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Kant und die sieben Narren

Kant und die sieben Narren

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Kant und die sieben Narren

Länge:
340 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 25, 2015
ISBN:
9783738688757
Format:
Buch

Beschreibung

Drei bisher unbekannte Dialoge und eine utopische Groteske aus dem Nachlaß. Kant und die sieben Narren diagnostiziert in einem präzisen Rundumschlag den sorgfältig kultivierten Defekt der Moderne -
Historismus, Relativismus, Psychologismus, Vitalismus usw. In einer Heilanstalt kuriert Kant Schopenhauer, Nietzsche, Bergson, James, Bahnsen, Keyserling, Husserl, Steiner sowie viele andere akademische Zeitgenossen.
Der kurze Philosophische Dialog und die Utopie Kantholizismus, sowie der vermächtnishafte Dialog übers Ich (1943 auf winzigen Zetteln notiert), führen in brillanter Weise Friedlaender/Mynonas späte
philosophische Position vor.
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 25, 2015
ISBN:
9783738688757
Format:
Buch


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Buchvorschau

Kant und die sieben Narren - Salomo Friedländer/Mynona

Salomo Friedlaender/Mynona

Kant und die sieben Narren

Ein Philosophiegeschichtchen

Kantholizismus

Utopie

Philosophischer Dialog

zwischen einem Vernunftmenschen

und einem Naturmenschen

Dialog übers Ich

Aus dem Nachlaß herausgegeben von

Detlef Thiel

WAITAWHILE

Inhalt

Einleitung: Ein Altkantianer in Paris. Unterwegs zum transzendentalen Polarismus, von Detlef Thiel

Kant und die sieben Narren. Ein Philosophiegeschichtchen

Kantholizismus. Utopie

Philosophischer Dialog zwischen einem Vernunftmenschen und einem Naturmenschen

Dialog übers Ich

Nachweise und Anmerkungen

Verzeichnis der Abbildungen

Literaturverzeichnis und Abkürzungen

Namenverzeichnis

Sachverzeichnis

Detlef Thiel

Ein Altkantianer in Paris Unterwegs zum transzendentalen Polarismus

And whistle while you work Come on, get smart, tune up and start To whistle while you work ...

(aus Walt Disneys erstem Trickfilm Swan White and the 7 dwarfs, 1937)

Vier Erstveröffentlichungen aus dem Nachlaß von Friedlaender/ Mynona (im folgenden: F/M). Drei davon – nicht ganz – fiktive Dialoge; die vierte, Kantholizismus, eine der spätesten Grotesken, eher eine Parabel. Alle vier Texte entstanden im Pariser Exil; alle kreisen, jeder auf andere Weise, um die Lehre Kants und um F/Ms geistigen Mentor Ernst Marcus, Justizrat in Essen (1856-1928).

Dessen Name erscheint in zwei Texten in der Umkehrung „Sucram – wie ‚Mynona’ von ‚Anonym’. Die Figur des Sucram findet sich erstmals 1922 in F/Ms „Berliner Nachschlüsselroman Graue Magie. Dort wie hier bedeutet die Umkehrung, daß nicht nur der historische Marcus gemeint ist, sondern auch der Gesprächspartner und Lehrer, das Gegen-Ich, Anreger und Widerleger ineins. Wie Nietzsche zeitlebens einen inneren Dialog mit Schopenhauer führte, so setzt sich F/M fast fünfzig Jahre lang mit Marcus auseinander, zugleich mit Schopenhauer und Nietzsche, Kant und Goethe. Nach Marcus’ Tod 1928 intensiviert er sein Studium. Er veröffentlicht 1930 den Mahnruf, schließt 1931/32 eine Zusammenfassung aller Schriften seines Lehrers ab.¹ Zum Dezennium des Todestages 1938 verfaßt er einen Aufsatz, den zu publizieren er kaum noch hoffen konnte; fünf Jahre später sucht er zum letzten Mal eine Verständigung in dem hier veröffentlichten Dialog übers Ich.

