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Aufwärts ist längst nicht oben: Rückblick auf eine bewegte Zeit in den Bergen

Aufwärts ist längst nicht oben: Rückblick auf eine bewegte Zeit in den Bergen

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Aufwärts ist längst nicht oben: Rückblick auf eine bewegte Zeit in den Bergen

Länge:
527 Seiten
8 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Jun 12, 2014
ISBN:
9783735745835
Format:
Buch

Beschreibung

Aufgewachsen in einem engen Tal im Mittleren Schwarzwald, wurde der Autor von den Bergen geprägt.
Zahlreiche Bergtouren führten aber erst im reiferen Alter auf mittlere und hohe Berge, und immer war es dann ein erhabenes Gefühl, weit oben über allem zu stehen, dabei Geschäft, Alltag, Sorgen und Stress im Tal zu lassen. Wichtigste Erfahrung wurde: Man kann noch sehr lange, wenn man schon lange nicht mehr kann.
Nicht alle Ziele wurden erreicht, manchmal zwangen Umstände, das Vorhaben abzubrechen. Trotzdem war jede Unternehmung mit Freunden und Kameraden ein Erlebnis, in einer grandiosen Bergwelt unterwegs sein zu dürfen und dabei die Sinne zu norden oder zu entschleunigen, wie es heute heißt.
Unterwegs in den Bergen ist der Körper in jedem Augenblick mit allen Sinnen gefordert, sind ständig neue Eindrücke zu verarbeiten. Das macht den Kopf frei und man lernt, den Inneren Schweinehund zu besiegen.
Als Gegenpol in einer technisierten Welt und sterilen Umgebung, bieten die Berge Ausgleich und Ruhezonen für Geist und Auge. Erfreulich ist, dass wieder mehr junge Menschen das erkennen und die Natur für sich entdecken.
Dabei gilt es zu bedenken: In den Bergen ist es wie im Leben, es geht nie einfach nur von A nach B, sondern oft steil bergauf und steil bergab. Schön ist dabei, wenn man auf den Wegen die richtigen Begleiter an der Seite haben darf.
Herausgeber:
Freigegeben:
Jun 12, 2014
ISBN:
9783735745835
Format:
Buch

Über den Autor

Der Autor Jahrgang 1944, ist Kaufmann mit abgeschlossenem betriebswirtschaftlichem Studium. Bis zum Ruhestand war er als Handelsvertreter aktiv. Um dem Tag Sinn und Struktur zu geben, begann er Bücher zur eigenen Biografie oder Fiktionen zu unterschiedlichen Themen - teils mit realem Hintergrund - zu schreiben. Es ist ein Zeitvertreib und spannend, wie sich von einer Idee, der Bogen zwischen fiktiver Geschichte hin zur schlüssigen Story entwickelt. Wichtig ist es dem Autor, dem Leser ohne große Schnörkel und literatursprachlichen Raffinessen, spannende Unterhaltung zu bieten, oft gestützt mit seiner subjektiven Meinung. Er will durch seine Erzählungen zudem Hintergrundwissen vermitteln, Hinweise auf landschaftliche oder historische und geschichtliche Besonderheiten geben und mit informativ bildhafter Darstellung an reale Plätze führen, wo sich die dargestellte Handlung abgespielt hat. Wenn es den Leser anregt sich selbst vom Handlungsort, den Schauplätzen, ein Bild zu machen, ist das Ziel erreicht.


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Buchvorschau

Aufwärts ist längst nicht oben - Walter W. Braun

Vorwort

„Je höher der Wanderer steigt, umso mehr weitet sich der Blick, bis zum Gipfel der ganze Rundblick frei wird"

Zitat von Edith Stein

„Der Weg ist das Ziel, sagte schon Konfuzius. Immer ist es ein beglückendes Gefühl, nach anstrengendem mühsamem Aufstieg den Gipfel erreicht zu haben, auf dem höchsten Punkt eines Berges zu stehen. Es ist Lohn der Mühe, der Selbstüberwindung, tiefste Freude es geschafft zu haben, wenn die Kondition stimmte, das Wetter mitspielte und sich nun dem Auge eine traumhafte Kulisse, eine uneingeschränkte Rundum- und Weitsicht eröffnet. Welches erhabene Gefühl ist es, hoch oben über allem zu stehen, was niedrig unten im Tal in den Niederungen zurück blieb. Dann ist es ein Triumph über das eigene Ich, „den inneren Schweinehund besiegt zu haben.

Körperliche Aktivitäten in den Bergen, abwechslungsreiche Wanderungen, sind Erholung pur. Körper und Geist werden in jedem Augenblick und mit allen Sinnen gefordert, nicht nur während der mit dem Aufstieg oder dem Abstieg verbundenen Mühe, sondern auch mit der Verarbeitung vielfältigster Eindrücke, die dabei auf den Wanderer in jeder Sekunde einströmen und die es zu verinnerlichen gilt. Da lassen sich Alltag und Sorgen, einfach alles was zurück ist und – im wahrsten Sinne des Wortes – tief unten liegt, vergessen. Man steht gewissermaßen – und das nicht nur physisch, sondern auch psychisch – über den Dingen und darf sie aus einem völlig anderen Blickwinkel betrachten.

