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New York State of Mind: Spaziergänge durch Manhattan

New York State of Mind: Spaziergänge durch Manhattan

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New York State of Mind: Spaziergänge durch Manhattan

Länge:
596 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
May 24, 2013
ISBN:
9783848281336
Format:
Buch

Beschreibung

Was macht die enorme Anziehungskraft New Yorks aus?
Dieser Frage ist der Autor nachgegangen und das ist durchaus wörtlich zu verstehen. Er nimmt uns mit auf eine Reihe von Spaziergängen durch Manhattan. Herausgekommen ist dabei ein Stadtführer der speziellen Art.
Der Leser erhält neben wichtigen Informationen zu den klassischen New Yorker Sehenswürdigkeiten und historischen Hintergründen, auch Ideen für etwas ausgefallenere Unternehmungen. Garniert wird dieses mit spannenden und unterhaltsamen Begebenheiten, die dem Autor während seiner Erkundungen widerfahren sind, wodurch der Leser immer wieder ungewöhnliche Einblicke erhält.
Herausgeber:
Freigegeben:
May 24, 2013
ISBN:
9783848281336
Format:
Buch

Über den Autor


Buchvorschau

New York State of Mind - Mario Graß

New York State of Mind

Spaziergänge durch Manhattan

Mario Graß

Books on Demand

for the lady with the beautiful eyes

Inhalt

Welcome to New York City

Lower Manhattan – Zerbrechliche Stärke

Civic Center & Seaport – Politische Ambitionen & ein architektonisches Meisterwerk

Lower East Side – Sammelbecken der Kulturen

SoHo & Tribeca – Zu Gast bei Robert de Niro

Greenwich Village – Über dem Regenbogen

East Village – Zentrum der Gegenkultur

Gramercy Park - Elitäre Kreise, Attentate & ein Gebäude zum Staunen

New York Yankees – Auf fremdem Hoheitsgebiet

Chelsea & Garment District – Magische Momente

Theater District – Glitzer, Glanz & Glamour

Lower Midtown – Weltpolitik, Wohlstand & Opfer

Upper Midtown – Großes Kino

Upper East Side – Kaffee, Kunst & Konsum

Central Park – Fern der Großstadt

Upper West Side - Exklusivität, Hochkultur & Schüsse in der Nacht

Harlem & Morningside Heights – Oh happy Day

Leaving New York

Welcome to New York City

„New York war seit jeher ein Magnet für Menschen aus aller Welt und wird dies auch immer bleiben."

(Michael Bloomberg, Bürgermeister von New York City)

Was macht diese enorme Anziehungskraft New Yorks aus? Warum kommen seit Jahrzehnten Millionen von Menschen in diese Stadt, von denen einige bleiben, viele immer wieder zurückkehren und wohl alle die Metropole an der Atlantikküste für immer in ihrer Erinnerung behalten?

New York ist mit seinen mehr als acht Millionen Einwohnern die größte Stadt der USA und umfasst mit Manhattan, The Bronx, Brooklyn, Queens und Staten Island, fünf Stadtbezirke – auch Boroughs genannt -, von denen sich das vorliegende Buch ausschließlich mit dem, wenn auch kleinsten, so doch aber schillerndsten dieser Bezirke beschäftigt: Manhattan.

In Manhattan leben etwa 1,6 Millionen Menschen, auf einer Landfläche von lediglich knapp 60 km², was in etwa die siebenfache Bevölkerungsdichte von Berlin ergibt. Eine oftmals vergessene geografische Besonderheit dieses Stadtgebiets ist die Tatsache, dass es sich um eine Insel handelt, die vom East River, Harlem River und Hudson River umgeben ist, was wiederum zur Folge hat, dass die Ausdehnung Manhattans auf natürliche Grenzen trifft, die auch bereits seit mehr als hundert Jahren erreicht sind. Doch die New Yorker haben einen Ausweg aus der Misere dieser vermeintlichen Grenzen gefunden, indem sie diese nicht vertikal, sondern horizontal verschoben haben. Die Wolkenkratzer, die Teile des Stadtbildes prägen und die berühmte Silhouette ausmachen, sind nicht zuletzt Resultat dieses geografischen Umstands. Hinzu kommt, dass der solide Felsengrund, auf dem die Stadt steht, es überhaupt erst ermöglicht, derartige Bauwerke zu errichten.

