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Romane und Novellen 10: Novellen und Skizzen in Zeitungen und Zeitschriften 1887 - 1912

Romane und Novellen 10: Novellen und Skizzen in Zeitungen und Zeitschriften 1887 - 1912

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Romane und Novellen 10: Novellen und Skizzen in Zeitungen und Zeitschriften 1887 - 1912

Länge:
538 Seiten
6 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Jun 12, 2012
ISBN:
9783844823684
Format:
Buch

Beschreibung

Die Werke Herman Bangs (1857-1912) gehören zu den bedeutendsten der dänischen Literatur, teils wegen ihres tiefen Einblicks in die menschliche Seele, teils wegen ihres impressionistischen, filmischen Stils, der die Prosa seiner Zeit veränderte und noch immer die Literutur der Neuzeit prägt. Die auf zehn Bände angelegte Neuübersetzung der Romane und Novellen fußt auf der großen historisch-kristischen Gesamtausgabe "Danske Sprog- og Litteraturselskap", Kopenhagen 2008-2010.
Herausgeber:
Freigegeben:
Jun 12, 2012
ISBN:
9783844823684
Format:
Buch

Über den Autor


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Romane und Novellen 10 - Herman Bang

6).

Die Schildwache

Eine Erzählung vom Silvesterabend in Berlin

Nun war es ruhig geworden.

In ganz feinen Flocken fiel der Schnee lautlos in der breiten Straße, und er hörte nur – wie die Schritte eines, der auf dem gegenüberliegenden Gehweg ging – das Echo seiner eigenen Schritte, vor und zurück, vor und zurück, von Eingang zu Eingang und Wende am Wachhäuschen.

Nun war der Strom vorbeigezogen: all die schwatzenden Leute, hastig, froh, all die fremden Menschen … Er, Jacques Rothberger hatte sie betrachtet, vor seinem Wachhäuschen, das Gewehr in der Hand, mit den verschleierten, halb geschlossenen Augen, mit denen man das fließende Wasser zu seinen Füßen anstarrt. Nur manchmal, wenn eine Schar Soldaten aus dem Schwarm auftauchte, in frohem Trab, mit ihren Urlaubsbündeln in den Händen, fröhlich, wie Jungen, die die Schule verlassen – konnte er seinen Kopf etwas drehen und ihnen nachschauen, bis sie im Gewimmel beim Potsdamer Bahnhof verschwanden: Dann stand er wieder, unbeweglich, sein Gewehr im Arm, sah und sah doch nicht und hörte das Gewirr von Stimmen und den Lärm der Wagen wie das leere Platschen eines Rades in einem Teich.

Nach und nach wurde das Gewimmel lichter; Droschken und Wagen schoben sich mit langen Zwischenräumen vor, und man hörte ihr Rollen weit in der Straße, wo der Schnee fein und leise zu rieseln begonnen hatte … Und mit einem Mal war es so ruhig, ganz still, als wäre sie plötzlich am letzten Abend des Jahres eingeschlummert, die große Stadt Berlin.

Nur aus einigen wenigen Fenstern unten in der Straße vernahm man die Töne eines Klaviers, das immer wieder im Schwirren der Stimmen und dem raschen Laut von Tanzschritten auf einem Boden unterging. Jacques Rothberger blieb einen Augenblick stehen, bevor er sich wieder umdrehte und lauschte. Dann begann er, ganz leise die Melodie zu pfeifen, einen Walzer, und er sah mit einem fröhlichen Lächeln in die Luft wie ein Mensch, der plötzlich und unvermutet einen Freund trifft …

Und im gleichen Augenblick sah er alles zusammen so deutlich: die strahlenden Gesichter der Mädchen, die hinaus und hinein, hinaus und hinein wirbeln – unter der Linde; und die Burschen mit offenen Jacken und Blumen am Hut, die auf dem Tanzboden zu den Violinen und der Flöte des Schmiedes trampeln, – wie sich „Vater" Mollinot doch mühte und auf seiner langen Flöte blies, als müßten ihm die Augen aus dem Kopf fallen und ihm über die dicken Backen hinabrollen … Wie sie tanzten! So tanzt man nur im Elsaß.

Er sieht die Wiese vor dem Gasthaus – die prächtige Wiese zum Wald hinab, an dessen Saum es zu dämmern begann – der Fluß, breit und mächtig durch all die Wiesenbäche, glitt leise dahin und versteckte sich unter den Ulmen …

Ja – diese herrliche Wiese! Wenn sie vom Tanzen müde waren, gingen sie durch die Senke, Paar um Paar, und sie sangen – Vater Jeans alte Soldatengesänge –, bis sie hinüber zum Wald kamen und es dunkelte, und sie entfernten sich etwas voneinander, die Paare, zwischen den Bäumen, auf den vielen Pfaden, die dort in den jungen Wald hineinführten …

Wie ruhig es dort unter den Bäumen war und wunderbar, so leise dahin zuschreiten, dicht aneinander gedrängt, und leise zu lachen und sich oft zu küssen. Drinnen im Wald war es wieder „gut geworden" zwischen ihm und Louison – ja, der Wald hatte seine Erinnerungen …

Es war der erste Abend – drinnen im Jungwald hatte er ihr folgendes gesagt: Er liebe sie mehr als alle anderen Mädchen auf der Welt, dies hatte er ihr gesagt. Sie aber hatte nur geweint, ihr Haupt gegen seine Schulter gelehnt, bis er Angst bekam, sich auf den Boden vor ihr niederkniete und sagte:

„Louison, Louison" …

Und sie hatte ihr Haupt erhoben und ihn angesehen, wie er dort mit seinem ihr zugewandten, erschrockenen Gesicht dalag – und sie hatte gelacht … gelacht … wie hatten sie beide doch gelacht! …

So unaufhörlich, so ganz und gar ausgelassen, so glücklich …

Einen großen Umweg waren sie an diesem Abend wieder zum Tanzplatz gegangen … den Waldrand entlang, um die ganze Wiese.

