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Kindskopf: Eine Heimsuchung

Kindskopf: Eine Heimsuchung

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Kindskopf: Eine Heimsuchung

Länge:
107 Seiten
1 Stunde
Herausgeber:
Freigegeben:
Jul 6, 2012
ISBN:
9783844831658
Format:
Buch

Beschreibung

Gisela will ein Kind mit ihm. In diesen Zeiten. Also flieht Jonas Brandeiser ans Ende der Welt – und das liegt irgendwo in Bayern. Dort münden jedoch die Tiefen eines „unergründlichen“ Sees in einer Zwangspause unter dem elterlichen Esstisch ...

Die uralte Geschichte eines Widerspenstigen verlegt Ulrich Karger in das Jahr 1990, als alle Welt das eins gewordene Deutschland feiert. Sein Jonas traut auch dieser neuen „Gechichte“ nicht. Weder auf deutsch noch in (gemäßigtem) Bairisch.
Im Rückblick auf groteske Familiendramen, deutsche Historie und christlich geprägtes Abendland bliebe eine Lebensplanung mit Kindern der reine „Waahnsinn“. Wunder wie die von 1989 sind ja wohl eher singuläre Ereignisse – in Berlin genauso wie im unbenannt kenntlichen Berchtesgadener Land.
Doch der eingeschobene biblische Originaltext belegt, dass dem Gott der Väter (und Mütter!) nichts unmöglich und nichts fremd ist – auch keine Gott-kritische Satire.

„Dieser >Kindskopf< gewinnt der Novelle ganz neue Einsichten ab.
Ulrich Karger und der deutsche Süden - eine unerhörte Begebenheit!“
KLAAS HUIZING
Herausgeber:
Freigegeben:
Jul 6, 2012
ISBN:
9783844831658
Format:
Buch

Über den Autor

Ulrich Karger ist Begründer der Edition Gegenwind und Herausgeber dieser Anthologie. Er veröffentlichte Bücher für Kinder und Erwachsene, darunter eine sehr erfolgreiche Nacherzählung der Odyssee von Homer. U.a. für den Berliner Tagesspiegel ist er auch als Rezensent tätig. Homepage: www.karger.de.vu


Buchvorschau

Kindskopf - Ulrich Karger

Anhang

I.

„Mensch Jonas, nun komm doch."

Aber Jonas Brandeiser griff sich den Schlüsselbund und schlug die Tür hinter sich zu. Nichts hat er gesagt. Nichts Versöhnliches und erst recht nichts Liebevolles. Nur wenig vorher hätte er sich lieber den Mund fusselig geredet, als wortlos die Tür hinter sich zuzuschlagen. Allein schon der Gedanke, im Streit auseinanderzugehen, beschwor in ihm ein: Gerade dieser Abschied könnte der letzte voneinander sein. Und träfe dann nicht ihn, sondern sie der berüchtigte Ziegelstein, wäre er seinen Lebensrest mit diesem Abschied allein. Im Wachen und im Träumen. Auch wenn Gisela angefangen hätte. Die insgeheim bereits eingestandenen, vorerst noch klein gehaltenen eigenen Auslöseranteile nagten ja doch längst an ihm. Und wer wußte schon, ob sich da bei ihr nicht etwas aufstaute, was bald nach endgültigen Konsequenzen schrie.

Ein Kind. Gisela wollte in diese übervölkerte Welt ein weiteres Kind gebären. Und er sollte der Erzeuger und Vater dieses Kindes sein. Seine ausufernden Universitätsstudien hatten zwar lediglich in die Karriere eines Taxifahrers gemündet, aber eines war ihm schon im ersten Soziologiesemester klargeworden: Nicht lange, und alles endet in einem großen Knall. Sind es nicht die Atombomben, ist es die Luftverschmutzung und ist es die nicht, reicht allein der Gedanke an die sich vervielfachende Weltbevölkerung, um sich die nähere Zukunft als Schreckensbild von Hieronymus Bosch auszumalen.