Walter W. Braun

Bühl, im Jahre 2013

Inhaltsverzeichnis/Kapitel

Kindheit im Schwarzwald

Lehrzeit

Bei der Marine

Begegnung mit den Bergen

Bayern

Auf dem höchsten Berg Spaniens

In den Schweizer Bergen

Mangelnde Kondition

Härtetraining im Schwarzwald

Erster Urlaub in den Bergen

Der erste Zweitausender

Sportliche Aktivitäten

Erneut auf dem Teide (Teneriffa)

Wieder im Montafon

Der erste Dreitausender - die Dreiländerspitze

Und immer wieder Wanderungen

Erste Begegnung mit dem Matterhorn

Breithorn, der erste Viertausender

Anlauf zum Mönch

Schicksalhafte Begegnung mit Hans

Fit im Mittelalter

Große Gran-Paradiso-Tour

Schwebend zum Nebelhorn

Durst auf dem Hindelanger Klettersteig

Abenteuer König Ortler, 3905 m

Regentour am Watzmann

Hohe Tauern mit Großvenediger

Großglockner mit Biwak auf dem Eis

Zweiter Versuch am Watzmann

Bergamasker Alpen (Italien) mit Handicap

Watzmann zum Dritten

Achtzehn Mutige im Mindelheimer Klettersteig

Erste Stubai-Tour

Neuer Versuch am Matterhorn

Spritztour zur Zugspitze

Erfolgreich am Mönch

Frust am Matterhorn

Neue Ziele mit Hans

Hindelanger Klettersteig zum Zweiten

Zweite große Stubai-Tour

Zuckerhütl und andere Dreitausender

Mit Familie in Zermatt

Urlaub im Zillertal

Ski-Langlauf im Schwarzwald

Säntis (Schweiz) zum Ersten

Hans hört auf

Kreuzspitze, 3155 m und Lassörling, 3098 m

DAV-Konditionstouren

Zweiter Urlaub im Zillertal

Klettersteige am Arlberg

Noch einmal zur Zimba

Mit Familie im Zillertal

Kletterspaß in den Dolomiten

Der Schwarzwald bietet auch viel

Gleitschirm-Tandemflug bei Garmisch

Dritter Besuch der Zugspitze

Mit Rainer in Saas Grund

Der Gemmisteig hoch über Leukerbad

Zweite Kletterei in den Dolomiten

Schnee im Sommer auf dem Venediger Höhenweg

Luftige Klettersteige in der Schweiz

Dolomiten zum Dritten

Erneut im Zillertal

Erlebnistour am Arlberg

Erfolg im Gemmisteig

Mit dem Glacier-Express ins Wallis (Schweiz)

Im Tannheimer Tal

Noch einmal am Säntis

Wieder Klettern in Kandersteg und im Gemmisteig

Pläsier am Gardasee

Mit Rainer erneut im Montafon

Auf König Ludwig II. Spuren

Die Strada Alta (Italien)

Auf Sions Höhen im Wallis (Schweiz)

Gemmisteig zum Dritten

Das Wiiwegli im Markgräflerland

Tage am Silvretta-Stausee

Schlussgedanken

1

Kindheit im Schwarzwald

Das 2000-Seelen-Dorf Nordrach ist eine ländlich-schmucke Gemeinde im Mittleren Schwarzwald, idyllisch in einem Seitental der Kinzig und im Ortenaukreis zu finden. Von Offenburg erreicht man den Luftkurort über Biberach und Zell am Harmersbach, und aus dem Renchtal von Oppenau-Ibach über den Löcherberg und Schäfersfeld. Die Nordracher Bürger erwiesen sich schon immer als bodenständige, mit der Region tief verwurzelte Menschen. Im Mittelalter wurde der Nachbarort Zell eine freie Reichsstadt und Unterharmersbach zum freien Reichstal erhoben. Nur den Nordracher Rebellen blieb das versagt, weshalb es zum Bauernaufstand gegen das Kloster Gengenbach kam. Sie hatten allerdings mit ihrem Widerstand keinen Erfolg; den rebellischen Geist gaben sie trotzdem nie auf.

Das langgezogene, enge Tal steigt im Höhenprofil von 250 Meter in der Dorfmitte auf fast 900 Meter an. Höchster Punkt der Gemarkung ist der weithin sichtbare Mooskopf, mit einem im 19. Jahrhundert aus Sandstein erbauten Aussichtsturm. Von dort bietet sich ein fantastischer 360-Grad-Blick ins Rheintal, ins Kinzig- und Renchtal, über den Rhein hin zum oft im Dunst verschwindenden Vogesenkamm. Bei guter Sicht sind sogar die schneebedeckten Gipfel der Alpen zu sehen.

Die Region ist stark vom Wald geprägt, der an manchen Stellen bis in den Talgrund reicht. Bekannt und ausgezeichnet ist Nordrach vor allem dank der guten und weitgehend nebelfreien Schwarzwaldluft und ist deshalb auch ein anerkannter Luftkurort. Endlos weite Wanderwege führen hinein in die Seitentäler, auf und über die Höhen und in alle Richtungen. Sie sind gut beschildert und somit für Naturbegeisterte bestens geeignet. Über den Mooskopf verläuft der Kandel-Höhenweg, der über eine Gesamtlänge von 115 Kilometer geht, und vom Renchtalsteig tangiert wird. Für die Mountainbiker ist der Berg ebenfalls ein gutes Terrain und echte Herausforderung.

Nordrach-Kolonie war die Heimat meiner Großeltern väterlicherseits – und für mich wurde es das, als ich knapp ein Jahr alt war. Dieser Ortsteil ist rund 6 Kilometer vom Dorfmittelpunkt entfernt.

Nach meiner Geburt im Elsass, kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges, wurde ich im ersten Lebensjahr von Verwandten in Bürchau und der Holl im Kleinen Wiesental versorgt. Dies hatte ursächlich mit Flucht und Vertreibung meiner Mutter, Onkeln und Tanten sowie den Großeltern mütterlicherseits aus dem Elsass zu tun. Die kleinen Dörfer Bürchau und Holl – heute im Gemeindeverbund Kleines Wiesental – liegen im südlichen Schwarzwald, am Fuß des mit 1415 Meter das Tal dominierenden Belchens.

