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Lebenserinnerungen eines Bergingenieurs

Lebenserinnerungen eines Bergingenieurs

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Lebenserinnerungen eines Bergingenieurs

Länge:
384 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Jan 7, 2014
ISBN:
9783735798763
Format:
Buch

Beschreibung

Otto Fleischer (1901-1989) beschreibt sein Leben und seine Tätigkeit als Bergbauingenieur in vier unterschiedlichen politischen Systemen. Nach Praktikantenzeit und Abitur studierte er Bergbaukunde an der TU Berlin. Danach begann er im oberschlesischen Steinkohlenbergbau seine Karriere vom Steiger zum Bergwerksdirektor der damals größten Grubenanlage in Kattowitz. Nach 1945 wurde er Technischer Direktor in der Sächsischen Steinkohle und ab 1949 Professor für Bergbaukunde an der Bergakademie Freiberg. 1952 wurde er verhaftet und in einem politischen Schauprozess als „Agent und Saboteur“ zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach 8-jähriger Haft in einem Stasi-Geheimlager wurde er 1960 entlassen und war danach bis 1967 in der Bergbauforschung des Mansfeld Kombinates in Eisleben tätig.
Herausgeber:
Freigegeben:
Jan 7, 2014
ISBN:
9783735798763
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Lebenserinnerungen eines Bergingenieurs - Otto Fleischer

Inhalt

Vorwort

Zur Einführung

Kindheit und Jugend

Ich will Bergmann werden

Studienjahre in Berlin

Die Berufsjahre in Oberschlesien

Kriegsausbruch und die Jahre bis 1945

Kriegsende und Evakuierung

Die Jahre 1945 bis 1952

Die Haftjahre 1952-1960

Im Mansfelder Kupferschieferbergbau 1961-1967

Kritische Rückschau als 80-Jähriger

Epilog

Vorwort

Unser Vater, Professor Dr. Otto Fleischer (1901–1989), hat in den 70-er und 80-er Jahren zwei umfangreiche Schriften verfasst, zum einen die handgeschriebene 540 Seiten lange Familiengeschichte und zum anderen ein 385 Schreibmaschinenseiten umfassendes Manuskript unter dem Titel: »Lebenserinnerungen eines Bergingenieurs im Lichte der Zeit- und Wirtschaftsgeschichte des 20.Jahrhunderts«.

Letzteres schieb er – wie er uns sagte – für die Enkel, wobei er aber darunter nicht nur seine leiblichen Enkel verstand, sondern auch das Interesse allgemein bei den für ihn damals jüngeren Generationen wecken wollte.

Diesen Gedanken wollen wir jetzt verfolgen und realisieren, indem wir die Lebenserinnerungen in etwas gekürzter Form publizieren.

Wir haben lange gezögert, dies zu tun. Manches schien uns zu persönlich und nur die Familie angehend, manches war uns zu ausführlich und detailliert, um allgemeines Interesse zu erreichen.

Deswegen haben wir an einigen Stellen Kürzungen vorgenommen, auf die wir, wenn es sich um längere Abschnitte handelt, im Text hinweisen.

Sollte ein Leser an diesen Stellen an mehr Ausführlichkeit interessiert sein, möge er mit uns in Verbindung treten.

Als unser Vater diese Erinnerungen schrieb, war das Ende des Staates, in dem so viel Unrecht geschehen ist, noch nicht abzusehen. Dieser Staat nannte sich zwar »Demokratische Republik«, war aber in Wirklichkeit die Diktatur einer Partei, der SED, die mit Hilfe des Staatssicherheitsdienstes ihre Macht durchsetzte. Unser Vater lebte in der ständigen Angst, dass seine kritischen Ausführungen in falsche Hände gelangen könnten und er erneut mit dem Machtapparat der Staatssicherheit in Kollision geraten würde.

Obwohl er immer das Ende der DDR herbeigesehnt hat, versuchte er doch auch etwas Positives in ihr zu sehen, da er und seine Familie hier wohnten und arbeiteten. Den Schritt, nach »dem Westen« umzusiedeln, wagte er nicht. Zum einen hatte er berechtigte Bedenken, da ihm die Stasi gedroht hatte »ihn überall zu finden und zu liquidieren« wenn er Einzelheiten über seine Haft und seine Arbeit in einem Geheimlager über Raketenantriebstoffe Preis geben würde, andererseits wollte er seine Kinder und Enkelkinder nicht in Gefahr bringen.

