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Sich selbst ein Freund: Roman
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eBook375 Seiten5 Stunden

Sich selbst ein Freund: Roman

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Über dieses E-Book

Liebe Leserin, lieber Leser,

SICH SELBST EIN FREUND ist eine fesselnde Reise zu sich und anderen. Mitgerissen wird Marlon Sonntag, als ihm die »große Liebe« zu Helen Schneyder widerfährt, jene zur Partnerin Kim König und seiner Tochter Merlin hat er schon, »seine drei Frauen«. (Merlins Internatsjahre aber enden im Fiasko.) Auch hat er drei Berufe, um sich und andere nicht nur durchzubringen. Ferner Ziele in der Musik und Politik. Prallvoll ist sein Leben, ist sein Kopf, der ihm oft wer-weiß-wo steht. Vielleicht, so fragt er sich später, hoffentlich nicht zu spät, müssen wir uns erst verraten, um zu sehen, was das ist: Sich selbst ein Freund.

Hoch engagiert ist auch Kim als Werbechefin und sehr erfolgreich dazu. Beide sind aber keine Alleinherrscher über ihr Leben, viele Kräfte wirken, voran das Begehren, Wirtschaftsmacht und Gier. (Die Rolle der Frau im Beruf: ein Drama!) Dies und anderes führt zu Begegnungen erstaunlicher Personen, ihrer Familien, Freunde und Bekannten. Wir werden Zeuge großer Mühen, Zeiten des Glücks und herber Schläge infolge von Untreue und mehreren Kriminalfällen. Und oftmals weist das Gestern auf die Lebensgeschichte Einzelner hin.

Auf die Weise entsteht schließlich ein großer Gesellschaftsroman mehrerer Generationen, erfüllt von Liebe und Schönheit in den Zeiten von Dauerleistung und Naturverlust. Die Handlungsorte liegen überwiegend in Nord- und Ostdeutschland, teilweise in Osteuropa und Fernost. – Ein stürmisches Jahr im Leben einer vielseitigen und bunten Schar von Menschen, die ihre Hoffnungen und Ziele zumeist noch vor sich sehen. Trotz Unrecht, Liebesleid und Verrat überwiegen im Roman Zuneigung, Daseinsfreude und Aufbruchstimmung.

Horst H. Büchle
SpracheDeutsch
HerausgeberBooks on Demand
Erscheinungsdatum18. Mai 2015
ISBN9783739288970
Sich selbst ein Freund: Roman
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Autor

Horst H. Büchle

Mein Werdegang Geboren nahe Konin, aufgewachsen in Niedersachsen. Gelernter Schriftsetzer, danach Abitur, zumeist als Autodidakt. Nach dem Abitur Germanistik-, Politik- und Pädagogikstudium an der J. W. Goethe-Universität Frankfurt am Main mit I. Staatsexamen und Studienreferendar für Gymnasien mit II. Staatsexamen in Wiesbaden. Danach: - Redakteur in einem Düsseldorfer Buchverlag. - Selbstständiger Buchhändler in Springe am Deister. - Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Literaturzeitschrift die horen und nebenberuflicher Redakteur in einem Hannoverschen Buchverlag. - Zusatzqualifikation zum "Bildungsreferent in Wirtschaft und Verwaltung" beim FAS Hannover. - Nebenberufliches Studium "Personalentwicklung im Betrieb" an TU Braunschweig. - Von 1991 bis 2011 Dozent unter anderem an Technischer Akademie für Deutsch, Politik, BWL und VWL, Handelsbetriebslehre, Projektmanagement, Kommunikation und Führungsverhalten. Autor und Herausgeber von Readern und Lernmaterialien für Schüler und Studierende. In all den Jahren nebenberuflich tätig als Schriftsteller, Journalist und Rezensent. Seit 2011 freier Schriftsteller. VS-Mitglied. Homepage: horsthbuechle.de. "Sich selbst ein Freund" ist ein Gesellschaftsroman dreier Generationen und liegt als Buch- und E-Book vor. "Glanz der rauen Tage" ist ein Zeit,- Kriminal- und Liebesroman und liegt als Buch und E-Book vor. Der Roman "Bis die Zeit verzeiht" liegt in Buch- und E-Book-Form. Es ist ein vor langer Zeit begonnenes und mehrfach überarbeitetes Werk über historische und soziokulturelle Gründe sowie mentale Folgen der letzten Kriegs- und Nachkriegszeit. Seit Jahren also schreibe ich - bis 2011 bei aller Berufs- und Familienarbeit nur nebenher - an Romanen sowie auch an Gedichten und Essays. Daraus hervorgegangen sind unter anderem die drei genannten Romane, die sich der Menschen und Ereignisse gerade auch in Grenzsituationen unserer letzten Jahre und Jahrzehnte annehmen. Mehrere andere Arbeiten haben sich teils in größerem Umfang thematisch wie literarisch angesammelt. - Ein neuer vierter Roman ist als nächstes geplant und in Arbeit.