In der „Kolonie" existierte bis ins 18. Jahrhundert eine florierende Glasfabrik. Für die Glasherstellung brauchte man große Mengen Holz, Quarzsand und Pottasche. Holz und Quarzsand fand sich ausreichend vor Ort. Die Arbeit zog viele Menschen an, die eine Beschäftigung in der Glasbläserei oder als Waldarbeiter fanden. So blühend das Handwerk sich lange Zeit entwickelte, so schnell kam alles wieder zum Erliegen, nachdem der Wald abgeholzt und im Glasofen verfeuert war. Große Teile der Bevölkerung verarmten, und bald herrschte in der abgelegenen Siedlung bitterste Armut. Anfang des 19. Jahrhunderts mussten 159 Bürger das Land mehr oder weniger gezwungen verlassen. Sie bekamen ein Handgeld oder die Schiffspassage ab Le Havre, an der französischen Atlantikküste, nach Amerika wurde bezahlt. Man hat die Menschen kurzerhand abgeschoben, wie Gottfried Zurbrügg in seinem historischen Roman: „Westwärts, Wellenreiter" bewegend schildert. Die armen Teufel, diese Hungerleider, wollte man nur los sein, und nicht einmal die Hälfte überlebte. Schon während der Überfahrt auf See starben viele im Sturm oder verloren durch Krankheiten ihr Leben.

Später siedelte Dr. Walther mit seiner Frau Hoppe Adams in den vorhandenen Gebäuden ein Sanatorium für Lungenkranke an. Er hatte herausgefunden, dass die gute Luft und Nebelfreiheit im Tal heilungsfördernd bei Tuberkuloseerkrankung wirkt. Ab den 1960er-Jahren litten dann immer weniger Menschen an dieser Krankheit, und man konnte sie erfolgreich ambulant behandeln. Nun wurde das Haus in eine anerkannte Fachklinik für Gefäßkrankheiten umgewidmet.

Von Nordrach-Kolonie führen Wegverbindungen über den Berg ins benachbarte Renchtal, nach Oppenau oder Oberkirch, andere über den Löcherberg ins Harmersbachtal. Über die Kornebene und den Mooskopf gibt es Wege nach Gengenbach und Offenburg sowie ins Rheintal. Eines ist überall gleich, wohin man auch will und zu beinahe jedem Ziel, geht es immer zuerst aufwärts – und die Wege sind an vielen Stellen steil und beschwerlich.

Hier am gefühlten Ende der Welt lebten meine Großeltern väterlicherseits, und auch meine Eltern bewohnten nach dem Krieg das alte, gemietete Haus. Anfang der 50er-Jahre wollte der Besitzer einen Neubau mit integrierter Schuhmacherwerkstatt bauen lassen, da war das alte Haus im Weg, es sollte abgerissen werden. Die Eltern erhielten die Kündigung und mussten umziehen. Wie so oft im Leben hat alles seine zwei Seiten. Ein Unglück ist manchmal ein Glück, und so nützten die Eltern die Situation, sie zogen aus dem Hintertal, der sehr abgelegenen Kolonie, ins zentralere Dorf.

Oberhalb vom Dorf, am Schrofen, hatte der „Emil-Sepp" ein großes Anwesen. Dieser war ein bäuerliches Urgestein, Besitzer von Baumschulen und großflächigen Weihnachtsbaum-Kulturen. Er bewohnte mit seiner Familie ein stattliches Haus mit älterem Querbau, in direkter Anbindung zum Nachbargebäude, das dem Maurermeister Lehmann gehörte. Den alten Zwischenbau mit 3-Zimmer-Wohnung, Keller und Bühne – wie der Dachboden bezeichnet wird – konnten die Eltern 1950 mieten.

Die „alte Burg" war rückseitig an Felsen gebaut und der Kellerboden bestand aus gestampftem Lehm – naturbelassener Boden würde man heute sagen – und vom blanken Fels sickerte ständig Wasser. Das ersparte den Kühlschrank, und im feuchten Element fühlten sich die Ratten wohl.

Allzu viel Auswahl für Besseres bestand in jenen Tagen nicht. Die Gemeinde Nordrach war nach dem Kriege verpflichtet – so wie alle Städte und Dörfer – die vielen ins Land geströmten Flüchtlinge aus dem Osten, den Gebieten Schlesien und Ostpreußen aufzunehmen. Für uns Kinder, für meinen jüngeren Bruder und mich, war die Qualität der Wohnung eh Nebensächlichkeit. Dafür interessierte uns mehr die Umgebung, und die bot tatsächlich vielfältige Möglichkeiten für Abenteuer aller Art. Mangelnder Wohnkomfort war für uns überhaupt kein Thema. Wir hatten zum Schlafen nicht einmal jeder ein Bett für uns, das teilte ich mit meinem Bruder.

Rückseitig des Hauses ragten steile Felsen fast senkrecht aufwärts, und in diesem Refugium ließ sich nach Herzenslust klettern. Vielleicht wurden mir hier schon die ersten Grundlagen gelegt, für ein sicheres Gefühl an den Felsen, verbunden mit absoluter Schwindelfreiheit in jeder Lage und Höhe.

Möglich könnte auch sein, aus der Enge des Tales bedingt, dass ich ein Gen für die Berge und Natur in die Wiege gelegt bekommen habe. Oder ist dies dem Schwarzwälder allgemein gegeben, Eigenschaften, wie Bodenständigkeit, Zähigkeit und unbedingter Überlebenswille? Schließlich spielte sich das Leben in der Region Jahrhunderte zuvor – oder waren es tausend Jahre? – auf den Höhen ab. Die Hochflächen um die Kornebene, dem Schäfersfeld und die anderen Gemarkungen im Nordracher Höhengebiet waren einst besiedelt. Dort standen Höfe, weideten Tiere, gab es Siedlungen, und manche Überreste an vielen Plätzen zeugen heute noch davon.

In meinen Kindertagen war noch nicht die Zeit, wo Kinder einfach Kinder sein durften und spielend den Tag verbrachten. Den Eltern fehlte es immer am Geld, und um die schmale Haushaltskasse aufzubessern oder Geld für mich zu haben, musste ich es mir verdienen. Bei den Bauern gab es für uns Kinder immer etwas zu tun. Oft habe ich Pferde und Ochsen beim Pflügen geführt oder ich half Kartoffeln auflesen, im Sommer beim Heuen, oder habe mit Zeinen (Körbe) gespaltenes Holz auf den Dachboden getragen und dort gestapelt. Viele solcher einfachen Tätigkeiten fielen an, und hinterher gab es einige Pfennig Lohn.

