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Der Kosakenwinter: in Schleswig-Holstein 1813/14

Der Kosakenwinter: in Schleswig-Holstein 1813/14

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Der Kosakenwinter: in Schleswig-Holstein 1813/14

Länge:
636 Seiten
6 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Feb 22, 2013
ISBN:
9783848239344
Format:
Buch

Beschreibung

1813/14. In großen Teilen Europas werden die Kosaken als Befreier vom napoleonischen Joch bejubelt. Nur die Bewohner Schleswig-Holsteins warten mit großer Furcht auf die Ankunft der ersten Reiterpulks. Für sie endet im bitterkalten Dezember 1813 eine nahezu hundertjährige Friedens- und Blütezeit.
Gemeinsam mit den martialisch anmutenden Reitersoldaten aus dem Osten überschwemmt eine große Armee unter dem schwedischen Kronprinzen Karl Johann - besser bekannt als ehemaliger französischer Marschall Bernadotte - die südlichsten Provinzen des dänischen Gesamtstaates. Für die Landesbewohner beginnt eine harte Bewährungszeit, die später unter dem Begriff „Kosakenwinter“ bekannt werden soll.
Die bunt zusammengewürfelten russisch-preußisch-schwedischen Truppen sollen für ihren ehrgeizigen Anführer „Norwegen in Schleswig-Holstein erobern“. Und es gelingt ihnen. Am 14. Januar 1814 verliert der dänische König Norwegen an Schweden. Als alle Welt nach Frankreich schaut, um den Untergang des korsischen Eroberers zu verfolgen, vollzieht sich mit dem Kieler Frieden in Nordeuropa eine neue Grenzziehung.
Soweit die bekannten Tatsachen. Doch welche Erfahrungen macht die Bevölkerung der Herzogtümer mit den Besatzern? Wie leiden die Menschen unter dem Feldzug, dessen Wortgeschichte sie weder zu verantworten haben, noch beeinflussen konnten? Und wie sieht der Kriegsalltag 1813/14 aus?
Mit diesen Fragen befasst sich „Der Kosakenwinter“ - ein wissenschaftlich fundiertes Sachbuch mit zahlreichen spannenden Fakten.
Herausgeber:
Freigegeben:
Feb 22, 2013
ISBN:
9783848239344
Format:
Buch

Über den Autor

Dieter Kienitz (Jahrgang 1957) studierte in Hamburg Geschichte und Germanistik, bevor er eine journalistische Ausbildung bei der Dithmarscher Landeszeitung (DLZ) absolvierte. Nach mehreren beruflichen Stationen kehrte er an die schleswig-holsteinische Nordseeküste zurück. Er arbeitete zunächst als Chef vom Dienst der DLZ, widmete sich dann aber dem Aufbau der Online-Abteilung des Verlages. Seit 2002 ist er mit einer Agentur für Unternehmenskommunikation in Meldorf selbstständig. Seit 2011 ist er ehrenamtlicher Redaktionsleiter der Zeitschrift „Dithmarschen“. Mit dem Thema „Kosakenwinter“ promovierte er zum Dr. phil. an der Universität Hamburg.


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Buchvorschau

Der Kosakenwinter - Dieter Kienitz

2013

I. Einleitung

1. Thema und Theorie

Anfang Dezember des Jahres 1813 endete für die Bewohner der Herzogtümer Schleswig und Holstein eine nahezu hundertjährige Friedens- und Blütezeit. Eine Armee feindlicher Soldaten unter dem Oberbefehl des schwedischen Kronprinzen Karl Johann, besser bekannt als ehemaliger französischer Marschall Bernadotte, drang in die südlichsten Provinzen des dänischen Gesamtstaates ein und nahm sie in „Geiselhaft", um vom dänischen König Friedrich VI. die Abtretung Norwegens an Schweden zu erzwingen.

In weniger als zwei Monaten, in denen die Nordarmee, so der offizielle Name der Truppen¹, weiter in Richtung Norden vorgestoßen war und auch das dänische Kernland bedroht hatte, war Bernadottes vordringliches Kriegsziel erreicht: Der Kieler Frieden vom 14. Januar 1814 besiegelte das Ende der seit dem 14. Jahrhundert bestehenden Union zwischen Dänemark und Norwegen; geschaffen wurde statt dessen ein schwedisch-norwegischer Staat, der noch bis 1905 von den Königen in Stockholm regiert werden sollte.

Schleswig-Holstein war als Teil des dänischen Gesamtstaates zu einem Spielball der Mächte geworden; seine Bewohner hatten während des Feldzuges und der Besatzungszeit unter einer politischen Entwicklung zu leiden, die sie weder zu verantworten hatten noch beeinflussen konnten. Einquartierungen und Requisitionen, aber auch körperliche Mißhandlungen, Erpressungen und Raub waren die Begleiterscheinungen des Krieges, der nicht nur politische, sondern auch weitreichende wirtschaftliche und soziale Folgen für die Region haben sollte. Durch mündliche und schriftliche Überlieferungen blieben der Schrecken des Feldzuges, aber auch die Faszination, die von den fremden Truppen ausging, den Bewohnern des Landes lange als „Kosakenwinter" in Erinnerung.²

Vor dem Einmarsch der Nordarmee war das Kosakenbild in Schleswig-Holstein wie in allen deutschen Ländern von überwiegend diffusen Vorstellungen geprägt, wenn es um die Herkunft, die Sitten und Eigenarten der Reitersoldaten ging. Vor allem Berichte über das Verhalten der Kosaken im Siebenjährigen Krieg hatten in der Öffentlichkeit den Eindruck entstehen lassen, sie seien nichts anderes als plündernde und mordende Barbaren aus dem Osten. Während der Befreiungskriege veränderte sich jedoch dieses Bild; die Armeen des Zaren - und damit letztendlich auch die Kosaken - wurden nun als Befreier von der napoleonischen Herrschaft begrüßt und gefeiert. Die Schleswig-Holsteiner hatten die Kosakenregimenter dagegen als Feinde zu erwarten; folglich sahen sie dem Einmarsch der Truppen mit großer Furcht entgegen. Im Verlauf des Feldzuges machte sich die Bevölkerung jedoch ein eigenes und - wie wir sehen werden - durchaus differenziertes Bild von den Kosaken, das sich zumindest teilweise von den früheren Vorstellungen unterschied.³

Noch hundert Jahre nach den Ereignissen wurde in den westholsteinischen Gemeinden Tellingstedt und Wrohm der Abzug der fremden Truppen alljährlich Mitte Januar mit dem „Kosakenball gefeiert. Offenbar hatten die Erlebnisse der Bewohner und die zumeist volkstümlichen Überlieferungen an ihre Nachkommeneinen tiefen Eindruck hinterlassen. Erst mit Beginn des Ersten Weltkriegs verlor auch in der Region der Kosakenwinter an historischer Relevanz. Der Begriff „Schrecken hatte durch das bis dahin nicht gekannte Ausmaß an gewalttätigen Auseinandersetzungen im neuen Jahrhundert eine andere Bedeutung gewonnen.