Als ein Bergmann und Wissenschaftler mit Leib und Seele, hat er die jeweils aktuellen politischen Konstellationen schon aus Zeitgründen nicht ausreichend beachtet. Deswegen ist er in den Strudel der Politik geraten und wäre dabei fast untergegangen. Der feste Halt in der Familie und seine tiefe Religiosität haben ihm geholfen, die schweren Jahre der Stasi-Haft durchzustehen.

Leider war es ihm nicht vergönnt, das Ende der SED-Diktatur und seine vollständige juristische Rehabilitation zu erleben. Er starb im März 1989 wenige Monate vor der friedlichen Revolution.

Der Lauf seines Lebens in den verschiedenen Staatsformen auf deutschem Boden (Deutsches Kaiserreich, Weimarer Republik, Nationalsozialistisches Deutsches Reich und geteiltes Nachkriegs-Deutschland) wurde von der aktuellen Politik – von ihm ungewollt und unerwartet – sehr stark und nachhaltig beeinflusst.

Er durchlebte Höhen und Tiefen nicht zuletzt deswegen, weil er, an sich selbst hohe moralische Maßstäbe anlegend, zu spät erkannte, wie unmoralisch, ungerecht und menschenverachtend politische Diktaturen sein können.

Unter diesen Gesichtspunkten wird das Buch für den politisch wachsamen und zeitgeschichtlich interessierten Leser wissenswerte Aspekte bieten.

Margret Prösch

Klaus Fleischer

Jürgen Fleischer

November 2013

Lebenserinnerungen eines Bergingenieurs im Lichte der Zeit- und Wirtschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts

von Prof. Dr. Ing. habil. Otto Fleischer

Vorspruch für meine Enkel

von Emanuel Geibel um 1866:

»Das ist das alte Lied und Leid,

dass die Erfahrung erst gedeiht,

wenn Mut und Kraft verrauchen.

Die Jugend kann, das Alter weiß,

du kaufst nur um des Lebens Preis

die Kunst, das Leben recht zu brauchen.«

Zur Einführung

Autobiographien gehören zu den festen Bestandteilen der unterhaltenden Literatur. Sie können und sie sollten eigentlich auch den nach uns Kommenden eine gewisse Erfahrung vermitteln für das Eigenverhalten im Lebensgang. Dabei sollte berücksichtigt werden – siehe Vorspruch – dass es eine praktisch unerfüllbare Aufgabe ist, Erfahrungen aus der Vergangenheit einfach schablonenhaft auf gegenwärtiges Geschehen und Erleben anzuwenden. Dazu sind die Zeitverhältnisse zu unterschiedlich. Die Vergangenheit wird niemals wieder lebendige Gegenwart. Wie recht hatte der große griechische Weise Heraklit: »Niemand steigt zweimal in denselben Strom, alles fließt, panta rhei«. Das ist ein ehernes Gesetz, damals wie heute. Die unendliche Vielzahl von Verschachtelungen in den Molekülanordnungen, wie sie zum Beispiel die Genforschung in den letzten Jahrzehnten offenlegte, zeigt auf, dass es keine absolute Vorhersage für einen konstanten Lebensablauf geben kann, der sich zwischen den Zwängen der politischen Konstellationen und des Umweltgeschehens auf der einen Seite und der eigenen Verhaltensweise innerhalb der vorgegebenen Freiheitsgrade auf der anderen Seite einpendelt.

Jeder ist seines Glückes Schmied, sagt der Volksmund, und die Praxis der Lebensführung sagt, dass meist äußere Zwänge für Verhaltensweisen bestimmend sind, nicht vorgedachte Träume.

Zur Interpretation vorgegebener Zwänge lässt sich mancherlei anführen. Aus der Retrospektive der 70-er und 80-er Jahre, aus der die Erinnerungen an das jeweilige Zeitgeschehen und an das Eigenerleben niedergeschrieben werden, ergab sich manche kritische Frage unter dem Motto: »Hätte man damals das und jenes anders gemacht, dann wäre …«

Dieses zeigt mit unbestechlicher Deutlichkeit auf, dass sich kaum in einem Lebensabschnitt ein gefestigter Zustand für einen längeren Zeitraum in unserem überaus turbulenten Jahrhundert gesichert aufbauen konnte. Es war ein Hin- und Herpendeln unter ungleichen Amplituden mit unvorhersehbaren Ausschlagwerten; und es ergab sich per saldo, dass es uns Heute-Menschen nicht viel anders ergehen kann, als es Generationen in der ganzen Menschheitsgeschichte ging.

