, das unter anderem durch seine Arbeiten zu den Feldern kultureller Produktion angeregt zu sein scheint.

Parallel dazu zeichnet sich zweitens auch innerhalb der Soziologie eine neuere Rezeptionslinie ab, die sich gegenüber einer Vielzahl von kulturellen Phänomenen und Themenkomplexen öffnet, die bisher genuin kulturwissenschaftliches »Terrain« darstellten. Damit wird sie zum einen den vielfältigen Themen und disziplinübergreifenden Fragestellungen, die Bourdieus Werk seit jeher immanent waren, stärker gerecht (Hillebrand u.a. 2006). Zum anderen werden theoretische Konzepte und Vokabulare aus der Werkzeugkiste der Kulturwissenschaften, die insbesondere von ihrer Rezeption des Poststrukturalismus geprägt sind, mit Bourdieus theoretischer Position ins Gespräch gebracht. Diese kulturwissenschaftlichen Impulse bestehen auch in einer stärkeren Betonung der praxeologischen Dimension von Bourdieus Sozialtheorie gegenüber einer sozialstrukturellen Lesart, wodurch der Begriff der Praxis ins Zentrum der soziologischen Betrachtung rückt (Erbrecht/ Hillebrandt 2002; Reckwitz 2003). Entgegen einer klassisch »strukturalistischen« Lesart, die sich vor allem für übersubjektive Klassenstrukturen und Feldlogiken interessiert, versucht eine solche Perspektive, die Bedeutung der alltäglichen, routinisierten Praxisformen und Deutungsweisen der Akteure stärker zu betonen. In diesem Zusammenhang treten auch die soziale Formung des Körpers und die praxiskonstitutive Wirksamkeit von medialen Symbolsystemen sowie materiellen und visuellen Artefakten deutlicher als bisher in den Fokus.

Sowohl die verstärkte disziplinübergreifende Auseinandersetzung mit Bourdieu als auch die heuristischen Verschiebungen innerhalb der Soziologie bewirken, dass die soziologische Bourdieu-Rezeption sich neuen Forschungsfeldern zuwendet und Bourdieus Konzepte zunehmend einem kritischen Gebrauch und einer Kontextualisierung mit anderen theoretischen Positionen unterzieht. Diesen Impuls hin zu einer kulturwissenschaftlich und praxistheoretisch gewendeten Bourdieu-Lektüre innerhalb der Soziologie aufgreifend, nähert sich der vorliegende Band der theoretischen Rekonstruktion und empirischen Vertiefung verschiedener Aspekte der Bourdieu’schen Theorie, die in der Soziologie bisher noch wenig behandelt worden sind. Einen ersten Schwerpunkt bildet die Kritik an der strukturalistischen Engführung von Bourdieus Konzepten und die theoretische Fundierung eines praxistheoretischen Vokabulars, das demgegenüber die genuine Wandelbarkeit, Inkonsistenz und Instabilität von sozialen Strukturen, kulturellen Bedeutungsregimen und Machtverhältnissen betont. Wie sich in vielen Beiträgen des vorliegenden Bandes abzeichnet, stößt dabei Bourdieus eigenes Theorie- und Methodeninstrumentarium, das in erster Linie darauf ausgelegt war, die Reproduktion sozialer Strukturen zu erklären, an seine Grenzen und muss daher unter anderem mit Impulsen aus dem Poststrukturalismus sowie medien-, körper- und artefakttheoretischen Ansätzen verknüpft und um ethnographische sowie bildanalytische Methoden ergänzt werden. Anschließend an diese theoretisch-konzeptuelle Re-Lektüre von Bourdieu widmet sich ein zweiter Fokus des vorliegenden Bandes der Analyse von Phänomenen und Feldern, die von Bourdieu selbst und der bisherigen soziologischen Bourdieu-Rezeption nur peripher behandelt worden sind. Zu diesen bisher wenig beleuchteten Gegenstandsbereichen gehören u.a. die praxis- und wissenskonstitutive »symbolische Macht« von medialen und visuellen Repräsentationsformen, die intersektionale Verschränkung von Geschlechts- und Klassenhabitus, die (Re)Produktionslogiken von popkulturellen Feldern und die »Popularisierung« von hochkulturellen Feldern sowie die gesellschaftlichen Verhältnisse unter den Bedingungen von Postkolonialismus und Globalisierung.⁵Den Abschluss des Sammelbandes bilden Beiträge, die aus einer wissenschaftstheoretischen Perspektive Bourdieus Positionierung gegenüber den Geistes- und Kulturwissenschaften reflektieren.