Strenggenommen dürften unter dem Kosakenwinter lediglich die Monate Dezember 1813 und Januar 1814 verstanden werden, also der Zeitraum vom Einmarsch der Armee in Holstein bis zum Kieler Frieden beziehungsweise dem ersten Truppenabzug Ende Januar. Da aber die intensive Belagerung Hamburgs, in dem sich ein starkes französisches Korps verschanzt hatte, durch eine alliierte Armee unter General Bennigsen auch und vor allem von holsteinischem Boden aus durchgeführt wurde, waren zahlreiche Distrikte weiterhin mit fremden Soldaten belegt - wenngleich es sich jetzt nominell um „befreundete" Truppen handelte.

Aus Sicht der Bewohner war die Situation nach dem Friedensschluß zwar kaum noch lebensbedrohlich, der wirtschaftliche Schaden vergrößerte sich jedoch weiter, bis auch die letzten Soldaten abzogen. Um diese Entwicklung nicht ausschließen zu müssen, umfassen die vorliegenden Studien im Kern nicht nur den Winter 1813/14, sondern den gesamten zeitlichen Rahmen vom Dezember 1813 bis zum Januar 1815.

Obwohl sich 1813/14 in Schleswig-Holstein, also fernab von den Zentren der Macht, das Schicksal Nordeuropas entschied und mit einer neuen Grenzziehung in Skandinavien verbunden war, fanden der Feldzug und die anschließende Belagerung Hamburgs weder in der europäischen Öffentlichkeit noch später bei den Historikern große Beachtung. Der kurze, regional begrenzte Krieg blieb ein Nebenschauplatz, als alle Welt auf Frankreich schaute, um den Untergang Napoleons und damit auch des napoleonischen Staatensystems zu verfolgen. Noch heute wird in zusammenfassenden Geschichtsbüchern der Kieler Frieden und damit auch dervorhergehende Krieg nur in einem Nebensatz, gelegentlich als Fußnote, zuweilen auch gar nicht erwähnt.

Wenn also bereits die für den weiteren Verlauf der nordeuropäischen Geschichte relevanten Fakten in der überregionalen Geschichtsschreibung nur wenig beachtet wurden und allenfalls in älteren militärhistorischen Werken Eingang fanden, so ist es kaum erstaunlich, daß die Situation der schleswig-holsteinischen Bevölkerung während der Besatzungszeit, vor allem die Ängste und Verluste der Menschen, weithin noch nicht wissenschaftlich untersucht wurden.

Die raumzeitlichen Grenzen des Themas dürfen dabei als Voraussetzung angesehen werden, um die Ereignisse im Zusammenhang mit der betroffenen Bevölkerung zu analysieren. Somit lassen sich bei der Untersuchung des Kosakenwinters Regionalgeschichte und Alltagsgeschichte zusammenführen, wobei die Region in diesem Fall das gesamte Gebiet der ehemaligen Herzogtümer in den Grenzen des frühen 19. Jahrhunderts umfaßt.

In geschichtstheoretischer Hinsicht ist die Erforschung unterer Bevölkerungsschichten ein konstitutiver Bestandteil der Alltagsgeschichte und - mit ihr eng verbunden - der „Geschichte von unten, da sie sich nach Burkardt als Geschichte der „Opfer und ihrer Leiden begreift, die der „Geschichte der Sieger", wie sie im vorliegenden Fall vor allem in militärhistorischen Betrachtungen manifestiert ist, gegenübergestellt werden kann.⁶ Der Begriff „Alltag" steht dabei nur in einem scheinbaren Widerspruch zu den nicht-alltäglichen kriegerischen Ereignissen, denn die permanente Ausnahmesituation während der Besetzung Schleswig-Holsteins konstituierte auch einen Alltag, den Kriegs- oder Besetzungsalltag nämlich, der in dieser Arbeit untersucht wird.⁷

Ein ähnlicher Ansatz ist in der Mikrogeschichte zu finden, in der Schlumbohm eine Schwester der Alltagsgeschichte, aber keine Schule mit etablierter Orthodoxie sieht. Wie die Alltagsgeschichte versteht sich Mikrogeschichte als Gegenbewegung gegen eine reine Erforschung des „großen Gangs der Dinge" und damit gegen eine Historiographie, die sich stets auf die Seite der Sieger stellt. Dabei sollen wesentliche Phänomene der Vergangenheit sichtbar gemacht werden, die vorher weitgehend unbeachtet blieben. Im Zentrum der Mikrogeschichte stehen allerdings nicht isolierte Individuen, sondern vielmehr die sozialen Beziehungen, mit denen diese ihre Strategien verfolgen. Dieses soziale Geflecht ist der Untersuchungsgegenstand des Ansatzes, der seine Vertreter zuweilen in mikroskopisch kleine Details wie etwa Verwandtschaftsbeziehungen vordringen läßt.

Das Hauptinteresse der Alltagsgeschichte beziehungsweise der „Geschichte von unten" liegt dagegen - und hier ist der Unterschied zur Mikrohistorie und deren Verallgemeinerungstendenzen, aber auch zur Historischen Sozialwissenschaft - im Handeln konkreter Menschen in einer konkreten Umwelt.⁹ Dabei muß sich der Historiker allerdings einem Problem stellen: Je stärker er sich mit konkreten Personen in gesellschaftlich niedrigen Ebenen beschäftigt, desto größer ist auch die Gefahr, sich in Details zu verlieren, die zwar als Anekdoten einen wunderbaren Erzählstoff abgeben, für eine Analyse der historischen Zusammenhänge aber nur bedingt tauglich sind. Auch im Zusammenhang mit dem Kosakenwinter gibt es zahlreiche Geschichten in der Geschichte; sie sollen jedoch nur dann herangezogen werden, wenn sie für den Kontext relevant sind oder als beispielhaft für die Verhältnisse gelten können.

