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So lebten, liebten, lachten sie: 7 Dorfgeschichten aus vier Jahrhunderten im Bergischen Land

So lebten, liebten, lachten sie: 7 Dorfgeschichten aus vier Jahrhunderten im Bergischen Land

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So lebten, liebten, lachten sie: 7 Dorfgeschichten aus vier Jahrhunderten im Bergischen Land

Länge:
600 Seiten
7 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Apr 16, 2015
ISBN:
9783738699791
Format:
Buch

Beschreibung

Sammelband von sieben bereits veröffentlichten Erzählungen.. Sie sind heiter-besinnliche Geschichten mit historischem Hintergrund, die aus vier Jahrhunderten humorvoll, einfühlsam und unterhaltend vom Leben im Bergischen Land erzählen. Sie sind in Lindlar oder seiner näheren Umgebung angesiedelt und beziehen sich sowohl auf historische Ereignisse als auch auf das alltägliche Leben der Menschen in der Zeit.
Herausgeber:
Freigegeben:
Apr 16, 2015
ISBN:
9783738699791
Format:
Buch

Über den Autor

Josef Krämer war Lehrer und ist Verfasser einer Reihe von Mundart-Theaterstücken, Liedern und Geschichten. Ebenso hat er Romane geschrieben, die sich mit der Geschichte und den Menschen im Bergischen Land befassen.


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Buchvorschau

So lebten, liebten, lachten sie - Josef Krämer

Krämer

Kinderreich und arm an

Groschen

1765

Eine Geschichte um einen wehrhaften Pfarrer, einen streitsüchtigen Baron

und

viele liebenswerte bergische Menschen.

1    Tagelöhner, Steinhauer und andere

2    Der neue Pfarrer kommt

3    Der Streit eskaliert

4    Lasst uns fröhlich feiern!

4    Das Pastorat

5    Die Werber

6    Der Verdacht

7    Die Scheffen

8    Ehrlich währt am längsten

9    Die „Schlacht" am Steimelskopf

10  Das Patronatsfest

Historie:

Die Erzählung „Kinderreich und arm an Groschen" ist ein Zeitbild. Ihr liegen die Ereignisse der Zeit um 1765 zugrunde, in der ein heftiger Streit zwischen dem Pastor Potthoff und dem Schlossherren von Heiligenhoven, dem Reichsfreiherr von Brück ausgetragen wurde. Beide verkörpern typische Vertreter der Zeit des Aufgeklärten Absolutismus. Ihr Streit gipfelte in Händeln zwischen den Schützen und den Knechten des Freiherren, als der Pastor die Felder des Barons abernten ließ, um so an das Entgelt für das Lehen zu gelangen, welches der ihm vorenthielt.

Die Verstrickung der „kleinen Leute" orientiert sich an alten Chroniken, die Personen selber sind fìktiv. Jedoch wird der Leser in sehr enge Berührung mit dem Tagelöhner Schüll, aber auch anderen kommen, deren Charakterisierung zu überraschenden Lösungen führt, genau wie die tatsächlich historisch belegte, dass sich ein Pastor einem Adeligen überlegen zeigte.

Tagelöhner, Steinhauer und andere Leute

Ausgelaugt von der Tagesarbeit ließ Schüll sich auf den Stuhl vor der Wirtschaft „Auf dem Matt" fallen wie ein nasser Sack. Auf dem Matt bezeichnete die Begrenzung der Zuflucht zur Kirche, so wissen wir, dass wir uns direkt unter dem mächtigen, aus heimischen Grauwackensteinen erbauten Turm der Pfarrkirche befinden.

„Gott helf euch! begrüßte die Wirtin Agnes Peffekoven freundlich den Ankömmling, der ebenso mit einem, allerdings gepressten „Gott dank euch! antwortete.

So wissen wir, daß wir uns im Bergischen Land befinden, wo eine derartige Begrüßung auch um das Jahr 1760 durchaus üblich war, vornehmlich wenn man sich bei der Arbeit antraf. Doch auch nun nach Feierabend schien Gottes Hilfe vonnöten, denn Schüll stöhnte: „Verdellt, mir tut der Rücken weh. So ein Arbeitstag bleibt einem nicht in den Kleidern hängen."

Schüll war auf den Namen Julius getauft, aber im Bergischen war er der Schüll.

„Du bist sicher froh, Feierabend zu haben". Die Wirtin saß immer noch auf der Bank unter dem Fenster vor dem Fachwerkhaus und hielt eine Hose auf den Knien, auf die sie mit langem Faden einen Flicken aufsetzte.

Schüll antwortete mit einer Gegenfrage: „Was soll an der Arbeit gut sein, wenn die Reichen sie den Armen überlassen? „Und dann die Hitze heute.

„Es war so heiß auf dem Feld, die Krähen haben nach Luft geschnappt – trotzdem, was glaubst du, wie froh wir waren, das Getreide trocken einzufahren?"

In der Ferne war schon eine Zeit lang Donnergrollen zu hören und die schwüle Luft trieb einem Schweißperlen auf die Stirn. „Dafür geht es gleich los mit dem Gewitter."

„Das Wetter zieht das Sülztal hoch. Wir werden nicht viel abbekommen", meinte der Gast.

Er hatte sein Leben lang draußen im Freien gearbeitet und kannte die Besonderheiten des heimischen Wetters.

Tatsächlich konnte der Brungerstberg wie eine Barriere die Unwetter fernhalten, wobei die dann dem Lauf der Sülz folgten, mitunter hin- und herlaufend zwischen Osten und Westen, pendelnd wie ein eingeschlossenes wildes Tier.

Wenn sich aber auch über dem Lennefetal die Wolken zu schwarzen Ungetümen häuften, Blitz, Donner und kübelweise Wasser zu entladen, musste man auch im Dorf besser Fenster und Türen schließen.

Die Wirtin hoffte, dass Schüll Recht behielte, denn wenn das Wetter fort bliebe, würden sich sicher ein paar Gäste in ihrer kleinen Kneipe einfinden, den Tagesschweiß wieder durch einen Krug Bier zu ersetzen.

„Warst du wieder auf Heiligenhoven?" fragte sie, was sich eigentlich erübrigte, wusste sie doch, dass er als Tagelöhner für den Freiherrn von Brück auf Heiligenhoven arbeitete.