Über viele Jahre war ich beim Nachbarn „Emil-Sepp" und half in seinen Pflanzungen und bei der Pflege von Weihnachtsbaum-Kulturen. Regelmäßig wurden junge Baumpflänzlinge auf den Feldern eingeschult. Die nach der Aussaat in Büscheln gewachsenen jungen Pflänzchen wurden dem alten Platz entnommen und nun einzeln, Stück für Stück, in etwa zehn Zentimeter tief ausgehobene Gräben exakt in Zeilen neu eingelegt. So konnten sie sich ein oder zwei Jahre entwickeln, wachsen und größer werden, bevor sie erneut entnommen und im Wald oder am vorgesehenen Standort den endgültigen Platz fanden.

Nach dem Umzug ins Dorf besuchte ich noch für knapp ein Jahr den Kindergarten, und mit sechs folgte die Volksschule. Den Tag der Einschulung nahm meine Mutter allerdings alleine wahr und hat die nicht sonderlich spektakuläre Zeremonie ohne mich erledigt. Ich war an diesem Tag beim Großbauer Muser im Dorf und half auf dem Feld Kartoffeln auflesen. Wegen einer Stunde Einschulung hat damals niemand einen Tag geopfert und auf ein paar Pfennig Verdienst verzichtet, und eine Schultüte gab es in unseren Kreisen nicht, ich wusste nicht einmal von solchen.

Die spartanische Zeit in den Kinderjahren prägte mich schon früh. Körperlich war ich zwar schmächtig, aber mit zunehmendem Alter zäh und ausdauernd, und vielen in der Schnelligkeit überlegen, was mir oft Vorteile verschaffte.

In den ersten Schuljahren wurde noch umfänglich gelernt, die Natur wurde mit einbezogen und in der Natur wurden wir oft unterrichtet. Wenn es das Wetter zuließ, wanderte Fräulein Christine Milz, die Klassenlehrerin, mit uns in die nähere Umgebung. Wir lernten draußen auf der Wiese oder im Wald, quasi im Schulzimmer der Natur. Mehr wie einmal wanderten wir zum Katzenstein auf die Höhe, einer markanten Felsengruppe weit oberhalb des Dorfes. Sie bildet den Höhenrücken zwischen Nordrach und dem benachbarten Schwaibacher Tal, nahe Gengenbach. Auf den Felsen stand damals schon eine Aussichtsbank, die uns Kindern als ideale Schulbank diente. Wer nicht Platz fand, ließ sich direkt auf dem Felsen nieder. Manchmal gingen wir alle zum Maileseck, das wie von einem Balkon einen guten Ausblick auf das Dorf und ins Tal bietet. Hier lagerten wir auf der Wiese am schrägen Hang und lauschten, was uns die Lehrerin über die Nordracher Geschichte erzählte.

Nicht weit davon entfernt im Wald ist der jüdische Friedhof, über dessen Hintergrund sie uns ebenfalls zu berichten wusste. Wir bedauerten die jungen Frauen, die an Tuberkulose erkrankt waren und im „Sanatorium Rothschild Behandlung fanden, doch leider gestorben sind. Zu Tränen rührend fanden wir die Geschichte vom Hermersbur und dem Drama um die unglückliche Magdalena, Tochter des Vogts vom Mühlstein, über die Heinrich Hansjakob bewegend in seinem Roman „Vogt auf Mühlstein schildert. Der Vater zwang seine Tochter den reichen Hermersbur zu heiraten, sie liebte aber den armen Schlucker Hans, Müller von der Rautschmühle, und am Ende starb sie an gebrochenem Herzen. Bei dieser Erzählung ging unser Blick zum Mühlstein hinüber, dem Übergang von Nordrach zu den Schottenhöfen und ins Harmersbachtal. Von unserem Platz konnten wir gut zur anderen Talseite blicken.

Vier Jahre wohnten wir am Schrofen, dann war der marode Bauzustand so schlecht, dass Wohnen unzumutbar wurde. Der Vater brach einmal auf dem Dachboden ein und stürzte durch die Decke hinunter und mitten in die Küche. Zum Glück ist nichts passiert, es ging ohne größere Blessuren ab. Das Dämmmaterial der Lehmriegel aus Stroh hat vermutlich den Sturz gedämpft.

Meine Familie fand eine bessere Wohnung mit 3 Zimmern und Küche auf der Bind und 1954 war Umzug. Fortan hatten wir drei Kinder zwar immer noch nur ein Zimmer, hatten aber zumindest ein eigenes Bett und ich auch noch einen Platz für ein Bücherregal. Das war mir wichtig, denn Lesen war eine meiner Leidenschaften, und mein Bücherbestand war umfangreich. Sogar welche, die ich mit den Zeugnissen signiert von der Lehrerin für gute Leistungen bekam, gehörten dazu.

Direkt am Haus auf der Bind begann ein steiler bewaldeter Hang. Der Weg führte bergauf zum Kohlberg, Pfaffenbacher Eck und zur Kornebene. Für uns Buben war das Gelände ein ideales Revier, in einer Zeit, wo es weder Computer, noch Nintendo, Handy oder MP3-Player gab. Die karge Freizeit verbrachten wir überwiegend draußen, unabhängig vom Wetter, immer aktiv und in Bewegung, wir kannten keine Langeweile, und nur wenn es gar nicht anders ging oder schon dunkelte, zogen wir uns ins Haus zurück. Dort las ich dann in einem meiner Bücher oder ich bastelte Schiffsmodelle aus bedruckten Kartonvorlagen. Dabei galt es vorgezeichnete Teile akkurat auszuschneiden, zu falzen und dann zu kleben. So ein amerikanisches Kriegsschiff mit vielen diffizilen Aufbauten maß einen stolzen Meter. Bis es fertig war, hatte ich Wochen daran basteln müssen. Zwischendurch gab es Phasen, wo ich gerne mit Bleistift und Pinsel zeichnete und vorwiegend Aquarelle und Portraits anfertigte.

