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Fata Morgana

Fata Morgana

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Fata Morgana

Länge:
338 Seiten
5 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Nov 6, 2013
ISBN:
9783732275472
Format:
Buch

Beschreibung

Nach der Explosion in einem Wiener Lagerhaus findet die Polizei einige Leichen die zumindest eines gemeinsam haben – alle diese Personen waren schon vor Ausbruch des Feuers getötet worden. Was bleibt ist die Frage ob ein CIA-Mann namens Brown an dem Inferno beteiligt war. Und, wie Karl Meixner seine Verletzungen überleben soll.

Ein Jahr später schickt die CIA einen jungen Agenten auf seinen ersten Auslandseinsatz nach Europa und stellt ihm Jonathan W. Merryweather von der ansässigen US-Botschaft zur Seite. Man hält die Zeit für gekommen um den abtrünnigen Jim Brown endlich zu stoppen.
Doch Merryweather muss erkennen, dass Vieles nicht in normalen Bahnen läuft. Gewichtige Interessen sind zu wahren, alte Geschichten werden ans Licht gezerrt und so ganz allmählich erhält eine verborgene Realität eine neue, erschreckende Dimension.

Auch mit dem Ende des Kalten Krieges hat Wien als Drehscheibe der Geheimdienste nichts an Brisanz verloren. Es wurde nur schwerer zu entscheiden, wer Freund ist, und wer Feind.

Mit Fata Morgana gelingt es Mark Gold aus seinen Büchern Alexanders Abschied und Ballawatsch einen Zyklus zu schaffen. Und er gewährt damit Einsicht in eine Welt, die völlig real ist und die wir trotzdem so noch nie gesehen haben.
J.E.
Herausgeber:
Freigegeben:
Nov 6, 2013
ISBN:
9783732275472
Format:
Buch

Über den Autor

Geboren 1962 im niederösterreichischen Zwettl, in jenem düster mystischen Nordwald, der auch seine Werke prägt. Nach einer kaufmännischen Ausbildung zog es ihn zum Journalismus und später als Techniker zu Film und Fernsehen. Heute lebt er zumeist auf in Wien oder auf Malta, wenn man von häufigen Arbeitsaufenthalten in ganz Europa absieht.


Buchvorschau

Fata Morgana - Mark Gold

Die drei Männer an der Ecke gaben sich alle Mühe, gelangweilt auszusehen. Eine Tätigkeit, in der sie geübt zu sein schienen, da es ihnen vortrefflich gelang. Doch dieser erste Eindruck täuschte. Und genau das war sein Zweck.

Joe Daboli lehnte an der Mauer, sah in den morgendlichen Himmel und paffte in Gedanken versunken an seiner filterlosen Zigarette. Es war bereits die zweite in wenigen Minuten und ein untrügliches Zeichen für seine Nervosität. Die beiden anderen Männer hatten die Köpfe zusammengesteckt und unterhielten sich leise. Soweit das Zusammenstecken der Köpfe funktionierte bei einem hageren Riesen und einem nicht wirklich groß geratenen Schönling.

Über den Häusern erhob sich in diesem Moment ein riesiger, flach gedrückter Feuerball, der nach oben zu wachsen schien. Es versprach ein ruhiger Sonntag zu werden und die meisten der Menschen verschliefen diesen Anblick und seinen Beginn. In den verstaubten Alleebäumen auf der anderen Straßenseite tummelte sich in diesen ersten Sonnenstrahlen eine Gruppe Spatzen. Zwei Tauben stolzierten ziellos auf der leeren Fahrbahn herum. Ein unscheinbarer Mann trat aus einem der umliegenden Wohnhäuser und blinzelte in die aufgehende Sonne. Er wirkte übermüdet, aber aufgeregt, als er eine Reisetasche in einem Wagen verstaute und sich anschickte, sich hinter das Lenkrad zu klemmen. Nichts von alledem entging Daboli trotz seiner schläfrigen Miene. Währenddessen war ein weiterer Wagen in die kleine Straße gebogen und hatte die Stille des Morgens gestört. Ein großer Wagen, an dem das Auffälligste seine unbestimmte braune Farbe war. Er schob sich schon nach wenigen Metern in eine Parklücke. Für einen kurzen Augenblick begegneten sich die Blicke der beiden Männer. Der eine Mann, brünett, mittelgroß und bleich vom Mangel an Schlaf, der in seinen Wagen stieg, und der andere, groß, dunkelhaarig und braun gebrannt, der seinen Wagen abstellte und sich anschickte, auszusteigen. Für einen Augenblick, so wirkte es zumindest auf Joe Daboli, schienen die beiden zu stocken. Dann ging jeder wieder ungerührt seinen Beschäftigungen nach. Tatsächlich hatte Karl Meixner für den Bruchteil einer Sekunde gezögert. In dem Augenblick, als sich ihre Blicke begegnet waren, da hatte er das Gefühl gehabt, diesen Mann zu kennen. Mehr noch, da war das Gefühl von Vertrautheit gewesen. Jene Verbundenheit zweier Geister, die in ihrer Intensität und Tiefe über das menschliche Verständnis hinausging. Auch der andere hatte überrascht geblinzelt, startete dann aber seinen Wagen und fuhr davon. Also schob Meixner diese kurze Eingebung aus seinen Gedanken.