„Auf dem Kippelshof haben wir heute das Korn eingefahren. Da ist man schon das erste Mal müde, wenn man früh morgens nach langem Fußmarsch dort ankommt.

„Der Baron kann dich auch überall gebrauchen."

„Wenn er mich braucht, dann kann er mich brauchen. Aber sonst schickt er mich zum Teufel und ich stehe da ohne Tagelohn."

Er stand auf und griff in seine Hosentasche, kehrte sie nach außen und brachte ein Geldstück zutage.

„Dafür kannst du mir einen Schnaps einschenken. Heute war durstiges Wetter."

„Deinen Tagelohn halte besser fest gepackt", meinte die Wirtin ermahnend.

Schüll entnahm der anderen Hosentasche ein kariertes Taschentuch und schüttete ein paar Münzen daraus auf den Tisch. „Die paar Groschen reichen kaum zum Leben. Schau dir das an. Man kann sich plagen und mühen wie man will, es nutzt nichts. Manchmal bin ich es leid. Bei mir zu Hause fiepen die Mäuse vor Hunger."

„Ein Mensch ohne Geld sieht schlechter aus als eine Kuh ohne Schwanz", meinte Agnes, und es schien ihr Ernst zu sein, denn sie verzog keine Mine dabei.

„Wenn man nicht hat, was man gerne hätte, dann muss man das gerne haben, was man hat", reagierte Schüll tiefsinnig. Während die Wirtin ins Haus ging, verweilte der Gast sinnend auf seinem Platz und ließ den Tag noch einmal vorbeiziehen. Um vier Uhr am Morgen war er nach dem ersten Hahnenschrei leise aufgestanden, bedacht, seine Frau oder die Kinder nicht zu wecken. In der kleinen Küche hatte er sich angekleidet, zwischendurch einen Becher Ziegenmilch getrunken, einen Kanten Schwarzbrot abgeschnitten und in die Jackentasche gesteckt. Dann war er vor die Tür auf den Hof getreten. Mit der rechten Hand bewegte er den Pumpenschwengel und fing mit der linken etwas Wasser auf, um sich Gesicht und Nacken zu befeuchten. Dann war er strammen Schrittes die Dorfstraße entlang gegangen, den halbstündigen Fußmarsch zur Arbeit vor sich. Am Vogelsdreck war ihm der Rudolf begegnet, der auch schon auf dem Weg zur Arbeit im Steinbruch unterwegs war. Ein Hund bellte aufmerksam, die meisten hielten sich ruhig, denn sie erkannten ihn am Schritt. Dann hatte ihn ein Schmerz am linken Fuß gequält, weil er den Fußlappen in den groben Schuhen nicht richtig festgezogen hatte. So setzte er sich am Wegekreuz hinter der Lohmühle auf einen Stein, um sich seines Schuhes zu entledigen und die lästigen Falten im Fußlappen zu richten. Obwohl er wertwolle Zeit dadurch verloren hatte, konnte er nun frei weiterziehen und das Schwarzbrot, das er im Gehen kaute, schmeckte auf einmal viel besser.

Am Johanneskapellchen hörte er von unterhalb vom Schloß her Pferdehufe, deren metallischer Klang auf dem Schlosshof-pflaster ihn noch bis in das Gebüsch hinter den hohen Eiben verfolgte, in das sein Fußpfad ihn eintauchte wie in einen grünen Dom. Seine Ärmel waren bald naß vom Tau der Blätter, an denen er vorbeistreifte.

Er liebte diese Tageszeit, morgens war die Welt noch in Ordnung. Man hatte den Tag vor sich und konnte sich vornehmen, das zu tun, was man konnte und so gut man es konnte, und dem Herrgott nicht die Zeit zu stehlen durch Faulheit und Müßiggang.

Die Wirtin stellte ein Pinnchen Schnaps auf den Tisch.

„An deiner Stelle ginge ich besser nach Haus. Deine Frau und deine Kinder warten auf dich und werden sich freuen, dich zu sehen."

„Das weiss ich auch. In meiner kleinen Hütte wird es manchmal etwas eng mit all den Kindern. Wenn bei uns die Sonne rein kommt, müssen wir alle beieinander hinaus", scherzte der Tagelöhner.

„Arm an Geld, doch reich an Kindern, das kommt öfters zusammen", meinte die Wirtin mit ernsthafter Mine.

Schüll war anscheinend guten Sinnes, denn er sagte wie selbstverständlich ohne mit der Wimper zu zucken: „Nun sind es schon zweiundeinhalbdutzend, die gefüttert werden wollen. Agnes stutzte und begann im Kopf nachzurechnen, was das wohl bedeutete.

„Lasse deine verrückten Sprüche! Das wären ja 30 Kinder. „Das rechnest du falsch. Zwei und ein halb dutzend habe ich gesagt – das sind acht, und das ist auch satt und genug.

Er entnahm seinem Tagelohn eine Münze, klackte sie auf den Tisch und forderte die Wirtin auf: „Bringst du mir nun noch einen oder willst du mich austrocknen?"

„Einen, - dann ist Schluss für dich bei mir für heute; ich weiss, dass du das versprochen hast."

„Auch ein Heiliger verspricht in einer schwachen Stunde schon mal etwas, das er dann doch nicht halten kann." Schüll war so schnell nicht in Verlegenheit zu bringen.

Die Wirtin begrüßte den ankommenden Schuster Wilhelm, genannt Wellem mit freundlichem „Gott helf Euch" und ging in das Haus, um ein weiteres Glas und die Schnapsflasche zu holen.

Wilhelms Hand war dick verbunden; das forderte natürlich Schülls Neugierde heraus und es entspann sich ein launiger Dialog:

„ Hast du dir mit dem Schusterhammer selber auf die Finger gekloppt?

„ Wie kommst du da drauf?"

„ Das ist eine schlechte Stelle für einen Schuster, der doch immer mit dem Hammer und dem Fuckeisen arbeiten muss."

„ Als ich vorige Nacht etwas spät nach Hause gegangen bin, hat mir doch so ein Saufkopf auf die Hand getreten."

„ Fehlte dir denn was?"

„ Nein, im Gegenteil,- ich hatte einen zu viel- war hingefallen und lag auf der Strasse."

„ Hattest du denn nichts gebrochen?"

„ Doch, entgegnete Wellem mit ernster Mine, „ aber erst, nach dem ich zu Haus angekommen war, ging das los.