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    Buchvorschau

    Sich selbst ein Freund - Horst H. Büchle

    Hyperion

    Ja! eine Sonne ist der Mensch,

    allsehend, allverklärend, wenn er liebt,

    und liebt er nicht,

    so ist er eine dunkle Wohnung,

    wo ein rauchend Lämpchen brennt.

    FRIEDRICH HÖLDERLIN

    In Galicien trage ich auch fast nie Schuhe.

    Das erinnert mich daran, wie ich

    früher als kleines Kind barfuß durch

    die lehmigen, rot glänzenden Furchen

    eines frisch gepflügten Feldes ging.

    Diese Momente physischen Empfindens

    sind die glücklichsten in unserem Leben.

    DAVID CHIPPERFIELD

    Inhalt

    Optimieren – zuletzt das Glück

    Härteprüfungen im Doppelpack

    Glanz und Wirrnis

    Ein Hoffnungsschimmer

    Der Brandbrief

    Dramatische Besuche

    Größe – weniger Chaos

    Schockwellen-Parallelen

    Der Orient zu Besuch

    Aufbruch wider Willen

    Nehmen und Zurückgeben

    Von Feinen zu Freunden

    Bewegte Lebenswege

    Erneute Härtebeben

    Claudios Brief-Gigant

    Gewinnen und Verlieren

    Finales Glück im Unglück

    Wenn uns jemand sagte, wir wären im Innern noch Jäger und Sammler, unser Protest käme postwendend. Dennoch sammeln wir Geld, Kontakte, Strandmuscheln, ein Kleinkind schon sammelt in Greifnähe alles, am liebsten Rotbuntes, ›reife Früchte‹, hinein in den Mund. Oder wir sind zur Jagd, auf der Autobahn, im Wald, in Liebesdingen. Meinte er ferner, wir fühlten auch wie einst Bauern und Viehzüchter, wir schüttelten verärgert den Kopf. Dabei gießen wir Blumen, füttern Hunde und Katzen, Fische und Vögel, gesunden im Garten und denken modern. Während wir leben in unserer Zeit, führt in uns die Vorzeit ein Eigenleben. Mögen viele Beziehungen auch auf Dauer angelegt sein, der Natur genügt ein Sekundenblitz zum Verlieben, ein Augen-Blick.

    Optimieren – zuletzt das Glück

    Marlon Sonntag hätte es schon viel früher beachten sollen. So naiv war er ganz und gar nicht, dass ihm all die Anzeichen entgangen wären. Über mehrere Jahre hinweg reichten nun schon seine weitverzweigten Wahrnehmungen. Selbst ein Verdacht keimte in ihm bei mehreren seiner Eindrücke. Er war für seine Person sogar sehr erfahren, auch im überlieferten Wortsinn, weit hinaus- und hinübergefahren zu sein, als fahren noch gehen und wandern, außerdem reisen, reiten und schwimmen, warum nicht noch lieben!, bedeutete.

    Auch hat er es gern zu Fuß getan, wandernd bis zur Sichtgrenze und drüber hinaus durch Kultur- und Naturlandschaften, sofern er letztere noch irgendwo und Zeit dafür fand.

    »Den Horizont weiten!«, hat er gesagt und es bis in die späteren, noch nicht von den dramatischen Erlebnissen erfüllten Wochen sogar zunehmend bewusster unternommen.

    Dabei stellte er immer wieder fest, dass Gehen und Erfahren zusammengehören, wie Sehen und das Gesehene erkennen oder wie Hören und das Gehörte auch verstehen.

    »Wenn ich nicht in ihr gegangen bin, habe ich eine Gegend nicht unvergesslich erlebt und verstanden«, meinte er.

    Um mehr von ihr zu haben und weiter hinauszukommen, fuhr er mit dem Rad, benutzte es dafür aber bald weniger.

    »Nur, wo ich gegangen bin, war ich persönlich gewesen«, sagte er und bedauerte, einen Sommer lang etwas versäumt und beinahe selber Naturverlust betrieben zu haben.

    »Von der Landschaft im letzten weiß ich fast nur noch das Bildhafte, kaum das Essenzielle, wozu Himmel und Erde, ein Sandkorn im Schuh, selbst winzige Pflanzen oder die grobschorfige Rinde eines Baumriesen gehören, wie mein Gangrhythmus in Zwiesprache mit all den Gesten und Gestalten der Gegend.« – Natur war ihm aber nicht Privatbesitz, ein Waldpfad kein Event-Parcours, Felder und Fluren nicht abgrundtiefes Gewerbe-, Industrie- und Bauernland, sondern Gemeingut wie Berge, Wind und Meer als Zeugnisse des Lebens mit unsagbar vielen Wundern, darin mächtige Interessen mit Vernutzung, Tod und Trauer herrschten. Ihn entsetzte, dass deren haltloses Streben eine armselige Werkbank aus ihr machte und alle Vielfalt vernichtete. »Wo seid ihr Falter, Lerchen, Goldammern? Einsamkeit macht krank!«

    Ähnlich traf ihn, dass die Natur auch medial bis aufs Mark ausgebreitet wurde, TV- und IT-Zimmer aber kein Naturersatz sind, weil besonders Kinder und Jugendliche ihr Seelenheil nicht in staubfreien Bildern, sondern nur inmitten allen Seins und Leben finden. Müssen nicht, fragte er, wenn wir die Embryonalphasen des Fisch- und Lurch-, des Reptilien- und Vogelseins im Mutterleib bereist haben, nach der Geburt erst noch weitere Phasen folgen? So die des Saugens von Milch, allerlei Saftigem und Luft, spielend unter Pflanzen, Tieren in Erde, Wasser, Sand und Waldzonen, um nicht an einer künstlichen, hypertechnisch-armen bild- und lärmverseuchten Erwachsenenwelt innerlich zugrunde zu gehen?

