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Schein-Bar: Ein Rollenspiel

Schein-Bar: Ein Rollenspiel

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Schein-Bar: Ein Rollenspiel

Länge:
150 Seiten
1 Stunde
Herausgeber:
Freigegeben:
Jul 12, 2012
ISBN:
9783844837445
Format:
Buch

Beschreibung

Werbegötter, Fashion-Victims, Business-Helden – Schein zählt in Ahmets Bar mehr als Sein. Hier tummelt sich ein vielfältiges Panoptikum von ebenso eitlen wie verzweifelten Zeitgeist-Gestalten, die sich völlig der Medien- und Werbewelt verschrieben haben. Jeder spielt bereitwillig die Rolle, von der er sich am meisten Erfolg verspricht. Bar-Besitzer Ahmet und sein cooler Kumpan Alex finden am Ende ihren Weg – den Weg heraus aus vermeintlichen gesellschaftlichen Zwängen zum eigenen Selbst. Doch wer es nicht schafft, in all dem Irrsinn sein Gesicht zu wahren, wird am Ende gnadenlos untergehen ...

Alle Figuren des Romans haben eine „öffentliche“ und eine „private“ Persönlichkeit, was teilweise auch in doppelten Namen/Nationalitäten zum Ausdruck kommt. Sie pflegen das „Rollenspiel“ und haben zuweilen Schwierigkeiten, ihre öffentliche und private Identität miteinander in Einklang zu bringen. Die beiden Hauptpersonen Ahmet und Alex können den Konflikt am Ende lösen, andere sind zumindest auf dem richtigen Weg. Claus Wende, Chef der Agentur Wende & Friends, hat seine „öffentliche“ Identität bereits so verinnerlicht, dass sie sein ganzes Wesen beherrscht – woran er schließlich scheitert und ein tragisches Ende findet.

Society-News und Werbeeinblendungen spielen im Text eine wichtige Rolle. Die ersten Kapitel sind zudem relativ kurz gehalten – so, als ob man sich durch verschiedene TV-Programme zappen würde.

Unter der Oberfläche handelt die Story von Menschen, die auf der Suche nach ihrer Seele, nach ihrer „inneren Mitte“, nach Ausgeglichenheit und innerem Frieden sind. Je näher die Charaktere ihrer „Seele“ kommen, desto seltener wird die Handlung durch News- und Werbeeinblendungen unterbrochen. Die Kapitel werden länger und weniger sprunghaft, sozusagen „ausgeglichener“ - bis hin zum Happy End.
Herausgeber:
Freigegeben:
Jul 12, 2012
ISBN:
9783844837445
Format:
Buch

Über den Autor

Herbert Aichinger, geboren 1961 in Nürnberg, arbeitet als freier Texter und Redakteur für namhafte Unternehmen und Agenturen. "Schein-Bar" ist sein erster Roman.


Buchvorschau

Schein-Bar - Herbert Aichinger

Pierre.

I. Ahmet

Ahmet schüttelt den Kopf. Unglaublich, wie man manchmal neben sich selbst stehen kann. Jeden Morgen dasselbe. Jeden Morgen das Gefühl, einen Fremden im Spiegel zu sehen.

Nach einer Nacht voller absurder Träume quälst du dich früh aus dem Bett. Augen verschwollen. Umgebung verschwommen. Ist das alles echt? Die faulige Zunge klebt am Gaumen vor Durst. Halb ohnmächtig schlurfst du zum Kühlschrank und holst dir eine Dose raus. Aber du kriegst sie nicht auf. Stattdessen hast du den abgerissenen Verschluss in der Hand. Irgendwie schaffst du es doch. Hämmerst die Spitze deines schärfsten Messers in den widerspenstigen Deckel. Glück, dass die Klinge dir nicht ins Auge schnalzt. Du setzt die Dose an den Mund. Freust dich auf den erfrischenden Geschmack von Farbstoff und Saccharin. Nimmst den ersten Schluck. Ekelhaft. So hattest du es nicht erwartet. Schüttest das klebrige Zeug angewidert in die blitzblanke Nirosta-Spüle.

