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Borderline: Der Kampf gegen das "Ich"

Borderline: Der Kampf gegen das "Ich"

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Borderline: Der Kampf gegen das "Ich"

Länge:
349 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Dec 16, 2011
ISBN:
9783842390782
Format:
Buch

Beschreibung

Leben zwischen Extremen, Himmel und Hölle, Leben und Tod

Mein Leben ist von der Diagnose „Borderline“ geprägt. Das Gefühl der Leere, der Drang mir Schmerzen zuzufügen und die Gedanken an den Tod sind nur ein kleiner Teil meiner Symptome. Die Krankheit drängte mich dazu, meine Ausbildung abzubrechen und einen Teil meiner Zeit in der Psychiatrie zu verbringen. Dies ist die Geschichte, wie ich einen Weg aus der Krankheit heraus fand. Ich bin noch lange nicht am Ziel angekommen, aber auf einem guten Weg dazu.
Herausgeber:
Freigegeben:
Dec 16, 2011
ISBN:
9783842390782
Format:
Buch

Über den Autor

Ich führte eigentlich ein ganz normales Leben aber es wurde immer wieder von Suizidgedanken heimgesucht. Ich wollte den Beruf der med. Praxisassistentin lernen, musste aber die Schule abbrechen um eine Therapie in der Psychiatrie zu beginnen. Meine Suizidversuche zählte ich inzwischen nicht mehr. Diagnose: Borderline. Schlussendlich begann ich eine KV-Lehre in einem IV-Betrieb und kam auch mit der Liebe in Kontakt. Langsam begann sich mein Leben zu ändern. Ich bestand erfolgreich meine Lehre und fand auch eine neue Arbeitsstelle. Damit wurde das Leben aber nicht einfacher, im Gegenteil. Ich gehe nun meinen eigenen Weg aber ich bin noch lange nicht am Ende angekommen. Geboren wurde ich am 18.09.1986 in Zürich. Nach diversen Wohnungswechseln lebe ich nun alleine in der Nähe von Luzern. Ich bin zufrieden mit meinem Leben, ich sehe endlich meine Ziele vor Augen. Trotzdem werde ich immer „borderline“ sein. Aber mein Leben geht weiter, und das ist auch gut so…


Buchvorschau

Borderline - Marlene Sieber

Borderline-Persönlichkeitsstörung

Tagebuch

Alles begann, lange bevor ich merkte, dass es begonnen hatte: mein Leben. Ich glaube an Schicksal. Alles was mir widerfahren ist, war schon vorbestimmt, irgendwie musste es so kommen. Die Eckpfeiler sind gegeben, lediglich die Details können wir lenken. Das Leben wurde mir geschenkt und ich möchte es gerne in vollen Zügen geniessen. Aber manchmal will und kann ich nicht mehr weiter. Dann sehe ich den Sinn des Lebens nicht. Aber muss es für alles einen Sinn geben?

1986

Am 18.09.1986 wurde ich in meine Familie hineingeboren. Wir wohnten in Zufikon (AG). Ich habe eine Halbschwester von väterlicher Seite. Sie wohnte aber nicht bei uns, sie ist in Pflegefamilien aufgewachsen. Mein Vater hat nach seiner ersten Ehe meine Mutter geheiratet. Sie sind auch heute noch glücklich zusammen.

1988

Wir zogen nach Mettmenstetten (ZH) in ein Reihenhaus. Obwohl meine Eltern Angst hatten dass es mir dort nicht gefällt, gefiel es mir sofort. Ich hatte ein grosses Zimmer und alles was man sich wünscht.

1990

Mein Bruder wurde geboren. Ich kam nicht sonderlich gut mit ihm klar, vermisste die verlorene Aufmerksamkeit meiner Eltern. Jetzt war er die Nummer eins. Ich wollte nie in den Kindergarten, verbrachte die Zeit vor unserer Haustüre, weil meine Mutter mich nicht rein liess (sie wollte natürlich dass ich in den Kindergarten ging). Ich hatte Angst, dass mich meine Mutter nicht wieder abholt, wie es bei meiner Halbschwester und ihrer Mutter, einmal der Fall war. Ich war wohl damals schon leicht irritiert vom Leben.