I. Zwischen Strukturalismus und Poststrukturalismus

Am Beginn von Pierre Bourdieus intellektueller Entwicklung steht seine Konversion vom gelernten Philosophen zum ethnologisch forschenden Sozialwissenschaftler während seines Aufenthalts in Algerien. Wie Franz Schultheis in seinem Beitrag aufzeigt, dient ihm dabei die strukturalistische Anthropologie Lévi-Strauss’, die einen herausragenden Impuls für die kulturwissenschaftliche Neuorientierung der Geistes- und Sozialwissenschaften darstellt, als ein zentraler theoretischer Referenzpunkt. Bourdieu entwickelt in Auseinandersetzung mit und in Abgrenzung von Lévi-Strauss die wichtigsten Grundelemente seiner sozialtheoretischen Position.

Im Zuge seiner Kritik am strukturalistischen Paradigma ist es Bourdieus Ziel, einige zentrale Limitationen dieses Denkens zu überwinden und es um eine temporale Dimension zu ergänzen sowie insbesondere »die leibhaftigen Akteure wieder ins Spiel [zu] bringen« (Bourdieu 1992: 28), also mit dem Habitusbegriff ein Konzept für die Verkörperung sozial konstituierter und kollektiv geteilter Schemata des Wahrnehmens, Denkens und Handelns in die Sozialtheorie einzuführen. Ein Teil der Beiträge des Bandes wählt diese Strukturalismuskritik zum Ausgangspunkt für verschieden gelagerte Anschlüsse. So kontrastiert Andreas Reckwitz Bourdieus Analyse der sozialen Konstitution von Habitus und Subjektivität mit dem poststrukturalistischen Subjektbegriff von Michel Foucault, der sowohl Parallelen als auch Differenzen zu Bourdieus Theorie aufweist und somit andere Aspekte sozialer Subjektivierung sichtbar machen kann. Der Aufweis des komplementären Verhältnisses der beiden Positionen eröffnet des Weiteren die Frage nach ihrer Leistungs- und Erweiterungsfähigkeit im Kontext zukünftiger Forschungsprogramme der Subjektanalyse.

Auch Hilmar Schäfer öffnet Bourdieus Ansatz gegenüber poststrukturalistischen Positionen, aber leitet diese theorieimmanent aus einer eingehenden Lektüre von Bourdieus Distanzierungsbemühungen gegenüber dem Strukturalismus und einer davon ausgehenden Verschiebung seiner Kategorien ab. Wie Schäfer herausstellt, lassen sich auf diese Weise, mit und gegen Bourdieu, die Homogenisierungstendenzen seiner sozialtheoretischen Konzeptualisierung überwinden, um entgegen eines vorherrschenden deterministischen Verständnisses die Wandelbarkeit der Praxis theoretisch stärker fassen zu können.

II. Praxeologische Analysestrategien

Die Strukturalismuskritik trifft sich mit der Konstitution eines disziplinüberschreitenden practice turn in der Sozialtheorie (Schatzki/Knorr Cetina/ Savigny 2001; Reckwitz 2003), der die praxeologischen Aspekte von Pierre Bourdieus Arbeiten verstärkt in den Blick geraten lässt. Robert Schmidt diskutiert in seinem Beitrag aus einer epistemologischen Perspektive die Spezifität von Bourdieus praxeologischer Erkenntnisweise, die in einer Re-Lektüre des Entwurfs einer Theorie der Praxis herausarbeitet wird. Die sich daraus ergebenden methodologischen Konsequenzen verdichtet Schmidt zu Konturen einer als »Praxeographie« verstandenen Forschungshaltung. Entgegen der oben skizzierten bisherigen Rezeptionstendenzen schlägt er schließlich eine praxeologische Lesart von Bourdieus Die feinen Unterschieden vor, an die in empirisch-kulturwissenschaflichen Analysen angeschlossen werden kann.

Eine Verbindung der praxeologischen und der ethnographischen Perspektive kennzeichnet ebenfalls den Beitrag von Herbert Kalthoff, in dem die Leistungsfähigkeit von Bourdieus Arbeiten für die Bildungsforschung reflektiert wird. Im Anschluss daran wird die Bildungssoziologie durch Entwicklungen aus den Social Studies of Science und den Science and Technology Studies ergänzt, um über Bourdieu hinausgehend insbesondere die Artefaktdimension in die Analyse sozialer Praktiken einzubeziehen. Auf diese Weise kann die Materialität schulischer Praktiken zum Gegenstand einer soziologischen Erforschung des »Humanlabors Schule« werden. Frank Hillebrandt plädiert in seinem Beitrag dafür, das praxeologische Potential von Bourdieus Theorie, das er noch nicht vollkommen ausgeschöpft sieht, mit der Perspektive der Cultural Studies auf kulturelle Praktiken in Beziehung zu setzen, die Bourdieus eindeutiger Trennung von Hoch- und Populärkultur kritisch gegenüberstehen. In einer Diskussion ihrer Parallelen und Differenzen arbeitet Hillebrandt die Bedeutung der Cultural Studies für die sich gegenwärtig konstituierende soziologische Praxistheorie heraus.