Die Weitläufigkeit, verbunden mit den topographischen Gegebenheiten des Tales, war bestens geeignet, Ansätze und Grundlagen zur Begeisterung für die Berge zu entwickeln. Schon in jener Zeit gab es in Nordrach Bergsteiger, die 1960 eine rührige DAV-Untersektion der Sektion Offenburg gründeten. Nordracher Bürger bestiegen schon damals das Matterhorn, durchstiegen die Eiger-Nordwand und waren im Himalaya unterwegs.

Geradezu nebenbei trainierten wir uns eine gute Kondition an. Das Terrain brachte und bringt in allen Bereichen den Kreislauf gehörig in Schwung, und nicht nur wegen der guten Schwarzwaldluft rang die Lunge auf steilen Wegen keuchend nach mehr Sauerstoff. Unter solch natürlichen Gegebenheiten und bei diesem Umfeld brauchten wir Kinder weder ein Fitness-Studio noch ein teures Bodybuilding-Programm; die Natur genügte vollkommen.

Natürlich war ich in meiner Kinderzeit überwiegend zu Fuß unterwegs. Wir rannten oder liefen Kilometer bergauf und bergab oder querfeldein über Felder, Wiesen und durch Wälder. Später fuhr ich ein altes Fahrrad, das natürlich nicht mit heutigen Mountainbikes vergleichbar war, es hatte nicht einmal eine Gangschaltung, trotzdem waren steilste Waldwege und Straßen nie ein Hindernis. Notfalls musste das Fahrrad geschoben werden, und bergab lief es wieder von ganz alleine.

Vom achten Lebensjahr an verdiente ich mir das Geld, das ich für Kleidung oder Schulsachen und andere Dinge brauchte. Dazu verkaufte ich den Bäuerinnen auf abseits gelegenen Höfen, wie auch den Hausfrauen im Tal, feinduftende edle Seifen. Die ländliche Bevölkerung war froh, wenn sie Waren direkt ins Haus geliefert bekam. Das ersparte den weiten Weg in den Kolonialwarenladen, wie die kleinen Geschäfte damals hießen und die alles führten, was ein Haushalt brauchte.

In den 50er-Jahren trafen sich die Männer noch fast täglich oder öfters in der Woche am Stammtisch in einem der örtlichen Gasthäuser. Bei solchen Gelegenheiten trieb mein Vater diverse Kleinverdienste für mich auf. Einmal bekam ich zum Beispiel einen Posten neumodischer weißer Kunststoff-Tischdecken mit Damaststruktur, die ich vertreiben sollte. Solche kam in den Haushalten der Bauern gut an, denn sie waren abwaschbar. Für den Verkauf bekam ich eine Armbanduhr als Lohn. Hinterer war ich stolz wie „Bolle".

Der Vater war zeitweise bei der Gemeinde beschäftigt, und es stand ihm verbilligter „Schlagraum" zu. Er durfte im Gemeindewald angefallenes Restholz bergen und zu Brennholz verarbeiten. Überwiegend waren es dicke Äste und Zweige, die er in Meterstücke zerkleinerte. Je steiler und abseits das zugeteilte Los lag, desto billiger war es zu haben, und da es an Geld immer mangelte, war das billigste für den Vater gerade recht.

Das Brennholz wurde im Wald direkt vor Ort aufbereitet, und die Plätze lagen durchweg weit entfernt. Nicht selten hatten wir ein oder zwei Stunden Wegstrecke, bis wir vor Ort ankamen, und wir mussten auch noch einen Leiterwagen ziehen. Schon das war mühsam und beschwerlich. Nun ging es aber erst richtig zur Sache. Waren wir endlich vor Ort, war es meine und die meines Bruders Aufgabe, teils unterstützt von der Mutter, Äste und dürres Stammholz vom steilen Hang an den nächsten Weg runter zu schleifen. Dort, im flachen Bereich bearbeitete es der Vater und sägte es auf Meterlänge zu. Anschließend wurde das Holz zu Wellen gebündelt oder teils direkt auf den Wagen geladen. Eine Welle ist ein Bündel auf einen Meter zugerichteter Äste, die zu etwa dreißig Zentimeter im Durchmesser im sogenannten Wellenbock gepresst und mit Draht oder einer Wiede – einer gewundenen Haselnuss- oder Weiderute – zusammengebunden wurden.

In den Leiterwagen legten wir eine Unterschicht aus meterlangen, dünnen Holzstangen und darauf Bündel für Bündel der Wellen. Dabei wurde der Wagen so hoch wie möglich beladen, damit mit einer Fuhre die komplette Tagesausbeute abtransportiert werden konnte. Den schwer beladenen Wagen galt es hinterher sicher auf den Waldwegen talwärts zu bringen. Die steilen Wege erwiesen sich häufig als uneben, hatten vom Regen oft tief ausgewaschenen Furchen. Die Kunst bestand darin, den schwer beladenen Wagen unter solchen Verhältnissen unter Kontrolle zu halten. Die untere Schicht längerer Holzstangen, die zwei oder drei Meter überragten, diente zum Bremsen. Sie schleiften auf dem Boden, und wurde es zu steil, setzten sich die Mutter und wir Buben auch noch drauf. Durch das Gewicht und dank der Hebelwirkung bremste es soweit ab, damit das Gefährt nicht zu schnell wurde und noch lenkbar blieb. Trotzdem ging uns der Wagen einmal durch und kippte seitlich weg, den Hang in den Wald hinunter. Zum Glück kam der Vater noch frei und wurde nicht überrollt oder unter der schweren Last begraben. Ärgerlich war das Malheur trotzdem, denn wir mussten die Ladung mühsam aus dem Wald bergen und den Handwagen neu beladen. Der Vater fluchte wie ein Bürstenbinder, und war er wütend, konnte er lästerlich fluchen.

In den Wintermonaten war es die tägliche Aufgabe von uns Buben, nach der Schule erst ein oder zwei Stunden das Holz zu sägen und zu spalten, damit genügend Vorrat für Herd und Kachelofen bereit lagen. Wer hatte da wohl den Sinnspruch geprägt? „Holz heizt dreimal, das erste Mal im Wald, das zweite Mal beim Sägen und Spalten und das dritte Mal im Ofen oder Herd."