1993-2000

Ich wurde in der Schule nie akzeptiert und musste viel unter den Verhaltensweisen anderer Schüler leiden. Ich wurde fast tagtäglich verprügelt und litt unter regelrechter Angst in die Schule zu gehen. Meine Eltern und die Lehrer wussten es, aber sie konnten nichts dagegen machen. Die Schüler waren oft in der besseren Position und liessen sich von den Lehrern nichts sagen. Fast jedes Jahr wechselte meine Lehrperson, die Lehrerinnen wurden so ziemlich alle schwanger, zogen weg und bauten sich ein neues Leben auf. Durch das konnte ich nie eine richtige Bezugsperson finden, handelte die Probleme immer mit mir selber aus. Um diesem ewigen Teufelskreis zu entkommen wiederholte ich die sechste Klasse. Meine Noten wären eigentlich genügend gewesen um in die Realschule zu wechseln aber ich hielt es in dieser Klasse einfach nicht mehr aus. Zudem war ich, nach der Meinung meines Lehrers, noch nicht reif für die Oberstufe. Somit kam ich in eine neue Klasse. Dort wurde ich halbwegs akzeptiert. Ich hatte sogar ein paar Freundinnen, was für mich eine schöne und neue Erfahrung war. Ich redete jedoch mit diesen Freundinnen nie wirklich über meine wahren Gefühle, diese behielt ich nach wie vor für mich. Ich konnte mich nicht öffnen und versuchte alle Probleme so gut wie möglich selber zu lösen. Auf Dauer konnte das aber nicht gut gehen. Ich hatte jedoch immer die Illusion, dass ich es alleine schaffen würde aber ich habe mich geirrt. Leider gab es auch in der neuen Klasse ein paar Schüler die es auf mich abgesehen hatten – immer und immer wieder. Ich weiss nicht, wieso immer wieder ich das Opfer war. Was habe ich falsch gemacht? Ich habe mich doch immer so gut wie möglich versucht anzupassen. Ich hatte nie eine eigene Meinung und habe mich immer den anderen angeschlossen. Oder war vielleicht genau das mein Fehler? Hätte ich mich mehr wie die anderen Mädchen verhalten sollen - immer lustig sein und bei jedem Spass mitmachen? Das konnte ich damals einfach noch nicht, dafür war ich zu sehr mit mir selber beschäftigt. Das Ganze sollte sich bald noch rapide verschlechtern.

Wenn ich das damals schon gewusst hätte, hätte ich mich vielleicht noch retten können. Dann wäre es nie so weit gekommen wie es noch kommen wird.

2000-2001

Ende Schuljahr wurde ich in die Sek A versetzt. Ich kam in eine Klasse in der ich voll akzeptiert wurde. Vielleicht lag das aber auch daran dass mich die meisten dort nicht kannten, da alle aus meiner früheren Klasse entweder in die Parallelklasse oder in die Sek B versetzt wurden. Ich hatte keine tiefgründigen Freundschaften, fühlte mich aber von den Lehrern getragen. Meine Noten wurden aber immer schlechter, ich ging in die Nachhilfe (Französisch und Englisch), lernte nur noch und tat alles dafür, um in dieser Klasse zu bleiben. Doch es reichte nicht. Dann erfuhr ich, dass ich in die Sek B versetzt werden sollte. Ab diesem Moment verschloss ich mich total. Ich versuchte alle Gefühle mit mir selber auszumachen und redete mit niemandem darüber wie sehr mich das Ganze belastete. Ich wollte nicht schon wieder die Klasse wechseln und von vorne anfangen. Ich hatte es satt meine Zukunft immer umzuschreiben, ich wollte doch auch mal etwas erreichen. Aber leider war ich wohl nicht stark genug für dieses Leben. Mein Leben wurde total auf den Kopf gestellt. Ich habe doch nicht viel verlangt, war sogar das zu viel? Wieso muss ich immer meine Ziele ändern? Wieso darf ich nicht einfach diejenige Person sein die ich schon immer sein wollte? Aber es war zu spät um es zu ändern, meine Zukunft schrieb sich auch ohne mein Einverständnis neu, ich konnte nichts mehr dagegen tun, es war zu spät.