Sie hatten um die Bäume Fangen gespielt, bis Louison keine Luft mehr bekam und sie sich auf einem Baumstumpf ausruhen mußte, und er hatte sie geküßt. Dann gingen sie schweigend, sich leicht gegeneinander wiegend, einander anlächelnd, während sie wieder die Musik vom Tanzplatz zu hören begannen …

Und als sie wieder zum Wendeplatz gekommen waren, direkt unter die Eiche, dort, wo Müller Niclas von den Preußen erschossen worden war und wo „Vater" Jean den großen, grauen Stein als Denkmal hatte hinschleppen lassen – dort hielten sie inne, und Arm in Arm hatten sie über die Wiese geblickt, wo die blauen Schatten lagen, als wären sie Zipfel des blauen Himmels, und sie hatten über ihre Zukunft gesprochen, mit gedämpften Stimmen, in kurzen Sätzen, dicht nebeneinander …

Dann drehten sie wieder um, und Louison hatte angehalten und sich den grauen Grabstein von „Vater Jean" über dem armen Niclas angesehen und hatte gesagt, während sie ein klein wenig zitterte und sich an seine Schulter drückte:

„Weißt Du, er war der Bräutigam der Tante … Niclas … und sie standen beide da und sahen auf den grauen Stein: „Arme Tante, sagte Louison. –

Jacques Rothberger umfaßte fest sein Gewehr, und seine Schritte klangen härter auf dem Pflaster vor dem Palais. Hinter den geöffneten Fenstern hatten sie aufgehört zu tanzen … Einige Herren und Damen lehnten sich aus den Fenstern heraus, drinnen begann man zu singen. Jacques Rothberger kannte das Lied:

„Straßburg – oh, Straßburg,

Du wunderschöne Stadt,

Darinnen liegt begraben so mancher Soldat¹"

sangen sie alle … Er verbarg seinen Kopf im Kragen und drehte um: Er kannte dieses Lied, ihr Lied.

Und während es in seinen Ohren weiterklang, sah er „Vater Jeans Zimmerchen mit der alten Holztäfelung und dem großen Bett mit seinem Baumwollvorhang und der Klappbank – und darüber seinen „Kaiser in breitem Rahmen … „Vater Jean" saß immer am Ofen in dem großen Stuhl mit einem Polster für seinen Kopf; die Hände, die halblahmen Hände, hatte er in seinem Schoß gefaltet – und döste; er war ja schon so alt, Vater Jean … man sagte sogar, er sei hundert Jahre alt gewesen, als er starb …

Wenn aber die Jungen gegen Mittag zu ihm hineinkamen, im Dunkel – die Abendsonne leuchtete direkt in „Vater Jeans Stube, rötlich, wie der Schein eines großen fernen Brandes – dann erwachte „Vater Jean, und viele, viele Male erzählte er ihnen, den Jungen, die in der Kammer überall in den Ecken saßen, mit gedämpfter, zitternder Stimme, als ob der Feind vor der Türe lauerte: vom Kaiser – seinem Kaiser … der Kaiser von Austerlitz, der Kaiser von Jena² …

Und den Jungen schien es, als sähen sie ihn, „Vater Jeans Kaiser, mitten in den Schlachten auf seinem Schimmel, in Dampf und Rauch, während die Kanonen donnerten und „Vater Jean vor ihm ritt, durch die Schlacht, die Fahne hoch in seinen Armen – die Fahne, die Trikolore …

„Vater Jean sang auch – mit dieser tiefen, tonlosen Stimme, die klang, als ob sie aus dem Grab käme und die an die letzten Orgeltöne in der Kirche erinnerte – so sang er die alten Kaisergardelieder, während die Jungen in sein Gesicht starrten, wo sich die Augen weiteten und so groß wurden, als sähe „Vater Jean Gespenster, während er sang …

Und wenn er mit dem Singen fertig war und es in der Stube still war, erhob er seine halblahmen Hände und feierlich, wie eine Drohung oder einen Schwur in der Kirche, sagte er:

„Vive l’empereur!"³

… Drüben an den Fenstern erscholl lauter Jubel, so daß Jacques aufschreckte und sich drehte. Laute Hochrufe brachten drinnen Männer und Frauen dar, und plötzlich trat ein junger Mann an das mittlere Fenster und lehnte sich weit hinaus und rief mit hoher, gellender Stimme auf die Straße:

„Es lebe der Kaiser!"

Ein kaltes Beben ging durch den Körper von Jacques, während er, bleich, sein Gewehr umklammerte.

Anmerkungen

1. „O Straßburg, du wunderschöne Stadt: Im 19. Jahrhundert weitverbreitetes Volkslied. Erstmalig im Sesenheimer Liederbuch von 1771 nach dem Text von Oskar Wöhrle erschienen. Die spätere, verbreitete Melodie wurde 1828 niedergeschrieben. Das Lied hat sieben Strophen. Die erste lautet: „O Straßburg, o Straßburg, du wunderschöne Stadt, darinnen liegt begraben so mannicher Soldat, darinnen liegt begraben so mannicher Soldat.

