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Schattenschlag: Kommissar Attilas dritter Fall

Schattenschlag: Kommissar Attilas dritter Fall

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Schattenschlag: Kommissar Attilas dritter Fall

Länge:
304 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 6, 2015
ISBN:
9783844846195
Format:
Buch

Beschreibung

Auf dem Gelände eines Windparks in Nordfriesland wird die Leiche eines jungen Mannes gefunden. Wurde er Opfer militanter Windkraftgegner? Die Spur führt nach Nürnberg zur Familie des Mannes und zu einer Firma, die den Windpark mit innovativen Bauteilen beliefert. Kommissar Attila und sein friesischer Kollege Weglehner ermitteln parallel und stoßen auf eine unfassbare Tragödie.
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 6, 2015
ISBN:
9783844846195
Format:
Buch

Über den Autor

Monika Martin ist Sozialpädagogin und führt seit 1996 für das Institut für Regionalgeschichte, Geschichte für Alle e.V., historische Stadtrundgänge in Nürnberg durch. Findelkind ist der vierte Krimi aus der Reihe Krimis mit Geschichte, in der die Autorin ihre literarische Tätigkeit mit ihrem regionalgeschichtlichen Engagement zu einem Kriminalroman mit Fakten aus der Stadtgeschichte Nürnbergs verbindet. Im November 2018 wurde ihr der Elisabeth-Engelhardt-Literaturpreis verliehen. Monika Martin lebt mit ihrer Familie in Schwanstetten bei Nürnberg.


Ähnlich wie Schattenschlag

Buchvorschau

Schattenschlag - Monika Martin

immer!

1

Freitag, 06. Mai 2005, 22.00 Uhr

Langsam wurde es dunkel.

Gunnar Thiel knipste die Taschenlampe an und blickte auf seine Armbanduhr. Es war zehn Uhr. Vor einer halben Stunde hatte er seinen Dienst angetreten und war nun bis sechs Uhr morgens für die Sicherheit zuständig. Die Nächte waren oft lang und einsam. Es passierte so gut wie nie etwas, gab kaum Abwechslung im immer gleichen Ablauf, den er pünktlich einzuhalten hatte. Gunnar nahm seinen Job sehr ernst, war äußerst gewissenhaft und fühlte sich sehr wichtig mit all den Schlüsseln, die an seinem Gürtel baumelten. Immerhin trug er die Verantwortung für die Baustelle, die Werkstatt und die Bürocontainer. Es gab hier wichtige Unterlagen, Informationen und immense Werte, die es die ganze Nacht über zu bewachen galt.

Anfangs hatte er die Stelle nur als Übergangslösung betrachtet, war unzufrieden, immer auf der Suche nach dem, was er sich vorgestellt hatte: Einen Job als leitender Ingenieur einer bedeutenden Firma.

Doch das Leben hatte anderes mit ihm vor.

Er hatte zwar Informatik studiert, aber kurz vor dem Abschluss bei einer großen Elektronikfirma in Hamburg einen Praktikumsplatz als Werksstudent bekommen, den er gerne annahm. Man hatte ihm eine feste Anstellung in Aussicht gestellt, doch leider wurde nichts daraus.

Gunnar hatte das Studium nie beendet und war sich bisher immer zu schade für einen Job gewesen, der unter dem Niveau lag, das er sich eingebildet hatte. Er hielt sich für berufen und ärgerte sich ein ums andere Mal darüber, dass die eingebildeten Personalchefs dieses Potenzial nicht erkannten.

Die Arbeit war sein Leben.

Alles hatte er für die Firma getan, hatte im Privatleben zurückgesteckt, auf eine Beziehung verzichtet und keinen Sport mehr getrieben. Als Dank dafür hatte man ihn bereits bei der ersten Entlassungswelle weg rationalisiert.

Das war jetzt über zwei Jahre her, doch die Wut darüber ließ nur langsam nach. Er war in seine nordfriesische Heimat zurückgekehrt und hat seinen Eltern auf der Tasche gelegen, bis ihm ein Freund die Stelle bei der Sicherheitsfirma NordSecure vermittelte.

Seither war er für den Nachtdienst auf dem Gelände des Windparks von WindInvest zuständig.

Gunnar machte sich auf den Weg zu seinem ersten Rundgang. Er musste sich dabei genau an die Anweisungen halten und im Stundentakt Protokoll führen. Das Gelände des Windparks umfasste weit mehr als das, was in seiner Verantwortung lag.