Noch ein Zuverdienst gewann ich mit der Zeit dazu. Ich stellte wöchentlich den Abonnenten bestellte Zeitschriften des Speyerer Klambt-Verlages zu. Sogar die Bauern liebten die Klatschblätter wie „Heim und Welt". Manchmal gewann ich einen neuen Abonnenten hinzu, das brachte mir zusätzlich zehn Mark ein. Häufig bekam ich auch einige Pfennige Trinkgeld. Ich konnte damit gelegentlich extra Süßigkeiten kaufen, vor allem die geliebten Karamellen, die es für zwei Pfennige pro Stück im Kaufladen gab. Jedes dieser edlen Bonbons war einzeln in Papier verpackt und lag nicht bloß lose im Glas, wie ordinäre Gutsele mit Himbeergeschmack oder was sonst der Kaufladen im Dorf feilbot.

Lästig waren nur die überall auf den Höfen herumlaufenden Hunde, die auf dem Gelände der teils weit abseits liegenden Häuser und Bauernhöfen anzutreffen waren. Sie waren zwar meistens an der Kette angebunden, hatten oft aber einen sehr großen Radius, und gelegentlich lief so eine Bestie sogar frei herum. Nicht nur einmal wurde ich ins Bein oder in den Po gebissen. Zu allem Übel kam dann die besorgte Bäuerin und desinfizierte die Wunde mit Schnaps. Das bereitete Höllenqualen, schmerzte und war noch schlimmer wie der Hundebiss an sich. Wenn ich Glück hatte, bekam ich zehn Pfennig Schmerzensgeld, was mir allerdings ein geringer Trost war.

Bei allen diesen Tätigkeiten und Beschäftigungen legte ich wöchentlich immense Strecken und noch mehr Höhenmeter zurück. Die Bauernhöfe befanden sich überwiegend weit abseits und verstreut auf den Höhen der Flacken, dem Mühlstein, ich musste zum Kohlberg oder in den Stollengrund, wie solche bewohnten Gewanne heißen, und zu noch vielen mehr. Nordrach liegt auf einer Höhe von 300 Meter und der Mühlstein und die Flacken sind auf rund 550 Meter. Um mit dem Fahrrad hoch zu fahren, war es zu steil, da blieb mir nur zu laufen.

Wenn ich die Zeitschriften zustellte, bekam ich selten zusätzliches Geld – was mir natürlich lieber gewesen wäre – stattdessen schenkten man mir ein Stück Brot mit Marmelade oder Honig, manchmal einen Ring Wurst oder ein Stück Speck. Während der Erntezeit meinte es eine Bäuerin einmal besonders gut und übergab mir eine große Tüte frisch geernteter Zwetschgen. Die gefüllte Tüte dürfte nach meiner Erinnerung gut zwei oder drei Kilo gewogen haben, und nach Hause waren es vier Kilometer Fußweg. Unterwegs wurde mir die Tüte lästig, und kurzentschlossen warf ich sie mit Inhalt in den Wald; Zwetschgen hin oder her.

Dumm war nur, die Bauernfamilie lief gelegentlich auch den gleichen Weg, zum Beispiel wenn sie sonntags ins Dorf zur Kirche gingen. Bei solch einer Gelegenheit sah die Bäuerin die Tüte mit Zwetschgen im Wald liegen und konnte sich leicht einen Reim darauf machen, wie und durch wen sie dorthin gekommen sind. Beim nächsten Besuch wurde ich gehörig gescholten. „Wir werden dir nie mehr was geben, schimpfte die Bäuerin verärgert. Doch um Ausreden war ich nie verlegen und antwortete fix: „Die Tüte ist mir aufgerissen und die Zwetschgen sind zu Boden gefallen. Ohne Tüte konnte ich die Zwetschgen nicht tragen und eine Tasche hatte ich nicht dabei. Ob sie es mir geglaubt hat, ist mir nicht bekannt.

Unsere Mutter belieferte bestellende Kunden mit Käse, Mettwurst und Fisch in Dosen. Regelmäßig holte sie bei der Stammkundschaft Aufträge ein. Hatte uns später der Händler die Ware angeliefert, mussten wir Buben sie dem Kunden bringen und dafür kassieren. Eine Vertretung für den „Nudelpeter" kam noch hinzu. Der mittelständische Nudel-Hersteller produzierte unter diesem Namen irgendwo im Schwäbischen und war für beste Qualität bekannt. Man schätzte die Nudeln, und sie kamen bei den Kunden sehr gut an. Für die Abnehmer auf den entlegenen Höfen war es zudem bequemer, wenn sie die Ware direkt ins Haus geliefert bekamen, und Nudeln stellten im Speiseplan eine willkommene Ergänzung oder Abwechslung dar. Sonst kamen täglich nur Kartoffeln aus eigenem Anbau auf den Tisch.

Zum Festtagsessen gehörten unverzichtbar breite Nudeln, und ohne sie kamen weder Sauerbraten noch Rinderbraten auf den Tisch. Wie schon beim Käse und anderen Produkten, besorgte die Mutter die Bestellungen, und was Kunden bestellten, hat der Hersteller portioniert und jede Kommission uns in Tüten angeliefert. Mein Bruder und ich brachten sie dann zum Kunden.

Zur Sicherstellung einer sauberen Auslieferung stellte uns der „Nudelpeter" einen Fahrradanhänger mit verschließbarem Verdeck zur Verfügung. So konnten wir unabhängig vom Wetter liefern und die Ware geschützt transportieren. Doch dieses Gespann war relativ schwer, wir mussten es talaufwärts schieben. Erst auf dem Rückweg und talwärts war Fahren möglich. Der leere Anhänger war dann leichter, und weil die Straße abwärts führte, rollte es fast von alleine.

