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Der Kampf um Stalins Erbe: Ein historischer Tatsachenroman. Netze der Intrigen von Berija bis Chruschtschow: Angst und Folter, Geheimdienst, Militär und Partei

Der Kampf um Stalins Erbe: Ein historischer Tatsachenroman. Netze der Intrigen von Berija bis Chruschtschow: Angst und Folter, Geheimdienst, Militär und Partei

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Der Kampf um Stalins Erbe: Ein historischer Tatsachenroman. Netze der Intrigen von Berija bis Chruschtschow: Angst und Folter, Geheimdienst, Militär und Partei

Länge:
382 Seiten
5 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
14. Dez. 2012
ISBN:
9783848261529
Format:
Buch

Beschreibung

1953. Stalin stirbt auf seiner Datscha in Kunzewo. An einem Schlaganfall, wie es heißt. Sein Tod kommt seinen möglichen Nachfolgern mehr als gelegen. Er löst die Schlinge um ihren Hals und wird zum Startschuß für einen beispiellosen Machtkampf. Einigkeit wird beschworen, doch einig wird man nur darüber, daß es am Ende der Tod sein wird, der endgültige Fakten schafft. Um den Konkurrenten etwas anzuhängen und diese dann anschließend kaltzustellen, muß man Komplotte aufdecken oder konstruieren. So hat es Stalin gemacht, so werden es seine Schüler tun.
Drei Moskauer kennen diese Mechanismen und fürchten, daß bei dem Staub, der aufgewirbelt werden wird, auch ihr Geheimnis ans Licht kommt. Ein Fehler, den sie vor vielen Jahren begangen haben und den sie kaschieren konnten, wäre nun ihr Todesurteil. Doch sie sind nicht schutzlos und nehmen das Machtspiel um ihr eigenes Leben auf. Ein schmaler Grat, auf dem sie sich bewegen müssen. Denn ein Fall wie ihrer wäre für den sinistren Geheimdienstchef Berija die Möglichkeit, mit einer Reihe von Leuten abzurechnen. Ein Wettlauf um ausgeklügelte Gleichgewichte beginnt.
Herausgeber:
Freigegeben:
14. Dez. 2012
ISBN:
9783848261529
Format:
Buch

Über den Autor

Lars Oermann wurde 1971 in Bielefeld geboren. Derzeit lebt und arbeitet er in Wiesbaden, Frankfurt, Berlin, Tiflis und Nowgorod. Er hat für den Originaltitel jahrelang in Russland und Deutschland recherchiert.


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Der Kampf um Stalins Erbe - Lars Oermann

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I. Buch

Die Iden des März

9. März-14.März 1953

Kein Herrscher verbinde sich mit einem, der mächtiger ist als er selbst.

Machiavelli

– 1 –

Moskau, Haus an der Moskwa, 9. März 1953

Dunkle Ränder umgaben Arkardij Belajews Augen. Aber jene waren keineswegs Zeichen einfacher Müdigkeit oder Erschöpfung. Froh wäre er gewesen, hätte er ihre wohltuende Schwere empfinden dürfen. In ihm aber war alles in Aufruhr. Wie ein Tier fühlte er sich, das nicht wusste, ob es zum Sprung ansetzen oder sich zurückziehen sollte, das seine Finger wie Krallen in den Tisch vor ihm vergraben hatte.

Diese nicht nachlassende Anspannung, die alle Müdigkeit in ihm übertünchte, stach glühend aus seinen Augen hervor. Seine Hände, die unruhig über den Tisch fuhren, und seine Finger, die immer wieder an seinen Augenbrauen zupften und durch sein Haar glitten, das schon völlig durcheinandergeraten war und seinen sonst so akkuraten Scheitel nur schemenhaft erahnen ließ, verstärkten diesen Eindruck.

Belajew dachte nach und das nicht nur mit seinem Kopf, sondern mit Hilfe des ganzen Körpers. Jeder Muskelstrang seines hageren, mittelgroßen Körpers arbeitete und wollte seinem Gehirn helfen, ein Ergebnis zu erzwingen, das es vielleicht gar nicht gab oder, wenn es doch existierte, nicht geben durfte. Denn vieles, was gerade gedacht wurde und nach den Regeln der Logik und des Empfindens als richtig hätte gelten müssen, stand im Widerspruch zum Alltag im Jahr 1953. Das wusste Belajew, und das machte sein Unterfangen nicht gerade einfacher. Irgendwann jedoch würde sein Körper seinen Geist überlisten. Wie sollte es auch anders sein? Erschöpft würde er in sich zusammensinken, und endlich würde Ruhe einkehren. Doch fast sechsundneunzig Stunden ohne Schlaf reichten bei diesen ungewöhnlichen Ereignissen ganz offensichtlich seinem Körper noch nicht aus, um den widerstrebenden Geist zu bezwingen.