    »Also werde ich wieder gehen und wandern, Smartphone aus, und neben der Brücke den Bach durchwaten. Erst dann war ich tatsächlich dort, erst dann hat er Spuren in meinem Dasein hinterlassen, wie ich, ohne Ruin, in seinem. Weit intensiver noch bei meinem Pudel Blacky, der abends seine Pfoten mit all den Düften beschnuppert, die daran haften und Zeugnis ablegen, wo er als Naturwesen gewesen war, das auch wir, trotz allem, noch bis in ferne Zeiten sind.«

    Mit dem Fahrrad ging das nicht, mit dem Auto gar nicht.

    »Eine Landschaft muss sich im Schritttakt, der dem unseres Herzens entspricht, zu einem nuancenreichen Seelenbild entfalten, wenn man sie wahrhaftig in sich tragen will und sich nicht wie im Auto quasi mit einem Schlag eröffnen und schon wieder zuklappend versinken«, meinte er.

    »Ähnlich kennt man das Antlitz eines lieben Menschen erst dann, wenn man es immer wieder zu einer jeden Tageszeit und in vielen Gemütslagen betrachtet hat mit all seinen Feinheiten, jede eine kleine wunderbare Welt«, sagte er. So kannte er noch nach Jahren ein ihm vertrautes Gesicht genau, falls es nicht zu viele Wandlungen durchgemacht hatte.

    Diese Gedanken war ihm aber nicht Spätlinge alter Empfindsamkeits-Zeiten, eher eine Art Notfallseelsorge im Dauereinsatz für eine maßlos technikaffine naturverlustige Zivilisation, die unter Natur oft nur das uns Nützliche aus Massentierhaltung und -pflanzenanbau kennt und anderes kaum mehr schätzen lernt. Erst abwerten, dann ausrotten! Welches Kind findet noch an Feld- und Wegrändern Blumen (Unkraut!) für Mamas Geburtstagsstrauß? Zuvor muss es Papa bitten: um Geld! Ist wirklich alles zu kaufen?, fragte er.

    Ebenso konnte Marlon die Flanke eines Hügels erinnern, darauf er ein Weilchen gekauert hatte, vor sich zwei Graureiher in der Wiesenniederung, die mit langen speerspitzen Schnäbeln der Beute harrten. Schon bearbeitete Blacky ein Mauseloch mit den Pfoten, wovon er sich die Erde aromareich und kühlend über die erhitzten Hände krümeln ließ.

    So wusste er dann ebenso, dass dort selten Gewordenes wie Kuckucks-Lichtnelken, der Wiesen-Storchschnabel und das Fünf-Fingerkraut gedieh, sah er doch in ihnen und anderen oft die letzten ihrer Art. Umso schmerzhaft näher waren sie ihm – und nicht die millionenfache Massenflucht in ferne Erdregionen, zugepflastert noch das letzte Südseeatoll, versunken im Pegelanstieg die Inseln und Uferzonen auf Meereshöhe, als hörten wir nicht alle, was die Klima-Uhr geschlagen hat. Daher meinte er, jedermanns Nah-Naturzugang wollten auch der Schöpfer, die Natur und Mutter Erde.

    Bei den drei Begriffen war er nicht wählerisch, sie waren ihm aber auch nicht einerlei. So war er kein Freigeist, sondern kritisch gegenüber deren Festlegung zu Dogmen, weil er sah, wie man sich diese Vokabeln nach Gutdünken ausborgte. Auch kalt oder desinteressiert, dass er keine seinsmäßigen Ansichten hegte, war er nicht. Stattdessen modern, wie er meinte, und der Zeit in manchem voraus, dabei skeptisch, insoweit er wusste, wie sehr unser Verstehen auf die Denk- und Betrachtungsweisen unserer Art begrenzt ist.

    Dennoch begab er sich weiterhin auf die Suche und intensivierte sie sogar. Dabei wurde er methodisch variabler wie im Denken und Tun sicherer. Und er hatte eine Lust an allem, was er unternahm, sowohl in der Anzahl der Felder und Fragen als auch im Wollen um Zugang zu neuen Blickwinkeln und Erfahrungen. Oder wie er bündig sagte:

    »Durchs Schlüsselloch aufs All!« Das war seine Sichtweise.