Schüll hatte bisher nicht wirklich erfahren, was mit des Schumachers Hand geschehen war und es sollte auch an dem Tag ein Geheimnis bleiben, denn Wellems Frau Seefchen, Josefa natürlich, ging eiligen Schrittes an den Männern vorbei. „Bleib nicht kleben, Wellem, gleich gibt es etwas zu essen! Ich hole nur eben noch etwas Ziegenmilch beim Nachbarn. Wellem konnte es sich nicht verkneifen, seine Frau zurecht zu weisen: „ Aber doch sicher nicht in der schmutzigen Schürze! Seefchen bestätigte lachend: „Natürlich nicht, ich habe doch den Milchkrug hier dabei!"

Fröhlich schwenkte sie den braunen Tontopf und verschwand im Nachbarhaus.

Agnes war wieder da und schüttete Schüll den gewünschten Klaren ins Glas.

Wellem wehrte ab. „Ihr habt es gehört, ich muss wieder heim, das Essen wartet auf mich."

„Daran kann man erkennen, wer bei euch die Hose an hat," lästerte Schüll, doch Wellem wollte davon nichts wissen, sondern schob seine Eile auf seinen übergrossen Hunger.

Er besann sich jedoch und forderte einen Schnaps, bevor seine Frau zurück kehrte. Gedankenverloren schüttete die Wirtin ihm diesen ein und sagte, während sie zu der aufsteigenden Wolkenwand am Himmel über dem Fronhof aufschaute: „Das sieht nach Regen aus."

„Eigentlich hatte ich einen Schnaps bestellt", meinte Wellem trocken. Er kippte das Glas in einem Schwung mit der linken Hand hinunter. Dann versuchte er umständlich sich die Nase zu putzen, nach dem er mit Mühe ein Sacktuch aus der Hosentasche gefischt hatte.

„Was nimmst du für deinen Schnupfen?" meinte Schüll mitfühlend.

„Nichts, lachte Wellem, „den gebe ich umsonst ab.

Seefchen war mit ihrem halb gefüllten Milchkrug heran gekommen. Ihre schmutzige Schürze hielt sie zusammen geknuddelt in der anderen Hand und ging zu ihrem Mann hin. „Er ist so krank wie ein Huhn, will essen, aber nichts tun. Dabei schubste sie ihren Mann an, mit ihr heim zu gehen. „Schreibe es an! rief der der Wirtin zu, doch die protestierte: „Eigentlich wollte ich das ja nicht mehr machen."

„Dann ist es auch gut, wenn du es im Kopf behalten kannst."

Die Wirtin rief einen kleinen Jungen heran, der auf der Strasse schüchtern barfüssig vorüber ging. Er kam zögernd auf das Haus zu. Agnes bückte sich zu ihm hinunter und reichte ihm ihre Hand: „Komm mal mit, ich habe etwas für dich!"

Sie griff vom Tisch unter dem Fenster einen Tuchbeutel, in dem sie Brotreste zu verwahren pflegte. Dem entnahm sie zwei Brotendstücke und reichte sie dem Kleinen.

„Sieh mal hier das leckere Brot. Das magst du doch so gerne, sagte sie mit einem fürsorglichen Ton in der Stimme. Der Kleine schaute vertrauensvoll zu ihr hoch und entgegenete: Am liebsten mag ich Puffelskuchen!"

„Das kann ich mir denken, sagte die Wirtin und entnahm dem Beutel eine weitere Brotkruste. „Und nimm das deinem Brüderchen mit.

„Ich habe aber zwei Brüderchen und ein Schwesterchen;- aber die sind alle kleiner als ich und meine Schwester schreit immer und hat noch keine Zähne."

„Richtig,- und du bist schon groß,- am Samstag begraben wir den Ohm Jakob. Dann kommst du zu mir. Dann habe ich vom Reukaffee leckere Krusten vom Streuselkuchen, die schmecken noch besser, das kennst du doch schon."

Dankbar blickte der kleine Junge in ihre Augen, die einen seltsamen Gegensatz von Fröhlichkeit und Trauer im Verhältnis zwischen ihnen offenbarten.

„Dann wünsche ich mir, dass der Ohm Hermann auch bald stirbt."

Einen Augenblick war Stille in der Runde.

Die wurde jedoch plötzlich unterbrochen, als der Steinhauer Adolphus dazu trat. Ohne zu grüssen polterte er lauthals los und bestellte einen Klaren. Gleich hinterher berichtigte er sich: „Bring mir auch ein Bier dazu, dann brauche ich den Schnaps nicht so trocken runter zu würgen."

Schüll saß immer noch auf seinem Platz. Von heim gehen war nicht mehr die Rede. Zu unterhaltsam war es inzwischen geworden und er mischte sich sogleich ein:

„Da sieht man, wo die Groschen sitzen. Der eine hat den Beutel, der andere das Geld. Unser einer kaut auf dem Zahnfleisch."

Adolphus hatte wohl verstanden. „So dumm ist niemand, dass er nicht klagen kann. Aber, bestell dir ein Bier auf meine Rechnung."

„Das ist eine Art an dir, die ich gerne mag. Weisst du, um Geld habe ich mir noch nie Sorgen gemacht."

„Das soll ich glauben?"

Doch die Erklärung war jeder gerne bereit zu glauben.„Warum soll ich mir Sorgen um etwas machen, was ich nicht habe. Adolphus war stolz auf seinen Beruf als Steinmetz, der ihm offensichtlich auch einiges an Lohn einbrachte. Deshalb mahnte er Schüll, wie er das als gut gemeint schon öfters getan hatte: „Ein Kerl wie du könnte auch besser auf dem Brungerst im Steinbruch arbeiten, als dem Freiherrn in den Hintern zu kriechen.

Entrüstet wehrte Schüll ab: Über Jahr und Tag kannst du darüber mit mir nicht reden.

Der Steinhauer gab keine Ruhe die Vorzüge seiner Tätigkeit ins rechte Licht zu rücken. „Im Sommer kannst du bei uns im Steinbruch gutes Geld verdienen."

„Da arbeite ich lieber auf Heiligenhoven beim Baron von Brück. Auch im Herbst und Winter findet sich da meistens noch etwas zu tun und manchmal sogar unter Dach und Fach im Trockenen."