Was war es, das sein Inneres antrieb? Hätte man ihn bei dieser Frage angeschaut, man hätte wieder das Tier in seinen Augen sehen können, das nicht wusste, ob es angreifen oder flüchten sollte.

Eine Gefahr lag über allem. Noch dumpf und unbestimmt, aber für jemanden wie Belajew doch schon so konkret, dass sie ihm fast wie eine Braut erschien, die er niemals gewollt hatte, von der er aber wusste, dass deren Vater das Hochzeitsversprechen durchsetzen würde. Die letzten zwanzig Jahre, all die Repressionen und dann seine Familie: Allein ein paar Gedanken hieran hätten ausgereicht, dass es keines Vorwandes mehr bedurft hätte, um ihn vor Furcht erstarren zu lassen.

Er konnte die Angst nicht wegreden. Sie war einfach da, stand neben ihm im Raum und wollte ihn anfallen. Ob sie dies tun wollte, um ihn zu erschrecken, zu verletzen oder gar zu töten, wusste er noch nicht. Vielleicht würde sie am Ende sogar unbegründet gewesen sein. Wie dieses Ende allerdings aussähe und vor allen Dingen, wann es käme, wusste er nicht, und auf ein Vielleicht wollte er sich nicht verlassen.

Man hätte ihm liebend gerne zurufen wollen, er brauche sich nicht zu fürchten. Aber angesichts dessen, was passieren sollte, hätte man ihn schlichtweg belogen: Geglaubt hätte er es ohnehin nicht, denn für einen Mann, der den Krieg und die Jahre davor überlebt hatte und der zudem eine solche Arbeit verrichtete wie er, waren Angst und Misstrauen bereits alltäglich, womöglich sogar schon zu einem Teil seines Wesens geworden.

Belajews Inneres hatte sich entschieden, unter der Hand dieser Furcht Gedanken zu wälzen und zu handeln. So war er die letzten drei Tage umtriebig gewesen, hatte sich mit jenen getroffen und die zu Rate gezogen, die er für nützlich und vertrauenswürdig hielt. Ständig musste er dabei auf die Balance achten, nicht zu viel preiszugeben, gleichzeitig aber genügend zu erfahren. Eine Andeutung hier, eine Zweideutigkeit dort, mehr war nicht möglich gewesen.

Aus der Summe dieser Andeutungen und Umrisse musste er sich sein Bild machen, musste herausbekommen, was geschehen war und wie es weitergehen sollte. Was stimmte, wem konnte er glauben, was waren Gerüchte, was bewusst falsch gelegte Fährten? Kein Wunder, dass er bei all diesem echten und erdachten Verfolgungswahn begann, sich um sich selbst zu drehen.

Zum Glück waren seine Frau und seine Kinder bereits nach den ersten Bulletins über Stalins Gesundheitszustand zu deren Eltern nach Kursk aufs Land gefahren. Das heißt, er hatte sie geschickt, denn er wollte seiner bereits aufkeimenden Angst keine offene Flanke bieten.

Gegen das, was geschehen war, konnte man nichts tun. Aber zumindest den Grad der Unübersichtlichkeit, der durch Stalins Tod verursacht worden war, versuchte Belajew durch die Gespräche der letzten Tage und deren anschließende Selbsterörterung am Küchentisch seiner Wohnung an der Moskwa zu verringern.

Offiziell hatte ein Apparatschik namens Malenkow die wichtigsten Ämter besetzt, hatte das Erbe Stalins angetreten. Gestützt wurde er durch Staatssicherheit und Geheimdienst, das MWD, den Vorgänger des KGB, und dessen neuerlichen Chef Berija. Das war die Situation nach außen. Um sich schützen zu können, musste Belajew allerdings wissen, was innen vor sich gegangen war. Denn er kam von innen. Sollten sich diese beiden über die bloße Ankündigung ihrer neuen Positionen hinaus dauerhaft halten können, würde man alte Akten öffnen, um alles zu durchleuchten und Ansätze für Komplotte zu finden. Dann hätten sie auch ihn. Allein schon der Verdacht auf ein Komplott bedeutete fünfundzwanzig Jahre Lagerhaft. In seinem Fall die mildeste Strafe. Wahrscheinlicher aber war nach seiner Enttarnung der Tod durch Genickschuss.

