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Auca der Rebell

Auca der Rebell

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Auca der Rebell

Länge:
336 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
May 6, 2015
ISBN:
9783739250793
Format:
Buch

Beschreibung

Auca, ein Mapuche-Junge, wird in einer Kommune in der 9. Region in Chile geboren. Seine Mutter Elañei ist eine Machi, sein Vater Nehuen ist Sprecher des Ältestenrats. Auca ist ein außergewöhnlicher Junge, der hervorstechende Gaben in sich trägt. So hat er ein eidetisches Gedächtnis und was ihn besonders auszeichnet, ist, dass er die Gedanken seiner Mitmenschen lesen kann.
Seine Schulzeit durchläuft er in Villarica, wo er jedes Jahr als Jahrgangsbester abschließt. Die PAA, die Prüfung zur Zulassung eines Studiums an der Universität, bringt ihn auf den dritten Platz in ganz Chile. Er erhält ein Stipendium, das er zunächst ablehnt, da er eine Studienreise geplant hat, die ihm einen Überblick über die Lebensweise der Aborigines der Gegenwart auf dem südamerikanischen Kontinent verschaffen soll.
Danach studiert er Jura an der Universidad Católica in Santiago. Seine Professoren sind beeindruckt von seinen Fähigkeiten. Nach dem erfolgreichen Studium eröffnet er ein eigenes Anwaltsbüro und arbeitet als Dozent an der Universität.
Auca arbeitet wie besessen, bis er eines Tages eine folgenschwere Entscheidung trifft, die sein Leben radikal ändert.
Herausgeber:
Freigegeben:
May 6, 2015
ISBN:
9783739250793
Format:
Buch

Über den Autor

Siegfried Bornhauser, geboren 1937, studierte Pädagogik in Freiburg im Breisgau. Nach seinem Studium hat er an verschiedenen Schule in Südbaden unterrichtet, bis er im Jahre 1973 als Auslandslehrer an die Deutsche Schule Santiago de Chile wechselte. Er bekam hautnah den Militärputsch und einige Jahre der Militärdiktatur von General Pinochet mit. Er ist Zeuge von Aufstieg und Fall des Militärregimes. Bei einem 2. Auslandsaufenthalt in Temuco, in der 9. Region Chiles, kam er mit den Mapuche, den Aborigines der Araukanie in Berührung. Es kam zu einigen Begegnungen, die ihn faszinierten.


Buchvorschau

Auca der Rebell - Siegfried Bornhauser

Entscheidung

Auca, ein Ausnahmetalent, wird geboren

Ein markerschütternder Schrei dringt aus einer Rukas der schlafenden Mapuche Siedlung und schreckt die wenigen Bewohner auf. Die Ursache ist schnell geklärt, ihr Clan ist um einen Erdenbürger reicher geworden.

In einer Ruka, dem typischen Haus der Mapuche-Indigenas, bringt Elañei, die Schöne, einen Sohn zur Welt. Elañei, die Tochter von Huillmen, dem Sprecher der kleinen Mapuche-Gemeinde, ist eine Machi. Sie liegt auf einem einfachen Bett an der Wand der Ruka, umgeben von anderen weiblichen Machis, den traditionellen Heilern und religiösen Führern der Mapuche. Männer, selbst Schamanen, haben keinen Zutritt bei einer Geburt.

Auch wenn eine Geburt sich als schwierig erweist, wird die Gebärende nur von Frauen betreut und bei der Geburt unterstützt. Und diese Geburt ist schwierig. Es ist eine Erstgeburt für Elañei, die starke Wehen hat und die ihre Schmerzen in die kalte dunkle Nacht hinaus schreit. Das Kind will trotz aller Anstrengungen ihren schützenden Leib nicht verlassen. Der Kopf scheint zu groß. Die Machis stehen um sie herum, sprechen Zauberformeln und geben ihr einen selbst gebrauten Getränk gegen die Schmerzen. Schließlich nimmt der Kampf ein Ende und ein Junge erblickt das Licht der lukanischen Welt.

