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Die Bank der Spötter: Ein Unroman

Die Bank der Spötter: Ein Unroman

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Die Bank der Spötter: Ein Unroman

Länge:
644 Seiten
12 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 17, 2015
ISBN:
9783738688702
Format:
Buch

Beschreibung

aus der Reihe: Salomo Friedlaender/Mynona, "Gesammelte Schriften", Band 4.

Das erste große Prosawerk Mynonas, 1918 geschrieben und im April 1920 erschienen, war bis heute ein Rarum. Das Buch bildet die groteske Rückseite von Friedlaenders Hauptwerk der Berliner Zeit, "Schöpferische Indifferenz" (1918), das empirische Gegenstück der dort vorgelegten Theorie. In unendlich raffiniertem Spiel zwischen Rahmenhandlung und einzelnen Episoden oder Szenen wird der Grundgedanke entwickelt: die Realisierung des autonomen Subjekts, das sich aus seiner Vereinzelung zu seinem 'göttlichen' Bewußtsein hindurchringt, zur zentrierten Vereinigung aller Kräfte und Fähigkeiten hinaufläutert. Die praktischen Folgerungen aus der Philosophie Kants impft Mynona dem Verstand der Unverständigen unerbittlicher und klarer ein als mit allen Philosophiebüchern. Er setzt die Bedeutung des Kantianers Ernst Marcus ins rechte Licht, entwickelt unerhörte Theorien der Medialität (Film, Holographie) und versäumt es dabei keineswegs, giftigste Pfeile gegen den akademischen Obskurantismus der Scheler, Sombart, Eucken, Ostwald, Dessoir, Steiner usw. abzuschießen. "Man könnte Pamphlete dieser Art durchsäuernd auf das Pack einwirken lassen, bis es nur noch Dada stammelt und sich nicht mehr weinend, sondern lächelnd fortpflanzt. Wir wollen die Terroristen der Menschheitserheiterung werden."
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 17, 2015
ISBN:
9783738688702
Format:
Buch

Über den Autor

Salomo Friedlaenders aggressive Streitschrift, vor fast 75 Jahren erschienen, ist ein erstaunliches Dokument der frühen Einstein-Rezeption, in der die Weichen für eine sehr komplizierte, heute noch keineswegs abgeschlossene Diskussion gestellt werden. Das Buch greift über die bloss historische Dokumentation hinaus zu Perspektiven, deren Reichweite erst noch zu ermessen bleibt: zu einer aus Immanuel Kants nachgelassenem Werk, dem sog. Opus postumum entwickelten Äthertheorie. Kant gegen Einstein ist der erste Band einer Friedlaender/Mynona-Werkausgabe in 25 Bänden, in Zusammenarbeit mit der Kant-Forschungsstelle der Universität Trier herausgegeben von Hartmut Geerken und Detlef Thiel.


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Buchvorschau

Die Bank der Spötter - Salomo Friedlaender/Mynona

Inhalt

ad lectores

Einleitung: Auf! – und durch die Bank! von Detlef Thiel

Die Bank der Spötter. Ein Unroman von Mynona

Kreuz- und Querschnitte

Die züchtige Kokotte

Zwar tot – aber oho!!!

Das Pferderennen ohne Pferd

Das abwaschbare Muttermal

Gar nichts

Die Nachbarn Ezechiel

Mein Sonnengott

Allotria

[Passantenwahnsinn vor Warenhäusern]

[Die andressierte Unsterblichkeit]

Der erotische Block

Der Eierschänder

Fett! Fett! Fett!

Sautomat

Die Wiederauferstehung aus Zerstreutheit

Die blutige Ypsilon

Schone deines Kindes Hut!

Die hofunfähige Kuh

Der verliebte Kleiderkasten

Der elektromagnetische Buckel

Spandau in der Hutmacherleiche

Weitere Abbildungen

Rezensionen

Nachweise und Anmerkungen

Verzeichnis der Abbildungen

Literaturverzeichnis

Namenverzeichnis

Sachverzeichnis

ad lectores

Das hier neu vorgelegte Buch, erschienen kurz nach Ostern 1920, war bis heute ein Rarum. In deutschen, österreichischen, schweizerischen Universitätsbibliotheken sind derzeit gerade elf Exemplare nachgewiesen, im aktuellen Antiquariatsbuchhandel ist es, wie die beiden Separatdrucke (Leichentuch 1920 und 1927), wenn überhaupt, kaum unter 150 Euro zu haben. Einzelne Stücke wurden gelegentlich neu gedruckt, doch sie machen insgesamt weit weniger als die Hälfte des ganzen Buches aus.

Für junge Mädchen, bemerkte ein zeitgenössischer Rezensent, sei das Buch natürlich nicht bestimmt. Es fängt, wie alle Schriften von Friedlaender/Mynona, seine Zeit, die extrem zerrissenen Jahre um 1918/19, in einem außergewöhnlich klaren Spiegel ein und verklärt die wilden Reflexe in eigenartigem Licht. Bei jeder Lektüre, erst recht bei intensiverem Studium zeigt es immer neue Tiefen und Höhen.

Da alles darauf ankommt, genauer hinzusehen und präziser zu urteilen, schien es uns die Mühe wert, alle erreichbaren Zeugnisse, auch entlegene Manuskripte, zu versammeln und mitunter mit längeren Zitaten zu dokumentieren.

Wir danken Cornelia Ziegler, Heiko Rogge, Michael Bauer und Eberhard Spangenberg dafür, daß sie die Abbildungen ermöglicht haben. Edna Brocke, Daniel Aebli, Michael Albrecht und Guillaume van Gemert und gaben wichtige Hinweise. Anton J. Kuchelmeister behielt die Bibliotechnik auch hier in festem Griff.

Wiesbaden /Wartaweil, 23. März 2007

Detlef Thiel, Hartmut Geerken

Detlef Thiel

Auf! – und durch die Bank!

Die abenteuerliche Entstehung der Bank der Spötter wird im ersten von drei Abschnitten nachgezeichnet; die vielen Zitate dürften die Atmosphäre jener Zeit deutlicher machen. Zweitens folgen Beobachtungen zur zeitgenössischen und zur späteren Rezeption sowie zur weiteren Zusammenarbeit von Friedlaender/Mynona (im folgenden: F/M) und Alfred Kubin. Drittens wird, bei einem vorläufigen Spaziergang durch das Buch, einiges zu Aufbau und Dramaturgie gesagt, zum Begriff des Unromans, zu bisherigen Interpretationen sowie zum Inhalt. Auf brave Zusammenfassungen, Paraphrasen und allzu penible Seitenangaben wurde verzichtet – wir verraten hier ohnehin schon vielzuviel: Achten Sie doch bitte selber auf das, was Sie interessiert!

1. Entstehung 1917-19 – Friedlaender/Mynona und Kubin

Wie gerne sitz’ ich auf der Bank der Spötter

Und lache ob der Menschheit Babelthurm

Und aller Schein-Triumphe der Bellona ...