Wie immer scheiterst du am Müllsack. Nie kriegst du die Dose mit einer Hand rein. Der Sack kippt. Feucht-schimmelige Kaffeesatzkrümel suchen sich blitzschnell ihren Weg in die Ritzen des Dielenbodens. Immer hakt irgendwas. Immer brauchst du zwei Hände. Zum Wegschmeißen. Zum Wohnungstür aufsperren. Zum Wichsen. An manchen Tagen möchtest du einfach nur gegen den Schrank treten.

Wie war der Traum letzte Nacht? Du triffst Marilyn Manson. Er mustert deine Hemden, die säuberlich aufgereiht auf einer Kleiderstange in deinem Wohnzimmer stehen. Etwas betagte Modelle. Sehen aus wie aus den Siebzigern. Manson verzieht den blutverschmierten Mund zu einem hämischen Grinsen. Du fühlst dich klein, ertappt, schämst dich. Sind die Hemden deines Vaters, sagst du.

Dein Kopf knallt gegen den Küchenhängeschrank. Jetzt bist du wach. Du fühlst dich elend, möchtest diesen Tag nicht erleben. Immer hakt irgendwas. Aber stell dir vor, du wärst in Bangkok geboren. In einem Loch voller Ratten. Direkt am stinkenden Wasser. Dort waschen sie ihre Gesichter in derselben Brühe, in die alle auch ihre Därme entleeren. Da hast du es noch gut. Du kriegst die Dose nicht in den Müllsack, aber es ist immer noch halbwegs sauber bei dir. Du hast ein Bett, du hast ein Klo, du hast eine Heizung. Trotzdem kommst du mit der Welt nicht klar. Dauernd Knüppel zwischen den Beinen. So hast du es dir nicht vorgestellt. Da sind die in den Drecklöchern von Bangkok vielleicht noch glücklicher. Materieller Wohlstand hilft eben nicht gegen innere Leere.

Du träumst dich durchs Internet. Eine herrliche Art, Zeit totzuschlagen. Du fühlst dich im Stress. Du musst noch dieses erledigen und jenes auch. Keine Lebensmittel mehr im Haus. Die versauten Klamotten irgendwie loswerden. Mann, volles Programm heute. Doch du sitzt vor dem Bildschirm und träumst vor dich hin. Wo Paris Hilton gestern mit dem Auto besoffen gegen den Bordstein geknallt ist. Was Angela Merkel und Wladimir Putin zum Frühstück hatten. Dass mp3s jetzt auch im mp3-Player abspielbar sind. Mein Gott, was für eine Welt. Und eigentlich geht es dir in diesem Jahr total beschissen. Nicht mehr daran denken. Aber es kommt immer wieder hoch: keine Frau, nur Stress im Job, dafür viel zu viel Wodka. Leben im Nebel. Etwas hakt immer.

Der Wein, den du mittags beim Träumen sippst, will wieder raus. Irgendwie bist du mittlerweile auf einer Internetseite gelandet, auf der der allgegenwärtige Verfall in sämtlichen Schattierungen fotografisch dokumentiert wird: ein seit Jahrzehnten verlassenes italienisches Dorf. Eine ehemalige Nervenheilanstalt in New York. Und die Battersea Power Station, über der für immer und ewig in deinem Kopf das aufgeblasene Schwein von Pink Floyd schwebt. Die Bilder faszinieren dich. Der Putz bröckelt. Zerschlagene Fenster. Aggressive Graffiti. Jugendlicher Frust auf altersschwachen Wänden. Selbst auf dem Monitor hast du noch das Gefühl, die Zimmerdecke könnte jeden Moment auf dich herunterkrachen. Gespenstisch. Du denkst dir: ideale Orte, um einen Mord zu begehen. Neugierige streifen durch die verlassenen Gänge. Reimen sich zusammen, wie sich in dieser morbiden Umgebung vor zig Jahren Leben abgespielt hat. Und stoßen dann auf einen toten Körper. Übel zugerichtet. Kehle durchgeschnitten. Gesicht entstellt. Messerschnitt von einem Ohr zum anderen. Glieder verrenkt wie in einem epileptischen Anfall. Und trotzdem musst du jetzt aufs Klo. Der Wein. Deine Blase. Und dein Gehirn rotiert. Leichen. Morde. Manchmal möchtest du selber einen Mord begehen. An all den Klugscheißern. An all den Blendern, die dir jeden Tag aufs Neue auf den Sack gehen.