III. Mediale Repräsentation und symbolische Gewalt

Im Zuge des transdisziplinären visual turn in den Kultur- und Sozialwissenschaften hat sich die Bourdieu-Rezeption in den letzten Jahren der Analyse visueller Kulturen zugewandt. In diesen Debatten geht es erstens darum, Bourdieus relativ unsystematischen Gebrauch von visueller Datengewinnung und Visualisierungsformen erstmals aufzuarbeiten und zu reflektieren (Bismarck/Kaufmann/Wuggenig 2009). Wichtige Anknüpfungspunkte bieten hierfür insbesondere die rund 3000 ethnographischen Fotografien, die Bourdieu während seines Algerienaufenthalts in den 1960er Jahren gemacht hatte (Bourdieu 2009), um sowohl den Prozess der gewaltsamen Modernisierung zu dokumentieren als auch seine eigene Erforschung zur kabylischen Gesellschaft zu unterstützen.⁶ Neben diesen werkimmanenten Auseinandersetzungen gibt es in den letzten Jahren zunehmend Versuche, Bourdieus Theorieinstrumentarien um bild- und medienanalytische Aspekte zu erweitern, um so die von Bourdieu weitgehend vernachlässigte Eigenlogik visueller Artefakte in sein Forschungsprogramm zu integrieren.⁷ So geht eine neuere Rezeptionsrichtung von Bourdieus praxistheoretischen Überlegungen und seiner Theorie der Kunstwahrnehmung aus, um die habitualisierte Rezeption von (wissenschaftlichen) Bildern und visuellen Artefakten ethnographisch zu erfassen (Michel 2006; Burri 2008). Demgegenüber konzentriert sich eine stärker an den klassischen Medientheorien und den Visual Culture Studies orientierte Re-Lektüre Bourdieus auf das visuelle Produkt selbst, d.h. auf die medialen Repräsentationsformen als Träger und Vermittler von Klassifikationssystemen, Denk- und Wahrnehmungsweisen (Couldry 2003). Letztere Analyseperspektive bildet den Schwerpunkt der Beiträge dieses Unterkapitels, die anhand verschiedener visueller und textueller Diskurse die mediale (Re-) Produktion von symbolischen Ordnungen diskutieren. So geht es in dem Beitrag von Sophia Prinz und Mareike Clauss u.a. darum, die Heuristiken, die Bourdieu für die Analyse der sozialen Welt entwickelt hatte – wie etwa das Lebensstilkonzept sowie den Praxis- und Habitusbegriff – auf die Analyse der filmischen Darstellung und Legitimierung von geschlechtsspezifischen Verhaltensmustern zu übertragen.

Die mediale Reproduktion der »symbolischen Gewalt« von geschlechtsspezifischen Klassifikationssystemen ist auch das Thema von Irene Dölling, die in ihrem Beitrag den konservativen backlash des post- bzw. antifeministischen Diskurses in den deutschen Printmedien nachzeichnet und kritisiert.

Auch Carsten Keller beschäftigt sich mit der medialen Manifestation und Perpetuierung von symbolischer Gewalt. Im Unterschied zu den beiden vorangehenden Beiträgen untersucht er jedoch nicht die Mechanismen und Effekte der »männlichen Herrschaft«, sondern analysiert, wie das negative Bild von den Pariser Banlieues und ihren BewohnerInnen in den journalistischen und filmischen Repräsentationen entweder stabilisiert oder aber in Frage gestellt wird.