Die Beschreibung einzelner Ereignisse gewinnt aber durchaus auch deswegen an Bedeutung, weil sie - ganz an den Forderungen der Alltagsgeschichte orientiert und im Gegensatz beispielsweise zur herkömmlichen Militärgeschichtsschreibung - die Bevölkerung nicht bloß als dumpfe Masse darstellt, sondern als eine Gruppe von denkenden, fühlenden und handelnden Individuen.

Ein weiteres Problem haben Alltagsgeschichte und Mikrogeschichte gemeinsam: In beiden Fällen sind Quellenstudien sehr viel schwieriger als in der traditionellen Geschichtsschreibung, die sich oft mit offiziellen Texten, gedruckten Tagebüchern berühmter Menschen sowie allgemein zugänglichen Gesetzes- und Ver-tragstexten zufrieden geben kann. Die Taten, Gedanken und Gefühle einfacher Menschen sind heute jedoch nur noch schwer zu eruieren, da sie selten schriftlich niedergelegt worden sind.

Im Rahmen von Untersuchungen dieses Jahrhunderts können im Gegensatz zu Studien, die sich mit früheren Zeiträumen befassen, noch zahlreiche Sachverhalte mittels der „Oral History erschlossen und ausgewertet werden. Daher sind die Erforschung des Nationalsozialismus und der jüngsten DDR-Geschichte auch zu Arbeitsfeldern der Alltagsgeschichte beziehungsweise der „Geschichte von unten geworden.¹⁰

In neueren alltagsgeschichtlichen Studien bemühen sich einige Historiker zudem darum, nicht nur die Geschichte „von unten" zu beschreiben, sondern sie sozusagen von unten aufzubauen, indem sie die Rahmenbedingungen nicht als Voraussetzung, sondern vielmehr als das Ergebnis der vielfältigen Verhalten und Erlebnisse betrachten.¹¹ Allerdings verstärken sich dadurch Probleme im Zusammen-hang mit dem Übergang von der Mikro- zur Makroebene¹², da ein bedeutendes historisches Faktum mehr enthalten kann als die Summe aller dazu passenden kleineren Fakten.¹³ Ungeklärt bleibt außerdem die Frage, wieviel Determinanten schließlich geklärt werden müssen, bevor aus dem „Chaos" zahlreicher Details wieder Ordnung und damit ein Bild der Geschichte entsteht.¹⁴

Auch in der vorliegenden Untersuchung macht ein Aufbau „von unten" wenig Sinn: Die einfache Bevölkerung in den Herzogtümern hatte zumindest während des Krieges beziehungsweise während der Besatzungszeit, als sich Gewalt und Gewaltandrohung als das entscheidende Mittel zur Durchsetzung von Interessen manifestierte, zu wenig Möglichkeiten, selbst zu agieren; das Handeln der Menschen war vielmehr ein Reagieren auf Situationen, die ihnen vorgegeben wurden - und kann damit ohne den entsprechenden Kontext kaum als Konstitutivum für einen größeren historischen Zusammenhang erklärt werden.

In dieser Arbeit wird daher zwar dem Leiden der Bevölkerung eine große Bedeutung zugemessen, womit eine grundsätzliche Forderung der Alltagsgeschichte beziehungsweise der „Geschichte von unten" erfüllt wäre, allerdings dürfen dabei die makrogeschichtlichen Zusammenhänge nicht aus den Augen verloren werden. Andernfalls würde der Ansatz in einer Geschichtsenklave ohne Relevanz für den historischen Rahmen enden.

Ein Bindeglied zwischen Mikro- und Makroebene - zumindest im Rahmen der vorliegenden Studien - soll unter anderem in der Vielschichtigkeit der schleswig-holsteinischen Bevölkerung gesehen werden: Wenn das Leiden einzelner beziehungsweise einer Gruppe untersucht wird, so kann es sich dabei schließlich umeinen Tagelöhner, um einen einfachen Beamten, etwa einen Kirchspielschreiber, um einen bedeutenden Beamten wie einen Amtmann oder auch um einen Vertreter der Ritterschaft handeln. Im zuletzt genannten Fall dürfte dieser, wie etwa Graf Fritz Reventlow, auch auf der makrogeschichtlichen Ebene bedeutsam sein; wenn aber das Gut des Adligen von feindlichen Truppen heimgesucht wird und diese Heimsuchung ihn ruinieren könnte, so befindet er sich auf der Ebene „unten" oder besser: auf der Ebene des Leidenden. Die Grenze zwischen einfacher Bevölkerung und Elite ist insofern - abhängig von der jeweiligen individuellen Situation - fließend.¹⁵

Ohne makrohistorischen Überbau lassen sich zudem die Macht- und Verwaltungsstrukturen in den besetzten Herzogtümern Schleswig und Holstein nicht erklären, und diesem Gefüge kommt eine besondere Bedeutung für den Alltag der Menschen zu. Die Rundschreiben und Verfügungen der von den Befehlshabern eingesetzten Behörden sowie schriftliche und mündliche Befehle der Armeespitze hatten erheblichen Anteil an der Ausgestaltung des Lebens in dieser Zeit. Aber: Wie sich diese Anordnungen vor Ort, also bei konkreten Menschen in konkreten Situationen, auswirkten beziehungsweise wie mit ihnen auf unteren Ebenen umgegangen wurde, läßt sich gut in den alltagsgeschichtlich orientierten Rahmen einpassen.¹⁶

Speziell eine „Geschichte von unten, die für die vorliegenden Studien als wichtiger Teilbereich der Alltagsgeschichte im weitesten Sinne begriffen werden soll, analysiert nach Lüdtke die Lebensverhältnisse und Lebensweisen der „Abhängigen und Ausgebeuteten. Nach Lindqvist rückt dabei die Arbeit und der eigene Arbeitsplatz in den Mittelpunkt des Interesses.¹⁷