In unserem Keller lagerte stets ein reichlicher Vorrat an Gemüse und Obst aus dem eigenen Garten. Die Mutter verstand es trefflich, auf zwei gepachteten Äckern alle gängigen Gemüsearten und Früchte zu ziehen und später reichlich zu ernten. Natürlich ging das nicht ohne uns Kinder. Wir fuhren zentnerweise Mist mit dem Handwagen, trugen dutzende Eimer Jauche aufs Feld, und zwischendurch mussten wir wucherndes Unkraut jäten. Im Herbst wurden die abgeernteten Felder mit dem Spaten umgegraben, weil wir weder Pflug noch Ochsen oder Pferde zum Pflügen besaßen. Arbeit gab es immer übers Jahr, vom Frühjahr bis in den Winter, doch hinterher lagerten mindestens zehn Zentner Kartoffeln im Keller. Auf Pritschen sammelten sich Reihe um Reihe volle Gläser mit eingewecktem Obst, Gurken und Gemüse. Mehrere Zentner Äpfel und Birnen lagerten locker ausgebreitet auf einem Strohbett. Im Herbst hat der Vater Kraut gehobelt, im Fass eingestampft und zu Sauerkraut reifen lassen. Zwei volle Fässer Most aus Äpfeln und Birnen standen trinkbereit. Nach guter Sitte wurden damals in jedem Haus viel mehr Vorräte gelagert, wie es heute der Fall ist. Alles Mögliche wurde in Gläser eingeweckt, so wurden Weck-Einmachgläser zum Synonym. In den Haushalten hat man im Herbst ein Schwein geschlachtet, Fleisch eingepökelt, Speck und Würste in der Vorratskammer luftgetrocknet. Vorräte gehörten einfach in jedem Haushalt unverzichtbar dazu. Eine Tiefkühltruhe war nicht gängig, zumindest nicht im Dorf, wir selbst hatten nicht einmal einen Kühlschrank. Erst später bildeten sich Genossenschaften in den Dörfern, so auch in Nordrach, die ihren Mitgliedern Kühlfächer in speziellen Anlagen boten. Meine Eltern mieteten auch so ein Fach, wo sie nun Fleisch- und Wurstvorräte länger haltbar einlagern und aufbewahren durften.

Die Wälder und Flächen rund um Nordrach boten reichliche Möglichkeiten. Während der Saison sammelten wir wochenlang Heidelbeeren, oder treffender, wir raffelten sie mit speziellem Kamm oder Striegel. Mir der „Raffel" war das viel effektiver, wie einfach nur Beere um Beere mit der Hand vom Strauch zu pflücken. Überhaupt arbeitete die Mutter gerne mit System. Heidelbeeren reiften zuerst in tieferen Lagen oberhalb des Tales, und je nach Reife der Beeren arbeiteten wir uns nach und nach höher. Zwei oder drei Wochen später waren wir auf den Höhen rund um den Mooskopf. Dort, auf knapp unter 900 Meter, reiften die Beeren später. Nachteilig war, um dorthin zu kommen, hatten wir mindestens zwei Stunden Fußmarsch und gleichweit natürlich zurück

Da kam es vor, die Mutter holte uns in den Sommermonaten und in den Ferien schon um 2 oder 3 Uhr aus dem Bett, damit wir früh vor Ort ankamen, und – das war wichtig – die besten Plätze auswählen konnten. Wen wundert es, dass wir die anfangs halb im Schlaf hinter oder neben ihr her trabten. Unermüdlich zog sie mit uns auf die waldfreien Höhen, egal welches Wetter gerade herrschte. In Erinnerung blieben mir heftigste Gewitter, die uns manchmal auf der Kornebene und rund um den Moosturm überraschten. Von allen Seiten drängten dunkle bedrohliche Gewitterwolken heran, blieben am Berg hängen und es donnerte so urgewaltig, so kurz hintereinander, dass wir fürchteten, jetzt geht die Welt unter. Solche Naturgewalten waren für uns Kinder beängstigend und verfolgten mich manchmal noch in den Träumen. Und noch etwas machte Angst. In der Bevölkerung wurden gerne Schauermärchen erzählt, von Menschen, die auf dem Feld vom Blitz getroffen wurden oder von Kugelblitzen, die durch Räume schwirrten. Überhaupt wurde in jenen Tagen noch sehr viel fantasiert und schauerlichste Geschichten gerne von Generation zu Generation weitererzählt. Da wurde über den „Moospfaff" geredet, von Hexen, Dämonen und Geistern, die Menschen unverhofft erschienen und sie in die Irre führten. Das blieb nicht ohne Wirkung auf unser kindliches Gemüt.

Zwischendurch erlebten wir Tage, wo es ununterbrochen regnete. Bevor wir mit der Arbeit in den Heidelbeeren überhaupt begannen, waren wir schon klitschnass, und entsprechend mies war unsere Lust und Laune. Von heller Begeisterung war bei uns Buben wirklich keine Spur. Dagegen war unsere Mutter unverdrossen, sie spornte uns an und ermunterte immerzu. Sogar wenn es regnete, sah sie schon irgendwo die Sonne hervorkommen. Der Gedanke abzubrechen oder gar heimzugehen, wäre ihr nie in den Sinn gekommen. „Lueg, z’Sun schient scho", war einer ihrer Lieblingssprüche, dabei waren wir nass wie die Katzen im Bach. Mit den klatschnassen Klamotten am Leib war es unsäglich unangenehm durch die von Nässe triefenden Heidelbeeren, durch Farn, Hecken und Büsche zu streifen. Moderne Synthetik- und Outdoor-Bekleidung, die in kürzester Zeit wieder trocknen wird, gab es nicht. Doch glücklicherweise, kann man sagen, hatten wir mehr schöne und trockene Tage, wo es leichter fiel und wir locker unser Tagespensum bewältigten.