Adolphus musste zugeben, dass das ein Argument war,das zog. „Ich weiss, was du meinst. Ich denke nun schon mit Schrecken daran, wenn es wieder regnet und sogar friert- dann ist im Steinbruch nichts los."

Die Wirtin mischte sich ein, während sie sich die Schweissperlen von der Stirn strich:„Das dauert noch. Bis dahin läuft noch viel Wasser den Köttelsbach hinunter."

Schüll liebte es, launige Sprüche von sich zu geben. Für viele Gelegenheiten hatte er welche parat und wusste sie immer wieder anzubringen.

„Mit dem Wetter ist das so eine Sache. Du kennst den Spruch: Kräht der Hahn auf dem Mist, ändert sich das Wetter oder es bleibt, wie es ist."

Adolphus machte eine wegwerfende Handbewegung. Anscheinend hatte er bereits bei ähnlicher Gelegenheit den Spruch schon einmal vorher gehört: „Das ist Gequatsche von gestern. Ich kenne da etwas viel besseres!"

Schüll war erstaunt, dass ihn jemand übertrumpfen wollte und forderte ihn auf, seine Klugheit kund zu tun. Dazu war Adolphus natürlich allzugern bereit.

„Kräht der Hahn auf dem Huhn, hat das mit dem Wetter nichts zu tun."

Je nach Temperament lachten oder griemelten die Anwesenden.Agnes wandte sich ab;in Männergesellschaft tat man besser daran, so zu tun als habe man nichts gehört, wenn anzügliche Reden die Runde machten.

Dem Tagelöhner Schüll war eine Neuigkeit eingefallen, die sicher von Interesse war. „In dem Zusammenhang fällt mir ein: auf dem Kippelshof hat der Baron einen neuen Zuchtbullen angeschafft. Extra von Much haben sie das Tier holen müssen."

Die Erwähnung des Ortes Much war für die Wirtin ein Stichwort, das sie veranlasste, auch etwas zum Thema zu sagen. „Was? In Much hat der Baron den Bullen gekauft? Das hätte er besser bleiben lassen."

Eigentlich ungewollt waren ihr die letzten Worte heraus gerutscht. Dass sie sich zu weit vor gewagt hatte, merkte sie an Adolphs prompter Reaktion: „Was verstehst du denn davon? Da nutzte ihr auch nicht ein nichtssagendes: „Eigentlich kaum etwas, - weniger als jeder andere so allgemein weiss.

Adolph bestand darauf, ihm Rede und Antwort zu stehen: „Nun heraus mit der Sprache, Agnes. Da steckt doch etwas besonderes dahinter."

Ihr Blick ging zu Boden und ihr Gesicht lief plötzlich peinlich rot an, als sie gestand: „Mein Jupp, mein Ehemann, Gott hab ihn selig, war auch aus Much."

Sie war froh, dass niemand sonst auf den Dialog einging, sondern Schüll sogar wieder zu seinem Lieblingsthema zurück fand: „Um darauf zurück zu kommen – beim Baron auf Heiligenhoven gibt es nicht viel Geld als Lohn. Dafür kriege ich aber manches vom Feld und aus dem Garten, und manchmal auch etwas aus der Räucherkammer."

„Wenn du so viel vom Essen redest, - dann kannst du über Appetit sicher nicht klagen?"

„Da sagst du etwas. Meine Frau meint schon mal: Schüll, du hast einen Magen wie eine Hundehütte. Wenn du die Töpfe und Schüsseln nicht so leeren würdest, könnten wir uns ein Verkel halten."

Adolph verzog keine Mine. Er schien zum Streit aufgelegt zu sein, denn er warf so ganz nebenbei ein: „Was du von Heiligenhoven mitbringst, brauchst du nicht aus dem Garten des Pastors zu klauen."

Sprengstoff lag in der Luft. Schülls Kopf wechselte die Farbe zu rot hin und er entgegnete grob: „Das ist dummes Gequatsche, was du da von dir gibst! Wer Hunger hat, isst den Apfel mit dem Dreck dran!"

Er besann sich jedoch und fand doch noch die Kurve zu einer humorvollen Ausrede: „Du glaubst gar nicht, wie gut ein ehrlich geklauter Kappeskopf schmeckt. Der Pastor erklärt dauernd was von der Nächstenliebe und man soll dem mitgeben, der nichts hat. Aber ich kann ihn doch nicht in Verlegenheit bringen und dauernd fragen."

In Wirklichkeit war das so oder so ein entschuldbares Delikt, sich aus des Pastors Garten das zu holen, was man brauchte. Das konnte man auch so Adolphs abschließender Bemerkung entnehmen: „Das geht mich ja eigentlich nichts an, Schüll, wer satt hat, kann gut vom Fasten predigen."

Unmittelbar wechselte er zu einem anderen Thema, welches im Dorf seit Jahren für Klatsch und Tratsch, für Ärger und Heiterkeit, Frohsinn und Verdruss sorgte.

„Sage mir mal ehrlich, wie es möglich ist, dass du mit dem Baron von Brück so gut zurecht kommst. Man hört immer wieder sagen, wie grob er mit seinen Leuten umspringen soll. Agnes mischte sich ein: „Er hat Benimm und Anstand mit dem Schaumlöffel gefressen!

Rudolf gesellte sich zu der Gruppe und ließ sich umständlich auf einem etwas wackligen Stuhl am Tisch nieder, während er sofort in das Gespräch einstieg. Er gestikulierte gerne bei seinem Reden und unterstrich mit allerlei Armbewegungen die Wichtigkeit seiner Worte eindringlich.

„Specht ruhig weiter. Ich kann mir denken vom wem ihr gerade sprecht.Dazu kann ich auch ein Wörtchen beitragen: der von Brück geht mit dem Geld um, wie die Sau mit dem Stroh! „ Er hat nun mal eben die Groschen dafür und braucht keinem nach den Augen zu schauen. Das war Schüll, der seinen Brotherren zu verteidigen versuchte.

1767 verkaufte Freiherr von Waldenburg genannt Schenckeren seinen ganzen Besitz zu Mittelheiligenhoven an den Schultheissen Johann Josef von Brück und 2 Jahre später auch noch Unterheiligenhofen. Damit besaß der Schultheiß zum guten Schluss sowohl den Fronhof, als auch alle drei Rittergüter mit ihren Hofgerichten zu Heiligenhoven. Dazu kamen Steinbrüche, vor allem ein „Marmorbruch" in Altenrath, diverse Höfe und Mühlen.