Er stand behäbig vom Tisch in der kleinen Küche der Vierzimmerwohnung auf, schnürte seinen schwarzgrauen Bademantel zu und schlurfte hinüber an die Spüle zum Wasserhahn. Er füllte ein Glas mit kaltem Wasser und hielt es sich zuerst an die eine, dann an die andere Schläfe, um etwas gegen seine Kopfschmerzen und gegen die Hitze zu tun, die in ihm aufgestiegen war.

Er brauchte jetzt Luft, viel Luft, kalte Luft, von der es zum Glück im Gegensatz zu anderen Dingen an diesem Märzabend mehr als genug gab. Mit einem Handgriff war das kleine Küchenfenster geöffnet, und die Winterluft temperierte den Raum wieder in einer Weise, die für ihn erträglich war.

Nachdem er wieder zum Küchentisch geschlendert war, ordnete er die Zeitungen der letzten Tage. Vielleicht sogar eine gute Idee, kam ihm dabei in den Sinn, vielleicht sollte er die Zeitungen nochmals lesen, sich aus den Leitartikeln auf der ersten Seite die Fakten und Stimmungen notieren, die Bilder auswerten. Wer war wo zu sehen? Er musste ein Gefühl dafür bekommen, ob das Machtgleichgewicht, das die Prawda verkündet hatte, stabil war, denn dann musste er handeln. Schnell. Ein neuer roter Zar mit dem Geheimdienst und der Miliz im Rücken, das bedeutete Säuberungen.

So hoffte er, im Studium der Zeitungen Hinweise auf Schwächen der neuen Führung zu finden. Das würde ihm helfen, sich zu finden, sich zu ordnen, seinem erschöpften Körper zu seinem Recht, endlich zur Ruhe zu verhelfen.

An anderer Stelle in Moskau, genauer gesagt in der Sadowaja – falls man in diesem Fall überhaupt von genauer sprechen kann, denn die Sadowaja ist die riesige Moskauer Ringstraße – war noch jemand zu Hause geblieben. Die Nachricht vom Gesundheitszustand Stalins hatte ihn wie alle anderen auch unvermittelt getroffen, als er Radio gehört hatte. Die Plötzlichkeit des Ereignisses jedoch hatte bei ihm anders als bei Belajew keine Angst in Form hektischen Tuns und handlungsgetriebener Kopflosigkeit ausgelöst. Dennoch hatte er das gleiche Gefühl, nur dass sich bei ihm diese Angst auf andere Weise äußerte. Sie hatte sich über ihn wie ein Chloroformschleier gelegt und ihn benebelt.

Er habe Urlaub, hatte ihm dieser Nebel zu verstehen gegeben. Kein Grund also, zum Roten Platz zu gehen. Außerdem ging er bei so einem Wetter und dem strengen Frost ohnehin nicht freiwillig vor die Tür.

Fraglich war auch rein von außen betrachtet, ob ein Spaziergang für Nikolaj Samsonow in dessen jetzigem Zustand ratsam gewesen wäre. Denn er hatte sich seit fünf Tagen, seit er von den Ereignissen um Stalin gehört hatte, in einen Zustand der Gleichgültigkeit getrunken. Hiervon erhoffte er sich, wenn auch nicht gleich die Erleuchtung, so doch zumindest einen Fingerzeig. Nicht vom Saufen natürlich, sondern weil er abergläubisch war, von der Anzahl der Tropfen, die aus jedem umgedrehten leeren Glas noch auf den Tisch flossen. Die zählte er wie ein Liebender die gezupften Blätter einer Blume. Und je mehr Gläser er sich eingeschenkt hatte, desto größer wurde sein Zutrauen zu den vermeintlichen Aussagen der Tropfen. Diese und der Schleier sagten ihm, er solle weitermachen und vorerst nicht aufhören. Welchen Grund hätte er auch gehabt?

Belajew war über den Zeitungen am Küchentisch eingeschlafen. Seine Arme waren verschränkt und dienten seinem Kopf als Unterlage. Er hatte den Mund einen Spalt breit offen stehen, und wie bei einem Kind floss ein wenig Speichel den Mundwinkel hinunter auf seinen Bademantel. Tief und schwer war sein Atem, so schwer, dass er schnarchte.

