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Nicht abgehoben: Ohne Flugzeug um die Welt

Nicht abgehoben: Ohne Flugzeug um die Welt

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Nicht abgehoben: Ohne Flugzeug um die Welt

Länge:
880 Seiten
9 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Jun 16, 2012
ISBN:
9783844835649
Format:
Buch

Beschreibung

Zwischen Zürich und Zürich liegen Länder wie die Mongolei, Japan und die USA. Jedenfalls wenn man in den Zug einsteigt, um ein halbes Jahr und eine ganze Weltumrundung später am selben Bahnhof wieder anzukommen. Auf der Erde und dem Meer reisend hat Michael Schwarz von rauen Badesitten über kulinarische (Alp-)Träume bis zum sprichwörtlichen nur noch Chinesisch Verstehen kein Abenteuer gescheut, um Land und Leute kennenzulernen.
Dass diese Reise- auch eine Liebesgeschichte ist, darin besteht ihr besonderer Reiz. Denn der Weltreisende ist nicht nur offen gegenüber allem Unbekannten, er fiebert auch dem Wiedersehen mit seiner neuen Freundin entgegen. Wie so vieles auf seinem Weg verläuft auch dieses nicht ganz so, wie gedacht.
Seine Erlebnisse unterwegs schildert der junge bayerisch-schweizerische Autor mit Leidenschaft, sicherem Gespür für Situationskomik und viel Selbstironie. So ist Nicht abgehoben neben einer spannenden und emotionalen auch eine höchstpersönliche Reise. Um und durch und in die Welt hinein, nur nie darüber hinweg.
Herausgeber:
Freigegeben:
Jun 16, 2012
ISBN:
9783844835649
Format:
Buch

Über den Autor

Michael Schwarz wurde 1978 in München geboren. Ab 1981 wuchs er im Münchner Vorort Grünwald auf. Nach Abitur und Wehrdienst bei der Bundeswehr studierte er an der Schweizerischen Hotelfachschule Luzern, welche er als Dipl. Hotelier-Restaurateur HF/SHL erfolgreich abschloss. Nachdem er mehrere Jahre als Verkaufsleiter bei internationalen Hotelketten tätig gewesen war, machte er einen MBA an der französischen Reims Management School und an der chinesischen Tsinghua University in Peking. Seither ist er freiberuflich als Business Moderator und Trainer tätig.


Buchvorschau

Nicht abgehoben - Michael Schwarz

Aufbruch

Sie sind alle da. Meine engsten Freunde. Eigentlich ist es wie immer. Wir sitzen bei Claudio in der West Side Bar in Zürich. Wir probieren die neuen Minipizzas, mit denen der Wirt vor kurzem seine erste Speisekarte eröffnet hat. Es wird geredet, getrunken, alles wie immer. Doch etwas ist anders heute, an diesem Freitag, dem 30. Januar 2004. Wir stoßen an. Auf mich. Ich bin gerührt, fühle mich pudelwohl im Kreise meiner Freunde. Und doch kommt langsam, schleppend, immer mehr ein Gefühl der Unsicherheit aus meinem Inneren heraus. In einer Stunde fährt mein Zug. Ich erinnere mich an den sogenannten »point of no return«¹, als ich meinen Eltern letzten August von meinem Vorhaben erzählte. Ab diesem Moment gab es für mich kein Zurück mehr. Ich musste mein Projekt durchziehen. Ich fühle mich wie ein Held in einem Film, der zu einem neuen Abenteuer aufbricht und dementsprechend gefeiert wird. Das Gefühl in meinem Inneren wächst jedoch. Langsam steigt auch ein wenig Nervosität in mir auf. Das hier ist kein Film, in dem der Held nach etwa zwei Stunden ein Happy End erlebt und dann wieder zu seinen Liebsten zurückkehrt. Das hier ist die Realität. Die Zeit schreitet voran. Wir bezahlen und ich verabschiede mich von den meisten. Nur Christian und Beat begleiten mich noch zu Fuß zum Bahnhof. Ich bin total aufgeregt, kann meine Gefühle gar nicht in Worte fassen. Ist es Aufregung, Neugier, Freude, Angst, das Ungewisse? Irgendwie kann ich es selbst nicht fassen, was ich da eigentlich tue.

Am Hauptbahnhof treffen wir meine Eltern. Ich bin total aufgeregt, die anderen scheinen das allerdings auch zu sein. Der Nachtzug nach Prag, das ist meiner. Wir verabschieden uns, ich steige ein. Ich stehe an der Tür, die anderen draußen. Keiner weiß, was er sagen soll, ich am wenigsten. Meine Mutter würde am liebsten mitkommen. »Ich beneide dich«, sagt sie. »Hast du ein Handy?«, fragt mein Vater. »Hier, bitte, ich will ohne Mobiltelefon verreisen.« Ich gebe es ihm. Jetzt ist der Kommunikationsweg also abgeschnitten. 22.35 Uhr. Die letzte Durchsage, ein Pfiff. Die Tür geht zu. Der Zug setzt sich in Bewegung. Es geht los. Ich schaue den Zurückgebliebenen noch nach, bis sie vom Dunkel der Nacht verschlungen werden. Ich fühle mich alleine, plötzlich nicht mehr wie der große Filmheld. Das ist die Realität. Bis zum Happy End wird es mehr als zwei Stunden dauern.

Ich suche mein Abteil. Wir sind zu zweit. Das Gespräch mit Sandro, meinem Mitreisenden, einem Berner Deutsch- und Französischlehrer, ist eher bescheiden. So ein richtiger »Bünzli«, meine erste Reisebekanntschaft. Er spricht so leise, dass ich ihn kaum verstehe. »Wo fährst du denn hin?« Er wirkt teils verblüfft, teils mich nicht ernstnehmend, als ich antworte: »Zürich.« »Aber da sind wir doch gerade losgefahren.« – »Richtig, da sind wir gerade losgefahren. Mein Ziel ist Zürich; ich fahre hintenrum. Ich fahre auf dem Landweg um die Welt. Meine Reise hat soeben begonnen.« Weder mein Mitreisender noch ich können glauben, was ich da soeben gesagt habe. Ein erstaunter Blick und ein leichtes Kopfschütteln beenden unsere Konversation. Ich lege mich auf die Liege und beginne nachzudenken. Was für ein Tag. Heute Morgen habe ich mein Auto abgemeldet, meinen Rucksack gepackt und mich von meiner neuen Freundin verabschiedet. Neue Freundin? Ja, neue Freundin. Wir haben uns Anfang dieses Monats kennengelernt und nur während einer Woche gesehen. Ich liege auf meiner Pritsche und halte unser gemeinsames Bild in meiner Hand. Meine Gefühle? Unbeschreiblich. Angst, Aufregung, Freude, Neugier und Liebeskummer.

_____________________

¹ Auf Deutsch: Augenblick, ab dem es kein Zurück mehr gibt.

Gen Osten (Prag – Moskau)

31. Januar – 2. Februar

Ich wache auf. Eigentlich habe ich gar nicht richtig geschlafen. Hartes Bett, Rütteln, Zuggeräusche. Ein Erwachen im Liegewagen, das ist wie früher auf Klassenfahrten. Voller Tatendrang, den ersten Tag meiner Weltreise zu erleben, gehe ich ins Badezimmer, um die Morgentoilette zu verrichten. Habe ich da gerade Badezimmer gedacht? Gemeint ist natürlich das Zugklo, durch dessen Abflussloch man direkt auf die vorbeirauschenden Schienen sieht. Vorsichtig platziere ich mein Necessaire auf der kleinen Ablage über dem Waschbecken, die nur etwa die Hälfte meines Waschbeutels tragen kann. Ich versuche, sowohl die Balance des Necessaires als auch meine eigene zu halten. Dieser etwa ein Quadratmeter große Raum ist also mein heutiges Badezimmer; und er wird es auch morgen, übermorgen und wahrscheinlich noch sehr oft während der nächsten sechs Monate sein.

Um elf Uhr erreichen wir Prag. Am Bahnsteig erwarten mich schon Blanka, eine ehemalige Arbeitskollegin, und ihr Freund. Da ich vor etwa 22 Stunden die letzte vernünftige Mahlzeit zu mir nehmen konnte, mir der Magen dementsprechend knurrt und mir allein beim Gedanken an die tschechische Küche das Wasser im Mund zusammenläuft, äußere ich den Wunsch, sofort zu Mittag zu essen. Die beiden wollen mit mir zu einem kleinen, sehr typischen Alt-Prager Restaurant fahren, können jedoch den Autoschlüssel nicht finden. Während der 20 Minuten, die Blanka und ihr Freund brauchen, um die Suche erfolgreich zu beenden, vergrößert sich das Loch in meinem Magen zunehmend, allerdings auch die Vorfreude auf Lende, Knödel und ein frisches Pilsener Urquell vom Fass. Das relativ lange Warten hat sich gelohnt und meine Erwartungen werden voll und ganz in der böhmischen Traditionswirtschaft Švejk, die Jaroslav Haseks Romanfigur, dem braven Soldaten Schwejk, gewidmet ist, erfüllt. Da ich die tschechische Hauptstadt schon öfters besucht habe, fährt Blanka mit mir nach Kutná Hora, einer kleinen Ortschaft, die sich etwa 70 Kilometer östlich von Prag befindet. Dort besichtigen wir das Sedletz-Ossarium, ein Beinhaus, in dem über 40.000 menschliche Skelette aufbewahrt werden. Über eine schmale Treppe gelangen wir in das Ossarium, welches sich in der Krypta einer im 18. Jahrhundert erbauten Kirche befindet. Die Fürstenfamilie Schwarzenberg hat das Gebäude im 19. Jahrhundert gekauft und den Holzschnitzer Frantisek Rint 1870 damit beauftragt, den Innenraum zu gestalten. Dieser fand keine Begeisterung für sein übliches Arbeitsmaterial und schnitzte daher das gesamte Inventar aus den sterblichen Überresten von über 10.000 Menschen. In der Mitte des dunklen Gewölbekellers hängt ein achtarmiger Lüster, der fast alle Knochenarten des menschlichen Körpers enthält. Darunter befinden sich vier Spitzsäulen mit mehreren »Totenköpfen«. Die Decke des Raumes und die Wände sind mit Girlanden aus Schädeln und Oberarmknochen dekoriert. Die aufwendigste »Knochenarbeit« stellt das große Familienwappen der Schwarzenbergs dar. Die verbleibenden 30.000 Gebeine sind in vier Nebenräumen auf gigantischen Knochenbergen angehäuft. An manchen Schädeln, besonders an denen, die in der Nähe der Nebenaltäre liegen, sind Spuren von Gefechten zu erkennen. Mich begleitet ein eigenartiges Gefühl. Einerseits verspüre ich eine gewisse Faszination für dieses Kunstwerk, andererseits aber auch Empörung über die Pietätlosigkeit, mit der der Künstler Tote zu Kunst verwandelt hat. Über all diesen Gedanken liegt ein gespenstisches Flair, welches mir kühl den Rücken hinunter läuft. Je länger wir an diesem Ort verharren, desto mehr kreisen meine Gedanken um die vielen Leute, die hier begraben, oder besser gesagt: ausgestellt sind. Wer waren sie, wie haben sie gelebt, wie sind sie umgekommen und vor allem, was mögen wohl ihre Geister über die Verwertung ihrer sterblichen Überreste denken?

