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Experiment Mensch

Experiment Mensch

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Experiment Mensch

Länge:
360 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Apr 30, 2014
ISBN:
9783735763785
Format:
Buch

Beschreibung

Salomo Friedlaender/Mynona: der lustige Schnurrenerzähler, der skurrile Polaritätsphilosoph? Reißen Sie diese bequemen Etiketten ab! Das Image muß revidiert werden. Hier ist zum ersten Mal ein Überblick über das gesamte Werk eines erstaunlichen Schriftstellers und Denkers aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Kurze Textauszüge, viele aus dem unveröffentlichten Nachlaß, aus Tagebüchern und Briefen: Selbstzeugnisse, philosophische Grundbegriffe, intellektuelle Leitfiguren und wichtige Freunde; Urteile über ältere und neuere literarische und philosophische Autoren; Blicke in die groteske „Lebewelt“; Thesen zu Kunst, Vernunftmagie und exzentrischer Empfindung, zu Pädagogik, Psychologie, Sexualität und Physiologie, zur Politischen Theorie und zu den Religionen. Mit Einleitung und Literaturhinweisen.
Herausgeber:
Freigegeben:
Apr 30, 2014
ISBN:
9783735763785
Format:
Buch

Über den Autor


Buchvorschau

Experiment Mensch - Salomo Friedlaender

Schriften

1

Über sich selbst und sein Werk

Gebt mir’s! Gebt mir mein Reiterstandbild! Zögert nicht länger!

Sonst fresse ich euch auf – und ich habe bewiesen, daß ich’s kann.

Ihr kennt meine Taten. Brauchen die andern Kerle Reiterstandbilder? Gestern erst stopfte ich das (zäh sakrale) Fleisch der Kaiserin Tun-Teeh von Topfnachtien in ihr eignes Gedärm und verspeiste es als Mettwurst: warum also länger warten? Soll ich auch noch den Professor Witzlamopski-Torfgemüll (als Vomitiv) schlingen? Ich habe genug gegessen, bin satt. Setzt mir jetzt ein Reiterstandbild! Eiserne Mynonas will ich; und schämen solltet ihr euch, daß ich euch erst mahnen muß.

Ich verlange ein Reiterstandbild (1916; GS 7, 273). Ulrich v. Wilamowitz-Moellendorff (1848-1931), klass. Philologe.

In meiner Jugend wünschte ich mir sehnlichst mein Reiterstandbild. Ich lechzte nach einer Gedenktafel an der Hintertür wenigstens meines Geburtshäuschens. Ich wollte den Pariser Platz in einen Mynonaplatz umgetauft haben. Wie kindisch finde ich heute alle diese Wünsche, die mir jeder Reichspräsident von Herzen gern erfüllen möchte.

Mein hundertster Geburtstag (1928; GS 18)

Mit Magenfreuden, liebste Anna, warte lieber bis zum Mai, wo alle Welt meinen Geburtstag so feierlich begeht; gegen ein Denkmal bei Lebzeiten werde ich protestiren: Wer weiß, wie schön ich noch werde? – an Anna & Salomon Samuel, 12.3.1902

Das Buch? – Ich schwör’s Ihnen: gedruckter Mundgeruch! Die Leser Fliegen im Spinnennetz des Buches

Fermenta Mynonae (GS 16, 511)

Jeder Autor hat sein Lexikon, sein Wortmaterial. Kennt man das, braucht man ihn nicht mehr zu lesen.