Im vorliegenden Buch habe ich Manhattan in 15 einzelne Bezirke, die auf der Karte unten dargestellt sind, gegliedert und ihnen jeweils ein eigenes Kapitel gewidmet.

Ich hoffe ihnen Manhattan somit als eine ungeheuer facettenreiche Metropole präsentieren zu können, die so manche Überraschung bereithält und soviel mehr zu bieten hat, als Wolkenkratzer und die Freiheitsstatue.

Von allen fünf New Yorker Stadtteilen ist Manhattan der einzige der, aufgrund unterschiedlicher Ursachen, heute eine geringere Einwohnerzahl aufweist, als noch vor hundert Jahren. Zum einem setzt die beschriebene Inselsituation der Bevölkerungsentwicklung Grenzen. Zudem wurde Manhattan insbesondere in den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts geradezu überschwemmt von Immigranten, die unter oftmals menschenunwürdigen Bedingungen, in schnell aus dem Boden gestampften Mietkasernen, ihr Dasein fristeten. Mit dem Rückgang dieser Einwanderungswellen ist in der Folge auch die Bevölkerungszahl gesunken. Darüber hinaus sind es aber auch die enormen Mieten, die viele New Yorker davon abhalten, in Manhattan zu leben. Die Mietpreise schwanken erheblich innerhalb des Stadtgebietes, aber umgerechnet sollte man zwischen 40 und 80 Euro mindestens pro Quadratmeter Wohnfläche einplanen, wobei dann wohlgemerkt die Rede von bescheidenen, eher kargen Wohnungen ist. Die meisten New Yorker wohnen in solchen einfachen 1-2 Zimmer-Appartements und nicht in Wohnungen mit ausgedehnten Fluren, von denen zahlreiche Zimmer abgehen, aus deren Fenstern man den Blick über die Bäume des nahen Central Parks schweifen lässt, wie einem möglicherweise Woody Allen-Filmen glauben lassen. Solche Unterkünfte können sich nur die allerwenigsten leisten, weshalb viele New Yorker auch in einem der anderen vier Stadtteile leben, in denen die Lebenshaltungskosten doch um einiges günstiger sind, und Manhattan in erster Linie betreten, um dort zu arbeiten, wobei sie dabei allmorgendlich ein nicht unerhebliches Verkehrschaos verursachen.

Das oftmals überfüllte Straßennetz Manhattans, das jedem Autofahrer die Schweißperlen auf die Stirn treten lässt, ist für Besucher jedoch geradezu ideal, da es ungeheuer klar gegliedert ist. Abgesehen von der Südspitze der Insel, sind die Straßen am Reißbrett entwickelt worden und verlaufen nach einem eindeutigen System, das sich wie ein Gitternetz aus rechtwinkligen und geraden Linien über die Stadt erstreckt, weshalb sie in Manhattan auch nur selten auf eine Kurve treffen werden.

Die Straßen, die in Nord-Süd-Richtung verlaufen heißen „Avenues, diejenigen, die von West nach Ost führen, werden als „Streets bezeichnet. Aber damit nicht genug. Die Stadtregierung erspart den Besuchern zusätzlich auch noch das merken von Straßennamen, denn diese hat man (bei einigen Ausnahmen) schlicht durchnummeriert. So heißt die Straße, die ganz im Osten von Nord nach Süd verläuft „1st Avenue, die Parallelstraße in westlicher Richtung von ihr „2nd Avenue usw.

