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Die Schweiz ist anders: Kleines Land ganz groß – ein farbiges Mosaik von Macht und Millionen, von Alltag und Ängsten der Eidgenossen

Die Schweiz ist anders: Kleines Land ganz groß – ein farbiges Mosaik von Macht und Millionen, von Alltag und Ängsten der Eidgenossen

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Die Schweiz ist anders: Kleines Land ganz groß – ein farbiges Mosaik von Macht und Millionen, von Alltag und Ängsten der Eidgenossen

Länge:
496 Seiten
14 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
27. Juli 2012
ISBN:
9783844841268
Format:
Buch

Beschreibung

„Geschichte und Kultur, Politik und das ja komplexe deutsch-schweizerische Verhältnis – die Themenbereiche sind sehr umfassend. Vor allem auch konkret handelnde Personen werden dargestellt, sei’s historisch oder aktuell.“
Warum ist die Schweiz nicht in der Europäischen Union? Warum betrachten viele Eidgenossen ihr Land als „Sonderfall“? Wie funktioniert eigentlich gelebte direkte Demokratie? Wie wurde die kleine Schweiz zum „Land, wo die Millionen blühn“? Und warum sind die Deutschen in der Deutschschweiz so unbeliebt?

Fragen, die Hans-Peter von Peschke, Doppelbürger, Historiker und Publizist, langjähriger Journalist beim Deutschschweizer Radio und Korrespondent aus der Schweiz, in zahlreichen ausführlichen Sendungen beantwortet hat. Die hier abgedruckten und aktualisierten Manuskripte schildern – nicht ohne diverse geschichtliche Rückblicke – die Entwicklung der Schweiz in den letzten 25 Jahren bis heute.
Herausgeber:
Freigegeben:
27. Juli 2012
ISBN:
9783844841268
Format:
Buch

Über den Autor

Studium der Neueren Geschichte, Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Soziologie und Politologie. Absolvent der Deutschen Journalistenschule. 1980 Redakteur beim Bayerischen Rundfunk, 1984 freier Journalist und Publizist in der Schweiz, von 1985 bis 2011 in verschiedenen Tätigkeiten bei Schweizer Radio DRS, zuletzt Stabschef beim DRS1. Hans-Peter von Peschke verfasste zahlreiche historische Artikel und Fachbücher, zuletzt „Das Ende des Römischen Reiches! Wendepunkte der Geschichte“ (2012). Außerdem war er Autor mehrere Romane und Sachbücher für Jugendliche, u.a. „WAS IST WAS Burgen“ und „Mittelalter“, sowie dreier historischer Kochbücher.


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Meine Schweiz

Über dieses Buch

Ich bin Schweizer und Deutscher. Schweizer bin ich, weil ich dieses Land lieben gelernt habe und an seinem politischen und gesellschaftlichen Leben teilhaben will. Deutscher bin ich, weil ich meine Herkunft nicht verleugnen will und man eine Staatsangehörigkeit nicht wie ein Hemd wechselt. 2010 bin ich also Doppelbürger geworden, weil dies von da an offiziell möglich war. Als ich 1982 zum ersten Mal beruflich in das Land der Eidgenossen kam, hätte ich mir das nicht träumen lassen.

1981 hatte ich zusammen mit einem Schweizer Kollegen auf einem Seminar eine neue Nachrichtenform entwickelt. Zum Dank kamen unsere Chefs auf die Idee, doch einmal einen einmonatigen Austausch der jeweiligen Arbeitsplätze vorzusehen – ein Angebot, das ich nur allzu gerne annahm. So kam ich als junger Journalist ins Studio Bern des „Radios der Deutschen und Rätoromanischen Schweiz" (Radio DRS). Dort lernte ich meine heutige Frau kennen. Wir erkannten, dass es für mich leichter war, in der Schweiz eine Arbeit zu finden als für meine Frau umgekehrt in München. Vom 1. April 1984 an arbeitete ich in Bern als freier Journalist. Zunächst erstellte ich vor allem Kurzbeiträge für den Bayerischen Rundfunk und andere Radioanstalten. Bald spezialisierte ich mich auf längere politische und geschichtliche Sendungen, die ich nicht nur für deutsche Rundfunkanstalten, sondern erst als freier Autor und später fest angestellter Redaktor für SR DRS realisieren konnte.

In den mehr als 25 Jahren meiner journalistischen Tätigkeit sind hunderte solcher Dokumentationen und Hörbilder entstanden, nach 2000 wurden es weniger, weil ich zunehmend in Managementfunktionen beim Schweizer Radio beschäftigt war. Ein schwerer Hirnschlag Ende 2006 stoppte meine Aktivitäten jäh und ich bin sehr froh, dass ich heute wieder in beschränktem Maß noch etwas tätig sein, vor allem aber mich des Lebens freuen kann. Die Themen, die mich naturgemäß am meisten interessieren, sind Geschichte, Politik und Gesellschaft meiner neuen Heimat Schweiz. Deshalb bin ich dem Bayerischen Rundfunk sehr dankbar, dass er es mir in seiner Buchreihe für ehemalige Korrespondenten ermöglicht, mit meinen Sendungen einen Streifzug durch die eidgenössische Geschichte, speziell die der letzten 30 Jahre zu machen.

Die Kapitel sind so eingeteilt, dass ich meist von einer Reportage oder einem geschichtlichen Feature ausgehend die weitere Entwicklung bis zur Gegenwart verfolge. Oft wird nur in einer Anmerkung die weitere Entwicklung gezeigt. Es ist kein umfassendes Buch – manche Themen werden nur gestreift, manche haben mich mehr gefesselt. Und es sind natürlich die Themen, von denen der BR und ich glauben, dass sie die Hörer am meisten interessieren und/oder ihnen nähergebracht werden müssten.