IV. Kunst zwischen Hoch- und Populärkultur

Sowohl in seinen Lebensstilanalysen als auch in seinen späteren Analysen kultureller Felder hatte Bourdieu die Frage thematisiert, wie die kulturelle und insbesondere die künstlerisch-ästhetische Produktion mit sozialen Machtkämpfen und der Reproduktion von sozialer Ungleichheit in Verbindung steht. Da es Bourdieu in erster Linie darum ging, die scheinbar machtfreie Sphäre der kulturellen Äußerungsformen als ideologisches Instrument und Kampfplatz der herrschenden Klassen zu entlarven, hatte er sich – im Unterschied zu den Cultural Studies – in seinen eigenen Feld- und Lebensstilanalysen vor allem auf die symbolische Legitimationsordnung und das soziale Distinktionspotential der relativ autonomen hochkulturellen Felder (Bourdieu 1999)⁸ – wie etwa der Kunst und der Literatur – konzentriert.⁹ Es ist jedoch anzunehmen, dass sich der zeitgenössische »legitime Geschmack« nicht nur aus den hochkulturellen Codes speist, wie es noch für die von Bourdieu (1982; 2006) untersuchte französische Gesellschaft der 1960er Jahre der Fall war, sondern zunehmend auch auf Spezialwissen aus dem Bereich des Populärkultur beruht. Dementsprechend wird in diesem Unterkapitel einerseits ausgelotet, inwiefern sich auch pop- und subkulturelle Felder in einen kommerziellen Bereich und eine avantgardistische Fraktion einteilen lassen, die ähnlichen Distinktionsmechanismen, Glaubenssätzen und Regularien gehorchen wie ihre hochkulturellen Pendants (Miller 1996; Thornton 1996). So arbeitet Ulf Wuggenig in seinem Beitrag die Regeln des Graffiti-und Street-Art-Feldes heraus, das sich aufgrund seiner Affinität zur Kommerzialisierung auf der einen und zur künstlerischen Professionalisierung auf der anderen Seite in einem Spannungsverhältnis zum Feld der hochkulturellen Kunst bewegt.

Demgegenüber weist Nina Tessa Zahner in ihrem Beitrag darauf hin, dass umgekehrt auch das postmoderne Kunstfeld nicht mehr nur dem modernistischen Glauben an die »reine Form« und die Autonomie des Kunstwerks folgt, sondern aufgrund feldinterner Popularisierungen, Ausdifferenzierungen und symbolischer Kämpfe zunehmend auch solche ästhetische Praktiken und rezeptiven Aneignungsweisen fördert und legitimiert, die weniger auf kunsthistorischem Hintergrundwissen als auf alltagsweltlichen Wahrnehmungs- und Denkmustern beruhen.

V. Postkolonialismus und Globalisierung

Die soziologische Rezeption hat sich lange nicht für Bourdieus frühe Algerien-Studien (Bourdieu 2000) interessiert, in der er als ethnologischer Autodidakt die Folgen des ökonomischen und kulturellen Modernisierungszwangs, den die französische Kolonialmacht in den 1960er Jahren auf das kolonialisierte Algerien ausübte, empirisch erforschte. Wie in diesem Unterkapitel genauer beleuchtet wird, geben diese frühen Studien aber nicht nur Aufschluss über die Genese seiner eigenen theoretischen Grundkonzepte und Leitfragen, die er für die Analyse der eigenen französischen bzw. europäischen Kultur verwendet. Vielmehr bieten sie darüber hinaus auch Anknüpfungspunkte für eine den Diskurs der Postcolonial Studies bereichernde eigenständige Theorie und kritische Reflexion kolonialer und postkolonialer Zustände. So unterstreicht Jens Kastner in seiner vergleichenden Zusammenschau von Frantz Fanon und Bourdieu, dass eine herrschaftskritische Sozialforschung in der zeitgenössischen, von kultureller und ökonomischer Globalisierung sowie transnationalen Migration gekennzeichneten Welt eben solcher selbstreflexiver »postkolonialistischer« Kategorien und Theorieinstrumente bedarf, wie sie von Fanon und Bourdieu in Algerien entwickelt worden waren.

Während die Kritik kolonialer und postkolonialer Verhältnisse Pierre Bourdieu seit seinem Algerienaufenthalt beschäftigte, hat er sich dem Phänomen der Globalisierung erst relativ spät zugewandt. Boike Rehbein arbeitet in seinem Beitrag den engen Zusammenhang zwischen Bourdieus Analyse ihrer Mechanismen und seinen kritischen Schriften zum Neoliberalismus heraus. Darüber hinaus verdeutlicht Rehbein die theoretischen und empirischen Defizite von Bourdieus Arbeiten zur Globalisierung, die in ihrer politisch expliziten Kritik von der theoretischen Genauigkeit seiner früheren Werke abweichen. Dennoch eignet sich Bourdieus theoretisches Instrumentarium Rehbein zufolge für eine Analyse der globalisierten Welt, wobei der entscheidende Wandel, den die Globalisierung herbeigeführt hat, im Aufstieg des »globalen Südens« besteht, den Bourdieu in seinen Arbeiten nicht mehr berücksichtigen konnte.