Tgb 71, Feb. 1937

Die Türschelle klang, und nach einer kleinen Weile trat ein eigenartiges Pärchen herein: eine junge Dame, der man die künstlich übersteigerte Schöngeistigkeit im Verein mit gewaltsam entbürgerlichter Erotik auf den ersten Blick anmerkte, zur Seite eines älteren Mannes, an dem eine perückenhaft anmutende Frisur aus grauem Haar auffiel. Sein langes, schmales, bartloses Gesicht war von spitz hervorspringender Nase profiliert. Auf seinen eckigen Zügen von ins Korrekte strebender Häßlichkeit lag ein sich selber beständig Lügen strafender Ernst oder eine sich selber wieder ausstreichende Heiterkeit. Da seine Widersprüche sich mehr noch zu nichts aufhoben als gegenseitig befruchteten, wirkte er bizarr und banal. Trotzdem schien er ein Interesse zu erregen, dessen Übertriebenheit er selbst störend empfand. [...] Diese beiden waren der leidlich bekannte Humorist Friedrich Salomon (der sich daneben als Philosophen einschätzte) und seine Schülerin, wenn man so sagen darf, Hetta Dünneke.

Graue Magie, Kap. 4 (GS 14, 159)

Es ist schon eine sehr verhexte, verrenkte, verzurrte Seligkeit, in der wir leben. Und Du weißt ja, liebste Tochter, daß sich dieser allgemeine Fluch bis in die tiefste Liebe eindrängen kann. Glücklicher Weise ist das Glück zwar zu mißhandeln, aber nicht zu beseitigen; und unseres erst recht nicht, meine geliebte Lise! Wir bleiben verbunden und mehr als jemals! – Ich glaube, daß ich das ganze Verhängnis des Lebens als Gedanken in mir habe: so deutlich & unmißverständlich, daß ich in diesem Punkte gar kein „Mensch" mehr bin; ich bin die Natur selber, wenn ich denke. Das Erlebnis mag Mancher gefühlt oder angeschaut haben: aber noch Niemand hat es vernünftig gedacht! Aber dafür weiß ich auch nichts als dies, und bin in allem Anderen dumm.

an Marie Luise, 1.8.1911, sechs Wochen vor der Heirat

Was ein Kolibri ist, werden so ziemlich alle gebildeten, ungebildeten und halbgebildeten Vernunftbesitzer wissen: ein schönes Vögelchen mit einem sehr langen graziösen Schwanz, der beim Fluge wie ein gefiederter bunter Blitz durch die Luft sirrt. (Hä, wie gemein ist diese gezierte Ausdrucksweise!) Aber wirklich, der Kolibri ist ein so allerliebst niedliches Tierchen, von der Natur so konfitürenmäßig entzückend ausersonnen, daß alle Literatur ihm einfach übel nachhinkt – nein, die Literatur ist kein Kolibri; sie ist weit, weit eher eine Verbalinjurie, an der ganzen lieben Welt begangen.

Der Schutzmannshelm als Mausefalle (1912; GS 7, 175)

Man ließ die Klosetts intensiv auskultieren; es kamen aber daraus nur einige halbverfaulte Embryos, ein Sonnenschirm, ein außerordentlich genauer Festungsplan von Spandau, gutgetippte Majestätsbeleidigungen, ein Porträt der Kaiserin, vier zerbrochene Klemmer, Mynonas gesammelte Werke, eine Büste des Theosophen St. und ein gefälschter Tausendmarkschein zum Vorschein. Man hat nie etwas aufklären können. Der Philosoph Fressoir sprach sich in einem Artikel des Tageblattes ziemlich geistvoll über Massenhalluzinationen aus; er machte stelzbeinige Folgerungen auf „Passantenwahnsinn vor Warenhäusern". Ist es nicht schade, daß an den alleraufgeklärtesten Sachen immer noch ein unauflösbares Rätsel zurückbleibt?

Die Bank der Spötter (1919; GS 4, 211). Fressoir = Max Dessoir (1867-1947), Philosoph, Psychologe, Kunsthistoriker. Der Theosoph ist Rudolf Steiner.

Sie kennen ja, da Sie gebildet genug sind, um Mynona zu lesen, die Tragödie der Narzisse. Eigentlich ist es die Tragödie der Selbsterkennung. Aber nicht immer, wenn man in den Spiegel blickt, erfreut man sich sehnsüchtig gierig der eigenen Schönheit.