Diese Ansätze müssen insofern modifiziert werden, als daß die Bevölkerung der von feindlichen Truppen besetzten Herzogtümer nicht nur wirtschaftlich abhängigwar und im ökonomischen Sinne ausgebeutet wurde, sondern vielmehr unter weiteren Komponenten des Krieges wie etwa Gewalttätigkeiten oder Androhung von Gewalt - von Eley in einem etwas anderen Zusammenhang aber durchaus vergleichbar als „Kultur des Terrors"¹⁸ bezeichnet - zu leiden hatte. Auch soll sich die vorliegende Arbeit nicht allein auf die Aussagen der untersten Gesellschaftsschicht wie etwa Tagelöhner, Mägde oder Hilfsarbeiter stützen, soweit solche überhaupt vorliegen, sondern vielmehr auf die erhaltenen Zeugnisse aller betroffenen Gesellschaftsschichten in den Herzogtümern.

2. Fragestellungen und Thesen

Jede Besetzung eines Landes im Gefolge kriegerischer Auseinandersetzungen ist in der Regel mit extremen Härten für die Bevölkerung verbunden - ganz abgesehen davon, daß die Furcht vor Krieg zu den großen Ängsten der Menschen gehören und somit ohnehin grundsätzlich als „Prüfung" im negativen Sinne angesehen wird.¹⁹ Dabei können die Härten in Form körperlicher Gewalt, als Androhung von Gewalt oder auch als wirtschaftliche Sanktionen wie etwa Requisitionen auftreten.

Obwohl Menschen im Kosakenwinter getötet oder geschlagen wurden, zeigt eine Durchsicht aller für den relevanten raumzeitlichen Abschnitt zur Verfügung stehenden Quellen, daß wirtschaftliche Einbußen insgesamt als mindestens ebenso schlimme Übel empfunden wurden wie gewalttätige Übergriffe. Wenige Monate nach dem Feldzug, als der erste Schock überwunden war, galten die Verluste an Geld und Material bereits als das Hauptproblem des Kosakenwinters. Folgende Thesen lassen sich dabei als Begründung für die An- und Einsichten der Bevölkerung sowie das Hervorheben des wirtschaftlichen Aspekts aufstellen:

Wirtschaftliche Verluste hatten in der Regel langfristigere Auswirkungen als das brutale Verhalten der Soldaten.

Wirtschaftliche Verluste waren an der Tagesordnung, Übergriffe kamen dagegen nicht so häufig vor.

Wirtschaftliche Verluste entstanden nicht nur mit Billigung, sondern sogar auf Befehl der Armeespitze, während andere Vergehen zuweilen von vorgesetzten Offizieren bestraft wurden.

Im Falle von gewalttätigen Einquartierungen und mehr noch von Requisitionen waren die Grenzen zwischen wirtschaftlichen Einbußen und brutalem Verhalten verwischt, beides wurde zeitgleich registriert.

Von wirtschaftlichen Verlusten waren alle Menschen in den Herzogtümern betroffen, unter gewalttätigem Verhalten hatten nur wenige direkt zu leiden.

Durch die verfehlte Geldpolitik des Gesamtstaates hatte die Wirtschaft insgesamt bereits vor dem Einmarsch der Nordarmee stark gelitten, weitere Verluste wurden dementsprechend als doppelte Härte empfunden.

Hinzu kommt, daß der Krieg die Bewohner der Herzogtümer empfindlich gegenüber weiteren Belastungen gemacht hatte. Vermeintlich „kleinere" Vergehen der einquartierten Soldaten, wie etwa mit rauchender Pfeife einzuschlafen und dabei einen potentiellen Brandherd zu bilden, wurden als zusätzliche Härten übermäßig stark empfunden.

Interessant ist jedoch nicht nur, wie und in welchem Ausmaß die Bevölkerung unter Krieg und Besatzung zu leiden hatte, vielmehr stellt sich zudem die Frage, von welchen Faktoren das Ausmaß des Leidens abhing. Individuelle Gründe lassen sich dabei aus der persönlichen Betroffenheit der Opfer ableiten. Wenn etwa ein Fuhrknecht von einem Kosaken ausgepeitscht wird, ist das Maß an Betroffenheit beim Fuhrknecht per se extrem hoch. Erfährt dagegen zum Beispiel ein Norburger Gutsbesitzer, der selbst während des Feldzuges keinen Soldaten zu Gesicht bekommen hat, davon aus der Zeitung, ist er nur allgemein, aber nicht persönlich betroffen.

Darüber hinaus stellen sich folgende Fragen im Hinblick auf die Stärke des Leidens:

Inwiefern spielten regionale Faktoren, zum Beispiel im Zusammenhang mit den militärischen Zielen und Einquartierungen, eine Rolle?

Waren innerhalb einer Region alle Bewohner gleichermaßen von körperlichen Sanktionen beziehungsweise wirtschaftlichen Einbußen bedroht? Oder gab es beispielsweise Berufsgruppen, die besser/schlechter behandelt wurden?

Wie wirkte sich Widerstand, aktiv oder passiv, auf die Aktionen der Soldaten aus?

Welchen Einfluß hatten Einheimische auf das Ausmaß von Gewalt oder wirtschaftlichem Verlust?

Wann immer die Bevölkerung beziehungsweise bestimmte Gruppen innerhalb der Bevölkerung als Nicht-Leidende im Zusammenhang mit dem Unterdrückungsmechanismus der Kriegs- und Besatzungsmacht betrachtet werden, taucht sofort das Problem auf, inwiefern diese Menschen mit den Feinden kollaborierten beziehungsweise wie sie sich einer geforderten Kollaboration entziehen konnten. Die Untersuchung wird zeigen, daß schon militärische Präsenz, stets verbunden mit einer latenten Androhung von Gewalt, die lokalen und regionalen Verwaltungen gefügig machte, während einzelne Personen ganz real mit gezücktem Säbel oder mit der Peitsche zur Mitarbeit gezwungen wurden. Darüber hinaus gab es Verwaltungen wie den Husumer Magistrat und Einzelpersonen wie den Gutsbesitzer von Schleiden, die aus Furcht oder aber aus Eitelkeit über das geforderte Maß hinaus den Interessen der Nordarmee dienlich waren.