VI. Vernunftkritik und Reflexivität

Dass eine grundlagentheoretische Sondierung des Potentials von Bourdieus Sozialtheorie in der deutschsprachigen Soziologie in vollem Gange ist, belegen mehrere jüngst erschienene theoretische Arbeiten, in denen die philosophischen Bezüge seines Ansatzes erörtert (Zenklusen 2010; Colliot-Thélène/François/Gebauer 2005) oder mit anderen Autoren kontrastiert werden (Kajetzke 2008; Keller 2007; König 2003; Kumoll 2005; Macher 2007; Meindl 2009; Nassehi/Nollmann 2004). Bourdieu hatte sich zu seinen Lebzeiten des Öfteren darüber beklagt, dass sein theoretisches Ansinnen regelmäßig verkannt wurde. In diesem Sinne bemerkte auch Wacquant, dass Bourdieu »trotz der umfangreichen und im Laufe der letzten Jahre stark angewachsenen Sekundärliteratur zu seinen Schriften intellektuell eine Art Rätsel« (2006: 21) geblieben sei.

Die beiden Beiträge der letzten Sektion dieses Bandes nehmen jeweils ein bestimmtes Theoriemotiv Bourdieus – im einen Fall den Reflexivitätsbegriff (Langenohl), im anderen das Motiv der Vernunftkritik (Šuber) – auf, um Bourdieus Position vis-à-vis den Kulturwissenschaften bzw. der deutschen idealistischen Philosophie zu rekonstruieren. Andreas Langenohl erörtert zunächst, aus welchen Motivlagen heraus sich Bourdieus Reflexivitätskonzept gegenüber ähnlich ausgerichteten Konzeptionen aus der Anthropologie abgrenzte. Zu Bourdieus Vorbehalten gegenüber letzterer zählten deren Theorielastigkeit, Subjektzentriertheit, Relativismus und ästhetischer Universalismus. Bourdieus Alternativkonzeption von Reflexivität, die gerade die Möglichkeit objektiver Erkenntnis gewährleisten sollte, wird von Langenohl vor dem Hintergrund von Bourdieus Sichtweise auf die Moderne erörtert und im Lichte gegenwärtiger Debatten kritisiert.

Daniel Šuber geht zunächst von der Beobachtung häufiger Bezugnahmen Bourdieus auf die Rhetorik der Vernunftkritik, die ideengeschichtlich dem Kontext deutscher Debatten des 19. und 20. Jahrhunderts entstammt, aus und erörtert Bourdieus Verwendungsweise anhand verstreuter programmatischer Äußerungen. Im anschließenden Teil wird Bourdies Theoriearchitektur kontrastiv Wilhelm Diltheys Konzeption einer »Kritik der historischen Vernunft« gegenübergestellt, um über diesen Umweg eine bislang nicht ausgeführte »Wahlverwandtschaft« zur deutschen philosophischen Tradition aufzuzeigen.

Literatur

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1 Zur Aufnahme Bourdieus in den deutschen Sozialwissenschaften siehe Krais (2005) und Fröhlich/Rehbein (2009).

2 Das kulturtheoretische Potential von Bourdieus Sozialtheorie ist unterschiedlich eingeschätzt und teils sogar erbittert debattiert worden. Die Protagonisten eines kulturtheoretischen »strong program« (Alexander/Smith 2001) begreifen sie als Spielart eines »weak program«, welches Kultur nur als »abhängige« anstatt als »unabhängige« Variable auffassen könne (Alexander/Smith 2001: 141). Der – gemäß Bourdieus Kritikern – zentrale Problempunkt seines Ansatzes, welcher einer echten kulturellen Soziologie im Wege stünde, sei der inhärente Reduktionismus, der in kulturellen Vorstellungen keine autonome Sphäre mit eigenem Recht erblickt, sondern lediglich einen Spiegel sozialstruktureller Aspekte. Diesen recht eindimensionalen Vorwürfen wurde jedoch zu Recht entgegengehalten, dass Bourdieus zentrale Konzepte – »Habitus« und »Feld« – genuin kulturtheoretisch angelegt seien und dass sein Klassenbegriff im Unterschied zu der marxistischen Variante die kulturelle Reproduktion sozialer Ungleichheit in den Vordergrund stellt (Eder 1989: 15).

3 Eine frühe Initiative, diese Rezeption zu bündeln, findet sich bei Gebauer/Wulf (1993). Zum aktuellen Bezug auf Bourdieu in den Geschichtswissenschaften vgl. Gilcher-Holtey (2005), Füssel (2006) und Reichardt (2007).

4 In diesem Sinne spricht sich Hillebrandt dafür aus, dass »die Praxistheorie mit kultursoziologischen Mitteln sehr viel stärker, als dies in Bourdieus Theorievorgabe geschieht, auf die Identifikation der symbolischen Formen der Praxis auszurichten [sei], die dem praktischen Sinn Ausdruck verleihen« (2008: 239; Hervorhebung getilgt). Erste Beiträge, die sich einem solchen Forschungsprogramm verschrieben haben, finden sich bei Hillebrand u.a. (2006) sowie in vorliegendem Band.