So interessant dieser Ort auch ist, so erleichternd ist aber auch das Gefühl, durch die enge, dunkle Treppe wieder in den herrlichen, sonnigen Wintertag hinauszugelangen. Bei einem Spaziergang durch den malerischen Ort lassen wir nun den Nachmittag ausklingen, bevor wir wieder nach Prag zurück fahren. Da ich meine Reise erst um 23 Uhr fortsetzen muss, bleibt noch genügend Zeit für das Abendessen. Wer weiß, wann und wo ich wieder etwas Vernünftiges bekommen werde; und vor allem, was das dann sein wird? Zu meinen Ehren hat Blanka ihre engsten Freunde eingeladen. Ich denke allerdings, dass diese weniger meiner Ehren wegen gekommen sind, als vielmehr, um diesen lustigen Abenteurer zu sehen, der auf dem Landweg die Erde umrunden will. Wir treffen uns in der kleinen, aber sehr feinen Vinothek Goldene Schlange nahe der berühmten Karlsbrücke. Statt uns die Weinkarte zu geben, führt uns der Besitzer des Lokals in seinen Weinkeller und lässt uns eine Auswahl erlesener tschechischer Weine degustieren. Solche Privilegien genießt man nur, wenn man mit einheimischen Stammgästen unterwegs ist. Wir lachen sehr viel und verbringen einen sehr lustigen Abend. Obwohl ich fast alle dieser Gruppe vorher nicht gekannt habe, fühle ich mich, als säße ich inmitten alter Freunde. Umso schwerer fällt es mir, wieder aufzubrechen; meinem Ziel entgegen, nach Zürich, also Richtung Osten. Alle warnen mich vor dem Zug nach Moskau. Sie halten mich für äußerst abenteuerlustig, fast schon verrückt, dass ich es wage, mit der Eisenbahn nach Russland zu reisen. Jetzt wird mir sogar selbst etwas mulmig. Innerlich frage ich mich, ob das wirklich so eine gute Idee war – eine Weltumrundung ohne Flugzeug. Bis jetzt war meine Reise ja ziemlich risikolos und bequem, nun aber beginnt das richtige Abenteuer, die Reise ins Ungewisse. Ich bin nervös, allerdings obsiegen die Neugier und mein Tatendrang.

Ich erlebe ein Déjà-vu. 24 Stunden nach meiner Abfahrt in Zürich stehe ich wieder in der Türe des abfahrenden Zuges und wieder heißt es Abschied nehmen. Alle haben mich zum Bahnhof begleitet und stehen nun, kitschig wie in einem Hollywoodfilm, bereit, den Helden in sein ungewisses Abenteuer zu verabschieden. Und wieder: ein Pfiff, Tür zu, Abfahrt und Abteil suchen. Ich bin ziemlich positiv überrascht, als ich bemerke, dass jedes Abteil nur für drei Reisende vorgesehen ist. Meines teile ich mit Ivan, einem in Prag wohnhaften Russen, der nun seine Verwandten in Moskau besuchen möchte. Seinem Gepäck nach könnte man meinen, dass er auswandert. Das ganze Abteil ist bis oben voll mit seinen Sachen, sogar ein Schaukelpferd ist mit dabei. In dem engen Raum hat es gerade noch Platz für mich und meinen Rucksack. Sogar das dritte Bett hat er beladen. Zu meinem großen Glück ist Ivan einer der einzigen Reisenden, der Englisch spricht. Dazu hat er einen guten Humor. Wir verstehen uns sofort prächtig. Ich bin sehr froh darüber, denn die nächsten 31 Stunden werden wir nun hier auf engstem Raum miteinander aushalten müssen. Es ist schon spät in der Nacht, als der Zug anhält, um weitere Fahrgäste aufzunehmen. Der dritte Mann, der in unserem Abteil gebucht ist, stößt zu uns. Auch er führt eine Unmenge an Gepäck mit sich. Er sieht sich um, bemerkt, dass das ganze Abteil voll mit Ivans Habe ist und zieht weiter, um woanders Platz für sich und seine Koffer zu finden. Es tut mir zwar leid für diesen Herrn, auf der anderen Seite bin ich jedoch sehr froh, dass wir in unserem ohnehin schon relativ engen Abteil zu zweit bleiben. Darüber hinaus macht Ivan einen sehr ehrlichen und bodenständigen Eindruck, so dass ich mich sehr sicher fühle.

Gegen vier Uhr morgens erreichen wir die polnische Grenze. Für die Kontrollen hält der Zug etwas länger. Zwei Grenzbeamte, nicht gerade bester Laune, aber auch nicht unfreundlich, betreten das Abteil und kontrollieren unsere Pässe. An Ivans Waren zeigen sie nur wenig Interesse. Das liegt wahrscheinlich daran, dass er durch Polen hindurch fährt. Darum sollen sich dann die russischen Zöllner kümmern, werden sie denken. Es ist noch früh. Langsam geht die Sonne über den weiten, gefrorenen Feldern auf. Sie blitzen, als bestünden sie nur aus Kristallen. Ein herrlicher Morgen. Jetzt erst einmal gemütlich frühstücken, um für meinen ersten vollen Tag im Zug fit zu sein. Da Ivan auf dieser Strecke fast schon Stammgast ist, frage ich ihn nach dem Speisewagen. Leider muss er mich enttäuschen. Wie? Kein Speisewagen? Ich kann es gar nicht glauben, dass ich zwei Nächte in einem Zug ohne Speisewagen verbringen soll. »Sag mal Ivan, gibt es dann wenigstens ein ›Wägelchen‹, so dass ich etwas kaufen kann?« Mit einem mitfühlenden Lächeln macht er mich auf den »Heißwasserbottich« am Ende des Wagons aufmerksam. »Mit etwas Glück kannst du beim Schaffner einen Teebeutel organisieren.« Das sind ja rosige Aussichten; jetzt muss ich noch gute 24 Stunden in diesem Zug ausharren und bekomme nur heißes Wasser und mit etwas Glück einen Teebeutel dazu. Mein Gesichtsausdruck muss meine Gefühle – oder soll ich sagen: Ängste – sehr gut wiedergeben, denn Ivans mitleidvolles Lächeln verwandelt sich gerade in ein herzliches Lachen. »Man merkt, dass du das erste Mal Zug fährst«, scherzt er. »Mach dir keine Sorgen, ich lasse dich schon nicht verhungern. Ich habe nämlich genügend für uns beide dabei.« Er packt unser Frühstück aus. Jetzt weiß ich auch, warum Ivan so viel Gepäck dabei hat. Das Essen würde für eine ganze Familie reichen. Brot, Käse, Aufschnitt, Essiggurken, ja sogar ein hartgekochtes Ei ist plötzlich auf dem kleinen Tischchen am Fenster aufgebaut. Also doch noch ein stärkendes Frühstück. So beginnt der Tag doch noch vernünftig.