Mit Hilfe furchtsamer lokaler Institutionen und neu gebildeter regionaler Ersatzbehörden verstand es die Armeespitze, innerhalb weniger Wochen ein Ausbeutungssystem aufzubauen, das zum einen die Versorgung der Armee garantierte und zum anderen die Herzogtümer wirtschaftlich aussaugte. In diesem Zusammenhang ist es ein Ziel dieser Untersuchung, das Versorgungssystem zu analysieren und dabei die neuen, allerdings nur kurzfristig haltbaren Macht- und Verwaltungsstrukturen aufzuzeichnen, die einen erheblichen Einfluß auf das Leben und Leiden der Landesbewohner hatten.

Einige Teile der aus vielen verschiedenen Truppen bunt zusammengewürfelten Nordarmee gaben sich jedoch nicht mit den von der Generalität veranlaßten Versorgungsstrukturen zufrieden. Je nachdem, um welche Truppen es sich handelte, wandten die Soldaten in den von ihnen besetzten – oder besser: heimgesuchten – Dörfern, Flecken und Städten ihre eigenen Methoden an, um sich zu versorgen. Dabei unterschieden sich die Einheiten unter anderem durch das Maß an Brutalität, mit dem sie vorgingen. Vor allem von Kosaken und anderen Truppen des russischen Reiches wurden eher Übergriffe erwartet als beispielsweise von den deutschen Einheiten. Inwiefern die Erwartungen der Bevölkerung erfüllt wurden, soll im Rahmen der vorliegenden Untersuchung überprüft werden, ergänzt durch eine Analyse der Gründe für das Fehlverhalten mancher Soldaten. Dabei soll es jedoch nicht darum gehen, die Soldaten unisono in ein schlechtes Licht zu rücken und sie - sozusagen aus heutiger Sicht - moralisch abzuqualifizieren. Im Mittelpunkt steht vielmehr die differenzierte Beurteilung der einzelnen Truppenteile aus Sicht der betroffenen Bevölkerung, soweit sie sich in den Quellen niederschlägt.

3. Quellen und Literatur

Die Verhältnisse während des Kosakenwinters aus Sicht der schleswig-holsteinischen Bevölkerung lassen sich anhand einer Vielzahl von ungedruckten und gedruckten Quellen erschließen. Das Hauptproblem bei der Materialbeschaffung für das zu bearbeitende Thema ist insofern keineswegs der Mangel an Informationen, sondern vielmehr die Sichtung der großen, offenbar seit vielen Jahren nicht mehr bewegten Aktenberge sowie das Filtern der wesentlichen Aussagen. Soweit es die relevanten Akten der Zeit betreffen, lagern die Hauptbestände im Schleswig-Holsteinischen Landesarchiv in Schleswig sowie im dänischen Reichsarchiv in Kopenhagen.

In Schleswig bieten die Akten der Statthalterschaft, der Deutschen (Schleswig-Holsteinischen) Kanzlei, der Rentenkammer und der Ritterschaft, vor allem aber die regionalen Aktensammlungen eine große Menge brauchbares Material. Zahlreiche Berichte und Briefe an vorgesetzte Behörden, zudem mit langen Requisitionslisten versehen, ermöglichen ein Bild von den wirtschaftlichen Verlusten, die die Menschen während des Feldzuges erlitten.²⁰

Weitere Akten der Deutschen Kanzlei, darunter diejenigen, die das Militärwesen von 1770 bis 1849 dokumentieren, lagern in Kopenhagen.²¹ Darüber hinaus sind die Originalunterlagen aller im Zusammenhang mit dem Feldzug und der Besetzung Schleswig-Holsteins errichteten Kommissionen im Reichsarchiv zu finden, darunter die Akten der provisorischen Verwaltungskommission und der Kommission zur Untersuchung der Kriegsschäden in den Herzogtümern.²²

In den kleineren schleswig-holsteinischen Regionalarchiven, zum Beispiel in Kiel, Husum, Itzehoe und Glückstadt, sind weitere relevante Quellen zu finden, bei denen es sich zum Teil um Abschriften von Berichten an die Kommissionen handelt, aber auch um die Antwortschreiben der vorgesetzten Behörden. Zudem enthalten einige der dort gelagerten Akten - wie im übrigen auch zahlreiche Regionalakten im Landesarchiv - die Briefe und Verlustanzeigen betroffener Bürger.²³

Unter der großen Anzahl von Verwaltungsvorgängen ragen beim Archivmaterial besonders die Berichte hervor, die die Städte, Landschaften und Distrikte nacheiner Verfügung vom 3./4. Februar 1814 an die vorgesetzten Behörden beziehungsweise an den König abzusenden hatten.²⁴

Originale oder Abschriften dieser zumeist aussagekräftigen Berichte befinden sich im Reichsarchiv, im Landesarchiv, aber auch in Regionalarchiven.²⁵ Ein Teil ist zudem als Anhang des Aufsatzes „Ereignisse und Verhältnisse in den Herzogtümern Schleswig und Holstein während der Invasion 1813/14" von K. C. Rockstroh wörtlich abgedruckt und insofern für diese Arbeit herangezogen worden.²⁶

Einschränkungen müssen jedoch bei der Bewertung der Aussagen in diesen Texten gemacht werden. Die Verfasser der Briefe, also vor allem höhere lokale Verwaltungsbeamte vom Polizeimeister bis zum Bürgermeister beziehungsweise Amtmann, hatten eindeutige Interessen: Zum einen bemühten sie sich, ihr eigenes Verhalten in einem guten Licht dastehen zu lassen, um nicht als Kollaborateure zu gelten, zum anderen versuchten sie, die Verluste besonders hoch zu beziffern, da sie mit einer eventuellen Entschädigung auf der Grundlage ihrer Berichte rechnen durften.