Mitte Juli 2001 war mein letzter Schultag in der Sek A. Ich konnte mich auf diesen Tag nicht freuen, ich hatte einfach nur Angst. Angst davor dass ich nun total zusammenbrechen würde, das mein Leben nun zu Ende sei. Ich versuchte mir nichts anmerken zu lassen aber es ging mir alles andere als gut. Nachdem wir das Programm für diesen Tag hinter uns gebracht hatten, ging ich ins Klassenzimmer. Ich packte meine letzten Sachen zusammen und lernte Französischwörter. Wieso lerne ich in einem solchen Moment Französischwörter? Aber ich konnte auch nicht wirklich lernen, ich habe die Wörter wohl nur angestarrt. Das ging mir in letzter Zeit immer öfters so, ich konnte nicht wirklich lernen, ich habe auf meine Unterlagen gestarrt und die Welt nicht mehr verstanden. Mir verschwamm alles vor den Augen und ich dachte über mein Leben und den Tod nach. Als meine Lehrerin ins Zimmer kam und mich fragte was ich mache fing ich an zu weinen. Sie kam zu mir und fragte mich ob ich schon Abschied nehme. Am liebsten hätte ich gesagt, dass ich Abschied vom Leben nehme. Sie sagte, dass ich mich jetzt nicht verstecken soll, ich solle etwas Verrücktes machen, wie den Ordner aus dem Fenster hinaus werfen. Ich sagte dazu: „Und mich gleich hinterher!". Dies fand sie nicht lustig, doch ich hatte es ernst gemeint. Sie hielt mich lange im Arm und es fühlte sich gut an endlich mal festgehalten zu werden. Sie musste nicht mal mit mir reden, sie musste mich einfach nur festhalten. Trotzdem überlegte ich dabei, ob ich wirklich zum Fenster hinaus sollte. Das war wohl der Anfang meiner Suizidgedanken. Sie tröstete mich und ich blieb noch ein Weilchen auf der Fensterbank sitzen. Später verkündete sie der Klasse, dass ich nach den Sommerferien in der Sek B sei. Mir kamen schon wieder die Tränen und ich war froh als ich nach Hause konnte. Dieser Tag hat mich sehr geprägt in meinem Leben, ich erinnerte mich noch lange daran zurück und ich kann mich noch heute an fast jedes Detail erinnern.

Dass ich in die Sek B sollte, erfuhr ich an einem Dienstag im April 2001. Als ich mit meiner Lehrerin ins Vorbereitungszimmer ging und dann noch der zweite Lehrer hinzukam, ahnte ich schon, um was es ging. Es ging tatsächlich um meinen Stufenwechsel. Sie meinten, dass sie jetzt nicht mehr länger abwarten können, sie hätten jetzt lange genug gewartet. Ich weinte schon wieder und meine Lehrerin nahm mich in den Arm. Sie rief meine Mutter an, erklärte ihr alles und die beiden gingen ins Zimmer zurück. Meine Mutter holte mich ab und wir gingen zusammen nach Hause.

Ich dachte noch lange über diese zwei Tage nach, meine Laune hatte sich gravierend verschlechtert, nichts machte mehr Spass und ich dachte oft an Selbstmord.