2. Der Kaiser von Austerlitz (…), von Jena: Napoleon I. gewann einen spektakulären Sieg über die russischen und österreichischen Armeen in der sogenannten Dreikaiserschlacht am 2.12.1805 bei Austerlitz; am 14.10.1806 besiegte er die Preußen in der Doppelschlacht Jena–Auerstädt.

3. „Vive l’Empereur!: „Es lebe der Kaiser! Hier ist Wilhelm I. (1797–1888) gemeint.

„Die polnische Nachtigall"

Wenn nicht alle Weihnachtsmarken¹ täuschen, wird jetzt das Frühjahr sie gen Norden führen. Bevor wir Patti² zu hören bekommen – sie ist dort in Mexiko und Buenos Aires, wo die fünfzigjährigen Primadonnen ihre letzte Million vollenden, allzu beschäftigt – werden wir diejenige, die sie vom Thron stoßen sollte, gehört haben: Marcella Sembrich³ kommt in den Norden.

Sie ist die aufgehende Sonne, ohne Mißtöne gefeiert; reif und doch jugendlich; von der gelehrten Kritik vergöttert, von den Feuilletonisten umschwärmt.

Die Professoren am Konservatorium schreiben in gewundenen Sätzen, daß sie Lucca⁴ und Patti gefolgt sei, um allein beide zu ersetzen; die Feuilletonisten verpacken sie in ihren ausführlichen Spalten mit Superlativen und endlosen Mythen.

In zehn Jahren wird man nicht mehr wissen, was hier Wahrheit und was Dichtung ist. Noch ist alles so frisch, daß man den wahren Spuren folgen kann, aber – auch die Wahrheit, die man findet, lautet wie Dichtung.

Marcella Kochanska – das ist Sembrichs wirklicher Name – ist Polin. Die Wiener, die in ihrem Urteil über die Schönheit einer Frau wählerisch sind, nannten sie neulich eine der schönsten Frauen, die jemals die Köpfe der Männer verdreht hätten. Diese Äußerung stimmt. Sie trifft jedoch nicht ganz zu. Denn Marcella Sembrich scheint es fern zu liegen, die Köpfe der Männer verdrehen zu wollen. Ihre Schönheit ist majestätisch und fast feierlich. Man wird sie vielleicht sogar kalt oder gleichgültig nennen – bis man sie lächeln sieht. Das Lächeln, das hell und jugendlich-glücklich ist, durchbricht alle Wolken und ergießt seinen Glanz über ihr Antlitz. Dieses Lächeln, schrieb kürzlich ein Wiener Enthusiast, sei für sich schon ein Gedicht …

Marcella Sembrichs Stimme paßt zu dieser Erscheinung. Klang und Farbe ihrer Stimme sind dunkel wie ihre Schönheit. Aber wenn diese Stimme in schwindelnder Höhe singt, bekommen die süßen Töne das glänzende Licht jeglichen Lächelns über sich. Vielleicht ist das – dieser Gegensatz – das letzte Geheimnis ihrer künstlerischen Macht. Ihre Triller, ihre Höhe, dieses ganze Spiel mit dem Unmöglichsten der Gesangskunst ist wie in Licht gebadet – und dann geht wieder eine einfache Kantilene⁵ fast in den Alt über, düster und wehmütig.

Genauso, wie man sich die Weisen Polens vorstellt, erklingt ihre Stimme in solchen Augenblicken.

Wenn Marcella Sembrich gegen den Schluß des Konzerts, wenn die Beifallsrufe nicht nachlassen, sich selbst an den Flügel setzt und ihr eigenes Lied spielt: ein Lied Chopins – ist es, während es im Saal so still wird wie in einer Kirche, während Lied und Töne zu derselben unauflösbaren Harmonie der Klage verschmelzen – als stiege ein Bild von Polens eigenem Schmerz aus der gedämpften, düsteren Melodie auf.

Wie Marcella Sembrich hat nur einer Chopin verstanden und gespielt: Chopin selbst.

Sie lernte ihn ja auch schon als Kind zu lieben. Zuhause in Lemberg⁶. Sein Bild hing neben dem von Beethoven, über dem alten Klavier von Johann von Janowitz⁷, ihrem Lehrer.

„Es ist unser Landsmann – der große Frédéric Chopin – ihn wirst du einmal verstehen", sagte der Alte.

Und er strich sein langes graues Haar zurück, und er begann Chopins Lieder und alle Weisen Polens zu spielen. Er vergaß sich ganz, und er spielte weiter und sang mit seiner schwachen, dünnen Stimme die alten polnischen Weisen – während Marcellina in ihrer Ecke lauschte …

Der arme Johann Janowitz – er sollte den Tag, an dem Marcella berühmt wurde, nicht mehr erleben. Der Tod hatte es zu eilig. Er nahm ihn vorher zu sich.