Umweltgeschehen und Eigenverhalten, mangelnde Toleranz gegenüber der Umwelt wie auch gegenüber dem Mitmenschen, mangelnde Einsicht auch in Notwendigkeiten politischer Direktiven und Unabdingbarkeiten führten zum eignen Verhalten gelegentlich auch zu Fehlverhalten, zur Komplizierung und Verschlimmerung der eignen Situation. Deshalb kann man wohl allgemein in Autobiographien – und so auch in dieser – nicht deutlich genug dem Ursache-Wirkungskomplex nachgehen. Das könnte meines Erachtens helfen, die Lasten des eignen Lebensablaufes mit seinem Auf und Nieder mehr mit Gleichmut zu betrachten als schicksalsgegeben, eingebunden in das große Zeitgeschehen der geistigen Evolution, die den Fortschritt des Werdens und Vergehens des Lebens der Menschen seit Jahrtausenden begleitet.

Wenn man auch nur für einen Zeitraffer-Augenblick dem Ursache-Wir-kungskomplex im Evolutionsgeschehen des Lebens nachgeht, das doch in unserer riesenhaften Galaxie, wie die Astrophysiker gesichert nachweisen, einmalig ist, so ergibt sich, dass das Werden und Vergehen kein gleichmäßiges Geschehen über größere Zeiträume ist. Das scheint nur so im Bereich manches recht kurzen Lebensabschnittes und vielleicht im Jahreszeitenrhythmus. Darüber hinaus besteht ein fortgesetztes Wechselspiel zwischen Ursache und Wirkung im Einzelleben und noch viel deutlicher über die Jahrmillionen der Erdgeschichte und über die Jahrtausende der Menschengeschichte. Zahlreiche Entwicklungen des Lebens haben sich vollständig ausgelöscht, nicht nur die Saurier am Ende der Kreidezeit vor mehr als 30 Jahrmillionen sondern auch viele Völkerschaften auf der Erde. Dieses Wechselspiel, das auch als eine Art Generalvorgabe die Menschheitsentwicklung bis zur heutigen Bewusstseinsschwelle geprägt hat, wirkt weiter. Niemand von den Fachgelehrten wird behaupten, dass diese Bewusstseinsschwelle, die leider auch zu der heutigen Zerstrittenheit der Menschen und der Völker untereinander geführt hat, eine Endstufe ist.

Eine Autobiographie ist keine Geschichtsphilosophie, aber es muss erlaubt sein, wenn auch nur im Telegrammstil, die unvorstellbar großen Entwicklungsschritte in ihrem unregelmäßigen Fortgang abzutasten, um zu verdeutlichen, dass eine Endstufe noch nicht in Sicht ist, auch für die nächsten Jahrhunderte nicht, wenn sich nicht das Menschengeschlecht durch die verteufelten Kriegsinstrumentarien (Atomwaffen und chemische Kampfstoffe), die es gerade in unserem 20. Jahrhundert entwickelt hat, selbst auslöscht.

Gewiss ist, dass es einmal in ferner Zukunft einen Abschluss geben wird, aber gewiss ist auch, so sagen es die Astrophysiker, dass wir erst etwa in der Halbzeit der Erdgeschichte stehen und dass der Brennstoff der Sonne, um den Planeten Erde zu versorgen, noch für weitere fünf Milliarden Jahre ausreichen wird wenn auch mit abnehmender Intensität. In etwa sechs Milliarden Jahren werden die Ozeane auf der Erde zu kochen beginnen, womit jedes Leben erstirbt.

Was ist demgegenüber die Zeit eines Menschenlebens, und was sind die etwa 8 000 bis 10 000 Jahre, die es den denkenden Menschen mit Schreibverständigung und höherem Bewusstsein gibt?

Die Bibel spricht von einer Endzeit, wie sie auch von einem Anfang in der Schöpfung ausgeht. Die astrophysikalische Forschung geht vom »Urknall« aus, ausgelöst durch unvorstellbare Konzentrationsdichte und Wärmestauung der Materie.