Hörfunksendungen leben vom Originalton und von den mit dem Mikrofon aufgenommenen Geräuschkulissen. Ein schriftlicher Text kann das oft vielsagende Zögern, ja das Stocken des Gesprächspartners nicht wiedergeben. Mehr als bei einer geschriebenen Reportage verzichtet der Radioautor oft auf detaillierte Beschreibungen und lässt durch Stimmen und Geräusche bei den Zuhörern ein „Kino im Kopf entstehen. Manche dieser O-Töne lassen sich nicht in dürren Worten wiedergeben – nicht der Urschrei der Überraschung nach einem unerwarteten Abstimmungsergebnis einer Landsgemeinde, nicht der Versprecher des Ständeratspräsidenten, wenn er vor der Frauensession über die „zwischenmännlichen Beziehungen redet, und nicht die Frauen, die vor dem Bundeshaus ihr „Victoria, Victoria anstimmen. Wenn man Kaspar Villiger nicht nur über Musik reden lässt, sondern im Hintergrund der „Kaspar-Villiger-Marsch ertönt, oder die Jüdin Eleonore Hertzberger, die vor Hitler durch halb Europa floh, als Opernsängerin eine Wagnerarie schmettern hört. Und wer die Originalmeldung des Oberkommandos der Wehrmacht vom Einmarsch in Paris im Originalton hört, kann die Furcht der Eidgenossen im Jahr 1940 verstehen. Leider können wir auch nicht die „Geschichte vom Meister Eder und seinem Pumuckl" auf Rätoromanisch hören – ein Ohrenschmaus, auch wenn wir fast kein Wort verstehen.

Gerade in meinen Features sind die Menschen und ihre Aussagen wichtig. Die Schilderungen treten in den Hintergrund. Bei der Bearbeitung habe ich dort, wo eine Schilderung nötig und hilfreich war, diese in knappen Worten hinzugefügt. Gelegentlich soll auch mit unterschiedlichen Schrifttypen die Dramaturgie der Sendung gezeigt werden. Ich lasse die Menschen ihre Geschichten in ihren Worten erzählen; das mag manchmal gewöhnungsbedürftig sein, doch die Schilderungen gewinnen oft mehr Authentizität als durch detaillierte Beschreibungen. Anders als in Zeitungsinterviews konnten die Befragten ihre Aussagen weder sprachlich noch inhaltlich glätten, meine Gesprächspartner mussten mir vertrauen, dass ich die Aufnahme fair und korrekt schneiden würde. In einigen der Sendungen sind es etwa zwei Drittel wörtliche Rede, vieles ist ungeschliffen, ja wirkt manchmal sogar unbeholfen. Aber wenn man als Leser „zuhört", kommt plötzlich die Person des Sprechenden in manch erstaunlicher Schattierung und Nähe zum Vorschein. Vor allem aber, weil die meisten Schweizer Gesprächspartner doch recht offen ihr Denken und ihre Gefühle zeigen, wird auch vieles über die eidgenössische Kultur – nicht nur die politische – verständlich.

In der Regel reden die meisten meiner Gesprächspartner hochdeutsch, sonst würden sie in Deutschland nicht verstanden werden. Eines der größten Missverständnisse bei Deutschen, die zum ersten Mal in die Schweiz kommen, ist, dass sie glauben, das Schweizerdeutsche doch eigentlich gut zu verstehen. In Wirklichkeit aber hören sie „Schweizerhochdeutsch. Der eigentliche Dialekt, mit dem die Eidgenossen untereinander reden, ist von dem wesentlich verschieden. Und auch dieses Schweizerhochdeutsch ist von der Konstruktion und der Wortbildung – manche Wörter sind direkt aus dem Dialekt „eingehochdeutscht – durchaus anders als die Umgangssprache weiter nördlich. Solche Aussagen habe ich nicht geglättet und gelegentlich auch kleinere Passagen im Dialekt gelassen (und hier geschrieben). Meist sind sie mit etwas Überlegung aus dem Kontext verständlich und tragen so zur Farbe der Schilderung bei.

Eine weitere Schwierigkeit, die mit einer Übertragung von Hörfunksendungen in das Schriftliche zu tun hat, sind Wiederholungen und Redundanzen in der wörtlichen Rede. Als Radioredakteur hat man das nicht ungern; sie verdeutlichen den Sachverhalt im Wissen, dass der Hörer ja nicht wie ein Leser zurückblättern bzw. zurückhören kann. Auch hier bin ich einen Kompromiss eingegangen: Ich habe manche wörtliche Rede geglättet und Wiederholungen herausgenommen, ohne aber den Versuch zu machen, sie in quasi literarische Aussagen zu überhöhen. Kleinere Wiederholungen habe ich jedoch gelassen, damit bei einem selektiven Lesen das jeweilige Kapitel und auch die jeweilige Sendung in sich verstanden werden kann.

Meine Sendungen sind auf den Dialog, aber auch die Kontroverse angelegt. Wenn Politiker und Experten zu Wort kommen, sind sie oft gegenteiliger Meinung. Der Hörer – und jetzt der Leser – soll sich eine eigene Meinung bilden können. Wo ich als Autor wertete, habe ich das klar kenntlich gemacht. Das gehört zur journalistischen Redlichkeit! Natürlich sind einige der Manuskripte gekürzt, weil verschiedene Sachverhalte an anderer Stelle ähnlich dargestellt sind. Geblieben sind aber meine und meiner Gesprächspartner Irrtümer – auch die gehören zur Zeitgeschichte und ihrem Verständnis.