Er war ein Sonderling, wie ihn die Dichter der Romantik in ihren Romanen zu schildern pflegten, er liebte und opferte sich nur für zwei Dinge – seine ganze Zeit, sein ganzes Leben, sein kleines Vermögen: für die Musik und für die Armen. Der Musik verlieh er seine Begeisterung und den Armen seinen Geldbeutel …

Er fand – und das ist ein Stück Wahrheit in den Sembrich-Mythen – eines Abends kurz vor Weihnachten (die Zeit, die für diejenigen, die geben können, die schönste ist, die schwerste jedoch für diejenigen, die sich nur etwas wünschen können) ein kleines Mädchen, das dünn bekleidet in einer Kinderschar vor den verlockenden Schaufenstern der Einkaufsstraßen fror.

Johann Janowitz war stehen geblieben, schaute auf die Kinderschar und erblickte ein kleines, verfrorenes Gesicht in der Schar: Nie hatten größere oder sehnsüchtigere Kinderaugen auf die Versuchungen der Weihnachtspracht geschaut als diese beiden schwarzen, tränenfeuchten Guckaugen …

„Was hättest Du denn am liebsten?" fragte auf einmal Johann Janowitz hinter der Kleinen.

„Sag es mir nur – was hättest Du denn am liebsten?" sagte er noch einmal.

Die Kleine schaute ihn an und sah dann in das Schaufenster:

„Die da", sagte sie leise und zeigte auf eine Kindergeige, die im Fenster hing …

„Die Geige?"

„Ja …"

„Was willst Du damit?"

„Mit Vater zusammen spielen", sagte das Kind … Johann Janowitz kaufte das Kinderinstrument, und es wurde – Marcella Sembrichs erste Violine.

Bisher hatte sie mit dem Vater gespielt – einem armen Musikstundenlehrer, der durch die Straßen Lembergs hinauf- und hinunterjagte, um für sich und die Seinen ein dürftiges Dasein zu sichern –; jetzt wurde Johann Janowitz ihr Lehrer. Für Violine und Klavier …

Feuer stak in ihr, der jungen Schülerin, eine Glut, die in allem, was sie spielte, erglomm. Und eine Kraft, die gegen alle Schwierigkeiten anging und sie mit sich riß.

Johann Janowitz hatte nur eine Sorge: Er wußte nicht, ob er sie zu Josef Joachim⁸ oder zu Liszt bringen sollte: „Bei ihr, sagte er, „weiß niemand, ob sie am Klavier oder auf der Violine zum Meister wird.

Zunächst griff man jedoch der Zukunft nicht vor: Marcelline übte auf beiden.

Dies tat sie weiter, auch nachdem der alte Johann Janowitz aufgehört hatte, sie zu unterrichten. Er glaubte nicht, daß er ihr noch mehr beibringen könne: „Dazu bedarf es, sagte er, „jüngerer Finger und eines jüngeren – Kopfes.

Der Alte vermittelte Marcelline zu einem jungen Pianisten in Lemberg, Vilhelm Stengel⁹ … Er war genauso begeistert von der Schülerin wie der alte Janowitz, vielleicht noch begeisterter. Auf jeden Fall ist Marcella Cochanska heute die Gemahlin des jungen Lehrers: Ganz bürgerlich trägt sie nun, in glücklicher Ehe, einfach den Namen „Frau Stengel".

Vorläufig spielten sie in der Zwischenzeit nur einige Jahre zusammen – bis auch Vilhelm Stengel meinte, er könne nun Marcella nicht mehr beibringen …

Jetzt müßte sie, meinte er, zu Liszt.

Aber sie kam nicht so weit wie bis Weimar. Nicht weiter als bis Wien.

Dort wollte das Schicksal, daß ein alter Professor¹⁰, die allererste Autorität, sie zu hören bekam.

Zuerst auf dem Klavier – und dann auf der Violine.

Und nachdem er sowohl Klavier als auch Violine gehört hatte, sagte er, verwundert, zum Spaß:

„Nun – und was noch?"

„Ich kann auch singen", sagte Marcellina.

„Dann singen Sie, sagte der Alte, dem es Spaß machte, „können Sie ein Lied?

Und Marcella Cochanska sang – – und ihr Schicksal nahm seinen Lauf. Sie sollte weder zu Liszt noch zu Joachim. Sie sollte zu Lamperti¹¹ hinab, demjenigen, der Nachtigallen großzieht …

Heute ist Marcella Sembrich die beste Sängerin der Welt.

Wie ihr künstlerisches Können in fast unbekanntem Reichtum ihr erlaubt, sich dreier wechselnder Mittel zu bedienen – so ist auch das Leben, dem jene Fähigkeit Ausdruck verleiht, mannigfaltig wie nur das Seelenleben des Genies: hier sind alle Saiten der menschlichen Seele angespannt, und sie geben alle ihre Töne in einer reinen Kunst.

Anmerkungen

1. Weihnachtsmarken: Die Weihnachtsmarken waren in früherer Zeit gezeichnete oder geschnitzte Marken, die man auf dem Land zwölf Weihnachtstage lang am Deckenbalken anbrachte; sie sollten anzeigen, wie das Wetter in den kommenden zwölf Monaten würde. Die Redewendung „nach allen Weihnachtsmarken zu urteilen bedeutet jedoch nur „soweit ich beurteilen kann.

2. Patti: Entweder die italienische Opernsängerin Adelina Patti (1843–1919) oder ihre Schwester, die Konzertsängerin Carlotta Patti (1840–1889).