Die Windräder wurden auf einer Fläche von mehreren Hektar errichtet. Einige von ihnen standen bereits und verbreiteten ein stetiges, etwas unheimliches Summen, so, als ob sich ein mutiertes Rieseninsekt auf dem Anflug befände.

Mittlerweile hatte sich Gunnar an das Geräusch gewöhnt, doch der Anblick der gigantischen Rotorblätter, die sich bei dem oft heftigen Wind beängstigend schnell drehten, verursachten nach wie vor ein flaues Gefühl in der Magengegend.

Zwar hatte er sich im Studium am Rande auch mit Windtechnik befasst und wusste, dass es so gut wie unmöglich war, von einem herabfallenden Windrad erschlagen zu werden, aber das flaue Gefühl blieb.

Er konnte sich nicht mehr daran erinnern, wann das erste Windrad auf Eiderstedt aufgestellt worden war, er wusste nur, dass ihre Zahl beängstigend schnell wuchs. Fuhr man von Heide nach St. Peter-Ording, passierte man mehrere Windparks mit unzähligen unterschiedlich großen Rädern, die sich im nie nachlassenden Wind unablässig drehten.

Wo sollte das noch hin führen?

Würde man sich in ein paar Jahren im undurchdringlichen Dickicht der Windräder noch zurecht finden? Was würde aus seiner Heimat werden, wenn alle Bauern ihr Land verkauften und dort statt Mais in Zukunft Strom produziert wurde?

Inzwischen hatte er den Hof erreicht, der zwischen dem Bürocontainer und der Werkstatt lag. Im fahlen Licht der Dämmerung konnte er Baumaschinen, Stapel von Brettern und verschiedene Werkzeuge erkennen, die nach einem langen Arbeitstag sorgsam aufgeräumt wurden. Wie sein eigener, so war auch der Arbeitsplan der Beschäftigten von WindInvest genau vorgeschrieben und ließ keinen Raum für individuelle Entscheidungen.

Gunnar Thiel hatte den Chef der Firma, einen Mann namens Peter Jensen, noch nicht allzu oft zu Gesicht bekommen, aber man erzählte sich, er sei ein strenger, aber fähiger Chef, der sehr großen Wert auf Ordnung lege.

Gunnar erinnerte sich noch an ihre erste Begegnung, als Peter Jensen mit seinen knapp zwei Metern Körpergröße und gut und gerne zwei Zentnern Gewicht vor ihm stand. Irgendwie schaffte er es, trotzdem sportlich, dynamisch, beweglich und aktiv zu wirken. Er kümmerte sich um alle Belange der Firma, schien an mehreren Orten gleichzeitig sein zu können und sein Geschäft zu verstehen. Insgeheim bewunderte Gunnar seinen Chef. Wenn er ehrlich war, beneidete er ihn sogar. Jensen hatte all das erreicht, wovon Gunnar schon immer geträumt hatte: Er war beruflich erfolgreich, hatte eine attraktive Frau, zwei wohlgeratene Kinder und eine beeindruckende Villa mit riesigem Grundstück. Trotz seiner 45 Jahre strahlte er eine Energie und Tatkraft aus, von der sich Gunnar, der fast 15 Jahre jünger war, zugegebenermaßen eine Scheibe abschneiden könnte. Peter Jensen wirkte auf ihn fast unverschämt jugendlich, was sicher nicht nur an seiner sportlich saloppen Kleidung und dem dichten blonden Haar lag, das er zu einem markanten Zopf gebunden hatte.

Jensen hatte es geschafft; während er, Gunnar, leider noch weit von einem solchen Zustand entfernt war.

Er seufzte kurz, straffte die Schultern und setzte seinen Rundgang fort. Nach ein paar Metern fand er hinter einem Stapel Paletten zwei achtlos auf dem Boden liegende Schaufeln, was ihn sehr wunderte. Jensen legte großen Wert darauf, dass die Baustelle abends ordentlich hinterlassen wurde.

Er lauschte in die immer dichter werdende Dunkelheit und blickte sich vorsichtig um. Das penetrante Geräusch der Windräder um ihn herum war aufdringlicher als sonst und schien immer lauter zu werden, als käme eines der gigantischen Räder auf ihn zu.

Irgendetwas stimmte hier nicht.