Vom Gehalt her als ehrlicher und daher auch als realistischer sind Tagebücher beziehungsweise erhaltene Tagebuchauszüge anzusehen, wenn es um die Ansichten, Gefühle und Erlebnisse der Bevölkerung geht. Sie unterlagen keinerlei Zensur, und sie mußten nicht wie die offiziellen Texte im Hinblick auf Entschädigung oder gar Strafverfolgung auf den eigenen Vorteil bedacht sein, es sei denn, der Verfasser hatte von vornherein die Absicht, sein Tagebuch zu veröffentlichen, oder aber er redigierte den Inhalt vor einer Veröffentlichung. Beispiele für tagebuchartige Aufzeichnungen, in denen der Kosakenwinter einen hervorragenden Platz einnimmt, sind die bislang unveröffentlichte und in Privatbesitz befindliche Chronik des Friedrichsgabekooger Bauern Johann Johannsen, das Tagebuch des Arztes Dr. Johannes Nicolaus Rohde über die Belagerung Glückstadts sowie Johann Schwarcks „Geschichte der für die Stadt Wilster so denkwürdigen Zeit von Juni 1813 bis den 31. Juli 1815".²⁷

Auszüge aus Tagebüchern sind zudem in Zeitschriften abgedruckt und wie im Fall des Emkendorfer Gutsverwalters Bendixen in einen kommentierenden Artikel eingegliedert worden, ohne daß der Originaltext zerstückelt worden wäre.²⁸

Eine andere Sichtweise, nämlich die eines in dänischen Diensten stehenden Soldaten, stellt sich in den knapp hundert Jahre später erstmals veröffentlichten Aufzeichnungen von Hans Peter Feddersen („Das merkwürdigste Jahr meines Lebens") dar.²⁹ Deutlich als Rechtfertigung seines eigenen Handelns, aber auch das seines Königs muß dagegen das vom dänischen Major Graf Dannskiold Löwendal autobiographisch abgefaßte Buch mit dem Titel „Der Feldzug an der Niederelbe in den Jahren 1813 und 1814 angesehen werden.³⁰ Im Gegensatz dazu bemühte sich Johann Georg Rist, ein holsteinischer Diplomat in dänischen Diensten, in seinen „Lebenserinnerungen stärker um eine neutrale Sichtweise. Als Mitglied der Kommission zur Wiederbesitznahme der Herzogtümer besaß er zudem Informationen aus erster Hand und konnte daher die Gesamtsituation gut einschätzen.³¹

Problematisch wird jedoch grundsätzlich die Nutzung dieser Quellen, wenn der jeweilige Autor eigenes Erleben und Hörensagen vermischt. Dies führt gelegentlich zu Unrichtigkeiten, die durch kritische Gegenrecherche oder Plausibilitätsprüfungen, soweit dies möglich ist, herausgefiltert werden müssen. Dennoch geben auch diese Werke anschaulich wieder, wie die Autoren den relevanten, für sie so bewegenden Zeitraum erlebten, und kommen vom Ansatz her am ehesten einer „Geschichte von unten" entgegen.³²

Auch die „andere Seite in diesem Konflikt, also die Sichtweise der für die Schleswig-Holsteiner feindlichen Soldaten, ist anhand einer Vielzahl von Quellen gut nachzuvollziehen. Zahlreiche Texte, die von Angehörigen oder Begleitern der Nordarmee niedergeschrieben wurden, stützen sich vorwiegend auf eigene Erlebnisse. Philipp Boyes „Feldzug der Hanseaten in den Jahren 1813 und 14, Agnes und Wilhelm Perthes’ Erinnerungen im Buch mit dem irreführenden Titel „Aus der Franzosenzeit in Hamburg sowie Selunskis übersetzte „Aufzeichnungen von unserem Feldzug sind interessante Beispiele für diese Quellenform.³³

Darüber hinaus gibt es eine Reihe von militärhistorischen Werken von Kriegsteilnehmern, die insofern teilweise lediglich als Sekundärquellen gewertet werden dürfen, als die Verfasser ihre Erkenntnisse teils aus eigenem Erleben, teils aber aufgrund von Hörensagen gewonnen haben. Zu dieser Kategorie von einseitigen und oft rechtfertigenden Texten zählt die „Geschichte der Kriege an der Niederelbe im Jahre 1813, verfaßt von Christian Ludwig Enoch Zander. Der Autor gehörte als Oberjäger dem preußischen Freikorps v. Lützow an und nahm an den Kampfhandlungen in Holstein teil. Sein Bericht fällt dementsprechend freikorps-freundlich aus. In die gleiche Kategorie gehört auch Varnhagen von Enses „Geschichte der Kriegszüge des Generals Tettenborn während der Jahre 1813 und 1814, ein Buch, das bezeichnenderweise dem Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. gewidmet ist.³⁴

Die militärhistorischen Darstellungen, die den Feldzug der Nordarmee in Holstein und Schleswig erwähnen und überwiegend älteren Datums sind, halten sich nicht lange beim einfachen Soldaten und schon gar nicht bei der Bevölkerung auf. Gefechte, Nachschubfragen, Truppenbewegungen und die Befehle der Generäle und Stabsoffiziere bestimmen das Bild, das sich hierbei vom Kosakenwinter ergibt. Zwei Beispiele für diese Kategorie sind die militärgeschichtlichen Bücher von Friedrich Carl Rode, „Kriegsgeschichte Schleswig-Holsteins (1935) und „Kriegsgeschichte der Festung Glückstadt (1940). Die Bände, die mit einer Füllevon Detailinformationen aufwarten, sind außerdem geprägt von einem preußischen, geradezu säbelrasselnden Militarismus, wobei sich zudem russenfeindliche Tendenzen offenbaren.³⁵

Die Bewegungen der Nordarmee, ihre Zusammensetzung und Taktik sind bereits im vergangenen Jahrhundert aus militärischer Sicht analysiert und detailliert niedergeschrieben worden. An erster Stelle ist dort das dreibändige Werk des Offiziers Barthold von Quistorp zu nennen, der die Geschichte der Nordarmee im Auftrag des preußischen Generalstabes verfaßte und 1894 veröffentlichte, sich aber bei der politisch-militärischen Bewertung der Geschehnisse einseitig gegen Bernadette ausspricht. Zahlreiche Informationen im Hinblick auf den Aufenthalt einzelner Truppen in der Region sind jedoch gut verwertbar, ebenso die im Anhang abgedruckten Auflistungen der Truppenteile.³⁶ Aus Sicht des dänischen Militärs ist der Feldzug im vom Generalstab herausgegebenen Werk „Meddelelser fra Krigsarkiverne" wiedergegeben, das neben dänischsprachigen Analysen auch zahlreiche deutschsprachige Berichte von Zeitgenossen enthält. Allerdings: Auch diese Bände stammen aus dem 19. Jahrhundert. ³⁷