Der umgekehrte Narziß (1918; GS 7, 352)

Ein Autor ist ja im Grunde nichts als der Detektiv seiner selbst.

Graue Magie, Kap. 2 (GS 14, 110)

Was mich und mein Buch anbelangt, so komme ich mir vor wie ein alter Inder oder Mystiker (etwa Eckehart), der (gleich Whitman oder Emerson) im modernsten Amerika aufwacht.

an Ernst Marcus, 11.10.1918. Das Buch: Schöpferische Indifferenz

Prof. Friedlaender hat einen ungeheuren Zulauf; er hat ein Maskenverleihinstitut, welches nicht bloße Kostüme, sondern Haut und Haar, Knochen und Muskeln zur Verkleidung anfertigt.

Der operierte Goj. Ein Gegenstück zu Panizzas operiertem Jud (1922; GS 7, 606)

Was nutzt mir also die Produktivität, wenn ich mit ihr isoliert bleibe? Gewiß wirkt sie vervollkommnend auf mich selber ein. Aber ich will doch auch Andre teilnehmen lassen, und daraus erklärt sich meine Briefschreiberei. Das ist aber doch nicht das Richtige. Das ist nur schwacher Ersatz für ein ordentliches Buch, das von einem ordentlichen Verleger beueut würde. Der ist aber auf Erden für mich nichtzu haben.

an Ida Lublinski, 18.7.1934

Dieses Jahr wird meine Schriftstellerei vierzig Jahre alt. Meine erste Veröffentlichung (über Schopenhauer) las mein Vater noch. Damals war ich Hyperpessimist im Sinne Schopenhauers und lachte, über allen Fortschritt, in Grabestönen. Mein Vater wies mich dem gegenüber auf Kant als den allein echten Philosophen hin. Vier Jahre später lernte ich Marcus kennen.

an Anna Samuel, 12.2.1936

Diese meine eigene philosophische Produktivität ist vierzig Jahre lang mit der Formel Polarität beschäftigt gewesen. Fixiert hatte ich sie schließlich, noch bevor ich Kantmarcusianer geworden war, in meiner „Schöpferischen Indifferenz". Lese ich diese jetzt wieder, so erlebe ich etwas Erstaunliches: – das ist meine heutige, aber kritiklos extravagant hervorgesprudelte, krankhaft hypertrophierte Wahrheit. [...] Ich bin der größte Affe seit Darwin ...

an Doris Hahn, 29.3.1935

Zwar hatte ich mich schon im ,Frieden’ auf meine „Indifferenz" besonnen; aber erst unter dem Drucke dieser Not gelang es mir, meine eigene Entdeckung mit der Kantischen in richtige Verbindung zu bringen und sie dadurch erst zu einem ewigen Funde zu machen. Allerdings erfordert es das Abtun aller Eitelkeit, um dieses literarische Begräbnis bei Lebzeiten, das mir die ,Moderne’ zudenkt, frohgemut auszuhalten. Es ist aber nicht zu bezweifeln, daß eine Zeit, die sich solchen Autor entgehen läßt, beklagenswerter ist als dieser selbst [...]

an Ida Lublinski, 18.2.1937

Ich habe eigentlich nichts getan als einen Gedanken verbessert. Aber es ist der zentrale Gedanke des Menschenlebens. [...] Nehmen wir an, es schriebe Jemand mit weißer Tinte die einzige Wahrheit auf ebenso weißes Papier: – und doch kann man nicht anders. Wenn das Allerselbstverständlichste zugleich das Allerwunderbarste ist; so ist es fast unmöglich, das zu wissen. Wie soll man es merken? Dennoch ist seit 1781 das Mittel gefunden, diese Schrift lesbar zu machen; und es ist mir gelungen, das Allerwichtigste, bisher immer noch Unlesbare ebenfalls zu unterscheiden.

an Anna Samuel, 2.2.1936

Es handelt sich drum, die Welt zu bessern, nicht zu „verändern" – Konfusion von Theorie mit Praxis. – Meine Aufgabe ist Apriori, Form, Metaphysik.