Die Weiterentwicklung der Ordnung der Materie und der Lebensformen auf der Erde erfolgte (nach Prof. Unsöld: Kosmische Evolution, 1976) nach dem »Würfelspiel des Zu-fallgeschehens« in unregelmäßigen Zufallsschritten. Deshalb, sagt Unsöld weiter, »kann niemand vorhersagen, wohin die nächste im Sinne der Selektion erfolgreiche genetische Variation einer Art führen wird. Die großen Schritte der geistigen Entwicklung des Menschen darf man diesen Prozessen an die Seite stellen.«

Und eben dieses ist der Punkt, der in der Einführung zum Verständnis der Wechselwirkungen in dieser Lebensgeschichte führen soll, auch wenn diese nur einen Einzelfall unter 70 Millionen deutschen Menschen betrifft. Die Evolution geht weit über die Zeitspanne auch dieses Jahrhunderts hinaus, aber sie hat bis jetzt nicht vermocht, das menschliche Zusammenleben signifikant auf eine höhere Stufe des Miteinander in einer friedlichen Gemeinschaft zu stellen, um die gesamte Erde, wie es die Genesis voraussagt, der Gemeinschaft aller dienstbar zu machen.

Das Menschenpotential wächst in beinahe geometrischer Progression, aber die Verwirklichung der Morallehren der Religionen, der christlichen zuerst, die das »Liebet einander« so ernst hervorhob, oder später die Verwirklichung des Humanismus, des Vernunftdenkens der alten wie der neuen Philosophen scheint weit hinausgeschoben. Vernunft wird von den Philosophen (Kant) doch als Einsicht und Erkenntnis des Moralischen definiert und als Voraussetzung zum »Mut, sich eines einsichtsvollen Verstandes zu bedienen« im Lebensgang. Sollte etwa für die Zukunft Goethe Recht behalten, der den Mephisto vor dem Schöpfer die Vernunft als Schein des Himmelslichtes hinstellen lässt, das dem Menschen verliehen wurde, um »tierischer als jedes Tier« zu sein?

Wir können und dürfen nicht daran glauben, dass die geistige Evolution einen solchen Fehlausgang als Ziel des göttlichen Schöpfungsaktes für das Denkwesen Mensch anstreben wird, trotz aller wieder ausgestorbenen Entwicklungen von Lebewesen, die es im Laufe der Erdgeschichte schon gegeben hat. Wir glauben an die Vernunft, wie sie Kant definiert als die »gesetzgebende Kraft in Wissenschaft und Leben«. Oder hat der kategorische Imperativ Kants unser Verstandesdenken so wenig gefördert?

Wir müssen kritisch mit Bestürzung feststellen, dass die Kraft der Vernunft im Einzelleben so wenig wirksam war wie im Zusammenleben der Menschen in der politischen Umwelt. Soweit wissenschaftliche und philosophische Erkenntnisse überhaupt angewendet wurden, blieben sie besonders im 20. Jahrhundert im Pragmatismus, im Machbaren stecken. Von der Anwendung idealistischer Gedanken, wie sie die Humanisten dachten und zum Beispiel auch Lessing in seiner »Erziehung des Menschengeschlechtes« zum Ausdruck gebracht hat, ist im ganzen Jahrhundert und besonders in der Hitlerepoche, die ja eigentlich schon 1923 begann und 1945 mit dem Zusammenbruch Deutschlands endete, nichts zu erkennen gewesen.

Da war nichts zu merken in der »Blut und Boden« Moral von einer Entwicklung vom Niederen zum Höheren, vom Unvollkommenen zum Vollkommenen. Die Lebensführung jedes Einzelnen war in der Mehrheit die eines Soldaten (in Uniform oder Zivil), der der neuen Lehre zu gehorchen hatte. Zu Hitlers Zeiten hat man den Fortschritt in Wissenschaft und Technik für einen großen Schritt in der geistigen Evolution der Menschheit in diesem Jahrhundert nicht freigegeben. Die großen genialen deutschen Physiker Einstein, Planck, Hahn, Heisenberg, die im Glauben einen wichtigen Beitrag für einen friedlichen Vorwärtsschritt in dieser Richtung geleistet zu haben, ihre Gedanken in Wort und Schrift offen legten, mussten bestürzt erkennen, dass diese Gedanken bald in negativer Weise ausgebeutet wurden zur Sicherung egoistischer politischer Machtbestrebungen des Staates.