Wie Gisela das einfach wegschieben und dabei so ein allwissend seliges Lächeln aufsetzen konnte. Das war ihm völlig schleierhaft. Und es hatte ihn wie kaum etwas zuvor wütend gemacht. Unlängst war sich Gisela noch sicher „Es ist auch schön mit uns beiden allein", und jetzt dieser Umschwung, noch dazu in einer Tonlage, als wäre da nicht vielleicht doch ein klitzekleiner Widerspruch zu verhandeln. Am meisten regte ihn die Vorstellung auf, daß Gisela nach wie vor lächelte und sich womöglich nicht einmal über seinen Abgang wunderte. Nach dem Motto: Ich bin nun Teil von etwas weit Größerem, nämlich eines wahrhaftigen Wunders − wozu sich da noch über Wunderliches wundern? Soll sich mein Jonas ruhig die Wagenschlüssel schnappen und versuchen, mit seiner alten Karre außer Reichweite zu gelangen. Das ist nicht lächerlich, aber durchaus ein weiterer Grund zu lächeln — und heute Nacht kommt er sowieso nicht weit.

Daran hatte Jonas Brandeiser gar nicht mehr gedacht. In der Stadtmitte Berlins schoben sich Hunderttausende endlich, ENDLICH hin und her und wollten die noch sichtbaren Nahtstellen am liebsten gleich mit den Schuhsohlen ausradieren. Die restlichen Millionen ankerten vor den Fernsehgeräten. Nur irgendwie dabeisein. Auch wenn im Kanzlerdeutsch der vielen historischen Augenblicke dem Wort ‘Geschichte’ das ‘s’ entwöhnt worden war. Vor knapp einem Jahr hatten fast alle für Sekunden geglaubt, und viele glaubten es noch immer, daß dieses kurz-auf-der-Kippe-Stehen, dieses Tanzen auf der Mauerkante eine Chance von 50 zu 50 offenließ. Wahnsinn, WAHNSINN! Und Gisela muß diese ‘Gechichte’ ebenfalls in den falschen Hals bekommen haben.

Die Autobahn nach Süden war so gut wie leer. Trotzdem fuhr Jonas Brandeiser kurz hinter Michendorf den nächsten Parkplatz an. Eigentlich wollte er nur ein Nickerchen machen. Nur mal eben die bleischweren Augenlider schließen. Plötzlich trommelte es über ihm. Ein Typ mit Sektflasche in der Faust grölte DEUTSCHLAND, DEUTSCHLAND ÜBER AAHAL-LES und winkte zum Mitfeiern heraus. Jonas Brandeiser zuckte zusammen und glotzte benommen auf einen gesamtdeutschen Bierbauch. Zu seinem Glück kurbelte schon ein anderer das Seitenfenster herunter und stimmte in das Hymnenbruchstück ein. An Brüdern und Schwestern herrschte derzeit kein Mangel. Die Bierbaucherscheinung verschwand, und Jonas Brandeiser ruckelte sich wieder zurecht.

Zehn Jahre früher war es ein sächselnder Vopo gewesen. Auf demselben Parkplatz und zur selben Stunde hatte er Jonas Brandeisers Traum von einer Hauptrolle in Boccaccios Decamerone gestört.

Damals verlangten die jederzeit einklagbare Spontaneität und der Umweg zu der ersten großen Liebe seines Lebens eine unzeitige Abfahrt. Den alten Brandeisers wäre das nicht zu erklären gewesen. „Wie kann man nur! Und dann noch während des Studiums! Wegen so etwas!" Aber bald begriff ihr Sohn auch ganz von allein, daß die Wirklichkeit keine Theaterbühne war, und er lediglich eine kurze Gastrolle in dem Zwischenspiel einer kriselnden Ehe eingenommen hatte.