Gunnar richtete mit zitternder Hand den hellen Lichtstrahl der Taschenlampe auf die dunkle Ecke hinter den Paletten.

„Hallo!, rief er mit belegter Stimme, „ist da jemand?

Eine Gänsehaut überzog seinen Rücken, als er mit kleinen Schritten in Richtung Werkstatt weiterging. Sein Herz klopfte schneller und ein leichtes Angstgefühl machte sich in seinem Magen breit.

„So ein Quatsch, flüsterte er vor sich hin, wie um sich selbst Mut zu machen. „Gunnar Thiel, du bildest dir etwas ein, jetzt reiß dich mal zusammen.

Er hob die Schaufeln auf, lehnte sie an die Wand und setzte seinen Rundgang fort. Der Wind frischte auf und alles war ruhig. Trotzdem wurde Gunnar das Gefühl nicht los, dass an diesem Abend etwas nicht so war, wie es sein sollte.

Er erreichte die Werkstatt, die ebenso wie die Büros, in Containern untergebracht war. Die Schlösser waren abgesperrt und die Fenster geschlossen, alles schien in Ordnung zu sein.

Plötzlich hörte er hinter sich ein Geräusch, ein Knarzen und Schleichen. Er erschrak heftig, sein Herzschlag setzte für einen Moment aus. Blitzschnell drehte er sich um und griff mit der linken Hand an seinen Schlagstock.

Mit weit aufgerissenen Augen rief er in die Richtung, aus der das Geräusch kam:

„Komm raus! Wer bist du?"

Er erhielt keine Antwort. Kleine Schweißperlen rannen ihm über die Schläfen.

Gunnar hielt den Atem an.

Sein Puls raste.

Da hörte er ein lautes Fauchen und eine schwarz-weiß getigerte Katze sprang vom Palettenstapel herunter, landete nur wenige Zentimeter neben ihm und verschwand hinter der nächsten Ecke.

Gunnar japste, schnappte nach Luft und fuhr sich mit der Hand hektisch über das erhitzte Gesicht. Er konnte sich nicht erinnern, sich jemals so erschreckt zu haben - wegen einer Katze!

All die Panik, das ungute Gefühl, dass etwas nicht stimmt, all das wegen einer Katze?

Gunnar wusste nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Er wischte sich mit einem Taschentuch den Schweiß aus den Augen und von der Stirn und stolperte keuchend weiter. Noch einmal drehte er sich um und schüttelte den Kopf. Mit einem Mal stieß er mit dem rechten Fuß an etwas Weiches, verlor den Halt und stürzte zu Boden.

Seine Taschenlampe flog in hohem Bogen davon und landete mit einem lauten Krachen auf dem Beton.

Gunnar schlug hart mit dem Kopf auf und blieb zunächst benommen liegen. Nach einigen Minuten öffnete er die Augen und fasste sich an den schmerzenden Kopf.

Was war passiert? Warum war er gestürzt? Er war gestolpert! Aber worüber?

Vorsichtig versuchte er sich aufzusetzen und griff mit einer Hand hinter sich. Doch statt des erwarteten harten Betonbodens spürte er etwas Weiches.

Als er realisierte, worauf er sich eben aufgestützt hatte, ergriff ihn Panik.

Mit einem lauten Schrei sprang er auf und starrte auf einen leblosen Körper hinab.

Bereits kurze Zeit später wurde das sonst übermächtige Geräusch der Windräder vom Heulen der Polizeisirenen übertönt und das flackernde Blaulicht warf gespenstische Schatten auf die unablässig kreisenden Rotorblätter.

Vier Wochen vorher

2

„Das darf doch nicht wahr sein!"

Peter Jensen, Chef der Firma WindInvest, hatte so laut geschrien, dass seine Sekretärin Heide Böhm besorgt herein gestürzt kam.

„Was ist denn passiert, Herr Jensen? Ist alles in Ordnung mit Ihnen?"

„Nichts ist in Ordnung!", brüllte Jensen, sprang mit hochrotem Kopf von seinem Schreibtischstuhl auf und ließ die Faust auf die Tischplatte krachen.

Heide Böhm, die nun schon seit 20 Jahren für Peter Jensen arbeitete, kannte seinen Jähzorn bereits und versuchte ihren Chef zu beruhigen.