Dieses wurde im Kalten Krieg in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts in der Verschärfung des Gegeneinander und der Potenzierung der Kräfte zur gegenseitigen Vernichtung fortgesetzt, die in den letzten Jahren in der Festschreibung des Nato-Doppelbeschlusses in der westlichen Welt ihre Krönung fand. Die Menschen werden, so scheint es, um ihre unveräußerlichen Rechte auf Humanismus und persönliche Freiheit betrogen, und da besteht in der Einengung dieser Rechte kein gravierender Unterschied zwischen der östlichen und der westlichen Welt, nur die Ausgangspunkte und die Begründungen sind verschieden. Die Betrogenen sind die Menschen, geographisch besonders die in der Mitte Europas wohnenden Deutschen und ihre Nachbarn, die dieses Jahrhundertgeschehen in verschiedenen Altersklassen, Verantwortungsebenen und Einsichtsstufen durchleben müssen und so gut wie nichts zu einer Änderung beitragen können, weil sie keine Macht haben, wie 30 bis 40 Jahre vorher die bestürzten Physiker, die ihrem Ärger über die Situation nur in einem Appell, dem der Göttinger 12, Luft zu machen suchten, in welchem sie strikt gegen die Atombewaffnung auftraten. Das ist echte Verstrickung in das politische Geschehen des 20. Jahrhunderts, in dessen Sog auch ich in meiner Berufs- und Bildungsebene einbezogen wurde. Es gibt nur geringe Hoffnung, wenn ein Philosoph der Gegenwart, Ernst Bloch, in seinem Werk »Experimentum mundi« warnend den Finger erhebt und sagt, dass weder die kommunistische noch die demokratische Ordnung in ihrer heutigen Form zum Reich der Freiheit führen werden.

»Nur ein freiheitlicher, menschlicher Sozialismus könnte in praktisches Handeln zum Vorteil der lebenden Menschengeneration umsetzen, was der Humanismus im vorigen Jahrhundert so genial vorgedacht hat.« Aber, so tröstet Bloch, »noch ist nichts entschieden. Noch ist Hoffnung auf ein irdisches Paradies, wenn auch in sehr ferner Zukunft.«

C. F. v. Weizsäcker schrieb 1965: »Der Weltfriede muss kommen, es gibt keine Alternative für die übervölkerte Welt.«

Was heißt aber irdisches Paradies? Warum sollte man nicht davon ausgehen«, fragt der Astrophysiker Prof. Unsöld in seinem Aufsatz in der naturwissenschaftlichen Rundschau 1975 »Kosmische Evolution«, »dass nicht auch andere Sterne von der Art unserer Sonne ein Planetensystem besetzen und warum sollte nicht irgendwo anderes Leben entstanden sein, ähnlich dem der Erde? Für weitergehende theoretische Erörterungen darüber fehlen uns, den Astrophysikern, noch viele dafür nötige Voraussetzungen.« Soweit die exakten Wissenschaftler der Astrophysik.

Anders die Phantasie zeitgenössischer Schriftsteller. Der russische Schriftsteller, der Kirgise Aitmatow, geht in seinem viel gelesenen Roman »Der Tag zieht den Jahrhundertweg« (1982) vom Zeitdenken aus. Er stellt fest: »Die Entfesselung von Zwietracht zwischen den Völkern, die Vergeudung materieller Ressourcen und intellektueller Energie für das Wettrüsten erweisen sich als das ungeheuerlichste Verbrechen am Menschen. Progressive Politik kann nur in der Entspannung der internationalen Lage bestehen. Eine verantwortungsvollere Aufgabe gibt es nicht auf Erden. Die Menschheit geht zugrunde, wenn sie nicht lernt, in Frieden zu leben.« Aitmatow erfindet vor diesem Hintergrund eine utopische übermenschliche Zivilisation auf einem großen Planeten in einer anderen Galaxis, die völlig frei ist von einem Gewalt- oder Kriegsdenken innerhalb ihrer Gemeinschaft, die keine Vernichtungswaffen kennt.

Aber im Roman wird die Erde von einem Kontakt mit diesem »Übermenschentum« abgeschottet, weil die Erdbewohner durch ihre unterschiedlichen Gesellschaftssysteme zerstritten sind und dafür nicht reif wären. So »zieht die Erde weiter auf ihrer ewigen Bahn« mit allen ihren Unvollkommenheiten, auch mit allen Irrtümern und Befangenheiten ihrer politischen Führer und Machthaber.

Wo sind die klugen, die frommen und die weisen Philosophen dieser Welt, die nicht von dem Pragmatismus der Politik überwältigt werden, sondern die fähig wären, die Selbstsucht, die Besitzgier, die Herrschsucht den Gierigen auszureden oder friedlich auszutreiben, damit, wie die Bergpredigt in Matthäus 5. sagt, die Sanftmütigen das Erdreich besitzen und die wirklich Friedfertigen Gotteskinder heißen?