3. Marcelina Sembrich (1858–1935): auch bekannt als Marcella Sembrich (geb. Prakseda Marcelina Kochánska) war eine der besten Koloratursopranistinnen ihrer Zeit. Sie stammte aus Lemberg (ukr. Lwiw, poln. Lwow) und ließ ihre Singstimme bei Lamperti in Mailand ausbilden. Ihr Operndebüt war 1877 als Elvira in „I Puritani" in Athen. Nach weiteren Engagements in Wien und Dresden wechselte sie 1883 an die Metropolitan Opera in New York.

4. Lucca: Pauline Lucca (1841–1908) war eine österreichische Opernsängerin.

5. Kantilene: gesangsartige, meist getragene Melodie (aus lat. – it. La cantilena, Singsang, Lied).

6. Lemberg: Heute siebtgrößte Stadt der Ukraine, 800 000 Einwohner. Seit Ende des 15. Jahrhunderts polnisch, wird 1772 Lemberg österreichisch und Hauptstadt von Galizien. 1919–1939 wieder unter polnischer Herrschaft, ab 1939 sowjetisch, nach dem Zerfall des Ostblocks eine der größten Städte der selbständig gewordenen Ukraine. Der ukrainische Name ist Lwiw, der russische Lwow und der polnische Lwów. Im Jahre 1900 hatte Lemberg 160 000 Einwohner.

7. Johann von Janowitz: Keine nähere Information verfügbar.

8. Josef Joachim: (1831–1907): Ungarischer Violinvirtuose, Komponist, Dirigent und Musikpädagoge. Einer der damals bedeutendsten und einflußreichsten Musiker Europas.

9. Vilhelm Stengel: Pianist und Professor am Konservatorium für Musik in Lemberg, der sich 1877 mit Marcella Sembrich verheiratete.

10. Ein alter Professor: Die Musikgeschichte schreibt allerdings allgemein Franz Liszt die Ehre zu, daß sich Marcella endgültig für eine Gesangskarriere entschied.

11. Francesco Lamperti (1813–1892) war ein italienischer Gesangspädagoge.

Träume

Ich trat in eine große Halle, wo Marmorsäulen das runde Dach trugen. Sie war voll von Lärm und Leben. Diener hantierten mit großen Koffern, Wagen rollten vor, aus denen Reisende stiegen, Herren und Damen in Reisekleidung mit Blumensträußen in den Händen. Es war die Eingangshalle eines Hotels.

Die Reisenden sammelten sich am Eingang vor der Tür des Portiers und riefen nach ihren Zimmern. Auch ich folgte dem Strom und ging dorthin. Der Portier – ich glaubte, noch nie einen solchen Riesen gesehen zu haben, wie er dort stand, auf der Schwelle seiner Tür – schaute jeden von uns an, beugte sich zu dem Sprachrohr in der Wand, sprach hinein („Welch unglaubliches Haus", sagte ich zu mir selbst, als ich seine Stimme durch das Sprachrohr hörte, es war, als trügen dumpfe und hastige Echos sie unendlich weit fort, wie weit entfernte Wachposten den Schlachtruf auffangen) und schrieb unseren Namen auf das Täfelchen in seiner Hand.

Zu uns sprach er nicht. Er war weder ungeduldig noch dienstwillig, während die Reisenden rundum die Hände hoben, riefen oder baten. Er schrieb, sprach in das Rohr, blickte mechanisch auf jeden – mit seinen Augen wie aus blauem Glas, gleich einem Automaten oder einem preußischen Staatsdiener – wie eine Maschine, die ununterbrochen läuft.

„Was für ein trefflicher Angestellter", sagte ich zu mir selbst.

Ich folgte dem Strom und betrat den Aufzug. Er war so groß wie ein Omnibus oder eher wie ein Salonwagen – und voller Leute. Sie hatten sich zurecht gesetzt, als hätte sie eine lange Reise zurückzulegen, und sie redeten durcheinander, in vielen Sprachen, über Geschäfte, Politik, Reisen, Börse und Bad.

Ich sagte nichts. Mir kam es vor, als flögen wir plötzlich oder als schaukelten wir auf einem großen Meer, und ich sah voller Angst nach dem Fahrstuhlführer. Aber er stand nur kerzengerade da, ohne sich zu bewegen, und zog die Tür für diejenigen, die ausstiegen, zurück, und zog sie wieder zu. Ohne sich zu bewegen und ohne eine Miene zu verziehen.

„Was für eine Disziplin", sagte ich zu mir selbst. Welche Ordnung in diesem Haus, und ich bekam doppelt so viel Angst beim Anblick dieses beispielhaften Dieners, der die Türe öffnete: Einer nach dem anderen erhob sich (irgendein Zeichen bekamen sie nicht), sie standen nur auf, gingen zur Türe und verschwanden – und wieder schloß sie sich.

Manchmal sah ich, wenn sie fortgingen, wie sie ihr Gesicht in der Tür drehten (ich sah es; die anderen steckten immer die Köpfe zusammen, weg von der Tür, und redeten über alles Mögliche, sie vernahmen nicht das Rasseln der Tür), und die Arme in die Luft streckten wie einer, der betet oder einer, der versinkt …

Und mit einem Mal schien es mir, als sähe ich nur das Gesicht, ohne Körper, mitten im Dunkel, bevor die Tür geschlossen wurde.

Aber Schritte oder Laute vernahm man von denen, die gingen, nicht.

Ich drehte mich um, und ich sprach mit den Reisenden, die laut schnatterten – ihr Kreis war ausgedünnt. Ein alter Herr wickelte sich aus und ein, aus und ein in sein großes Umhängetuch und sagte:

„Ja – diese Reisen – diese Reisen – das gibt kalte Füße – das gibt kalte Füße."