    Im Zuge seiner multiplen Daseinssuche wurde er in vielem klarer und erfolgreicher. So erlaubtem ihm seine Eindrücke früh, Zuneigung, gar Liebe wie auch Kummer, Konflikte und Gebrechen anderer zu erkennen. Ebenso konnte er kleine Bäche, Rinnsale noch, vorhersagen, die in Gräser gebettet erst zu sehen waren, wenn man fast schon hineinstolperte. Denn von der Farbe des Grüns, dem Vegetations-Ensemble, der Luftfeuchte und Bodenform her konnte er den Verlauf eines Bachbettes oft von ferne ausmachen.

    Dadurch wurde der lange, schlanke Marlon, eine virile Charakterfigur, feinfühliger, aber auch gefährdeter. Sein Erkunden galt ja nicht nur der Natur im Allgemeinen. Natur war ihm letztlich alles, auch der wie beiläufige Blick eines Mannes oder einer Frau nach den Bewegungen, der essenziellen Formensprache einer Frau. Oder die unter Asphalt und Beton begrabene Erde in Stadt, Land und Zwischenland. Die geröteten Wangen, ob von Leben, Krankheit oder Tod eines Kindes. Die vom Neuntöter aufgespießten Käfer. Die hochgedüngten, totgespritzten Flächen der Agrarindustrie. Die von Eulen ausgewürgten Gewölle. Das Breischlürfen eines zahnlosen, leidlich hungrigen alten Menschen.

    Es mehrten sich nicht nur die Eindrücke in ihm, sondern auch die Schlüsse, die zu ziehen und von ihm als Vater und Liebender, Dozent, Redakteur und Komponist, als Berater und Stadtrat zu beachten waren. Natur war ihm kein seit Klassik, Romantik und Realismus erledigtes Thema, sondern brandaktuell und elementar wichtig wie nie zuvor – und beherzt zu besingen, sollte nicht unrettbar viel verlorengehen.

    So war es ihm und Kennern seiner Person nur gemäß, dass er beim erstmaligen Betreten des Penthauses dieser fesselnden und verwirrenden Frau und Musikerin, die zutiefst beteiligt war an seinem Wandel, anfangs wie regungslos mit ihr am Tisch sitzen blieb. Denn die Summe der Signale wie ihrer Folgerungen ging rasend schnell in ihm vonstatten.

    Als sei er von langer Fahrt endlich angekommen, was er in mehrfacher Weise auch war, ging sein Atem etwas schwer. So brachte er vorerst nur erklärend hervor, dass er nichts zu sagen oder zu fragen brauche, da er ohnehin bereits so gut wie alles um sich herum begreife, meinte er.

    Und diese kluge und sensible Frau verstand ihn seiner Ansicht nach auch. Hatte sie doch soeben miterlebt, wie er alles aufnahm, auch ohne seine Augen schweifen zu lassen, was sich sowieso nicht geschickt hätte. Sein Gesamteindruck aus der Fülle des Einzelnen war ihm beredt genug.

    Danach saßen sie sich noch minutenlang in einer beziehungsreichen Unterhaltung gegenüber, während sie im Innern mehr, als sie wohl jemals zugeben würde, erregt war, wie auch er, für andere jedoch weit deutlicher. Denn er hatte sich angewöhnt, seine Ansichten und Gefühle anderen mitzuteilen. Anfangs hielt er das eher als Folge seines fast mediterranen Herkommens und Aufwachsens in noch etwas freier Natur. Später war er sich nicht mehr so sicher. Endlich sah er ein, dass in ihm noch ein anderes Motiv angesiedelt war, eine Art Aufbegehren. Erlebte er doch an manch Leuten, durch sein vieles Tun wurden es mehr und immer andere, wie sehr sie ihre Eindrücke und Regungen verbargen. Manche machten es so ›erfolgreich‹, dass sie von sich selbst kaum Genaues mehr wussten. Umso mehr mühte er sich und zeigte sie. Meist ging das gut, etwa dann, wenn er darlegen konnte, wie er zu Sichtweisen gekommen war, damit sie ihren Ballast einmal abschüttelten, der sie plagte.

    Ab und zu stieß er damit an, setzte er sich doch mit anderen, von denen er eine hohe Meinung hatte, das waren anfangs nicht wenige, gern in eins, öffnete bei sich gleichsam ein weites Tor. Damit verwirrte er mitunter, denn etwas Interesse oder Sympathie gab es bei ihm oft nicht, sondern mehr die völlige Ausgabe. Manchmal schien ihm selber, als wollte er mit viel Zuneigung vorleben, dass andere sie ähnlich zeigten, zumindest etwas auch ihm! Und das hatte Folgen. War er ihnen eben noch zugetan und glaubte, es selbst zu erfahren, so fühlte er sich mitunter auf einmal allein.

    Daran gewöhnte er sich mehr unbewusst eine Zeit lang, wenn auch unter Verlusten. Auf die Weise wurde er zugleich bedrohter. Dank seiner Gesundheit, die er sich im Verlauf der Jahre nahezu selbst zugelegt hatte, konnte er einiges abfedern, musste er doch viele sogenannte Kinderkrankheiten durchstehen, kannte bald ihre Anzeichen und vermochte sie später oft noch im Keim zu ersticken. Gegen manch andere Plagen war er wohl inzwischen immun geworden.