Es klingt geradezu wie ein Hohn auf die Bibelworte in der Bergpredigt, ebenso wie auf Albert Schweitzers »Ehrfurcht vor dem Leben«, wenn uns in dem Kommunikationsmittel Fernsehen 1982/83 nahe gebracht wird, dass die Vernichtungsmittel Atomraketen, die in Stellung gebracht werden, ausreichen, um die Menschheit der ganzen irdischen Welt hundertfach zu vernichten, dass aber die Schutzeinrichtungen, wie Bunker und Schutzräume zum Beispiel in Westdeutschland etwa maximal nur 1 % der Bevölkerung aufzunehmen und mit atembarer Luft zu versorgen imstande sind. Nur die Kommandoräume der Militärs bringen es angeblich auf 30 bis 35 %. Ähnlich hoch soll die in solchen Fragen vorbildlichere, weil auch mit viel humanitärem, religiöserem Denken ausgerichtete Schweiz, liegen.

Welche Kulturschande, dass die Herstellung solcher Waffen weitergeht, anstatt dass etwas Wirkungsvolleres eingeleitet und getan wird, um den Prozentsatz des Überlebensschutzes in ganz Mitteleuropa zu erhöhen. Wie, da frage man die Ingenieure nicht die Politiker. Ich, der alte Bergmann, sage dazu: Etwa so, indem viele Kilometer unterirdische Tunnels mit Strahlungspanzer und Luftregeneration wie zum Beispiel im Kleinen im Bergbaurettungsgerät, gebaut werden. Diese wären sinnvoller als die Transporttunnels für Atomraketenbasen, wie sie die Amerikaner zur Zeit in Kalifornien einrichten. Die vielen Arbeitslosen und die arbeitslosen Bergleute, die Fachleute in Überlebensfragen unter Tage sind, könnten hier über Generationen humanitäres Werk tun und die Autobahnen, die Hitler vor zirka 50 Jahren zu bauen begann, in atombombensichere Untertage-Bereiche verlegen, in denen Luft, Wasser und Anlagen von Lebensmittelreserven gesichert sind.

Utopien, sagen die einen, die sich vorsorglich schon heute die nötige Dosis Morphium bereitlegen, wenn das Chaos eines Atomschlages hereinbricht. Organisation und schöpferische Arbeit, sagen die anderen, die Tunnelbauer, die Experten, die Bergbaufachingenieure. Ingenieur bedeutet bekanntlich, »ingenium« haben und damit etwas anfangen, nicht nur Redetalente üben vor dem Fernsehschirm und in den Parlamenten.

Vielleicht können die Enkel in kommenden Generationen über das Ganze, dieses die 80-er Jahre am Ende des 2. Jahrtausends beherrschende Atomkriegsdenken nur lächeln. Das wäre in der Tat ein grandioser Fortschritt einer großen geistigen Evolution der Menschheit, die noch aussteht.

Die geistige Evolution hat in diesem Jahrhundert keinen solchen Sprung nach vorn gemacht wie der technisch-wissenschaftliche Fortschritt. Dadurch sind auch negative Charaktere hervorgetreten, die in ihrer Zeit zur Macht gelangten und alle Menschlichkeitswerte, allen Humanismus vernichteten um der Macht willen. Würden solche negativen Tendenzen die Oberhand in der geistigen Evolution der Menschheit gewinnen, dann würde die Kurve der Menschwerdung, der – soweit bis heute zu übersehen ist – bedeutendsten Entwicklung der Biogenese im Kosmos, in Zersplitterung und Untergang auslaufen. Es darf also nur eine positive Entwicklungstendenz geben, obgleich schwer zu übersehen ist, wie viele Generationen daran noch arbeiten müssen, bis sich eine positivere Phase abzeichnet als heute erkennbar ist, eine Phase umfassender Sittlichkeit, Menschenliebe und gegenseitiger Achtung, eine solche der Konvergenz der Weltanschauungen, der Befriedung, des Fortschrittstrebens. Zur Stützung solcher Gedanken gibt es eine Fülle zukunftsweisender Literatur, von der anzuführen wäre:

Der große Paläontologe und Theologe Teilhard de Chardin sagt in: »Der Mensch im Kosmos«, 1947/1964, »Der Mensch ist nicht Mittelpunkt des Universums, wie wir naiv glaubten, sondern er ist die oberste Spitze der großen biologischen Synthese … Erleben wir nicht in jedem Augenblick ein Universum, dessen überwältigendes Maß dank der Funktion unserer Sinne und unserer Vernunft sich in jedem von uns immer einfacher zusammenfasst? Die Wissenschaft und die philosophischen Strömungen sind heute bemüht, eine kollektive Weltanschauung aufzubauen, an der jeder von uns mitwirkt und teilnimmt. Erkennen wir darin nicht die ersten Anzeichen einer Vereinigung auf höherer Stufe?«

Das ist Optimismus des Glaubens.