Er stampfte auf den Boden und sagte immer wieder sein „Ja, die Füße, ja, die kalten Füße, wie einer, der seine Zahnschmerzen übertönen will, und durch den ganzen Raum, während er aufstand und umherging, hörten wir wieder: „Ja, die Füße! … Die anderen rückten zusammen, eilends, auf seinen Platz, und sie redeten weiter über Fußfilz und Reibung und Jäger-Strümpfe, als müßten sie auf dem Markt geheime Arzneien feilbieten.

Ich selbst begann, am lautesten zu rufen, und wir sprachen über Füße – wie wenige wir waren und dicht beieinander saßen – und wir fingen an, von alten Tanzmeistern zu reden.

Jeder erzählte von seinem Tanzlehrer. Ja – er hat mir das Tanzen beigebracht … Ja – de Pas … eins … zwei … drei – balancy… eins–zwei–drei. Ja, er konnte die Tanzschritte.

Und alle erzählten wir – wer hörte mehr – jeder von seinem Tanzlehrer: „Ein–zwei–drei"; und wir begannen damit, Tanzschritte auf dem Boden zu vollführen.

Und wie ein Betrunkener, der sich dauernd an einen einzigen Gedanken klammert, bevor alles „verschwimmt", sagte ich:

„Ja – der Tanzlehrer – ja, dieser Tanzlehrer", während ich zur Tür ging.

Es war, als ob ein Sturm alles von meinen Ohren wegnähme und das Dunkel vor mir keinen Boden und keine Decke hätte, und ich spürte in meinem Gesicht nur die große Kälte – –

Die Kälte des Todes, während ich fiel und fiel.

– –

Und erwachte aus den Träumen.

Anmerkung

Der Schluß des Textes (Zeilen 37.7–8) scheint während des Drucks verfälscht worden zu sein. Die Skizze wurde später in stark veränderter Form in der Zeitschrift København vom 26.12.1890 unter dem Titel „Der Tod („Døden) abgedruckt. Dort lautet der Schluß folgendermaßen:

„Dann erhob ich meine Hände, verzweifelt, und dachte – mein ganzes Leben war ein einziges Grauen – meinen letzten Gedanken. „Nein, jetzt brauchst Du keine Angst mehr zu haben", und senkte wieder meine Hände.

Und ich fühlte die große Kälte in meinem Gesicht – und wußte: Dies ist der Tod.

Und ich sank nieder: „Nun laßt uns alle beten" …

– – –

Ich erwachte. Es war ein Traum.

Die Küche des Eisenwarenhändlers

Auf der Promenade war heute ein großer Auflauf. Weit über den Bürgersteig hinaus standen die Leute, Kopf an Kopf, stellten sich auf die Zehenspitzen und stießen sich mit ihren Ellbogen, nur um einen kurzen Blick in das Schaufenster des Eisenwarenhändlers zu erhaschen. Und auch ich stellte mich – da alle anderen es taten – in die Schlange vor diesem Eisenwarenhändlerschaufenster, als gölte es, für einen Kassenschlager einen guten Platz zu ergattern.

Es dauerte wohl eine gute Viertelstunde, bevor ich „hingelangte, denn diejenigen, die vor mir standen, ließen sich Zeit und versanken im Anblick des Schaufensters. Als ich endlich so weit nach vorne kam, daß ich etwas sehen konnte, mußte ich zugeben, daß es eine vortreffliche Aufstellung war: Ich selbst hatte noch nie etwas so Appetitliches gesehen, so direkt appetitanregend wie diese Küche, die zwischen drei hellgrauen Wänden in diesem Fenster eingerichtet war. Im Hintergrund stand ein Herd, blau und weiß, zierlich mit seinen blanken emaillierten Steinen und seinen vielen Messingkugeln an den Griffen kokettierend – sowie etliche Öfen, gemütliche kleine Öfen fürs Braten, für Kuchen, für Pasteten. Und ganz unten in diesem großen Raum das Porzellan, wo bereits sechs Teller sächsischen Porzellans standen und auf das „Mahl warteten, „temperiert", so daß sie die Suppe richtig warm hielten.

Der Herd stand an der hinteren Wand, und über ihm hingen in reicher Unendlichkeit all die kleinen und größeren Kübel und Töpfe, „Dreifüßer und „Vierfüßer, einhenklig oder zweihenklig, aber alle emailliert und alle leuchtend – das ganze Arsenal, das die Kochkunst auf diesem hinreißenden, kleinen Herd ins Feuer schickt. Es sticht einem förmlich, während man sich all die Kübel und Pfannen und Töpfe anschaut, schon der Geruch ihres Inhaltes in die Nase; die feine Butter, die gebräunt wird, die Trüffeln, die in Madeira aufgekocht werden, die Soße aus Ei, die so vorsichtig in kleinen Portionen aufgegossen werden muß, und der Spargel, der seine zarten Köpfchen über den Topfrand steckt und die ganze Küche mit seinem Duft erfüllt …