F/M an Kubin, 16. März 1917 (Briefe, 79)

Bellona, Schwester des Mars, Kriegsgöttin ... Am 1. Februar 1917 beginnt der uneingeschränkte U-Boot-Krieg, wenige Wochen später die Revolution in Rußland, am 6. April erklären die USA dem Deutschen Reich den Krieg ... Zweites Terzett eines Sonetts, das F/M in Westfalen schrieb, auf Gut Böckel bei Bieren, Kreis Herford (heute Rödinghausen). Die angesehene Schriftstellerin Hertha Koenig (1884-1976), Freundin Rilkes, später aktive Pazifistin, hatte in den letzten Kriegsjahren Berliner Künstler und Literaten eingeladen; von November 1916 bis Mai 1917 war F/M mit seiner Familie zu Gast.¹ Während dieser fünf Monate verfaßt er u. a. hundert Sonette, die ein Jahr später gedruckt werden: Hundert Bonbons. Das zitierte freilich, ein persönlicher Gruß an Alfred Kubin, ist in der Sammlung nicht enthalten. In dieser Nr. 101 findet sich die erste Spur des Unromans Die Bank der Spötter. Dessen Genese ist eng mit Kubin verknüpft.

Die Zusammenarbeit des Philosophen und des Zeichners blieb lange Zeit im Dunkeln; seit den 1960er Jahren rückt sie mehr und mehr ins Blickfeld der Kubinforscher. Es kann nicht schaden, die bisher bekannten Dokumente zusammenzustellen. Weiteres folgt in der Einleitung zur Neuausgabe von Der Schöpfer.

Die Kooperation beginnt wohl noch früher als bislang bekannt. Einem Nietzsche-Aufsatz F/Ms, gedruckt im Oktober 1904 in Jacques Hegners Kulturzeitschrift Das Neue Magazin, ist auf einem eingeklebten Kunstdruckblatt eine Zeichnung Kubins beigegeben, Kindsmörderin.² Zufall oder Absicht des Redakteurs René Schickele?

In seinem Roman Die andere Seite (1909) beschreibt Kubin eine in Gegensätze zerrissene Welt, deren Bewohner – der Autor selber – sich als „schwankender Gleichgewichtspunkt polarer Kräfte fühlt und mühevoll danach strebt, die Extreme und Widersprüche auszugleichen: „Was ich vor allem lernte war, den Wert der Indolenz zu schätzen. Diese zu erobern, erfordert für einen lebhaften Menschen die Arbeit eines Lebens.³ Indolenz, Schmerzunempfindlichkeit, Gleichgültigkeit gegen alle Eindrücke (aber auch Trägheit, Stumpfheit) – die Formel entspricht durchaus F/Ms ‚Indifferenz‘. Im Jahr 1909 war dieses zentrale Konzept freilich noch kaum lesbar, nur in wenigen entlegenen Aufsätzen formuliert.⁴ Doch eben zu dieser Zeit ging F/M daran, es ausführlicher zu entfalten. Kubin wird auf ihn aufmerksam, verschafft sich F/Ms Veröffentlichungen, studiert sie mit größtem Interesse. 1912 richtet Albert Ehrenstein eine Anfrage an Herwarth Walden:

„Alfred Kubin schreibt mir Dr. S. Friedlaenders Artikel ‚Polarität‘ und ‚Fasching der Logik‘ hätten ihm außerordentlich gefallen und bat mich, ihm noch andere Arbeiten Fs namhaft zu machen. Vielleicht können Sie mir die Sturmnummern angeben, in denen Beiträge Fs enthalten sind [...]"

Im November 1913 erscheint F/Ms enthusiastische Besprechung von Paul Scheerbarts „Asteroïden-Roman" Lesabéndio (jetzt in GS 2), darin wird der Illustrator des Buches, eben Kubin, erstmals genannt. Dieser erzählt 1917, in einem Rückblick auf seine Lektüre (Kant, Nietzsche, Weininger, alte Kosmogonien, Okkultes usw.), wie es zum Kontakt kam:

„An Eindruck weitaus alles, was ich da gelesen habe, übertreffend kamen mir hie und da kurze Abhandlungen und philosophische Schnurren von Dr. S. Friedlaender-Mynona von einer einzigartigen Prägnanz zu Gesicht, oft hohnvoll ironisierend, dann wieder glühend jeden packend, der es tief begreift, um welche Werte es heute geht. Bei der ersten Bekanntschaft mit diesen Essays merkte ich gleich den Löwenruf, und meine Scheu bezwingend schrieb ich an diesen neuen Philosophen und war freudigst überrascht, als ich vernahm, daß man dort schon längst von meinem Streben wußte, die ‚Andere Seite‘ kannte, ja – erkannte. Man half mir, meine Schwerfälligkeit in abstrakten Dingen zu überwinden. Da war ich sehr froh, war es doch das einzige Echo, das aus einer Stimmlage kam, die der meinigen vergleichbar erschien." (Kubin 1917, 53)

Kubins Brief ist nicht erhalten, wohl aber F/Ms Antwort vom 27. März 1915. Damit beginnt eine Korrespondenz, die bis zum Tod F/Ms reicht und für beide Partner von unschätzbarem Gewicht und Nutzen war. An ihr läßt sich auch die Genese der Bank der Spötter einigermaßen genau verfolgen. Am 6. April 1917 empfiehlt F/M Kubin zu dessen 40. Geburtstag (10. April), was er auch selber anstrebt:

„Die Geduld einer Sonne. Und garnicht genug Heiterkeit! Vorausgesetzt ‚eigne Göttlichkeit‘, sei die ‚Bank der Spötter‘ der liebste Sitz im Paradies."

Die Hundert Bonbons, mit einer Einbandzeichnung von Kubin, erscheinen Anfang April 1918 bei Georg Müller, München. F/M hatte eine ganze Reihe dort verlegter Bücher besprochen.⁷ Mitte April besucht er Kubin in Zwickledt (vgl. Kubin 1931). Nicht nur der Verleger Müller gibt immer wieder Anlaß zu Ärgernissen. Am 26. April berichtet F/M über eine von ihm erzwungene „fieberhaft kurze Unterredung":

„Ich selber erlangte schließlich einen Vorschuß und die Zusicherung eines Generalvertrages, der mir, statt einmaligen Honorars, eine monatliche Rente, in einer noch zu präzisierenden Höhe gewährleistet." (Briefe, 101)

Zwei Monate später, am 28. Juni:

„Ich muß bis Ende August 350 Druckseiten leisten und habe erst die Hälfte. Eine Art Groteskroman, den ich feierlich versprochen habe, bis zu jenem Termin zu beendigen."

Demnach war F/M seit Mai oder Juni 1918 mit der Niederschrift beschäftigt. Im Juli erscheint bei Müller die Schöpferische Indifferenz. Eine Stelle aus F/Ms Brief vom 23. Juli sei ausführlich zitiert, denn sie wirft ein Schlaglicht auf die vertrackte Situation:

„ ......Überhaupt Müller! Ein tragikomisches Kapitel für mich, mit dessen Erzählung ich Sie ein bischen langweilen will. Als ich im Begriffe stand, mit M[üller] einen Generalvertrag abzuschließen, mich ihm mit Haut und Haaren zu überliefern, weil meine Existenz bereits einem Stricke um drei Hälse gleicht, näherte sich mir der Lektor eines ungeheuer reichen, ob auch nicht so renommierten Verlages und bot mir, wenn ich einen grotesken Roman in ein paar Wochen schriebe, ‚ein Vermögen‘, jedenfalls aber günstigere Bedingungen für dieses eine Buch als M für alle etwanigen zusammengenommen; ich sollte mich aber rasch entscheiden. Als ich nun einen Druck auf M zur Verbesserung des Kontraktes auszuüben versuchte, griff M, sich auf die mündliche Abmachung mit meinem Bevollmächtigten berufend, sofort nach dem Roman und will, ohne die Bedingungen aufzubessern, nicht locker lassen. Überdies weiß ich a priori ja garnicht, ob jener andere Verleger den Roman, der inzwischen auch richtig geschrieben worden ist, auch nimmt. Jedenfalls habe ich den M’schen Vertrag noch nicht unterschrieben. In Folge dessen kriege ich von M einstweilen keinen Pfennig, welches, da ich meine Frau mit dem Kinde inzwischen an die Ostsee geschickt habe, eine tolle Paradoxie bedeutet. Ich argwöhne M rechnet mit meiner ihm wohl bekannten Notlage. Einen einzigen Federzug, und ich erhalte sofort 400 M. Aber dieser Federzug bringt mich zugleich um eine wunderbare Chance, zu viel mehr Geld zu gelangen. Diese Chance ist nicht klein; denn der andere Verleger hat inzwischen von dem ‚Roman‘ (einzelne Grotesken mit Rahmenerzählung) gekostet und ihn sehr annehmbar gefunden. Ob nicht inzwischen etwa mein bevollmächtigter Freund Rundt den M’schen Vertrag für mich unterschrieben hat, bringe ich nicht in Erfahrung. Inzwischen konsumiere ich bereits den September und gleiche einer von Müller belagerten und fast schon ausgehungerten Festung. Bei Allem finde ich diese Situation sehr amüsant und bin neugierig, was daraus werde?" (Briefe, 106)

Die zweite Hälfte der verlangten 350 Druckseiten wäre also zwischen dem 28. Juni und dem 23. Juli 1918 „auch richtig geschrieben worden? 170 Seiten in weniger als vier Wochen? Erstaunliche Leistung. Keineswegs abgeschlossen war jedenfalls das Tauziehen zwischen zwei Verlegern, Georg Müller und, vermutlich, Kurt Wolff. Der bevollmächtigte Freund Arthur Rundt berichtet am 27. Juli von seinen Bemühungen, bei Müller eine feste Zusicherung der an F/M „bedingungslos bis Ende 1919 zu zahlenden Rente zu erhalten; er, Rundt, habe auch bei Jezower versucht, „ein fixes Angebot für Deinen Roman herauszubekommen."⁹ Einen Monat später, am 29. August 1918, gibt F/M in einem langen Brief an seinen Schwager Salomon Samuel, Oberrabbiner in Essen, aufschlußreiche Hinweise, die wiederum ausführlich zitiert seien:

„.... Der sogenannte Roman ist geleistet. Ich fand bei Schlegel (W.) den für mich glücklichen Terminus ‚Unroman‘, so daß der präsumtive Titel jetzt lautet:

‚Floh- und Sonnenstiche

ein Unroman

von

Mynona.‘

Bei der Abfassung stand ich leider mehr unter äußerem Zwang als unter innerer Nötigung. Ich sollte in wenigen Wochen einen Romanband von rund 300 Druckseiten improvisieren. Nach meiner Veranlagung war nur eine rhapsodische Bizarrerie möglich. Um den Teilen einen wenigstens losen Zusammenhang zu geben, verband ich sie durch einen ‚Rahmen‘, den ich in der Folge und zumal am Schluß in seiner zuerst formalen Bedeutsamkeit mehr und mehr steigerte: zuletzt wird aus einer ursprünglichen Thee- und Lesegesellschaft ein die Menschheit kitzelndes und bluffendes Konsortium unter der dämonischen Direktive meines ‚Abnossah Pschorr‘. Die Kernsache bei solcher Autorschaft ist die Sanktion des eigenen Subjektes, dessen mürrische Pritschenstreiche propädeutisch sein sollen (durch die groteske Objektivation) für eine wahrhaft adäquate: die Groteske verzerrt und übertreibt die abgelebte Vorhandenheit zu Gunsten von deren Orthopädie und Erfrischung. Sagst Du Swift, so benimmst Du mir den ohnehin engen Atem. Ich tändele und spiele durch mein Subjekt auf der empirischen Realität und kitzele diese ernsthafte Bestie Menschheit möglichst vorsichtig und flink; aber eine echte humoristische Gestaltungskraft bringe ich schon deswegen nicht auf, weil es mir bisher garnicht darum zu thun gewesen ist. Mynona war und ist ein wohlthuendes Gegengewicht gegen den Verfasser der Schöpferischen Indifferenz, die Zerstreuung zu dieser Anspannung, das Alkali zu dieser Säure, das Sichgehenlassen einer in Friedlaender verborgenen Disziplin, die Lüderlichkeit meines strengen Anstandes (ohne den ich wirklich ein Luder wäre). Ob vielleicht jetzt, nachdem die Schöpf. Ind. endlich erschienen ist, Mynona in Aktion, Friedl. in Latenz tritt, die Pole sich umkehren, und der bisher negative Pol primär wird? Ein Vielleicht, welches mir mein Verleger nahelegt, indem er es zwar als nobile officium [vornehme Pflicht] erachtet, auch meine philosophischen Pläne zu fördern, in der Hauptsache aber nur mit Mynona zu thun haben will; was man einem Kaufmann nicht verdenken soll. Hic haeret aqua [Hier haftet das Wasser], über dem ich mich zur Zeit kaum eben halte. Um die materielle Seite meiner Schriftstellerei steht es seit dem Tode Georg Müllers sehr schlimm. Ich bedaure sehr, daß ich geschäftlich garkeinen scharfen Verstand habe. Durch diesen Mangel bleiben die Verhandlungen in permanenter Schwebe, und ich will mich jetzt juristisch beraten lassen, um meine Vorteile richtig wahrzunehmen; aber die Zwischenzeit, bis Alles entschieden ist, ist materiell angsterregend kritisch; und andererseits geht es nicht an, bloß um rasch Geld zu erhalten, einen Notvertrag abzuschließen, nicht wahr? Bei Müller zur Berechnung stehen noch zwei Bücher: ‚Das widerspänstige Brautbett‘ und der ‚Unroman‘. Ich soll 4200 M. dafür (außer der prozentualen Beteiligung) in monatlichen Raten à 200 M.bekommen; die Raten sollen weitergehen, wenn ich jedes Jahr, also Sommer 1919 wieder einen Band Mynona liefere. Dieser Vertrag ist nun längst von beiden Teilen richtig unterschrieben, funktioniert aber nicht (was er seit dem 1. Juli thun sollte), weil es, wie M. sich ausdrückt, erst noch einer ganz gründlichen eindeutigen ‚Interpretation‘ bedarf!!!??? So rücken wir nicht von der Stelle. M. hat mir noch nicht einmal, auf wiederholte Mahnungen, die Pflichtexemplare der Indifferenz geschickt, so daß ich mir ein Exemplar ausgeliehen habe, um es einzusehen. Im Vertrauen auf die prompten Ratenzahlungen sandte ich die Meinigen an die See und muß nun kläglich auf Borg leben, bis die Sache sich entscheidet. Ich bitte Dich aber um Himmels willen, jetzt nicht etwa, ob natürlich auch im besten Willen, bei Müller zu intervenieren: die Angelegenheit ist jetzt in guten Händen, und spätestens in 14 Tagen wird jedenfalls ein klingendes oder vielmehr raschelndes Resultat erzielt sein. [...]" (AAFMAG)