Gotthold Ephraim Lessing sagte vor zirka 200 Jahren zu dem Schrittmaß eines Fortschritts der geistigen Evolution in »Die Erziehung des Menschengeschlechts«: »Geh’ deinen unmerklichen Schritt, ewige Vorsehung! Nur lass mich dieser Unmerklichkeit wegen an dir nicht verzweifeln. – Lass mich an dir nicht verzweifeln, wenn selbst deine Schritte mir scheinen sollten zurückzugehen. Es ist nicht wahr, dass die kürzeste Linie nur die gerade ist.«

Das ist Hoffnung des Humanismus.

Der Gegenwartsphilosoph und Wissenschaftler Carl Friedrich von Weizsäcker mahnt und warnt zugleich und sagt anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandelns 1963 in Frankfurt in seiner Rede zur Laudatio:

Der Weltfriede ist notwendig.

Der Weltfriede ist nicht das goldene Zeitalter.

Der Weltfriede erfordert von uns eine außerordentliche moralische Anstrengung.

Er begründet diese drei Thesen inhaltlich etwa so: Die Notwendigkeit ergibt sich daraus, dass die heutige und die Welt der vorhersehbaren Zukunft eine wissenschaftlich-technische Welt ist. Die Weltproduktion, auch die der Lebens- und Genussmittel, der Güter des täglichen Bedarfs und der gesamten Konsumtion sind weltwirtschaftlich über den Welthandel unauflösbar miteinander verflochten. Die Gesetze des Funktionierens der Weltwirtschaft, zu denen auch die bessere Ernährung der Hungernden dieser Erde gehört, sind ebenso erbarmungslos wie die Gesetze der Erhaltung des Lebens in der Natur überhaupt ineinander verstrickt.

Der große Humanist und Nobelpreisträger Albert Schweitzer war zeitlebens ein leidenschaftlicher Rufer um die Erhaltung des Friedens in der Welt und veröffentlichte dazu zahlreiche Schriften. So sagte er in der »Ehrfurcht vor dem Leben«: »Meine Bestimmung ist, dem Geist der Ehrfurcht vor dem Leben, welcher auch der Geist des Friedens ist, einen Weg zu bahnen … Der Geist muss Tat werden, und er muss Tat werden überall, wo Friedlosigkeit herrscht. … Die höchste Erkenntnis, zu der man gelangen kann, ist Sehnsucht nach Friede, dass unser Wille eins werde mit dem Unendlichen und unser Menschenwille mit Gottes Willen!«

In seiner Rede zur Nobelpreisverleihung sagte er: »Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass wir den Krieg aus ethischen Motiven ablehnen müssen, denn er macht uns mitschuldig an den Verbrechen der Unmenschlichkeit.«

Aber Schweitzer stellte nicht nur Thesen auf, sondern er war ein Pragmatiker der Humanität, wie er sie in Lambarene praktizierte. Eines seiner Rezepte zur Errettung des Friedens der Welt sieht er in der »Wiedergeburt des Geistes zusätzlich zu den großen Erfolgen von Wissenschaft und Technik.«

Nicht untätiges Zusehen sondern tätiges Auftreten seien gefordert, und er fordert besonders die Verantwortlichen, die das Sagen haben als Politiker und Regierende, auf, um den Frieden zu erhalten »bis zum Äußersten zu gehen« und erinnerte dabei auch an den polnischen Außenminister Rapacki, der 1952 bei der UN den Plan einbrachte zur Schaffung einer atomwaffenfreien Zone in Mitteleuropa (DDR, Polen, CSSR, BRD). Was ist von diesem Plan nach 30 Jahren übrig geblieben, muss man 1982 fragen.

»Der Geist muss Tat werden« mahnt Albert Schweitzer, der 1965 mit 90 Jahren verstarb, die Mächtigen, die Verantwortung tragen.

Die Notwendigkeit des Friedens geht aus der erschreckenden Entwicklung der Waffentechnik mit der Atombombe hervor; sie entstand aus der rein wissenschaftlich orientierten Atomphysik. Aber die führenden Staatsmänner tun sich schwer mit einer Strategie der Friedenssicherung, sie können und wollen mit der Drohung einer letzten Bereitschaft zum nuklearen Kriege nicht Schluss machen, obwohl sie wissen, dass dies der Selbstmord alles dessen ist, was sie selbst zu verteidigen wünschen.