Gegen Mittag erreichen wir Terespol, die letzte polnische Station. Die polnischen Ausreisekontrollen laufen ähnlich euphorisch ab wie schon die Einreisekontrollen. Nach diesem kurzen Zwischenhalt fahren wir über die Bug, den Grenzfluss, nach Weißrussland. Fünf Minuten später fährt unser Zug in Brest ein. Zwei Zollbeamte betreten das Abteil, inspizieren unsere Pässe und händigen uns ein Zolldeklarierungsformular aus. Da es auf Russisch ist, hilft mir Ivan mit dem Ausfüllen. Neben persönlichen Angaben muss man vor allem ganz genau deklarieren, welche Devisen man in welcher Form mitführt. In meinem Fall sind es Traveller Cheques, US-Dollar und Euro. Gott sei Dank weiß ich auswendig, wie viel ich jeweils dabei habe, so dass es mir erspart bleibt, meine »Schätze« auszupacken und vor allen zu zählen. Es wäre mir äußerst unangenehm, wenn irgendjemand sähe, wie reich meine Reisekasse bestückt ist. Der untere Teil des Formulars besteht aus Fragen, die im Multiple-Choice-Verfahren beantwortet werden müssen. Die weißrussischen Behörden interessieren sich dabei zum Beispiel dafür, ob man kriminell ist, Waffen oder Sprengstoff mitführt oder terroristische Absichten hat. »Wenn du einreisen willst, musst du überall ›Nein‹ ankreuzen«, empfiehlt mir Ivan. Plötzlich geht die Türe auf und es stehen ein Grenzbeamter, ein Offizier und zwei Soldaten mit Maschinenpistolen vor uns. Der Zöllner nimmt uns die Formulare aus den Händen, während uns der Offizier befiehlt, das Abteil zu verlassen und auf dem Gang zu warten. Einer der bewaffneten Soldaten bewacht uns, während die anderen Beiden das Abteil wörtlich auseinandernehmen. Die Sitze werden hochgeklappt, sämtliches Gepäck wird durchsucht und anschließend werden sogar noch die Deckenplatten abmontiert, um zu kontrollieren, ob nicht im Lüftungsschacht etwas oder jemand versteckt ist. Der Beamte unterhält sich länger mit Ivan auf Russisch, anscheinend über sein üppiges Reisegepäck. Ich bekomme etwas Angst. Wer weiß denn, wer Ivan wirklich ist? Vielleicht führt er illegale Dinge mit oder hält sie irgendwo versteckt. Am Ende werde ich noch als Komplize mitverhaftet. Meine Fantasie erreicht gerade ihren Höhepunkt, als der Offizier Entwarnung gibt. Unsere Zollpapiere werden gestempelt und wir dürfen wieder in unser Abteil zurückkehren. Die nehmen es aber ganz schön genau, denke ich bei mir, als plötzlich wieder ein Offizier mit zwei bewaffneten Soldaten zu uns kommt und das Abteil aufs Neue, ebenso gründlich, durchsucht. Ich werde wieder nervös. Warum machen die das nochmal? Haben sie doch etwas gefunden? »Das ist ganz normal«, beruhigt mich Ivan, »das machen die hier immer. Weißt du, in diesen Ländern kann man keinem vertrauen. Die müssen nicht nur uns, sondern sich auch gegenseitig kontrollieren.« – »War es das jetzt«, frage ich ihn etwas ungeduldig. »Immerhin sind wir schon seit zwei Stunden hier in Brest, der Zug müsste doch allmählich kontrolliert sein.« – »Da Russland und die ehemaligen Sowjetrepubliken eine breitere Spurbreite haben, müssen noch die Räder gewechselt werden, das dauert auch noch seine Zeit.«

Der Zug rollt in ein Depot. Dort wird er am Stück mit allen Wagons aufgebockt. Fasziniert von der Technik steige ich aus und beobachte das Spektakel von außen. Wie ein Auto in einer Werkstatt wird unser Zug mit allen Passagieren angehoben. Die Achsen mit den Rädern bleiben dabei auf den Schienen zurück und werden nun weggezogen. Ein tolles Bild, ein vollbesetzter Zug schwebt förmlich ohne Räder in der Luft. Obwohl ich kein Russisch spreche, kommuniziere ich mit Händen und Füßen mit den anwesenden Arbeitern. Wir haben sehr viel Spaß und lachen. »Foto?«, frage ich einen, indem ich auf meine kleine Minox 35 ML zeige. »Njet, njet«, meint er und schüttelt sehr verständlich seinen Kopf. Später erfahre ich, dass es in Russland, wie auch in vielen anderen Ländern dieser Welt, verboten ist, Grenzeinrichtungen oder überhaupt in grenznahen Gebieten zu fotografieren. Trotz meines Respekts gegenüber Regeln und Vorschriften möchte ich diesen Anblick aber dennoch festhalten. In meiner Hosentasche finde ich eine Zwei-Franken-Münze. Ich zeige sie dem Oberaufseher. Dieser scheint große Freude daran zu haben, einen echten Schweizer Franken in seiner Hand halten zu dürfen. Wir machen einen Deal, er darf die Münze behalten und ich darf dafür ein Foto schießen. Ich habe soeben den ersten Bestechungsversuch meines Lebens gewagt und das auch noch erfolgreich. Die ganze Prozedur dauert relativ lange. Ich klettere also wieder in den Zug zurück. Dort geht es inzwischen zu wie auf einem Basar. Überall wimmelt es von Händlerinnen. Eine nach der anderen kommt auch in unser Abteil, um uns ihre Waren anzupreisen. Von der Pelzmütze über Stiefel und Schuhe bis hin zu Lebensmitteln kann man alles erstehen. Da das Frühstück schon eine Weile her ist, kaufe ich ein ganzes, am Stück gebackenes Huhn mit Kartoffeln, welches die Verkäuferin heute Morgen bei sich zu Hause zubereitet hat. Äußerlich erinnert mich die Händlerin, wie auch alle ihre Kolleginnen, eher an die Bettlerinnen, wie sie in Paris oder in sonst einer europäischen Großstadt vor Kircheingängen um Kleingeld bitten, hinter dieser Fassade verbirgt sich jedoch ein herzensguter und humorvoller Mensch. »Ivan, es ist angerichtet.« Dieser freut sich so sehr über meine Einladung, dass er gleich noch einen Sack gekochter Kartoffeln und zwei Dosen lokales Bier dazukauft. Mit elf Volumenprozenten ist dieser Gerstensaft dem Wein allerdings schon einiges Näher als einem bayerischen Durstlöscher. Trotz der einfachen Mahlzeit fühlen wir uns, als zelebrierten wir ein Festmahl. Wir sind bester Laune, was zu einem gewissen Grad sicherlich auch dem starken Bier zu verdanken ist. Inzwischen haben wir Brest endlich verlassen und rollen weiter Richtung Osten. Der gesamte Grenzaufenthalt hat vier Stunden gedauert.

Es ist schon länger dunkel, als wir in der weißrussischen Hauptstadt Minsk ankommen. Plötzlich merke ich, dass wir in eine andere Welt eingetaucht sind. Der Bahnsteig ist voll mit Reisenden, die, so könnte man meinen, ihren gesamten Hausrat bei sich tragen. Äußerlich stehen sie alle den Verkäuferinnen von heute Mittag in nichts nach. Diese »zerlumpte« Masse bevölkert jetzt unseren Zug. Eine Familie, die sich dem Geruch nach schon lange nicht mehr gewaschen hat – allen voran der Sohn –, muss feststellen, dass ihr Abteil schon besetzt ist. Anders als meine Landsleute scheint das diese Menschen jedoch nicht zu stören. Vielleicht sind sie die Situation in diesen Zügen aber auch schon gewohnt. Sie teilen sich auf insgesamt drei verschiede Abteile auf. Der Vater kommt zu uns. Bis jetzt habe ich ja gedacht, dass unser Abteil schon voll ist, aber ich habe mich getäuscht; es geht noch voller. Dicht gedrängt sitzen wir inmitten der ganzen Taschen, Koffer, Rucksäcke, Plastiktüten, übrigens ein bevorzugtes Gepäckstück hierzulande, und, nicht zu vergessen, dem Schaukelpferd. Der neue Genosse kann natürlich nur Russisch und riecht nicht gerade so, dass man die Nacht mit ihm in diesem sehr engen Abteil verbringen möchte. Ivan scheint die ganze Situation allerdings nichts auszumachen. Im Gegenteil, er packt alle möglichen Leckereien aus und wir picknicken erneut; nun zu dritt. Ivan fungiert jetzt als Dolmetscher. Wir unterhalten uns, bis wir gegen 23 Uhr einschlafen. Was für ein Tag, mein erster ganzer Tag in einem Zug. Heute Morgen dachte ich noch, ich würde verhungern, und jetzt bin ich satt und sehr zufrieden. Ich bin gespannt, wie es morgen weitergeht. Irgendwann in der Nacht müssen wir die Grenze nach Russland passieren. Wie werden da wohl die Kontrollen sein? Morgen früh um acht Uhr kommen wir in Moskau an. Wie wird es mir da ergehen? Ich fühle mich sehr entspannt, meine Fragen sind nicht mehr von Nervosität geprägt, sondern einfach nur von Neugier. Was meine Freundin Simone jetzt wohl gerade macht? In Gedanken sage ich ihr gute Nacht und schlafe ein.

Als ich aufwache, ist es draußen noch dunkel. Wie spät ist es denn? Müsste nicht irgendwann die russische Grenze kommen? Ich sehe auf meine Uhr – sechs Uhr. Nur noch zwei Stunden bis Moskau. Wir müssten eigentlich schon längst in Russland sein, doch da waren keine Kontrollen. Vielleicht habe ich sie verschlafen? Nein, das kann nicht sein. Na ja, vielleicht werden wir bei unserer Ankunft am Bahnhof kontrolliert. Ich döse noch etwas, da ertönt es auf einmal vom obersten Bett: »Guten Morgen Michael. Willkommen in Russland.« – »Guten Morgen Ivan. Gab es denn heute Nacht keine Grenzkontrollen?« – »Nicht dass ich wüsste, aber das macht doch nichts.« Das ist mir schon klar, dass es Ivan mit seinen ganzen Waren ganz gelegen kommt, dass wir die russischen Zollbeamten nicht kennenlernen mussten. Bei mir sieht das allerdings etwas anders aus. Erstens fehlt mir der Ausreisestempel auf dem weißrussischen Zolldeklarierungsformular, zweitens habe ich kein russisches Zollformular und drittens habe ich keinen russischen Einreisestempel in meinem Pass. Ich denke an Franz Beckenbauers berühmtes Zitat »Schau’n mer mal, dann seh’n mer scho« und lasse die ganze Situation entspannt auf mich zukommen.

Kaviar, Wodka und Banja (Moskau)

2. Februar – 5. Februar

Um halb acht Uhr erreichen wir mit dreissigminütiger Verspätung den Belorusskaia Bahnhof. Dieser könnte eher als kleine Provinzstation durchgehen denn als Hauptbahnhof der Hauptstadt des größten Landes der Erde. Ich lerne, dass Moskau keinen eigentlichen Hauptbahnhof hat, sondern etwa zehn Bahnhöfe für den Fernverkehr und über 80 für den Regionalverkehr. Ivan besteht darauf, mich zu meinem Hotel zu fahren. Da ich mich nach dieser langen Zugfahrt nur ungern als einziger, naiver Tourist in die Hände der Taxifahrer gewagt hätte, kommt mir dieses Angebot sehr gelegen. Auf dem Bahnsteig erwartet uns schon seine Schwester. Die zwei fallen sich um den Hals, die Freude ist riesengroß. Wahrscheinlich haben sie sich schon lange nicht mehr gesehen. Zu dritt schleppen wir Ivans Gepäck und all die vielen Geschenke zum Auto. Dabei fühle ich mich besonders geehrt, weil ich das Schaukelpferd tragen darf. Obwohl völlig fremd, fühle ich mich mit den beiden sehr wohl und aufgehoben.