Auf der rechten Seite ist der Küchenschrank geöffnet – ein Schrank aus Eichenholz mit Intarsien aus dunkleren Hölzern. Wie der Schrank voll ist! Man kennt den Zweck aller dieser kleinen Maschinen nicht, dieser zierlichen Geräte zum Hacken, Schälen, Formen, Schaben und Zerstoßen; und dann alle diese glänzenden Büchsen, Glaskrüge und Flacons, alle beschriftet, Etiketten für viele Dinge, die Arzneien der Leckermäuler: Öle, Champignons, Kapern, Gewürze, Trüffeln, Früchte in Senf, Gelees – fünfzig glänzende Behälter, jeder mit seiner Aufschrift …

Unterhalb des Schrankes stehen ein paar gröbere Maschinen: eine Fleischhackmaschine und ein Fleischwolf … An der Seite des Schrankes hängen der Salzbehälter und das Schlüsselbrett. Daran hängen vier Schlüsselbunde; welche Herrlichkeiten erschließen sie doch! Weinkeller – Speisekammer – Silberschrank – Linnenschrank ist vermerkt. Man sieht diese Speisekammer, kühl, luftig, mit hohen Regalen und den großen Schubladen, die so schwer nur auszuziehen sind. … Und man sieht den Weinkeller mit den großen Fässern in langen lautlosen Reihen, und ganz drinnen, hinter einem zusätzlichen Gitter, bewacht durch ein zusätzliches Schloß, in dunklen Räumen mit verstaubten Etiketten, die Namen und Jahreszahlen bergen – „die Schätze, die „original Abgefüllten in staubbedeckten, festlichen Flaschen, die der Herr des Hauses zu festlichen Gelegenheiten selbst hervorholt und die der Diener oben im Speisesaal ehrerbietig in Körbchen herumreicht, um den ehrfurchtseinflößenden Staub nicht zu berühren …

Der Linnenschrank mit allen seinen aufgehäuften Schätzen von reinem Damast, dessen Lagen leuchten – hohe Stapel liegen im Schrank, mit Seitenband gebunden und nach Veilchen riechend, die zwischen den Lagen verteilt sind.

Und der Schrank für das Silber. Diese unendlichen Reihen von Silberlöffeln, die längs der Seiten hängen, und die großen Aufsätze, von silbernen Göttinnen getragen, und die Silbertabletts, die blitzblank prangen, so groß wie gewöhnliche Wandspiegel …

Man hat dies alles vor Augen, während man vor dieser Küche steht …

Auf einem Tischchen in der Ecke steht ein Tablett. Der Diener muß es gerade eben hingestellt haben. Es sind die Reste des Frühstücks der Hausherrin: ein aufgeschlagenes Ei in einem silbernen Becher, ein paar Tassen, wo das Licht durch das zarte Porzellan scheint, und Serviette und Tablettuch, blau und weiß, genau in den Farben des Porzellans bestickt …

Ja – diese Küche war es wert anzusehen … Man fühlte wirklich Wohlbehagen, während man hier stand.

Ich wandte mich nach diesem langen Betrachten und wollte gehen, als meine Augen auf meine Nachbarin fielen – ich blieb stehen, während mein Blick von ihr über all diese Gesichter, die sich vor dem Schaufenster drängten, schweifte.

Einige arme Frauen stießen sich an und machten große Augen, erstaunt wie Kinder, die Spielzeug erblicken. Ihre wettergegerbten Gesichter zeigten Verwundern über alle diese Sachen, die strahlten und leuchteten und so fein aussahen, als zerbrächen sie, wenn man sie nur einmal mit einem Paar groben Händen anfaßte …

Begierde, Lust drückten ihre Gesichtszüge nicht aus. Sie verstanden diese Herrlichkeiten einfach nicht, und lachend zeigten sie auf diese zerbrechliche Einrichtung, nur neugierig und vergnügt, weil der Herd so schmucke Farben hatte und die Messingkugeln so blank gescheuert waren.

Die beiden hätten sicher längere Blicke zur Bude des Kolonialwarenhändlers geworfen. Dies entspräche ihren Neigungen. Hier wurde nur ihr Handwerk angesprochen: Sie wuschen ab und scheuerten, wenn das Fest vorbei war.

Aber meine Nachbarin –

Sie war wie eine Dame gekleidet, mit einem knappen, pelzbesetzten Mantel – an den Säumen sah man, daß er gewendet war – das Oberkleid war in einer großen Schleife nach hinten gelegt, allzu straff, so daß man die Reihe der Bänder und ein Stück des Unterrokkes, der aus alter, grauer Baumwolle bestand, hervorschauen sah. Die ganze Kleidung bestand aus dieser eigentümlichen graubraunen Farbe, die nie neu aussieht, und die jahrelang getragen werden kann, ohne wirklich alt zu werden – das Gesicht war genau so zeitlos und ohne Alter wie die Kleidung. Die Gesichtszüge waren nicht alt, aber das ganze Gesicht war ausgelöscht, wie mit dünnem Staub bedeckt, und die Augen hatten diesen unruhigen, ängstlichen Blick der „verschämt Armen", die immer Angst davor haben, daß man eine aufgescheuerte Stelle an ihrem Ellbogen oder eine gestopfte Stelle an ihrem Stoff entdeckt, oder ein anderes kleines Loch, aus dem ihr Elend hervorlugt …

Die Dame hatte ein kleines Mädchen an ihrer Hand, ein sechssiebenjähriges Kind mit einer bleichen, bläulichen Gesichtsfarbe und einem Paar allzu großer Augen. Mit der Hand, die es frei hatte, zeigte sie, während sie ihre Mutter fragte, auf alles Mögliche – und rief:

„Nein – schau mal, Mutter, das!"