Das gilt besonders für die Mitteleuropäer und ganz besonders für die Deutschen in Ost und West, meine ich, und deshalb bin ich heute wie vor 50 Jahren deutscher Pazifist, auch wenn ich heute wie damals anecke, und ich möchte die Enkel gern von dem billigen Auswegdenken abbringen: »Entweder kommt kein Atomkrieg, oder wir sind alle tot.« So primitiv radikal hat sich der Schöpfer das Ende des Denkwesens Mensch, das die Erde bevölkert, wahrscheinlich nicht vorgestellt, und deshalb war auch an die in diese Einleitung eingeflochtene Alternative der bergmännischen Auswegebene in der festen Erdkruste »für alle Fälle« zu denken, denn bisher haben seit Menschengedenken alle Militärs ihre immer verheerender wirkenden Waffensysteme noch immer erprobt. Für den Atomkrieg sollte zwar die einmalige Erprobung in Hiroshima und Nagasaki 1945 genügen, aber sind die Militärs und Politiker gemeinsam davon zu überzeugen?

Sind nicht fast alle die, die gegenwärtig das Sagen haben, verschlossen gegen jedes christlichen Humanitätsdenkens muss man 1983 ernstlich fragen.

Seit die Worte von C. F. v. Weizsäcker gesprochen wurden, sind 15 Jahre vergangen, und die Friedensstrategie ist nicht überschaubarer geworden. Was bleibt ist die Hoffnung.

Wir heißen Euch hoffen, sagt Goethe in seinem Symbolum, und Konkreteres können wir heute am Ausgang des 20. Jahrhunderts bei aller Anstrengung menschlichen Denkens und mit aller Computertechnik leider auch nicht voraussagen. Uns steuert die Meinungszerstrittenheit derer, die die Macht haben.

(Diese einleitenden Gedanken schrieb Otto Fleischer im Dezember 1982. D. Hrsg.)

Kindheit und Jugend

Wo mein Erinnerungsvermögen einsetzt, so im Alter von 3-4 Jahren, steht in Trebnitz/Schlesien ein altes kleines Häuschen zwischen der Dorfstraße und dem Schätzkebach mit Stube, Küche und Dachstube, das durch mühsame Arbeit des Großvaters und der Großmutter mütterlicherseits ihr Eigentum geworden war, sodass sie in der Hierarchie der Stadtgemeinde schon zu den »Häuslern« zählten, d.h. zu jenen Kleinstbauern an der Stadtgrenze, die von ihrem winzigen Ackerstück und der Kleinviehhaltung nicht leben konnten, sondern zusätzlich einer Arbeit nachgingen.

Dann war das Stallgebäude, das noch mit Stroh gedeckt war – Schindeln waren zu teuer – , bis es im Sommer 1905 von einem Blitzschlag getroffen wurde. Das Strohdach und der Dachstuhl brannten im Nu ab, ehe die bespannte Feuerspritze anrückte und das Feuer soweit niederkämpfte, dass wenigstens die Mauern erhalten blieben. Die Bauern, welche die Bespannung für die Feuerspritze in unserer Kleinstadt Trebnitz zu stellen hatten, waren von der Erntearbeit wegen des sehr heftigen Gewitters, das sie über den Berg kommen sahen, – es war das erste der in diesem Tal des Katzengebirges nicht seltenen Gewitter, welches mein Bewusstsein hellwach rief – gerade in ihren Gehöften eingerückt und beim Abladen. Nur diesem Umstand war es zu verdanken, so beteuerte meine Großmutter, dass der Stall nicht völlig niederbrannte, sondern so notdürftig erhalten blieb, dass sie ihre Enten, Ziegen, Gänse und Hühner weiter halten konnte. Die Ziegenweide war eine kleine Wiese, die an den Schätzkebach angrenzte, von dem die Großmutter eine Art Ententümpel abgezweigt hatte. Ich wurde so frühzeitig Hütejunge der meist angebundenen Ziegen, aber ich musste auch aufpassen, dass die Enten nicht den Schätzkebach mit dem abgegrenzten Tümpel vertauschten und davon schwammen, was dann jedes Mal eine Suchaktion bei den Nachbarn bis ins Unterdorf auslöste. Obwohl schon über 60 Jahre alt, ging meine Großmutter noch saisonbedingt zu Feldarbeiten bei den benachbarten Bauern zur Erntezeit und zum Rübenhacken.

Als das Gewitter zu grollen anfing, war die Großmutter vom Felde heimgekommen, um ihr Viehzeug und mich in Sicherheit zu bringen. Sie hatte eine große Furcht

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