Es gab noch anderes zu tun, Wichtigeres. Und das erforderte ohnehin seine ganze Aufmerksamkeit.

Als er zu den drei Männern an der Mauer trat, begrüßten ihn die beiden so ungleichen Männer mit einem kurzen Blick und Joe Daboli mit einer hochgezogenen Augenbraue.

Karl Meixner sagte sogar einen ganzen Satz.

»Irgendetwas an der Geschichte ist faul.«

Die zweite Augenbraue folgte der ersten nach oben, als Daboli die Zigarette wegwarf und automatisch austrat.

»Wie kommst du darauf?«, fragte er dabei.

Meixner kratzte sich am Kinn und studierte dabei die Häuserfront auf der anderen Straßenseite.

»In den Straßen rund um den Häuserblock stehen so viele Polizeiwagen und Einsatzkräfte, dass man meinen könnte, sie wären aus den umliegenden Bezirken zusammengezogen. Sieht so aus, als planten die etwas.«

»Unterstützung für uns?«

Meixner trat einen Schritt weg, um durch die Einfahrt vorsichtig in den Hof sehen zu können. Dort standen die große dunkle Limousine und der weiße Kastenwagen noch so, wie er sie zuletzt gesehen hatte.

»Nein, sicher nicht«, murmelte er dabei und dachte an die Einsparungen der letzten Zeit. Manchmal erschien es ihm tatsächlich so, als würden Politiker zwar Gesetze erlassen, aber auf der anderen Seite auch alles tun, damit diese Gesetze nicht eingehalten werden mussten. Was die Vermutung nahelegte, dass Gesetze eben nur für den oft zitierten kleinen Mann von der Straße galten. »Nein, ich fürchte, die Polizei kocht ihre eigene Suppe. Vielleicht spielt heute der Sportklub, das Stadion ist nicht weit von hier. Da ziehen sie immer mehr Leute zusammen, sogar mehr als bei jedem Staatsbesuch. Aber was immer sie auch tun, sie werden damit womöglich unsere Leute aufscheuchen, bevor wir sie festnageln können. Bei euch was Neues?«

»Allerdings«, bestätigte Daboli und grinste schief. »Irgendetwas an der Geschichte ist faul.«

Diesmal war Meixner an der Reihe, seinen Partner überrascht anzusehen.

»Was gefällt dir nicht?«

Daboli angelte automatisch die zerknautschte Packung Zigaretten aus der Jacke, steckte sie aber mit einem Seufzer ungeöffnet wieder zurück.

»Kaum, dass du weg warst, sind drei Arbeiter gekommen und in die Lagerhalle gegangen.«

Meixners Lippen zogen sich zu einem dünnen Strich zusammen, als er überlegte.

»Ziemlich früh am Morgen für Arbeiter. Noch dazu an einem Sonntag.«

Daboli grinste und schüttelte den Kopf.

»Es kommt noch schlimmer«, meinte er dabei. »Jeder von ihnen trug eine Werkzeugkiste. Dreimal das gleiche Modell. Neu und ungebraucht. Zwei trugen Militärstiefel, einer trug teure italienische Designerschuhe. Und jeder von ihnen hatte seinen leuchtend gelben Schutzhelm auf dem Kopf!«

»Teure Schuhe würde ich einem Arbeiter noch zugestehen, aber kein Österreicher im Blaumann kommt auf die Idee, einen Schutzhelm auf der Straße zu tragen.«

»Ich möchte fast sagen, kein europäischer Arbeiter käme auf diese Idee!«, setzte Daboli nach.