    Infolge einer Dauerlast, die er sich aufgebürdet hatte, sah er aber ein, dass eine jede Überforderung nicht nur Gewinn brachte, sondern auch Lebenszeit stahl, weil sie durch Ruhe und Ausgleichsuche budgetiert werden musste. Da nutzte andererseits nicht, dass diese Last nicht ohne seine Herkunft, seine Zeit wie sein Umgang damit verständlich war, ...

    »Wer nicht schafft, soll auch nicht essen!«

    ... ebenso nicht ohne die Einflüsse aus Pflichten und Beziehungen, wozu die zu der Musikerin und Rundfunkreporterin, wie wir noch sehen, die vielleicht tragischste ist.

    Das lag jedoch vor seiner, wie es ihm schien, grundlegenden Neueinsicht, die ihn zu einer versuchsweisen Kursänderung bewog, nachdem sein bisheriges Leben schon eine Reihe starker Wechsel aufzuweisen hatte.

    Dabei gewann er die kuriose Erkenntnis, dass er im Kern seit Kindheit und Jugend trotz aller Studien- und Wanderjahre derselbe geblieben war. Mochten diese Wandlungen, vor allem bedingt durch Berufs-, Wohnsitz- und Partnerinnenwechsel, auch noch so deutlich gewesen sein: Im Innern blieb er eher wie er war, meinte er.

    Diese Einsicht alarmierte ihn jedoch weniger, als dass er eher zufrieden damit war, was ihn dennoch verwunderte. Gab es also in ihm eine Person, die sich trotz allen Wandels treu blieb? – Wie schön!, dachte er einige Zeit.

    Endlich stellte er fest, getrimmt auf stete Hochleistung, dass zwar irgendeine, ihm jedoch rätselhafte Person sie mit ihm gemeistert hatte. Und ob sie es war, die ihn die Jahre über begleitet hatte, konnte er selbst nicht genau sagen. Er wusste aber, dass durch viel Einsatz und Routine eine jede seiner Aufgaben, von denen er und andere lebten, gut erledigt worden war. Nur wer war das? Der Junge in ihm, Sohn von Kriegsflüchtlingen, der barfuß in kurzen Hosen in Staub und Wirrnis auf fremder Leute Bauernhof angstvoll, gehetzt und träumend aufwuchs, der konnte es unmöglich sein!

    In seinen knappen Zeitspannen bis zum nächsten Einsatz meinte er mehr unbewusst auch etwas für die in ihm befindliche(n) Person(en) tun zu müssen, die offenbar nur so zu ihrem Recht käme(n). Danach lief gleich die nächste Aufgabenserie ab, und zwar wie am Schnürchen:

    Auf die Minute genau zum Wagen, zügig über Landstraßen und Autobahnen zum nächsten Einsatzort. Im Institut Eigenheiten erörtert, Räume und Material inspiziert, Geräte geprüft und in Gang gesetzt. Dann Begrüßen der Studierenden aus vielen Ländern, Kulturen, Sozialisationsformen und Berufen. Verschieden ferner von Lernvermögen, Alter und Geschlecht. Jetzt die Konzeption vermittelt, Medien ausgegeben, Aufgaben geregelt: ein effektiver Dozenteneinsatz, teilnehmernah, praxisorientiert und erlebnisreich.

    Beifall kam von sehr Engagierten, den Brennenden, wie er sagte und selber einer war, was er wusste, sowie den Nachdenklichen, wobei beide Gruppen meist ein und dieselbe war, wenn er es genau nahm. Das musste er auch, meinte er, all seine Aufgaben genau nehmen. Weniger sich.

    Sein Einkommen war danach, setzte jedoch fürs nächste Quartal den Erwartungshorizont, der zwar auf sublime Weise, doch faktisch an ihn herangetragen wurde. Damit konnte er gleichfalls lange Zeit gut umgehen, gerade auch, weil es so normal war. Viele lebten so oder ähnlich, Festangestellte zwar weniger; er war es nicht, sondern freiberuflich.

    Manches konnte er ohnehin nur leisten, wenn er sich selber so gut wie vergaß. Das war aber kaum nötig, denn durch sein vieles Tun vergaß er sowieso von sich, gerade am Computer. Manche Lernende waren nach dem PC-Training verstört und wussten wenig von sich, als kämen sie aus einem Thriller oder von der Achterbahn. Die Konzentration auf die Arbeit brachte ihn fort von sich wie die vielen Studierenden seine Aufmerksamkeit erzwangen. Marlon hatte sich daher angewöhnt, alles ständig zu optimieren und seine Aufgaben dann zu bewältigen, wann sie getan werden mussten, unabhängig davon, wie er sich fühlte, was um ihn vorging, welches Wetter und welche Tages- oder Nachtzeit war.