5 Diese Auswahl kann keine Vollständigkeit beanspruchen, da nicht alle kulturwissenschaftlichen Themenfelder, die derzeit im Rekurs auf Bourdieus Theorie der Praxis soziologisch untersucht werden, in den Sammelband aufgenommen werden konnten. Dies betrifft beispielsweise die Raum- und Architektursoziologie und die neue Stadtsoziologie, die bereits in anderen Kontexten mit dem Bourdieu’schen Theorieinstrumentarium eingehend bearbeitet werden (Berking/Löw 2008; Dangschat 1996; Dangschat 2009). Darüber hinaus werden die Felder Mode (Entwistle 2000; Rocamora 2002), Film (Barnett/Allen 2000; Heise/Tudor 2007) und Musik (Hesmondhalgh 1998; Lopes 2000) im Rekurs auf Bourdieu analysiert.

6 Eine Auswahl dieser Fotografien wurde seit 2003 in einer von Franz Schultheis in Kooperation mit Christine Frisinghelli (Camera Austria) kuratierten Wanderausstellung gezeigt.

7 Bourdieu hatte u.a. in Abgrenzung von der Semiotik immer für einer Kombination von interner (textimmanenter) und externer (feldanalytischer) Analyse von kulturellen Produkten plädiert (Bourdieu/Passeron 1963), aber sich im Falle der Medien de facto vor allem auf die Analyse der externen feldspezifischen Produktionslogiken konzentriert, ohne dabei die »symbolische Macht« medialer Bilder im Einzelnen zu untersuchen (Bourdieu 1998). Vgl. dazu auch Neveu (2005).

8 Eine Ausnahme bilden seine jedoch weniger prominenten Ausführungen zum quasikünstlerischen Feld der haute couture (Bourdieu 1993) und der symbolischen Macht des journalistischen Feldes (Bourdieu 1998).

9 Für einen sehr differenzierten und umfangreichen Überblick über Bourdieus Auseinandersetzung mit der Welt der Kunst und den Formen ästhetischer Rezeption siehe Wuggenig (2011) sowie Kastner (2009).

Teil I:

Zwischen Strukturalismus und Poststrukturalismus

Franz Schultheis

Ambivalente Wahlverwandtschaften: Pierre Bourdieu und Claude Lévi-Strauss

Claude Lévi-Strauss und Pierre Bourdieu gehören gewiss zu den herausragenden Figuren der modernen Sozial- und Geisteswissenschaften. Im Abstand von zwei Jahrzehnten geboren, die gleiche harte Schule französischer Bildungseliten-Einrichtungen durchlaufen und mit Bravour absolviert, werden sie schließlich auf dem Höhepunkt ihrer Karriere im Olymp des Pariser Geistesadels, dem Collège de France, ihren Platz finden. Sie treffen aufeinander, als Bourdieu die Vorlesungen des Älteren besucht und vom Wissen, mehr aber noch vom wissenschaftlichen Habitus und dem humanistischen Ethos dieses bereits arrivierten Forschers und Lehrers so beeindruckt ist, dass er in ihm lebenslang eine Art »exemplarischen Propheten« sehen wird. Bourdieu lernt viel bei und von Lévi-Strauss, dennoch wäre es zu einfach, hier ein Schüler-Meister-Verhältnis zu vermuten. Sicherlich war Lévi-Strauss im Paris der 1950er Jahre, der Zeit also in der Pierre Bourdieu dort seine akademischen Lehrjahre absolvierte, schlichtweg »incontournable«. Niemand, der sich im wissenschaftlichen und/oder intellektuellen Feld Frankreichs situieren wollte, kam an ihm vorbei, ebenso wenig wie an Jean-Paul Sartre, seinem Antipoden sowohl in paradigmatischer Hinsicht wie auch betreffend des intellektuellen Habitus und öffentlicher Selbstinszenierung. Lévi-Strauss sollte sich lebenslang den Versuchungen der Pariser Salon-Schickeria verweigern, einen sehr asketischen Lebens- und Arbeitsstil pflegen und sich in dem intellektuellen Milieu von Paris fremd fühlen bzw. sich zumindest durch ein ostentativ distanziertes Verhalten von ihm abgrenzen. Auch Bourdieu sollte diese Form der Fremdheit bzw. eines inneren Exils im Pariser Intellektuellen-Milieu, vorgelebt in der mit Lévi-Strauss geteilten Symbolfigur Jean-Jacques Rousseau, am eigenen Leibe erfahren, als er aus der fernen Provinz nach Paris übersiedelte.