Tgb 30, Mai 1935

ICH bin, durch Schriftstellerei: Lebenssteller.

Tgb 39, Sept. 1935

Meine Lehre ist nicht nur Wissenschaft, sondern auch Kunst, Praxis – Leben, Lebensweisheit.

Tgb 71, Feb. 1937

ICH bin im Grunde alle Bibliotheken los. ICH bin kein ,Gelehrter’, sondern ein von aller Differenz in sich Geleerter –.

Tgb 43, Okt. 1935

Ich habe mich selbst, d. i. das Integral des Menschenlebens, entdeckt: die allerwichtigste Entdeckung, die allereinsamste.

Tgb 167, 21.12.1944

Man könnte sagen: du bist dogmatisch von Deinem ICH durchdrungen. Es ist halt nur das allergeschwollenste Selbstbewußtsein! ICH antworte: ICH bin Indifferenz, und dies ist polare Disziplin.

Tgb 26, April 1935

Die Psychiater werden MEINEN ,Fall’ gern & leicht erklären: das ist, werden sie sagen, ein äußerlich perfekt gehemmter, in sein Innerstes zurückgetriebener Mensch, der sich nun ,geistig’ Luft macht. Ich erwidre ihnen: [Sie] sind innerlich perfekte Esel, die daher außen von sich her machen müssen.

Tgb 41, Sept. 1935

So daß Einer mir sagte: „Was Sie machen, ist Psychohygiene, nicht Philosophie." Ganz falsch. Das apriorische Ich ist kein psychologisches; das phänomenal-psychologische ist gar kein Ich, sondern Objekt des noumenalen, Pseudo-Ich, auf das die Narren wie auf ihr eigenes hineinfallen. Aber diese Selbstentfremdung gewinnen sie nicht mehr über sich, daß sie auch die seelischen Differenzen hinaus aus sich ins Objekt werfen. So lernen sie niemals ihr zentrales Ich, ihre reine Menschheit kennen. So bleibt das Leben tödlich unterbrochen, Fragment, Chaos.

an Salomon Samuel, 28.5.1938

Ohne Spielzeug bei mir kein Ernstzeug. Ich wohne immer neben einem Raritätenkabinett: „Mynona".

Tgb 5, Feb. 1934

Ich habe zeitlebens geradezu absichtlich den Anschein der Frivolität vorgezogen, wodurch ich viele Mißverständnisse hervorrief. Ich liebte immer das polare Leben, weil ich die Ehrlichkeit liebe, und weil das Höchste, wozu der Mensch es objektiv bringen kann, die harmonische Verständigung seines Adels mit seiner Vulgarität ist; sei auch sein Subjekt, sein ICH lauterste Noblesse; aber objektiv polarisiert sich’s halt, solange wir ,nur’ Menschen sind.

an August Soendlin, 19.7.1939. (1883-1966), Kgl. Kammermusiker (Geiger) an der Berliner Oper, seit 1924 im Cincinnati Symphony Orchestra; Duzfreund F/Ms, blieb mit ihm in Korrespondenz.

,Mynona’ ist nur die Oberfläche zu einer philosophischen Tiefe.

an Hermann Bahr, 12.6.1927. (1863-1934), österr. Kritiker, Verfasser zahlloser Theaterstücke, Romane, Essays; vgl. GS 10, 44 ff.

Eine Pariser Sehenswürdigkeit wird meine Bude wohl nicht vor 2050 sein.

an Anna Samuel, 23.12.1936

Selber schriftstellern ist schwieriger als lesen. Analog ist Aktivität überhaupt schwieriger als passive Reproduktion. Das Leben ist bisher mehr ein abgelesenes als ein selber verfaßtes Buch.