Wie es diesem Vopo jetzt wohl erging? Wahrscheinlich arbeitslos. Dabei war er noch einer der Umgänglichen. Forderte nur fünf Mark und gab seine Belehrung ohne das sonst übliche Katz-und-Maus-Fragespiel ab. Nach dem Hinweis, daß bei Nacht auf einem Autoparkplatz das Standlicht einzuschalten war, hatte er ihn sogar darin bestärkt, lieber ausgeruht seine Fahrt fortzusetzen und ihm am Ende alles Gute gewünscht.

Manches wiederholt sich, manches nicht. Wie schon damals schien der tote Punkt eine halbe Stunde später überwunden zu sein. Wie schon damals nahm Jonas Brandeiser einen Schluck aus der Thermoskanne zu sich, legte Pink Floyds ‘Darkside of the Moon’ ein und startete den Wagen — versuchte, den Wagen zu starten. War denn jetzt alles in Auflösung begriffen? Wanderung zur Notrufsäule. „Vor morgen früh ist da nichts zu machen." Zum Glück war die Batterie ziemlich neu. Für das Standlicht müßte es jedenfalls noch reichen. Ein altes Handtuch ins Seitenfenster geklemmt, und Jonas Brandeiser schlief ohne weiteres wieder ein.

Am späten Vormittag konnte er den Hof der Werkstatt wieder hinter sich lassen. Erleichtert um einen ansehnlichen Geldbetrag, hatte er nicht einmal auch nur daran gedacht, bei Gisela anzurufen. War das der Beginn seiner eigenen Emanzipation? Gisela hatte sie doch immer so süffisant von ihm eingefordert, als er noch alles richtig machen und stets auf sie eingehen wollte. Ganz egal, was es war, diese Auszeit ließ er sich jetzt von niemandem mehr verderben, am wenigsten von einem schlechten Gewissen, wie es gewisse Frauen am liebsten allen Männern unterjubeln würden. Und daß sein Blutdruck trotz des Ärgers mit dem Auto kaum angestiegen war, schien ihm doch recht zu geben. Schon lange war Jonas Brandeiser nicht mehr so gelassen wie jetzt. Er wollte nur noch eines: Unerreichbar sein, und wenn es das Ende der Welt war, wo ihm niemand mehr zu nahe treten konnte. Und da die Welt, was im Alten Testament ja vor allem die Erde meinte, rund war, endete sie logischerweise dort, wo man begonnen hatte, seine Kreise zu ziehen. Außerdem war der Ort, zu dem es ihn nun drängte, auch der Ort, den er am liebsten aus sich herausgeschnitten hätte. Die Überlegungen manch anderer, sich dort irgendwann vielleicht als Rentner niederzulassen, hatten in ihm nie einen Zweifel aufkommen lassen. Für ihn gab es darauf stets nur eine Antwort: „Wirklich der letzte Ort, wo ich jemals wieder leben möchte!". Das galt jetzt mehr denn je. Er wollte nur dahin, um weg zu sein. Mit der Bedenkenlosigkeit eines Amokläufers steuerte er den Wagen seinem Ziel entgegen. Kein Platz für Sentimentalitäten, auch wenn sich parallel zur Autobahn bereits die Bergkette der Alpen abzeichnete. Selbst ein die Ansichtskarten überbietender weiß-blauer Himmel hätte die Kehle nicht entspannen und ihm einen rührseligen Andachtsjodler entlocken können. In Gesellschaft von anderen, auch von Gisela, suchte er solche Anwandlungen sowieso schon lange zu überspielen. Lediglich sein triumphales Benennen der Berggipfel und sein eifriges Gestikulieren zu ihnen hin entlarvten ihn immer wieder als den keineswegs so neutralen Betrachter, für den er sich gemeinhin ausgab. Zeichnete sich linker Hand das ‘Bayrische Meer’ ab, wie er den Chiemsee ebenfalls immer wieder ungefragt apostrophierte, wurde die Anziehungskraft der entscheidenden Ausfahrt nur noch durch die zahlreichen Staus auf dieser Strecke

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