Zum Thema Kosakenwinter aus Sicht der Bevölkerung Schleswig-Holsteins gibt es bis heute keine Monographie. Lediglich für das Kirchspiel Katharinenheerd liegt ein 1931 erschienenes volkstümliches Bändchen von Otto Hintze vor, das das Thema allerdings auf ein kleines Territorium beschränkt und zudem nicht als beispielhaft für die Herzogtümer gelten kann.³⁸ In Gesamtdarstellungen wie in der zehnbändigen „Geschichte Schleswig-Holsteins"³⁹ oder, um ein weiteres Beispiel zu nennen, in Otto Brandts Standardwerk mit dem gleichen Titel⁴⁰ werden der Kosakenwinter erwähnt und die Auswirkungen des Krieges auf die Bevölkerung zumindest angerissen. Darüber hinaus taucht der Begriff in einer Reihe von lokalhistorischen oder heimatkundlichen Aufsätzen auf, wobei sich die Autoren in den meisten Fällen auf einen Distrikt, eine Stadt oder einen relativ kleinen Personenkreis beschränken.⁴¹

Auch in einigen Dorf- und Stadtchroniken wird dem Kosakenwinter eine gewisse Bedeutung zugemessen. Allerdings gehen die Autoren wie in den erwähnten Aufsätzen lediglich auf lokal begrenzte Aspekte des Zeitraums ein. Zudem gibt es große Unterschiede in der Qualität der Chroniken, die nicht an ein Expertenpublikum gerichtet sind, sondern ein Stück Heimatgeschichte für die Bewohner eben dieser Heimat wiedergeben. Die Arbeit der Heimatforscher soll jedoch nicht geschmälert werden. Viele Archive wurden von ihnen durchforstet, die Ergebnisse zu Papier gebracht, ohne daß diese strengen wissenschaftlichen Kriterien standhalten müßten. Es gibt jedoch auch wissenschaftlich einwandfreie Arbeiten, wie etwa die von Irmisch über Itzehoe oder Hoop über Rendsburg, in denen die regionalen Besonderheiten auch für den relevanten Zeitraum sauber herausgearbeitet wurden.⁴²

Viele weitere Werke, die sich in zumeist knapper Form mit dem Kosakenwinter auseinandersetzen, sind mit wenigen Ausnahmen bereits älteren Datums und müssen daher selbst bereits als Zeugnisse ihrer Zeit angesehen werden. Einige Gesamtdarstellungen, Monographien und Aufsätze zeichnen sich zum Beispiel durch eine mehr oder minder deutliche Russenfeindlichkeit aus.⁴³ Im Falle von Koopmanns 1939 erschienenem Buch „Deutsch und Dänisch um die Wende des 18. Jahrhunderts" ist sogar eine deutlich nationalsozialistisch geprägte, antisemitische Geschichtsschreibung zu erkennen.⁴⁴

In Einzelfällen, vor allem wenn es um den Kosakenwinter geht, stellen Bücher dieser Couleur insofern den „jüngsten" Stand der Forschung dar, als später zum Thema kaum noch etwas erschienen ist. Angesichts der ideologisch entgleisten und in den Dienst der jeweiligen Machthaber gestellten Meinungsdarstellungen in diesen Werken erscheint eine Neubewertung der Ereignisse unabdingbar.

4. Der Weg in den Kosakenwinter – Vorgehensweise

Da die Entwicklung, die schließlich im Feldzug 1813/14 mündete, ihren Anfangspunkt zu Beginn des 19. Jahrhunderts in der dänischen Außenpolitik hatte, liegt es nahe, sich dem Kosakenwinter „von oben," also orientiert an makrohistorischen Zusammenhängen, zu nähern. Ohne diese Voraussetzungen, die den Einmarsch der Armee unter Karl Johann zur Folge hatten, ließen sich kaum die Umstände des Feldzuges und der Besatzungszeit erklären.

Zunächst soll daher geklärt werden, welche Faktoren den dänischen Gesamtstaat auf die Seite Napoleons trieben, während der gebürtige Franzose Bernadotte als ehrgeiziger schwedischer Kronprinz zu den Alliierten hielt und sich zudem den Erwerb Norwegens als Lohn für seine Bündnistreue erhoffte. Über diese außenpolitischen Aspekte hinaus wird im gleichen Kapitel der wirtschaftliche Niedergang in den Herzogtümern Schleswig und Holstein kurz untersucht, um aufzuzeigen, daß die Soldaten beim Einmarsch keineswegs ökonomisch intakte Provinzen vorfanden, sondern eine Region mit einer durch die vorhergehenden Ereignisse angeschlagenen Wirtschaft. Darüber hinaus müssen die ersten kriegerischen Auseinandersetzungen mit dänischschleswig-holsteinischer Beteiligung erläutert werden, da sich in den ersten Kämpfen Animositäten entwickelten, die während des Kosakenwinters und auch später nicht ohne Folgen bleiben sollten.

Wenngleich sich die oben erwähnten militärhistorischen Werke bereits ausführlich dem Feldzug sowie der anschließenden Belagerung Hamburgs von holsteinischem Boden aus gewidmet haben, ist es doch notwendig, die kriegerischen Ereignisse aus einem kritisch-distanzierteren Blickwinkel zusammenzufassen. Zudem gehören die Berichte über diesen Nebenkriegsschauplatz keineswegs zu den besonders leicht zugänglichen Informationen. Die Beschreibung der militärischen Vorstöße hat jedoch nicht nur die Funktion, die Geschehnisse in ihrer zeitlichen Abfolge und in ihrer Kausalität darzustellen, vielmehr wird außerdem deutlich gemacht, welche Truppen sich zu einem bestimmten Zeitpunkt in einem Distrikt aufhielten und in welcher Stimmung sie aufgrund möglicher vorangegangener Strapazen waren - Fakten, die für die jeweils betroffene Bevölkerung eine herausragende Bedeutung hatten. Bestandteil des Kriegskapitels ist eine Beschreibung der Armee des Kronprinzen, wobei als Schwerpunkte die sogenannten „irregulären" Einheiten - Freikorps, Hanseaten, Russisch-Deutsche Legion und Kosaken - gewählt wurden, da sich das Augenmerk der Schleswig-Holsteiner besonders auf diese Truppen richtete.