Tgb 168,21.3.1945

Ich wünsche mir ein leeres Buch, 100000 Seiten stark. Habe noch Stoff auf 1000 Jahre, bin also noch so jung jung jung, nur eben nicht gerade körperlich.

an Herta Samuel, 4.4.1944

1000 Formeln für das Selbe.

Tgb 169,6.5.1946

Auch ist es unwesentlich, ob beschriebenes Papier zum Weltruhm oder zum Klosettpapier werde. Wesentlich ist ganz was andres: – daß man wirkt, und bliebe man auch noch so obskur. Und es ist ausgeschlossen, daß man nicht wirkt, sollte es auch unbekannt bleiben. Also wollen wir uns Mühe nur darum geben, so zu wirken, daß die Menschheit es wohltuend spürt, mag sie auch die Ursache ignorieren; – also nicht zeitgemäß.

an Anna Samuel, 11.8.1936

Diese brieflichen und mir sonst die Publikation ersetzenden Unterhaltungen mußte ich mir versagen, teils aus energieökonomischen, teils aus technischen Gründen, weil ich im Bett nicht tippen, und weil ich, ohne zu tippen, schwer denken kann; so sehr ist unser Geistiges an gewisse Mechanismen gebunden, aber doch nur wie der Herr an den Diener, oder wie der Virtuos an seine Geige; bekanntlich hängen wir von Kreaturen, die wir machten, ab.

an Lisa Gerbea, 13.10.1936

Ich – Mynona: wie könnte ich mir eitle Illusionen machen! Ich bin nur ein elementarer Kopf: – das ist meine Schwäche zugleich & meine Stärke. Der elementaren Polarität verdanke ich einiges Raffinement, sonst wäre ich ein Simpel. Ich weiß eigentlich nur ums ICH und um seine polare Funktion. Was weiß ich sonst? Weniges ungeordnet schwächlich, zufällig. Aber ich gebe den ganzen akademischen Bibliothekarismus wohlfeil für das von mir entdeckte Element des Lebens, das polarisierende ICH, weg.

Tgb 76, April 1937

Friedlaender objektiv, da haben Sie bestimmt recht, das ist auch noch nicht einmal ein kleiner Denker, auch ist er schon so gut wie tot. Aber das ist ja gar kein Ich, sondern ein noch beträchtlich tierischer Planet des ewig anonymen Ich, der subjektiven Sonne, die sich endlich präzis innewird, so daß ihr objektives System sich automatisieren kann.

an Kurt Hiller, 29.3.1940

Es ist wesentlich, solche Gedanken zu denken; hingegen soll man um die Publikation, wenn sie sich nicht durchsetzen läßt, unbesorgt sein, denn das Gehirn ist der eigentliche Aussender, und über kurz oder lang macht sich das public. Natürlich schließt das die sonstigen Bestrebungen nicht aus, aber sie sind nicht wesentlich. Mir geht es mit meiner Philosophie ähnlich. Meine Manuskripte drohen, Käsepapier zu werden, wo nicht gar ein noch stänkigeres ... Aber das soll uns nicht abhalten etc. Die Leute verlieren dabei mehr als ich selber, der doch im unmittelbaren Besitz der Gedanken bleibt. Auch ist, wenn man sich zur Wahrheit durchgerungen hat, das Wohnen in ihr so einfach und bequem, daß man alle Bibliotheken entbehren kann. Sorgt man fürs Inwendigste, so automatisiert sich alles Auswendige immer spielender, mögen auch die Anfänge dieser doch erst in den Kinderschuhen steckenden Vernunftmagie noch so unbeholfen ausfallen.

an Herta Samuel, 6.5.1943

Trotzalledem ist die Prognose günstig, und aller zerrissene Zusammenhang wird einst wiederhergestellt werden – erst recht; er bestand schon während seiner Dauer noch sehr unzulänglich. Was man falsch, häßlich, böse, krank, ja teuflisch nennt, das ist nur der Rohstoff der formenden Ideen des Wahren, Schönen, Guten, Gesunden, Menschlich-Göttlichen.

an Herta Samuel, 6.2.1944

Dem Optimismus immer ein ob noch so leises Übergewicht geben!