Die Vorgeschichte von F/Ms Emigration ist an anderer Stelle zu schildern (GS 13). Am 16. Oktober 1933 fährt er mit seiner Frau von Berlin nach Paris. Er ist 62 Jahre alt. Der zwanzigjährige Sohn Heinz-Ludwig wurde vorausgeschickt, um eine Unterkunft zu finden. Die Familie wohnt im Nordosten, 20. Arrondissement, Rue Stanislas Meunier; seit 1935 Avenue de la Porte de Ménilmontant.

Was sich in F/Ms letzten Berliner Jahren immer deutlicher abzeichnete, wird im Exil endgültig: geistige Isolation, Versiegen aller Publikationsmöglichkeiten: Außer einer Handvoll Leserbriefe im Pariser Tageblatt erscheinen Ende 1935 das Büchlein Der lachende Hiob, 1943 der Aufsatz Das Wunder der Selbstverständlichkeit, 1946 ein mit Kants roter Tinte geschriebener Verriß von Sartres Ist der Existenzialismus ein Humanismus? (GS 3). Am 14. April 1934 hält F/M vor der Kulturphilosophischen Vereinigung im Café Mahieu, Blvd. St. Michel, einen Vortrag über Kant: Der geistige Kompaß. ² In einem Brief an den englischen Verleger Victor Gollancz kennzeichnet er wenig später seine philosophische Position:

„Vor einem Jahrzehnt etwa erlebte ich durch Immanuel Kant meine geistige Revolution, und zwar wurde ich nicht Neu-, sondern Alt-Kantianer im Sinne von Mellin, L. Goldschmidt und besonders Ernst Marcus." ³

In den folgenden Jahren berichtet F/M mehrfach von seinem Studium dieser Autoren, die er stets in einem Zug nennt:

„Vergebens strengten sich Kant, Schultz, Mellin, Goldschmidt, Marcus and last I an, wenigstens die Gelehrten zu belehren – – – „Daß ich aber während dieser ganzen Zeit tagtäglich mit Kant, Marcus, Mellin, Goldschmidt verkehrt habe, immer auch eigene Gedanken notierend, versteht sich ... „Tagsüber repetiere ich immer wieder die selben Werke: Kant, Marcus, Mellin, Goldschmidt, Philosophiegeschichte."

Ein Altkantianer in Paris? Praktisch und theoretisch unmöglich! Noch war die französische Philosophie beherrscht von „einem intellektualistischen oder spiritualistischen Humanismus (Brunschvicg, Alain, Bergson usw.)"⁵ ... Surrealismus, Psychoanalyse ... Im März 1936 gründen Georges Bataille, Michel Leiris und Roger Caillois, Schüler von Marcel Mauss, gegen die Maschinerie der Sorbonne das Collège de Sociologie; an der École Pratique hält Alexandre Kojève Vorlesungen über Hegel, die eine ganze Generation von Hörern beeinflussen: Lacan, Merleau-Ponty, Hyppolite, Benjamin, Horkheimer, Adorno ... auch Julien Benda, der in seiner berühmten Streitschrift Trahison des clercs (1927) das Engagement der Intellektuellen im Ersten Weltkrieg brandmarkte, ihre Unterwerfung unter weltliche und geistliche Mächte, ihren Opportunismus, ihre Anfälligkeit für totalitäre Ideologien, kurz: ihr Versagen angesichts ihres ursprünglichen Auftrags: „Offizianten der abstrakten Gerechtigkeit" zu sein. Mit dem Bergson-Kritiker Benda, der später zwei Kant-Anthologien herausgab, hätte sich F/M gut verstanden.⁶ Doch scheint es ihn zur falschen Zeit an den falschen Ort verschlagen zu haben.

1. Kant und die sieben Narren

„Ein Philosophiegeschichtchen" – eine philosophische Geschichte, die von Philosophen erzählt und eine ganz bestimmte Geschichte der Philosophie entwirft, mit philosophischer Absicht: aus der Erinnerung an die Existenz und die Funktion von Wahrheit unreflektiert umlaufende Meinungen zu korrigieren. F/M, der Außenseiter, prüft aus spezifisch kantischer Position seine akademischen Zeitgenossen. Viele von ihnen sind heute, 70 Jahre später, fraglos berühmt; andere selbst bei Fachleuten vergessen. So geht der Blick durch das hier aufgestoßene Fenster auf das sehr bunte Treiben im Hof des Kulturlebens im deutschen Kaiserreich und der Weimarer Republik – alles andere als eine vergangene Welt, die erledigt und begraben läge im Staub zerbröselnder Bücher.