Die neue Klasse war der blanke Horror. Ich kam total unter die Räder. Meine Noten waren hervorragend, meine Hausaufgaben machte ich immer, der Lehrer war zufrieden mit mir. Leider merkte lange niemand wie schlecht es mir ging und ich konnte mich selber nicht mehr aus meinem Tief befreien. Für mich war diese Stimmung schon so sehr zur Normalität geworden dass ich keinen Sinn darin sah, daran etwas ändern zu wollen. Meine alte Klasse traf ich das nächste Mal Anfang Dezember. Wir gingen alle aus der 2. Oberstufe zusammen den Nikolaus in einem Nachbarsort suchen. In einer Scheune machten wir kurz halt und ich setzte mich neben meine Lehrerin aus der ersten Oberstufe. Wir redeten miteinander und sie meinte, dass ich jetzt doch wieder lachen könne, dass es mir besser gehe. Mir ging es nicht besser, nur durfte das niemand bemerken. Ich spielte den perfekt funktionierenden Menschen, obwohl in mir drinnen das totale Chaos herrschte. Aber es war egal wie es mir dabei ging, es sollten einfach alle denken, dass es mir gut geht. Ich weiss nicht wieso ich meine Gefühle nicht zeigen konnte und wollte aber ich habe einfach versucht alles alleine zu regeln. Ich habe mit ihr einen wunderbaren Menschen verloren, das tat mir immer mehr weh. Auf dem Heimweg dachte ich die ganze Zeit an dieses Gespräch und mir schossen immer wieder Tränen in die Augen. Als wir den Nikolaus gefunden hatten, freuten sich alle total aber ich spürte irgendwie gar nichts mehr. Ich war zwar physisch dort, aber psychisch war ich total abwesend. Wieso habe ich nie über meine Gefühle geredet? Wieso habe ich nicht schon damals versucht mit ihnen ins Reine zu kommen und meine Probleme zu lösen? Hätte ich das gemacht, hätte ich es später einfacher gehabt, nur wusste ich das damals noch nicht. Ich dachte, es könne nur noch besser werden aber ich merkte bald, wie sehr ich mich geirrt habe. Trotz allem war es ein wunderschöner Tag und es tat mir gut mich endlich wieder mit meinen alten Klassenkameraden zu unterhalten.

2002

Ich merkte immer mehr dass ich total abwesend war. Klassenkameraden fragten mich etwas und ich reagierte einfach nicht, starrte ins Leere und bekam nichts mit. In ihren Augen wurde ich zu einem „Träumer obwohl ich das eigentlich gar nicht war. Ich liess sie in dem Glauben weil es so am einfachsten und am besten war. Ich wollte nicht erklären müssen wie ich mich fühlte, sie hätten es sowieso nicht verstanden. Niemand hätte mich verstanden, so dachte ich damals zumindest. Ich wog jedes Wort auf der Goldschale ab, nahm jedes Wort persönlich, fühlte mich immer weniger geliebt und total missverstanden. Es sprachen mich immer mehr Leute auf meine Stimmung an. Ich wollte, dass sie es merkten aber irgendwie wollte ich es auch nicht. Wenn sie mich dann endlich fragten was los sei, sagte ich einfach immer dass es mir gut gehe. Manchmal gab ich auch zu dass es mir schlecht ging aber ich gab nie eine Antwort darauf was der Grund sei. Sie hätten mich nicht verstanden. Es war doch gar nicht viel passiert, das Ganze war doch gar nicht so schlimm. Aber wieso nahm es mich dann so mit? Wieso ging es mir wegen etwas so Nichtigem so schlecht? Ich hatte doch alles was man sich wünschen kann. Gewisse Leute liessen nicht locker, fragten immer wieder nach was mit mir los sei aber ich konnte einfach nicht darüber reden, es ging einfach nicht. Ich versuchte meiner früheren Lehrerin „zufällig über den Weg zu laufen. Es tat immer höllisch weh aber ich musste es einfach tun. Sie sollte sehen dass es mir schlecht geht und ich habe wohl irgendwie erwartet dass sie mir ihre Hilfe anbietet.