„Was ist denn passiert?", fragte sie erneut und sah in diesem Moment den Brief unter Jensens mächtiger Faust. Es war einer der Briefe, die seit Monaten in gewisser Regelmäßigkeit in der Post waren: Auf vergilbtem Umweltpapier klebten ungelenk ausgeschnittene Buchstaben aus diversen Zeitungen und Zeitschriften. Die Aussage war immer dieselbe:

Stopp den Bau der Windräder, sonst bist du ein toter Mann! Jensen riss das Papier hoch, zerknüllte es und warf es Frau Böhm entgegen.

„Was soll denn schon sein?, schrie er. „Da will mir jemand meine kostbare Zeit rauben! Mit so einem Schwachsinn!!

Heide Böhm hob den Brief auf, strich ihn glatt und legte ihn in die Mappe, in der bereits elf ähnliche Papiere lagen.

„Hören Sie auf damit, Frau Böhm! Ich werde nicht zur Polizei gehen und wenn ich jeden Tag zehn solcher Briefe bekomme, merken Sie sich das endlich!"

Peter Jensen stürzte hinter seinem Schreibtisch hervor und machte Anstalten, seiner Sekretärin die Mappe aus der Hand zu reißen. Doch Heide Böhm war mit ihrer Geduld am Ende. Sie holte tief Luft und baute sich mit entschlossener Miene vor ihrem Chef auf.

„Herr Jensen! Nachdem Sie mir anscheinend nur dann zuhören, wenn ich auch laut werde, muss ich das leider tun! Sie lassen jetzt sofort die Mappe los!"

Peter Jensen zuckte völlig perplex zurück und nickte fassungslos. So hatte er seine Sekretärin noch nie erlebt. Seit über 20 Jahren arbeitete sie jetzt für ihn und war ihm in all der Zeit nie wirklich aufgefallen. Sie war immer da, unauffällig und zuverlässig, hatte ohne Aufhebens alle Arbeiten im Hintergrund erledigt und ihm jederzeit den Rücken frei gehalten. Sie hielt die Firma zusammen, kümmerte sich um alle Termine, sorgte dafür, dass Absprachen eingehalten wurden und war dafür zuständig, dass jeder Mitarbeiter zum Geburtstag ein Geschenk und eine Glückwunschkarte bekam.

WindInvest war ohne Heide Böhm gar nicht denkbar.

Sie war Anfang 60 und lebte alleine mit ihren Katzen. Jensen konnte sich nicht erinnern, sie jemals anders als in einem grauen Kostüm und mit hochgestecktem Haar gesehen zu haben. Wahrscheinlich würde er sie in Freizeitkleidung, falls sie so etwas überhaupt besaß, gar nicht erkennen.

Und diese Heide Böhm stand nun mit blitzenden Augen und erhobener Stimme vor ihm?

„Ich mache das nicht länger mit! Wenn Sie nach zwölf Drohbriefen, denn das sind sie für mich, noch immer nicht bereit sind zur Polizei zu gehen, dann werde ich das wohl für Sie übernehmen müssen. Guten Tag!"

Die Bürotür fiel ungewohnt laut ins Schloss.

Peter Jensen starrte Frau Böhm ungläubig hinterher, schloss den Mund und atmete erst einmal tief durch.

Vielleicht hatte er seine rechte Hand all die Jahre unterschätzt, und sie war doch nicht die graue Maus, für die er sie bisher gehalten hatte.

Er zuckte erneut zusammen, als sich die Tür wieder öffnete und Frau Böhm:

„Sie kommen im Laufe des Tages!" herein rief.

Endlich erwachte Peter Jensen aus seiner Erstarrung und realisierte, was geschehen war. Er hatte schon wieder einen dieser widerlichen Briefe seines Erzfeindes bekommen, dieses Primitivlings, der ihn fast ebenso viel Energie kostete, wie das Projekt an sich.

Seit Beginn der Bauarbeiten vor fast zwei Jahren drangsalierte ihn dieser Kerl auf jede nur erdenkliche Art. Die Briefe waren dabei nur die Spitze des Eisbergs.

Schmierereien an den Containern, Tierfallen auf den Baustellen und verschwundenes oder zerstörtes Baumaterial waren beinahe an der Tagesordnung.

Peter Jensen war mit seinen Nerven am Ende! Wenn das nicht bald aufhörte, dann…

Er wagte es nicht, den Gedanken zu Ende zu denken.