Lévi-Strauss war zu dieser Zeit einer der beiden überragenden Fixsterne am Firmament der Pariser Geisteswelt und hatte begonnen, der Philosophie den Rang als Orientierungsdisziplin abzulaufen, indem er ihr das Faszinosum komplexer theoretischer Reflexion gekoppelt mit der Exotik ferner Kulturen und fremder Welten entgegensetzte. Lévi-Strauss füllte die Hörsäle und die Büchertische der Buchhandlungen, machte Furore mit einem radikal neuen Blick auf den Menschen und bildete das Gravitationszentrum der sich schnell entfaltenden sciences humaines, eine Kategorie des akademischen Lebens Frankreichs, die man nicht vorschnell mit dem deutschen Begriff der Geisteswissenschaften synonym setzen sollte. Für Bourdieu revolutionierte er mit seinem »wissenschaftlichen Humanismus« und seiner wissenschaftlichen Praxis als »engagiertem Handwerk« das Denken einer ganzen Generation (Bourdieu 1987: 8).

Die in ihren Werken offenkundig werdenden »Wahlverwandtschaften« beider »Menschenwissenschaftler« wurzeln nicht zuletzt in erstaunlichen Parallelen ihrer biographischen Werdegänge und in der Entwicklung ihrer jeweiliger Forschungsfelder und -praxen. Sie, sollen hier eine nähere Betrachtung finden, da eine entsprechende Würdigung unseres Wissens bislang noch aussteht.

Initiationsreisen nach Brasilien und Algerien: wahlverwandte Konversionen des Blicks

1935 reiste ein bis dahin noch recht unbekannter französischer Forscher namens Lévi-Strauss nach São Paulo, um dort an der Universität als Gastdozent Soziologie zu lehren. Er verweilte dort bis 1939.Während dieser Zeit unternahm Lévi-Strauss verschiedene Forschungsreisen nach Mato Grosso und in den Süden des Amazonas-Gebietes – Reisen, die später in einer Vielzahl an Publikationen dokumentiert werden sollten. In diesen Publikationen trifft der Leser, wie z.B. in Traurige Tropen, auf beeindruckende fotografische Zeugnisse der ethnologischen Beobachtungen, die Lévi-Strauss in diesen Jahren anstellte. Er fertigte rund 3000 Fotografien an, die er systematisch und methodisch als Instrumente der wissenschaftlichen Erhebung von Daten einsetzte. Interessanterweise aber stammen die ersten Fotos, die er schoss, aus São Paulo, einer sich zu dieser Zeit mit unglaublicher Geschwindigkeit entwickelnden Großstadt, die auf dem besten Wege zu einer Industriemetropole voller Gegensätze und Ungleichzeitigkeiten war. Es ist dieser Gegensatz, der Lévi-Strauss so fasziniert hat und vielleicht spiegelt sich hier auch der Umstand wider, dass er zu dieser Zeit hauptamtlich als Soziologe tätig war und erst in zweiter Linie – quasi als »Sonntags-Ethnologe« – seine Expeditionen in die Gebiete der Bororo, Caduveo und anderer Stämme im brasilianischen Urlaub unternahm. Auch hier setzte er dann die Fotografie gezielt und ausgiebig als Instrument der Feldforschung ein und hielt Menschen, ihre Aktivitäten und Behausungen, Symbole und Rituale in Form einer visuellen Anthropologie fest. Diese fotografischen Zeugnisse sollten seine Forschungsarbeit dauerhaft bis an sein Lebensende begleiten, als Erinnerungsstützen bzw. Quellen immer neuer und detaillierter Betrachtungen und Auswertungen, nicht zuletzt aber auch als Mittel der biographischen Selbstobjektivierung und –reflexion: Denn er war in all diesen visuellen Zeugnissen präsent, sei es körperlich sichtbar, sei es vermittelt durch den Blick, den er auf diese festzuhaltenden bzw. zu »objektivierenden« Wirklichkeiten warf. Und so ist es auch kein Zufall, dass anlässlich der Vermeldung seines Todes in den Medien immer und immer wieder Fotos aus dieser Frühzeit, die Lévi-Strauss während der Feldarbeit zeigten, abgedruckt wurden.

Zwanzig Jahre später sollte Pierre Bourdieu eine ähnlich biographisch einschneidende Initiationsreise unternehmen und wie sein Vorgänger in ein »soziologisches Laboratorium« eintauchen, dessen Komplexität eine dermaßen starke Reizüberflutung an Eindrücken und Erfahrungen mit sich brachte, dass auch für ihn die Fotographie zu einem zentralen Instrument ihrer Bewältigung werden sollte.

Von der Philosophie zur Ethnologie, von der Ethnologie zur Soziologie: Pierre Bourdieu in Algerien.