    »Morgenstund’ hat Gold im Mund.«

    Das machte ihn flexibel und leistungsfähig, hielt ihn jung und gesund, meinte er. Andere wie er in der Lebensmitte waren längst müde geworden vom Dasein, an dem sie mitunter wie teilnahmslos wirkten. Daher war es für ihn ein starker Ausdruck von Altern, unbeteiligt zu sein; er sagte:

    »Wer gern an allem Anteil nimmt, ist und bleibt jung!«

    Nur gaben es sich die wenigsten zu, anderen schon gar nicht. Das hatte zudem Einfluss auf seine sich anbahnende Wandlung. Zwar hatte er von jung auf erfahren, wie sie sich täglich abmühten, aber auch bemerkt, wie sehr sie sich nach beschaulicheren Dingen außerhalb von Beruf und Belastung sehnten. Das eine erschien ihm als Basis des anderen, weil es sich erholen und wieder in sich ruhen ließ.

    Diese gesunde Ordnung vermisste er zunehmend bei anderen, anfangs weniger bei sich. Immer mehr durchdrang ihn die erschreckende Einsicht, dass es letztlich den menschlichen, oder so: einen zivilen Bereich neben Beruf und Belastung kaum mehr gab. Danach ging es termingespickt weiter zu Ärzten, Baumarkt, Elektronikläden und Fitnessstudios, ohne dass dabei der spielerisch schöpferische Mensch herausgeschaut hätte. Oder einer, der sich selbstvergessen ein Weilchen im warmen Wind am Wasser wiegt. Oder jemand, der etwas seiner Kontemplation frönt. Viele waren nur noch aktiv, so rastlos wie ratlos, so ruhelos wie routiniert.

    Trotzdem wäre es mit ihm wohl noch länger so fortgegangen, hätte er nicht durch die für ihn vielleicht vernichtende Erfahrung dieser ungewöhnlichen und musikalischen Frau in seiner Entschlussfreudigkeit Zuspruch erhalten und er daraufhin eine Wende herbeizuführen versucht, deren Tragweite und Nachwehen er bislang nur erahnte.

    So bedurfte es erst eines zweiten, ähnlich strengen Falls und seiner Folgen, bis ihm die Umstände eher einräumten, anders handeln und leben zu können, sofern er es noch einzurichten verstand. Wenn es ihn denn seiner gewünschten und sicher wünschenswerten Erfüllung näher bringt. ...

    Härteprüfungen im Doppelpack

    Anlässe hatte Marlon also genug gehabt, sich viel eher klar zu werden. Hätte er nur all das Erlebte und Gehörte zu einer Art von Erkenntnisbausteinen formen können, mit denen er umso besser ein Gebäude errichtet hätte: SICH.

    So erinnerte er eines Morgens, als es ihm für manches bereits spät, wenn auch noch nicht zu spät vorkam, beim Lauschen in die Stille wieder eine dieser Geschichten, die das raue Land gebiert. Schon früher war sie ihm wie ein Weckruf erschienen, ohne dass er ihn ganz verstanden hätte. Der einsame alte Jäger hatte sie ihm als Jungen einst erzählt, nachdem er seinem Ärger über die kleine Landwirtschaft Luft gemacht hatte. Dieser musste er sich mangels ausreichender Einkünfte aus der von ihm betriebenen Dorfschänke, Jahre später mit neuem Inhaber ein bekanntes Gourmet-Restaurant, auch noch annehmen.

    Drüben am Wald soll es nach dem Krieg gewesen sein, der sich vorm Himmel in Ost-West-Richtung erstreckt, als wollte er von Ferne noch bedeuten: Bis hierher und nicht weiter!

    Damals waren dort noch Feuchtwiesen, ein Sumpf und der neue Kiesteich des Großbauern Brome. Hier hatte der junge Stefan, Flüchtling aus Pommern, seine Hütte gebaut, und hier hat man ihn auch überfallen. Er hätte selbst Schuld gehabt, hieß es bei Bauern. Er habe nicht gehört, als ihn Brome davongejagt hat. »Du kömmst nich op min Hof!«, hat er gebrüllt und ihm den Melkeimer hinterhergeschleudert. Luise, seine hübsche Tochter, aber hat er wüst ins Haus befördert und vergattert, sich nie mehr mit ihm abzugeben.

    Nur Tage später wurden beide im Wald gesehen. Daraufhin wurde es entschieden, und »so hat man es denn auch exerziert«, wie es der Jäger nannte. Als Stefan eines Abends wieder in der Hütte weilte, um Wasservögel mit der Leica einzufangen, die ihm der schwerversehrte Kriegsreporter Heinlein hinterlassen hatte, machten sich mehrere über ihn her. Übel haben sie ihn, Sack über den Kopf, zugerichtet, ihn zuletzt an eine Erle gefesselt, Dornenzweige in den Hosenschlitz gepresst und zugebunden. Sein Schreien soll stundenlang bis ins ferne Dorf zu hören gewesen sein, so auch von der in ihrem Zimmer eingesperrten Luise.

    Jetzt schien es Marlon, als hörte er ihn, wie er morgens im Trubel seiner Gedanken neben Kim lag, sie in Wellen begehrte und so wenig schlafen konnte wie Stefan sich befreien oder seiner Liebsten nähern. Es hieß, gleich anderntags sei Luise »auf Nimmerwiedersehen übern Deister«, wie es der wetterfrohe Jäger zornig nannte, nachdem er vom Sud des Kautabaks ausgespuckt hatte, den er als Röllchen genussfreudig hinter den Backenzähnen verwahrte.