Nehuen, der Vater, der vor der Ruka auf die Ankunft eines Sohnes oder einer Tochter wartet, zuckt zusammen, als ein befreiender Schrei die Geburt seines Sohnes begleitet. Der neugeborene Junge ist schmächtig, hat aber einen großen Rundkopf, der typisch für die Mapuche ist. Er wird gewaschen, in Tücher gewickelt und der Mutter, die sich inzwischen etwas erholt hat, auf den Bauch gelegt. Elañeis Lebensgeister kehren zurück und ihr erschöpftes Gesicht strahlt das Glück einer Mutter aus, die lange auf diesen Moment gewartet hat. Als die Machis sie fragen, wie der Junge denn heißen soll, antwortet sie spontan Auca. Auca bedeutet in der Sprache der Mapuche der Kämpfer, der Krieger, der Rebell. Elañei hat ihm diesen Namen gegeben, weil er um sein und das Leben seiner Mutter gekämpft hat.

Nun erst darf Nehuen in seine Ruca, seine Frau und den Jungen in die Arme nehmen. Er ist etwas deprimiert, als er das schmächtigeWunschkind gereicht bekommt. Die Machis beglückwünschen auch ihn und sagen Auca eine große Zukunft voraus. Nehuen ist skeptisch, denn all zu oft sterben schwächliche Kinder der Mapuche in den ersten Wochen ihres Lebens.

Seine Besorgnis ist nicht unbegründet, denn die Babys werden von keinem Arzt untersucht und wenn nötig mit Medikamenten versorgt. Es sind die Machis, die mit ihrer Naturheilkunde den Kindern beistehen, falls sie krank werden.

Da Aucas Mutter selbst eine Machi ist und auch die Machis der Nachbargemeinden sich im Ernstfall solidarisch zeigen, sind Kinder wie Erwachsene in den Augen der Araukaner in besten Händen. Hinzu kommt, dass sie den Weißen, auch den Ärzten, nicht vertrauen.

Die stolzen Eltern von Auca geben ihr Bestes. Elañei lässt niemanden an Ihren Sohn heran. Sie pflegt ihn gewissenhaft, ermuntert ihn, die Muttermilch zu trinken, spricht und singt mit ihm, schützt ihn mit Kleidung aus Wolle, die sie selbst gewebt hat und regt mit Kräutern seine Widerstandskraft an. Doch Auca macht ihr Sorgen. Er isst nur mäßig und nimmt kaum zu. Gleichwohl ist er lebhaft und schaut seine Mutter mit großen Augen an, wenn sie zu ihm spricht und ihm Geschichten erzählt. Trotz aller Fürsorge ist Auca immer wieder krank. Eine Erkältung folgt der anderen und er bekommt schließlich Keuchhusten. Doch Elañei hat auf jede Herausforderung eine Antwort. Mit viel Liebe und ihren Heilkünsten als Machi stabilisiert sie Aucas Gesundheit. Nach einem schwierigen ersten Jahr ist er über dem Berg. Auca trägt seinen Namen, der Kämpfer, zurecht.

Und von nun an geht es aufwärts. Langsam ergreift Auca von seiner Umgebung Besitz. Die Ruka, in der er mit seinen Eltern lebt, ist ein großes rundes Haus aus Holz und Lehm. Das Dach ist mit Schilfgras bedeckt. Die Ruka hat keinen Fußboden, da die Mapuche die Erde als Mutter ansehen und nichts zwischen sich und der Erde haben wollen. Eine Ruka hat keine Fenster. Die Türöffnung weist immer Richtung Osten. In der Mitte befindet sich ein stets offenes Feuer, dem die Mapuche heilende Kräfte zuschreiben. Der Rauch zieht durch die ganze Hütte und nur langsam durch den Giebel ab. An kalten und feuchten Tagen steht über jeder Ruka eine Rauchwolke. Wenn es den Mapuche kalt wird, ziehen sie sich einen schweren Poncho aus Schafwolle über..