Was F/M polemisch verhandelt, ist vielmehr von geradezu unheimlicher Aktualität: die immensen Wirkungen Schopenhauers und Nietzsches, die blütenreichen Projekte der Neukantianer, Empirismus und Historismus, die frühe Soziologie und experimentelle Psychologie, Vitalismus und Biologismus, Theologisches, Exotisches, okkultistische und esoterische Wucherungen. Dabei kommen unter den Talaren und anderswo verborgene Wurzeln faschistischer Ideologie zum Vorschein. Gegen alle Formen der Unterordnung des Individuums unter solche vagen Größen wie ‚Leben’, ‚Kraft’, überpersönlichen Allgeist usw., gegen die Macht der Gewohnheit, Autoritäten zu vergöttern oder Gott oder Götter zu autorisieren, gegen alle wie auch immer säkularisierte oder rationalisierte Heilsgeschichte setzt F/M unbeirrt kantische Vernunft und autonomen Geist.

Also ein radikales Anti-Philosophiegeschichtchen: gegen die geläufige Doxographie, gegen bloße bürokratische Registration. Nichts wäre für F/M unbegreiflicher als ein Satz wie: „Die schriftlich fixierten Aussagen der Philosophen bilden in ihrer Gesamtheit das ‚Corpus doctrinae’, den Lehrbestand des philosophischen Wissens." Das stammt von Lutz Geldsetzer (1971, 150), einem gewiß verdienstvollen Philosophiehistoriker und Systematiker. Doch ist der Satz ebenso wahr wie falsch. Die bloße Existenz irgendwelcher Texte besagt gar nichts über ihre Funktion, ihren Gehalt und Wert. Philosophiegeschichte ohne praktisch orientierte Leitidee ähnelt einem Friedhof. Freilich bleibt F/M selbst bestimmten Schablonen verhaftet. Er blickt durch die Brille des von der Zunft totgeschwiegenen Marcus, der in seiner Weise auf Kant blickte. Zug um Zug breitet F/M allerhand Arten der Kantkritik aus, die er jeweils als Mißverständnisse hinstellt. Leitmotiv ist jene harmlose Formel:

„Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind. Daher ist es eben so notwendig, seine Begriffe sinnlich zu machen (d. i. ihnen den Gegenstand in der Anschauung beizufügen), als, seine Anschauungen sich verständlich zu machen (d. i. sie unter Begriffe zu bringen)." (Kant: KrV, A 51, B 75)

Einige Verfehlungen dieses „Kernsatzes" hat F/M 1925 klar benannt:

„Warum ist die Schwärmerei (‚Romantik’) die falsche Freundin der Magie? Weil sie die Magie im alten Sinn des faulen Zaubers, des Hokuspokus liebt. Sie schwelgt in vermeintlichem unmittelbaren Anschauen (‚Schau’) und Fühlen, setzt blinde Triebe, dumpfe Ahnungen, Witterungen, Instinkte, ‚Blut’, ‚Rasse’ an Stelle der stets durch Begriffe vermittelten Erfahrung. Schwärmer schmähen die Unzulänglichkeit der Sprache, wenden sich unsäglich verschwommen ans Gemüt, dessen echte magische Macht aber Vernunft, Vorsatz, Absicht ist. [...] Nach Kant gehören diese Schein-Genies, weihevoll bemäntelten und bebarteten Seher und ‚Übermenschen’, Auserwählten, innerlich finster Erleuchteten in besondere Irrenhäuser." (Katechismus, 84 f.)