Meine Leidenschaft für die Geschichte – ich bin gelernter Historiker – hat mich auch als Journalist nie losgelassen. Allein für den Bayerischen Rundfunk und den WDR habe ich weit mehr als 100 historische Sendungen verfasst und natürlich auch die Schweiz nicht ausgespart. So werden in diesem Buch auch einige Geschichten aus der Geschichte abgedruckt, von denen ich glaube, dass sie auch zum Verständnis der Gegenwart beitragen. So beschäftige ich mich mit der Legendenbildung um Wilhelm Tell ebenso wie mit den Nationalhelden Arnold von Winkelried und Bruder Klaus, erzähle von Henri Dunant, dem Völkerbund und der Geschichte der Schweiz im Zweiten Weltkrieg.

Das Buch umfasst insgesamt acht Kapitel, die verschiedenen Aspekten gewidmet sind und aufeinander aufbauen. Das erste enthält als Einführung vier Porträts unterschiedlicher Regionen. Es folgen zwei sehr stark historisch geprägte Kapitel über die „streitbaren Eidgenossen" und die Außenpolitik. Dann widme ich mich der parlamentarischen und vor allem der direkten Demokratie, ohne die Schweizer Politik nicht verstanden werden kann. Mit zwei wichtigen Themenkreisen beschäftigen sich Kapitel fünf und sechs: der Rolle des Finanzplatzes und der Ausländer- und Asylpolitik. Im ausführlichen siebten Abschnitt werden anhand mehrerer Features und Kurzbeiträge Kontinuität und Wandel in den letzten 30 Jahren geschildert: Krisen und das Ringen um eine Identität in einer sich wandelnden, globalisierenden Welt und das daraus resultierende, oft schwierige Verhältnis des Landes zur Europäischen Union. Um ein anderes, oft schwieriges Verhältnis geht es im letzten Kapitel: das der Deutschschweizer zu den Deutschen. Abgerundet wird das Buch durch ein Gespräch mit dem in der Schweiz wohl beliebtesten Elder Statesman, dem ehemaligen Bundesrat und Bundespräsidenten Adolf Ogi. Und ich habe mir auch erlaubt, einige wenige satirische Texte aufzunehmen, wohl wissend, dass Satire oft und gerne missverstanden wird.

Dieses Buch ist der Versuch, aus den verschiedensten Mosaiksteinen ein schillerndes, farbiges Bild der Schweiz zu zeigen und die Gesellschaft, Kultur und Selbstverständnis dieses wunderschönen Landes jenseits der Klischees von Schoggi, Chäs und Bankg’heimnis verständlich zu machen.

So wird dieses Buch vor allem meinen deutschen Landsleuten einiges Neue bieten. Aber vielleicht können auch meine Schweizer Landsleute von einem manchmal durchaus kritischen, aber immer liebevollen Blick eines gebürtigen Bayern profitieren. In den hier versammelten Sendungen, aber auch in den weiterführenden, jetzt verfassten Artikeln gibt es immer wieder auch persönliche Kommentare und Wertungen. Auch heute noch bin ich davon überzeugt, dass wir als Journalisten in der Schilderung von Fakten und Entwicklungen eine möglichst kritische Distanz wahren sollten in dem Wissen, dass Objektivität anzustreben, aber nie erreichbar ist. Ein Teil dieser – wie ich sie nenne – „fairen Berichterstattung ist auch, dass der Standpunkt des Verfassers zurückhaltend, aber deutlich kenntlich gemacht wird, dass er seine Wertungen nicht versteckt. Deshalb kommt das „ich in diesem Buch nicht nur bei einigen persönlichen Erlebnissen vor, sondern auch dann, wenn ich bestimmte Ereignisse einzuordnen versuche. Meine Hörer haben das – soweit ich das beurteilen kann – auch immer geschätzt.

Danken möchte ich allen, die Teile des Buchs durchgesehen haben, meiner Erinnerung auf die Sprünge halfen und mir Ratschläge gaben, die ich oft in Anmerkungen umsetzen konnte. Besonders erwähnen möchte ich hierbei meine Freunde und Kollegen Ueli Ebneter vom Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) und Günther Jung, ehemals Vizechef von Bayern 5, die das Manuskript auf sachliche Fehler durchlasen sowie den BR-Radiodirektor Johannes Grotzky, der als Herausgeber tatkräftig bei der Fertigstellung mithalf. Nicht zuletzt gilt der Dank auch meiner Frau Kathrin, die als Audiotechnikerin nicht nur an der Herstellung mancher Sendung beteiligt war, sondern das Manuskript ebenfalls durchsah und mich in allen Belangen unterstützte. Und die letztlich daran „schuld" war, dass es mich in die Schweiz verschlug.

Dass auf Initiative von BoD ein knappes halbes Jahr nach der ersten eine zweite, aktualisierte Auflage möglich wurde, hat mich riesig gefreut.

Bern/München im Mai 2012

Hans-Peter von Peschke       

Schweiz en miniature – 4 x Schweiz

Hatte ich bei meinem Austausch in die Nachrichtenredaktion von Schweizer Radio DRS das Land eher wie ein Tourist bereist und Berge und Museen besucht, musste und wollte ich mich nach meiner Übersiedlung nach Bern und Aufnahme der Korrespondententätigkeit etwas tiefer gehender mit Land und Leuten beschäftigen. Einer meiner ersten Reisen führte mich in einen Kanton, den man als Urlauber im wahren Sinn des Wortes eher links liegen lässt.

Der Kanton Glarus¹

Wenn man vom Kanton Uri, der Heimat des legendären Wilhelm Teil, nach Osten über den Klausenpass fährt, stößt man auf ein enges, schmales Tal. In ihm liegt einer der kleinsten Kantone der Schweiz: Glarus. Fast ganz von hohen Bergen eingeschlossen, scheint er eine Welt für sich zu sein. Aber der Kanton ist mehr als eine prächtige Naturkulisse, in der urige Bergler wohlschmeckende „Schoggi und „Chäes – hier speziell „Birnbrote"² und „Schabziger"³ – produzieren und uns seltsam anmutende Sitten pflegen.