»Sonst gab es keine Bewegung«, mischte sich jetzt auch der große, hagere Mann ins Gespräch. »Am Morgen habe ich den Ami über den Hof gehen gesehen. Dafür, dass er jetzt seit über 48 Stunden in dem Loch haust, sah er aus wie aus dem Ei gepellt.«

»Das ist eben ein Profi!«, setzte der Kleine nach. »Der verbringt mehr Zeit seines Lebens in Unterschlüpfen als eine Nutte im Bett.«

Meixner nickte gedankenverloren und grübelte stumm vor sich hin.

»Okay, der Junge ist ein Profi«, knurrte der Hagere, »so viel steht fest. Und wenn die Russen nicht so unvorsichtig gewesen wären, hätten wir nie von ihm Wind bekommen. Aber was hilft uns das?«

»Auch wenn sie Mitglieder eines Verbrechersyndikates der ehemaligen UdSSR sind, so sind es doch Ukrainer und keine Russen«, korrigierte ihn Meixner halbherzig. Der Hagere zog eine Grimasse, die nur zu deutlich seine Meinung über die Nationalitäten des Ostblocks spiegelte, aber Meixner starrte nach wie vor angestrengt auf den abblätternden Verputz der Mauer und dachte nach. Plötzlich ruckte er herum.

»Haben die drei mit dem Fahrer gesprochen?«

Verdutzt sah ihn Daboli an und versuchte, sich zu erinnern.

»Ja, ich glaube. Zuerst haben sie wohl ein paar Worte mit dem Fahrer im Van gewechselt, bevor sie in das Gebäude gegangen sind.«

Meixner trat wieder einen Schritt auf die Straße, um in den Hof sehen zu können. Und dann noch einen. Mit einem Sprung stand er wieder neben der Einfahrt. Und hatte seine Waffe in der Hand. In einem Reflex folgten die drei Männer seinem Beispiel.

»Wir gehen rein!«, entschied Meixner.

In der Deckung eines Stapels Kisten huschten sie geduckt in den Hof. Dort ließen sie den Kleinen zurück und querten zu dritt eilig die freien Meter zu dem Van mit den abgedunkelten Scheiben.

Der Fahrer hatte den Kopf gegen die Nackenstütze gelegt und schien mit offenem Mund zu schnarchen. Doch aus der Nähe sah man das dünne Rinnsal Blut, das aus der Nase kam und an der Oberlippe stockte.

»Verdammt!«, stampfte Daboli wütend auf. »Ich hätte mir denken müssen, dass ein Fahrer bei so einem Deal nicht einfach pennt!«

Während Daboli noch an seiner Wut kaute, untersuchte Meixner den Mann, ohne eine Verletzung zu finden. Überrascht sah er noch einmal genauer hin und entdeckte das zertrümmerte, verkrustete Innenohr, wo eine sehr kleine Kugel eingedrungen war, um das Gehirn zu zerschmettern.

Diese Entdeckung löste bei Meixner ein leises Ziehen in der Magengegend aus. Schnell überschlug er noch einmal die Situation. Da war der Ukrainer, der seine Finger tief in allerlei Schmuggelgeschäften hatte, und mit ihm seine zwei Leibwächter sowie der jetzt tote Fahrer. Dann hatten sie da diesen unbekannten Amerikaner. Zumindest hatte er einen amerikanischen Pass vorgewiesen und war mit einem Flug aus Boston nach Paris gekommen. Wo er sofort untergetaucht und verschwunden war. Wäre nicht einer der Leibwächter des Ukrainers noch immer auf der Fahndungsliste gewesen, sie hätten niemals von diesem Treffen erfahren.