Tgb 170, 18.8.1946 (vorletzter Eintrag)

2 Biographisches

Da! Also damals – 96 war’s, Berlin, explodirte plötzlich die Hölle, ihre Wände barsten: eine rauchende Ruine stand inmitten einer Leere: – jener Leere, von der Mephistopheles dem Faust vornebelt, die da zu den Müttern leitet. Jetzt erschien mir geradezu visionär die Idee der Ideen: Unendlichkeit. – Es war eine Krisis, die mich, den ohnehin Erschöpften, dem Gehirnfieber nahe brachte. Jetzt aber war ich gerettet, eine Raserei des Schmerzes und der Freude, das tragischste Pathos – ich las damals intensiv im Hamlet – bekam Gewalt über mich. Ich geriet in ein messianisches Fühlen. – Und nun wurden die lieben und die liebsten Leute aufmerksam. Das Resultat war ein parfum aus Gerüchen der Verdachte: Neurasthenie, Größenwahn etc. etc. [...] – Ich hatte da Etwas konzipirt. Aber Was? Eine große dynamische Lehre, in einem Bilde vorläufig: eine Farbenleiter der Unendlichkeiten [...].

an Salomon Samuel, Jena, 27.2.1899

Von selber geriet ich darauf, Schopenhauers Willensbejahung und Willensverneinung unter dem Bilde der Polarität analog aufzufassen wie Finsternis und Licht; es waren Pole, der eine gleichberechtigt an den anderen gebunden [...]. Mein Hauptaugenmerk aber richtete ich auf die Indifferenz dieser Pole, auf das innerste Selbst, welches sich dermaßen polar als Welt äußert. Indem ich, durch einen rein geistigen Akt, mich nicht mehr mit meinem Menschen, sondern mit jener Indifferenz identifizierte, gewann ich in der Folge die Freiheit wieder. Dieses Erlebnis, das viele Jahre zu seiner Klärung bedurfte, [...] habe ich in meinem Buche ,Schöpferische Indifferenz’ auch für andere Bedürftige faßlich zu machen gesucht.

Wie ich Schopenhauer lesen lernte (1921; GS 3, 704)

Es mußte doch irgend einen ersten und letzten Sinn des Daseins geben? Schopenhauer fand ihn im Entschluß des Willens zur Bejahung oder zur Verneinung des Lebens. Das waren einander entgegengesetzte Extreme der Richtung des Willens. Aus der Spannung dieses Gegensatzes blitzte mir eine Formel auf, deren Geschichte ich kaum kannte und also ignorierte, daß es eine uralte Formel ist [...] die Formel der Polarität. Sie schien mir den Sinn des Lebens geheimnisvoll zu enthalten. Lebensbejahung als Pol hatte ich nur allzu drastisch ausgekostet. Um meine Entscheidung zu treffen, mußte ich also auch den Gegenpol erleben. Über diesen inwendigen Experimenten vergaß ich, dirigiert obendrein von der asketischen Absicht, Essen und Trinken wochenlang fast gänzlich, und erlebte phantastische Ekstasen. Diese Verzükkungen enthielten Visionen eines polaren Lebens, in denen sich mitten zwischen allen Lebenspolen, zwischen Ja und Nein des Willens, mein in der Mitte schwebendes Ich immer sonnenhafter regte.