In seinem nüchternen, bis auf einen Schreibtisch, eine kleine Sitzecke und zwei Bilder fast leeren Arbeitszimmer residiert der oberste Glarner, Fritz Weber, der Landamman (das ist so etwas wie der Ministerpräsident des Kantons): „Wir sind ein recht kleiner Kanton, von der Süd- zur Nordgrenze sind es nur rund 40 Kilometer, von der West- zur Ostgrenze ca. 25 Kilometer. Wir teilen unseren Kanton in Unterland, Mittelland, Hinterland. Die größeren und damit auch finanzstärkeren Gemeinden liegen im Unter- und Mittelland, und auch die Industriebetriebe sind mit wenigen Ausnahmen dort angesiedelt. Dafür spielt der Tourismus im Hinterland eine größere Rolle."

Mit dem Tourismus hat unsere zweite Gesprächspartnerin einiges zu tun. Ursula Herren ist Präsidentin des Kantonalen Verkehrsvereins, im Hauptberuf freilich Lehrerin an einer Sonderschule und eine der vier Frauen im Kantonsparlament. Im Schatten einer kleinen Kapelle, etwa 100 Meter oberhalb des Hauptortes Glarus beschreibt sie ihren Kanton so: „Eigentlich ist er wie ein Sack. Im Norden ist unser Tal auch offen und breit und dort wird Landwirtschaft betrieben und selbstverständlich ist hier auch das Industrieland angesiedelt. Weiter hinten treffen wir mehr die Verwaltung an, dort ist ja auch die Regierung. „Wir wohnen in einem sehr engen, tief eingeschnittenen Gebirgstal, erklärt Fritz Marti, einer der Kantonsförster. „Das kommt dadurch zustande, dass die Talsohle auf etwa 500 bis 600 Metern über Meer ist und die Berge rundum, die sind von 2300 Metern über Meer bis 3600 Meter."

Fährt man das Tal hinauf Richtung Passhöhe, taucht plötzlich ein Wappen mit einem Stier auf. Es ist ein Zeichen, dass hier der Kanton Uri beginnt, obwohl das Glarner Tal noch lange nicht zu Ende ist. Warum das so ist, dazu gibt es zumindest eine schöne Sage. Annemei Kamm, Hausfrau, Schulgemeindepräsidentin des kleinen Orts Vilsbach und ebenfalls im Kantonsparlament erzählt die Geschichte: „Eigentlich wäre ja die Wasserscheide die Grenze, aber die Glarner und die Urner stritten sich darüber ständig. Um den ewigen Grenzstreit zu beenden, beschlossen sie, dass zwei Läufer in Altdorf und in Glarus losrennen sollten und dort, wo sie sich dann treffen würden, wäre dann auf ewig die Grenze. Starten sollten sie beim ersten Hahnenschrei. Die Urner, die fütterten ihren Gückel fast gar nicht, die Glarner dagegen stellten ihm ganze Becken voll Mais und Würmer hin. Der Urner Hahn schrie in seinem Hunger schon um vier Uhr früh und der Läufer konnte loslaufen. Der Glarner Gückel bewegte sich erst gegen neun Uhr und gab keinen Laut. Erst als der Landeswaibel ihm drohte, ihn an den Spieß zu stecken, krähte er. Und unser Läufer zog los, so schnell wie eine Gämse, aber traf den Urner weit unter der Wasserscheide an. Er bat ihn, ihm doch ein Stück des von ihm erlaufenen Landes zurückzugeben und bot ihm an, ihn hinaufzutragen, soweit er es vermöchte. Und da trug tatsächlich der Glarner Läufer den Urner noch ein Stück den Berg hinauf, bis er zusammenbrach und an dieser Überanstrengung starb. Und darum fängt das Urnerland schon auf der diesseitigen, also der Glarner Seite der Wasserscheide an."

Die eigentliche Geschichte des Kantons erfährt man im Landesmuseum, einem mächtigen, dreistöckigen Prachtbau mit prächtigen Stuck- und Kassettendecken, wertvollen Kachelöfen und zahlreichen Schnitz- und Steinmetzarbeiten. Der Palast steht in der Mitte der Stadt Näfels. Erbaut wurde er im 17. Jahrhundert von Oberst Kaspar Freuler, einem Mitglied der eidgenössischen Offizierskaste, die jahrhundertelang mit ihren gefürchteten Schweizergarden in den Diensten fremder Fürsten standen. Durch das Museum führt Emil Feldmann, lange Jahre Gemeindepräsident des Ortes, wobei die kriegerische Vergangenheit des Kantons Glarus wie der ganzen Eidgenossenschaft nicht zu kurz kommt: „1388 kam es zur Schlacht bei Näfels. Rund 6000 Habsburger standen 600 Glarnern, unterstützt von 50 Urnern und Schwyzern gegenüber. 55 Glarner, darunter zwei Schwyzer und zwei Urner, erlitten den Tod. Bei den Gegnern mögen 1700 Mann gefallen sein. Die Glarner dankten Gott für ihren Sieg und gelobten, zum Dank für den Sieg und zum Gedenken an die Gefallenen alljährlich am ersten Donnerstag im April einen Kreuzgang abzuhalten."