Bei den Streets gilt das gleiche Prinzip, wobei die Zahlen hier in nördliche Richtung ansteigen. Ein System, das die Orientierung ungemein erleichtert. Wenn sie sich innerhalb Manhattans doch einmal verlaufen haben und einem Straßenschild entnehmen, dass sie sich beispielsweise auf der 53rd Street befindet, einige Schritte bis zur nächsten Kreuzung gehen und dort feststellen, dass sie nun an der 54th Street angelangt sind, wissen sie sogleich, dass sie sich in nördliche Richtung bewegt haben.

Die 5th Avenue teilt die Stadt in etwa längs in der Mitte. Straßen die östlich von ihr verlaufen tragen den Zusatz „East, Straßen die westlich von ihr liegen entsprechend den Zusatz „West. Adressen sind in New York folglich zu lesen wie ein Koordinatensystem. Haben sie zum Beispiel die East 42nd Street / 3rd Avenue zum Ziel, müssen sie nicht lange auf ihrem Stadtplan suchen, denn lediglich diese beiden Koordinaten grenzen den gesuchten Ort bereits auf etwa 50 Meter genau ein.

Ihnen bleibt dann womöglich noch die Frage, wie sie dieses Ziel denn nun am günstigsten und schnellsten erreichen können. Was die Benutzung von Verkehrsmitteln betrifft, ist New York eine gänzlich unamerikanische Stadt, denn die meisten Bewohner bedienen sich öffentlicher Verkehrsmittel, sodass nur etwa die Hälfte aller Autos auf Manhattans Straßen Privatfahrzeuge sind. Das Straßenbild ist vor allem durch die sogenannten „yellow cabs", die berühmten New Yorker Taxis, geprägt, von denen mehr als 12.000, stets hupend, durch die Straßen Manhattans kreuzen, weshalb sie sich auch nur einen kurzen Moment an den Straßenrand stellen müssen, um einem vorbeikommenden Taxifahrer mit dem Heben ihres Armes zu signalisieren, dass sie eine Beförderung benötigen. Taxi fahren ist in New York vergleichsweise günstig, was es daher auch für Touristen zu einem durchaus empfehlenswerten Fortbewegungsmittel macht. Der Grundtarif beträgt 2 Dollar. Hinzu kommen 1,50 Dollar pro Meile, was etwa 1,6 km entspricht, plus etwa 10-15 % Trinkgeld. Möchten sie zum Beispiel einmal entlang der 42nd Street vom East River, bis zum Ufer des Hudsons befördert werden, was für New York-Verhältnisse eine bereits recht weite Strecke ist, kostet sie das gerade einmal 4 Dollar. Ein Preis, für den ein Taxifahrer in Berlin, sie nicht einmal bis zur nächsten Straßenecke fahren würde.

Noch günstiger ist es natürlich die Subway zu benutzen, die in der Regel einen 24-Stunden-Service bietet und die etwas verwirrende Unterscheidung zwischen „Local Trains, die an jeder Station halten, und den „Express Trains, die nur an wenigen Stationen haltmachen und daher um einiges schneller unterwegs sind, vornimmt. Um die Verwirrung komplett zu machen, erlaubt sich die Verkehrsgesellschaft zwischenzeitlich immer mal wieder den Spaß, mittels Lausprecheransagen darauf aufmerksam zu machen, dass der „Lokal train heute ausnahmsweise als „Express train fungiert oder umgekehrt, dieses aber nur bis zu einem bestimmten Zeitpunkt und in einem bestimmten Streckenabschnitt gelte. Solche Durchsagen werden sie während ihrer ersten Tage in New York vielleicht noch nervös machen, beobachten sie dann jedoch die New Yorker um sich herum, werden sie feststellen, dass diese solche Hinweise achselzuckend hinnehmen, und zwar nicht unbedingt, weil sie besser Bescheid wüssten, sondern weil sie gelernt haben, dass es sinnlos ist, sich über Derartiges aufzuregen. Irgendwann wird der Zug irgendwo halten und dann sieht man weiter.