Das Hotel Rossija liegt direkt am Kreml, dem Amtssitz des russischen Präsidenten. Es ist ein riesiger, typisch sowjetisch anmutender Kasten. Später erfahre ich, dass der 1967 eröffnete Bau mit einer Gesamtfläche von 240.000 Quadratmetern und über 3100 Zimmern einst das größte Hotel der Welt war und diesen Titel heute noch für Europa tragen darf. Ich verabschiede mich von Ivan und seiner Schwester und betrete die riesige, menschenleere Hotelhalle. Die freundliche Rezeptionistin fragt mich nach meiner »Immigration Card«. Sie ist ziemlich verwirrt, als ich mit dem Begriff nichts anfangen kann. Noch verwirrter ist sie aber, als sie in meinem Pass keinen Einreisestempel entdecken kann. Ich ahne schon Probleme auf mich zukommen. Ich versuche, ihr zu erklären, dass ich mit der Eisenbahn von Weißrussland gekommen bin und dass es im Zug keine russischen Grenzkontrollen gab. Als Beweis zeige ich ihr meine Fahrkarte. Sie greift zum Telefonhörer. Mir ist jetzt richtig mulmig zumute. Was wird sie denn jetzt tun? Ruft sie die Polizei an, um einen illegalen Einwanderer zu melden? Werde ich meine Reise fortsetzen können? Irgendwie habe ich das Gefühl, dass der Empfangsdame die Situation ebenso unangenehm ist wie mir. Nervös hält sie meinen Reisepass in ihrer Hand und buchstabiert allem Anschein nach dessen Details ihrem Gesprächspartner. Nach einem zehnminütigen, für uns beide nervenaufreibenden Telefonat erhalte ich den Zimmerschlüssel. Ich bin sehr erleichtert, als ich ohne Probleme gehabt zu haben mein Zimmer betrete. Es wirkt etwas verstaubt und abgewohnt, ist ansonsten aber sauber und in ordentlichem Zustand. Einst war das Rossija das stolze Hotel der kommunistischen Diktatur. Staatsgäste aus aller Welt residierten hier. Etwas Besonderes ist es aber trotzdem nicht, auch wenn der Gedanke an seinen ehemaligen Glanz diesem Riesenkomplex eine nostalgische Note verleiht. Von dieser Zeit ist jedoch außer der sozialistischen Möblierung nicht mehr viel zu spüren. Die Aussicht hingegen, die ich von meinem Fenster habe, ist einmalig. Links die zugefrorene Moskwa, vor mir erstreckt sich der Kreml und rechts sieht man vor dem Roten Platz eines der Wahrzeichen Moskaus, die wunderschöne, bunte, an ein Märchenschloss erinnernde Basilius Kathedrale. Nachdem ich meinen Rucksack entleert und seinen Inhalt zum Lüften und Entfalten aufgehängt habe, genieße ich die erste Dusche seit meinem Aufbruch in Zürich vor drei Tagen. Danach ziehe ich mich warm an, um die ersten Erkundungen in dieser riesigen Stadt zu machen. Das Thermometer am Eingang des Hotels zeigt minus zwölf Grad. Ich suche das Postamt, um Pavel, einen ehemaligen Arbeitskollegen und echten Moskauer, telefonisch zu erreichen. Natürlich sprechen dort alle nur Russisch. Ich versuche also, den an mir nicht gerade interessierten Empfangsdamen deutlich zu machen, dass ich telefonieren möchte. Ich bekomme eine Telefonzelle zugewiesen und wähle Pavels Nummer. »Hallo?« – »Hallo Pavel, hier ist der Michael aus Zürich.« – »Hallo? Hallo?« Obwohl ich ihn sehr laut und deutlich hören kann, scheint er mich nicht zu verstehen. Als ich es ein zweites Mal versuche, habe ich leider auch keinen Erfolg, muss aber dennoch für die Verbindung bezahlen.

Enttäuscht von meinem missglückten Telefonatsversuch und etwas verloren in dieser großen Stadt entschließe ich mich, an einer Stadtführung teilzunehmen. Laut meinem Reiseführer gibt es hierfür nur ein einziges Büro. Um dorthin zu kommen, muss ich einen ziemlich langen Fußmarsch durch die halbe Stadt zurücklegen. Als ich es endlich gefunden habe, darf ich erfahren, dass dies zwar das Büro der Stadtführungsagentur sei, sämtliche Führungen aber nicht hier, sondern in der unmittelbaren Nähe meines Hotels starten. Dort müsse man auch die Touren buchen und bezahlen. Na toll, denke ich und verfluche für kurze Zeit den Lonely Planet, meinen Reiseführer. Das heutige Mittagessen besteht aus einem Sandwich, welches ich während des langen Rückmarsches esse. Noch nicht ganz satt erwischt meine Nase plötzlich einen fantastischen Geruch von feinstem Gebäck. Dem Duft folgend, treffe ich auf einen kleinen Stand, an dem frische Blätterteigröllchen mit den verschiedensten Füllungen verkauft werden. Selbstverständlich sind diese alle nur auf Russisch angeschrieben, der einzigen Sprache, die auch die gegen die Kälte dick eingemummelte und leicht schlotternde Verkäuferin spricht. Mangels hiesiger Sprachkenntnisse spiele ich kulinarisches Roulette. Ich zeige wahllos auf eines und habe ausgesprochenes Glück. Ich werde zwar niemals herausfinden, nach was die süßlich-herbe Füllung schmeckt, aber dieser kleine Nachtisch ist ein Genuss. Endlich erreiche ich den Ausgangspunkt für die Stadtrundfahrt. Inklusive unserem Führer sind wir zu viert, fahren aber in einem großen Reisebus, der noch weiteren 56 Gästen Platz bieten könnte. Insgesamt dauert unsere »private« Reise durch die russische Hauptstadt drei Stunden. Moskau hüllt sich zwar in eisige Kälte und dichten Nebel, dennoch erhalte ich einen guten Überblick über die Stadt und ihre Hauptsehenswürdigkeiten. Bei jedem Halt werden wir von den Einheimischen wegen des großen Busses und der wenigen Passagiere zunächst sehr respektvoll bestaunt. Sobald sie jedoch merken, dass es sich bei uns »nur« um eine ganz normale Touristengruppe handelt, versuchen sie uns ihre Andenken, Getränke, Postkarten, T-Shirts und vieles mehr zu verkaufen. Diese Belästigungen halten dann so lange an, bis die Händler von unserem Stadtführer verscheucht werden. Neben umfassenden Informationen über Geschichte und Architektur erfahre ich nebenbei auch eine für mich essentielle Information. Ich erhalte die Lösung für mein Telefonproblem. Sobald sich das Gegenüber meldet, muss man eine bestimmte Taste drücken, um auch selber für seinen Gesprächspartner hörbar zu sein. Nachdem die 20 Dollar teure, jedoch sehr lohnende Stadtführung vorbei ist, eile ich gleich wieder zur Post, um Pavel anzurufen. Die Empfangsdamen sind nicht gerade begeistert, als ich sie beim Stricken störe und nach einer freien Telefonkabine frage. Jetzt weiß ich zwar, wie man telefoniert, welche Taste zu drücken ist, muss ich aber noch herausfinden. Ich verlange nach einem Stück Papier und einem Bleistift, ernte dafür noch weniger Sympathie und versuche, mein Anliegen bildlich darzustellen, indem ich eine Telefontastatur und einen Telefonhörer zeichne. Die zwei Damen scheinen meine Frage verstanden zu haben und malen einen Kreis um die Taste 3. Endlich kann ich mit Pavel sprechen. Wir verabreden uns für sieben Uhr.