    Später, es geschah in einer der ersten freien Wahlen der Nachkriegszeit, wurde Stefan auch mit einigen Stimmen von Flüchtlingen und Vertriebenen Bürgermeister. Er hat dann nicht eher geruht, bis dieses Gebiet als »besonders erhaltenswert« unter Naturschutz gestellt und der Kiesabbau begrenzt wurde, was der Bauer aber auch bedauerte, begreiflicherweise. Stefan jedoch blieb zeitlebens allein.

    Als Kim sich ihm zuwandte und er die kaum mehr Schlafende behutsam in die Arme nahm, war es, als suchte er eher ihre Nähe wie sie sich auch nur gestisch anzueignen.

    Und so wie danach war es ihm schon oft ergangen: Wollte er das einer Situation Gemäße tun, verpasste er es mitunter. Denn er erinnerte zur Unzeit, dass sie die nächsten beiden Jahre noch keine Kinder wollte, was kein Hindernis gewesen wäre, so katholisch war sie nicht und er auch aus Anhänglichkeit protestantisch wie einige, die er kannte.

    Mitunter waren es aber seine Gedanken an erledigte wie vor ihm liegende Aufgaben. Überwand er solch Widerstände, so spürte Kim dennoch seine Unruhe und hörte fast seinen Kopf arbeiten. Als sie jüngst darüber redeten, meinte er:

    »Das ist nur normal, entschuldige bitte, bei den Pflichten! Zum Glück kommt wieder Sonntag, danach Pfingsten, wo wir für drei Tage alles hinter uns lassen.« Dann werde sich schon alles aufs Neue finden und erfüllen, hoffte er. Das ist heutzutage nicht anders zu haben, eben der übliche lebenserhaltende Kompromiss, Leben vor sich herschieben und aufsparen wollen, als wäre es Geld und gar verzinsliches.

    Er sah, wie sie im Halbdunkel die Augen aufschlug und zur Uhr sah. Sie legte einen Arm um seine Schulter, den anderen über ihre bloße Brust, denn es war kühl heut’ Morgen, doch die Schwalben flogen schon, wie sie aus den Schatten am Fenster schloss. Die darüber in den Nestern hausenden Jungen gaben wohlige Laute von sich, wenn die Eltern sie fütterten. Jetzt ein Kind von ihm!, streifte sie ein sehnsüchtiger, aber etwas befremdlicher Gedanke, den sie sogleich wieder verlor, als sie an den heutigen Tag dachte: Besuch der Marketing-Manager von Einweg & One-way aus Hamburg, interessante, wichtige Leute.

    Sie überlegte letzte Feinheiten ihrer Präsentation, die sie bereits fertig hatte. Die Overhead-Folien (einen Beamer hatte ihr Chef bis heute nicht genehmigt) lagen seit dem Abend ausgedruckt auf ihrem Schreibtisch, daneben CDs und anderes Werbematerial. Die Andrucke für die neueste Kampagne mit Prospekten und Schautafeln sollten um neun im Hause sein. Um zehn Uhr dann der Termin mit der Geschäftsleitung und den Hanseaten. Am Mittag das Arbeitsessen bei Poselhöf, ein stilvolles Hotelrestaurant in Universitätsnähe der Landeshauptstadt. Freudig sagte sie sich:

    »Mein neuer Hosenanzug, dazu die bezaubernde Seidenbluse, beides von Marlon zum Geburtstag: ein guter Tag!«

    Mit einer lebhaften Bewegung drückte sie sich an ihn, was er aber anders deutete. Denn als er sich nun einigermaßen als Mann fühlte – der kommende Tag trat fordernd und kreislauffördernd hinzu –, gab sie ihm, den Kopf hebend mit Blick auf die Leuchtziffern der Radiouhr zu verstehen, dass es schon »zu spät!« sei und sie noch duschen wolle.

    »Das kannst du, bitte, auch danach! Ich habe doch ebenfalls nicht mehr viel Zeit.«

    »Schatz!«, erwiderte sie nur, und ihrer silbrig zauberhaften Silhouette konnte er im Gegenlicht des Flures einigermaßen betroffen folgen, bis das Bad sie stahl.

    Nicht wenig verraten wie ein Verräter fühlte er sich beim Aufstehen, was er so gut es ging verdrängte. Im Wellnessbad, das sie sich in dem von ihm vor einigen Jahren erworbenen Wohnhaus aus den Neunzigern neben einem Musikzimmer eingerichtet hatten, hörte er die Handvoll Rinder grasen, die sich der benachbarte Landwirt im Ruhestand noch hielt.

    Erneut fiel ihm der seiner Natur wie seines Lebensrechts so erbärmlich beraubte Stefan ein. Da spürte er wieder, wie leer sich letztlich der vor ihm liegende Tag darstellte. Doch das luxuriöse Bad tat ihm gut und besserte seinen Zustand nicht unwesentlich ins Stabile hinein, wofür es sicher auch eigens ausgebaut und ausgestattet worden war.