Eine Fahrt mit der Subway kostet 2 Dollar, wobei es sicherlich Sinn macht, sich eine Tageskarte für 7 Dollar oder, noch besser, eine Wochenkarte für 24 Dollar zu gönnen.

Aber selbst das Geld können sie theoretisch, für ihren geplanten Shoppingtag auf der 5th Avenue einsparen, und auf ein gänzlich kostenfreies Verkehrsmittel setzen: ihre eigenen Füße. Das ist gar nicht so abwegig, wie es vielleicht im ersten Moment klingt, denn schließlich ist Manhattan in seiner – vertikalen – Ausdehnung gar nicht so groß und man bewegt sich entsprechend nicht so weit von einem Ausgangspunkt weg, wie dieses in anderen Großstädten – man denke an London oder Berlin – der Fall sein mag. Selbst wenn sie Manhattan an einer recht breiten Stelle von Ost nach West durchlaufen wollen, legen sie nicht viel mehr als 3 km zurück, weshalb die New Yorker auch als die einzigen Nordamerikaner angesehen werden können, die in ihrer Stadt überhaupt zu Fuß unterwegs sind.

Wenn sie die Stadt gehend erkunden, bringt das zudem mit sich, dass sie nicht nur schnell die vermeintlichen Sehenswürdigkeiten abklappern, sondern die Stadt in ihrer Ganzheit wahrnehmen, denn in New York gibt es so vieles, das würdig ist, gesehen zu werden. Kommen sie also mit mir, auf eine Reihe von Spaziergängen, durch eine faszinierende Metropole.

Lower Manhattan

„Wie schön ist alles erste Kennenlernen. Du lebst, solange Du entdeckst."

(Christian Morgenstern)

Ja! ... schön ist es ... und aufregend. Ich laufe rastlos an der Balustrade der „John F. Kennedy" entlang und kann mein Glück kaum fassen. Mein erster Morgen in New York City: Bei strahlendstem Sonnenschein fahre ich auf dem leuchtend orangen Schiff der Staten Island Ferry - Flotte an der Freiheitsstatue und an Ellis Island vorüber, während sich der Hafen Manhattans zunächst langsam von mir entfernt.

Immer wieder wechsle ich zwischen Steuer- und Backbord hin und her, um all die Ansichten in mich einzusaugen, wobei ich gezwungen bin dabei fast minütlich das Hauptdeck zu durchqueren, wo sich etwa zwanzig bis dreißig New Yorker - überwiegend wohl auf dem Weg zu ihren Arbeitsstellen – aufhalten, ihre Köpfe tief in einem Buch oder hinter einer Zeitung versteckt. Ich weiß nicht, ob sie genervt sind von mir, dem hektischen Touristen, der scheinbar die banalsten Selbstverständlichkeiten aufregend findet oder ob sie mich überhaupt wahrnehmen. Ich denke und hoffe sie haben in ihrem Großstadtleben gelernt, störende Menschen einfach auszublenden. Eigentlich bemühe ich mich in vergleichbaren Situationen möglichst wenig als Tourist aufzufallen und so werde ich es auch ab demnächst wieder handhaben ... aber hier und jetzt kann ich nicht anders.

Neben einer Handvoll weiterer New York Besucher, gibt es da nur noch die Kinder einer Grundschulklasse, die offenbar einen Ausflug unternehmen und die sich auch lieber außen an der Reling, statt im Inneren des Schiffs aufhalten. Ihren leuchtenden Augen und ihrem aufgeregten Gejohle entnehme ich, dass sie ähnlich begeistert sind wie ich. Sie haben das alles eben auch noch nicht so oft erlebt, wie die abgeklärten New Yorker im Schiffsinnenraum. Lediglich die beiden strengen Lehrerinnen sorgen dafür, dass sie ihre Freude in einer Reihe stehend zum Ausdruck bringen müssen und nicht wie ich, ständig von vorne nach hinten und von rechts nach links laufen können. Die Privilegien eines Erwachsenen ... dafür traue ich mich nicht, so laut zu brüllen ...