Über dem Feuer hängt ein Kochgeschirr mit Wasser. Es kommt nicht selten vor, dass spielende Kinder in das Feuer fallen oder sich mit kochendem Wasser verbrühen. Diesen niños quemados, den Kindern mit Brandverletzungen, bleibt nichts anderes übrig, als sich in einem öffentlichen Krankenhaus operieren zu lassen. Dank Hauttransplantationen kommt es danach zu keinen Beeinträchtigungen beim Wachstum.

Auca wird immer vertrauter mit seiner spartanischen Welt, der spärlichen Einrichtung der Ruka, die aus zwei Tischen und einigen Schlafstätten an den Wänden besteht. Er liebt die Zusammenkünfte mit den übrigen Mitgliedern der Gemeinde, ganz besonders wenn diese gemeinsam musizieren.

Die traditionelle Mapuche-Musik gehört hauptsächlich zum religiösen Bereich, aber in ihrem Repertoire befinden sich auch Liebeslieder und Gesänge über die Heimat. Die Mapuche verwenden Perkussionsinstrumente, ausschließlich für den rituellen Gebrauch das kultrún, eine flache Kesseltrommel mit cascahuillas, mit Schellen, die als Schamanentrommel verwendet wird. Zwei weitere charakteristische Instrumente sind die trutruca, eine Naturtrompete, die aus dem Rohr einer Bambusart und einem Mundstück besteht, sowie die Maultrommel trompe.

Auca nimmt die schweren Rhythmen der Lieder, die von der Erdverbundenheit der Araukaner zeugen, in sich auf und speichert sie in seinem Gedächtnis. Schon als Dreijähriger greift er selbst zur Trommel und begleitet die älteren Spieler.

Die Bedeutung der Machis bei den Mapuche

Auca nimmt bald wahr, dass seine Mutter eine außergewöhnliche Frau im Ansehen der Gemeinschaft der Mapuche ist. Sie ist eine Machi. Machis spielen eine bedeutende Rolle in der Welt der Mapuche. Die meisten Machis sind Frauen. Nicht jeder kann Machi werden. Um dieses Ziel zu erreichen, muss ein Mapuche Charakter, Willenskraft und Mut bezeugen, weil der Werdegang lang und schmerzvoll ist. Normalerweise wird eine Person schon in der Kindheit ausgewählt, falls folgendes auf sie zutrifft:

warnende Träume, die etwas ankündigen

übernatürliche Enthüllungen

Einfluss der Familie

Erbe

Eigeninitiative

die Kraft, Krankheiten zu heilen

Machiluwun ist die Zeremonie um eine neue oder einen neuen Machi zu weihen. Das ausgewählte Kind wird einen schon geweihten, erfahrenen Machi sechs Monate lang begleiten und in dieser Zeit die Fähigkeiten und Fertigkeiten lernen, um als Machi zu dienen.

Ein Machi ist eine Person von großer Weisheit mit unglaublicher Heilkraft, eine Person, die die Hauptrolle in der Medizin der Mapuche spielt. Ein Machi hat spezielles Wissen über Heilkräuter und andere Heilmittel. Es wird ebenfalls behauptet, dass ein Machi die Macht der Geister in sich trägt und die Fähigkeit besitzt, Träume zu deuten. Machis sollen sogar den Mapuche helfen, Hexen oder böse Geister zu identifizieren, die übernatürliche Kräfte einsetzen, um Schaden anzurichten.