Näfels, vor gut einem Jahr. Wie immer nehmen viele Glarner an der alljährlichen Feier der Schlacht teil, schon weil es auch der Kantonsfeiertag ist. Wie seit alters her wird der sogenannte Fahrtsbrief aus dem 15. Jahrhundert verlesen, der von der Schlacht berichtet: „Durch das dem allmächtigen Gott, siner lieben Mutter Marien und den hochgelobten Himmelfürsten Sankt Friedli (Der Heilige Fridolin ziert auch das Wappen eines Kantons, in dem die Kirchen noch voll sind. Nach Jahrhunderten erbitterter Religionsfehden – der junge Zwingli war hier Pfarrer – haben sich Katholiken und Reformierte wieder versöhnt und kommen gemeinsam zur Näfelsfeier.) und wurden unser Find siglos und wurden elf Panner gewonnne und dritthalbtusend Mann erschlagen und vil im See ertränkt …"

Die Verlesung des Fahrtbriefes dauert lange, weswegen alterfahrene Näfelsfeierer schnell ein Glas in einer der umliegenden Wirtschaften trinken, um erst zurückzukommen, wenn – wie es die Glarner vor 600 Jahren gelobt haben – alljährlich die Namen der Gefallenen genannt werden. Dann folgen wie bei solchen Anlässen üblich, die politischen Reden. Früher waren sie martialisch, so etwa im Jahre 1935 im frühesten Tondokument von Radio Beromünster⁴: „Hochgeehrter Herr Landesstatthalter, vertraute, liebe Glarner, vertraute liebe Eidgenossen. Der Herrgott hat uns einen wunderbaren Flecken Erde anvertraut. Höher schlägt das Herz und mächtig hebt sich die Brust, wenn uns dein Zeichen läutert. Du weißes Kreuz im roten Feld, du bist unseres Lebens Zier und Freude, dir weihen wir unsere Kraft, dir bringen wir unsere Huldigung, auf dass Du ewig thronest auf unseren Bergeszinnen und schützest heiliges, unantastbares Land."

Heute, mehr als 50 Jahre später, klingt die Rede des Landammans anlässlich der Näfelsfeier schon etwas anders: „In seinem Gedicht ‚Firnelicht‘ fragt Conrad Ferdinand Meyer: ‚Was kann ich für die Heimat tun?’ Und er kommt auf ‚ein kleines, stilles Leuchten’. Dieses kleine, stille Leuchten, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, kann nach meiner Auffassung in vielem bestehen. Es könnte darin bestehen, dass wir als Christen den Frieden in der Welt nicht nur als Utopie, sondern als Aufgabe und Herausforderung, die eine aktivere Mitwirkung verlangt, ansehen. Vielleicht, vielleicht wäre auch das Verzichten auf etwas ein kleines, stilles Leuchten. Mit diesem Wunsche bitte ich für Land und Volk von Glarus um den Machtschutz Gottes."

Das Militär, die Armee, ist in Glarus wie in der ganzen Schweiz nicht nur an solchen Jahrestagen präsent. Jeder Mann hat sein Sturmgewehr und seine Uniform im Kleiderschrank und mindestens alle zwei Jahre marschiert er im Kampfanzug, bewaffnet und mit umgeschnalltem Rucksack zum Bahnhof, um zwei oder drei Wochen bei seiner Einheit Dienst zu tun. „Der Großteil der Glarner leistet im gleichen Bataillon seinen Dienst, erklärt der Landammann. „Man kennt sich auch aus dem Zivilleben sehr gut. Die Glarner, so beurteile ich das, sind gute Soldaten. Sie kritisieren, sie fluchen, aber sie leisten ihre Dienste. Ursula Herren ergänzt: „Die Armee ist in allen Dörfern auch ein wirtschaftlicher Faktor. Man sieht das Militär gerne im Dorf, weil sie etwas bringen. Die negativen Einflüsse kann man schon in Schranken halten, wenn die Gemeinden, die ja bei uns in großer Zahl Truppenunterkünfte haben, mit den Militärs zusammensitzen. Die Kooperation braucht es, die Armee neigt dazu, mit ihrem Schießen die Berggebiete mit Beschlag zu belegen."

Im Landesmuseum geht Emil Feldmann jetzt von den mit Siegesbannern, Uniformen und Waffen gefüllten Sälen des ersten Stockes zwei Holztreppen hinauf in einen wie eine Textilmanufaktur des beginnenden 19. Jahrhunderts ausgebauten Dachstocks. Zwischen Webstühlen und Farbküche, Handmodeln und Druckstube fast anachronistisch eine Tonbildschau: „Um 1720 führte der Züricher Diakon Andreas Heidegger im Glarner Land die Handspinnerei ein. Damit begann der Aufstieg der Glarner Textilindustrie. Nach 1815 setzte der einzigartige Aufschwung der Glarner Textilfabriken ein. Über 20 Spinnereien und Webereien entstanden bis 1850 an der Linth und ihren Zuflüssen. Mit Hilfe der Wasserkraft konnten hier große Spinnmaschinen und Webstühle angetrieben werden. Plötzlich war Glarus einer der führenden, wenn nicht der führende Industriekanton der Schweiz, tonangebend auch in der Sozialgesetzgebung: „1864 wurde die tägliche Arbeitszeit, die 15 Stunden betragen hatte, für Männer und Frauen auf 12 Stunden festgesetzt. Die Sonntagsarbeit wurde verboten. Für Kinder unter 14 Jahren wurde die Fabrikarbeit untersagt.

Kurt Hauser, einer der größten Textilindustriellen, zugleich der Oberrichter des Kantons ergänzt: „Die damaligen Fabrikanten bereisten die ganze Welt, verkauften ihre Produkte und besaßen zum Teil eine eigene Hochseehandelsschiffsflotte. Die einseitige Textilentwicklung war für den Kanton insofern gefährlich, weil durch die starken Konjunkturschwankungen dieses Industriezweiges oft die Kantons- und Gemeindefinanzen aus dem Gleichgewicht geworfen wurden. Glücklicherweise haben sich in den letzten Jahrzehnten auch andere Branchen angesiedelt. Glarus ist immer noch der höchstindustrialisierte Kanton und die Bevölkerung sehr kreativ in der Anwendung von neuen Technologien und Entwicklungen."

Sorgen bereitet den Glarnern ihre kleine Landwirtschaft. „Ich kenne ein Dorf hinten im Kanton, erzählt Annemei Kamm, „das hat 65 Bauern, und davon brauchen nur zwei keinem Nebenerwerb nachzugehen. Und da ist – vor allem im Winter, wenn der Bauer ja nicht so viel zu tun hat – der Tourismus die Gelegenheit.