Die Staten Island Ferry transportiert bereits seit mehr als hundert Jahren Pendler von Staten Island nach Manhattan – bzw. umgekehrt -, wird aber inzwischen auch von Touristen reichlich frequentiert, denn der Clou ist: Die Fahrt ist kostenlos. Staten Island liegt etwa 8 km vor der Küste Manhattans und ist neben Manhattan, der Bronx, Queens und Brooklyn einer der fünf New Yorker Stadtteile. Lange Zeit war die Insel bekannt als die Müllkippe New Yorks, denn bis ins Jahr 2001 wurde hier der Großteil des anfallenden Abfalls entsorgt. Aufgrund von massiven Bürgerprotesten – denn die Geruchsbelästigung war erheblich - wurde die zentrale Deponie schließlich geschlossen. Im darauffolgenden Jahr musste die Insel dann aber doch noch einmal als Entsorgungsstelle herhalten, als der Schutt des zerstörten World Trade Centers hier gelagert wurde.

Staten Island

Die Fähren fahren etwa im halbstündigen Takt und sind – zumindest in den Morgenstunden – nicht überfüllt.

Ellis Island, jene Insel, über die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts etwa 12 Millionen Menschen in die USA einwanderten, zieht an mir vorbei und auch Liberty Island, die Insel auf der die wohl berühmteste Statue der Welt ihre goldene Fackel unerschütterlich in die Höhe reckt.

Ellis Island & Liberty Island

Ich versuche mir den Eindruck der Millionen Einwanderer vorzustellen, die einst nach beschwerlicher Seereise dieses Land voller Hoffnungen erreichten und aus der Ferne die Konturen der Statue erblickten. „Komm - Du bist am Ziel!", scheint sie einem zuzurufen. Es muss auch heute noch ein tolles Erlebnis sein, New York mit dem Schiff zu erreichen, denke ich mir; aber mangelnde Zeit, fehlendes Geld, latente agoraphobische Tendenzen und drohende Seekrankheit sprechen dann einfach doch für das Flugzeug.

„Give me your tired, your poor,

Your huddles masses yearning to breathe free,

The wretched refuse of your teeming shore.

Send these, the homeless, tempest-tossed to me:

I lift my lamp beside the golden door."

"Gebt mir eure Müden, eure Armen,

Eure geknechteten Massen, die frei zu atmen begehren,

den elenden Unrat eurer gedrängten Küsten.

Schickt sie mir, die Heimatlosen, vom Sturme Getriebenen,

hoch halt` ich mein Licht am gold`nen Tore."

Dieses Gedicht der amerikanischen Poetin Emma Lazarus ist auf dem Sockel der Freiheitsstatur eingraviert und bringt die Identität der Vereinigten Staaten als erklärtes Einwanderungsland zum Ausdruck. In Anbetracht der Politik der jüngeren Vergangenheit und angesichts der tausend Kilometer Zaun, Hightech-Sensoren und Radaranlagen an der Grenze zum Nachbarn Mexiko, erscheint dies heute jedoch äußerst fragwürdig. Mehrere Hundert Menschen kommen jedes Jahr, an der von der Nationalgarde bewachten Grenze, beim verzweifelten Versuch der nackten wirtschaftlichen Not in ihrer Heimat zu entkommen, ums Leben. Schon der irische Schriftsteller George Bernard Shaw bemerkte: „Ich bin bekannt für meine Ironie. Aber auf den Gedanken, im Hafen von New York eine Freiheitsstatue zu errichten, wäre selbst ich nicht gekommen. Der New Yorker Musiker Lou Reed drückt es drastischer aus, indem er das Gedicht in einem seiner Songs aufgreift und umformuliert: Give me your hungry, your tired, your poor, I´ll piss on ´em. That´s what the Statue of Bigotry says."