Hass, Neid oder Wut eines fehlgeleiteten Geistes, einer verirrten Seele, können negative Energie erzeugen, die Krankheiten hervorrufen. Diese zerstörende, auflösende, in die Irre geführte Energie ruft offensichtlich in einem biologischen Organismus einen Bruch hervor und die gestörte Harmonie führt zu Krankheiten. Die Heilung der Kranken besteht in der Wiederherstellung des verlorenen Gleichgewichts. Um dieses wiederzugewinnen, bedarf es eines Ritus, der machitun genannt wird, während dem der Heiler oder der Schamane das psychologische und soziale Gleichgewicht dank Riten mit symbolischem Charakter wieder herstellt. Der Akt der Heilung wird begleitet von heilenden Kräutern, mit denen der Körper eingerieben oder ummantelt wird, die der Kranke aber auch in in flüssiger Form zu sich nehmen kann.

Es ist calcu, die Bosheit, die nach dem Glauben der Mapuche Krankheiten, Feindschaften, gestörtes Balance und Naturkatastrophen hervorrufen. Um das Gleichgewicht wiederherzustellen werden Tiere geopfert; so z. B. ein Stier oder ein Tier mit weißer Wolle, um eine Trockenheit zu beenden.

Ein unglaubliches Menschenopfer wurde während des verheerenden Erdbebens und einem Tsunami bei Valdivia im Jahre 1960 von einer Machi der Mapuche am Budi-See dargebracht. Dem Opfer, dem fünf Jahre alte José Luis Painecur Juan José Painecur, nahmen sein Großvater und Juan Pañán Arme und Beine ab und danach wurde am Strand wie ein Pfahl in den Sand gesteckt. Das Wasser des Pazifischen Ozeans riss den Körper weit ins Meer hinaus. Das Opfer wurde auf Geheiß der örtlichen Machi Juana Namuncurá Añen dargebracht. Die zwei Männer wurden des Verbrechens angeklagt. Sie gaben die Tat zu, widerriefen aber später ihr Geständnis. Sie wurden zwei Jahre später aus der Haft entlassen. Ein Richter entschied, dass die Betroffenen in solchen Geschehnissen ohne ihren freien Willen handelten, getrieben von einer unwiderstehlichen Urgewalt der Traditionen ihrer Vorfahren. Die Erklärung der beiden Inhaftierten war: Wir baten um Ruhe in der See und auf der Erde.

Der Ritus oder die Zeremonie der Verbindung mit den Seelen der Vorfahren heißt Nguillatún. Um das Gleichgewicht wieder herzustellen, gibt es einen Zeitraum, der Conchotún genannt wird, was intimer Freund bedeutet. In dieser Etappe machen sich die Mapuche Geschenke, sie umarmen sich, sie sagen sich Nettigkeiten und bieten sich gegenseitig Lebensmittel an.

Aucas Kindheit

Auca begleitet seine Mutter den ganzen Tag. Während des ersten schwierigen Jahres trägt ihn seine Mutter auf dem Rücken in einem wollenen Poncho den Tag über mit sich. In der Nacht liegt er in seinem Bettchen neben ihr. Sobald er gehen kann, trippelt er neben seiner Mutter her und ist überall dabei. Elañei ist überängstlich. Als Machi schreibt sie die schwierige Geburt und das von Krankheiten gezeichnete erste Jahr von Auca übernatürlichen, bösen Kräften zu. Deshalb lässt sie ihren Sohn nie allein und versucht eine schützende Aura um ihn aufzubauen. Sie spricht viel mit ihm und zu ihrem Erstaunen reagiert er sehr früh auf ihre Anregungen und lernt die Sprache der Mapuche, el mapudungún, relativ schnell. Er ist anders als die übrigen Kinder der Mapuche. Elañei hat manchmal das Gefühl, dass er durch sie hindurchschaut und ihre Gedanken erahnen kann. Auca ist ein sehr angenehmes Kind. Er ist nicht aufdringlich, nicht weinerlich fordernd, verlangt nicht ständig die Aufmerksamkeit seiner Eltern, widerspricht nicht, sondern macht einen schüchternen aber stets aufmerksamen Eindruck. Aber er ist ein Kämpfer.