„Auf Pitterstag kann er im Geld wühlen; dann ist Miet- und Zinszahltag im Februar auf St.Peters Namenstag."

„Dann geht es ihm gut, aber da sind eine Menge andere, denen es hart ankommt, weil sie berappen müssen."

„Der v.Brück hat zwei Hände -. eine zum Nehmen und eine zum Behalten."

„Er ist mir lieb und wert.- Am liebsten ist er mir am Allerwertesten."

Rudolf, der in Ruhe seine Pfeife rauchte, warf mit dunkler Stimme ein: „Ist er tot, riecht er genau wie andere auch."

Solche Redeweise gefiel der Wirtin Agnes nicht und sie wies ihn zurecht: „Das ist keine Art, so zu reden, auch nicht, wenn du Totengräber bist."

Der Tagelöhner Schüll kannte sich von den Anwesenden durch seine Arbeit noch am besten auf Heiligenhoven aus. Zusätzlich glaubte er es seinem Herren schuldig zu sein, auch die guten Seiten zu beleuchten. Im übrigen hatte es ihm die schöne Dame besonders angetan.

So ging er dazwischen. Seine Stimme klang voller Achtung und seine Augen leuchteten: „Die Einzige, auf die der Baron hört, ist seine Frau, eine echte Baronesse oder noch mehr. Sie ist wunderschön und heißt Sophia Franziska de Daniels."

Mit ihr hatte v.Brück einen Sohn, Josef v.Brück, der später den Konkurs von Heiligenhoven abgewickelt hat. Die Baronesse verstarb einen Tag später als der Baron im Jahr 1784. Über die Ursache ihres Todes gibt es keine Angaben in der Chronik.

Schönheit und Liebe scherte den Rudolph in diesem Moment anscheinend überhaupt nicht, denn respektlos warf er ein: „Weiss der Teufel, wie so ein ekliger Kerl an so eine schöne Frau gekommen ist?"

„Wie bist du denn an deine gekommen?"

„Das hätte ich lieber lassen sollen."

„Nun sag doch nicht so etwas. Verglichen mit dem Fang, den dein Minchen mit dir gemacht hat, hast du doch mehr Glück als Verstand gehabt."

Adolphus wollte nicht an dem Wortgeplänkel teilnehmen und sagte: „Es geschehen aber auch noch Zeichen und Wunder zwischen Mann und Frau."

„Sag bloß, du sprichst aus eigener Erfahrung."

„Natürlich nicht, aber ihr habt doch sicher alle schon mal was von dem Johann Philip Ernst Franz Josef von und zu Hees gehört."

„Wie viele Männer sind das denn?"

„Das ist nur einer; der hat so viele Vornamen. Der sitzt auf Schloss Georghausen und hat doch tatsächlich ein Bauernmädchen aus Hohbusch geheiratet."

„Davon habe ich auch gehört. So eine grosse Liebe findet sich selten. Zuerst hat sich der Freiherr in die Stimme des Mädchens verliebt, als sie in der Frühmesse in Hohkeppel so schön gesungen hat und ist in Liebe zu ihr entbrannt."

Agnes´ Augen leuchteten. Das war etwas für ihr romantisches Herz. „Und jetzt haben sie tatsächlich geheiratet."

Am 23.Dezember 1774 wurde Johann Philipp Ernst Franz Joseph von und zu Hees in der Kirche zu Hohkeppel mit Anna Maria Reudenbach aus Hohbusch, Tochter eines Ackerers getraut.

Die Verbindung zwischen Schloss Georghausen und den Lindlarern war nie so eng wie mit Heiligenhoven, bedingt durch die geographische Lage, aber auch die Verflechtung der Liegenschaften und Lehen, dazu die Konflikte zwischen kirchlichen und weltlichen Interessen.

Adolphus hatte alle Fragen bereitwillig beantwortet. Er kannte die Einzelheiten von seiner Frau, die ihm bei jeder Gelegenheit von dem feinen Herren erzählte und ihm unter die Nase rieb, wie gut es doch das brave Bauernmädchen aus Hohbusch getroffen hatte. Er war nicht so dumm, ihr Reden als „Weibergeschwätz abzutun. Er war in sich gegangen und auch etwas aufmerksamer zu seiner Frau geworden. Er gestand sich ein, dass ihr Beieinandersein davon gehörig profitiert hatte. Seine Gedankengänge wurden abrupt unterbrochen durch die grelle Stimme von Minchen, Rudolphs Frau, die im Vorübergehen rief: „Das würde mich wundern, wenn du einmal nicht hier zu finden wärst, Rudolph. Zu Haus pfeift der Wind durch die Ritzen und es regnet durch das Dach. Aber der Herr sitzt in der Wirtschaft! Komm mir bloß nicht wieder besoffen heim,- dann kannst du was erleben!

Und fort war sie, hocherhobenen Hauptes und mit wehendem Rock.

udolph behielt die Ruhe. „Das war mein Vögelchen, was da gesungen hat."

Alle Köpfe wendeten sich Wellems Haus zu, aus dem Krach und Schreien herüberschallte. Die Tür flog auf, Jüppchen stürmte heraus und nahm die beiden Stufen in einem Sprung. Niemand kann sich vorstellen, wie schnell er laufen konnte, wenn sein Vater Wellem mit der Jusche hinter ihm her war. Die Jusche war ein Haselnuss-

stöckchen mit, im wahren Sinne des Wortes, durchschlagender Wirkung.

Wellem war zwar ausser Atem, als er hinter seinem Söhnchen auf die Straße eilte,doch die Leute in der Gastwirtschaft hörten ihn rufen: „Bleib stehen, du Tunichtgut! Die Schüssel hast du willmütig zerbrochen, das werde ich dir austreiben! Komm her!"

Der Junge machte keine Anstalten seinem Vater zu gehorchen und hielt sich in respektvollem Abstand. Seefchen, die Mutter stand mittlerweile hinter ihrem Mann und versuchte ihn zu beruhigen.

„Lass ihn doch, Wellem; die Schüssel hatte doch schon einen Sprung!"

Da kam sie schlecht bei Wellem an. Jetzt, da die Angelegenheit sozusagen öffentlich war, ging es ihm ums Prinzip.

„Nichts da,- der Bengel hat zu hören!" schrie er hartnäckig.