Womit wir bei einem heiß diskutierten Thema wären: Mehr Tourismus? Und welcher Tourismus? Kantonsförster Marti ist da hin- und hergerissen: „Die Wandertouristen im Sommer, die schätze ich, die tragen auch Sorge zu unserer Gegend und zu unserer Landschaft. Mühe habe ich mit den Massentouristen, die mit ihren Autos im Winter Gestank und Lärm verursachen und die Natur als wertvolles Gut nicht schätzen." Etwas anders sieht es – schon ihres Amtes wegen – die Präsidentin des Kantonalen Verkehrsvereins: „Wir haben Braunwald, das ist ein Ferienort, der überhaupt nicht zerstört ist. Er ist autofrei.⁵ Im Sernftal hat es manchmal sehr viele Leute, das ist ganz klar. Trotzdem gibt es auch immer noch die Möglichkeit, irgendwo allein zu sein. Es wäre ja sinnlos, wenn wir Menschen anlocken, und dabei unsere schöne Landschaft, die ja eben das Reizvolle ist am Glarner Land, zerstören würden dabei."

So wie das imposante Tal den Tourismus anzieht, so zieht es immer mehr Glarner hinaus aus dem Kanton: „Am liebsten wollen alle Leute im unteren Teil des Kantons leben, wo das Land flach ist und sie schnell in andere Landesteile können. Und in das Glarner Hinterland, wo eigentlich die Welt doch noch recht intakt ist, dort wollen sie nicht hin, weil sie sich eingeengt fühlen in ihrer Bewegungsfreiheit. Und das ist schon die Problematik unseres Kantons, dass die Entwicklungsmöglichkeiten zum Kanton eben hinausgehen."

Damit hat Landammann Weber ein wichtiges Problem angesprochen. Seit 1850 ist die Bevölkerung in etwa gleich groß geblieben, in den 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts hat sie sich sogar vermindert. „Bei uns sind die Familien kleiner geworden und zum Teil haben wir auch in gewissen Gegenden eine recht große Überalterung. Viele junge Leute ziehen vorerst einmal in die Stadt als Arbeitsort, in der Meinung, ein viel breiteres Angebot an Vergnügungsmöglichkeiten zu haben. Dem hält er entgegen: „Als Mensch fühlt man sich in einem kleineren Rahmen im Allgemeinen doch wohler, doch geborgener, fügt aber einschränkend hinzu: „Aber auch die Kleinheit bringt Probleme. Vor allem: Jeder kennt jeden. Und jeder hört Gerüchte des anderen und verbreitet sie auch dementsprechend und so entstehen Vorurteile über Menschen, Vorurteile, von denen ich schon manchmal gesagt habe ‚Die sind so hart wie unsere Berge rund um den Kanton herum‘. Und die erschweren natürlich auch das Zusammenleben!"

Trotz aller Probleme lieben die meisten Glarner ihren Kanton und sie nützen die Möglichkeiten, die ihnen die schöne Gegend bietet. An warmen Abenden sieht man überall im Wald und auf den Berghängen kleine Feuer, wo einem der beliebtesten Hobbies, dem „Bräteln nachgegangen wird. Das Recht, überall dort, wo sie wollen, in ihren Wäldern Feuer zu machen, nehmen die Glarner – wie übrigens alle Eidgenossen – selbstbewusst in Anspruch. Und auch die Jagd ist kein Privileg. „Jagen kann im Grunde genommen bei uns jeder, erklärt der Förster: „Damit jemand bei uns jagen kann, braucht er vorerst eine Jagdprüfung zu absolvieren und nachher muss er jedes Jahr ein Patent lösen, das einige hundert Franken kostet und kann dann auf die Jagd gehen."

Zum Glück für das Wild gibt es in Glarus den Freiberger Karpf, eine in der Schweiz ziemlich einmalige Angelegenheit. „Im 15. Jahrhundert, an einer Landsgemeinde, ist beschlossen worden, hier ein Wildasyl zu schaffen, wo nicht gejagt werden darf. Die Hirsche und die Gämsen wissen das auch sehr gut. Wenn es vom siebten September an rundherum knallt, dann verziehen sie sich in den Freiberg und die Jäger haben dann das Nachsehen. Und wenn man sich in diesem Gebiet bewegt auf den Wanderwegen hat man Gelegenheit, ganze Rudel Gämsen, Murmeltiere und teilweise auch Hirsche oder Birkhühner zu beobachten."

Die Rechte der Glarner, die für einen Deutschen gar nicht so selbstverständlich sind, bestehen natürlich nicht nur im relativ freien Jagen und Feuermachen, sondern gehen viel weiter. Die vom Volk gewählten Schulkommissionen haben großen Einfluss auf Schulen und Lehrer bis hin zu deren Wahl. Das letzte Wort bei der Bestellung der Pfarrer hat die Kirchgemeinde. Und auch die Richter werden an der Landsgemeinde per Handaufheben gewählt. Womit wir bei dem vielleicht interessantesten Aspekt der Schweizer Politik wären, der direkten Demokratie, die in Glarus noch in ihrer ursprünglichsten Form besteht: der Landsgemeinde.

Wie an jedem ersten Sonntag im Mai haben sich gut zehntausend Glarner zur Landsgemeinde eingefunden. Der große Platz in Glarus ist umsäumt von prächtigen, dreistöckigen Bürgerhäusern, im Hintergrund die hoch aufragenden Türme des Münsters und die imposante Bergkulisse. Während die Kapelle den traditionellen Landsgemeindemarsch spielt und die Kirchenglocken im ganzen Tal läuten, versammeln sich die Bürger im weiten Rund, im Ring, wie es heißt. Die hinteren stehen auf kleinen Holzpodesten, sodass sie zur Mitte hinsehen können, wo sich auf einem Brettergerüst die Regierung, an ihrer Spitze der Landammann, befindet, umgeben von den Landeswaibeln in ihren traditionellen Trachten.