Auca ist an der Seite seiner Mutter, wenn sie mit anderen Machis zusammenkommt, wenn ernste Gespräche über Krankheiten geführt werden, wenn sie versucht, Kranke zu heilen. Bei solchen Gelegenheiten sitzt er etwas abseits, spielt aber nicht wie andere Kinder mit einem Ball, einem Stock oder einer Puppe, sondern verfolgt mit wachen Augen, was seine Mutter tut, hört genau hin, was sie spricht und scheint alles aufzunehmen. Elañei verspürt die Schwingungen, die von ihrem Sohn ausgehen. Sie sind so stark, dass sie ihr Angst einflößen. Sie träumt von einem einflussreichen männlichen Machi, der einiges in der Welt der Mapuche bewegt. Die Gesichtszüge sind ihr vertraut, doch sie ist sich nicht sicher, ob ihre Visionen etwas mit Auca zu tun haben.

Seine Gemeinde liegt an der Laguna Lancalil in einem Tal mit wunderschönen Araukarien, die drei- bis viertausend Jahre alt werden und wie gemalt aussehen. Die Araukarien trotzen den harten klimatischen Bedingungen wie die Mapuche, die in ihrem Schutz leben. Diese ehrwürdigen Bäume stehen unter Naturschutz, denn sie wachsen pro Jahr nur einen Zentimeter.

Bisher hat Auca mit seinen Eltern nur kleinere Exkursionen in der Umgebung gemacht, hat Mapuche in der Nachbarschaft besucht und ist bei Festlichkeiten der Mapuche der ganzen Region dabei gewesen. Bei solch einer Gelegenheit hat er zum ersten Mal Autos gesehen, die auf dem internationalen Weg nach Argentinien waren. Zu einer zweiten Begegnung mit Autos kommt es in den Thermen von Huife, als er seinen Vater beim Angeln von Lachsforellen im Rio Maichi begleiten darf. Das einzige Transportmittel, das Auca in seinem bisherigen Leben kennen gelernt hat, ist der Ochsenkarren, ein zweirädriger Karren mit Vollholzrädern, der von zwei Ochsen gezogen wird. Der Wagenlenker ist ein Mapuche, der vorweg geht und mit einem langen Stock, den er zwischen die Köpfe der Ochsen legt, die Richtung vorgibt.

Mit solchen Ochsengespannen fahren die Mapuche auch zu ihren sonntäglichen Zusammenkünften. Ein Palaver dauert Stunden und dabei wird viel Chicha getrunken, ein alkoholhaltiger Most aus Obst oder Mais. Danach sind einige Wagenlenker nicht mehr in der Lage, dem Gespann voranzugehen. Doch das macht nichts. Die Ochsen kennen den Nachhauseweg und bringen ihren Gebieter, der volltrunken und schnarchend auf dem Karren liegt, sicher nach Hause.

Als Auca fünf Jahre alt ist, darf er seine Eltern auf den Samstagsmarkt nach Pucón begleiten. Der Weg nach Pucón ist mit dem Ochsenkarren beschwerlich und lang. Um am Samstagmorgen auf dem Markt zu sein, brechen Aucas Eltern schon am Freitagmittag auf. Obwohl Elañei und Auca auf dem Wagen sitzen dürfen, sind sie am Abend gerädert. Ein Ochsenkarren ist nicht gefedert und gibt jedes Schlagloch an die Mitfahrer weiter. Die Ochsen stolpern die letzten Klometer nur noch vor sich hin. Als es dunkel wird, bekommen Mensch und Tier die verdiente Ruhe. Sie übernachten kurz vor Pucón in einem kleinen Zelt, das sie dabei haben. Um nicht zu frieren, erwärmen sie sich an einem Feuer, das die ganze Nacht über glimmt. Am nächsten Morgen gibt es vor dem Aufbruch einen warmen Kräutertee und ein Stück trockenes Brot.