Es ging das Gerücht um, dass ich depressiv sei aber es war nicht nur das. Es war mehr und doch auch wieder nicht. Ich wurde gefragt, ob ich eine Therapie mache, was ich verneinte, da ich es dann meinen Eltern hätte erzählen müssen. Ich reagierte nicht auf Witze, fand sie einfach nicht lustig, das wurde langsam zu einem Dauerzustand bei mir. Wenn mich mal eine Weile lang niemand fragte, wie es mir gehe, kam ich mir immer überflüssiger vor. Ich hatte das Gefühl, ich sei allen egal, es wäre am einfachsten wenn ich nicht mehr da wäre. Ich hätte ein Problem weniger und würde auch meinen Mitmenschen keine Sorgen mehr bereiten.

An unserer Schule gab es ein Schüler-Parlament (SchüPa). Von jeder Klasse sollte jemand vertreten sein und so meldete ich mich. Ich weiss nicht welcher Teufel mich da geritten hat. Ich sagte doch nie freiwillig ein Wort, wie soll das zu mir passen? Ich meldete mich sogar während den Sitzungen das Protokoll zu führen, da ich wusste dass meine frühere Lehrerin die Sitzungen leitete. Ich wollte die Protokolle möglichst selber mit ihr besprechen, ich wollte möglichst viel Zeit bei ihr verbringen. Sie fand es gut, dass ich das Protokoll schrieb und ich machte mir schon wieder Hoffnungen dass sie mich auch ein wenig mag. Ich wollte mit meinem Klassenlehrer reden. Ich erwischte ihn jedoch nie alleine und ihn um ein Gespräch zu bitten brachte ich nicht übers Herz. Ich war auch während den Schulstunden psychisch immer abwesender, mündlich beteiligte ich mich immer weniger bis hin zum totalen Schweigen. Ich wollte sein Verständnis aber gleichzeitig wollte ich auch nicht zu viel erzählen. Anfang Oktober sprach mich mein Klassenlehrer dann nach der Schule an. Ich wollte ablenken doch er liess sich nicht beirren. Er meinte, ihm sei mein Brief in dem ich ihm geschrieben habe, warum es mir so schlecht geht in die Hände gekommen. Ich habe ihm den damals geschrieben, weil ich nicht darüber reden konnte und mir schreiben schon immer einfacher fiel. Er fragte, ob es mir immer noch so schlecht gehe und ich erzählte ihm dass es nicht besser geworden sei. Er meinte, ich sage im Unterricht immer weniger, wenn er mich nicht drannimmt herrscht bei mir die totale Stille. Ich konnte ihm nicht erklären wieso das so sei und er fragte mich aus, wieso es mir so schlecht geht. Er wusste dass es nicht an der Schule liegt, das habe ich ihm erzählt. Aber das stimmte leider nicht ganz. Ich war zwar gut in der Schule aber es machte mir keinen Spass mehr. Mir fielen die guten Noten nur so in den Schoss aber ich kam mit meinen Klassenkameraden nicht klar. Aus diesem Grund bin ich wohl auch während der Stunde immer verschlossener geworden. Er meinte, dass man sich ablenken muss wenn man in einem Tief sei aber ich konnte mich nicht ablenken. Ich konnte versuchen was ich wollte, mir schwirrten immer die gleichen Gedanken im Kopf umher. Ich müsse mich im Unterricht wieder mehr melden, ich müsse nach vorne schauen und immer wieder einen Schritt weitergehen. Er merke gar nicht dass ich anwesend sei aber aus meiner Sicht wäre ich das am liebsten auch gar nicht. Ich wäre am liebsten ganz weit weg. Irgendwohin wo ich niemanden kenne und ich ganz von vorne anfangen kann. Irgendwohin wo mich kein Mensch kritisiert oder auslacht. Es ist so einfach gesagt, etwas ändern zu wollen aber es ist so schwierig das auch zu schaffen. Ich wusste, wenn sich nichts ändert, macht es keinen Sinn mehr, dann könnte ich endlich gehen, diese Welt endlich verlassen. Meine Lehrerin aus der ersten Oberstufe beachtete mich nicht mehr, obwohl ich mich immer sehnsüchtig nach ihr umdrehte. Ich schaffte es nicht, alleine mit ihr zu reden, brachte es nicht übers Herz sie auf meine Probleme anzusprechen. Ich fasste mehrmals all meinen Mut zusammen machte dann aber immer wieder einen Rückzieher. An den Schulsilvester wollte ich nicht gehen, obwohl sich alle das ganze Jahr schon darauf freuten. Es gingen viele Gerüchte um wieso ich nicht kommen wollte aber ich wollte nicht mit allen Schülern in der Turnhalle übernachten und wissen dass meine frühere Lehrerin ganz in der Nähe ist. Das Ganze beschäftigte mich einfach noch viel zu sehr und ich konnte meine Gedanken nicht abschalten.