„Unser Standing bei den Subsidiaries ist mittlerweile mehr als grünbereichig. Danke, dass ihr als mein Kompetenzteam die Arbeitsspitzen der vergangenen Monate so dynamisch abgefedert habt. Am Ende des Tages ist es immer schön, wenn Synergien so einen positiven Impact auf den Workflow generieren. Als kleines Incentive fürs Business von morgen würde ich Euch gerne auf einen Afterwork-Drink einladen. Ich kenne da downtown so eine chillige kleine Trend-Bar. Die ideale Gelegenheit zum Networken und Relaxen ..."

Ahmet hat den Mord schon begangen – auf die eine oder andere Weise. Ahmet ist Koch. In einer kleinen chilligen Trend-Bar downtown.

II. Wertige Kommunikation

Agenturchef Claus Wende schätzt sich für seinen Feinsinn. Für seinen erlesenen Geschmack. Und für die ordentliche Portion Savoir vivre, die ihm sein großbürgerliches Elternhaus mit in die Wiege gelegt hat. Für Wende hat das Leben den roten Teppich ausgerollt. Die Banalität des Alltags bereitet ihm Schmerzen. Alle paar Minuten schiebt er hektisch die dickrandige Hornbrille wieder nach oben. Als Werber-Urgestein kennt er das Geheimnis der typografischen Anmutung und von Claims, die die Proposition rüberbringen. Wer weiterkommen will, muss raus aus dem Elfenbeinturm, Neues wagen, darf nicht in ausgelutschten Konventionen versauern. Für die Kampagne zum neuen Marken-Schnürsenkel für die Business-Sneakers von Fiorenchi hat sich Wende deshalb einen chaotisch-genialen Nachwuchs-Fotokünstler ins Boot geholt. Das Ergebnis: ein revolutionäres, provozierendes Key-Visual, das dem Brand eine zeitkritische Message mit auf den Weg gibt. Krieg im Nahen Osten. Ein Regenwurm, der sich durch die Ösen eines schimmelbesetzten Soldatenstiefels aalt. Das war noch nie da. Das wühlt auf, polarisiert, generiert Response, ist Gold für die Conversion. Wende hat einen Riecher fürs Extravagante. Ein kreativer Kopf. Er weiß, wie man den Menschen dort abholt, wo er steht.

Im Vorbeigehen fasst Wende seiner Assistentin Bianca Allert-Bickeberg ganz nonchalant an den Po. „Wir haben was zu feiern, Bibi, findest du nicht?, haucht er ihr ins Ohr. Bianca reißt geschäftig ihr Klemmbrett an die Brust und macht einen kleinen Schritt zur Seite. Zupft das viel zu enge Zeitgeist-Blüschen zurecht, bevor ihr Chef daran zupfen kann. „Was denn, Herr Wende?

III. Fleischbad

Ahmet kocht. Ihm ist heiß. Er wirft die Bettdecke von sich, strampelt sich frei, schält den runden Wanst aus dem löcherigen „Sex Machine"-T-Shirt. Er wälzt sich in seiner Koje und stöhnt. Kommt nicht klar mit den Bildern, die sein Unterbewusstes im Schlaf auf ihn abfeuert:

Ahmet auf der Party seines Schulfreundes Walter. Er wusste gar nicht, dass der so eine riesige Wohnung hat. Walter ist schwul. Und dick. Es macht ihm Spaß, sich mit vielen Menschen zu umgeben. Gerade an seinem 35. Geburtstag. Geschäftig rennt er zwischen den Räumen hin und her und schaut, ob jeder hat, was er braucht. Im Schlafzimmer hängen ein paar blasse Online-Rollenspieler in schlabberigen Jeans um den PC und werfen mit kryptischen Begriffen um sich. „Meine Kacke, diese verschissenen Noobs ...", stammelt einer, während ihm die eingespeichelten Kartoffelchips aus dem Maul quellen. In allen anderen Räumen wird kopuliert – auf dem ohnehin schon fleckigen Teppichboden, in der Badewanne, auf dem cremefarbenen Wohnzimmer-Sofa, auf dem Küchentisch. Monotones Techno-Gestampfe lässt die Wohnung vibrieren und verhindert jeden klaren Gedanken. Mit einem Glas Mineralwasser in der Hand irrt Ahmet von einem Zimmer ins nächste. Sprachlos. Augen weit geöffnet. Ein Traum im Traum. Mädchen. Kaum mehr Klamotten am Leib. Manche befriedigen sich selbst, andere haben Schwänze im Mund. Oder geben sich ganz dem Vögeln hin. Im Sitzen, im Stehen, auf allen Vieren. Keuchende, zuckende Leiber.

Die Luft ist schwer – eine unappetitliche Melange aus billigen Parfums, Achsel- und Fußschweiß, Sperma-, Urin- und Fäkaliendünsten.

Wie in Trance legt Ahmet die Klamotten der entfesselten Leute ordentlich zu kleinen Häufchen zusammen. Er denkt nicht nach. Und doch spürt er: Da stimmt was nicht. Eine Schönheit wendet Ahmet freundlich das Gesicht zu. Unverkennbar männliche Züge – mit gepflegten Koteletten und sorgsam geflochtenem Kinnbärtchen. Ahmet hat genug, er will nur noch weg hier. Doch seine Stiefel sind verschwunden. Und was noch viel schlimmer ist: die teuren Schnürsenkel auch.

Schweißgebadet schreckt Ahmet in seinem Bett hoch und zieht verschämt das löcherige „Sex Machine"-T-Shirt über den Nabel. Als ob ihn hier in seiner Einsamkeit jemand beobachten würde …

In der Bar heißt Ahmet Gian-Franco. Das klingt mediterraner und passt besser zu den Platten mit italienischen Antipasti: Oliven, getrocknete Tomaten, Büffelmozzarella, frisches gehacktes Basilikum und rötlich-brauner Industrie-Essig aus Modena. Dazu ein Glas Chianti aus Flaschen mit hübschen Etiketten. Und eines ist sicher: bei Gian-Franco gibt es Pasta. Keine Nudeln. Da schnalzt die Zunge des Lebemanns.

IV. Alex

Katrin-Christina Schmidt ringt nach Luft

Katrin-Christina Schmidt, Nebendarstellerin in der Daily Soap „Sonnenhügel, verschluckte auf dem Betriebsausflug des „Sonnenhügel-Drehteams beim Abendessen in einem Schwabinger Nobelrestaurant die Gräte einer Goldbrasse. Sie musste daraufhin vom zufällig anwesenden Ärzteteam einer Privatklinik direkt vor Ort reanimiert werden. „Es geht mir schon wieder besser, doch eben dachte ich noch, ich muss sterben!, verriet uns Katrin-Christina, die in „Sonnenhügel die Rolle der sehbehinderten Tierpflegerin Maja Hanssen spielt. Gleich nach dem spontanen medizinischen Eingriff konnte die smarte Hamburgerin das Dinner mit einem Lammbrüstchen auf Morchelbett in einer Komposition aus Trüffelrahm und frischen Waldbeeren fortsetzen.

Eigentlich ist Ahmet mit Walter gar nicht richtig befreundet. Und Walters Geburtstagsfeiern laufen auch weit weniger orgiastisch ab. In Wirklichkeit sitzt da eine Gruppe grauer, verhutzelter Gestalten mit scheuen, verängstigten Gesichtern um ein bescheidenes Holztischchen. Zerschlissene Turnschuhe. Rote oder weiße Frottee-Socken unter billigen Jeans.

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