Seine Frau fasste ihn am Ärmel und versuchte ihn vorsichtig zum Haus hin zu ziehen. „Komm, Wellem, mache hier draußen doch nicht so einen Krach."

Doch er war nicht zu besänftigen und riss sich los.

„Er kriegt Prügel, weil er sie verdient hat!" Das sollten alle hören, zu seiner eigenen Rechtfertigung.

Wellem wusste aus Erfahrung, dass er, was Schnelligkeit belangte, in dem Spiel den kürzeren zog. Trotzdem versuchte er noch einmal einen energischen Schritt nach vorne, worauf hin Josef natürlich wachsam zurück sprang, die Distanz zwischen ihm und seinem Vater im sicheren Bereich zu halten. „Sag schon mal, wohin du die Schläge haben willst, auf die Hose oder auf den blanken Hintern!"

Im Nu hatte Jüppchen seine Hose ausgezogen und stand im Hemd da. Dann warf er sie seinem Vater vor die Füsse und rief: „Klopft lieber auf die Hose, Vater!"

Wellem war derartig verdutzt, dass er nur hilflos sagen konnte: „Das gibt es doch nicht. So ein Lausebengel."

Die Männer in der Wirtschaft lachten lauthals.

„Dein Kleiner ist aber nicht auf den Kopf gefallen," rief Rudolph zu Wellem hinüber.

„Der Apfel fällt nicht weit vom Pferd, meinte Seefchen. Kopfschüttelnd, von seiner Frau liebevoll geleitet, verließ Wellem den Schauplatz und murmelte: „ Die Männer denken, sie wüssten etwas, aber die Frauen wissen es besser!

Im selben Augenblick öffnete sich die Tür und Seefchen trat wieder auf die Strasse. Wahrscheinlich wollte sie den häuslichen Frieden erhalten und sich lieber bei der Arbeit abreagieren, denn sie hatte einen Reisigbesen in der Hand. Anscheinend war sie noch „geladen", denn sie setzte ihren Besen voller energischem Schwung in Bewegung, so dass der Staub hoch wirbelte und sich gleichmässig an anderer Stelle wieder verteilte.

Rudolph war ein paar Schritte auf sie zu gegangen und sprach sie an: „Sag mal, Seefchen, bist du die Strasse am kehren oder machst du dich zum Abflug fertig?"

Er tat so, als ob er sich einen Besen zwischen die Beine klemmte, um darauf zu reiten. Seefchen war nicht auf den Mund gefallen und gab in grober Münze zurück.

„Manchmal hat man nicht genug Lumpen um grosse Lästermäuler zu stopfen!"

„Ich dachte, du könntest einen Spass vertragen."

Eigentlich hätte der Totengräber und Handlanger Rudolph wissen müssen, dass Frauen und vornehmlich Seefchen das letzte Wort haben wollte, denn für sie war der Dialog noch nicht beendet.

„Wenn es auf die Kosten anderer geht, bist du grosszügig mit dem Witze machen."

Sie ging zum Gegenangriff über: „ Erzähle lieber mal, warum du deinen Finger so in die Höhe hälst!"

Rudolph trug einen kleinen Verband um den Zeigefinger der linken Hand und es war ihm bisher gelungen den Finger so zu verstecken, dass ihn niemand darauf angesprochen hatte. Es war ihm peilich den wahren Hergang seiner Verletzung preis zu geben und eine passende Ausrede wollte ihm partout nicht einfallen. Er hatte sich beim Niedersetzen auf dem Plumpsklo mit der linken Hand an der Wand abgestützt und an der rauhen Bretterwand einen Holzsplitter in den Finger geratscht. Bis jetzt hatte er sich um die Schilderung, die spöttische Bemerkungen geradezu provozierte, herum drücken können, doch nun musste er antworten. So beschränkte er seine Antwort auf das Nötigste: „Da ist ein Holzsplitter drin,- der tut immer noch weh."

Seefchen sah „Land in Sicht, um ihm seine Anzüglichkeiten von vorhin heim zu zahlen. Sie sagte mit ernsthaften Tonfall: „Einen Holzsplitter, sagst du? Dagegen weiss ich ein probates Mittel.

„Das könnte ich jetzt gut gebrauchen."

Seefchens Augenblick des Triumphes war gekommen. Sie ließ den Besen ruhen und stellte sich bewusst in Positur: „ Das kann dir niemals mehr passieren, wenn du dich nicht mehr am Kopf kratzt!"

Sie packte ihren Reisigbesen und verschwand so schnell sie konnte ins Haus, den verdutzten Rudolph zurück lassend, dem Spott der anderen, die von den Wirtshaustischen das Ganze belauscht hatten, ausgesetzt.

Er ging auf die Wirtin zu und bezahlte die verlangte Summe.

Dann stockte er und drehte sich ihr wieder zu:

„Da fällt mir ein, beim letzten mal hast du dich bei mir verrechnet."

Agnes wurde hellhörig und sah in Gedanken schon Forderungen auf sich zukommen.

„Das hättest du eher sagen müssen, jetzt ist es zu spät."

In ruhigem Ton, wie man es von Rudolph gewöhnt war entgegnete er: „ Ganz wie du meinst. Dann behalte ich den Groschen eben."

Wellem und Adolph nutzten Rudolphs Weggehen für ihren eigenen Aufbruch. Schüll war nun wieder einziger Gast in der Wirtschaft an der Kirche „Auf dem Matt".

Unentschlossen lehnte er sich auf dem unbequemen Stuhl gegen die Leistenrücklehne. Die Hitze des Tages, die harte Arbeit und die spendierten Getränke hatten ihre Spuren an ihm hinterlassen. So richtig sicher auf den Beinen stehen konnte er nicht mehr.

„Probieren könnte man ja mal," dachte er bei sich und versuchte aufzustehen. In diesem Augenblick kam Hannes heran.

Er war Schüll ´s zweiundzwanzig jähriger Sohn, der als Steinmetz im Steinbruch hoch über dem Dorf arbeitete und noch zu Hause wohnte.

„Vater, ihr sollt heim kommen," sagte er ruhig und freundlich. Er benutzte die Anrede in der 3.Person, wie es in der Zeit hier und da noch üblich war, vorwiegend in der Öffentlichkeit um seinen Respekt auszudrücken.