Der Landamman geht zum Mikrofon: „Ich han noch d’Ehr, hochvertrute, libe Mitlandlüt, a Reihe vo höcha Gast z bgrüssa. Es sind das der Bundesrat. Wie immer ist die Begrüßung der Prominenz im heimischen Dialekt, wie später auch die Diskussion. Das Hochdeutsche – Schrift- und Amtssprache der Schweizer – wird gebraucht, wenn es um amtliche Dinge geht, so wie bei der jeder Landsgemeinde vorausgehenden zeremoniellen Verlesung ihrer Regeln: „D’r RatsschriberstelIvertretter tut nun d’Ordnigsvorschrifta verläsa: Nach Artikel 24 der Kantonsverfassung steht jedem Aktivbürger das Recht zu, an der Landsgemeinde zu raten, zu mindern und zu mehren sowie an den Wahlen teilzunehmen. Aktivbürger ist jeder im Kanton wohnhafte Kantons- und Schweizerbürger, sofern er das 20. AItersjahr zurückgelegt hat. Den Frauen stehen die gleichen politischen Rechte wie den Männern zu …

Das ist im Kanton Glarus wie in der ganzen Schweiz gar nicht so selbstverständlich. „Die Landsgemeinde hat sehr schnell, als im Januar 1971 das Stimmrecht auf Bundesebene eingeführt worden ist, den Frauen auch das Stimmrecht in Kantons- und Gemeindeangelegenheiten gewährt, erzählt Annemei Kamm: „In Kirche, Schule und Fürsorge hatten wir es schon drei Jahre früher und da sind die Frauen auch recht gut vertreten. Das Problem liegt aber noch darin, dass die Frauen im Kantonsparlament vollkommen untervertreten sind. Von 80 Sitzen sind also vier Frauen, da kann man von großem Einfluss nicht sprechen.

Die Landsgemeinde ist das wichtigste und entscheidende politische Organ des Kantons Glarus, auch wenn man ihr 1970 einige Aufgaben weggenommen hat. So wird das kantonale Parlament inzwischen an der Urne gewählt, die Landsgemeinde bestimmt lediglich den Landammann, den Landesstatthalter und die Richter. Nach wie vor zuständig ist sie aber für alle Verfassungsänderungen, auf ihr kann über alle größeren Ausgaben und auch Bodenverkäufe abgestimmt werden, sogar, so erstaunlich es klingt, über die Höhe der Steuern.

Die Besonderheit der Glarner Landsgemeinde im Vergleich zu anderen Kantonen, wo es ebenfalls noch eine Landsgemeinde gibt, besteht darin, dass hier diskutiert werden darf und deshalb geht es oft hoch her im Ring. „Die direkte Demokratie bedeutet für mich sehr viel, sagt der Landamman später: „Sie reinigt undurchsichtige Strukturen. Sie können nicht in der Anonymität bleiben. Sie haben sich immer wieder dem Nachbarn, dem Bürger zu stellen und ihre Haltung in Beruf und Politik offen zu verantworten. Eine solche direkte Demokratie macht das Regieren natürlich keineswegs leichter, aber sie engagiert den einzelnen Bürger zur Mitarbeit, zum Mitdenken und zum Mitgestalten. „Für mich ist das die ideale Staatsform, ist Annemei Kamm überzeugt: „Sie setzt mündige und interessierte Bürgerinnen und Bürger voraus. Man will doch auch etwas zu sagen haben in Gemeinde, im Kanton und im Bund, wie das Leben und wie das Land in Zukunft aussehen soll.

Da geht es etwa darum, ob beim Bau der neuen Kantonsschule „der Landrat im Voranschlag chenn a Kredit feschtsetze. Wer das wot, der möcht das mit Handufhebe bezüge, fordert der Ratsschreiber die Anwesenden auf. Im Ring der Landsgemeinde wird noch mit der Hand abgestimmt und es ist bei knappen Mehrheiten keine leichte Aufgabe für den Landammann, herauszufinden, ob ein Antrag abgelehnt oder befürwortet wird. Dies ist eine der Schwächen dieser traditionellen Form direkter Demokratie. Ursula Herren nennt eine andere: „Menschen, die sehr gut sprechen und den Ton für das Volk finden, können einen enorm großen Einfluss nehmen auf das Resultat der Abstimmungen. Und es sind nicht immer die Gescheitesten, die dieses Talent haben. Dann kann plötzlich ein Unwetter aufkommen, dann gehen die Leute natürlich irgendwo unter das Dach und der ‚Ring‘ entleert sich. Dort sind nur noch die ‚Standhaften‘ und dann gibt es auch wieder ein anderes Bild der Abstimmungen. Aber auch die Abstimmung in den Stimmlokalen hat ja ihre Schwächen. Es ist so oder so nicht so einfach.

Nein, so einfach hat es auch der Kanton Glarus nicht, auch wenn es ein bisschen mehr Demokratieverständnis, Traditionsbewusstsein und Vaterlandsliebe, eben ein bisschen mehr heile Welt zu geben scheint als anderswo. „Wenn ich die weitere Zukunft betrachte, so meint Oberrichter Hauser nachdenklich, „so brauchen wir immer wieder junge Menschen, die mit Interesse, mit Freude und mit Liebe gewillt sind, in unserem Gebirgstal zu wohnen und für die Menschen dieser Gegend zu wirken. Die Jugend muss immer wieder erkennen und selbst erfahren, dass es eine echte Chance und dass es lebenswert ist, für dieses Land einzustehen und dass sie diese Liebe zum Kanton Glarus auch der nächsten Generation wiederum weitergibt.