Die Zeitungen schienen seinen Geist, rein äußerlich betrachtet, überlistet zu haben. Doch statt sich geschlagen zu geben, war der durch die Traumtür gegangen, um in anderer Form sein furchtvolles Spiel fortzusetzen. Er hatte seinen Herrn auf ein Hochseil gestellt. Mit einer Stange in der Hand sollte er das Nichts unter sich ausbalancieren und überwinden, um an die andere Seite zu gelangen. Als er zu gehen beginnen wollte, sah er mitten im Nichts unter sich die Fratzen Molotows, Berijas und all der anderen, sah, wie sie sich auf einem roten Samtstuhl balgten, der an einen Thron erinnerte. Zu einem halben Dutzend kämpften sie dort unten mit- und gegeneinander, versuchten sich gegenseitig hinunterzuschubsen, um sich selbst die goldene Krone aufzusetzen. Ein dicker Strick, der über das Hochseil geworfen war, hielt den Stuhl, allerdings so labil, dass er ins Nichts zu kippen drohte. Je mehr die dort unten um die Krone des roten Zaren kämpften, desto stärker bewegte sich das Hochseil, auf dem Belajew im Traum die ersten Schritte getan hatte. Auf den Enden seiner Balancierstange saßen zwei ihm nahestehende Menschen, auf die Größe von Mäusen geschrumpft, die ebenfalls bei jedem Schritt, den er machte, ihr Gleichgewicht zu halten versuchten, um nicht im Nichts zu verschwinden.

Belajew war mittendrin und über Gebühr konzentriert, während dort unten die Kobolde beim Rangeln um Thron und Krone machten, was sie wollten. Je heftiger sich dieser Kampf entwickelte, desto unmöglicher war es ihm, auf dem Seil zu bleiben. Er war nun nicht mehr nur Seiltänzer, er gebrauchte alle Mittel, die die Äquilibristik, die Kunst des Erreichens von Gleichgewichten, ihm in diesem Moment zur Verfügung stellte, um ein Gleichgewicht vorauszuahnen, auszubalancieren und dieses, soweit möglich, zu stabilisieren. Er wankte und verbog sich, krümmte und verzog sich, während die auf dem Stuhl gar nicht auf ihn achteten, nur ihr Spiel trieben, so als bemerkten sie nicht, dass Oben und Unten untrennbar miteinander verbunden waren. Für sie gab es nur ihre Welt, diesen Samtstuhl, auf dem sie sich beharkten. Was interessierte sie, ob da oben einer stand, den sie mit in die Tiefe reißen konnten, wenn alles aus dem Gleichgewicht geriete!

Von außen betrachtet, den Blick auf Belajew gerichtet, sah man nichts von den inneren Kämpfen, die der mit sich ausfocht. Man sah nur das Durcheinander der Artikel, die er ausgeschnitten hatte. Das Meer von Zeitungen auf dem Tisch und auf dem Boden, hier ein Bericht ausgeschnitten, dort ein paar Sätze unterstrichen, erinnerte an die Redaktion einer Zeitung. Man hätte ihn für einen Redakteur halten können, der froh gewesen war, noch den richtigen Artikel in der morgigen Ausgabe untergebracht zu haben.

Er war allerdings kein Redakteur, auch wenn mitunter seine Notizen ähnlich aufgemacht waren, da er sich derselben Technik bediente wie die Kollegen der Zeitung. Wie Hieroglyphen sahen seine Notizblöcke für das ungeübte Auge aus. Wie ein Sturm fegte seine Hand für gewöhnlich über das Papier, denn die Kurzschrift versetzte ihn in die Lage, so schnell zu schreiben, wie die Leute sprachen. Manches Mal war er sogar in der Lage, so schnell zu schreiben, wie die Leute dachten.

Er kannte schließlich so viele von ihnen über eine so lange Zeit, dass es ihm über die Jahre möglich geworden war, angefangene Sätze – wie er es nannte – zum Punkt zu führen, noch bevor der Sprecher das eigentliche Satzende erreicht hatte.

Auf diese Technik war er angewiesen, da er im Gegensatz zu den schreibenden Kollegen oft das Gesagte mehrerer Personen gleichzeitig zu Papier bringen musste, wenn es in Sitzungen hoch herging. Zudem war die Genauigkeit seiner Mitschriften gar nicht mit der der Redakteure vergleichbar, denn er arbeitete als Sektorleiter einer stenographischen Abteilung des Zentralkomitees¹⁰ der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, und die Parteioberen zeichneten seine Reinschriften ab.¹¹ So hatte er über die Jahre mehr von den Dingen erfahren, die diese Welt im Innersten zusammenhielten, als den meisten anderen lieb sein konnte.¹²