»Okay«, meinte Daboli, »jetzt haben wir eine Leiche. Also haben wir eine Handhabe. Rufen wir die Kripo?«

Meixner schüttelte den Kopf und kaute weiter auf seiner Lippe. Bis die Kriminalpolizei hier war, würde zu viel Zeit vergehen. Die Polizisten rund herum machten auch so zu viel Wirbel. Und sie hatten noch immer nicht die leiseste Ahnung, was diese Männer hier zusammenführte! Zumindest war sich Meixner sicher, dass die beiden Männer sich nicht trafen, um Erinnerungen an die gute alte Zeit auszutauschen. Er war sich auch sicher, dass der Pass des merkwürdigen Amerikaners falsch war. Wenngleich es sicherlich eine Unzahl von Männern gab, die von Geburt an den Namen Jim Brown trugen. Aber dieser Name in Verbindung mit einem Profi, der eine Vorliebe für Sonnenbrillen und schwarze Anzüge zeigte, das war einfach so auffällig, dass es sich nur um die Visitenkarte der CIA handeln konnte. Doch das alles waren keine Fakten. Und bevor der Oberst auch nur daran dachte, den Fall an die zuständige Dienststelle abzugeben, benötigten sie Fakten. Harte Fakten. Zumindest irgendetwas, was härter war als diese ganzen Vermutungen. Leiche hin oder her. Und jetzt waren da auch noch die anderen drei Männer aufgetaucht. Männer, die sich nicht europäisch verhielten und ohne Bedenken, aber äußerst präzise töteten. Für einen Moment verfluchte er den Oberst und wünschte sich, das Einsatzkommando der Polizei wäre wirklich zu ihrer Unterstützung da.

Der Hagere hatte inzwischen vorsichtig die Schiebetür auf ihrer Seite geöffnet und den Laderaum begutachtet.

»Nur zwei große Hartschalenkoffer. Verschlossen«, brummte er leise. »Und schwer!«, setzte er nach einem Versuch, sie zu bewegen, noch hinzu.

Meixner gab ihm mit einer Handbewegung zu verstehen, dass er bleiben sollte, wo er war, und huschte mit Daboli weiter hinter ein paar Fässer in der Einfahrt der Lagerhalle. Mit der freien Hand bediente er sein kleines Funkgerät.

»Eins an Fünf. Lagebericht«, sagte er und sah dabei unwillkürlich zu den Fenstern auf der anderen Straßenseite hinauf, obwohl er sicher sein konnte, auf diese Entfernung nichts zu erkennen.

»Keine Änderung«, krächzte es zur Antwort. »Sie befinden sich immer noch in dem Büro im Obergeschoss, das auf den Hof hinausgeht. Und ich kann immer noch nichts verstehen!«

Das Richtmikro empfing die Schwingungen bei normalen Fensterscheiben einwandfrei, aber etwas an den verstaubten, uralten Scheiben des Lagerhauses schien anders zu sein. Meixner hatte sich vor seiner Runde um den Block in der stickigen Dachkammer selbst davon überzeugt, dass man zwar Stimmen vernahm, diese aber so verzerrt waren, dass es wohl einige Zeit dauern würde, bis man das Band ausgewertet hatte. Zeit, die sie nicht hatten. Denn für diese Männer war Wien nur Treffpunkt. Sozusagen neutraler Boden, auf dem man sich traf, seine Geschäfte abwickelte und wieder verschwand. Weder das Ende des Kalten Krieges noch die Annäherung der westlichen Welt an die Oststaaten hatte daran etwas geändert.

Aus den Augenwinkeln sah Meixner, wie der Hagere die beiden Koffer aus dem Wagen zerrte und damit aus dem Hof schlich.

»Ist Joschi jetzt völlig verrückt geworden?«, fauchte Daboli, der seinen Kollegen ebenfalls bemerkt hatte. Doch bevor sie reagieren konnten, kreischte das Funkgerät wieder auf.

»Achtung! Irgendjemand hat jetzt was geschrien – so wie ›fucking hands up‹!«

Eine Sekunde blieb das Funkgerät still, als der Mann in der Düsternis der Dachkammer aufmerksam lauschte. Dann überschlug sich seine Stimme hektisch.

»Irgendwas läuft schief! Die schreien durcheinander – hört sich an wie Englisch mit ein paar Brocken Russisch. Das hört sich an wie …«

Ein donnernder Knall zerriss alle Geräusche. Fast gleichzeitig klirrte ein großer, dunkler Körper durch die Glasscheibe im ersten Stock und schlug mitten im Hof auf. In lustigen Hopsern sprang der grellgelbe Helm davon und schnell breitete sich unter dem regungslosen Körper eine dunkle Lache aus.