Die Mutter antwortete nicht. Ihre Augen –, die aus Krankheit oder Übermüdung vorstanden – gingen weiter von Gegenstand zu Gegenstand in der Küche des Eisenwarenhändlers: alle diese Schüsseln, alle diese Krüge, alle diese Etiketten, alle diese Namen – in dieser Küche – von denen man genügend hatte. Wo man alles hatte, wo man sich nicht „behelfen mußte – wo man nicht jeden Tag „wenig, zu wenig abmessen mußte, um einen kleinen Vorrat als genügend aussehen zu lassen …

Begierde war es nicht, die in den Augen der „Dame" lag. Dazu war ihr Blick zu müde. Es war nur so etwas wie ein verhaltenes Verwundern darüber, daß etwas, was sie nur geträumt hatte, für andere Wirklichkeit sein konnte:

Dieser Raum, voll von Duft, mit knisterndem Feuer, mit seinen sauberen Töpfen, dem Vorrat, in den man hineingreifen konnte – Vorrat der besten sauberen Reinigungstücher, die Schlüsselbunde durch seine Finger rasseln zu lassen … Die Freude, hier drin zu wirken, Tag für Tag und gleichsam jeden Tag aufs neue den Kindern das volle Leben zu geben, ein großes Wohlbehagen …

Und keine der kleinen Streitigkeiten, die bittere Tränen kosten – und keine der Notlügen, um das Nötigste herbeizuschaffen – keine halbleere Krippe, wo die Pferde immer dabei sind, sich zu beißen¹.

So waren es also andere, die es so hatten …

Das kleine Mädchen fuhr fort zu zeigen und zu fragen. Aber die Mutter wandte sich mit einem Ruck um. Und auch ich verließ das Schaufenster. Solange ich sie sehen konnte, starrte ich der Dame nach, die das kleine Mädchen gleichsam mit sich zog – – Die Märzensonne fiel auf den engen Mantel, der aussah, als ob er an allen Enden ein Viertel Zoll² zu schmal wäre, und auf den graubraunen Überrock, der so schlaff um die Figur fiel …

Sie ging sehr schnell, lief fast. Dann kam ein Herr an ihr vorbei und zog den Hut, und sie grüßte: Sie hatte sich aufgerichtet, gerade als er den Hut zog, und ich sah, wie sie ihren Nacken graziös und damenhaft beugte … Und sie ging weiter, rank und ruhig der Promenade entlang, wie eine Schauspielerin, die plötzlich aus der Kulisse auf die Bühne tritt …

Dauernd wurde sie ja von den Geschäftsfreunden ihres Mannes begrüßt …

Aber vor dem Schaufenster des Eisenwarenhändlers hielt der Auflauf bis zum späten Abend an, als das elektrische Licht über der Musterküche angezündet wurde …

Zuletzt mußte man dringend die Straße räumen. Und ein großer dicker Schutzmann, der dann hitzig und unwillig auf diesem Bürgersteig stehen mußte und sein dauerndes „Weitergehen! Weitergehen!" rief, sagte gereizt:

„Zum Teufel noch – was gibt’s denn an den Töpfen zu sehen!"

Anmerkungen

1. „Halbleere Krippen, wo die Pferde sich immer schlagen/beißen: Altes dänisches Sprichwort: „Ist die Krippe halbleer, schlagen oder beißen sich die Pferde.

2. Zoll: alte Längeneinheit. Der dänische Zoll (dän. tomme) ist 2,61cm lang.

Frühling

Es war der erste Frühlingstag. Wenn sich in der ersten Wärme alles reckt und streckt und die Sonne eigen durch die diesige Luft lächelt und alles zu Hoffnung und Wachstum erwacht ist – Büsche und Pflanzen und der grünende Rasen; und selbst das Leblose, die Häuser der Stadt, die Gitter der Parks und die Steine strahlen wider; und wir Menschen atmen tief ein, als wollten wir die Bürde des Winters mit einem tiefen Seufzer abwerfen.

Überall schaut die Sonne in Höfe, in Gäßchen, in die engen Durchgänge, und die Fenster werden geöffnet, und in den Einfahrten sonnt man sich. Von den Kellerabgängen hinauf – Vater stahl den ganzen Winter lang das karge Licht durch seinen Leisten vor dem dürftigen Fenster – quellen alle Jungen, und Vater rückt seine Arbeit zur offenen Tür und atmet tief ein, während er hämmert.

Und selbst die Alten öffnen ihre Fenster halb – vorsichtig mit einer Schnur – und sie stellen ihren Goldlack in die Sonne, und sie bleiben hinter ihrer Blume stehen und lächeln …

Lächeln – träumen … Denn die erste Frühjahrssonne, ihre milde Wachstumsluft hat für alle ein Lächeln übrig – für den einen ein Lächeln der Hoffnung, für den anderen eine Erinnerung – –

Für alle?

– – –

Es war dieser Tag, der erste Frühlingstag – wie fröhlich ergoß sich doch der Strom von Menschen durch die „Passage"¹, von der Sonne liebkost, geflügelten Schritts; rote Wangen hatte man, Glanz in den Augen, und der Hut flog so leicht zum Gruß; die jungen Damen hatten ein Veilchen auf die Brust ihres Mantels gesteckt, und jedes „Guten Tag!" lautete keck, froh wie der Glückwunsch zu einem Fest …

Während die

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