Mein erster Abend in Russland. Ich versuche, Pavel zu erklären, dass ich etwas Landestypisches essen möchte. Es dauert seine Zeit, bis er das akzeptieren will, doch dann gibt er sich damit einverstanden. In der bissigen Kälte führt er mich durch enge Gassen von einem Häuserblock zum nächsten. Auf unserem Marsch kommen wir auch an zahlreichen Restaurants und Bars vorbei, die mir gefallen würden, doch hält Pavel diese offensichtlich nicht für angemessen. Erst als wir scheinbar einmal im Kreis gelaufen sind, kehren wir endlich in ein Selbstbedienungsrestaurant ein. Ich bin zwar anfangs nicht ganz begeistert darüber, erkenne aber sehr schnell den Vorteil an einem Buffet: Ich kann alle Spezialitäten sehen und von allem etwas probieren. Es gibt diverse Teigrollen und eine Art Presssack mit Lauchsauce. Die russische Küche ist sehr deftig und schwer. Da wundert es nicht, dass man dazu Wodka trinkt, und zwar ausschließlich Wodka. Pavel macht mich mit den russischen Tischmanieren vertraut. »Du darfst nur dann trinken, wenn einer am Tisch das Glas erhebt und auf etwas trinkt. Dann aber musst du trinken. Und noch etwas: Trinken bedeutet bei uns in Russland austrinken.« Das klingt ja noch einigermaßen machbar, denke ich, als Pavel schon sein Glas erhebt und auf unser Wiedersehen anstößt. Also gut, Regel befolgen und runter mit den vier Zentilitern Wodka. Ich habe noch nicht einmal ganz heruntergeschluckt, da greift er schon wieder zu seinem Glas, »auf dass wir jetzt die Vorspeise essen werden, wasche sdarow‘je²«. Er fügt hinzu, dass man in Russland eigentlich immer einen Grund hätte, auf etwas zu trinken. Wir trinken also vor und nach jedem Gang und während des Essens auf ziemlich alles, was Pavel gerade einfällt. Nach dem Dessert erhebt er erwartungsgemäß wieder sein Glas. »Michael, wir trinken jetzt auf deine Reise. Mögest du sicher, heil und glücklich dein Ziel erreichen.« Kaum habe ich mein Glas ausgetrunken, schenkt Pavel nach und erhebt seines erneut. »Weißt du, wenn wir auf etwas Wichtiges trinken oder wollen, dass ein Wunsch in Erfüllung geht – so wie jetzt –, dann verlangt es die Tradition, die doppelte Menge zu trinken.« Das habe ich jetzt also von meinem Wusch, den Abend landestypisch zu gestalten. Nach dieser »Sauferei« tut es richtig gut, wieder an die frische, kalte Luft zu treten. Nach den zahlreichen Wodkas gut in Stimmung führt mich Pavel ins Ché, eine kubanische Bar mit Live-Musik. Das Interieur gleicht einer Baracke. Die Backsteinwände sind mit Plakaten dekoriert, die den kubanischen Revolutionär zeigen, dem dieses Lokal gewidmet ist. Die überwiegend männlichen Gäste sitzen in kleinen Grüppchen um kleine, alte Holztische und trinken; der Musik schenkt praktisch niemand Aufmerksamkeit. Die Atmosphäre gleicht einer Szene aus einem Gangsterfilm. Nachdem wir uns mit einem Caipirinha noch etwas zusätzlichen Mut angetrunken haben, bestelle ich zwei Shaman. Dieses Getränk habe ich auf der Karte mit folgender Beschreibung entdeckt: »Geheimrezept, no comment«. Dem zwielichtigen Barkeeper leuchten die Augen und er behandelt uns plötzlich, als seien wir alte Stammgäste. Mit großer Freude sieht er mir zu, wie ich diesen Shot exe beziehungsweise herunterwürge. Stolz und mit feierlicher Stimme verrät uns der Besitzer des Etablissements nun die Zutaten dieses geheimen Cocktails: Tequila, ein ganzes Eigelb und Tabasco. Um danach wieder einen klaren Rachen zu bekommen, brauchen wir noch einen Drink, möglichst flüssig und möglichst stark. Von diesem Abenteuer angeschlagen verlassen wir das Ché und wechseln in die Bar Chinese Pilot Jao-da. Leider hat die Live-Musik hier schon aufgehört zu spielen. Dafür versucht Pavel hier nun, mir die russische Schrift beizubringen, was sich in den nächsten Tagen und Wochen als sehr hilfreich herausstellen soll. Die lange Reise und der viele Alkohol schwächen aber meine Konzentrationskraft dermaßen, dass ich fast am Tisch einschlafe. Doch Pavel lässt nicht locker. Die Buchstaben auf seinem Papier verschwimmen förmlich vor meinen Augen. Ich bin fertig. Endlich gehen wir zurück. Was für ein langer und erlebnisreicher Tag.

Es fällt mir sehr schwer, nach so einem Abend aufzustehen. Auf einem Informationsblatt im Zimmer lese ich, dass das Frühstück im zweiten Stock bis elf Uhr serviert wird. Dort angekommen sehe ich nur endlose Gänge, aber keinen Frühstücksraum, nicht einmal eine entsprechende Beschilderung. Zu meinem großen Glück kommt mir just in diesem Moment ein anderer Hotelgast auf dem Flur entgegen. Ich frage ihn nach dem Frühstücksraum. Er beschreibt mir den Weg. Die Beschreibung ist jedoch so lange, dass ich mir nur mit Mühe alles merken kann. Um fünf Minuten vor elf Uhr erreiche ich in einem anderen Teil des Hotels den Frühstücksraum. Bevor ich mich aber an dem reichhaltigen Buffet bedienen kann, muss ich meine Gästekarte zeigen. Da ich die jedoch im Zimmer vergessen habe und der Weg dorthin zurück einiges an Zeit in Anspruch nehmen würde, verweist man mich an die Rezeption von diesem Teil des Hotels, die sich direkt unterhalb des Frühstücksraumes befindet. Dort solle man mir eine neue Gästekarte ausstellen. Im Gegensatz zu der Empfangshalle, in der ich gestern eingecheckt habe, herrscht hier ein reges und ungeordnetes Treiben russischer Geschäftsleute. Ich erfahre, dass es im Rossija insgesamt vier Hotelteile gibt, jeder mit eigener Empfangshalle, auf die die Gäste je nach Herkunft aufgeteilt werden. Hier befinde ich mich also im russischen Teil. Ich kämpfe mich bis zum Tresen vor und erhalte doch tatsächlich ohne russische Sprachkenntnisse eine neue Gästekarte. Stolz und hungrig zeige ich sie nun der unfreundlichen Oberkellnerin, während mein Blick schon über das Buffet schweift und geistig das Frühstück zusammenstellt. Doch ich werde enttäuscht. Statt mir einen Tisch zuzuweisen, gibt sie mir zu verstehen, dass ich ein Zimmer im europäischen Teil des Hotels hätte und so gefälligst auch in dem für meine »Rasse« vorgesehenen Raum im 21. Stockwerk zu speisen habe. Ich irre durch unzählige Gänge und Treppenhäuser. Kurz nach elf Uhr erreiche ich dann endlich mein Ziel, den europäischen Speisesaal. Während es unten ziemlich hektisch zu und her gegangen ist, herrscht hier oben eine vornehme Ruhe. Zwischen schwarzen Marmorsäulen und hinter schweren, roten Vorhängen genießt man einen herrlichen Rundumblick auf die Stadt. Das Wetter ist fantastisch, und so sieht auch das Buffet aus. Doch meine Vorfreude wird sogleich zunichte gemacht. Ein mit weißem Smoking bekleideter Kellner macht mich auf die Zeit aufmerksam. Das Frühstück würde bis um elf Uhr serviert, nun sei es aber schon einige Minuten danach. Ich solle doch wieder gehen, obwohl sich die anderen, vereinzelten Gäste noch vergnügt am Buffet bedienen. Nach dieser langen Odyssee durch das ganze Hotel von West nach Ost und von unten nach oben soll ich jetzt so kurz vor dem Ziel aufgeben? Ich bettle den Oberkellner an und schaffe es zumindest, einen Kaffee und ein Brötchen auszuhandeln, werde aber während meines Genusses von diesem strengstens beobachtet, dass ich ja kein zweites Mal zum Buffet husche, obwohl ich direkt daneben sitze.