Ohne weiter zu überlegen, drangen die beiden Männer in die Halle vor. Von oben dröhnte das Geknatter von Schüssen. Automatische Waffen im panischen Stakkato, großkalibrige Pistolen und dazwischen immer wieder das Wummern einer Pumpgun. Zur Balustrade über der Halle und zu den Büroräumen führte eine eiserne Treppe, auf der sie völlig ungeschützt waren. In der Halle war niemand zu entdecken, so erklommen die beiden Männer die Stufen nach oben so schnell wie möglich – um im letzten Drittel dann doch zu erstarren. Durch große, schmutzige Scheiben sahen sie in den Hof. Sahen die schwarze Limousine. Sahen den Van, der ein paar Querschläger abbekommen hatte. Und sie sahen ihren hageren Kollegen überrascht durch das Tor mitten in den Hof laufen. Die Waffe trug er in der Hand. Und er blieb stehen. Offensichtlich hatte ihn der Kleine aus seiner Deckung heraus angerufen. Noch immer verwirrt drehte er sich zu seinem Kollegen herum. Und begriff seinen Fehler. Begriff ihn zu spät.

Die beiden erstarrten Männer auf der Treppe bemerkten das veränderte Geräusch der Detonationen, als die Schüsse nach draußen gingen. Sahen die Kugeln einer automatischen Waffe auf dem Asphalt aufspritzen und sahen den Körper ihres Freundes im skurrilen Tanz unter der Wucht der Einschläge herumwirbeln.

Mit einem Schrei stürmte Daboli vorwärts auf die Balustrade und auf die Tür dort oben zu. Meixner wollte es ihm gleichtun. Auch er empfand das dringende Bedürfnis, hinaufzustürmen, aber er stand wie angewurzelt. Für den Bruchteil einer Sekunde war er von sich selbst überrascht. Im nächsten dämmerte es ihm.

›Halt!‹, wollte er rufen, aber Daboli hatte die Klinke bereits gedrückt. Eine mächtige Explosion schleuderte den schlanken Mann über das Geländer in die Halle. Trümmer und Splitter surrten herum, schrammten über den dunklen Mann auf der Treppe und landeten teilweise noch brennend in der ganzen Halle, wo das Feuer schnell neue Nahrung fand.

Mit einem Sprung über das Geländer war Meixner ebenfalls unten und schob vorsichtig einige der größeren Trümmer zur Seite. Was zerfetzt darunterlag, war nicht mehr lebendig und kaum mehr menschlich.

Er atmete tief durch und fühlte, wie sich seine Hand um das Holzstück krampfte, dass er eben aufgehoben hatte. Angewidert warf er es quer durch die Halle. Die drei Männer hatten Sprengfallen an den Türen angebracht, bevor sie hineingegangen waren. Das konnte nur bedeuten, dass sie keine Absicht hatten, irgendjemanden am Leben zu lassen. Sie waren hier, um ohne Bedenken und ohne Ausnahme zu töten!

Im nächsten Augenblick verschwand Meixner wie ein düsterer Schatten hinter einer Betonsäule. Denn mit lautem Geschrei stürmte ein Mann oben aus dem schwarzen Loch, das früher eine Tür gewesen war, und verteilte blindlings heißes Blei aus seiner stumpfnasigen Maschinenpistole in der ganzen Halle. Die Querschläger jaulten beängstigend von Beton zu Stahl. Weiter hinten in dem Gitterkäfig, von Gasflasche zu Gasflasche. Als das Magazin leer war und sich nichts bewegte, wurde er ruhiger, ließ das leere Magazin zu Boden scheppern und suchte mit der Hand in seiner Jackentasche nach einem neuen.

Beide Kugeln Meixners trafen ihr Ziel. Der Mann wurde neben der Tür gegen die Wand geschleudert und rutschte dann nach unten, einen hässlichen roten Fleck neben dem verkohlten Türrahmen hinterlassend. Behutsam kam Meixner die Treppe hinauf und vergewisserte sich, dass der bullige Mann im dunklen Anzug, wahrscheinlich einer der Leibwächter, der mit der Hand in der Tasche neben der Tür saß, niemanden mehr töten würde. Vorsichtig schob er sich dann weiter, durch den verkohlten Türrahmen in die Büroräume. All seine Aufmerksamkeit konzentrierte er nach vorne. Dorthin, wo jetzt auch die zweite Maschinenpistole verstummt war. Nur mehr vereinzelte Schüsse waren zu hören.