In der Tat spielen die Formen der Un- und Widervernunft für Kant eine zentrale Rolle. 1764 entwirft er im Versuch über die Krankheiten des Kopfes ein Miniatursystem der Verrücktheit; dann erklärt er sich damit einverstanden, daß der Leser all jene Geisterseher vom Schlage Swedenborgs „kurz und gut als Candidaten des Hospitals abfertigt".⁷ 1794 bringt er die „widrigen, zum Teil ekelhaften Gleichnisse, mit denen „sich dünkende Weise (oder Philosophen) aller Zeiten „unsere Erdenwelt, den Aufenthalt für Menschen, recht verächtlich vorzustellen" suchen, unter vier Rubriken: Wirtshaus, Zuchthaus, Tollhaus, Kloake.⁸ Auch F/M beansprucht, jene Krankheiten – bzw. die eine schwere, allgemeine Krankheit, die der Menschheit selbst – heilen zu können. Das Programm läßt sich schon in einem frühen Aufsatz erkennen:

„Daß alles Endliche ein Irrtum, ein Traum und Albdruck, höchstens ein Gleichnis sei, ist der Gesang aller Zeiten. Vielleicht gab es einmal eine so göttliche Gesundheit des Lebens, daß man nicht erst über die Welt und in Märchenphantasien oder zur Kunst zu flüchten brauchte, das ewig Wirkliche gewahr zu werden – es klingt uns heute wie Mythologie. Jedenfalls hat man sich sehr früh pathologisch zum Wirklichen gestellt, indem man entweder gegensätzliche Ideale bildete oder allen Idealen entsagte. Den Anfang des Endes dieser langen Quälerei bedeutet uns Kant, der den Geist gesetzgebend für die Erfahrung, ihn ihren Schöpfer sein ließ."

In seiner Dekonstruktion Erich Maria Remarques bringt F/M 1929 eine Blütenlese aus den Urteilen „der siebenhundert Weisen, die wir heute außer uns sieben Narren haben, über besagten Pazifisten. Einer der – nur sprichwörtlich sieben – Weisen des Alterums, Bias von Priene, wird genannt; einmal ist von jenem „dritten Reich die Rede,

„das der fast achte Weise, Bloch (wie war doch der Vorname?), längst etabliert hat, und in das der ebenso weise wie närrische Nietzsche (gleich Napoleon vom Jenenser Landgrafenhügel, neben Binswangers Irrenheim) wie Moses vom Berge Horeb geblickt hat".¹⁰

Kant und die sieben Narren entstand Ende 1934. In den beiden Jahren zuvor hatte Romain Rolland Weltfriedenskongresse in Amsterdam und Paris organisiert; er lehnt die Goethemedaille der Nazis ab, erhält in Deutschland Druckverbot, prangert unbeirrt den deutschen und italienischen Faschismus öffentlich an. Am 26. Dezember 1934 schreibt ihm F/M einen langen Brief, bittet um Unterstützung und legt seine Ansichten dar:

„[...] theoretisch zwar ist Fleisch und Blut koordiniert mit dem logischen, dem geistigen Ich. Ethisch aber sind sie ihm ewig subordiniert. Nietzsche mißverstand diese Subordination als ‚asketisches’ Ideal und schüttete das Kind, Kant, mit dem schmutzigen Bade dieses Ideals der Abtötung aus. Aber Nietzsche war halt nur Psycholog, er begriff Kant ebenso wenig, wie ihn die gesamte Moderne begreift, sonst sie alles andere stehen und liegen ließe, um Kants Lehrling zu werden. Selbstverständlich aber haben sie inzwischen auch die exakte formale Logik historisiert und problematisiert; genau wie das Kausalgesetz und überhaupt die Geometrie und Chronologie. Denn nichts existiert mehr für sie als der Strom des Werdens, der Historie, der Entwickelung. Zwar hat Kant die ewige Form auch alles Werdens längst entdeckt; aber Kant muß natürlich selbst mit allen seinen Formen sich ebenfalls nett weiterentwickeln; sonst würde er zu berühmt, und wir andern sind auch noch da und müssen ihn überbieten. So sieht der sorgfältig kultivierte Defekt der Moderne aus. Er kulminiert in der Revolution um der Revolution willen und verdient vollauf seine Behandlung in der Gummizelle."¹¹