Autobiographie, Kap. IV

Oh, aber im Übrigen: im Grunde: zuletzt: unser Leben ist eine Parenthese, man kennt von dem Satz, davon sie es ist, nur einen leisen Widerhall, aber er genügt, um den bloß parenthetischen Charakter des Lebens und zugleich eine hoffende Resignation in uns empfindlich zu machen. Die Sphinx des Philosophen ist der Tod, sei es der vor der Zeugung, sei es der nach dem Sterben. Er ist es, er bleibt es, und ihn zu stürzen, müssen wir unablässig bedenken, so lange, bis wir für das Irrenhaus in erfreulichem Grade reif sind [...] Schluchzend lege ich die Feder auf die Sardinenbüchse. Was bin ich? ein armseliger Mensch. Lieber Sali, Du weißt so genau, daß für alle Wissenden der Mensch erledigt und abgethan ist – gründlich. Na, warum, mein Kind, hängst Du so sehr an Dir? Merkwürdig: zwischen unser niedriges und unser höheres Selbst hat sich der geistig-leibliche Schmerz der Resignation, der Krankheit brennend gezwängt, und nur über feurigen Brücken & Leitern geht es excelsior. [...] Nicht schwatzen, ich bin ein Affe, mir ist es gar nicht ernst. Ich spiegle mir Zeit meines elenden Lebens allerlei Bedeutung vor, die ich meines Wissens nicht habe, ohne den Ekel vor mir loszuwerden. Und auch dieser ist Lüge. Das vergebliche Bestreben, mehr zu sein. Die geschickte Selbstverläumdung. – Es ist ½ 4, ich sollte jetzt schlafen gehen, oh Gott. Ein Tag: mittags gebadet. Wartete schon Dr. Rund. Mit ihr zu ihm, um für lästige Besucher nicht zu Haus zu sein. [...]. In’s Restaurant: soupirt. Mit St. zu ihm: Dessert. Tag weg. Pfui! – Nun, dieses Pfui ist erlogen. - Das ästhetische Leben – ein höheres Stockwerk: man hat das bloß praktische im Erdgeschoß. Dummes Bild. Allenfalls Dach-Garten? Wirr, wirr, wirr. Was muß auf Samuels dieser Brief für einen Eindruck machen? [...] Ich kann zu mir keinen guten Mut mehr fassen. Meine Geburt war ein ganz dummer Zufall? Schluchzend lege ich die Feder auf die jetzt geleerte Sardinenbüchse.

an Salomon Samuel, 7.5.1906

Sehr verehrter Herr Armeyer!

Sie haben mich mit der gütigen Vergönnung des ,Von Zimmer zu Zimmer’ aus einer seriösen Leiche in einen lustigen Standesbeamten verwandelt, der Sie überaus sehr bittet: nun noch das Letzte zu tun und mir auch das vorhergehende Gedicht-Scheerbartianum zu übermachen; ich ließ Sie bereits durch den Einzigen Rüst darum angehen. [...] Und wollen Sie sich nicht dennoch zur Publikation meiner umgedrehten Volkslieder, „Abendgrün! Abendgrün!" entschließen??? Zuguterletzt wünsche ich Ihnen, Herr Armeyer, in jeder Beziehung aufrechtes Gedeihen und verbleibe gern, mit Finger am Zylinderrand, Ihr, Ihnen zum fröhlichen Wüstenritt stets zur Verfügung stehendes Dromedar

Friedlaender. Mynona

an Alfred Richard Meyer, 26.5.1921. „Munkepunke" (1882-1956), Autor, Verleger, Gastrosoph, Kabarettist

Meine lieben Beiden!

Es macht mich glücklich, so rasch zu wissen, daß Ihr wohlbehalten dort angelangt seid, und ich danke auch sehr für die Grüße von Anna und ihren Töchterlein. – Inzwischen ist es auch mir gradezu wundervoll ergangen. Alles klappt, auch Hilde Rentner. Die Satte habe ich restlos ausgelöffelt. Auch die Maus gedeiht, ich spritzte ihr Wasser aus dem Revolver, worüber sie hell auflachte. Auch tauchte Ho, um Abschied zu nehmen, noch flüchtig auf. Sonst Einsamkeit. [...] Nun wünsche ich Euch schöne, ruhige Tage der Erholung. Schreibt mir jede Woche mindestens zweimal ein paar Zeilen auf Karte. [...] Mein Lull, gehorche der Mutter unbedingt, sie ist Dein Oberherr, Dein General, Dein Sklavenherr, Dein Sultan. Fridolin und Jugendspiegel schicke ich Dir immer zu. [...] Bitte, grüßt mir alle die lieben Leutchen dort, auch Ellychen, das viel zu süüüüüße! – Auch den Joseph, der mir so verdächtig ähnlich sieht. – Mit Küssen ohne Zahl Deines Sohnes

richtiger Vater,

Dein Gemahl.

an Marie Luise & Heinz Ludwig, 7.7.1926

Meine sehr verehrten Damen!