Doch selbst wenn Meixner besser hingehört hätte, das leise Zischen des beschädigten Ventils auf der Gasflasche neben der Werkbank wurde von den knisternden Bränden übertönt.

Vorsichtig schob er sich in das große Büro mit Blick auf den Hof. Gerade rechtzeitig kam er, um zu sehen, wie der Ukrainer den toten Fahrer aus dem Van zerrte und sich damit davonmachte. Um auf der Straße sofort von einer Anzahl vermummter Polizisten umstellt zu werden. Meixner hätte in diesem Augenblick so etwas wie Genugtuung empfinden sollen, aber seine Aufmerksamkeit wurde von etwas anderem gebannt – an der schwarzen Limousine lag Iwalansky, der kleine Kollege mit den langen, seidigen Haaren. Er lag mit dem Gesicht auf dem Asphalt, und er lag wie jemand, der tot genug war, um den Asphalt nicht mehr zu fühlen.

Für einen kurzen Augenblick schloss Meixner die Augen und atmete resigniert aus. Das Ganze hätte nichts weiter als eine Aufklärungsaktion werden sollten. Jetzt waren drei seiner Leute tot, eine Lagerhalle mitten in einem Wohngebiet brannte lichterloh und einige der schießwütigen Killer schlichen noch immer herum.

Neben einem schweren Eisenschrank lag ein Mann im blauen Overall. Er trug teure Designerschuhe und die Hälfte seines Oberkörpers war verschwunden. Meixner starrte auf den roten Matsch zu seinen Füßen, den eine Pumpgun aus nächster Nähe angerichtet hatte. Insgeheim wunderte er sich darüber, dass dieser Anblick ihm zwar nicht angenehm war, aber sonst keine tieferen Reaktionen bei ihm auslöste. Er wollte sich schon abwenden, als ihm auffiel, dass der Mann etwas in seiner verkrampften Hand hielt. Es war ein kleiner Bund mit zwei Schlüsseln. Möglicherweise hatte er im Augenblick seines Todes jemanden festgehalten. Wie auch immer der Tote an die Schlüssel gekommen sein mochte, Meixner löste sie aus den starren Fingern und ließ sie in seine Hosentasche gleiten. Und als er sich abwandte, da hatte er sie auch schon wieder vergessen.

Auf der anderen Seite des Schreibtisches lag einer der Leibwächter des Schmugglers. Auch wenn er besser aussah als sein Gegner, so war er doch nicht weniger tot.

Meixner drückte sich an die zerfetzte Wand und übersah noch einmal den Raum. Offensichtlich hatten der Amerikaner und der Ukrainer an dem Tisch gesessen, als durch die andere Tür die Angreifer gekommen waren. Und plötzlich wurde Meixner bewusst, dass in dieser trügerischen Ruhe etwas nicht stimmen konnte. Zwei der Angreifer waren tot. Die beiden Leibwächter waren tot. Der Schmuggler festgenommen. Also mussten noch der dritte Mann im blauen Overall und der Amerikaner im Gebäude sein. Aber es war inzwischen totenstill.

Meixner schob sich tiefer neben den schweren Eisenschrank.

Eine Glasfront ging von dem Besprechungsraum auf den Gang hinaus, und man sah in andere Räume, die jetzt ebenso still und leer lagen wie dieses Besprechungszimmer. Irgendwo in diesen Räumen konnten noch zwei tote Körper liegen. Oder die beiden Männer hatten es vorgezogen zu verschwinden. Wenn sie nicht sogar zusammenarbeiteten. Möglich wäre es durchaus. Aber Meixner fühlte, dass diese beiden Männer gar nicht weit weg waren. Sehr lebendig und äußerst gefährlich.

Er entlastete seine Beine und wartete geduldig. Einer der beiden würde die Initiative ergreifen, und er hätte gewettet, dass es der Mann im blauen Overall sein würde. Er war hier, um zu töten. Und sein Auftrag war noch nicht erfüllt.