Belajew kannte natürlich nicht alle Papiere, sondern nur die, die seine stenographische Mithilfe erforderlich gemacht hatten. Das waren allerdings über die Jahre so viele geworden, dass sich dagegen die Papiere in allen Geheimdienstarchiven der Welt zusammengenommen übersichtlich ausnahmen. Hinzu kam, dass die Sitzungen der letzten Tage von Kollegen stenographiert worden waren und man ihn erst wieder für den 13. März eingeteilt hatte. Er befand sich im Moment im Dunkeln und konnte aus all den Protokollen der vergangenen Jahre zu viel Licht in zu viele Angelegenheiten bringen. Die schlechteste aller Kombinationen aus Licht und Schatten, die er sich vorstellen konnte. Dann noch seine Wohnung dem Kreml gegenüber im Haus an der Moskwa, aus dem man schon so viele abgeholt hatte.

Eigentlich hätte es einem Stenographen nicht zugestanden, eine solche Wohnung, vier Zimmer groß, in diesem Haus mit seiner Familie zu bewohnen, dem Symbol des Fortschritts, dem ersten Hochhaus Moskaus. Aber niemand von denen da oben hatte mehr in einer Wohnung wohnen wollen, aus der man während der großen Säuberung in den Dreißigerjahren innerhalb eines Jahres drei Familien abgeholt hatte. Die Väter, so hieß es, habe man erschossen, die Mütter in Lager und die Kinder in Waisenhäuser gebracht.¹³

So hatte ihm einer der Oberen als Gegenleistung für ein weitergeleitetes Protokoll diese Wohnung verschafft, aufgedrängt hatte er sie ihm, und wie hätte jemand wie er ein solches Geschenk ablehnen können? Seiner Frau hatte er von den drei Familien nichts erzählt.

Natürlich war der guten Sinaida Alexandrowna diese Einzelheit nicht verborgen geblieben. Aber Anstoß hatte sie deswegen nicht genommen. Ihr gefiel die Wohnung, so luxuriös und groß. Da hatte sie ihre Bedenken hintangestellt. Sie war schließlich durch und durch eine moderne sowjetische Frau.

Hätte sie jetzt am Fenster gestanden und wäre nicht mit den beiden Töchtern ins Kursker Gebiet gefahren, vielleicht hätte sie ihre Ansichten bezüglich der Wohnung noch einmal gründlich überdacht. Denn dort unten vor der Tür standen fünf dunkle Wagen, selbst für das Haus an der Moskwa zu viel. Allesamt Moskwitschs und Pobedas. In einem von ihnen sah man in den dunklen Fenstern von Zeit zu Zeit ein kurz aufflammendes Lichtlein, rötlich, als käme es von einer Zigarette. Und wer saß schon bei klirrendem Frost in einer schwarzen Limousine? Schon seit Stunden und wohl auch für den Rest der Nacht.

Wie lange Samsonow noch weitersaufen wollte, wusste er nicht. Nur dass es auf keinen Fall länger dauern durfte als bis zum 11. März, also bis in zwei Tagen, war ihm klar, denn dann würde sein Urlaub zu Ende sein. Und einfach so zu fehlen, das konnte er sich nicht leisten, dann war man gleich ein Tunejadez, ein Tunichtgut, oder gar gleich ein Sabotaschnik.¹⁴

„Obwohl, dachte er, „dann bist du halt krank. Darf man doch, mal krank sein. Ist ja Winter. Kalt ist es, zwanzig Grad Frost. Da kann man sich schon mal was auf die Brust holen. Ist doch nicht ausgeschlossen. Oder … ach nein, das kannst du nicht machen, Nikolaj. Du hattest letztes Mal schon Ärger mit dem Arzt, obwohl dein ganzer Arm vereitert war und du hohes Fieber hattest. Und dann die auf der Arbeit. Die sehen deine gelben Suffäuglein, und schon heißt es: ‚Jaja, Erkältung und wohl ´nen Wodkawickel auf die Brust gelegt, Generalmajor Samsonow.’ Und mit den neuen Gegebenheiten jetzt werden die noch weniger Spaß verstehen.

Er griff zum Glas mit den Salzgurken, steckte drei seiner wurstigen Finger hinein und angelte sich zwei Stück zugleich heraus.

„Aber wer versteht da eigentlich keinen Spaß?", nahm er seinen Gedanken wieder auf und bemerkte dabei, dass die Antwort nicht so einfach war.

Er haute sich gegen seinen kahlen Kopf und sprach leise vor sich hin: „Nikolaj, aufwachen, Generalmajor Samsonow, aufwachen musst du! Du weißt nicht mal, wer dein Chef ist. Hättest du nicht so viel gesoffen und stattdessen ein bisschen Zeitung gelesen, dann wüsstest du es."