Wir danken Ihnen bestens für Ihre liebe Einladung, aber da meine Gesundheit wackelt, kann ich nicht bestimmt, so gern ich es auch möchte, zusagen. Bitte entschuldigen Sie also mein Vielleicht, vielleicht auch nicht.

Mich in zu photomontierende Blumenwogen hüllend, auf der schwanken Lilie der Hoffnung wiegend, Ihr, auch von seiner Frau herzlichst grüßender Mynona

an Hannah Höch &Tilit Brugman, 7.12.1930

Unser Junge bekommt keine Arbeitserlaubnis. [...] Redaktionen reagieren sehr selten und schäbig. Übersetzer und Verleger nirgends. Dabei bin ich ironischerweise gerade jetzt sehr produktiv. Es glückt mir überhaupt gar nichts als die Lösung einiger geistiger Probleme. Diese Lösungen sind aber so orientiert, daß sie heutzutage nicht interessieren. Wie ich Dir bereits in Berlin andeutete, bin ich auf dem Wege, das Problem der Polarität innerhalb der Grenzen der reinen Vernunft zu lösen. [...] Die Sache fesselt mich Tag und Nacht so sehr, daß ich gegen die furchtbare Lage wie anästhesiert bin. Dabei hungern wir bereits zur Hälfte ... Aber noch übertäubt bei mir der Hunger der Vernunft den des Magens.

an Ludwig Samuel, 13.7.1934

Ich muß nun zugeben, daß ich seit Jahrzehnten so lebe, als ob die letztere Sättigung nur eine Funktion der ersteren wäre. Ein Märchen. [...] Mit dürren Worten: wer monatlich mindestens wie wir tausend Francs braucht und nach dem Gesetz höchstens hundertachtzig erhält (für drei Personen), der mag seine Rechnung mit dem Himmel machen ...

an Anna Samuel, 6.1.1935

Es ist alles für mich so ganz erfolglos verlaufen, daß ich die Gelegenheit benutze, mich auf dem Umweg über Euch mit mir selbst zu unterhalten. Bei meinem Briefeschreiben ist diese Illusion wirksam. Es ist so ein Mittelding zwischen Isoliertheit und Publikation, wie es meiner heutigen Lage angemessen ist. Als letzte Taktik fiel mir ein, die ragenden Häupter der Moderne anzubriefen. So schrieb ich z. B. an Lichtenberger, an Romain Rolland, Albert Schweitzer, Sir Oliver Lodge etc. etc. Wirkung nullnull. Die Herrschaften sind zwar sehr edel, aber offenbar weder hilfreich noch gut? Josef Roth schrieb mir, er wäre als Katholik und Royalist entschiedenster Anti-Kantianer! Resultat: der Mann publiziert in allen liberalen’ Lagern.

an Eva & Ludwig Samuel, 9.1.1935

In der Tat habe ich noch nie von einer Dichtung, einem Mythos überhaupt von Irgendetwas gehört oder gelesen, das derartig alle Gedanken, Gefühle, Gesinnung, den totalen Menschen durch und durch umwühlte wie das, was ich innerlich erlebe! Als ich in meinen jungen Jahren diese selbe Idee ekstatisch-phantastisch ohne Nüchternheit hatte, geriet ich in den Verdacht, nicht ganz regelrecht zu sein. Es ist ein Gedanke, mit und zu dem ich geboren zu sein scheine, und von dem ich weiß, daß die Leute ihn, nur weil sie noch in ihren allerbesonnensten Exemplaren einen letzten Rest von Schlaf nicht loswerden können, nicht einfach selbstverständlich trotz oder wegen

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