Andererseits würde das Einsatzkommando der Polizei in wenigen Minuten das Gebäude stürmen, um der Feuerwehr den Zugang zu sichern. Die wiederum würden sicher inzwischen wissen, dass in der Halle auch Gasflaschen gelagert waren, und sich nicht damit begnügen, einfach von oben die Dächer zu kühlen, um ein Übergreifen des Feuers zu verhindern. An die Flaschen konnten sie aber nur durch die Halle heran. Meixner war sich nicht sicher, ob er über die unerwartete Unterstützung froh sein sollte oder nicht. Wenn er denen die Arbeit überließ, würde das für ihn eher ungefährlich sein, würde aber noch ein paar Tote und eine Menge unangenehmer Fragen nach sich ziehen. Wenn er die Situation vor ihnen klären und verschwinden wollte, dann brachte ihn das bedenklich unter Zugzwang.

Ohne weiter zu überlegen, beförderte er den Stuhl vor sich mit einem Tritt gegen die dünne Gangwand, dass die Scheiben darüber zitterten. Kaum einen Atemzug später huschte jemand zur Tür. Fast gleichzeitig donnerte die Pumpgun auf und zerriss schmerzhaft die eingetretene Stille. Ein Körper im blauen Overall wurde durch die Tür geschleudert und landete krachend mit dem Kopf auf dem Tisch. Glitt nach unten und blieb in eigentümlich verdrehter Stellung über dem anderen Toten liegen.

Der Amerikaner mit der Pumpgun musste sich im gegenüberliegenden Büro befinden, doch er ließ sich noch immer nicht blicken. Zögernd entschloss sich Meixner, ihn anzurufen.

Tief atmete er durch und überlegte, wie er es wohl anstellen konnte, ihn zu überzeugen. Doch diese Entscheidung wurde ihm abgenommen.

Die erste Gasflasche explodierte mit einer Stichflamme. Der ohrenbetäubende Knall ging aber unter, als durch Hitze und Wucht fast im gleichen Augenblick auch schon die nächsten Flaschen wie Bomben explodierten.

Das Gebäude schien sich im Feuer aufzublähen und Millionen von Glassplittern in die Umgebung zu spucken. Die Mauer zur Straße gab nach und begrub zwei Polizisten unter sich. In den Gebäuden rund herum wurden die Menschen aus ihren Betten geworfen, Wasserrohre brachen und bedenkliche Sprünge klafften mit einem Mal in tragenden Mauern. Wie in Zeitlupe sackten die Stahlträger der aufgeblähten Halle in sich zusammen. Und mit ohrenbetäubendem Krach stürzten sie auf einen wilden Haufen, bevor Staub und Rauch alles verschluckten.

Meixners Kopf dröhnte zum Zerplatzen. Er fühlte Staub und Schmutz in seinem Mund und versuchte, auszuspucken. Es dauerte einige Augenblicke, bis er begriff, dass er sich nicht bewegen konnte. Vorsichtig öffnete er ein Auge. Das zweite verweigerte den Dienst, es schien irgendwie verklebt zu sein.

Er lag auf dem Boden. In dem kleinen Ausschnitt vor sich sah er eine Kante des schweren Schreibtisches über sich, etwas großes Schwarzes zu seinen Füßen und dazwischen ein Stückchen des Raumes, durchwallt von grauen Schwaden und durchkreuzt von einem Stahlträger. Staub sah er. Und Flammen. Überall kleine, neugierige Flammen. Wieder versuchte er, sich zu bewegen, und wieder erfolglos. Allmählich begriff er, dass der schwere Stahlschrank auf ihn gefallen sein musste und seine Hüften und seine Beine einklemmte. Aber warum konnte er die Arme und den Kopf nicht bewegen?

Vielleicht war es ganz gut so, rasselte es ihm schwerfällig durch die Gedanken. Schon jedes Blinzeln mit dem einen Auge verursachte rasende Schmerzen in seinem Kopf, bis tief in seine Wirbelsäule. Und jeder Atemzug war ihm, als würde ein glühendes Eisen in seiner Brust herumgedreht.

Erstaunt sah er den Flammen zu, die fröhlich um ihn herumzuspringen schienen. Bleckend, flackernd in ihren leuchtenden orangefarbenen Kleidchen schoben sie sich neugierig näher wie ein Schwarm aufgescheuchter junger Mädchen. Seine ganze Welt schrumpfte zusammen auf diese Flämmchen.

Wieder versuchte er, auszuspucken und sich aufzusetzen.

Wieder misslangen beide Versuche ansatzlos kläglich.