Er füllte noch einmal fünfzig Gramm nach, um wieder zu sich zu kommen.

„Ich muss ganz schnell herausbekommen, was los ist, dachte er. „Oh Gott, oh Gott! Hat sicher schon alles in der Zeitung gestanden, wer neuer Minister der Streitkräfte ist. Ich muss doch in drei Tagen einen Vortrag halten. Nun sitze ich hier im Unterhemd auf dem Diwan und weiß nicht mal, was genau ich vortragen soll. Wenn ich etwas sage, was nicht auf Parteilinie ist. Furchtbar wäre das! Ich muss wissen, was los ist. So schnell wie möglich muss ich das.

– 2 –

Leninbibliothek, Zentrum Moskaus

Am folgenden Mittag wachte Belajew so, wie er eingeschlafen war, über einem halben Dutzend Notizzetteln auf, die er bei seiner Zeitungslektüre angefertigt hatte. Er schaute aus dem Fenster, sah die zugefrorene Moskwa direkt unter sich und blickte auf die schneebedeckten Türme des Kreml, der nur einen Steinwurf entfernt lag. Die fühlbare Entspannung und allmählich wiederkehrende Ordnung, die ihm die Notizen und sein traumreicher Erschöpfungsschlaf am Ende doch gebracht hatten, brauchte dieser Blick auf das rote Festungswerk allein schon fast wieder auf, so schnürte sich ihm der Hals zu. Er schaute auf die Zeitungen am Boden, dann erneut aus dem Fenster, wobei er mit der einen Hand die Sicht auf den Kreml verdeckte, so als könne er hierdurch die emporsteigende Angst ausblenden, um mit der anderen das Fenster aufzureißen. Der klirrende Frost und ein schneidiger Wind löschten das neuerliche Aufflammen der Furcht in ihm.

Er hatte bereits gestern abend beschlossen, zur nahen Leninbibliothek zu gehen, um die Notizen, die er gemacht hatte, zu überprüfen und zu ergänzen. Die Prawdaausgaben¹⁵, die er zu Hause hatte, reichten nur bis zum Jahresanfang zurück. Er brauchte mehr, vielleicht zwei oder drei Jahrgänge, um auszuloten, was vor sich gehen könnte.

Einer Sache allerdings war er sich schon jetzt sicher: Was geschehen war, war zu schnell gegangen, um unumkehrbar zu sein. Stalin hatte kein Testament hinterlassen, in dem Malenkow und Berija standen. Die beiden hatten sich einfach genommen, wovon sie dachten, dass es ihnen zustünde.

Die Bibliothek war wie immer im Winter mehr als gut besucht, teils, weil die Leute lasen, teils, weil sie sich aufwärmten. Er war in den kleinen rechten Lesesaal gleich neben dem Eingang gegangen, in dem alle Prawdaausgaben der letzten Jahre in mehrfacher Ausfertigung dem interessierten Publikum zur Verfügung gestellt lagen. Die Wände des Saals waren im Unterschied zu den anderen, hellen Sälen mit Regalen ausgekleidet. Tische, die in ihrer Form mit den Ablagekästchen an Sekretäre erinnerten, zogen sich in fast zwei Dutzend Reihen durch den Saal.

Er nahm sich ein freies Blatt Papier, ging seine Zettel durch und begann die Namen zu ordnen.¹⁶ Zunächst tat er das ohne ein festes Ziel. Er wollte wissen, welchen zukünftigen Einfluss all die Personen hätten. Er begann die, deren Einfluss wohl gering bliebe, die Bauern im Spiel quasi, im unteren Teil des Blattes zu notieren. Parteisekretäre aus den Regionen waren dabei, ein guter Teil des Parteiapparates, der im Zentralkomitee vertreten war. Aber auch bekannte Namen, altgediente Parteifunktionäre hatte er notiert, deren Einfluss nicht ausreichen würde, um sich freizuschwimmen. Lazar Kaganowitsch¹⁷ zum Beispiel, langjähriger Volkskommissar, verantwortlich für den Bau der Moskauer Metro. Kaganowitsch war der letzte Jude, den Stalin um sich herum geduldet hatte, ein Gefolgsmann ohne eigenen Willen, der auch dann nichts getan hatte, als man seinen Bruder gerügt und der sich das Leben genommen hatte.¹⁸ Hatte sich gefügt und würde auch jetzt kuschen, da war sich Belajew sicher, obwohl er als Stellvertreter Malenkows durchaus Ansprüche hätte anmelden können. Ein Wunder, dass er überhaupt überlebt hatte, nachdem Stalin fast alle Juden aus dem öffentlichen Leben hatte entfernen lassen.