Eine Kollegin aus der 1. Oberstufe versuchte immer wieder mir zu helfen. Sie bot mir auch an, dass sie mit meiner Lehrerin aus dem ersten Oberstufenschuljahr reden würde aber ich konnte das nicht annehmen. Ich war am Boden zerstört und konnte trotzdem nicht über meine Gefühle reden. Ich solle ihr doch einen Brief schreiben, ich habe ja schon immer lieber geschrieben wie darüber gesprochen. Wenn die Oberstufe zu Ende sei, sei es zu spät ihr zu schreiben und etwas ändern zu wollen. Die Zeit heilt eben nicht alle Wunden.

Ende November redete ich nochmals mit meinem Klassenlehrer. Er fragte was denn los sei, ich sei total am Ende. Es fragte mich wieder aus. Ich hasse es, wenn Leute einfach so lange Fragen stellen bis sie auf die Wahrheit stossen aber noch mehr hasse ich es zu lügen. Er fand heraus, dass ich immer noch dem 1. Oberstufenjahr nachtrauere und mich in der neuen Klasse nicht wohl fühle. Ich solle nicht allzu lange Vergangenem nachtrauern sondern im Hier und Jetzt leben. Aber das ist soviel einfacher gesagt wie getan. Er wolle Ende Woche nochmals mit mir reden, was wir dann auch taten. Ich erzählte ihm noch, dass gewisse Leute aus der Klasse mich mobben. Er meinte, dass diese Leute wahrscheinlich auf mich eifersüchtig seien, weil ich in der Schule so gut sei. Aber was habe ich nun davon? Was bringen mir gute Noten wenn ich am liebsten nicht mehr leben wollte? Er redete weiter auf mich ein doch ich weinte nur noch.

Die eine Kollegin die immer für mich da war vergass des Öfteren mich anzurufen obwohl es so ausgemacht war. Auch vergass sie unsere Treffen. Das schmerzte sehr, obwohl ich wusste dass es nichts mit mir zu tun hatte, weil sie einfach sehr vergesslich ist. Ich meldete mich nicht bei ihr, meine Tränen wollten nicht mehr aufhören zu fliessen. Wieso konnte ich nicht loslassen? Wieso speichert mein Gedächtnis jedes Wort das irgendjemand mal zu mir gesagt hat ab? Wieso kann ich nicht vergessen?