Eine Stunde später kommt Auca nicht mehr aus dem Staunen heraus. Er ist noch nie in einem kleinen Städtchen oder gar in einer großen Stadt gewesen. Er kennt nur die Araukanersiedlungen, weshalb die großen Häuser aus Stein und die Holz Gebäude eine andere Welt für ihn sind. Vor ein noch größeres Rätsel stellen ihn die Menschen, die in Pucón leben. Diese sind weiß, von anderer Gestalt und unterscheiden sich grundsätzlich von den Mapuche. Seine Mutter erklärt ihm, dass der Großteil der chilenischen Bevölkerung aus den Nachfolgern von europäischen Einwanderern besteht, die nach den Eroberungen der Spanier in mehreren Einwanderungswellen das Land bevölkerten. Auf dem Markt, auf dem viele Mapuche neben Websachen, Obst, Gemüse und Salat verkaufen, fühlt sich Auca unter seinesgleichen und ist wieder sicherer. Gleichwohl nimmt er alles Neue in sich auf, das Kaufverhalten der Weißen, das Bezahlen mit Geld, die Touristen, die fremde Sprachen sprechen, das laute Stimmengewirr und das hektische Treiben auf dem Markt. Auca mustert alle Passanten genauestens und prägt sich alles ein, was neu für ihn ist, denn er möchte später mit seiner Mutter darüber sprechen.

Aucas Eindrücke von dieser für ihn neuen Welt sollen noch einen Höhepunkt erfahren. Sein Vater, Nehuen, möchte ihm das Zentrum und den beliebten Badestrand von Pucón zeigen. Er nimmt Auca an der Hand und zieht mit ihm los. Sie kommen an Supermärkten, an Bäckereien, an Cafés, an Metzgereien, an einer Geschäftswelt vorbei, die Auca ungläubig bestaunt.

Nachdem Nehuen Auca ein Stück Torte beim Konditor gekauft hat, gehen sie weiter an den schwarzen Strand aus Lavagestein am Villarica See. Auca betrachtet ein Bild, ein seltsames Treiben, das er nicht verstehen kann. Hunderte Menschen liegen fast nackt am Strand und setzen sich der Sonne aus, andere schwimmen im See, Kinder bauen Sandburgen, Motorboote dröhnen am Ufer entlang, junge Menschen vergnügen sich mit verschiedenen Ballspielen, weiter draußen auf dem See ziehen Ruder- und Segelboote ruhig ihre Bahn. Natürlich fragt Auca seinen Vater nach dem Tun der Menschen. Was er auch sieht, macht keinen Sinn für ihn.

Nehuen und Auca setzen sich in den Sand und sprechen über diese andere Welt, eine Welt, die die Mapuche ablehnen. Für sie, die sie naturverbunden sind, mit der Natur im Einklang leben, die Harmonie mit der Umwelt und dem Kosmus anstreben, ist das unruhige Leben in einer Stadt, das Verlangen nach immer mehr, das Trachten nach Reichtum nicht erstrebenswert.

Auca erfährt auch von den Ausbrüchen des schneebedeckten Vulkan Villarica, der sich prächtig im See spiegelt, der bei Ausbrüchen schon viele Häuser und Menschen unter sich begraben hat. Es ist unverständlich, dass die Menschen an denselben Orten wieder Häuser bauen.

Selbst Skigebiete sind auf dem Vulkan entstanden und die Menschen scheuen sich nicht zum Krater aufzusteigen, auch wenn es aus diesem beängstigend grollt und raucht.

Für die Mapuche ist der Vulkan Villarica eine heilige Stätte, wo ihre Götter zu Hause sind und die Seelen der Verstorbenen ihre Ruhe finden. Diese Stätte darf in den Augen der indianischen Bevölkerung auf keinen Fall gestört werden. Der Zorn der Götter könnte furchtbar sein und mit einer gewaltigen Eruption als Bestrafung enden.