Kants Revolution der Denkungsart: keine historische Kuriosität, sondern das einzige Mittel zur Erkenntnis der wahren Verhältnisse; die Form alles Werdens nicht selbst dem Werden unterworfen; Nietzsche und die Moderne mißverstehen das, wenn sie alles in Geschichte und Entwicklung auflösen – ob Rolland mit solchen Thesen etwas anfangen konnte? Er antwortet am 31. Dezember: Wegen vieler Dringlichkeiten könne er nicht direkt helfen; F/M möge sich an Albert Schweitzer wenden, der „eine religiöse Achtung für Kant habe und einer solchen Bitte nicht gleichgültig begegnen werde: „Il a un respect religieux pour Kant. Il se peut que votre appel ne le laisse pas indifférant.¹²

Zu diesem Zeitpunkt war das Narrenbuch bereits abgeschlossen. Um die Jahreswende 1934/35 notiert sich F/M im Tagebuch einige Namen, die im Text vorkommen: „Schopenhauer, Nietzsche, Bergson, James, Bahnsen, Keyserling, Husserl".¹³ Am 9. Januar 1935 berichtet er seiner Nichte Eva Samuel und ihrem Bruder Ludwig:

„Der ‚alte’ Kant oder gar Marcus haben keine Presse. Grotesken wollen sie am liebsten entweder ganz banale oder russische oder eben nur altberühmte. Dabei habe ich ironischerweise hier gut arbeiten können. Es sind schon drei neue Bücher druckfertig: ‚Kant für Künstler’, ‚Der lachende Hiob’ und ‚Kant und die sieben Narren’."¹⁴

Das druckfertige Typoskript, 68 Seiten auf jener Remington getippt, die F/M von 1920 bis 1937 benutzte, blieb trotz aller Bemühungen unveröffentlicht. Über ein Jahr später bietet er dem Verlag Menno Hertzberger in Amsterdam verschiedene Texte an:

„Es entzieht sich mir, ob Sie auch philosophische Werke verlegen. Sollte dies der Fall sein, so empfehle ich Ihnen vor allem mein Manuskript ‚Das magische Ich’. Dies ist eine Frucht der Kantischen Philosophie, eine Lösung des Problems Mensch [...]. Aber vielleicht interessiere ich Sie mehr in belletristischer Hinsicht? Ein Misch-Produkt aus Philosophie und Groteske ist mein Manuskript ‚Kant und die sieben Narren’. –"¹⁵

Am 14. August 1937 teilt er Alfred Kubin mit, daß er Verbindung zu einem Dr. Slekow – offenkundig in Österreich – aufgenommen habe, der eine Buchgemeinschaft unter dem Namen „Erasmus-Stiftung" aufbauen wolle und Abonnenten suche:

„Immerhin gefallen mir die Grundsätze der Stiftung. Auch hat sich Dr. Sl. ein Manuskript von mir: ‚Kant und die sieben Narren’ eingefordert. Das ist eine Satire auf die moderne Philosophie. Diese Narren der Weisheit sitzen hier in einem Irrenhaus und werden von Kant und Marcus psychiatrisch in die Kur genommen, z. B. auch Nietzsche und Schopenhauer. Ich glaube übrigens kaum, daß Dr. Sl. diese Sache nehmen wird; es ist ein zu hohes Niveau."¹⁶

Die letzte Spur im Brief an Kubin vom 8. April 1939:

„A propos eine Frage: Was ist aus Dr. Slekow und seiner Erasmus-Stiftung geworden? Vor dem Anschluß hatte er der Stiftung ein Manuskript von mir übergeben: ‚KANT UND DIE SIEBEN NARREN’. Bereits viermal habe ich vergebens an die Stiftung geschrieben, einmal sogar rekommandiert und einmal durch Karte mit Rückantwort. Angekommen scheint alles zu sein, da meine Adresse immer angegeben war; aber Niemand antwortet. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir einen Rat geben könnten." (Briefe Kubin, 255)

Durch einen glücklichen Zufall wissen wir von der wichtigsten Quelle. Als Hartmut Geerken nach dem Tode Heinz-Ludwigs im März 1988 die Wohnung auflöste, übernahm er alle dokumentarischen Gegenstände in sein Archiv – außer F/Ms völlig zerschlissenem Morgenmantel, der immer noch an seinem Haken gehangen hatte. Im verstaubten Keller des achtstöckigen Mietshauses fand sich eine Kiste mit Papierkram. Darunter zwei lädierte Exemplare eines Buches, das eine mit Randbemerkungen von F/M, das andere mit aufgelöstem Rücken, starkem blauem Tintenfleck vorn und Lesespuren von Anselm Ruest: Die auferstandene Metaphysik. Eine Abrechnung, von Dr. Dietrich Heinrich Kerler, Ulm: Verlag von Heinrich Kerler, 1921. Auf dem Papiereinband ein Vermerk von unbekannter Hand – vermutlich von Kerler selbst: „Mit besonderer Bezugnahme auf Kapitel II Em. Lasker zur gefl. Besprechung in der ‚Neuen Rundschau’".¹⁷