Der „präsumtive Titel verschwindet bald, bis auf den von August Wilhelm Schlegel übernommenen Untertitel und den „Sonnenstich am Schluß des Buches (zu Abnossah Pschorr und Swift siehe unten; die Groteskensammlung Das widerspenstige Brautbett erscheint erst Ende 1921). Anfang 1919 ist die Sache wieder offen: Müller schickt das Manuskript des Romans zurück; F/M sucht aufs neue einen Verleger – „vielleicht Paul Cassirer" (an Kubin, 23. Jan. 1919; Briefe, 108). Zwei Wochen später gibt es einen neuen Titel:

„Meinen Roman, ‚Zwar tot, – aber oho!‘ will Niemand haben. Weder Bong noch Müller noch Cassirer noch Wolff sind darauf ... hereingefallen. Leider hängt meine Existenz zu ¾ von der Unterbringung ab. Auch ich bin natürlich nicht elegisch; aber mein kleines Jungchen liegt im Krankenhaus, ihm mußte plötzlich der Blinddarm herausgenommen werden; es gelang noch im letzten Moment. Wir bluten hier fast schon weiß. Könnte man doch von hier fort! Ich habe zwar einen Paß nach der Schweiz, aber kein Geld, d. h. nur wertloses deutsches. – – –" (8. Februar 1919; Briefe, 109)

Im Mai 1919 erscheint eine Groteske unter dem genannten Titel Zwar tot – aber oho! in der von Anselm Ruest herausgegebenen Zeitschrift Der Einzige, F/M hatte seit Jahresbeginn die Redaktion der Beiblätter übernommen. Es ist das erste veröffentlichte Stück aus dem Roman – wann wurde es geschrieben? Einen Monat später konkretisiert sich die Verlegerfrage und Kubin wird vorsichtig als Helfer ins Spiel gebracht:

„Thatsächlich werden die Verleger erst bei Nennung Ihres Namens elektrisiert und für mich interessiert. ‚Zwar tot, – aber oho! Ein Unroman‘ ist in die engere Konkurrenz zwischen Axel Juncker und Kurt Wolff geraten; es wird sich wohl im Verlaufe des Juni entscheiden, wer ihn nimmt. Am Ende muß ich ihn ganz wo anders hingeben, etwa zu Kiepenheuer oder zu Oesterheld. Haben Sie Beziehungen zu Albert Langen und getrauen Sie sich, sie für mich anzustrengen? Die Unterbringung meiner Grotesken ist nämlich nachgerade zur Existenzfrage für mich geworden." (13. Juni 1919; Briefe, 111)

Im nächsten Brief, vom 1. Juli 1919, nimmt F/M Bezug auf das vorige Schreiben:

„Inzwischen scheint mein Roman doch noch in letzter Minute von Kurt Wolff angenommen zu werden und zwar für die Sammlung der Schwarzen Bücher, in der z. B. Meidners Sternenmeer im Nacken erschienen ist. Eine Bedingung der Annahme ist, wie ich Ihnen schon mitteilte, daß Sie den Band illustrieren, wozu Sie sich ja zu meiner Freude grundsätzlich in einem Telegramm bereit erklärt haben. Ich bin davon überzeugt, daß Sie Ihre Einwilligung auch speziell in diesem Falle nicht zu bereuen haben werden: es ist ein außerordentlich buntes Buch, das von dankbarsten Motiven für Sie strotzt. Hingegen schäme ich mich nun, Ihnen zu gestehen, daß der Verlag Wolff einen Druck durch mich auf die Höhe Ihrer Honoraransprüche ausüben will. Die Annahme droht daran zu scheitern, daß man befürchtet, Sie würden auch mir zu Liebe nicht von dem Ihnen gebührenden Satze herabgehen."¹⁰

F/M bittet Kubin um eine Entscheidung, stellt sie ihm frei. Leider ist keine Antwort überliefert, doch eine Woche später schreibt F/M:

„Warum hat Sie mein Brief geschmerzt? Ich erschrecke darüber. So dankbar ich Ihnen bin, möchte ich doch keineswegs, daß Sie sich meinetwegen etwa bis zum Schmerz beeinträchtigen! Ich habe nun Wolff gebeten, sich direkt an Sie zu wenden. Der Roman wird jetzt vervielfältigt; So bald wie möglich geht Ihnen eine schöne Kopie zu." (9. Juli 1919; Briefe, 114)

Zwei Wochen später wird die Sache konkret:

„Inzwischen hat sich also Kurt Wolff meiner angenommen, der ihnen wohl in unserer Angelegenheit bereits geschrieben hat. Er giebt mir 3600 M. – Vorschuß in Raten von M. 300. – monatlich und bringt dafür, unillustriert, unverkürzt, meinen grotesken Unroman (dessen Titel ‚Zwar tot, – aber oho!‘ ich nicht mehr mag) und, ev. von Ihnen illustriert, den ‚Schöpfer‘ in den ‚Schwarzen Büchern‘. Jetzt nun kommt hier die Komplikation: Der Schöpfer gehört nämlich annoch Müllern."¹¹

Das wird am 31. Juli bestätigt, in einem Musterbeispiel der Überredungskunst. F/M bittet Kubin, „auch die schlechtere Hälfte des Schöpfers"zu illustrieren. Hat Kubin also Kritik geübt?

„Sie haben Recht! anfangs handelte es sich um den Roman, der gekürzt und von Ihnen illustriert werden sollte. Als ich mich aber weigerte, ihn um fast 200 Seiten zu kürzen, wurde dieser neue Plan gefaßt, den Roman ungekürzt und unillustriert zu bringen und ein besonderes kleines Buch von Ihnen illustrieren zu lassen. Wolff schreibt mir soeben, daß er sich mit Ihnen darüber geeinigt hat. Zugleich hat mir Müller das ‚Brautbett‘ und also auch den darin enthaltenen Schöpfer wieder zur freien Verfügung gestellt; natürlich will er seinen Honorarvorschuß (M 2400.–) wiederhaben, falls ich es verkaufe. Ich nehme vor Allem den Schöpfer heraus und richte jetzt meine ganze, ich möchte fast sagen letzte Hoffnung darauf, daß Sie aus ihm und aus nichts Anderem das Wolffsche Graphische Buch machen. ( Briefe, 116)

Nach eindringlichen Darlegungen seiner miserablen Finanzlage, Erwägungen anderer Pläne und weiteren Schmeicheleien läßt F/M eine Selbstbeklagung folgen und schließt mit einem Dank dafür, daß die gedruckte Widmung gebilligt wurde:

„Was bin ich doch für ein kläglich bescheidener Geschäftsmann! Soeben schreibt mir Ehrenstein, ich hätte von Wolff sieben bis achttausend M. für den Roman allein erhalten sollen!!! Als baren Vorschuß auf ein Mal!!! Das wäre meine Lebensrettung gewesen und ist nun verpfuscht. [...] Zum Schluß nur noch meine Herzensfreude darüber, daß Sie sich die öffentliche Zueignung des Romans gefallen lassen wollen; ich bin stolz darauf und danke Ihnen inständigst ..."¹²

Am 11. August 1919 wird die Abmachung bestätigt, zugleich ein neuer Titel genannt:

„Auf der Stelle eiligen, aber innigen Dank für Ihre Zusage zum ‚Schöpfer‘, deren Großmut ich sehr empfinde; mir ist damit eine Last von der Seele; der Vertrag mit Wolff ist also perfekt. Ich lese bereits die Korrekturen zum Roman (,Der erotische Block, ein Unroman‘) und werde veranlassen, daß Ihnen ein Korrekturexemplar zugehe." (Briefe, 117)