Das kurze Frühstück hat jedoch den Vorteil, dass ich mehr Zeit habe, diesen herrlichen Tag zu genießen. Mir bleibt noch eine gute Stunde, bis ich mich auf den Weg machen muss, um Pavel wieder zu treffen. Ich entschließe mich, um den Kreml herumzulaufen und Bilder zu machen. Mein Fußmarsch entlang der roten, über zwei Kilometer langen und mit 20 Türmen gezierten Backsteinmauer ist keineswegs monoton. Wenn man etwas aufmerksam ist, kann man so viele verschiedene Szenerien entdecken. Hier ist es die Weite der Befestigungsmauer, dort der lange, dunkelgraue Schatten, den die Türme auf die weiße, zugefrorene Moskwa werfen. Die autobahnähnliche Uferstraße empfinde ich vor lauter Faszination dieser riesigen Anlage erst gar nicht als störend. Erst als ich um eine Ecke biege und die große Straßenkreuzung sehe, auf der unzählige Räumfahrzeuge ihren Dienst tun, scheine ich wieder in der Realität dieses kalten Februartages anzukommen. Dieses Erwachen ist aber Gott sei Dank nur von kurzer Dauer, denn nach dem nächsten Befestigungsturm macht die Mauer einen Knick nach rechts und verläuft nun entlang einer kleinen, friedlichen und ruhigen Parkanlage. Die gemütliche Atmosphäre scheint sich auch auf die Wachposten, die an jedem der zahlreichen Tore stationiert sind, zu übertragen. Unter großen Fellmützen und in dicke Mäntel gehüllt sitzen sie vor ihren Wachhäuschen und genießen die Sonne. Meine Umrundung endet pompös auf dem Roten Platz. Ich würde mir so gerne noch die balsamierte Leiche Lenins ansehen, doch muss ich jetzt leider zu meiner Verabredung mit Pavel eilen. Der Treffpunkt: eine bestimmte U-Bahnstation. Jetzt kommt mir Pavels Kurs in kyrillischer Schrift, den ich gestern Nacht erhalten habe, sehr zugute. Sämtliche Schilder in der U-Bahn und in den Bahnhöfen sind nämlich nur in russischer Schrift verfasst. Es dauert seine Zeit, bis ich unseren Treffpunkt auf der Metrokarte gefunden habe. Ich muss umsteigen, auch das noch. Jedes Mal, wenn der Zug in eine Station einfährt, vergleiche ich das Schild der Haltestelle mit dem Namen auf dem Metroplan. Somit weiß ich immer, wo wir gerade sind und schaffe es, an der Treffpunkthaltestelle pünktlich anzukommen. Die Moskauer U-Bahnhöfe sind prunkvoll, haben jedoch etwas von ihrem Glanz verloren. Ich warte in einer Art zentralen Halle, in der man auch die Fahrkarten erstehen kann. Wo ist Pavel? Ich warte schon eine viertel Stunde. Eine Unzahl an Passagieren eilt aus jeder Richtung an mir vorbei. Einerseits genieße ich es, somit einen Querschnitt der Moskauer Bevölkerung zu erhalten, andererseits ist es aber auch schwierig, den kleinen Pavel mit seinen 160 Zentimetern in diesem Gewühl auszumachen. Inzwischen sind schon 30 Minuten vergangen. Hätte ich jetzt nur ein Mobiltelefon dabei. Vielleicht gibt es hier ja eine Telefonzelle. Ich schaue mich um, werde aber nicht fündig. Hier sind nur der Fahrkartenschalter und ein kleiner Kiosk, aber ich bezweifle, dass die mich telefonieren lassen. Dazu kommt, dass ich ja nicht einmal fragen könnte. Seit unserer verabredeten Zeit ist inzwischen eine dreiviertel Stunde vergangen. Mir kommt die blendende Idee, ein Postamt aufzusuchen. Ich versuche, einem Passanten mit Händen und Füßen zu erklären, wonach ich suche. Toll, er versteht mich und zeigt mir den Weg. Die Post ist in der Nähe einer weiteren U-Bahnstation. Ich laufe dorthin und kann dank meiner inzwischen geübten russischen Telefonkenntnisse meinen Freund erreichen. »Pavel, hier ist Michael, wo steckst du denn?« – »Das wollte ich dich auch schon fragen, ich warte an der Haltestelle, wo bist du denn?« Es stellt sich heraus, dass Pavel am Bahnsteig gewartet hat, während ich ihn etwa 50 Meter weiter oben im Zwischengeschoss gesucht habe. Ich kaufe noch schnell zwei Schulhefte, die mir ab jetzt als Tagebuch dienen werden, und eile, dieses Mal mit der U-Bahn, zurück. Er möchte mir das ehemalige Allrussische Ausstellungszentrum zeigen. »Sollen wir die U-Bahn nehmen?« – »Nein, ich fahre nie mit der U-Bahn.« Ich muss kurz schmunzeln und erinnere mich an einen alten Schulfreund, der öffentliche Verkehrsmittel mit der Begründung ablehnt, dass darin der Pöbel fahre. Jetzt frage ich mich allerdings schon, warum er dann unten am Bahnsteig auf mich gewartet hat. Er hat also extra eine Fahrkarte kaufen müssen, um die Drehkreuze zu passieren und jetzt möchte er sein Billet nicht einmal einlösen. Pavels Weigerung, die Bahn zu nehmen, beschert mir aber ein neues Erlebnis: das Privattaxi. Er streckt seinen Arm hinaus auf die Straße und schon hält ein roter, fast schon auseinanderfallender Moskwitsch. Diese sowjetische Automarke stammt ursprünglich von einem Opelwerk, welches nach dem Zweiten Weltkrieg den Russen als Reparationszahlung überlassen wurde. Obwohl mir der Fahrstil des jungen Mannes am Steuer eher Angst einflößt, freue ich mich, »wie die Einheimischen« über Moskaus Straßen zu sausen. Wir steigen vor einem riesigen Torbogen aus. Dieses von seinen Ausmaßen an das Brandenburger Tor in Berlin erinnernde Monument bildet den offiziellen Eingang zum ehemaligen Sowjetischen Ausstellungsgelände. Das überwältigende Tor wird von einem landwirtschaftlichen, starken und schönen Bronzepärchen bekrönt, welches mich stark an entsprechende Darstellungen im nationalsozialistischen Deutschland erinnert. Diese Liaison verwundert aber nicht, wenn man weiß, dass das Gelände ursprünglich 1939 als Landwirtschaftsaustellung mit thematischen Pavillons angelegt wurde. Später hat hier dann die sowjetische Führung die Errungenschaften des Sozialismus zur Schau gestellt. Besonders attraktiv muss damals der Pavillon der Weltraumausstellung gewesen sein. Inzwischen dienen die alten Ausstellungsgebäude als Markthallen. Heute wirken die pompösen Monumente und Bauten, die einst den Stolz der Sowjetunion repräsentierten, nur noch wie Kulissen, die einen gespenstischen Eindruck des einstigen Glanzes und vor allem der brutalen Staatsmacht hinterlassen. Ich versuche, mir das Gelände zu seiner Blütezeit vorzustellen. Wenn Steine sprechen könnten, was würden sie uns jetzt erzählen? Ich sehe ihnen ein leichtes Seufzen an. Erinnerungen an eine glorreiche, längst verflossene Zeit?

Nach der Nostalgie geht es wieder per Privattaxi zurück ins 21. Jahrhundert. Im Book-café, einer Mischung aus Café und öffentlicher Bücherei, erholen wir uns von den eisigen Temperaturen. Danach möchte mein Freund unbedingt eine Fotoausstellung über den venezianischen Karneval ansehen. Ich bin von dieser Idee zwar alles andere als begeistert, tue ihm aber den Gefallen. Da wir die einzigen Besucher sind, führt uns die Museumsdirektorin persönlich durch die Ausstellung. Neben den Bildern sind auch einige Skulpturen zu sehen. Weder die Fotos, oder besser gesagt die Collagen, noch die übrige vorhandene Kunst lassen sich so recht mit meinem Geschmack vereinbaren. Ich ertrage den Rundgang und versuche, den sehr ausführlichen Erklärungen unserer Führerin und Pavels Zusammenfassung auf Englisch zu folgen, bin aber dennoch erleichtert und froh, als wir die Galerie verlassen und in der benachbarten Kneipe ein kühles Bier trinken. »Heute Abend habe ich etwas typisch Russisches für dich ausgesucht«, erklärt Pavel, »das Café Margarita.« Zu meinem Erstaunen fahren wir mit dem öffentlichen Bus dorthin. Das kleine, an eine private Bibliothek erinnernde Restaurant ist bis auf unseren Tisch in der Mitte des Lokals schon voll besetzt, als wir eintreten. In der Ecke ist die rote Bar, rechts daneben sitzt, flankiert von zwei jungen Geigerinnen, eine Pianistin an ihrem Klavier. Die Atmosphäre ist mir sofort sympathisch. Wir haben noch nicht richtig Platz genommen, da bestellt Pavel schon 900 Gramm Wodka. Die schöne, birnenförmige Glaskaraffe wird auf Eis serviert; dazu gibt es allerlei eingelegtes Gemüse. Im Gegensatz zu gestern kenne ich mich heute schon gut mit den russischen Trinkgepflogenheiten aus und mache gleich den Anfang. »Pavel, ich erhebe mein Glas auf dich. Vielen Dank, dass du mich an so einen tollen und speziellen Ort geführt hast.« Aus seinem breiten Grinsen kann ich ablesen, dass er mit mir zufrieden ist und sich freut, dass seine Einweisungen in die russischen Tischmanieren Früchte tragen. Er lässt es sich aber nicht nehmen, gleich zu kontern. »Auf dich, mein Freund, auf dass du dich so schnell mit den Traditionen meines Heimatlandes angefreundet hast.« Und hopp, schon sind die ersten zwei Gläser die Kehle hinuntergeflossen. Die Kellnerin bringt uns Crêpes mit rotem Kaviar, das Trio spielt Gute-Laune-Musik. Ich bin richtig glücklich. Je länger wir sitzen, essen und Wodka trinken, desto stimmungsvoller spielt die Musik. Obwohl Geige und Klavier eher traditionelle Instrumente sind, heizen die drei jetzt richtig ein und können sämtliche Gäste mitreißen. Die Atmosphäre ist schwierig zu beschreiben. Mit der Zeit können wir uns kaum noch auf den Stühlen halten. Am liebsten möchten wir aufstehen und tanzen, doch dazu fehlt in der engen Stube der Platz. Immer wieder steht an irgendeinem Tisch jemand auf und prostet in die Runde. Unser knapper Liter Wodka neigt sich dadurch schnell dem Ende zu und es bleibt uns nichts anderes übrig, als Nachschlag kommen zu lassen. Ich kann es gar nicht fassen, dass wir schon fast einen Liter von diesem hochprozentigen Nass getrunken haben, Pavel hingegen scheint es als das Normalste der Welt hinzunehmen, als die zweite Karaffe unseren Tisch erreicht. Nach dem Dessert verteilt die Besitzerin Papierhüte. Nun fühle ich mich wie an Karneval oder Silvester. Dazu tragen nicht nur die Kopfbedeckungen bei, sondern vor allem der Alkohol und die drei Mädchen, die mit ihrer Musik die Stimmung zum Beben bringen. Es ist, als wären wir bei einem russischen Familienfest. Es scheint, als würden wir uns alle kennen, alle singen, schunkeln und trinken zusammen. Ich habe den Rhythmus immer noch im Blut, als wir das Restaurant verlassen müssen. Auf der Suche nach einem Lokal, wo um diese Zeit noch etwas los ist, landen wir in der »Pyramide«, einer Bar, deren äußere Form dem Namen entspricht. Ich weiß nicht, ob es der viele Wodka ist oder der wirkliche Eindruck, aber sobald wir eintreten, finden wir uns in einer futuristischen, fast außerirdischen Welt wieder. Im Neonlicht leuchten von den Wänden ägyptische Hieroglyphen. Die ganze Atmosphäre ähnelt einer Weltraumstation, die mit einer übergroßen Sphinxstatue doch noch den Bogen zu den Wurzeln unserer abendländischen Kultur zu spannen versucht. Der Gegensatz zu jener des gemütlichen, stimmungsvollen und realitätsnäheren Café Margarita ist so groß, dass wir nur noch einen letzten Wodka trinken und dann im wahrsten Sinne des Wortes satt und zufrieden ins Bett sinken.