Die Flammen schlossen sich zusammen, wurden größer und fordernder, und er fühlte sehr deutlich, dass sie ihn eingeschlossen hatten. Er fühlte ihre Hitze, die ihm den Atem raubte und das Heben seines Brustkorbes noch schmerzvoller gestaltete.

Es war nicht so, dass sein Verstand die Gefahr nicht erkannt hätte, in der er schwebte. Oder besser festgenagelt lag. Die Gefahr war da. Doch trotz allem empfand er die Flammen zu seiner eigenen Überraschung nicht als bedrohlich. Sie waren da, so wie er da war. So wie jedes Ding seinen Platz hatte. Weil es Teil des Ganzen war.

Wie durch einen Tunnel nahm er wahr, dass hinter dem Stahlträger ein Schatten auftauchte. Nur mit Mühe erkannte er einen großen Mann in einem mitgenommenen schwarzen Anzug. In seinen Händen trug er ein merkwürdiges Gebilde. Vorne sah es aus wie eine abgesägte Pumpgun, hinten war ein Pistolengriff.

Meixner begriff, dass er den Mann als störend empfand. In seiner Welt war nur mehr Platz für ihn und die Flammen. So benötigte er einige Zeit, bis er zwischen dem Rauschen und dem Dröhnen in seinem Kopf verstand, dass der Mann mit ihm sprach.

Immer weiter rückte der Mann in dem schwarzen Tunnel weg, bis er die Waffe hob und mit einem Schlag ganz nah war.

»Bad luck, little Jew«, verstand Meixner gerade noch, während er in die riesig klaffende Öffnung der Mündung einzutauchen meinte.

Überall schienen im gleichen Augenblick Flammen zu sein. Wie eine Wand bauten sie sich zwischen ihm und dem Mann auf. Ließen das Mündungsfeuer kümmerlich aussehen. Meixner fühlte nichts außer dem rasenden Schmerz, der seit Ewigkeiten da zu sein schien. Und er lächelte. Die lieben kleinen Flammen, sie würden ihn beschützen. Und wieder wurde ihm schwarz vor Augen.

Irgendwann fühlte er die Flammen dann.

Sie schienen dicht an seinem Körper. Sie waren heiß. Sehr heiß sogar! Und doch brannten sie nicht!

Wieder drang ein Lächeln aus seinem Inneren, als er sich erinnerte, dass ihm die Flammen vielleicht das Leben gerettet hatten. Der Amerikaner hätte ihn getötet, sicherlich, wenn er nicht vor der Hitze hätte zurückweichen müssen.

Es war Dummheit und grenzenlose Überheblichkeit zu meinen, die Flammen hätten sein Leben gerettet.

Den Flammen war es egal, ob er lebte oder starb. Sie hatten keine Meinung, keine Ansichten und keine Gedanken. Nichts. Nichts hatten sie.

Sie hatten eine Aufgabe. Und sie hatten die Macht, diese Aufgabe zu erfüllen.

Meixner war erstaunt über diesen plötzlich in ihm auftauchenden Gedanken.

Natürlich, die Flammen hatten eine Aufgabe. So wie jedes Ding eine Aufgabe hat. So wie auch er eine Aufgabe hatte.

Die Aufgabe der Flammen war es zu zerstören, zu verbrennen, zu vernichten.

Auch er hatte zerstört und vernichtet.

Sein Kopf dröhnte und sein ganzer Körper war Schmerz. Die Hitze war unerträglich geworden und seine wirr herumhüpfenden Gedanken klammerten sich daran fest, dass er gar nicht so viel anders war als das Feuer.

Dass er nichts anderes war als Feuer.

Wieder schien er in das Dunkel einer Ohnmacht hinüberzugleiten, als eine Bewegung seine Aufmerksamkeit erregte. Etwas bewegte sich in seinem Rücken, an seiner Schulter, an seinem Arm. Wieder benötigte er einige Sekunden, bis er begriff, dass seine Kleidung sich bewegte. Die Kleidung bewegte sich, weil sie verbrannte. Aber er fühlte nichts davon. Nur die Hitze, die ihn durchdrang, die ihn ausfüllte, die ihm den Atem raubte.

Er selbst war ja Feuer, wie konnte er da brennen.

Das Feuer fraß die Kleidung. Den Schmutz und den Schund.

Feuer reinigt. Feuer härtet. Feuer befreit das Wesentliche vom Hinderlichen.

Aus jeder einzelnen Flamme heraus meinte er,

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