Schülls Zunge war etwas schwer als er antwortete: „Sage deiner Mutter, sie soll die Kinder schon mal alleine ins Bett schicken und nicht vergessen, den Hühnerstall zu verriegeln. „Aber unser Lisbethchen ist vom Küchentisch gefallen.

Das konnte Schüll gerade noch begreifen, denn er sprang auf und rief, sich die Haare raufend: „O Gott! Ist dem Kind etwas passiert?"

„Es hat nach einmal gut gegangen; es ist in den Waschtrog gefallen."

Erleichtert setzte sich Schüll wieder hin. Er hatte seinen Humor wieder gefunden: „ Da kann ich es auch nicht rausholen. Du weisst doch, ich kann nicht schwimmen."

Schüll war es gewöhnt, jeden Abend von aufgeschlagenen Knien, von abgeschnittenen Zöpfen oder sogar gebrochenen Gliedmassen zu hören, was bei sieben Kindern zwischen 5 und 22 Jahren kein Wunder bedeutete. Irgend etwas war immer für ihn zu tun; hier musste er einen Streit schlichten und dort die Nachbarn wegen eines Lausejungenstreiches beruhigen.

Mit einem kleinen Unterton redete Hannes weiter auf seinen Vater ein: „Ihr hattet versprochen, nicht mehr so viel zu trinken."

„Ich trinke doch gar nichts", entgegenete Schüll, doch sein Gehabe und seine schwere Zunge straften ihn Lügen.

So ergänzte er schnell: „Der Adolph hat einen ausgegeben und das konnte ich doch nicht zurück weisen. Das kannst du doch verstehen? Damit hatte er den „Schwarzen Peter von sich abgewiesen und er schaute seinen Sohn an. „ Wieso hilfst du eigentlich deiner Mutter nicht?"

Normalerweise war Hannes bereit alle möglichen Arbeiten im Haus zu übernehmen. Das war schon immer so gewesen, doch nun widersprach er seinem Vater vorsichtig: „Wisst ihr, Vater, ich hätte dringend nötig zuerst noch eine andere Arbeit zu machen."

Schüll war stolz auf seinen Sohn und bereit ihm alle möglichen Zugeständnisse zu machen.

„Ich kann mir schon denken, was du „nötig nennst. Da steckt doch sicher ein Mädchenrock dahinter?

Mit Augenzwinkern bestätigte Hannes: „Das könnte wahr sein, Vater; aber ein Rock mit einem besonders lieben und netten Mädchen drin."

„Nimm dich in Acht vor den Frauen, Hannes. Sie haben dich am Wickel, ehe du dich versiehst." Das war die Stimme des Steinhauers Franz, die hinter Hannes erklang. Zur Wirtin gewendet bestellte er einen Schnaps.

Viel anderes hatte sie auch kaum anzubieten.

Hannes ließ sich nicht gerne von der Seite anquatschen, wie der Steinhauer es gemacht hatte, zudem schien er auch noch gelauscht zu haben. Trotzdem antwortete er mit der wohl plausibelsten Erklärung, die man sich denken kann, wenn man verliebt ist: „ Die Elisabeth hat so schöne Augen."

Sein Vater Schüll war anscheinend aus den Jahren heraus und erinnerte sich auch nicht mehr an seine Zeit, sonst hätte er seinen Einwand unterlassen.

„Deshalb willst du doch nicht gleich das ganze Mädchen nehmen?"

Franz legte noch einen drauf: „Denke dran, Hannes, wegen einem Schluck Milch musst du nicht die Kuh kaufen."

Jetzt war Hannes mit seiner Freundlichkeit am Ende. Gut, er hatte auch Liebschaften gehabt- kurz und heftig und nicht von langer Dauer. Doch diesmal schien es ihm anders; er war wirklich verliebt in Elisabeth, über beide Ohren.

„So einen Unfug habe ich schon öfter gehört. Doch solch ein Blödsinn hat mich noch nie interessiert", sagte er unwirsch.

Franz merkte, dass er zu weit gegangen war und lenkte ein: „ Es war ja nicht böse gemeint und nur so daher gesagt. Welche Elisabeth meinst du denn, von der du dauernd sprichst.?"

„Sie ist die Tochter vom Schöffen Weschenbach."

„Mein lieber Junge, willst du da nicht etwas zu hoch hinaus? Ich meine, wenn du da nicht auf dem Holzweg bist." Franz schüttelte den Kopf und legte nachdenklich den Finger an die rechte Wange, wie er das zu tun pflegte, wenn er sich unsicher fühlte.

„Ich verstehe mich gut mit der Elisabeth. Daran wirst du auch nichts ändern, Franz."

„Das glaube ich dir, Hannes. Es kann ja sein, dass das Mädchen zu dir hält. Aber den Wiesenbach, den kenne ich. Ob du dem gefällst und willkommen bist, würde mich sehr wundern."

Nun meldete sich Schüll zurück. Er hatte sich etwas gefangen und machte nicht mehr den Eindruck, zu tief ins Glas geschaut zu haben, obwohl einem sein Blick noch etwas starr erschien. „Mein Hannes kann es mit jedem aufnehmen!"

„Dein Junge ist ein netter Bursche, Schüll, da hast du recht. Er hat nur nicht genug an den Füßen für den Wiesenbach. Der Scheffe sucht einen Schwiegersohn mit Geld."

Schüll war das Gerede um den Umgang seines Sohnes mit der Tochter des Scheffen leid und er sagte gönnerhaft: „

Geh´ nur ruhig, Hannes. Lasse das Mädchen nicht warten und dich durch uns nicht aufhalten. Deine Mutter kommt zu Haus auch alleine zurecht."

Das war für Hannes das Signal zum Aufbruch. Er grüßte und verschwand im Nu, so dass Franz nur noch hinter ihm her grüssen konnte.

Stolz schaute Schüll ihm nach.

Man sollte meinen, der Tagelöhner Schüll würde nach dem Besuch und dem Reden seines Sohnes Hannes den Heimweg antreten. Aber weit gefehlt. Er kramte in seiner Hosentasche herum und legte dann ein Geldstück auf den Tisch. Dabei drückte er es fest auf eine Kante und ließ es auf die Tischplatte klacken. Die Wirtin kannte das Geräusch und wusste, dass ein weiteres Gläschen Schnaps fällig war. Schüll hatte sowieso die Angewohnheit nie etwas aufkommen zu lassen sondern jedes bestellte Getränk sofort zu bezahlen. Ob das mit seiner Entlohnung als Tagelöhner zu tun hatt, bei der ja auch geleistete Arbeit und Entlohnung Zug um Zug geschah, war schwer zu sagen. Franz sinnierte bei leerem Glas vor sich hin. Schüll hatte die Sprache wieder gefunden.