Landrätin Ursula Herren sieht zukünftige Probleme vor allem darin, „dass es in unserem kleinen Kanton schwierig sein wird, die Probleme in Solidarität zu lösen. Die Gebiete sind von der Entwicklung her einander so fern, wie sie einander von der Distanz her nah sind. Und dann kommt noch ein anderes Element dazu: dass immer mehr Menschen von außen her versuchen, Einfluss zu nehmen, dass wir hier hinten eine heile Welt haben müssen. Draußen wollen sie leben, wie es ihnen gefällt, aber wir sollen dann die heile Welt bereithalten. Wir selbst sind ja an einer einigermaßen heilen Welt interessiert, aber wir haben nicht gerne, wenn man uns das aufdrängt."

So ist natürlich auch der Kanton Glarus keine heile Welt und war es wohl auch nie. Trotz aller Besonderheiten ist er eigentlich ein ganz typischer Kanton der Schweiz, spiegelt Mentalität und Gebaren vor allem der Deutschschweizer wider. Vielleicht ist es so, wie manche Miteidgenossen über die Glarner sagen, dass ihr Denken gelegentlich so eng wie ihr Tal und ihre Schädel so hart wie die sie umgebenden Granitberge sind. Aber vermutlich gibt es in Glarus ebenso viel Engstirnigkeit und Dickschädel wie anderswo auch. Wenn man die Glarner näher kennenlernt, dann beeindruckt vor allem ihre Naturverbundenheit und Heimatliebe, aber eigentlich ist das kein Wunder in dieser prächtigen Landschaft.

„Ich liebe Land und Volk. Ich liebe die Landschaft mit den Bergen, den Seen, den Alpen und den Tälern. Und ich liebe vor allem das Echte, das Sich-Kennen, das Nahestehen mit den Menschen, die in diesem Kanton wohnen. Mit allen Nachteilen, die eine solche Nähe auch mit sich bringen kann, so die Liebeserklärung von Kurt Hauser. Ähnlich klingt es bei Annemei Kamm: „Ich liebe die hohen Berge, auch wenn sie ein enges Tal einschließen, weil man ja auf die Berge hinaufsteigen kann und das dann den Blick weitet. Man kann sich aber auch in ihren Schatten ducken vor Stürmen und fühlt sich dann so geborgen. Ich könnte mir nicht vorstellen, in großen Städten zu wohnen, eben einfach, weil ich mit dieser Natur und mit diesem Land, wo ich aufgewachsen bin, wirklich verbunden und verwurzelt bin.

Wenn Schweizer an den Kanton Glarus denken, dann wird ihnen auch im Jahr 2011 in erster Linie die traditionelle Landsgemeinde einfallen, die Männer und Frauen „im Ring", die mit der Hand abstimmen, umgeben von prächtigen Bürgerhäusern und im Hintergrund die mächtigen Berge Wiggis und Rauti. 5 Stunden dauerte die Versammlung 2010 – wohl dem, der einen Regenschirm dabeihatte. Und selbst die Prominenz wurde von Wind und Wetter nicht verschont, zweimal fiel das große Schirmdach, das sie schützen sollte, in sich zusammen.

Die Landsgemeinde stimmte so ähnlich ab, wie es 30 Jahre zuvor gewesen wäre. Ein Antrag für einen Fonds zur Gewässerrenaturierung wurde gutgeheißen, und beim Antrag für einen weiteren Fonds (mit ihm werden Energiesparmaßnahmen unterstützt) sprachen sich die Stimmenden gar für mehr Geld aus, als es Regierung und Parlament vorgeschlagen hatten. Das Ausländerstimmrecht – immerhin stammen mehr als 20 Prozent der in Glarus lebenden Menschen nicht aus der Schweiz – wurde hingegen „wuchtig verworfen". Ebenso ein Antrag aus dem Volk, künftig im öffentlichen Verkehr im Kanton gratis zu fahren. Dies sei zwar gut, meinten mehrere Redner, aber angesichts der Kantonsfinanzen nicht zu zahlen.

Nach wie vor stagniert die Bevölkerungsentwicklung. Nach einem geringen Anstieg in den 1990er-Jahren leben seit dem Jahr 2000 ungefähr etwas über 38.000 Menschen in Glarus und 2010 vermeldete die Zeitung „Südostschweiz: „Noch nie so wenig Glarner Geburten. Im Parlament ist der Frauenanteil mit 7 von 60 Sitzen unwesentlich höher, im Regierungsrat allerdings sitzen nun zwei Frauen und drei Männer. Eine für die Schweiz beispielhafte Innovation ist aus dem Kanton freilich zu vermelden: Die bislang 13 Glarner Gemeinden wurden zu drei neuen Gemeinden zusammengelegt. Davon können andere Kantone nur träumen. Wirtschaftlich hat sich wenig verändert. Im Norden dominiert die Industrie. Durch Steuervorteile sucht der Kanton neue Investoren anzuziehen, aber das versuchen andere Nachbarregionen auch. Im Süden floriert der Tourismus. Skigebiete und Wanderwege wurden mehr ausgebaut, als es manchen Umweltschützern lieb war und weniger, als es die Manager des Freizeitsports erhofft hatten.

Südlich von Glarus – allerdings von einer hohen Bergkette getrennt – liegt der flächenmäßig größte Kanton der Schweiz: Graubünden. Dort leben die Rätoromanen. Sie stellen die kleinste Sprachminderheit dar. Diese vierte Landessprache kämpft um das Überleben, das trotz großer Anstrengung seitens vieler Aktivisten, aber auch der Regierung, stark gefährdet ist.

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¹Ausgestrahlt im BR 10.12.1989.

²Ein traditionelles Gebäck mit einer Birnen-, Rosinen- und Nussfüllung sowie Gewürzen. Wobei es natürlich auch „Schoggi" in Glarus gibt, die Firma Läderach gilt als Erfinder

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