    Bis zum Abend, als sie sich wiedersahen, war er nicht ganz frei davon, etwas nicht getan, versäumt und daher verraten zu haben. Besonders deutlich hatte er es aber nicht in sich. Auch dann nicht, als sie sich flüchtiger, als es Gründe gab, küssten und zuerst ein Weilchen beieinander waren, bevor ein jeder vor dem Schlafengehen noch einmal sein Büro aufsuchte, »der nächsten Aufgaben wegen«, wie beide sich es zu ihrer neuen Natur hatten werden lassen.

    Wie lange das schon so mit ihnen ging, konnte er nicht genau sagen. Als sie sich an Ostern vor fünf Jahren auf dem Jubiläum der Kraynsen KG in Hannover kennenlernten, zu dem er als Reporter der örtlichen Tageszeitung eingeladen war, faszinierte und irritierte ihn ihr Können. Als Werbeleiterin war sie bei dem mittelständischen Autozulieferer, der Kunststoffteile für die Innenausstattung von Kraftfahrzeugen fertigte, zugleich Public-Relations-Managerin. Beides aber »nur halbtags, denn anders rechnet es sich noch nicht«, wie Kurt Kraynsen, ihr Chef, meinte. Alles, was und wie sie es vortrug, war glänzend. Dabei ließ sie die dreißigjährige Unternehmensgeschichte in einer grandiosen PR-Show zu einer beachtlichen Erfolgsgeschichte werden.

    Die Multimediaschau galt den Besuchern als so gelungen, dass mehrere bei ihr um die Adresse der vermeintlich tätig gewordenen Agentur nachfragten. Sie aber trat aufs Podium und erklärte, wobei ihr Zeigefinger virtuos pendelte:

    »Nix da, bei meiner Öffentlichkeitsarbeit ist alles Eigenproduktion!«, und lachte mit allen begeistert.

    Er spürte, wie angestrengt sie war und sich vieles abverlangen musste, worunter ihre Natürlichkeit erstaunlicherweise nicht litt. Im Interview anderntags wollte er etwas hinter dieses Phänomen kommen. Sie aber zeigte sich bedeckt und ließ sich außer zu ihrer Doppelrolle im Betrieb nichts entlocken, woraus er auf ihre Person hätte schließen können.

    »Sie ›steht‹ nicht nur als Frau, sie schlägt auch, wenn’s sein muss, manch einen Mann!«, sagte er sich beeindruckt und zugleich eine Spur betroffen.

    Durch ihre Fingergeste wurde er an sie erinnert, als sie sich an einem Sonntag im August wiedersahen. Es war in einem Gasthaus, dessen Obstwiese man zu einem beliebten Cafégarten ausgestaltet hatte. Selbst die betagte, mit Backsteinfeldern versehene und in gefüllten Rundbögen ausgeführte Ziegelmauer, die das Anwesen nach anderen Höfen hin abschloss, wirkte heiter durch all das Gestühl, Geschirm und Getisch mit den bunten und vergnügten Menschen daran.

    Kim saß in einem der weißen Plastiksessel, die mancherorts noch sommers das Land bevölkern, fast so wie früher die Gänse, auch sie zumeist nur Sommergäste und ähnlich dicht am Haus wie um die Beine herum. Anfangs konnte er sie nicht wiedererkennen. Sie trug eine blaue Sonnenbrille, zum Radfahren knielange blau-weiß gestreifte Shorts und hatte ihre in rote Riemchenschuhe geschnürten Füße elegant und bequem auf dem Nachbarsessel postiert.

    Als wären es Schaufensterauslagen, beschnupperte sie sein schwarzer Pudel, was sie faszinierte. Die Arme zuerst vor sich verschränkt, dann mit den Händen in Blackys Locken, wofür er mit Blicken und Wedeln dankte. Sie schaute Marlon aufmerksam an und lächelte über ihre Berliner Weiße hinweg, als er sie, wie oft durch unmöglich Erscheinendes gereizt, fragte, ob er sich auf den vermutlich freien Sessel zu ihren Füßen setzen dürfe, weil er wohl der letzte sei.

    Da sah er ihn wieder, den pendelnden Zeigefinger ihrer schönen Hand, der Nein, nein! bedeutete: »Mein Freund ist nur einen Moment fort!« Als er sie jetzt aber bei ihrem Namen nannte, seine freudigen Blicke auf ihr Gesicht, ihre Hände und Beine gerichtet, erinnerte auch sie sich seiner im Interview. Braungebrannt, hemdsärmelig und barfuß in Sandalen, war er gleichfalls recht verändert. Da kannte sie sogar noch manche seiner Fragen fast im Wortlaut.

    Etwas war mit ihnen geschehen in diesen Momenten, wie sie sich auch bewusst waren, als er sich im Innern nicht wenig betrübt, nach außen umso freundlicher verabschiedete. Verändert setzte er mit Blacky den Weg zu Fuß fort, den er seit dem Mittag durch Felder und Wiesen genommen hatte. Im

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