Kerler hatte mit 23 Jahren ein hagiographisches Lexikon veröffentlicht, das noch heute als Standardwerk gilt; dann Aufsätze über Nietzsche, Meinong, Lask, Bergson, Scheler und juristische Fragen sowie eine Ethik.¹⁸ Er holt das Abitur nach, studiert Philosophie in Berlin und München, wo er 1917 bei Clemens Baeumker, dem bedeutenden Mittelalterforscher, mit einer Arbeit über Fichte und Schelling promoviert.¹⁹ Trotz eines schweren Herzfehlers wird er zum Militär eingezogen; ein Offizier holt ihn heraus; er stirbt 1921 in München an einer Blutvergiftung. Seinen Nachlaß erhält Kurt Port (1896-1979), der Sohn jenes Offiziers; er führt Kerlers Philosophie weiter.²⁰

Die auferstandene Metaphysik, seine letzte Veröffentlichung, ist eine scharfsinnige Bestandsaufnahme, die Kerler, laut Vorwort, „in einem freilich noch in weiter Ferne liegenden System der Philosophie nachholen zu können hoffte. Wie die „großen Denker der Vergangenheit behaupten auch die 27 modernen Metaphysiker das Vorhandensein eines göttlichen Urgrundes der Wirklichkeit. Doch beide, die Alten wie die Neuen, seien unvermögend, den „Wahrscheinlichkeitsnachweis anders als auf dem Wege der Begriffsver-quickung und des Fehlschlusses zu erbringen. Kerler wirft ihnen „typische intellektuelle Unredlichkeit vor. Demgegenüber setze er sich ein „für reines, ‚interesseloses’ Denken und, als dessen Ergebnis, für einen atheistischen ‚Okkasionalismus’ und für eine atheistischimpersonalistische Ethik und Philosophie des Geistes".

Das Buch findet, wie Kerlers übrige Publikationen, Anerkennung. In den Kant-Studien bescheinigt ihm ein Rezensent: „Es steckt eine selbständige Haltung hinter dem allen." (Lindau 1924) Arnold Kowalewski, Herausgeber kantischer Vorlesungen, lobt es und verfaßt 1926 eine Würdigung in den Kant-Studien.²¹ Fritz Heinemann urteilt:

„Darum hatte Kerler nicht Unrecht, ob der ‚auferstandenen Metaphysik’ zu höhnen; aber sein Werk ist ein richtiges Nußknackerbuch, das die einzelnen metaphysischen Nüsse der Generation mit großem Vergnügen aufknackt, aber doch keinen prinzipiellen Fortschritt bedeutet." (Heinemann 1929, 9)

Wie die Verbindung zwischen Kerler und F/M zustande kam, ist dunkel. Beide nennen einander nirgends. 1913 wurde F/Ms Nietzschebuch zusammen mit Kerlers kleiner Schrift Nietzsche und die Vergeltungstheorie besprochen (M. R. 1913). Jene handschriftliche Empfehlung hat F/M auf seine Weise befolgt: In der Neuen Rundschau erscheint Anfang 1921 seine harte Kritik von Emanuel Laskers Hauptwerk Die Philosophie des Unvollendbar, die sich allerdings nicht auf Kerler stützt (GS 2, 633-641). 1923 listet er in einem Referat über den Stand der zeitgenössischen Philosophie zehn Autoren auf, die auch von Kerler untersucht werden:

„Die berühmten Eucken, Bergson, Boutroux, Simmel, Husserl, Scheler, James, Driesch, Rickert, Croce usw. usw., diese sehr geistreichen Denker, Ethiker, Ästhetiker, können oder wollen entweder die ungemeine Kantische Revolution nicht verstehen, oder sie geben auch nicht einmal von fern ein so klares Bild derselben wie der einzige Marcus." (Philosophie der Gegenwart; GS 3, 722)