Oder der neue Vorsitzende des prestigeträchtigen, aber machtlosen Obersten Sowjets, Kliment Woroschilow¹⁹, ein alter Mitkämpfer Stalins und zumeist glückloser Marschall.

Auch weniger glücklose Soldaten fanden sich wieder, wie der Held von Berlin, der Architekt der erfolgreichen Strategie der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg, Marschall Schukow²⁰. Schukow war nach dem Krieg abserviert worden, weil Stalin keine Lichtgestalten neben sich geduldet hatte. Hatte in Odessa Kriminelle gejagt. Jetzt war er zum stellvertretenden Minister der Streitkräfte gemacht worden.

Am Ende standen im oberen Teil des Blattes nur fünf Namen, keiner mehr. Er notierte diese dort, wo der Bodensatz Platz gelassen hatte.

Georgij Maximilianowitsch Malenkow²¹, der Thronfolger, an erster Stelle. Als Vorsitzender des Ministerrates, also in etwa so etwas wie ein Kabinettsvorsitzender oder Premierminister und gleichzeitig Parteichef, hatte er alle Macht in Händen. Malenkow war ein feister Mann mit üppigem Doppelkinn, einer fetten Kröte nicht unähnlich. Er hatte sich erst in den letzten Jahren unter den wohlwollenden Augen Stalins in den Vordergrund spielen dürfen. Aufgrund seines Alters, Anfang fünfzig, hatte sich sein gesamtes Parteileben mehr oder minder unter Stalin abgespielt, ein Apparatschik durch und durch. Viele kannten ihn nicht einmal, wussten nicht, dass er ein Günstling Stalins gewesen war.

Im Zusammenhang mit dem Leningrader Komplott²² Ende der Vierziger-, Anfang der Fünfzigerjahre war immer wieder hinter vorgehaltener Hand Malenkows Name als der des Drahtziehers gefallen. Vielleicht hatte er sogar selber unter den wohlwollenden Augen Stalins die Intrige gesponnen, deren Ziel die Liquidierung der Leningrader Parteiführung einige Jahre nach dem Krieg gewesen war. Eine ideale Gelegenheit, dem großen Führer die eigenen Fähigkeiten zu zeigen und nebenbei noch ein paar Konkurrenten loszuwerden.

Darunter stand Lawrentij Pawlowitsch Berija²³ notiert, dessen Machtfülle sich nun von Staatssicherheit, Geheimdienst und Miliz über den Gulag bis zum Atomprogramm erstreckte. Ein kleiner, durchtriebener Mann, dem über die Jahre außer auf dem retuschierten offiziellen Foto die Haare ergraut und bis zu einer Glatze schütter geworden waren. Vertrauenswürdig, wie ein gelehriger Oberschüler, sah er auf dem Porträtfoto aus, so als könne er kein Wässerchen trüben, sondern nur dem Staat mit allen seinen Möglichkeiten und Fähigkeiten dienen. Von denen hatte er viele, helle und vor allem dunkle.

„Ein Intrigant, dachte sich Belajew beim Anblick seines Namens. „Eine durchtriebene Schlange. Wendig, äußerst giftig und verkommen. Moralisch durch und durch verfault. Wir wissen doch alle, was er in seiner freien Zeit macht. Wahrscheinlich weiß es sogar seine Frau und fügt sich. Junge Dinger sind das, fast noch Kinder, die er sich von seinen Leuten bringen lässt.²⁴

Unter all den Mächtigen war Berija wohl derjenige mit dem ausgeprägtesten Machtinstinkt und Machtwillen. Gerade das machte ihn so gefährlich. Sein Markenzeichen war ein Zwicker, der ihm eine auffällige, manche sagten sogar: beabsichtigte Ähnlichkeit mit seiner Entsprechung in Hitlerdeutschland verlieh.

Zum Ende der großen Säuberungswelle, 1938, war er Volkskommissar für Inneres geworden, hatte die Staatssicherheitsorgane, die Lager und den Geheimdienst unter sich. Sein Vorgänger, Stalins Bluthund Jeschow²⁵, hatte seine Arbeit getan und entsorgt werden müssen. Der große Georgier Josef Wissarionowitsch sah zu, wie der kleine Georgier Lawrentij Pawlowitsch sein Gesellenstück ablegte, den Schierlingsbecher füllte und ihn genüsslich seinem Vorgänger reichte. So nahe aber, wie es durch die erfolgreiche Aufnahmeprüfung den Anschein hatte, standen sich die Georgier Berija und Stalin nicht. Sie waren so weit voneinander entfernt wie ihre Volksgruppen. Das bekam der Mingrele Berija gleich nach dem Krieg zu spüren, als er den Titel Volkskommissar wieder ablegen musste, um sich zunehmend Parteiaufgaben und dem Atomprogramm der Sowjetunion zuzuwenden.