Die Beschreibung und Bewertung der Macht- und Verwaltungsstrukturen, die sich kurzfristig während der Besatzungszeit herausbildeten, und die außerordentliche Verwaltung in der Übergangszeit nach dem Kieler Frieden führen schließlich von den stärker gesamtgeschichtlich geprägten Abschnitten aus militärhistorischer Sicht zu den Bereichen, in der die Betroffenheit der Bevölkerung stärker zum Ausdruck kommt. Dabei werden unter anderem die Auswirkungen von Befehlen der Armeespitze und Verfügungen der vom Militär eingesetzten Verwaltungen, im Sinne Eleys durchaus auch „Medien möglichen Widerspruchs"⁴⁵, anhand konkreter Beispiele beschrieben.

Trotz aller Versuche der eingesetzten Verwaltungen, die Unterbringung und Versorgung der feindlichen Armee zu regeln, waren es besonders Einquartierungen und Requisitionen, die den Bewohnern der Herzogtümer das Leben schwer machten. Welche Formen der Einquartierung es gab, welche Gebiete besonders betroffen waren und wie sich Einquartierungen im weiteren Verlauf des Jahres 1814 darstellten, sind zentrale Fragen im Zusammenhang mit der konkreten Lage der Schleswig-Holsteiner, die ausführlich in einem eigenen Kapitel beantwortet werden sollen.

Von gleicher Bedeutung sind die Requisitionen, die die Truppen zuweilen mit Waffengewalt durchsetzten, um sich - auch ohne Nachschublinien - aus dem besetzten Land heraus mit Nahrungsmitteln, Uniformen und Transportmitteln, aber auch mit Geld zu versorgen. Je nach militärischer Zugehörigkeit und Region wurden die Formen der Requisition unterschiedlich gehandhabt, die Grenzen zwischen militärisch notwendiger Versorgung und einfachem Raub verwischten sich. Wie sich in diesem Abschnitt zeigen wird, war es diese Art der „Selbstbedienung", die den Landesbewohnern die größten Verluste bescheren sollte und somit besonders stark in ihr Leben eingriff.

Die Bedrohungen von Leib und Leben bildeten schließlich die unrühmlichen Höhepunkte bei der Besetzung des Landes. Selbst wenn es zu keinen kriegerischen Auseinandersetzungen kam, waren Gewalttätigkeiten und Raub allgegenwärtig; beides wurde von der Bevölkerung und zuweilen auch von den Offizieren der Besatzungsmacht als Verstoß gegen geltendes, allerdings nicht klar definiertes Recht verstanden.

Im Zusammenhang mit den Übergriffen soll eine Analyse die Gründe für das Verhalten der Soldaten aufzeigen, die als eine Voraussetzung für eine Betrachtung des Verhältnisses zwischen Bewohnern und Besatzern dient. Dabei werden nicht nur die Bewertungen der einzelnen Truppen aus Sicht der Schleswig-Holsteiner und ihre Ansichten über vermeintlich unverständliche oder verfehlte Handlungen der Soldaten erörtert, auch das Verhalten der Landesbewohner selbst bedarf einer kritischen Betrachtung, wobei Fragen des Widerstandes oder der Kollaboration im Mittelpunkt stehen.

Bei der Betrachtung der Folgen des Krieges spiegelt sich das System der gesamten Untersuchung noch einmal im kleinen wider. Einer Beschreibung der außenpolitischen und wirtschaftlichen Folgen im makrohistorischen Bereich schließen sich Betrachtungen über unzureichende Regulierungsversuche durch den Staat und deren konkrete Auswirkungen auf die vom wirtschaftlichen Ruin bedrohten Schleswig-Holsteiner sowie ein Blick auf die soziale Not, politische Verbitterung und - wenn es zum Beispiel um Verbrechen ging - sehr persönlichen Folgen des Kosakenwinters an.

Zum Abschluß dieser Arbeit sollen die eingangs aufgestellten Thesen überprüft und die Ergebnisse der Studien zusammengefaßt werden.

II. Schleswig-Holstein am Vorabend des Einmarsches der Nordarmee

1. Dänische Außenpolitik und europäische Bündnispolitik

1.1. Der dänische Gesamtstaat im Krieg

Als die Herzogtümer Schleswig und Holstein 1813/14 zum Schauplatz eines kurzen Krieges und einer langen - oder zumindest als lang empfundenen - Besatzungszeit wurden, lagen diese Ereignisse keineswegs am Anfang, sondern vielmehr am Ende einer langen Kette von außenpolitischen Verwicklungen, die zum einen durch das Machtstreben der großen Kontrahenten der napoleonischen Ära verursacht, zum anderen durch die dänische Außenpolitik in eine unglückliche Richtung gelenkt worden war. Der Ursprung der für Schleswig-Holstein so verhängnisvollen Entwicklung lag mehr als ein Jahrzehnt zurück, als sich der französisch-englische Konflikt zu manifestieren begann und Dänemark aufgrund seiner Lage und seiner großen Flotte von beiden Parteien gleichermaßen umworben wie gefürchtet wurde.

Die Außenpolitik Kopenhagens war zu Beginn des 19. Jahrhunderts von dem Bemühen gekennzeichnet, die Neutralität, die dem Gesamtstaat jahrzehntelang Frieden und Wohlstand gesichert hatte, zu wahren und kriegerische Auseinandersetzungen zu vermeiden. Doch beides sollte dem regierenden Kronprinzen Friedrich und seinem Außenminister Graf Christian Bernstorff nicht gelingen.¹

Als Schachzug mit fatalen Folgen erwies sich zunächst das Neutralitätsbündnis mit Schweden, Preußen und Rußland, das am 16. Dezember 1800 geschlossen wurde. Die Regierung hegte die Hoffnung, der Pakt würde die dänischen Schiffe vor Übergriffen durch die Engländer schützen; denn in den Monaten zuvor hatte die britische Marine in den europäischen Gewässern alle Schiffe auf Konterbande hin kontrolliert, um zu verhindern, daß das verfeindete

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