Noch eine andere Sache machte uns Ängste, die Kreuzottern, eine giftige Schlangenart und noch weit verbreitet, gerade auf den Höhen der Heimatregion. Etwas, was sich versteckt, unsichtbar bewegt, schleicht oder kriecht, das war uns äußerst suspekt. Manchmal sah man eine oder mehrere Schlangen zusammengerollt und unbeweglich auf einem sonnenbeschienenen Steinhaufen ruhen. Fühlten sie sich gestört und flüchteten, stellte sich so eine Schlange mit dem Kopf im rechten Winkel gut 20 Zentimeter hoch auf und bewegte sich in Zickzacklinien blitzschnell vorwärts. Das weckte in uns Kinder die wildesten Fantasien; ja wir befürchteten im Ernst, eine Kreuzotter würde uns verfolgen, einholen und beißen. Da wären wir so weit oben auf dem Berg und fernab von jeglicher Hilfe verloren gewesen. Wie hätten wir wissen sollen, dass sich die Kreuzottern vor uns Menschen mehr fürchten, wie wir uns vor ihnen. Sie sind absolut scheu und suchen meist schnellstens das Weite, bevor wir sie normalerweise überhaupt zu Gesicht zu bekommen.

Wenn wir aber nach einem langen Tag spätnachmittags die vollen Heidelbeerkörbe beim Händler abgeliefert und das ausbezahlte Geld in der Tasche hatten, waren alle unsere Ängste und Anstrengungen des Tages schnell vergessen.

Rund um die Kornebene und den Flächen um den Mooskopf fanden sich großflächig Heidelbeersträucher. Die Gebiete waren über Jahrzehnte weitgehend von hohen Bäumen frei. Grund war der verlorene Zweite Weltkrieg. Die Franzosen holzten im Rahmen auferlegter Reparationsverpflichtungen den Wald komplett ab und ließen die Stämme ins Elsass oder übrige Frankreich transportieren. Hinterher fanden sich auf den Höhen kaum noch alte Baumbestände und schon gar nicht die legendären Schwarzwälder Tannen.

In wenigen Jahre hatten die Heidelbeeren die Flächen erobert und besiedelt. Sie fanden auf den sonnenbeschienenen Höhen ideale Bedingungen vor und gediehen bestens. Soweit das Auge sah, wechselten sich Heidelbeeren mit Himbeersträuchern und Brombeerhecken ab. Erst etwa 30 Jahre später war der natürliche oder gepflanzte Wald wieder hochgewachsen und die Heidelbeere wurde seither nach und nach wieder verdrängt. Dann kam der zweite Weihnachtstag des Jahres 1999 und mit ihm der Orkan „Lothar" mit seiner verheerenden Wirkung, in dessen Folge innerhalb Minuten die dichten Wälder auf den Höhen großflächig wie Streichhölzer umfielen. Der ewige Kreislauf der Natur begann von neuem, wieder gibt es seither viel Licht und Platz für niedrige Gewächse aller Art.

In den 60er-Jahren strömten die Beerensammler in Scharen aus dem Offenburger Raum, dem Hanauerland und Rheintal zu Fuß auf die Höhen. Heute würde vermutlich kaum noch jemand freiwillig drei und mehr Stunden Fußmarsch auf sich nehmen, nur um Beeren zu sammeln. Allenfalls fahren sie mit dem Auto an eine günstig erreichbare Stelle und sammeln dort. Die heutige Entwicklung ist aber durchaus erwünscht und wird eher positiv gesehen. In geschützten Gebieten dürfen Beeren gar nicht gesammelt werden oder nur noch zum Naschen und sofortigem Verzehr. Man will das vom Aussterben bedrohte Auerhuhn fördern, zu dessen Hauptspeise Blätter und Beeren der Heidelbeersträucher gehören.

Täglich sammelten wir durchschnittlich 60 bis 70 Pfund. Um diese Menge besser tragen zu können, hatten die Mutter und ich jeweils einen Rückentragekorb dabei. Zusätzlich füllten wir – wenn es gut ging – noch einen 10-Pfund-Henkelkorb, den wir zu zweit trugen. Erst wenn alle Gefäße einigermaßen voll waren, durften wir an den Heimweg denken, und da war 16 Uhr meist schon vorbei – und ich erinnere, um wieviel Uhr wir zu Hause weggegangen sind. Das wurden tatsächlich lange Tage, und wir waren längst noch nicht zu Hause. Mit flottem Schritt eilten wir bergab und das dauerte mindestens nochmals eine Stunde. Wer will solche Strapazen heute noch seinen Kindern zumuten? So martialisch es auch klingen mag, es war zum Glück auf wenige Wochen beschränkt, war irgendwann vorbei, und dann zählte nur noch der Verdienst und was ich vom Geld habe zurücklegen können.

Während der Saison kam der Händler aus Nordrach täglich mit dem Auto auf die Kornebene gefahren und kaufte vor Ort die angelieferten Heidelbeeren, was uns natürlich entgegen kam. Das ersparte es uns, die vollen, schweren Körbe nach Hause tragen zu müssen; wir konnten sie also auf der Höhe abliefern. Vom Moosturm zur Kornebene waren es auch so noch ungefähr drei Kilometer. Natürlich wurden uns die vollen Tragen und der Korb schwer, sehr schwer, und jedes Mal waren wir heilfroh, wenn unsere Ernte beim Händler war. Grund war nicht nur die Plagerei mit dem Gewicht, auf dem langen Weg konnte ungewollt so viel passieren. Da hätte nur einer von uns stolpern müssen, und mit so etwas musste auf steinigen, unebenen Wegen immer gerechnet werden. Alleine der Gedanke erwies sich als Alptraum.

Der Händler wog die angelieferte Ware und wir bekamen dafür sofort den aktuellen Tagespreis ausbezahlt. Bis zum Ende der mehrere Wochen andauernden Saison kam ich im Schnitt auf rund 300 Mark, was Mitte bis Ende der 50er-Jahre noch eine stolze Summe war. Neben Heidelbeeren sammelten wir in geringerem Umfang noch Himbeeren und Brombeeren, die die Mutter zur Herstellung von Marmeladen verwendete, und einen geringen Teil haben wir auch dem Händler verkauft.

Natürlich kannten wir in den Nordracher Wäldern gute Plätze, wo ergiebig Pfifferlinge und Steinpilze wuchsen. Was wir sammelten, haben wir teils verkauft, mehr aber im Eigenbedarf verbraucht.

Unmittelbar beim Haus begann der

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