„Meinen Jungen kannst du laufen lassen."

„Er ist ein grosser, stattlicher Kerl geworden. Wenn du den in der Mitte durchbrichst, kannst du gut und gerne zwei Kommunionskinder davon machen."

„Mit seinen 22 Jahren hat es es schon weiter gebracht, als sein eigener Vater in seinem ganzen Leben."

„Er arbeitet doch im Steinbruch?" fragte Franz, obwohl er das natürlich genau wusste. Er wollte lediglich den Schüll heraus fordern, zu erzählen.

„Ja, er arbeitet im Steinruch. Aber er ist ein richtiger Steinmetz und nicht nur ein Steinhauer. Das Sakramentshäuschen an der Kirche, das wir im letzten jahr eingeweiht haben, hat er ganz alleine aus dem Stein gehauen."

„Das hätte ich nicht gedacht.- Dann versteht er sein Handwerk wirklich meisterlich."

„Das sagst du richtig, Franz. Er kann mit Steinen umgehen, wie kein anderer. Sie fallen so auseinander, genau wie er es haben will, wenn er nur mit dem Hammer drauf schlägt. Wenn er den Meißel ansetzt, kommen Buchstaben oder Wörter aus dem Stein heraus. Man hat das Gefühl, sie waren im Stein verborgen und kommen wie von Geisterhand ans Tageslicht, genau wie die Blumen oder Engel auf den Grabsteinen, die er für die Gräber auf dem Kirchhof schlägt."

An dieser Stelle sei noch etwas über die Scheffen gesagt. Sie waren die aufgrund ihres Vermögens vom Landesherren, dem Herzog von Berg über den Amtmann in Steinbach bestimmten und eingesetzten Gemeindevertreter. Amtmann war Reichsfreiherr von Brück. Die Scheffen fungierten auch als Schöffen bei den Hofgerichten, bei denen der Freiherr als Schultheiß vorsaß. Scheffen gab es mit und ohne Siegel, wobei letztere Beurkundungen und Testamente bezeugten und besiegelten.

Auf der Pollerhofstraße hatte Hermann Küpper seine Tischlerwerkstatt. Sauber aufgereiht hingen verschiedene Hobel in einem Holzgestell an der Wand, daneben Feilen, Raspeln und scharfe Krummeisen über einer Hobelbank. Seit seine Frau gestorben war, hatte sich Hermann daran gewöhnt, selber für Ordnung zu sorgen. Er hatte heraus gefunden, daß dies ihm mit einem Minimum an Arbeit zum größtmöglichen Erfolg verhalf.

Hermann hatte die Spannsäge aus der Hand gelegt, sich die blaue Arbeitsschürze ausgezogen und auf den Weg zum „Matt" gemacht.

Als er vor der Wirtschaft ankam, staunte er nicht schlecht, weil Franz ihn unvermittelt ansprach:

„N´abend Richard. Was hast du dich verändert."

Entrüstet sagte der Schreiner Hermann: „Du bist verrückt. Ich heiße doch nicht Richard."

„Was Richard heißt du auch nicht mehr?"

Bevor er Hermann noch mehr verwirren konnte, stoppte Agnes ihn: „Nun gib doch das Foppen dran, Franz."

Hermann bestellte einen Klaren.

Franz hatte wieder den Mund vorne und warf dazwischen: „Es gibt nichts Besseres als einen Klaren."

Hermann gedachte, ihm den Mund zu stopfen. Er hatte gerne das letzte Wort. „Das will ich nicht sagen. Zwei sind noch besser."

Anscheinend war der Alkohol dem Franz zu Kopf gestiegen, denn er war wie aufgedreht und redete wieder dazwischen: „Das hab ich euch ja noch gar nicht erzählt. Gestern habe ich einen Geldbeutel gefunden. Mit einem Haufen Geld drin. Sarkastisch meinte Schüll dazu: „Der Teufel macht immer auf den dicksten Haufen. Wo Geld ist, kommt meistens noch mehr dazu.

Die Wirtin hatte natürlich mitgehört und trat zu Franz an den Tisch. Sie stützte die Arme in die Hüften und sagte bestimmt: „Dann kannst du ja auch den Taler herausrücken, den du mir schon lange schuldest."

Franz holte tief Luft, schüttelte den Kopf und hob dann abwehrend die rechte Hand: „Nun mal langsam Agnes. Lass mich doch in Ruhe einmal zu Ende erzählen – was ich geträumt habe."

Vom Frohnhof her schallten Hammerschläge herüber. Man war dabei, daß Pastorat so gut es ging zu reparieren, bevor der neue Pastor Potthoff hier einziehen konnte.

Fast zehn Jahre hatte Pastor Müller das unter Pfarrer Langendorff heruntergekommene Anwesen, so gut es ging, bewohnbar gehalten. Johann Hubert Müller war in Köln geboren und hatte das Amt als Pfarrer in Lindlar von Pastor Johann Langendorff 1752 übernommen, der zugunsten seines Neffen darauf verzichtet hatte.

Im Streit um die Verpflichtung des Herrn von Brück für die Instandhaltung des Pastorats war Müller den Händeln mit dem Adeligen genauso nicht gewachsen, wie vorher Langendorff. Hermann reagierte als Erster auf die Geräusche vom Frohnhof her.

„Am Sonntag kommt der neue Pastor. Da haben sie es eilig, noch schnell das Pastorat zu reparieren."

Agnes hatte dazu eine Meinung: „Du sagst es. Das wurde auch Zeit. Der Vikar Heidenkönig kriegt kein Bein auf die Erde. Er hat die Schulkinder und die Kirche am Hals. Das ist auf die Dauer kaum zu bewältigen."

Das war ein Thema, das eine Menge Zündstoff beinhaltete. Johann Heinrich Heidenkönig war in Lindlar getauft und erhielt bereits mit 21 Jahren als Theologiestudent durch den Amtmann von Steinbach, den Grafen von Nesselrode, die Vikariebedienung zuerkannt, wogegen die Scheffen und Meistbeerbten des Kirchspiels sich vergebens zur

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