Ende November erzählte ich dann meinem Lehrer die ganze Geschichte. Er verunsicherte mich noch mit einer Geschichte über Eltern die ihre Kinder ins Gymnasium schicken wollen und es vielleicht dafür nicht reicht. Man müsse schauen, wo das Kind am besten gefördert wird. Als ich anfangen zu erzählen sollte, war ich mir plötzlich nicht mehr so sicher ob ich das wirklich wolle. Ich erzählte, dass ich früher immer verprügelt wurde und dass ich nie jemanden zum reden hatte. Ich war immer der letzte Dreck in der Klasse. Er war ganz verwundert über diese Aussage. Ich habe damals die 6. Klasse repetiert um in eine andere Klasse zu kommen, wurde aber weiterhin fertig gemacht. Ich freundete mich mit einer anderen Schülerin an, wir zerstritten uns aber. Als wir die Klasseneinteilung für die Oberstufe erhielten war ich nur mit zwei aus der Klasse zusammen. Alle, mit denen ich befreundet war, waren in der Parallelklasse. Ich wollte noch mit jemandem die Klasse tauschen, aber das ging nach langen Diskussionen schlussendlich doch nicht.

Sobald ich dann in die Oberstufe kam versteckte ich mein wahres Ich hinter einer Maske. Ich lachte immer und dachte, ich könnte mich hinter meiner Maske verstecken. Mir ging es schlecht, sehr schlecht aber ich wollte es niemandem zeigen. Erst als ich erfuhr dass ich die Stufe wechseln musste, nahm ich diese Maske wieder ab. Es ging einfach nicht mehr anders, ich konnte den Schein nicht mehr wahren. Ich zeigte plötzlich meine Gefühle aber redete trotzdem mit niemandem darüber. Ich kam mir damals so abgeschoben vor.

Anfang Dezember fing ich an gewisse Dinge zu sehen die nicht da waren. Es wird immer besser, nun drehe ich wohl total durch. Ich verlor immer mehr den Bezug zur Realität.

2003

Anfang Februar schrieb ich einen Brief an meine Ex-Lehrerin und brachte ihn ihr zusammen mit dem SchüPa-Protokoll. Da sie jedoch nicht alleine war, brachte ich es nicht übers Herz ihr den Brief zu geben. Ich zitterte richtig und war total aufgelöst. Ich bereute, dass ich ihr den Brief nicht gegeben hatte. Die nächsten zwei Stunden war ich ziemlich deprimiert, mir kamen ein paar Mal die Tränen. Nach der Schule stand ich plötzlich wieder vor ihrem Klassenzimmer. Ich war mir nicht mal sicher gewesen ob ich wirklich gehen wollte aber dann war es zu spät für einen Rückzieher. Als sie alleine war und an ihrem Pult sass ging ich zu ihr und warf ihr den Brief hin. Sie nahm ihn an sich und riss ihn unsorgfältig auf. Ich wollte nicht dass sie ihn jetzt liest aber sie tat es. Sie las ihn und sagte, dass sie sich bei mir melden würde. Ich hatte schon wieder Tränen in den Augen und brachte gerade noch ein „Danke" heraus. Kaum war ich aus dem Gebäude raus, liefen mir die Tränen die Wangen runter. Aber ich war auch erleichtert. Ich hatte es geschafft, sie wusste es endlich. Zuerst ging es mir nicht gut aber als ich nach dem Mittagessen mit der Kollegin telefonierte, war ich einfach nur noch glücklich. Ich hoffte aber auch, dass ich nicht wieder ins Nachdenken kommen würde.

Ich lief einem Schüler über den Weg in den ich mal verliebt war. Es hat aber nicht geklappt mit uns. Jetzt ist er mit einer ehemaligen Klassenkameradin zusammen, es tat weh sie zusammen zu sehen. Nicht mal ihn konnte ich halten.

Als ich das nächste Mal im Zimmer meiner Ex-Lehrerin war kam ich schlussendlich doch ins Nachdenken. Hat sie den Brief nochmals gelesen? Hat sie ihn weggeworfen? Hat sie gesehen, dass er eine Hinterseite hat? Hat sie es dem Lehrer gesagt der mich damals auch unterrichtet hat und hat er ihn gelesen? Alles Fragen auf die

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