Frau Böhm und viele andere Mitarbeiter hatten ihm schon oft geraten, endlich die Polizei einzuschalten, aber die Vorstellung, sich auch noch mit dem Arm des Gesetzes befassen zu müssen, war ihm zuwider. Vielleicht oder sogar wahrscheinlich würden sie innerhalb kürzester Zeit dem Spuk ein Ende bereiten, aber um welchen Preis?

Er müsste sich stundenlangen Verhören und Befragungen unterziehen und hätte tagelang schnüffelnde Beamte auf seiner Baustelle. Die Arbeiten würden sich noch länger hinziehen und an das Gerede, das dabei entstehen würde, wollte er gar nicht denken.

Da versuchte er lieber weiterhin, die sinnlosen Aktionen zu ignorieren und sich auf seine Arbeit zu konzentrieren.

Doch was hatte Frau Böhm eben gesagt? Sie kommen im Laufe des Tages? Vielleicht war es doch langsam an der Zeit, sich eine junge, attraktive Sekretärin zu suchen, die mehr Respekt vor ihm hatte und von solchen Alleingängen Abstand nahm? Seufzend wandte er sich wieder seiner Arbeit zu und starrte auf den Bildschirm.

Am frühen Nachmittag wurden seine Gedanken vom Klopfen an der Tür unterbrochen.

„Was gibt es denn?, rief er unwirsch. „Lassen Sie mich in Ruhe!

Die Tür öffnete sich trotzdem und zwei Männer standen vor ihm.

Einer war etwa Anfang vierzig, nicht sehr groß und sportlich. Er hatte dichtes, kurzgeschnittenes braunes Haar, kleine wache Augen und eine etwas zu groß geratene Nase. Er trug Jeans, ein kariertes Hemd und eine schwarze Softshelljacke.

Der andere Mann war groß, schlaksig und etwas älter als sein Kollege. Er hatte ein schmales Gesicht und dünnes blondes Haar. Seine braunen Augen schienen die Umgebung genau wahrzunehmen. Alles in allem wirkte er unauffällig, was durch seine eher biedere Kleidung noch verstärkt wurde. „Guten Tag, Herr Jensen", begann der kleinere und jüngere von beiden.

„Kriminalhauptkommissar Weglehner, das ist mein Kollege Schielke."

Peter Jensen erhob sich und schüttelte den beiden Beamten die Hand.

„Weglehner klingt so bayerisch, sind Sie nicht von hier?", fragte Peter Jensen und Weglehners Blick verdüsterte sich. Seit er denken konnte, hatte er damit zu kämpfen, war ständig in Erklärungsnotstand und musste ein ums andere Mal erläutern, was es mit seinem Nachnamen auf sich hatte. Er hoffte, dass er doch irgendwann in seinem Leben einmal eine nette Frau kennenlernen würde, die erstens bereit war, ihn zu heiraten und die zweitens einen original friesischen Nachnamen trug, den er dann übernehmen könnte. Der erste Versuch in diese Richtung war leider gescheitert: Er war frisch geschieden. Abgesehen davon hatte sich seine Exfrau für seinen Namen entschieden.

„Mein Urgroßvater stammte aus Süddeutschland. Ihm habe ich diesen Namen zu verdanken", erläuterte Kommissar Weglehner und bemühte sich, nicht allzu genervt zu klingen.

„Es gibt unangenehmere Namen. Was führt Sie zu mir?"

Kommissar Weglehner blickte sein Gegenüber erstaunt an. „Ich dachte, Sie haben uns verständigt?"

Jensen setzte sich wieder hin und deutete auf die beiden Besucherstühle in der Ecke des kleinen Raumes.

„Ich habe niemanden verständigt, das muss ein Irrtum sein", antwortete Jensen und versuchte, sich seine Nervosität nicht anmerken zu lassen.

Torben Schielke zog ein kleines, etwas zerknittertes Notizbuch aus der Tasche und blätterte eifrig darin herum.

„Es war eine Frau Böhm, die angerufen hat, Chef", meinte er und klappte das Notizbuch wieder zu.

„Danke, sagte Kommissar Weglehner, „ich nehme an, das ist Ihre Sekretärin, Herr Jensen, habe ich recht?

Peter Jensen nickte zustimmend: „Ja, Frau Böhm ist die gute Seele der Firma, aber ich wüsste nicht, weshalb sie Sie verständigt haben soll."