Wie nahezu sämtliche Touristen an Bord wechsle auch ich an der Anlegestelle in Staten Island lediglich das Schiff und fahre schnurstracks wieder zurück. Die Anfahrt auf Manhattan ist derart imposant, dass es mir die Sprache verschlägt. Der Blick auf die weltberühmte Silhouette zwischen dem Hudson River und dem East River, die langsam näher kommende Brooklyn Bridge ... atemberaubend, wunderschön und zweifellos eines der Bilder, das für ewige Zeiten in meinem Kopf festgehalten sein wird. Jetzt bin ich endgültig eingestimmt, auf die Dinge die dieser Ort für mich bereithält: „New York – Ich komme!"

atemberaubend: die Anfahrt auf Manhattan

Nach etwa einer Stunde kehre ich beseelt zurück zur Anlegestelle und betrete wieder den Boden Manhattans. Genau hier begann einst die Geschichte von New York City, als die Holländer den Indianern die Insel „Manna-hata („hügeliges Land) für Schmuck im Wert von 24 Dollar abkauften. Wo sich jetzt vor mir die Wolkenkratzer in enorme Höhen türmen, errichteten die Holländer einst ein Fort, ein paar kleine Häuser und – natürlich - eine Windmühle. Man muss schon einiges an Fantasie aufbringen, um sich hier und heute inmitten dieser imposanten Bauten, dieses idyllische Bild vorzustellen.

Nach einigen Schritten entdecke ich zwischen gewaltigen architektonischen Konstruktionen aus Stahl und Glas ein Haus, das hier völlig fehl am Platz zu sein scheint. Einerseits wirkt das Gebäude mit seinen drei Stockwerken geradezu winzig und zerbrechlich, zwischen den riesigen Bauten in seiner Nachbarschaft; andererseits strahlt es aber auch eine Art trotzige Würde aus, als könne die Zeit ihm nichts anhaben. Eine kleine Kirche ist direkt an das Hauptgebäude angebaut worden, deren weißes Türmchen ein schlichtes Kreuz mahnend auf seiner Spitze trägt.

In diesem Haus (7 State Street) hat Elisabeth Anne Seton – die erste in den USA geborene Heilige – zu Beginn des 19. Jahrhunderts gelebt.

Sie war Lehrerin, der besonders die Bildung von sozial schwachen Kindern am Herzen lag und um ihre Vorstellungen zu realisieren, gründete sie einst eine eigene Schule. Der ersten Nonnenorden den USA - die „Sisters of Charity" -, dem sie von 1809 bis 1819 als Generaloberin vorstand, geht auf ihre Initiative zurück. 1821 starb Elisabeth Anne Seton im Alter von 47 Jahren an Tuberkulose. Ihre Heiligsprechung erfolgte 1975 durch Papst Paul VI.

Ende des 19. Jahrhunderts diente das Gebäude als Heim für irische Immigrantenfrauen. Etwa 170.000 von ihnen machten hier Station auf ihrem Weg in die neue Heimat.

Ich folge der Straße in Richtung Innenstadt und gelange nach etwa 200 Metern zur ältesten Grünanlage der Stadt, dem sogenannten „Bowling Green" (Whitehall Street / Broadway), die ihren Namen tatsächlich dem Sport verdankt, der hier einst unter freiem Himmel praktiziert wurde. Heute laden zahlreiche Bänke, die unter Bäumen, um ein Wasserbassin mit einem Springbrunnen gruppiert sind, zum Verweilen ein. Der Zaun, der das dreieckige Gelände umfasst, steht seit fast 250 Jahren an diesem Ort.