Nach dem gestrigen Gelage wache ich erst kurz vor zehn Uhr auf. Ich möchte heute endlich einmal mit meiner neuen Freundin telefonieren. Natürlich möchte ich mich auch an dem tollen Frühstücksbuffet im 21. Stock bedienen, muss darauf aber leider verzichten, da Simone später arbeiten muss und somit für mich nicht mehr erreichbar sein wird. Ich laufe wieder zum Postamt. Inzwischen zum Routinier in Sachen Telefonieren in Russland geworden, gehe ich in der Ideallinie vom Haupteingang durch die Vorhalle in das Telefonamt, melde mich bei den strickenden Beamtinnen an, was wortlos funktioniert, da wir uns ja schon kennen, und betrete meine Kabine. Es tut so gut, nach fünf Tagen endlich wieder Simones Stimme zu hören. Dafür habe ich gerne ein Loch im Bauch. Obwohl ich weit weg von ihr bin, ist es ein kleines Stück Heimat, welches mein Herz erwärmt. Aufzuhängen und das Gespräch zu beenden ist, als würde man plötzlich aus einem schönen Traum erwachen. Dennoch hält das Glücksgefühl in meinem Bauch an und ich trete mit einem breiten und glücklichen Grinsen vor die Tür des Postamts. Minus 15 Grad zeigt eine elektronische Tafel, doch ich bin von dem Telefonat innerlich noch so aufgewärmt, dass mir die Kälte gar nichts ausmacht. Da ich gestern nicht mehr dazu gekommen bin, möchte ich heute das Lenin-Mausoleum besichtigen. Als ich am Roten Platz ankomme, muss ich feststellen, dass dieser gesperrt ist. Obwohl einige andere Leute über den Platz zu dem kleinen roten »Tempel« mit der kyrillischen Aufschrift »Lenin« spazieren, komme ich an den Wachen nicht vorbei. Natürlich finden wir keine gemeinsame Sprache, in der wir uns unterhalten könnten, aber der mit seiner Pelzmütze und seinem langen grünen Militärmantel Furcht einflößende Offizier weist mich auf Russisch ab. Das einzige Wort, welches ich seinem für mich sonst unverständlichen Vortrag entnehmen kann, ist »Fotoapparat«. Ich habe keine Ahnung, warum ich nicht wie die anderen an ihm vorbei darf. Ich denke mir, in diesem Fall positiv: »Was du heute könntest besorgen, dass verschiebe ruhig auf morgen«, und ändere mein Touristenprogramm, indem ich mich entschließe, den Kreml zu besichtigen.

Der Moskauer Kreml ist der älteste und zentralste Teil der russischen Hauptstadt. Ursprünglich als mittelalterliche Burg gebaut, wuchs er mit der Zeit zu einer kleinen Stadt mit zahlreichen Palästen und Kirchen heran. Hier residierten schon die Zaren und die Moskauer Großfürsten, bevor die Hauptstadt Anfang des 18. Jahrhunderts nach Sankt Petersburg verlegt wurde. Nach der russischen Revolution war der Kreml Sitz der Staatsmacht; von Lenin über Stalin bis hin zu den heutigen Präsidenten residierten beziehungsweise residieren sie alle hier. Mein Rundgang beginnt im sogenannten Armory Chamber, der Rüstkammer. Wie der Name schon vermuten lässt, waren hier bis zum Umzug des Zaren in die neue Hauptstadt Werkstätten zur Herstellung von Waffen und Rüstungsgegenständen untergebracht. Als diese dann aber in den Norden abwandern mussten, wurde die ehemalige Rüstkammer bereits im 18. Jahrhundert zu einem Museum für angewandte Kunst. Als ich eintrete, bin ich vom Prunk und von der Größe überwältigt. Das hier gleicht eher einem Königspalast als einem Museum, geschweige denn einer ehemaligen Handwerkstatt. Über eine große, weiße und goldene Paradetreppe gelange ich in die eigentliche Ausstellung. Das ganze Gold und Silber, welches hauptsächlich aus Kirchenschätzen stammt, bildet einen krassen Gegensatz zur kalten, schneebedeckten Außenwelt. Neben all den Kunstgegenständen, Kleidern und Waffen begeistert mich vor allem ein Osterei. Es ist nicht irgendein bemaltes Ei, sondern jenes, welches Carl-Peter Fabergé, ein russischer Goldschmied, gegen Ende der Zarenzeit angefertigt hat. Es ist ein Ei, welches auf einem Miniaturmodel des Kremls thront und selbst als Maria-Entschlafens-Kathedrale dargestellt ist. Jeder, der schon einmal versucht hat, ein normales Osterei auszublasen und zu bemalen, weiß, wie kostbar so etwas ist. Kindheits- und Jugenderinnerungen werden wach, während ich die ersten »Überraschungseier« der Geschichte bestaune. Ein weiteres Highlight ist die Mütze des Monomach. Diese lustige Mischung aus Pelzmütze und Krone diente den Großfürsten und Zaren als Kopfbedeckung, bis sie Zar Peter der Große durch die Zarenkrone ersetzen ließ, die ich ebenfalls besichtigen kann. Den Abschluss bilden prachtvolle Kutschen, die aus reinem Gold zu sein scheinen. Wieder an der frischen Luft besichtige ich den Rest der Anlage; das sind hauptsächlich orthodoxe Kirchen. Leider ist der Große Kremlpalast geschlossen. Da er dem amtierenden russischen Präsidenten als Regierungs- und, zumindest offiziell, auch als Hauptwohnsitz dient, ist er der Öffentlichkeit nur sehr selten zugänglich. Ich staune, dass ich mich in der wichtigsten Sehenswürdigkeit Moskaus praktisch alleine befinde, bin allerdings sehr froh darüber, keine Touristenmassen antreffen zu müssen. Einen Nachteil hat die Menschenleere jedoch: Ich finde niemanden, der mich mit der über 200 Tonnen schweren Zarenglocke ablichten könnte. Die größte Glocke der Welt ist über sechs Meter hoch und hat einen Durchmesser von ebenfalls diesem Ausmaß. Leider wurde sie vor ihrem ersten Aufhängen bereits beschädigt und konnte somit nie läuten.