Kubins Zusage war zweifellos von größter Wichtigkeit für F/M. Sie ist sogar im Buch dokumentiert, in einer offenbar beim Korrekturlesen eingefügten oder geänderten Datierung: „Wir schrieben heute den 12. August 1919. (265) Ist damit exakt das Datum des mit Wolff abgeschlossenen Verlagsvertrages bezeichnet? Die Vermutung läßt sich nicht belegen, das Dokument fehlt. Zehn Tage später, am 21. August 1919, schließt sich die seit über einem Jahr bestehende Lücke in den Korrespondenzstücken von Kubin. Telegrammartig bestätigt er: „Mich freuts also ungemein daß mir bald Kenntnis des ‚erotischen Blocks‘ (guter Titel!) (ich würde ihn ‚eine Art Roman‘ nennen). (Briefe, 118)

Ende August 1919 beendet F/M die Korrekturarbeiten.¹³ Zeugnisse, die über Art und Umfang dieser Korrekturen Auskunft geben könnten, sind nicht erhalten; stilistische Änderungen finden sich nur in Zwar tot – aber oho! und Allotria; eine Anspielung auf den Versailler Vertrag in Sautomat. Gleichwohl gilt es das Datum im Auge zu behalten. Kubin muß noch warten. 12. September 1919: „Ich freue mich sehr auf den zugesagten Abzug des Unroman, – kommt er bald – ?" (Briefe, 119). Doch der Verleger liefert auch den Abzug nicht. F/M am 22. Oktober 1919:

„Ich will hoffen, daß Sie den Unroman wenigstens hinterher erhalten; man hat es mir von Wolff aus bestimmt versprochen; will wohl erst abwarten, bis der Reindruck hergestellt ist." (Briefe, 120)

Seit Vertragsunterzeichnung geschah offenbar von Seiten des Verlegers nichts. F/M jedoch gibt nicht weniger als fünf Texte aus dem Buch anderswo zum Druck, zwei davon unter anderem Titel.

– Lyonel Käsejung (Vossische Zeitung, 9. Sept. 1919; im Buch: Der Eierschänder);

– Er!, in der (vorläufig) letzten Nummer des Einzigen (1. Nov. 1919), mit der Anmerkung: „Groteske aus dem Unrahmen des Unromans Die Bank der Spötter geschnitten". Dort lautet der Titel: Fett! Fett! Fett! Auf dem Titel des Beiblattes, Der schweinerne Gast, eine Originalzeichnung von Kubin: Kasernenhof.

– Der erotische Block, November 1919, in der Eröffnungsnummer des Zweemann (Hannover);

– Das abwaschbare Muttermal, ebd., Nr. 2 (Dez. 1919);

– Das Pferderennen ohne Pferd, in der satirischen Zeitschrift Der blutige Ernst (Dez. 1919).

Diese Vorabdrucke geben Fragen auf. Wann sind sie entstanden? War das Buch schon fertig und wurde vom Verleger zurückgehalten, um den Schöpfer zu forcieren? So daß F/M, aus Ungeduld oder aus Provokation, Proben gibt? War das ein Vertragsbruch? Oder waren diese Texte noch gar nicht im Buch enthalten? Doch es war von Kürzungen die Rede – Kubin am 12. Januar 1920:

„– – Doch weiter!!: Ich bekam auf meine Bitten von C. Wolff Vg [Kurt Wolff Verlag] die Druckbogen zum Unroman – nur der letzte fehlt. – Ich werde heute noch im Bett zu lesen anfangen – – Das Motto unterhalb der Widmung gefällt mir ausnehmend! Wir beide – unsere zeichnenden und schreibenden Groteskkünstler sind diese beiden Toten durchatmet von der Stille des ewigen Abgrundes! Ich bin sehr froh und glücklich ein so stattliches Werk von Mynona wieder in Händen zu halten

– Ein Ex. mit hineingeschriebener Widmung müssen Sie mir seinerzeit dann noch senden, – worauf Sie eine kleine Zeichnung von mir dann erhalten werden – und meine Meinung über das Buch –" (Briefe, 127)

Im Februar 1920 bringt die Rowohlt-Zeitschrift Das Tagebuch ihren einzigen Text von F/M, Passantenwahnsinn vor Warenhäusern. Auch dieser ist aus dem Unroman herausgeschnitten, dort aber gar nicht ausgewiesen (ein Fragment aus Allotria). Nach einer Pause, bedingt durch lange Grippe, erkundigt sich F/M am 3. März 1920 nach den Eindrücken bei der Lektüre der Druckbogen: „Wie fanden Sie meinen sogenannten Unroman? Stellenweise doch wohl interessant?" (Briefe, 128) Kubin antwortet am 16. März:

„Über den Unroman habe ich Ihnen meine Ansicht, ziemlich gedrängt im letzten Brief geschrieben, er hat sich mit Ihrer Karte wohl gekreuzt? und ich lasse mich hier heute über dies interessante und teilweise gewichtige Buch mit Vorbedacht nicht weiter aus solange ich nicht weiß, ob Sie noch auf meine Meinung warten!! – Ich bitte deshalb um eine Postkarte die den Empfang dieser letzten beiden Briefe mir bestätigt! – Der gestern eingetroffene Einzeldruck des ‚Ezechiels‘ scheint mir darauf zu deuten, daß mein Brief eben auch in Ihre Hände kam. Dank! – Sie wissen wohl drum wie sehr ich dieses herrliche Stück neuester Dichtkunst einschätze!!" (Briefe, 128 f.)

Besagter Brief ist nicht überliefert. Bei dem Einzeldruck handelt es sich um die in der Reihe „Die Silbergäule" bei Steegemann in Hannover erschienene Ausgabe mit dem neuen Titel Unterm Leichentuch. Ein Nachtstück.¹⁴ Die Umschlagzeichnung stammt von Ernst Krantz – auch er gehört zu einer verschollenen Generation.¹⁵ Unterm Leichentuch ist der achte vorabgedruckte Text aus dem Unroman. Doch dieser ist immer noch nicht veröffentlicht. Im April 1920 erscheint in der Regensburger Zeitschrift Die Sichel der neunte Vorabdruck, die kurze, im Buch ebenfalls nicht ausgewiesene Groteske Die andressierte Unsterblichkeit (aus Allotria), wieder mit dem Vermerk: „Aus einem demnächst bei Kurt Wolff erscheinenden Roman." Ostern 1920 gesteht F/M:

„Zu meinem Bedauern ist weder der Schöpfer erschienen noch der Unroman noch das Brautbett noch die gesammelten Essais; ich erscheine vor Ihnen mit leeren Händen. Der ‚Einzige‘ scheint eingegangen." (Briefe, 130)

Doch unmittelbar danach muß das Buch herausgekommen sein, denn F/Ms Widmung im Exemplar für seine Frau Lise ist datiert: „April 1920 (Abb. S. 367). Das an Kubin geschickte Exemplar ist datiert: „Pfingsten 1920. Der Empfang wird am 7. Juli 1920 bestätigt:

„Die gebundene ‚Bank d[er] Sp[ötter]‘ traf in aller Ordnung ein – Meinen Eindruck von diesem seltsamen Buch schrieb Ich Ihnen ja längst und kann hier nichts hinzufügen als, daß der Anfangseindruck bestehen bleibt: es ist ein höchst merk- würdigs Buch – ‚Mynona‘ hat ja auch den gewagtesten Ton bzw. z. Bsp. die Sautomaterei und die ‚Druckfehler‘ und die Skorpionenliebe gegen Lojalität und Bürgerlichkeit irgendwie gewiß nötig von sich schreiben müssen, sonst hätte er das nicht so besorgt. Hätten Sie nicht in so miserablen äußeren Umständen leben müssen so wäre dies Buch vielleicht etwas mehr ausgetragen worden, doch ist diese Unsumme an geistvollem Witz ja wohl nicht totzukriegen und ‚Die Ezechiels‘ bleiben ein klassisches Prachtstück für alle Zeiten. Die im Buch verstreuten Friedlaenderiana sind ebenfalls lauterstes Goldgewürz." (Briefe, 130)

Fazit. Die Bank der Spötter war am 23. Juli 1918 im Wesentlichen abgeschlossen, wurde bis Ende August 1919 durchkorrigiert, erschien aber erst Ende April 1920. Das ist zu beachten gegenüber dem gedruckten Impressum – „Copyright 1919 by Kurt Wolff Verlag, München und Leipzig". Der Copyright-Vermerk bezieht sich auf das Datum der Vertragsunterzeichnung. Deshalb wird Die Bank der Spötter im folgenden mit der Jahreszahl 1920 angegeben.¹⁶ Die Konsequenzen betreffen vor allem die Chronologie der soeben beschriebenen Vorabdrucke, aber auch Inhaltliches, nämlich Bezugnahmen und Anspielungen auf politische Ereignisse, die eventuell erst bei der Korrektur eingefügt wurden.

Die Auflage des Pappbandes von 452 Seiten betrug laut Impressum 3000 Exemplare; die geheftete Ausgabe kostete 12, die gebundene 20 Mark. Von der Deckelzeichnung sind zwei Farbvarianten bekannt: rotbraun und grün. Angaben dazu fehlen, jedoch verweist der Buchstabe „P" rechts unten auf den Künstler: Emil Preetorius.¹⁷ Die Raffinesse, mit der er Inhalte ins Graphische übersetzt, verdient Aufmerksamkeit. F/M hat das sozusagen programmiert: Preetorius „apostrophiert, um es à la Rebus zu bezeichnen" (241). Hier einige Übersetzungsvorschläge, von links oben im Uhrzeigersinn:

– ein dickes und ein dünnes Kücken, drei Eier und ein Ausrufezeichen (Der Eierschänder);

– Pferd mit Reiter (Das Pferderennen ohne Pferd);

– zwei Mäuse und zwei Katzen (Die züchtige Kokotte: „Warte, Mäuschen, du sollst den Kater spüren." 85);

– ein recht stereotyper Jude, rauchend (Prof. Pschakreff aus Spandau in der Hutmacherleiche; vgl. den Anfang dort);

– Vase mit Blume, Glas mit Löffel, Zahnbürste;

– liegender Mann mit Brille und Buch, daneben kahler Strauch mit Vogel, darüber Mondsichel;

– Porträtplastik Gerhart Hauptmann (Allotria, 212 f.) (oder Stefan George ? 97, 244, 326);

– Zylinderhut mit Karte („786" ?) und Blume; darunter eine Ameise, darüber ein Komet;

– Kerzenhalter mit brennender Kerze;

– vier Fische;

– ein blutendes Y (Die blutige Ypsilon);

– männlicher Rückenakt mit einem „Muttermal in Form einer schwärzlich-roten ausgespreizten Hand auf der rechten Hälfte seines Gesäßes" (Das abwaschbare Muttermal; 103 ff.);

– Schriftzug „Fett¹⁸" (Fett!Fett!Fett!);

– verstreute Buchstaben und Zahlen: oben „?,unten „M, links unten „20. Der Schriftzug „Oh Philippine! kommt im Buch nicht vor.

2. Die frühe Rezeption und die Genese von Unterm Leichentuch (1927)

Von den 3000 Exemplaren der Bank der Spötter waren nach zwei Jahren nur noch 79 vorrätig.¹⁹ Die Rezensenten, darunter Hanns Martin Elster und Georg Witkowski, loben das Buch einhellig; mehrfach vergleichen sie F/M mit Morgenstern, Panizza, Scheerbart, gar mit Aristophanes. Aus Otto Flakes tiefsinniger Betrachtung zitiert F/M zehn Jahre später mit Genugtuung den Satz: „Dadaismus, vermehrt um Geistigkeit, um Denken, um Respekt vor menschlicher Not, das ist Mynona, der als Friedlaender Philosophisches schreibt." (Holzweg, 64) Und nochmals einige Jahre später: „Otto Flake nennt mich daher auch unter den Vätern des nachmaligen Dadaismus als dessen ihn geistig übertreffenden Vorwegnehmer." (Autobiographie, 73)

„Mehrings Mynona behalt ich gern." Siegfried Jacobsohn an Kurt Tucholsky, Sylt, 18./27. Juni 1920. Gemeint ist die von Walter Mehring verfaßte Rezension, die im Mai 1921 in der Weltbühne erscheint. Mehring, zu jener Zeit mit F/M befreundet, rückte zuvor, im August 1920, eine zweite Rezension im Berliner Tageblatt ein.²⁰

Im Juni 1921 bringt Guido Bagier in seiner Zeitschrift Feuer – im März war dort F/Ms großer Aufsatz Der Antichrist erschienen – Udo Ruksers begeisterte Besprechung der Bank: frühestes Zeugnis der später so wichtigen Zusammenarbeit.²¹

Rudolf Blümners Lesung am 6. November 1926 im Berliner Rundfunk wird in der Zeitschrift Die Funkstunde mit einem kleinen anonymen Text angekündigt, der F/M als Autor von Grotesken vorstellt und zwei markante Sätze aus der Bank zitiert.²²

Die Zusammenarbeit mit Kubin geht weiter. Im Spätsommer 1920 erscheint Kurt Hillers viertes Ziel-Jahrbuch; darin F/Ms harte Kritik an Ernst Bloch, im Anschluß ein eindringlicher Hinweis Kubins auf die Schöpferische Indifferenz. Hiller bemerkt zuvor:

„Alfred Kubin über S. Friedlaender: der geisthafteste Graphiker über den einzigen Metaphysiker dieses Kulturkreises; ein panischer Künstler über einen panischen Erkennenden."²³

Im Dezember 1920 bringt Wolff die Novelle Der Schöpfer heraus, mit 18 Federzeichnungen von Kubin.²⁴ Zwei Jahre später erwähnt die Hauptfigur einer Groteske F/Ms „meine Kollegen, die Kubins usw.²⁵ Letzterer bemerkt am 1. Mai 1922 erneut den „äußeren Zwang, den Zeitdruck:

„Ein echter Mynona ist doch etwas, und ich beklagte es bei der ‚Bank der Spötter‘ schon wenn man an gewissen Stellen merkt es hat Sie die Arbeit wenig gefreut, während so Vieles wieder reich überströmt vom funkelnden Witz und schöner Dichtkunst bester Qualität. – –" (Briefe, 141)

Kubins Engagement verdankt sich auch die zweite Auflage von Unterm Leichentuch. Die Steegemann-Ausgabe von 1920 war nach vier Jahren ausverkauft, ebenso:

„‚Rosa‘ & ‚Bank der Spötter‘ sind vergriffen. Der Rembrandt- Verlag (Berlin-Zehlendorf, Conrad Lemmer) scheint Miene zu machen, einen Groteskenband zu nehmen, stellt aber die Bedingung (da er gehört hat, wir hängen zusammen): daß Sie, Verehrter, ihn illustrieren. Ohne Ihre grundsätzliche Zustimmung wage ich nichts. Selbstverständlich, das habe ich sofort betont, würden Sie volles Honorar in Anspruch nehmen müssen, nicht etwa ein mir zuliebe vermindertes. Ich denke an die ‚Bank der Spötter‘, die Sie ja kennen, da sie Ihnen zugeeignet ist. Falls Sie ablehnen wollen, tun Sie’s getrost!" (F/M an Kubin, zum 10. April 1925; Briefe, 151)

Doch die Verhandlungen scheitern. 21. Juni 1925:

„Zunächst hat auch meine Korrespondenz mit dem Rem- brandt-Verlag, dem ich das ‚Leichentuch‘ mit Ihrer Illustration anbot, negativ geendet. Man vertröstet aufs nächste Jahr ... Nun schreiben Sie mir von einem Verlag, den Sie für meine Dinge interessieren könnten. Für Groteske und Philosophie?" (Briefe, 152)

Kubin hatte also bereits eine Zeichnung angefertigt und sich um die Drucklegung bemüht. Am 28. Juli berichtet F/M, er habe von Dr. Herbert Großberger, Merlin-Verlag Heidelberg, den Auftrag zur Abfassung eines Katechismus der Magie erhalten.²⁶ Weiter:

„Schön wär’s, wenn wir das Leichentuch (Nachbarn Ezechiel), das der Rembrandt-Verlag nicht will, wo anders mit Ihren Illustrationen unterbrächten. Ich frage mal Nierendorf vom hies. Graph. Kabinett. Ist es nichts für Gurlitt?" (Briefe, 153)

Eine Woche später, 4. August:

„Der sich hier bildende Verlag Genossenschaft Deutscher Buchhändler (Franz Zill, Berlin W. 30, Gleditschstr. 46) wird sich, wegen des zu illustrierenden ‚Unterm Leichentuch, ein Nachtstück von Mynona‘ [...] vielleicht (?) an Sie wenden. Ich bitte um Ihr ev. Entgegenkommen." (Briefe, 153)

Daraus wird nichts. Am 17. November erinnert F/M Kubin an den Heidelberger Verleger und wendet sich direkt an ihn:

„Ich bitte Sie nun: illustrieren Sie das letztere doch jedenfalls und reden Sie Großbergern zu, es zu bringen: er hat es bereits seit Monaten, ohne Vertrag zu schließen. Bitte wirken Sie auf ihn ein, damit ich Vorschuß bekomme und weiterexistieren kann. –" (Briefe, 160)

Kubin hat Erfolg: Großberger nimmt Unterm Leichentuch an und honoriert im voraus.²⁷ Doch wiederum verzögert sich die Publikation. Am 26. Februar 1927 teilt F/M mit:

„Jetzt erst gingen mir die Korrekturen unseres ‚Leichentuchs‘ zu, ohne Ihre Bilder. So verdanke ich Ihnen, daß wenigstens dieses Jahr was erscheinen wird. Sonst ist die äußere Lage trostlos." (Briefe, 161)

Zu Kubins Fünfzigstem am 10. April 1927:

„Inzwischen hoffte ich auf das Erscheinen unseres gemeinsamen ‚Leichentuches‘, dessen Illustrationen ich immer noch nicht zu Gesicht bekommen habe. Kaum habe ich noch die Hoffnung, sie Ostern zu erblicken. Weihnachten 25 sollte das Ding heraus. Was ist das für ein Schlendrian! – – –" (Briefe, 162)

Zehn Tage später, 20. April:

„Großberger ist aus dem Merlin-Verlage verschwunden, und der neue Herr hat einen mächtig impertinenten Ton in seinem schnippischen Organ. Am Leichentuch, das wir uns gemeinsam zu unseren Geburtstagen schenken, wird immer noch genäht. Herrliches Symbol. Ein Leichentuch, das wie Schnee erfrischt!" (Briefe, 163)

Im Juli 1927 erscheint Unterm Leichentuch bei Merlin als „Einmaliger Druck von 680 numerierten Exemplaren."²⁸ Am 9. August 1927 meldet F/M den Erhalt des Buches:

„Ich will Ihnen auch gleich sagen, daß ich das Emblem des Leichentuches am liebsten habe, also den Buchdeckel. Der Verleger war nicht generös genug, mir das lederne & das pergamentene Exemplar zu stiften, auf dem sich der goldene Vogel noch schöner ausnimmt. Famos finde ich besonders noch S. 67 [179] und das Ende. Mehr als das Humorige liegt Ihnen das Gespenstische. Jedenfalls haben Sie mir die Freude an meinem Buch erhöht." (Briefe, 163 f.)

Wieder zeigen sich die Rezensenten begeistert. Soma Morgenstern findet tiefe, ja ehrfürchtige Worte; Rolf v. Hoerschelmann (1885-1947), der Schwabinger Maler, Schriftsteller, Sammler, Freund Kubins, verfaßt ein knappes Lob. Unterm Leichentuch war mit Kant für Kinder, Nur für Herrschaften und Tarzaniade im Besitz von Kurt Schwitters.²⁹

Anders als F/M hat Kubin seinen Freund oft genannt;³⁰ er gehört zu den Unterzeichnern der öffentlichen Gratulation zu dessen 60. Geburtstag am 4. Mai 1931 (jetzt in GS 3); zum selben Anlaß erzählt er vom Besuch des Jubilars in Zwickledt (Kubin 1931). Im Dezember 1931 begegnen sich die beiden zum zweiten und letzten Mal: Zur Eröffnung der Kubin-Ausstellung im Hamburger Kunstverein hält F/M einen Vortrag; die Nord Radio A. G. (Norag) sendet ein Gespräch der beiden vorm Mikrophon.³¹ Noch im April 1933, in der oft abgedruckten Plauderei Wie ich illustriere, berichtet Kubin von seiner Arbeit am Schöpfer (Kubin 1933). –

Ein anderer Künstlerfreund F/Ms hat sich auf seine Weise mit der Bank der Spötter beschäftigt. Unter dem 10. Mai 1930 schreibt Richard Ziegler in seinem unveröffentlichten Tagebuch:

„Abend bei Arthur Segal. Da sind noch [Georg] Muche und [Adolf] Behne. Um halb drei nachts klopft noch jemand an den Fensterladen – Friedlaender/Mynona kommt mit einem jungen schweizer Theaterdirektor von der Geburtstagsfeier bei Toni Sussmann mit Däubler und anderen. [...] Segal zeigt mein Reisebuch herum [...] Segal schlägt Mynona vor, mich eine seiner Grotesken in dieser Form schreiben und illustrieren zu lassen. Segal: ‚Das ist doch zehnmal besser als Kubin.‘ ... Wir sind alle sehr eifrig dafür. Morgen wird Mynona mir Manuskripte schicken."³²

Der nächtliche Plan wird realisiert: Ziegler kalligraphiert und illustriert Sautomat; am 3. Mai 1931 wird er 40 Jahre alt, am folgenden Tag überreicht er F/M zum 60. Geburtstag das erste der ingesamt 25 numerierten, im Wachsdruckverfahren hergestellten Exemplare.³³

Den Anstrengungen für eine zweite Auflage der Bank – im April 1929 meldet F/M fünf seiner Bücher sowie fast hundert Grotesken als „verlegerlos" (Briefe, 166) – scheint nach fast zehn Jahren Erfolg zu winken. Vom 20. Mai 1931 datiert ein Verlagsvertrag zwischen Steegemann und F/M (AAFMAG):

„§ 1. Herr Dr. S. Friedlaender übergibt sein im Kurt Wolff Verlag erschienenes und seitdem vergriffenes Werk ‚Die Bank der Spötter‘ der Firma Paul Steegemann Verlag mit allen Rechten und für alle Auflagen zum Verlag.