Eine mehr als dringliche Angelegenheit zweifelsohne, die Berija allerdings unmerklich vom Zentrum entfernte und ihn satt vor lauter Eitelkeit immerzu in den Spiegel sehen ließ.

Denn er hielt sich für den, der das Unmögliche möglich gemacht und dem Land das besorgt hatte, was es am nötigsten gebraucht hatte. Er organisierte für Stalin aus Los Alamos die Informationen, die benötigt worden waren, um selbst herzustellen, was die Amerikaner erfolgreich getestet hatten. Berijas Mann in Los Alamos, ein deutscher Physiker²⁶ in Diensten der Briten, war zwar bereits gefasst und von einem Gericht Ihrer Majestät zu vierzehn Jahren Haft verurteilt worden, aber da war das Kind für den Westen bereits in den Brunnen gefallen. Die Russen hatten die Bombe, und die Amerikaner gefielen sich darin, Leute aus der zweiten Reihe vor Gericht zu bringen, um die Volksseele zu beruhigen. Ein jüdisches Ehepaar sollte für seine Kurierdienste quasi stellvertretend für alle nicht enttarnten Übeltäter auf dem elektrischen Stuhl Platz nehmen. Man wusste in den Vereinigten Staaten dem Grunde nach nichts über Moskau.²⁷/²⁸

Der amerikanische Geheimdienst²⁹ war in seinen Kinderschuhen und kein Gegner für Berija³⁰, sonst hätten die Amerikaner sich um andere Leute als Kuriere wie diese Rosenbergs³¹ gekümmert, die auf Berijas Spielfeld nicht einmal Bauern waren.

Stolz machte ihn das alles und nicht zuletzt, dass er den hochnäsigen Engländern einmal so richtig die steife Oberlippe in Form gebracht hatte, ohne dass die in ihrer gottgleichen Überheblichkeit das ganze Ausmaß des Spiels erkannt hatten, das Moskau mit ihnen spielte. Der britische Geheimdienst war seit Anfang des Krieges für die Sowjets mehr Dienst und alles andere als geheim, nämlich vollkommen unterwandert durch Berijas Leute, die während des Studiums in Cambridge angeworben worden waren.³² Diese Himbeerbübchen hatten ihm gesagt, es gäbe keinen einzigen westlichen Agenten auf sowjetischem Territorium. Schön, hatte sich Berija gesagt und es für sich behalten. Er konnte schließlich seinem Herrn und Meister nicht einen der beliebtesten Vorwürfe gegenüber unliebsamen Personen nehmen: Agententätigkeit für den Westen. Gelächelt hatte er dann, in sich hinein. Selbstverliebt in seine Erfolge war Berija geworden. Wer das alles mit den Gegnern draußen in der Welt anstellen konnte, was konnte der erst unter idealen Laborbedingungen mit seinen Rivalen vor Ort machen?

Es hatte für Berija zu handeln gegolten. Denn sein ehemaliges Ministerium war noch von Stalin geteilt worden in Inneres und Staatssicherheit, und dessen Kandidaten hatten auf Berijas Sitz Platz genommen. Er hatte zwar noch seine Finger im Spiel gehabt, aber auf die hatte man nun schon seit einiger Zeit eingeschlagen und das immer heftiger. Einige waren sogar der Ansicht, dass die Einschläge bereits so nah gewesen waren, dass ihn nur noch Stalins Tod hatte retten können. Letzterer war ja unerwartet schnell und aus Berijas Sicht zum besten Zeitpunkt eingetreten.

Daneben hatte er den Namen von Molotow³³ notiert, dem neuerlichen Außenminister. Einer der letzten Revolutionäre und Kommunisten der ersten Stunde, der letzte unter den Fünfen mit einem Revolutionsnamen. Sein eigentlicher Name: Skrjabin. Seine Frau hatte den schönen Revolutionsnamen Schemtschuschina³⁴, die Perle, Polina mit Vornamen. Sie war politisch engagiert, keines dieser dicklichen, geschlechtslosen Wesen, die den Haushalt für ihre Männer im Kreml machten, die Kinder hüteten und Liebschaften

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