Der Rückweg zum Markt führt am Casino von Pucón vorbei. Auca will wissen, was das für ein prächtiges Gebäude sei. Nehuen erklärt ihm, dass das ein Casino, ein Haus, ist, in dem man mit Glücksspielen Geld gewinnen oder verlieren kann. Auca kann sich unter Glücksspielen nichts vorstellen, weshalb er seinen Vater bittet, mit ihm ins Casino zu gehen. Widerwillig geht Nehuen mit seinem Sohn in die große Halle, in der an die hundert „einarmige Banditen" stehen; das sind Automaten, in die man Münzen oder Chips einwirft und hofft, dass der Automat Gewinne ausspuckt. Der Name einarmiger Bandit geht darauf zurück, dass er dem Besitzer wie ein Bandit das Geld aus der Tasche zieht, sobald man seinen Arm betätigt. Das Betätigen des Hebels setzt Rädchen und Symbole in Bewegung. Gewonnen hat man, wenn beim Stoppen gleiche Symbole angezeigt werden. Der Höchstgewinn kann bei über einer Million Dollar liegen.

Nehuen erklärt, dass man als Spieler wohl gewinnen kann, in der Endabrechnung aber immer das Casino Gewinne macht. Vater und Sohn beobachten die Besessenheit, mit der einige Spieler die Automaten mit Geld füttern, dass aber nur ganz selten ein Gewinn sprudelt.

Auca ist fasziniert von den bunten, symbolträchtigen Rädchen und möchte sein Glück ebenfalls probieren. Er bedrängt seinen Vater so lange, bis dieser ihm eine Münze gibt. Der einmalige Versuch endet damit, dass die Münze verloren ist.

Nun möchte Auca auch die übrigen Glücksspiele kennen lernen. Doch dazu ist er zu jung. In einem angrenzenden Raum, in dem es mucksmäuschenstill ist, sitzen Männer und Frauen an Tischen und spielen Roulett, Backgammon, Black Jack, Poker etc. Die Besucher dürfen nur aus einiger Entfernung die Spiele beobachten. Nur wenn ein Platz frei wird, darf ein Spieler nachrücken.

Obwohl Auca keine Ahnung von dieser Art Spiele hat, beobachtet er äußerst konzentriert einige Poker Spieler. Es schwirrt in seinem Kopf. Es sind aber nicht seine eigenen Gedanken, sondern die der Spieler. Die Schwingungen sind so stark, dass er sie sprachlich umsetzen kann, Gedanken, die sich die Spieler machen wie z. B.: Soll ich bluffen oder aussteigen, ein Pärchen ist zu wenig, es fehlt nur noch das Ass zu einem Royal Flush, mit diesem Full House kann ich weit reizen, ich habe zwar nichts, aber ich gehe mit, bis die Mitspieler aufgeben.

Auca kann nicht begreifen, wieso er die Gedanken der Mitspieler mitbekommt, so wenig wie er das Spiel versteht. Er sieht nur, dass jeder fünf verdeckte Karten erhält, von denen die Spieler eine bis fünf Karten zurückgeben und dafür neue erhalten können. Dann reden die Spieler miteinander. Wie man gewinnt und welche Spielregeln man einhalten muss, ist für Auca ein Buch mit sieben Siegeln. Auch die verschieden farbigen Chips, die sich in der Mitte des Tischs anhäufen und dann einem Spieler zugeschoben werden, sagen ihm nichts. Erst als einer mit den Chips zur Kasse geht und Geld für diese erhält, wird Auca klar, dass die Chips Spielgeld sind.

Nehuen verlässt mit einem in Gedanken versunkenen Auca das Casino. Um das Kapitel Glücksspiel zu beenden, erzählt er seinem Sohn von unglaublichen Tragödien, die sich im Casino abgespielt haben, von spielsüchtigen Menschen, die ihr Hab und Gut beim Spiel verloren haben, von Unglücklichen, die sich nicht mehr zu helfen wussten und von der Sucht in den Selbstmord getrieben wurden.