Als Abgänger der Pariser Elitehochschule École normale supérieure trug sich der 25-jährige Bourdieu mit der Absicht, eine Dissertation in Philosophie zur Frage der Zeitstrukturen des Gefühllebens in Anlehnung an Husserl zu schreiben und fuhr nach seiner Einberufung zum Kriegsdienst mit seinem Manuskript im Tornister nach Algerien. Hier wird er aus der Not des zum Kriegsdienst verpflichteten Kriegsgegners die Tugend eines sich mittels wissenschaftlicher Aufklärung für das aufständische Algerien engagierenden politischen Intellektuellen machen. Bei der vor Ort praktizierten Selbstinitiation in die ethnologische Feldforschung und soziologische Analyse wird ihm Lévi-Strauss ein ständiger Begleiter sein. Inspiriert durch dessen Schriften begann Bourdieu mit seinen ersten eigenen Feldforschungen. Die vom jungen Bourdieu gewählten Forschungsgegenstände und -strategien verweisen eindeutig auf dieses Vorbild: von der strukturalistischen Lesart der kosmologischen Verweise in der Architektur des kabylischen Hauses, von der Bourdieu sich später deutlich distanzieren wird, über die Strukturen der Verwandtschaft bis hin zur Logik des Gabentausches ist Lévi-Strauss präsent. Weniger allerdings als eine Art geistiger Übervater, unter dessen strenger und erdrückender Autorität der junge No-Name in Ehrfurcht erstarrte, denn vielmehr als eine dominierende Figur im Spiel des intellektuellen Lebens, an der sich der junge Bourdieu messen und abarbeiten wollte. Bourdieu zieht es auf eben jene Gebiete, in die der Meister bereits seine claims gesteckt hat, beschreitet also ähnliche Wege, jedoch ohne in dessen Fußstapfen zu treten, denn wer sich damit begnügt kann bekanntlich den Vorgänger nicht überholen. Dies führt denn unweigerlich zu einem ambivalenten Verhältnis.

Bourdieus Theorie und Empirie der gesellschaftlichen Welt entziehen sich beharrlich gängigen Klassifikations- und Etikettierungsversuchen. Hatte man sie eine ganze Zeit lang unter »Strukturalismus« subsumiert, so nahm Bourdieu selbst deutlich Abstand von einer solchen Zuordnung und reagierte in Form einer Kompromisslösung, mit der er besser leben konnte: »Genetischer Strukturalismus« wurde zu der von ihm selbst in Umlauf gesetzten Kennzeichnung seines Ansatzes. Daneben zirkuliert der Begriff »Praxeologie«, um eine weitere strategische Besonderheit seiner Konzeption von Sozialforschung und Gesellschaftstheorie ins Zentrum des Interesses zu rücken. Diese Zuordnungsprobleme sind keineswegs zufällig, sondern rühren direkt aus dem besonderen Werdegang Bourdieus, der auf dem Wege der Selbstinitiation in die Feldforschung, des learning by doing ohne Lehrmeister und ohne den Zwang zur Unterwerfung unter theoretische Orthodoxien und akademische Ritualistik, aber auch ohne inneren Druck, sich den Konventionen der disziplinären Schließungen und Ausschließungen zu beugen, zu seiner späteren wissenschaftlichen Position gelangte.

In Algerien: zur Genese einer sozialwissenschaftlichen Position

Will man Bourdieus eigenwillige Beziehung zu Lévi-Strauss verstehen, so tut man gut daran, von seinen ersten Gehversuchen auf dem Gebiet der wissenschaftlichen Forschung auszugehen, denn diese werden sich als langfristig weichenstellend und für sein gesamtes Werk prägend erweisen. Wenn Pierre Bourdieu die an ihn gerichtete Frage »Steckt in diesen frühen Arbeiten vielleicht schon der ganze Bourdieu?« (Schultheis 2007: 141) ohne Zögern bejaht, so verweist dies auf die Schlüsselstellung dieser algerischen Feldforschungen für ein adäquates Verständnis der Grundmotive und Entwicklungsdynamik seines Werkes und dessen so eigentümlicher theoretischer Geschlossenheit:

»Ich möchte nicht Gefahr laufen, in einen Beginn das hineinzulegen, was ich erst im Laufe späterer Forschungen entdeckt habe, aber es ist ja auch so, dass ich dies alles gar nicht hätte entdecken können, wenn ich damals nicht ins kalte Wasser gesprungen wäre [...]« (Schultheis 2000: 2).

Mitte der 1950er Jahre fuhr also der junge Pierre Bourdieu als Wehrpflichtiger in das von den Befreiungskämpfen gegen die französischen Kolonialherren gezeichnete Algerien. Fünf Jahre später kehrte er als »gestandener«

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