Gut zehn Jahre nach dieser ersten, stillschweigenden Entlehnung greift F/M auf Kerlers Buch zurück. Besonders in der zweiten Hälfte von Kant und die sieben Narren schöpft er daraus Namen, Zitate, Thesen. Trotz aller Übernahmen und Paraphrasen wird man ihm kein wissenschaftliches Fehlverhalten in Form mangelnder Zitierethik vorwerfen können (Frankenberg 2007). Er gibt ein Beispiel produktiver Anverwandlung, ja ein Meisterstück literarischer Collage. Souverän verfolgt er sein eigenes Ziel, sortiert unterwegs die Materialien und liefert im Durchblick durch die Quelle noch schärfere Urteile. Der Leitgedanke hält alle Fäden zusammen; Kerlers Atheismus und einige Autoren bleiben beiseite. Wie kritisch F/M gelesen hat, zeigen seine zahlreichen Anmerkungen.²²

Es gibt noch eine zweite direkte Quelle. In F/Ms Nachlaß liegt ein Blatt mit Exzerpten aus einem 1933 gedruckten Heft von 42 Seiten: Die Ontologie der Gegenwart in ihren Grundgestalten. Der Verfasser, Gerhard Lehmann, stellt zunächst „die eine Wurzel moderner Ontologie" dar – Bolzano, Brentano, Meinong, Husserl –, sodann Heidegger, Nicolai Hartmann und Günther Jacoby. Die herausgeschriebenen Eingangs- und Schlußsätze übernimmt F/M zusammen mit einem Zitat aus Heideggers Sein und Zeit.²³

Lehmann hat F/M mehrmals erwähnt. 1926 übt er pauschale Kritik.²⁴ In einer Rezension zu Marcus’ Buch Die Zeit- und Raumlehre Kants spielt er auf F/M an:

„Marcus hätte nicht eine so begeisterte Anhängerschaft, wenn seine Lehre in der Durchführung nicht von bewundernswertem Scharfsinn wäre [...]. Im Ernste jedoch von seiner ‚Philosophie’ reden und ihn als den echten Nachfolger Kants bezeichnen, -das ist zuviel."²⁵

1931, in einem launigen Abschnitt über Marcus, zitiert er F/Ms Beschreibung von dessen Physiognomie und führt in Literaturangaben mehrere Bücher F/Ms an.²⁶ Dieser nennt in seinen Veröffentlichungen Lehmann nur einmal, an exotischer Stelle.²⁷ Am 23. April 1936 schickt er einen Aufsatz Lehmanns an Ruest, mit ätzendem Kommentar:

„Lehmann tendiert dazu, im Opus posth. Ansätze zur Umstoßung der Kantischen Basis zu sehen. Das ist schädlicher Unsinn. Durch den Kommentar von Adickes kenne ich das O. P. genug, um zu wissen, daß Kant sich abmühte, mit dem Apriori noch tiefer als in den metaph. Anfangsgründen der Naturwissenschaft ins Aposteriori einzudringen. Sogar spürt man noch deutlich, daß er in der Polarität eine solche Brücke, aber sehr im Nebel, entdeckte (damals kam der Galvanismus auf, und Kant nennt seine Transzendentalphilosophie buchstäblich ‚Galvanismus’). – Lehmann versteht den Lehmann ausgezeichnet, aber nicht den Kant. Beweis: er redet von ‚transzendentalem Solipsismus’, dem allerhölzernsten Eisen, das es irgend geben kann, indem doch das Transzendentale gerade allen Solipsismus zu Boden schlägt. Wer das noch nicht einmal einsieht, hat von Kant keinen Schimmer und verdeckt diese Ignoranz durch Problematistik, ‚Dämonie’ u. a. Nonsens. – Bitte gib mir das Blatt zurück."²⁸

Kant und die sieben Narren läßt sich wie folgt gliedern:

Vorspiel: Ein vom „Erdbund der Geistigen gebildetes Komitee soll „alle Übel der Menschheit radikal beenden. Man einigt sich darüber, daß das „Grundgebrechen im Mangel einer „einheitlichen geistigen Orientierung bestehe. Allein der Vorsitzende hält sämtliche Orientierungen, Lebensinterpretationen, „Einstellungen für gleichberechtigt, auch die einander widersprechenden. Streit entsteht. Kant tritt auf, gebietet Einhalt und schlägt vor, ein „Heilhaus für verirrte Philosophen zu errichten, die er nach seiner Methode kurieren wolle – jeweils sieben Narren, welche nach ihrer Heilung durch andere ersetzt werden sollen. Der Vorschlag wird angenommen, das Hospital an der Ostsee errichtet. Kant geht an die Arbeit.

Szene 1: Schopenhauer

Szene 2: Nietzsche (die längste Szene)

Bis hier agiert Kant allein. Nun tritt Marcus auf als Assistent, Referent, Stichwortgeber. Fortan wechseln Zellenbesuche mit Zwiegesprächen und Referaten.

Szene 3: Bergson

Szene 4: James (mit einem ersten Zitat aus AM)

Zwischengespräch: Marcus berichtet kurz über Heidegger, Husserl, N. Hartmann und G. Jacoby. F/M stützt sich hier auf Lehmann 1933.

Szene 5: Bahnsen

Zwischengespräch über transzendentale Polarität; erwähnt werden Barthel, F/M, Goethe und Marcus. Dieser referiert knapp über Driesch, Spengler, Lasker, Schleich, Geißler, nennt Klages, Lessing, Sorel, Becher. Dies und das Folgende nach AM.

Szene 6: Keyserling (zweitlängste Szene)

Szene 7: Husserl (kürzeste Szene)

Szene 8: Steiner

Schlußgespräch: Marcus referiert über Eucken, Dessoir, Rehmke, Scheler, nochmals und ausführlich über Driesch sowie knapp über Stern, Heymans, Wundt, Boutroux, Otto, Schrempf, Blüher, Becher und Lask.

Epilog: Schopenhauer hat Kants Ratschläge bedacht und ist geheilt.

Über die sieben bzw. acht ‚Hauptnarren‘ hinaus werden also noch über zwanzig weitere indirekt vorgestellt; außer Schopenhauer und Nietzsche, James, Eucken und Lask waren es allesamt Zeitgenossen.

F/Ms initiale Hypothese erscheint auf den ersten Blick absurd: Wie könnte ein solcher Erdbund der Geistigen jemals gebildet werden? Und wie könnte er sich ausgerechnet auf Kant einigen? Jedoch war er es, der die Idee eines Völkerbundes entwickelte (Zum ewigen Frieden, 1795). In F/Ms Fassung: „Es sollte endlich ein sublimierter geistiger Völkerbund in Permanenz tagen, um die 1781 proklamierte Revolution der Denkungsart zum Unisono zu bringen." (Autobiographie, 13) Den Gedanken der Einzeltherapie hatte er schon in jener „Utopie" angedeutet, deren Drucklegung seine Emigration veranlaßte; dort gründet der Held ein Institut,

„worin Gelehrte, denen er den geistigen Star durch Kant gestochen hatte, sich mit philosophischer Orthopädie, mit Einrenkung der Platonischen Ideen, Entbucklung scholastischer Auswüchse, Entschnürung des Spinozischen Korsetts, Zwangsbejackung des blinden Schopenhauerschen Willens, psychiatrischer Behandlung des Nietzscheschen Naturalismus und transzendentallogischer Fieberdämpfung der sogenannten Relativisten befaßten." (Der antibabylonische Turm, 191)

Die Architektur des Hospitals entspricht dem von Jeremy Bentham 1791 entworfenen Plan. Michel Foucault (1976, 257 ff.) hat dieses Panopticon interpretiert als „das Diagramm eines auf seine ideale Form reduzierten Machtmechanismus"; es verbinde die Kontrolle der Körper der Inhaftierten, des Raumes überhaupt, mit einem Machtwissen.

Die acht Einzelgespräche sind sorgfältig inszeniert, bis in Details wie Schopenhauers goldener Buddha, James’ „delikater Füllhalter", Steiners Priesterhabit. Was Kants

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