Jensens betont lässiger Tonfall, sein angespannter Gesichtsausdruck und die Tatsache, dass er keinen Blickkontakt halten konnte, waren für Kommissar Weglehner deutliche Zeichen dafür, dass sein Gegenüber den Grund des Anrufes sehr wohl kannte.

Rasmus Weglehner wartete noch kurz, sah Jensen aufmunternd an und spürte dessen Anspannung wachsen.

„Meine Herren, sagte Jensen und erhob sich, „es tut mir leid, dass Sie sich umsonst auf den Weg hierher gemacht haben, aber ich habe noch viel zu tun.

Die beiden Kommissare machten jedoch keine Anstalten zu gehen.

„Interessiert es Sie gar nicht, warum Frau Böhm die Polizei alarmiert hat? Und zwar nicht nur einen Streifenwagen, sondern gleich die Mordkommission?", fragte Weglehner provokant und nickte seinem Kollegen kurz zu. Dieser erhob sich und verließ den Raum, während Peter Jensen tief durchatmete und sich auf seinen schicken Lederstuhl zurückfallen ließ.

Als sich die Tür öffnete und Torben Schielke eine ältere, blasse, unauffällige Dame in den Raum schob, schien Peter Jensen diese mit Blicken töten zu wollen.

„Frau Böhm, rief Kommissar Weglehner aufmunternd und bot ihr seinen Stuhl an, „setzen Sie sich.

Frau Böhm senkte den Blick und hielt sich verkrampft an einer grünen Mappe fest.

„Mein Kollege sagte, Sie hätten uns angerufen und explizit nach der Mordkommission verlangt, ist das richtig?", fragte Weglehner, der inzwischen einen weiteren Stuhl geholt hatte.

„Hatten Sie Ihrem Chef gar nichts davon gesagt?"

Plötzlich straffte Heide Böhm die Schultern, setzte sich aufrecht hin, holte tief Luft und nahm augenscheinlich ihren ganzen Mut zusammen:

„Ja, ich habe die Mordkommission verständigt, weil mein Chef heute bereits den zwölften Drohbrief erhalten hat."

Rasmus Weglehner hob erstaunt die Augenbrauen und wiederholte: „Drohbrief?"

„Ja, Morddrohungen, sagte Frau Böhm aufgebracht. „Den zwölften Brief innerhalb der letzten zehn Monate, abgesehen von all den anderen Schmierereien!

„Frau Böhm!, rief Peter Jensen dazwischen. „Es reicht jetzt! Sie haben doch sicher noch etwas zu tun, oder?

„Bitte beruhigen Sie sich!", mischte sich Kommissar Weglehner ein, den die Sache zunehmend interessierte.

Da bekam ein Firmenchef offenbar seit Monaten Morddrohungen und hielt es nicht für nötig, die Polizei einzuschalten. Nahm er die Briefe nicht ernst oder gab es einen anderen Grund, ihn und seine Kollegen außen vor zu lassen?

„Von welchen anderen Schmierereien sprechen Sie, Frau Böhm", meinte er und machte Peter Jensen deutlich, dass im Moment die Polizei das Sagen hatte.

„Erzählen Sie es ihm, Chef, es ist langsam Zeit!"

Peter Jensen schien nicht glauben zu können, was er eben gehört hatte und suchte nach Ausflüchten.

„Aber, was meinen Sie? Was soll das? Wie reden Sie überhaupt mit mir?"

Kommissar Weglehner stützte die Ellbogen auf den Schreibtisch, beugte sich vor und blickte Peter Jensen tief in die Augen.

„Was ist hier passiert?"

„Ach, das ist doch alles nicht der Rede wert! Ich weiß nicht, warum Frau Böhm derart panisch reagiert, das sind doch nur Dummejungenstreiche."

„Dann spricht doch nichts dagegen, uns von diesen scheinbar lustigen Streichen zu erzählen, wir amüsieren uns auch gerne."

Peter Jensen strich sich nervös über seinen Dreitagesbart und legte die Stirn in Falten.

„Es ist immer der gleiche Text", begann er und gab Heide Böhm ein Zeichen, ihm die grüne Mappe zu geben.

Er öffnete den Deckel und zeigte den beiden Polizisten einen Stapel zerknitterter und wieder glatt gestrichener Zettel mit aufgeklebten Buchstaben:

Stopp den Bau der Windräder, sonst bist du ein toter Mann! Kommissar Weglehner

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