Nach einer kurzen Siesta möchte ich wieder ein Stück russische Lebensart kennenlernen: das Banja, die russische Sauna. Ich mache den typischen Touristenfehler und steige in ein Taxi ein, welches direkt vor dem Hoteleingang wartet. Die Fahrt zum Sandunovskije Banja kostet mich das Fünffache dessen, was Pavel normalerweise zahlt. Das Banja ist Moskaus älteste und traditionellste Sauna. So unscheinbar es von außen ist, desto schöner und prachtvoller ist es im Inneren. Eine kleine, blau-goldene, stark verzierte Eingangshalle führt zur Kasse. Dort werde ich nach der Klasse gefragt, in welcher ich »saunen« möchte. Um ein umfassendes Erlebnis zu genießen, entscheide ich mich für die erste Klasse. Über eine geschwungene Treppe gelange ich in das obere Stockwerk. Als erstes betrete ich den Ruhe- und Umkleideraum. Hier ist es jedoch alles andere als ruhig. Die Wände dieses sehr hohen Saals sind mit Mahagoniholz getäfelt. Wunderschöne Lüster spenden das nötige Licht. An den Seiten des Raumes sind kleine und größere Séparées. Was hinter den zugezogenen Vorhängen geschieht kann man zwar nicht sehen, wohl aber sehr laut hören. In diesen Privatkammern treffen sich hochrangige Vertreter aus Politik, Wirtschaft und der Mafia, um Geschäfte zu machen. Ich werde sofort vom Manager, der anders als die Bademeister in Westeuropa einen dunklen Anzug und Krawatte trägt, empfangen und bekomme einen Platz auf einer der zahlreichen Mahagoniholzbänken zugewiesen, die den Raum füllen. Mit einem Ruheraum, wie ich ihn aus heimatlichen Saunas her kenne, hat dieser Saal nichts zu tun. Die Anordnung des Mobiliars und der sehr hohe Geräuschpegel erinnern an eine Bahnhofshalle, die luxuriöse Dekoration dagegen aber eher an eine alte Bibliothek oder an einen Königspalast. Tatsächlich war das Sandunovskije Banja früher auch das königliche Bad. Nach Geschlechtern wird hier übrigens sehr streng getrennt. Die Frauen haben ihr eigenes Banja, welches allerdings nur in den Ausführungen zweite und dritte Klasse existiert. Der Manager erkennt sehr schnell, dass ich noch nie in einem russischen Banja war und gibt mir deshalb eine Einweisung in die hiesige Badekultur. Als erstes muss ich mich entkleiden. Ich erhalte zwei Handtücher und, zu meiner Verwunderung, einen Filzhut. »Diese Mütze musst du im Schwitzraum aufsetzen, um deine Haare zu schonen«, erklärt man mir. Ich komme mir ziemlich albern vor, als ich nackt mit dem Filzhut auf meinem Kopf durch die verschiedenen Räume des Banja geführt werde. Überall erhalte ich detaillierte Informationen. Ich versuche, mir alles genau zu merken und mir die Abläufe einzuprägen, um nicht unangenehm aufzufallen. Meine Einführung ist zu Ende. Nun bin ich endlich wieder alleine und habe meine Ruhe – denke ich zumindest. Also jetzt der Reihe nach: als erstes reinigen. Hierfür stehen Kübel und Duschen bereit. Ich bevorzuge Letzteres. Nun geht es ins eigentliche Banja, in den Schwitzraum. Ich öffne die Tür und habe das Gefühl, mich in der Hölle zu befinden. Nun ist es mit dem Alleinsein und der Ruhe vorbei. Ich stehe in einem riesigen Raum. Rechts ist ein Ofen, der vom Boden bis zur Decke mindestens fünf Meter in die Höhe ragt. Im oberen Teil ist eine Öffnung, durch die man die Flammen lodern sehen kann. Direkt vor mir und mir den Weg versperrend steht ein untersetzter Russe, nackt, schweißtriefend, und schleudert mit einer riesigen, bratpfannengroßen Kelle Wasser in die Ofenöffnung. Die Temperatur beträgt etwa 90 Grad und die Luftfeuchtigkeit ist durch die ständigen Aufgüsse extrem hoch. Ich zwänge mich an dem korpulenten Einheimischen vorbei und suche einen freien Platz. Da sitze ich nun mit meinem »Tirolerhut« und schwitze. Es zischt vom Wasser, welches auf das Feuer trifft, es ist extrem heiß und der Dampf beeinträchtigt die Sicht in diesem sehr schwach beleuchteten Raum. So stelle ich mir die Hölle vor. Ich schaue mich um. Die anderen Saunagäste sehen im Dunst alle recht ähnlich aus, kräftig, rundlich und unter dem Filzhut versteckt sich ein verschmitztes, leicht alkoholisiertes Gesicht. Richtige Mafiosi. Die meisten sitzen auf den hölzernen »Balustraden«, stehen aber immer wieder auf, um sich mit dem Wenik, einem Bündel eingeweichter Birkenzweige, gegenseitig auszupeitschen. Rhythmisch ertönen die dumpfen Schläge und das tiefe Stöhnen der Geschlagenen, der Schweiß spritzt und hämisch klingt das Gelächter und Gebrülle der anderen. Nach einer viertel Stunde halte ich es in dieser Unterwelt nicht mehr aus und verlasse das Heizzentrum. Im weiß gekachelten Saal vor dem Schwitzraum stehen mannshohe Holzbottiche mit Eiswasser bereit. Es tut richtig gut, sich darin abzukühlen. Als nächstes folgt ein Bad im Schwimmbecken. Ich bin darin fast alleine und kann ungestört meine Bahnen ziehen. Welch eine Wohltat nach dem heißen und lärmenden Erlebnis. Die Ränder des angenehm kühlen Beckens sind mit Säulen gesäumt. Dazwischen stehen vereinzelt kunstvolle Marmorstatuen an den Wänden. So müssen die römischen Thermen ausgesehen haben. Endlich komme ich zum gemütlichen Teil des Saunaganges, zum Ruhen. Doch leider ist der dafür vorgesehene Ruheraum, wie schon erwähnt, alles andere als ruhig. Hier wird bei Bier, Wodka, Lachs und Kaviar das Leben genossen und Geschäfte werden gemacht. Ich setze mich auf meinen Platz auf der Mahagonibank, lehne mich zurück und versuche zu entspannen. Ich mache mir gerade Gedanken darüber, wie man es nur ertragen kann, zwischen den Saunagängen Alkohol zu trinken, als plötzlich der Saunamanager mit einem kühlen, frisch gezapften Bier vor mir steht. Er drückt mir den Krug in die Hand, platziert sich auf der gegenüberliegenden Bank und fängt an, sich mit mir zu unterhalten. Er habe Mitleid mit mir empfunden, weil ich ganz alleine hier sei und keine Gesellschaft habe. Es fällt mir nicht schwer, mich an die Badetraditionen hierzulande zu gewöhnen. Trotz der fehlenden Ruhe und des Alkohols fühle ich mich sehr entspannt und sehr fit, die nächste Runde anzutreten. Das ganze Schauspiel wiederholt sich. Bei meinem dritten Saunagang will ich es ganz authentisch machen. Ich nehme mir einen der vielen Birkenzweige, die in Kübeln vor dem Schwitzraum eingeweicht werden. Als ich versuche, mir damit selber den Rücken zu massieren, bietet mir mein Schwitznachbar seine Hilfe an. Ich zögere zwar anfangs etwas, gebe mich dann aber doch diesem traditionellen Ritual hin. Dieses Erlebnis muss sein. Er peitscht mit dem Geäst auf mich ein. Entgegen meinen Erwartungen schmerzt das aber nicht, sondern wirkt sehr wohltuend. Das liegt einerseits daran, dass die Zweige eingeweicht sind und auch noch einen Teil ihres Laubes tragen, andererseits aber vor allem an der dadurch geförderten Durchblutung. Als ich das Banja wieder verlasse, geht es mir richtig gut. Pavel, mit dem ich mich wieder verabredet habe, wartet schon auf mich. Ich habe das Gefühl, dass ich das Bier, welches ich im Ruheraum getrunken habe, schon wieder herausgeschwitzt habe und schlage vor, bei einem kühlen Piwa³ den Abend zu besprechen. Pavel hat uns in einem sehr populären Selbstbedienungsrestaurant einen Tisch reserviert. Wieder versuche ich allerlei einheimische Gerichte, so zum Beispiel mit Sauerrahm und Käsequark gefüllte Crêpes. Diese Geschmacksmischung ist ziemlich seltsam und verlangt schon fast danach, mit dem russischen Nationalgetränk heruntergespült zu werden. Da der gestrige Abend aber immer noch an uns nagt, übertreiben wir es damit heute nicht, sondern gehen schon nach wenigen Wodkas ziemlich früh zu Bett.

Dass wir uns am Abend alkoholisch und zeitlich relativ zurückgehalten haben, wird dadurch belohnt, dass ich es an meinem letzten Tag in Moskau das erste Mal rechtzeitig zum Frühstück schaffe. Als ich den schönen Saal betrete, lächelt mich der Kellner an, der mich am ersten Morgen so schnell wieder loswerden wollte. Ich schwelge und genieße das reichhaltige Buffet und die grandiose Aussicht vom 21. Stockwerk. Heute ist mein Abreisetag. Heute Abend werde ich wieder in den Zug steigen und meine lange Reise fortsetzen. Bis dahin möchte ich meinen Rucksack im Hotel deponieren. Normalerweise ist so etwas in einem Hotel dieser Klasse kein Problem. Ein freundlicher Rezeptionist nimmt in der Regel das Gepäckstück entgegen und wünscht einem einen schönen Tag. Nicht so im Hotel Rossija in Moskau. Ich werde an die Gepäckdeponie auf der genau gegenüberliegenden Seite des Hotels verwiesen. Ich laufe also um das halbe Hotel herum, was ungefähr der Strecke von einem Kilometer entspricht. Dort kann ich meinen alten Schweizer Armeerucksack problemlos deponieren und erhalte eine Depotkarte, mit der ich mein Reisegepäck später wieder abholen kann. Ich möchte noch einige Postkarten verschicken und frage hierfür, ob man im Hotel Briefmarken kaufen könne. Natürlich versteht der Mitarbeiter am Gepäckschalter nur Russisch, aber ich kann mich mit der Zeichensprache inzwischen ganz gut ausdrücken. Meine Postwertzeichen kann ich an der Rezeption auf der Südseite bekommen. Ich habe das Hotel auf dessen Westseite verlassen, bin nördlich um das Gebäude herumgelaufen, um an der Ostseite meinen Rucksack zu deponieren und laufe nun über die Südseite wieder zurück zu meinem Ausgangspunkt. Um die einfachen Dienste zu erhalten, die ein Hotelempfang in der Regel bietet, muss ich hier einen zwei Kilometer langen Fußmarsch zurücklegen. Zumindest habe ich meinen Frühsport jetzt schon hinter mir und die durch das Frühstück aufgenommenen Kalorien wieder verbrannt. Heute, an meinem letzten Tag in Moskau, will ich den Lenin nun endlich sehen. Wieder ist der Rote Platz gesperrt und wieder erzählt mir der Sicherheitsoffizier etwas von einem Fotoapparat. Zu meinem Glück kommt gerade eine Touristengruppe, deren Führer Englisch spricht und mir das Problem erklärt. Der Rote Platz sei immer während der Öffnungszeiten des Lenin-Mausoleums abgeriegelt, um die Besucher besser kontrollieren zu können. Man dürfe in der Regel keine Kameras dabei haben. Natürlich habe ich meine kleine Minox dabei und komme deswegen nicht an den Bewachern vorbei. Das ist aber nicht so dramatisch, denn es gibt ein extra dafür vorgesehenes Büro, welches ganz in der Nähe des Kremleinganges ist. Als ich dort meinen Fotoapparat abgeben möchte, will ihn der dort sitzende Beamte nicht entgegennehmen. Er ist sehr wortkarg und die wenigen Worte, die er spricht, kann ich nicht verstehen. Seinem Verhalten und der Tonlage seiner Sprache nach zu schließen, hat er einfach keine Lust und möchte nicht durch das Aufpassen auf eine Kamera in seiner Ruhe gestört werden. Was gäbe es denn noch für Möglichkeiten? Natürlich könnte ich nochmal das Hotel umrunden, also nochmal zwei Kilometer laufen, den Apparat abgeben, den Lenin besichtigen und mit weiteren zwei Kilometern die Kamera wieder abholen. Da frage ich doch lieber die offiziellen Souvenirstände, die hier so zahlreich auf Kundschaft hoffen. Aber auch bei denen versagt mein Glück. Niemand ist gewillt, auch nur fünf Minuten auf einen Fotoapparat aufzupassen. Die einzige Möglichkeit, die mir angeboten wird, bestünde darin, für 1500 Rubel⁴ einen Privatführer zu engagieren. Da ich diesen Preis jedoch für viel zu teuer halte und dahinter auch ein abgesprochenes Spiel zwischen den Wächtern und den sogenannten Führern vermute, verzichte ich darauf, die Mumie zu sehen. Ich tröste mich mit dem Gerücht, dass es sich dabei sowieso nicht um den echten Lenin, sondern nur um eine Wachsfigur handeln solle.

Stattdessen fahre ich mit der U-Bahn in die Nähe einer Stelle, an der ich während der Stadtrundfahrt am ersten Tag einen lebhaften Markt zu sehen geglaubt habe. Doch als ich an die Oberfläche komme, sehe ich nicht das geringste Anzeichen eines Marktes. Schade, das wäre auch zu schön gewesen. Irgendwie kommt mir die Gegend aber doch etwas vertraut vor und ich laufe auf gut Glück los. Ich muss ziemlich lange durch die Kälte stapfen, bis ich den Markt dann doch endlich finde. Mein eigentliches Ziel, einen Wintermantel zu kaufen, kann ich wegen der sehr teuren Preise leider nicht erreichen. Dennoch hat sich der Weg hierher alleine der Atmosphäre wegen gelohnt. Es ist nur noch um die null Grad und der Schnee auf den Gassen zwischen

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