§ 2. Als Honorar erhält Herr Dr. Friedlaender eine Tantième von 10 % vom Ladenpreis des verkauften broschierten Exemplars. Die verkauften gebundenen Exemplare werden als broschiert gerechnet. Die Abrechnung hat halbjährlich zu erfolgen. Von je 1000 der Auflage erhält der Verfasser 10 Frei-Exemplare.

§ 3. Alle weiteren Rechte und Pflichten regelt das Deutsche Urheber- und Verlagsrecht."

Steegemann bereitet die Neuausgabe schon vor: Er streicht den Untertitel „Ein Unroman, im Inhaltsverzeichnis den Zusatz „Kreuz- und Querschnitte usw. Doch der Plan scheitert. Dann breitet sich jahrzehntelang ein Mantel des Schweigens über diese Bücher.

1950 beginnt Steegemann einen neuen Verlag in Berlin („Onkel Toms Hütte"), u. a. mit einer Reihe unter dem Titel Die Bank der Spötter.³⁴ Allerdings war die Wendung kaum als Hinweis auf F/Ms Buch zu verstehen, ebensowenig wie der Titel einer posthumen Sammlung des Kabarettisten, Journalisten und Fernsehkommentators Martin Morlock.³⁵

1967 berichtet Ben Witter von einem Besuch in der legendären Pariser Buchhandlung Calligrammes; Fritz Picard habe sich erinnert: „‚Mynona‘ fällt mir ein, mit bürgerlichem Namen S. Friedlaender; kennen Sie sein Buch ‚Die Bank der Spötter‘?" (Witter 1967) 1970 wird Unterm Leichentuch in der Universitätsbibliothek Nijmegen ausgestellt.³⁶ 1974 bringt die Frankfurter Galerie Patio einen Handpressendruck heraus, in 100 numerierten Exemplaren mit Xylomontagen von Walter Zimbrich (Leichentuch 1974). In einer ausführlichen Rezension erzählt Hans Jürgen Fröhlich, der früh verstorbene Kenner F/Ms, eine den Herausgebern des vorliegenden Bandes wohlbekannte Geschichte.³⁷

Die in germanistischen Hand- und Lehrbüchern seit den sechziger Jahren spärlich anzutreffenden Urteile zeigen typische Muster maßgeblich sein wollender Literaturkritik: Unkenntnis und eine gewisse dogmatische Arroganz des Besserwissenden. Einmal fabriziert, laufen solche Urteile durch wieviele Kopien, Paraphrasen, abgeschriebene Abschriften. Helmut Arntzen, der 1964 die Groteske Grandseigneur neu abdruckt, ringt sich in einem Referenzwerk einen verrenkten Vorwurf ab:

„Und wenn in dem Un-Roman Mynonas Bank der Spötter die Gesellschaft der Rahmenhandlung beschließt, Leben in Szene umzusetzen, so wird gerade dadurch das schon Szenische, Fiktive der Wirklichkeit verhüllt, das aufzudecken wäre." (Arntzen 1961, 239; 1967, 250)

Auf eine fragwürdige Interpretationslinie, die Carl Einstein als Helden um jeden Preis retten will und zu deren Ahnen Sybille Penkert gehört, legt sich Beatrice Sandberg:

„Auf der von Einstein begründeten spiritualistischen Linie dagegen, zu deren Ahnen E. A. Poe, E. T. A. Hoffmann u. a. gehören, liegen Mynonas [...] Die Bank der Spötter (1919) und Graue Magie (1922) oder Paul Adlers [...] Nämlich (1915)."³⁸

Ähnlich selektiv, ja einäugig urteilt Hermann Korte (1995, 122 f.) in seinem Beitrag zu Hansers Sozialgeschichte der deutschen Literatur: Mit Unterm Leichentuch und Graue Magie habe F/M Werke vorgelegt,

„in denen auf groteske und phantastische, ironische und parodistische Weise Phänomene der Ausgrenzung und Isolation, der Ohnmacht und Angst, nicht zuletzt auch der Furcht vor undurchschaubaren zweckrationalen Mechanismen einer technisch-instrumentellen Vernunft thematisiert wurden: als Zerlegung überkommener Wahrnehmungs- und Empfindungsmuster, als Destruktion von Denkgewohnheiten."

Lisbeth Exner, Verfasserin der bislang gründlichsten Monographie zu F/M, verzichtet auf eine kohärente Betrachtung der Bank der Spötter, gibt stattdessen nur verstreute Hinweise und Interpretationsansätze zu einzelnen Aspekten.³⁹ 1998 widmet sie dem Buch eine Seite in Kindlers Neues Literatur-Lexikon. Genauer besehen nur etwas mehr als eine Spalte, noch genauer eine Inhaltsskizze und einige falsche Informationen.⁴⁰

Olaf Meier will in seiner Kieler Dissertation von 2001 zeigen, wie die von ihm so genannte „problematische Moderne" in bestimmten Romanen der Weimarer Republik wahrgenommen und, umgekehrt, wie diese Literatur durch ihren politischen und kulturellen Kontext geprägt wurde. Er behandelt ausgefallene Bücher, von Johannes R. Becher, Hans Friedrich Blunck und Otto Flake sowie F/Ms Die Bank der Spötter und Graue Magie. Diese nicht-kanonischen Autoren setzten sich jeweils mit einer neuen, „nicht synthetisierbaren Disparität aller Erfahrungen" auseinander. In seinem hier interessierenden Kapitel beginnt Meier mit einer Zusammenfassung der Anfangsepisoden des Unromans, schaltet aber alsbald einen weitläufigen Exkurs zu F/Ms Philosophie ein; dann erledigt er den Rest des Buches allzu rasch (mit Ausnahme des Schlusses; dazu unten), um zu Graue Magie überzugehen und mit einer Kritik an F/Ms vermeintlicher Ethik zu schließen. Eine gründliche Durcharbeitung, die über den Details den Überblick behält, findet nicht statt. Meier teilt einige gute Beobachtungen mit, bleibt jedoch in den philosophischen Darlegungen zu sehr durch Peter Cardorff irritiert und ansonsten nicht frei von Verzerrungen, Mißverständnissen und einem gelegentlich schulmeisterlichen Ton.⁴¹

Peter Sprengel (2004, 411) will in der Rahmenerzählung von einer Tischrunde das Muster von E. T. A. Hoffmanns Serapions-Brüdern erkennen. F/M würde damit an ein Werk anknüpfen, das genau hundert Jahre zuvor veröffentlicht wurde, ähnlich grotesk und disparat erscheint und ebenfalls an Kant anknüpft.⁴² Allerdings wird Hoffmann, soweit wir sehen, im ganzen Werk F/Ms nicht genannt. Folgen beide, Hoffmann und F/M, nicht eher einem literarischen Urschema? Der Aneinanderreihung einzelner Geschichten oder Episoden, der mehr oder weniger zyklischen Anordnung narrativer Einheiten – so Homer, die alten Chinesen und Japaner, Platon im Symposion und danach Xenophon oder Marsilio Ficino in De amore,

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