Genau hier beginnt auch der berühmte Broadway, der sich über eine Strecke von etwa 25 km durch ganz Manhattan zieht. Die holländischen Siedler haben einst diesen alten Indianerpfad zu einer Straße ausgebaut, die sie Breede Weg („breiter Weg") nannten, woraus sich dann im Englischen der Name Broadway entwickelte.

Vom Bowling Green aus erblicke ich dann auch schon eine berühmte Sehenswürdigkeit New Yorks: den „Charging Bull" (Broadway / Bowling Green). Die Bronzefigur steht zu meiner Überraschung nicht direkt vor der New Yorker Börse, sondern etwa 200 Meter von ihr entfernt. Das war jedoch nicht schon immer so, denn an einem Morgen des Jahres 1989 stand der Bulle tatsächlich direkt vor den Türen der New Yorker Stock Exchange und sorgte dort für erstaunte und fragende Gesichter. Der Bildhauer Arturo de Modica hatte die etwa 3200 kg schwere Figur ohne Genehmigung dort in einer Nacht und Nebel Aktion - mithilfe eines Gabelstaplers und etwa 30 Freunden - innerhalb weniger Minuten aufgestellt. Die Kunstaktion brachte jedoch erhebliche Verkehrsprobleme mit sich, sodass die Skulptur nach einigen Tagen von der Polizei entfernt werden musste. Die New Yorker hatten sich aber inzwischen so sehr an dem Anblick des Tieres erfreut, dass seine Entfernung beträchtliche Proteste mit sich brachte und der Bulle schließlich am Broadway eine neue Heimat zugewiesen bekam, wo seitdem Touristen seine mächtigen und inzwischen blank gescheuerten Nüstern tätscheln.

Nach dem Börsencrash von 1987 begann der aus Sizilien stammende Künstler de Modica mit der Arbeit an der etwa 5 Meter langen Figur. Mut und Stärke soll der Bulle symbolisieren. Er wolle „junge Leute ermutigen, sich wieder aufzurappeln und die amerikanische Wirtschaft auf den rechten Weg zu bringen", so der Künstler.

Seit Jahrhunderten stehen Bulle und Bär als Sinnbild für steigende oder fallende Aktienkurse, wofür es verschiedene Erklärungsansätze gibt. Einer geht auf einen spanischen Literaten zurück, der im 16. Jahrhundert die Börse in Amsterdam besucht haben soll und der sich durch das rege Treiben der Händler an eine südamerikanische Stierkampfvariante erinnert haben soll, bei der Bullen gegen Bären kämpften.

Eine weitere Erklärung zur Entstehungsgeschichte ist die, dass ein Bär im Kampf mit seiner Tatze von oben nach unten haut und somit fallende Kurse symbolisiert, während ein Bulle mit seinen Hörnern von unten nach oben stößt und daher steigende Kurse versinnbildlicht. Auf die Idee dem kräftig aufstrebenden Bullen, sein Pendant den schwächelnden Bären gegenüberzustellen, wie vor der Frankfurter Börse, käme ein New Yorker wohl nicht. Ich befinde mich schließlich im Land der Hoffnung und der Zuversicht.

Gleich um die Ecke verläuft die berühmte Wall Street, die ihren Namen einem Schutzwall zu verdanken hat, den die Siedler einst errichteten, um sich vor den Indianern sicher zu fühlen.

Das Herz des Finanzviertels ist eine relativ kleine und schmale Straße, wobei dieser Eindruck sicherlich durch die enormen Höhen der Bauten an diesem Ort verstärkt wird. Winzig kommt man sich hier vor und durch die Hochhäuser fällt kaum ein Lichtstrahl auf die Straße. Der Ort, an dem das Schicksal von Menschen weltweit beeinflusst wird, liegt stets im Schatten, was Vergleiche mit Mordor – der Brutstätte des Bösen in Mittelerde in Tolkiens „Der Herr der Ringe" - in mir aufkommen lässt.

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