Zum Abschluss des Casino Besuchs steht Nehuens Aussage: Wir Mapuche spielen nie um Geld. Doch für Auca ist die neue Erfahrung, das Erlebte noch lange nicht verarbeitet. Er möchte diese Spiele kennen lernen und selbst spielen. Deshalb bittet er seinen Vater, ihm Spielkarten zu kaufen, die an einem Stand vor dem Casino angeboten werden. Nehuen will nichts davon wissen, gibt aber schließlich nach, als sein Sohn nicht davon abzubringen ist.

Die Frage, warum er die Gedanken der Spieler verstehen konnte, bewegt Auca unablässig. Ihre Lippen waren doch stumm. Da besinnt er sich, dass er gelegentlich auch die Gedanken seiner Mutter erahnt hat. Mit der Erfahrung im Casino wird ihm bewusst, dass er eine außergewöhnliche Gabe besitzt, die ihm große Vorteile einbringen kann, eine Gabe, von der man nur träumen kann. Seinem Vater erzählt er aber nichts davon.

Als Vater und Sohn wieder auf dem Markt mit Elañei zusammen kommen, fällt dieser nur auf, dass Auca noch mehr als sonst in sich gekehrt ist. Sie schreibt dies den gewaltigen neuen Eindrücken zu, die auf ihren Sohn eingestürmt sind.

Gegen 13 Uhr hat Elañei alles Obst und Gemüse verkauft. Bevor sich die Drei wieder auf den Heimweg machen, kaufen sie im Supermarkt noch einiges ein, Dinge, die sie in ihrem Dorf nicht selbst produzieren können.

Danach geht es entlang dem Rio Pucón den Anden entgegen. Der Fluss, der von zahlreichen Quellen genährt wird und dessen Fluten sich dem See entgegen stürzen, bietet plötzlich ein Schauspiel. Drei Rafting Boote, besetzt mit bunt bekleideten Touristen, werden von dem tosenden Gewässer hin und her geworfen. Die Bootsinsassen haben alle Hände voll zu tun, um nicht auf einen Felsen oder aus dem Boot geworfen zu werden. Doch offensichtlich macht es allen Spaß, denn ihre Flussfahrt wird von lauten, freudvollen Schreien begleitet.

Elañei, Nehuen und Auca ziehen weiter. Je mehr sie sich von Pucón entfernen, um so ruhiger, freudvoller und unbeschwerter werden sie. Die Hektik der Stadt, der Lärm der Autos und der Menschen, die Enge und die Vorschriften, die schnelle Lebensart der Stadtmenschen und die lauten Touristen sind nicht ihre Welt. Sie sind in der wilden Natur zu Hause, sie lieben die fast undurchdringlichen Wälder, die unberührten Teiche, die rauschenden Flüsschen und Bäche, in denen sich die Lachsforellen tummeln, die jahrtausendealten ehrwürdigen Araukarien, die wie gemalt in der Landschaft stehen, die Condore, die wie Könige hoch über ihrer Heimat fast ohne Flügelschlag durch die Lüfte schweben und die natürlichen Düfte, die verführerisch aus der Umwelt auf sie eindringen.

Es macht ihnen auch nichts aus, als es zu regnen beginnt. Im Süden Chiles kann es tagelang regnen. Das sind sie gewohnt; auch dass sich mit dem Regen eine Art Dunstglocke über die Berge und Wälder legt. Von den Bäumen tropft das Wasser zu Boden und bei jedem Windstoß hört man sie ächzen. Es bilden sich Pfützen und das Regenwasser sucht leise gurgelnd seinen Weg nach unten.

Selbst die Ochsen, die schwerfällig, bergauf gehen, dampfen unter der Anstrengung. Nehuen, Elañei und Auca ziehen sich ihre schweren, dichtgewebten Ponchos über, die kaum Nässe durchlassen. Bei den Thermen

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